Helen Birch: Sketching People (Rezension)

Über 90 Inspirationen zum Zeichnen und Skizzieren von Menschen

BirchSketchingFür viele stellt das Zeichnen von Menschen eine grosse Herausforderung dar. Sogar Menschen, die sonst gerne zeichnen, schrecken anfangs oft davor zurück. Eigentlich schad, denn es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, sich dem Modell Mensch anzunehmen. Das vorliegende Buch zeigt einige davon und will dazu anregen, sich inspirieren zu lassen und auszuprobieren.

Vorgestellt werden Zeichnungen und Skizzen, welche in Ateliers entstanden sind, aber auch solche, die zu Hause von der Familie oder auf der Strasse von Menschen in Cafes, an Bahnhöfen, auf Strassen angefertigt wurden. Die Bandbreite an Zeichenlokationen findet sich auch im Zeichenmaterial: Erlaubt ist, was gefällt, Bleistift, Tinte, Aquarell, Filzstifte, Farbstifte, Kugelschreiber eignen sich wie auch jede Art von Papier, Karton oder andere Untergründe.

Wer nun noch denkt, Menschen zu zeichnen sei etwas vom Schwierigsten, dem sei gesagt: Übung macht den Meister! Das vorliegende Buch zeigt, auf wie viele unterschiedliche Arten man sich der Sache annähern kann. Helen Birch stellt dazu die verschiedenen Stile vor, zeigt, wie der jeweilige Künstler an sein Modell herangetreten ist, worauf er achtete, wie er dieses aufs Papier brachte. Fast nebenbei erfährt man auch Wissenswertes über die einzelnen Zeichenutensilien. Diese Informationen finden sich aber am Ende des Buches nochmals als Grundlagen.

Wenn man einen bestimmten Bildstil finden will, bietet sich das Inhaltsverzeichnis mit allen im Buch behandelten Zeichnungen als Thumbnails an, wer nach einem bestimmten Künstler sucht, findet ihn im entsprechenden Verzeichnis. Ein zusätzliches Stichwortverzeichnis lässt nach Stilen, verwendeten Materialien und einigem mehr suchen.

Fazit:
Ein wunderbares, sehr durchdachtes Buch und informatives Buch, für alle, die gerne zeichnen und sich inspirieren lassen wollen. Auch einfach nur zum Anschauen ist es wirklich toll. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Edition Michael Fischer; Auflage: 1 (16. Februar 2017)
ISBN-NR: 978-3863556464
Preis: EUR: 14.99 ; CHF 21.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Die Ungelesenen

Im Artikel „Gute Bücher, schlechte Bücher“ (Hier) kündigte ich an, dass ich fortan auch Bücher vorstellen will, die ich nicht lesen konnte. Die Gründe dafür können mannigfaltig sein, sie sind aber meist eine durchaus persönliche Einschätzung und nicht zwangsläufig ein Qualitätsurteil für das Buch.

Ich werde diese Bücher nicht mehr einzeln behandeln, sondern ab und an eine Zusammenfassung meiner Ungelesenen präsentieren. Mich würde natürlich interessieren, was andere zu diesen Büchern zu sagen haben. Es ist, wie ich finde, immer spannend, wie unterschiedliche Menschen Bücher unterschiedlich lesen. Hier die erste Präsentation meiner Ungelesenen:

Ingrid Noll: Halali

Klappentext
NollHalaliKarin und Holda sind Kolleginnen und teilen sich das Büro. Vor allem aber verbringen die beiden ihre Freizeit miteinander und teilen ihre Geheimnisse bei der Suche nach dem richtigen Mann. Gerade ist Bonn Hauptstadt geworden, und im Innenministerium gibt es viel zu tun, nicht nur im Vorzimmer, sondern auch in der Dunkelkammer. Ihr Alltag wird immer spannender – und immer gefährlicher: Schon bald haben sie es nicht nur mit toten Briefkästen, sondern auch mit toten Agenten zu tun. Manchmal hilft nur noch Gegenspionage, um die eigene Haut zu retten.

Halali ist eine originelle Mischung aus Kriminalkomödie und Agentenroman. Die große Politik trifft auf die Sehnsucht nach dem kleinen Glück.

Beurteilung
Da ich Ingrid Noll immer liebte, freute ich mich sehr auf das Buch – und war sehr enttäuscht. Das Problem, das ich beim Lesen hatte, war, dass die Geschichte nicht losging. Der Text wirkte wie ein Geplauder aus dem Nähkästchen, er war eine Ansammlung von Rückblicken und Bewertungen von Heute und Gestern, alles sehr wirr, in die Länge gezogen, ohne Tempo, Witz oder Charme. Wenn ich nun den Klappentext lese, wirkt allerdings auch schon der eher wirr. Man hätte es vielleicht wissen können, aber eben: Meine Erwartungen an die Autorin, die mir schon so viele tolle Lesestunden geschenkt hat, liessen mich blind zum Buch greifen. Ich habe nach – ich gebe es zu – kläglichen 20 Seiten aufgegeben.

Fazit:
Ein vom Einstieg in die Geschichte her wenig überzeugendes Buch, das in einem seichten Plauderstil dahinplätschert. Schade!

Zur Autorin
Ingrid Noll, geboren 1935 in Shanghai, studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Sie ist Mutter dreier erwachsener Kinder und vierfache Großmutter. Nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt sofort zu Bestsellern wurden. ›Die Häupter meiner Lieben‹ wurde mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet und, wie andere ihrer Romane, auch erfolgreich verfilmt. 2005 erhielt sie zudem den ›Friedrich-Glauser-Ehrenpreis der Autoren‹ für das Gesamtwerk.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (26. Juli 2017)
ISBN: 978-3257069969
Preis: EUR 22 / CHF 33.90
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Karin Schneuwly: Glück besteht aus Buchstaben

Klappentext
SchneuwlyWir lesen aus Interesse, aus Vergnügen, aus Wissbegier. Die Gebanntheit, das Staunen, das innerliche Zittern, das wir als Kinder erlebten, daran erinnern wir uns vage. Karin Schneuwly erzählt in ihrem Leseverführer von diesem Gefühl und erweckt es zu neuem Leben. Als Kind eroberte sie sich die Welt der Literatur gegen alle Widerstände ihrer Familie und der Umwelt und las manisch jedes Buch, das sie in die Finger bekam. Anhand ihrer Lektüren von „Heidi“ bis zu „Krieg und Frieden“ lässt Schneuwly diese Verzauberung neu entstehen, die Neugier und die Jagdlust, die einen nie wieder loslassen. Eine wunderbar erzählte Buch- und Büchergeschichte, die selbst das Glücksgefühl hervorruft, das nur Lesen bewirkt.

Beurteilung
Schon die ersten zwei Sätze liessen mich stutzen:

Mein Vater hat keine Bücher gelesen. Deshalb kann ich heute nicht genau sagen, wer er war.

Zeigt sich das Wesen von Menschen nur in ihrer Lektüre? Eine merkwürdige Ansicht, vor allem in Bezug auf den eigenen Vater. Auch die Mutter wird über ihr Leseverhalten definiert, die Grossmutter allerdings nicht, da sind Bücher kein Thema, die scheint dann doch auf einem anderen Weg wahrgenommen zu werden. Nach seitenlangen Beschreibungen von dörflicher Landidylle mit Hühnern, Klos und Kartoffelkellern, gestorbenen Grossvätern und deren Krankheiten sowie weitere merkwürdigen Taxierungen verschiedener Verwandter habe ich das Buch abgebrochen. Diese Buchstaben haben mir leider kein Glück verschafft.

Fazit:
Ein für mich wenig überzeugendes Buch, da die vorgebrachten Bewertungen nicht nachvollziehbar und die Beschreibungen schlicht langweilig waren.

Zur Autorin
Karin Schneuwly, geboren 1970, studierte Germanistik, Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft. Sie arbeitete für Verlage und war Ko-Programmleiterin im Literaturhaus Zürich. Seit 2010 ist sie Texterin, Lektorin und Korrektorin. Glück besteht aus Buchstaben ist ihr erstes Buch.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 208 Seiten
Verlag: Nagel & Kimche Verlag (21. August 2017)
ISBN: 978-3312010417
Preis: EUR 18 / CHF 27.90
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Meine beste Freundin: Geschichten – Gedichte – Briefe

Klappentext
FreundinDie beste Freundin ist ein besonderer Mensch. Bei ihr findet man Freiraum, Vertrauen, Respekt, Nähe, Verständnis, Zuwendung, Akzeptanz, Seelenverwandtschaft und Liebe. Mit ihr kann man sich über alles austauschen: über die eigenen Gedanken und Gefühle, über Berufliches, über Poesie, Literatur, Philosophie. Sie ist die engste Vertraute und Beraterin in allen Lebensfragen.

Zahlreiche literarische Texte wie Briefwechsel, Tagebucheintragungen, biographische Schriften oder Gedichte geben durch die Jahrhunderte hindurch intime Einblicke in die besondere Beziehung zur besten Freundin. Und zeigen: einzigartig und unersetzlich war sie schon immer. Man diskutiert damals wie heute persönliche wie gesellschaftliche Perspektiven, politische Fragen, die Rolle der Frau, spricht über Sehnsüchte, Liebe, Begehren und die Möglichkeiten zu Veränderungen im eigenen Leben.
Mit Briefen von Rosa Luxemburg an Clara Zetkin, Paula Modersohn-Becker an Clara Rilke-Westhoff, Vita Sackville-West an Virginia Woolf, Erika Mann an Lotte Walter-Lindt, Texten von Doris Lessing, Jane Austen, Elena Ferrante und Erinnerungen von Lillian Hellman über Dorothy Parker, Nadeschda Mandelstam über Anna Achmatowa u. v. m.

Beurteilung
Vielleicht scheiterte ich auch hier an zu hohen Erwartungen. Freundschaften sind etwas Wunderbares und ich wollte mehr über beste Freundinnen erfahren. Gefunden habe ich aber eine – wie mir schien – wahllose Zusammenstellung von (mehrheitlich) Briefen. In der Einnleitung erfuhr man kurz über die Hintergründe zur Freundschaft und zum Brief, dann stand dieser für sich da. Alle Briefe, die ich gelesen habe, haben wenig über die Freundschaft von Schreibender und Empfängerin ausgesagt. Zwar fanden sich teilweise interessante Gedanken oder auch persönliche Einsichten der Schreibenden, alles in allem war es aber zu wenig, um mich zu fesseln. Vielleicht sollte man das Buch nicht in einem Zug lesen wollen, sondern eher zwischendurch sich einen Brief vornehmen, nur: Mir erschloss sich der Sinn nicht ganz, wieso ich das tun sollte.

Fazit:
Der Ansatz, an das Thema Freundschaft heranzugehen, hat mich schlicht nicht überzeugt.

Die Herausgeberinnen
Klaudia Ruschkowski, Autorin, Kuratorin, Dramaturgin und Übersetzerin, lebt in Volterra, Italien und Berlin. Sie konzipiert Kunst- und Literaturprojekte und ist als Hörspielautorin tätig. Sie übersetzt aus dem Italienischen und Englischen, zuletzt Etel Adnan, Giuseppe Zigaina, Vincenzo Latronico.
Anna Schloss studierte Slavistik, Kulturanthropologie und Buchwissenschaft in Mainz. Sie lebt und arbeitet als Verlagslektorin in Wiesbaden. Auswahl und Mitherausgabe diverser Lyrik- und Prosa-Anthologien, u. a. von Anton Tschechow, Christian Morgenstern, Guy de Maupassant, Liebesgedichte großer Männer.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg; Auflage: 1 (18. August 2017)
ISBN: 978-3737410588
Preis: EUR 18 / CHF 26.90
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Ich merke, dass es mir nicht ganz leicht fällt, Bücher zu beschreiben, die ich nicht mochte. Zwar ist es meine ehrliche Meinung und zu der stehe ich auch, aber erstens befasse ich mich ungern länger als nötig mit Dingen, die ich nicht mag, zweitens liegt es mir schlicht besser, positive Dinge zu sagen.

Jean-Francois Mallet: Das einfachste Dessertbuch der Welt (Rezension)

Richtig gute Rezepte mit maximal 6 Zutaten

MalletDessertIch war das Kind, das nicht gerne Schokolade hatte und das nach dem Essen fragte, ob e,s statt auf das Dessert zu warten, auf den Spielplatz darf. Süssspeisen waren nie meine erste Wahl (die selber gebackenen Kuchen meiner Mutter ausgenommen) und so backe ich auch eher selten Süsses (Brot und Salziges schon eher).

Nun habe ich einen Sohn und der liebt Süsses, hätte es natürlich am liebsten von mir gebacken. Mir graute immer ein wenig vor dem Aufwand, doch dann stiess ich auf dieses Buch (aus dieser Reihe gibt es ja zu allen Themen was, das Nähbuch stellte ich kürzlich auch mal vor: HIER) und dachte, damit könnte es vielleicht besser klappen.

Die Rezepte sind wirklich simpel, die Bandbreite an möglichen Desserts riesig und klingen tun sie alle sehr lecker. Ob Schokotörtchen oder Crème Brûlée, Erdbeer-Litschi-Charlotte oder Apfeltarte, Waldbeerfladen oder Macrons: Kein Rezept hat mehr als 6 Zutaten und die Zubereitung ist einfach und wenig zeitintensiv.

Vielleicht stelle ich mich doch bald mal in die Küche und probiere mich durch ein paar Dessertrezepte.

Fazit:
Ein tolles Buch für alle, die Süsses lieben und schnell etwas selber gemachtes auf dem Tisch haben möchten. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Edition Michael Fischer; Auflage: 1 (17. August 2017)
ISBN-NR: 978-3863558253
Preis: EUR: 19.99 ; CHF 29.90
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Literatur im Netz – 9. September 2017

Es ist wieder Samstag und ich möchte weitere 10 Artikel vorstellen, über die ich die Woche durch im Netz gestolpert bin. Allen gemeinsam ist, dass sie sich um Literatur im weitesten Sinne drehen.

Was Vielleser nicht gelesen haben

5000 Bücher seien das Maximum an Büchern, die man im Leben lesen kann. Dies das Ergebnis einer Untersuchung. 10 Vielleser gestehen hier, welche Werke sie bislang NICHT gelesen haben – und das aus verschiedenen Gründen.

Der Artikel: HIER

Frauenkrimis fördern

Die Mörderischen Schwestern finden, Frauenliteratur kriege zu wenig Aufmerksamkeit, weil die Jurys so zusammengesetzt seien, dass Männer besser portiert würden. Sie haben darum acht Frauenkrimis gewählt und stellen sie vor.

Der Artikel: HIER

Digitales versus analoges Lesen

Wie verändern die digitalen Möglichkeiten das Leseverhalten?

Der Artikel: HIER

Oskar Maria Graf

Seit 50 Jahren ist Oskar Maria Graf tot. In München findet noch bis am 5. November eine Ausstellung zu seinen Ehren statt.

Der Artikel: HIER

Augen auf bei der Verlagssuche

Da sitzt man nun und hat sein Buch geschrieben, nun bräuchte man nur noch einen Verlag. Gar nicht so einfach, den zu finden, zumal es in der Verlagsbranche durchaus schwarze Schafe gibt.

Der Artikel: HIER

Lesen macht süchtig

Früher galt Lesen als gefährlich, aber wenn ich von Rausch, Sucht und Schlafverzicht lese, scheint es in der Tat seine Tücken zu haben. Aber lest selber:

Der Artikel: HIER

Bachmann und Celan – eine nicht lebbare Liebe

Zwei Grössen der Literatur, zwei, die sich liebten, sich schrieben, ihre Liebe aber nicht leben konnten. Helmut Böttiger studierte ihre Briefe und kommt zum Schluss, dass die Liebe nicht alltagstauchlich gewesen sei.

Der Artikel: HIER

150 Bücher, die man gelesen haben muss

Ich bin ja grundsätzlich der Meinung, dass es kein Buch gibt, das man gelesen haben MUSS, aber natürlich ganz viel wunderbare, die ich als lesenswert und Bereicherung empfinde. Trotzdem finde ich Listen immer wieder spannend, da sie inspirieren und man sich dazu Gedanken machen kann.

Der Artikel: HIER

Iris Radisch zum Deutschen Buchhandlungspreis

„Der Buchhandlungspreis ist es eine Mischung aus Anerkennung und Förderung“ – und weil Buchhandlungen wunderbar sind und nicht genügend gewürdigt werden können, hier nochmals ein Artikel dazu.

Der Artikel: HIER

John Ashbery ist tot – ein Nachruf

Am 3. September starb der Lyriker John Ashbery.
«Wenn mir ein Gedicht gefällt, dann empfinde ich es. Es kümmert mich nicht sonderlich, was es bedeutet».
Ein schöner Nachruf in der NZZ.

Der Artikel: HIER

Ich setze auch diese Woche einen drauf:

Alex Capus über die Historie – und sein Schreiben

Ich habe ihn bei einer Lesung erlebt, die ich moderieren durfte. Ein spannender Mensch, ein offener Mensch, ein Mensch, der sich Gedanken macht. Wieso er kaum über Frauen schreibt? Wie genau er es mit der Geschichte nimmt?

Der Artikel: HIER

S. Colin, S. Mallet: Das einfachste Nähbuch der Welt (Rezension)

Schnell und einfach nähen in maximal 5 Schritten

ColinNähenIch erinnere mich noch gut an meine Zeit in der Primarschule, als Handarbeitsunterricht fix im Stundenplan war. Es war ein Graus. Ich langweilte mich fürchterlich, wäre lieber ins Werken gegangen, das damals den Buben vorbehalten war. So kämpfte ich mich durch Häkeltierchen und Strickschals, nähte fluchend vor mich hin und sah nur eine Lösung gegen die Langeweile: Schwatzen. Aus mir noch heute unerfindlichen Gründen durfte man das aber nicht im Handarbeitsunterricht. Schweigend mussten wir an unseren Tischen sitzen und vor uns hin arbeiten. Dass ich mich nicht daran gehalten habe, versteht sich von selber, ich hatte zum Glück eine wirklich gutmütige Lehrerin, welche jeweils in der letzten Stunde vor Zeugnisvergabe fand: Wenn ich in dieser Stunde wenigstens nur flüstern statt raut reden würde, gäbe es beim Betragen trotz allem noch ein „gut“. Ich habe es mehrheitlich geschafft.

In letzter Zeit wurmte mich der mangelnde Einsatz in den Handarbeitsstunden ein wenig, vor allem, wenn ich im Netz selber genähte Dinge sah, die mir wirklich gefielen. Da ich auch immer auf der Suche nach dem perfekten Etui für meine Zeichenstifte bin, es aber nie finde, kam mir das einfachste Nähbuch wie gerufen. Damit könnte vielleicht sogar ich es schaffen, etwas zu nähen. Ich wurde nicht enttäuscht.

Das Buch ist wirklich gut aufgebaut für einen ungeübten Näher. Zuerst wird das nötige Material abgebildet und sein Einsatz erklärt, dann werden verschiedene grundlegende Nähtechniken in Bild und Text gut nachvollziehbar vorgestelltund schon geht es an die ersten Nähprojekte.

Die Projekte sind mehr als simpel und in maximal 5 Schritten zu nähen. Am Anfang steht das jeweils benötigte Material sowie ein Verweis auf die jeweilige anfangs vorgestellte Nähtechnik, dann kommt Schritt für Schritt die Anleitung – wieder in Text und Bild. Von Kleidern über Etuis hin zu Notizbuchumschlägen ist alles dabei. Am Ende des Buches finden sich noch einige Vorlagen wie zum Beispiel für einen Bären oder eine Puppe, die man leicht durchpausen und dann im jeweiligen Projekt mit Stoff umsetzen kann.

Meine Stifte kriegen wohl bald ein neues Zuhause.

Fazit:
Ein wirklich tolles Nähbuch für Anfänger – Schritt für Schritt werden einfach zu realisierende Projekte erklärt und die Resultate lassen sich sehen. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Edition Michael Fischer; Auflage: 1 (20. Juli 2017)
ISBN-NR: 978-3863557942
Preis: EUR: 24.99 ; CHF 36.90
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Tischsituation 2/12

September 2017

Schon wieder ein Monat vorbei – mein Monatsbild steht an. Ein Jahr lang soll man jeden Monat vom selben Ort/Gegenstand ein Bild machen und damit den Lauf der Zeit dokumentieren. Darum nun hier:

Die Tischsituation am 1. September

Die Platzbelegung durch die Bücher hat einige Male geändert über die Tage/Wochen, neue Schwerpunkte kamen dazu, Rezensionen wurden geschrieben, Bücher gelesen und gingen zurück ins Regal – andere gingen ungelesen oder nur angelesen zurück.

Was liegt aktuell da und wieso? (um nicht auszuufern werde ich nicht zu allem etwas schreiben)

Beginnen wir links unten:

  • Mohaefez, Rittiner & Gomez: Kitsune (Drei Mikroromane wunderbar illustriert von Rittiner und Gomez – wegen der Illustrationen musste ich es auch unbedingt haben und: Wirklich toll!)

Darüber liegen von unten nach oben:

  • Joan Didion: Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben (Essays über die Aufbruchsstimmung im Amerika der 60er Jahre, über Joen Baez, John Wayne und andere – wollte ich unbedingt lesen, kam aber bislang nicht dazu und stelle es wohl nächstens ins Regal zurück)
  • Robert Gernhardt: Der letzte Zeichner /(Robert Gernhardt schreibt und zeichnet sich mit spitzer Zunge und Feder durch die Welt der Kunst – auch da kam ich bislang nicht dazu, etwas zu lesen)
  • Robert Gernhardt: Reim und Zeit (Gedichte – ich liebe Gedichte und ich liebe Robert Gernhardt)
  • Robert Gernhardt: Hier spricht der Zeichner (Wie ich schon sagte: Ich liebe Robert Gernhardt, hier haben wir Bildwitze, Cartoons, Bildergeschichten- und Gedichte)
  • Milne: Ich und DU, der Bär heisst Pu (Dazu muss man wohl nicht mehr sagen als nur: WUNDERBAR!)
  • Hans Traxler: Alpentrilogie (Traxler liebe ich auch – hier sind drei Bild-Romane in einem Band)ich neben Kant auf meiner Zugfahrt nach Thun dabei und habe mehrmals laut gelacht – mein Gegenüber schaute mich ganz erstaunt an J )

Der Stapel darüber besteht aus:

  • Hanna Frey: Es konnte mich nicht zerstören (Die Geschichte einer schweren Kindheit zwischen Alkohol, Pflegefamilien und Heimen)
  • Michael Fehr: Glanz und Schatten (Erzählungen eines Schweizer Autors in einer sehr eigentümlichen Sprache – leider habe ich noch viel gelesen, will ich aber sicher noch tun)
  • Emerson: Von der Schönheit des Guten (Betrachtungen und Beobachtungen, die ich immer mal wieder auszugsweise lese)
  • Roger Willemsen: Die Enden der Welt (will ich unbedingt lesen, komme aber nicht dazu – vermutlich geht es ihm bald wie Joal Didion, was aber nicht an den beiden Büchern liegt, sondern meiner aktuellen Stimmung geschuldet ist)
  • Rainer Maria Rilke: „Im ersten Augenblick“. Bildbetrachtungen (Herr Rilke schreibt über Bilder – immer mal schön, drin zu blättern der Texte und der Bilder wegen)

Rücken wir eine Position nach rechts:

  • Max Frisch: Fragebogen (ich habe ja immer mal wieder einen beantwortet, mache ich vielleicht mal wieder, drum liegen sie noch da)
  • Goscinny & Sempé: Le Petit Nicolas (mein Französisch-Lern-Projekt *hüstel)
  • Arezu Weitholz: Der Fisch ist ein Gedicht. Beste Fischgedichte (Der Name sagt schon alles – soll noch rezensiert werden)

Und noch eins nach rechts:

  • Jahrbuch der Lyrik 2015 (Einblicke in die aktuelle Lyrik – will noch rezensiert werden)
  • Meine beste Freundin. Geschichten, Gedichte, Briefe (wollte ich noch rezensieren, würde allerdings nicht wirklich berauschend. Ich hatte mir das Buch so schön vorgestellt und war dann eher enttäuscht… Es fehlt für mich an Gefühl, an rotem Faden, an… aber lassen wir das hier)
  • Theodor Storm: Wohin du gehst, wohin du irrst. Notwendige feine Gedichte (ich liebe Gedichte, ich lese Gedichte, man kann nie genug Gedichte haben – wird bald auch noch rezensiert, weil es einfach ein schönes Buch ist)
  • Henry David Thoreau: Wenn wir uns von unseren Träumen leiten lassen. Spitze Ungehorsamkeiten (Der Titel verlockt, nicht? Ging mir eben auch so, drum liegt es hier und will noch gelesen werden)
  • Frank Berzbach, Saskia Wragge: Die Sprache der Schuhe (Toll illustriert, schön beschrieben – was uns Schuhe zu sagen haben – werde ich bald noch rezensieren)

Wir gehen weiter nach rechts:

  • T.A. Hoffmann, Lisbeth Zwerger: Der Nussknacker (Ich mag Hoffmann, ich mag illustrierte Bücher, die Kombination hier ist wunderbar.)
  • Antje Herzog: Lampe und sein Meister Immanuel Kant (war natürlich ein Muss für mich – und es ist wirklich ein wunderbares Buch, das mir die Fahrt nach Thun diese Woche enorm verkürzt hat)
  • Graham Greene: Der dritte Mann, illustriert von Annika Siems (wie schon gesagt, liebe ich illustrierte Bücher, ich bin also gespannt, denn das habe ich noch vor mir)
  • Hermann Hesse: Kinderseele (eine autobiographische Erzählung von Hermann Hesse über seine Kindheit, sehr interessant illustriert von Marie Wolf – will ich noch rezensieren)
  • Mehrdad Zaeri: Kluge Frauen sind gefährlich. Aphorismen von Jane Austen bis Katharina die Grosse (ganz toll illustriert)
  • Laozi: Daodejin, übertragen von Jan Philipp Reemtsma
  • Catherine Krahmer: Kollwitz (Die Biographie wollte ich unbedingt lesen, kam aber noch nicht dazu)
  • Peter Jenny: Notizen zur Fotogestaltung. Findet Sie der Zufall? (Das Buch will dazu anregen, in den eigenen vier Wänden auf Fotosafari zu gehen – ich bin gespannt, kam noch nicht dazu, es anzusehen)

Und zu guter Letzt:

  • Von Hopper bis Rothko. Amerikas Weg in die Moderne (ein wunderbarer Bildband – ich werde ihn bestimmt bald noch rezensieren)
  • Kollwitz – Dix – Grosz. Kriegszeit (auch das ein wunderbarer Bildband, den ich noch rezensieren werde)
  • Kunstmuseum Basel: Der verborgene Cezanne (Cezannes Skizzenbücher erstmals so ausführlich vorgestellt – die Ausstellung läuft noch, ich hoffe, ich schaffe es. Aber: Der Bildband ist toll, wirklich einfach nur schön!)
  • Christoph Niemann: Words (ich habe kürzlich eine Doku über Christoph Niemann gesehen und da kam dieses Buch vor – gefährlich. Aber: Wirklich witzig: Um die Ecke gedacht und gezeichnet)

Fast hätte ich die Mitte vergessen:

  • Chris Riddell: A Doodle a Day (ein wirklich witziges Buch, das zum täglichen Doodeln anregen will)

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Das war meine Tischsituation für den September – ich bin gespannt, wie das alles im Oktober aussieht.

Stefanie Hiekmann: 1 Pot Pasta – Aromen aus aller Welt

30 neue Nudelgerichte aus einem Topf

Hiekmann1Ich bin bekennender Teigwarenfan, könnte wohl jeden Tag Teigwaren essen und es würde mir nie verleiden. Wenn man ein wenig kreativ ist, kann man immer wieder neue Saucen zaubern, welche Abwechslung auf den Teller bringen. Wie es so ist im Leben, gibt es auch beim Kochen gewisse Gewohnheiten, man hat irgendwann ein Repertoire an Rezepten und kocht diese in wechselnden Reihenfolgen. Das passiert mir auch mit meinen Pastasaucen: Eine Basis aus ähnlichen Zutaten wird durch verschiedene Beigaben variiert, die Bandbreite ist aber über die Zeit kleiner geworden.

Dem wollte ich an den Kragen gehen und stiess auf das Buch 1 Pot Pasta – Aromen aus aller Welt. Nicht nur finden sich darin Saucenrezepte, die über die üblichen Tomaten- und Käsesaucen hinausgehen, einem Abwaschmuffel wie mir kommt es natürlich sehr entgegen, wenn nur ein Topf im Einsatz ist beim Kochen. Die Rezepte bewegen sich kreuz und quer durch die Welt, von Italien über Marokko bis Thailand ist alles dabei. Wer denkt, Ananas oder Wassermelonen hätten im Spaghettitopf nichts zu suchen, der irrt gewaltig.

Das Kochbuch ist sehr ästhetisch gestaltet, die Bilder sind ansprechend, die Titel im Letteringstil gehalten und alles auf schwarzem, hochwertigem Papier gedruckt. Ein wirklich schönes Kochbuch, das zum Nachkochen anregt. Die Kochanleitungen sind auch für Kochanfänger gut verständlich, die Rezepte relativ schnell gekocht: Es gibt also keine Ausrede mehr, nicht zu kochen. Ich mach wohl bald mal wieder eine Spaghetti-Woche: Jeden Tag ein anderes Spaghettirezept.

Wer doch lieber bei gewohnten Spaghettigeschmacksrichtungen bleiben möchte, für den gibt es den Vorgänger dieses Buches: One Pot Pasta…basta! (HIER)

Fazit:
Ein wirklich tolles Kochbuch mit neuen Rezeptideen und Geschmacksrichtungen für Teigwarenliebhaber. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Stefanie Hiekmann (Jahrgang 1990) ist Food- und Gastrojournalistin und lebt in Osnabrück. Sie arbeitet für verschiedene regionale und überregionale Zeitungen, Magazine und Zeitschriften und ist darüber hinaus als Buchautorin tätig.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 64 Seiten
Verlag: Edition Michael Fischer; Auflage: 1 (20. Juli 2017)
ISBN-NR: 978-3863557836
Preis: EUR: 9.99 ; CHF 14.90
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Literatur im Netz – 26. August 2017

Es ist wieder Samstag und ich möchte weitere 10 Artikel vorstellen, über die ich die Woche durch im Netz gestolpert bin. Allen gemeinsam ist, dass sie sich um Literatur im weitesten Sinne drehen.

Bücher im Café

Der Kaffeehaussitzer liest gerne in Kaffees – der Name verrät es schon –, liest Bücher und bloggt darüber. Er hat Karla Paul ein Interview dazu gegeben

Der Artikel: HIER

Mit Adam Zagajewski durch Krakau

Der wohl wichtigste polnische Lyriker zeigt seine Heimat Krakau.

Der Artikel: HIER

Äsops Fabeln

Tierfabeln, die unterhalten, dabei aber eine tiefere Botschaft mit sich bringen – Weisheiten in Geschichten verpackt, damit der Leser etwas fürs Leben lernt.

Der Artikel: HIER

Ägypten in Zeiten des Umbruchs – eine Schriftstellerin erzählt

Die Autorin Mansura Eseddin erzählt über Ihre Heimat, die politische Situation und die Funktion von Literatur für sie.

Der Artikel: HIER

Wenn Literatur Brücken baut

Das Literaturfest »Poetische Quellen« in Bad Oeynhausen und Löhne sowie die »Sarajevoer Poesietage« wollen in Zukunft zusammenarbeiten. Der Autor Dzevad Karahasan hat daran massgeblichen Anteil und er spricht darüber.

Der Artikel: HIER

Sketchnotes – Notizen aufgepeppt

Wer genug hat von den ewig gleichen langweiligen Notizen, für den gibt es Sketchnotes. Man muss dafür nicht Picasso sein, und: Man kann es lernen. Zum Beispiel mit dem Buch hier.

Der Artikel: HIER

Die Interior-Design-Welt der Buchblogger

Buchbloggern scheint es nicht mehr so sehr um Literatur zu gehen, sondern um die ästhetische Präsentation des Leseerlebnisses.. Habe ich bei Instagram genauso gefühlt und bewege mich drum ein wenig weg da. Was denkt ihr dazu??

Der Artikel: HIER

Buchblog-Award

Welcher Buchblog hätte einen Award verdient? Es winken Preise.

Der Artikel: HIER

Kindern Lesefreude vermitteln

In Wien gibt es im Wiener Allerhgeiligenpark eine Leseaktion. Unter dem Motto „Wer sich auf die Decke setzt, ist willkommen“ soll Kindern Freude am Lesen vermittelt werden.

Ein Projekt, das man vielleicht auch an anderen Orten starten könnte?!

Der Artikel: HIER

Der Zeichner und Autor Hans Traxler im Gespräch

Jeder kennt sie wohl, die Zeichnung, die aus Helmut Kohl eine Birne machte. Ihr Schöpfer erzählt, wie er auf die Idee kam.

Der Artikel: HIER

Auch heute wieder eine Zugabe:

Max und Moritz – wer kennt sie nicht?

Ein Artikel über die Geschichte des Comics, die natürlich auch Max Buschs „Max und Moritz“ ins Visier nimmt.

Der Artikel: HIER

Vitali Konstantinov: FMD (Rezension)

Leben und Werk von Dostojewski

Mit diesem Buch gehen mir zwei Träume in Erfüllung: meinen Lieblingsschriftsteller zu illustrieren und mich ausgiebig mit dem Genre Graphic Novel zu beschäftigen.

Fjodor Dostojewski, einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller, durchlebte ein bewegtes Leben, das sich selber wie ein Roman liest: Kindheitstrauma, Verlust der Mutter, vom Vater verordneter Beruf statt Schriftstellerlaufbahn, Verhaftung und Straflager, Spielsucht und Alkohol, Schulden, um nur einige Punkte daraus zu nennen. Eines aber verfolgte er trotz allem immer: Sein Schreiben. Entstanden sind so all die grossartigen Werke der Weltliteratur: Schuld und Sühne, Der Spieler, Der Idiot, Die Brüder Karamasow und viele mehr.

Vitali Konstantinov verbindet in seiner Graphic Novel FMD Leben und Werk des grossen Literaten auf eine wunderbare Weise. In dichten Tuschezeichnungen arbeitet er sich dem Leben Dostojewiskis entlang, illustriert die wichtigen Punkte in diesem und ordnet die einzelnen Werke mitsamt illustriertem Inhalt in dieses ein.

Ich entdecke Dostojewski immer wieder für mich, bewundere ihn als einen grossen Schriftsteller und Sprachkünstler, als einen Präparator der menschlichen Seele und auch als einen unbeirrt unbeugsamen Freiberufler.

Wer denkt, in nur 80 Seiten könne kaum viel drin stehen, täuscht sich. Durch die ineinander übergehenden und sich gegenseitig ergänzenden Bilder und Texte zum Leben und Werk Dostojewiskis entsteht eine grosse Dichte an Inhalten. Romanzitate, Stellen aus Briefen und Tagebüchern, die Konstantinov selber übersetzt und quasi als Collagen in die Bilderwelt integriert hat, liefern eine Fülle von Informationen und Einblicken. Entstanden ist so ein wahres Kunstwerk von einem Buch, das man mehr als einmal lesen kann und muss, um alles zu sehen und aufzunehmen.

Fazit:
Ein wunderbar dichtes und grossartig illustriertes Buch über das Leben und Schaffen Dostojewskis. Absolut empfehlenswert.

Vitali Konstantinov
Vitali Konstantinov, 1963 geboren bei Odessa, Ukraine, studierte Kunst und Architektur in Russland, Grafik, Malerei und Byzantinische Kunstgeschichte in Deutschland. Er unterrichtete Buch illustration u. a. an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Seine Bücher erhielten zahlreiche Preise, u. a. die Auszeichnung ‚Schönstes deutsches Buch‘ von der Stiftung Buchkunst für Seltsame Seiten.

Ein Interview mit Vitali Konstantinov: HIER

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 80 Seiten
Verlag: Knesebeck Verlag (12. Oktober 2016)
ISBN-Nr: 978-3868738506
Preis: EUR 22 / CHF 31.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

J. M. Coetzee: Schande (Rezension)

Sein Leben spielt sich im Rahmen seines Einkommens, seines Temperaments, seiner emotionalen Möglichkeiten ab. Ob er glücklich ist? Nach den meisten Wertmassstäben, ja, er glaubt es jedenfalls.

David Lurie, 52, zweimal geschieden, Vater einer Tochter, unterrichtet an der Universität mässig interessierte Studenten und lebt daneben ein Leben in eingefahrenen Bahnen. An die Liebe für sich glaubt er nicht mehr, was er sexuell braucht, holt er sich in Affären oder bezahlten Stelldicheins. Eine Affäre mit einer Studentin bringt ihn in Ungnade und er muss seine Stelle an der Universität künden. Er verlässt Kapstadt und zieht vorübergehend zu seiner Tochter Lucy, welche weit ab der ihm vertrauten Zivilisation eine kleine Farm betreibt – ein Unterfangen, das nicht ungefährlich ist für eine alleinstehende Frau und das er als Vater nicht verstehen kann. Trotzdem schickt er sich in das Farmleben und merkt, wie es ihn verändert.

CoetzeeSchandeWie schon Die jungen Jahre lebt Schande von den inneren Monologen des Protagonisten und besticht durch eine einfache, fliessende Sprache. J. M. Coetzee erzählt die Geschichte David Luries aus dessen Perspektive. Als Leser kann man diesem beim Denken zusehen, sieht, wie er sich und sein Tun hinterfragt und auch grundsätzliche Überlegungen zum Leben anstellt. Lurie ist ein sehr körperfixierter Mensch, der andere Menschen vordergründig nach deren Optik einordnet und auch verurteilt, wenn sie seinen Schönheitsidealen nicht entsprechen.

Luries Tochter erscheint als das pure Gegenteil ihres Vaters, was sich in ihrer vernachlässigten Erscheinung (die der Vater mehrfach analysiert) ausdrückt, aber auch in ihrem Leben auf dem Land. Durch das Zusammenleben der beiden und die Situationen, in die sie geraten, merkt man aber, dass sie durchaus gewisse Züge gemeinsam haben: Beide halten sie stur an einer Sicht fest und lassen sich ungern dreinreden. Beide haben sie eine grosse Portion Trotz in ihrem Verhalten und verharren in Sichtweisen, die sie vor sich begründen, anderen aber nicht begreiflich machen können.

Schande ist ein grossartiges Buch über menschliche Beweggründe, menschliche Beziehungen und auch menschliche Abgründe. Es ist ein Buch, das einen in den Bann zieht und nicht mehr loslässt – bis kurz vor dem Schluss. Ab dem 20. Kapitel lässt der Sog nach, es folgen Seiten, die wenig mit der Geschichte an sich zu tun zu haben scheinen. Fast mutet es an, als ob Coetzee nicht wusste, wie er diese grossartige Geschichte zu Ende bringen kann. Das Ende selber ist denn auch wenig überzeugend.

Nabokov hat sich mal über die Unsitte geäussert, Bücher fertig lesen zu müssen. Er sagte sinngemäss, dass man Bücher durchaus auch vor deren Ende weglegen könne, weil die Geschichte für einen selber an einem Punkt zu Ende war, bevor der Autor selber ein Ende gefunden hat. Dies war für mich bei Kapitel 20 der Fall. Dass ich doch noch fertig las, hängt damit zusammen, dass das Buch bis dahin so grossartig war, dass ich doch gespannt war, ob noch etwas passiert, das dieser Geschichte einen wirklichen Schluss gibt. Irgendwie besticht sie aber gerade durch ihre Offenheit. David Lurie und Lucy werden weiterleben, Dinge werden passieren, die man sich als Leser ausdenken kann, bei denen man aber nicht mehr dabei ist. Fast so, als hätte man Bekannte besucht, eine Weile mit ihnen gelebt, und sei dann weiter gegangen.

Fazit:
Erzählkunst auf ganz hohem Niveau. Coetzee entführt den Leser in die Welt Südafrikas mit all ihren Spannungen sowie in die Beziehungsgeflechte eines Vaters und dessen Tochter. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor und zur Übersetzerin
M. Coetzee, der 1940 in Kapstadt geboren ist und von 1972 bis 2002 als Literaturprofessor in seiner Heimatstadt lehrte, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er wurde für seine Romane und sein umfangreiches essayistisches Werk mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, u. a. zweimal mit dem Booker Prize, 1983 für ›Leben und Zeit des Michael K.‹ und 1999 für ›Schande‹. 2003 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Coetzee lebt seit 2002 in Adelaide, Australien.

Literaturpreise:
u.a.: Lannan Literary Award 1998, Booker Prize 1983 (für ›Leben und Zeit des Michael K.‹), Booker Prize 1999 (für ›Schande‹), Commonwealth Writers Prize 1999 (für ›Schande‹), ›Königreich von Redonda-Preis‹ 2001, Literaturnobelpreis 2003

Reinhild Böhnke wurde 1944 in Bautzen geboren und ist als literarische Übersetzerin in Leipzig tätig. Sie ist Mitbegründerin des sächsischen Übersetzervereins. Seit 1998 überträgt sie die Werke J. M. Coetzees ins Deutsche, weiter hat sie u. a. Werke von Margaret Atwood, Nuruddin Farah, D.H. Lawrence und Mark Twain ins Deutsche übertragen.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch:288 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (1. Juli 2001)
ISBN-Nr.: 978-3596150984
Preis: EUR 9.95 / CHF 14.90
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Roger Willemsen (*15. August 1955)

WillemsenEr reiste gerne. Am liebsten im Zug. Einen Führerschein besass er nie. Das Reisen war insofern nie eine Qual, als die Destinationen seinen Interessen geschuldet waren und Interessen hatte er viele. Wie gerne lasen wir von seinen Reisen, wie gerne gaben wir uns seinen Beschreibungen hin, die mit einer Leidenschaft daher kamen, die in uns das Interesse an Dingen weckte, das wir nie gehabt hätten sonst. Und hatten wir es gehabt, wussten wir nach der Lektüre, wieso.

Kürzlich sah ich im TV eine Wiederholung einer alten Sendung, ein Interview mit Roger Willemsen. Er hatte ein unglaublich gewinnendes Wesen. Nicht weil er es drauf anlegte, weil er bei allem, was er sagte, ganz er war und immer mit Begeisterung sprach von dem, was er tat, dachte, wollte. Er war ein interessierter Mensch, er wollte hinter die Dinge sehen, er wollte die Dinge erleben, über die er schrieb. Und er reiste hin. Im Zug. Er verstand es, dieses Interesse in seinen Texten lebendig werden zu lassen, er verstand es, seine Leser und Zuhörer mitzunehmen auf die Reisen.

Er war ein unglaublich belesener, unglaublich intelligenter Mensch. Er hat das nie zur eigenen Profilierung genutzt, aber er konnte beim Schreiben aus dem Vollen schöpfen. Und das spürte man beim Lesen. Und wenn man ihn erlebte, merkte man, dass es echt ist, dass er echt ist.

Geboren wurde er in eine gebildete und kunstinteressierte Familie, der Vater war Kunsthistoriker, Maler und Restaurator, die Mutter in ostasiatischer Kunst bewandert. Das mag seinen Weg vorgespurt haben. Dass die Familie keinen Fernsehen hatte, er täglich einige Hundert Seiten zum Zeitvertreib lesen „musste“, hat wohl nicht geschadet. Und er gab alles wieder:

„Ich vermittele sehr gerne, versuche Dinge aufzubereiten, reichere sie durch Enthusiasmus an, sonst bleiben sie meistens unbelebt.“

Heute würde er 62 Jahre alt. Zum Glück bleiben seine Bücher, die in seinem Sinne weiter wirken.

Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung (Rezension)

Spätpubertäre Kinder und plakative Sprache

Mit folgendem Text wurde das Buch angekündigt:

„Vier Geschwister kehren in das elterliche Haus in der süddeutschen Provinz zurück. Joschi ist eigentlich nur ein Clochard, irgendwo zwischen Karl Marx und verlottertem Mönch. Jakob ein Fernsehmann mit winziger Mansarde in Paris. Uli ein alternativer Aussteiger mit wechselnden Vorlieben. Nur Linda ist auch im Privatleben eine Macherin. Ihren Vater haben sie kaum gesehen, seit der sich von der »ungarischen Hure« pflegen lässt. Jetzt ist er tot. Morgen früh wird das Testament eröffnet, bis dahin muss das Erbe verteilt sein. Keiner verlässt das Haus – und nach einer langen Nacht kommt der Augenblick der Wahrheit.“

OttAuferstehungEigentlich hätte ich da schon wissen müssen, dass das nichts wird mit mir und dem Buch. Schon diese wenigen Zeilen haben so viel Plakatives in sich: Ein Clochard zwischen Karl Marx und verlottertem Mönch. Wie soll man sich den bitte vorstellen? Wo haben die beiden Pole des gewählten Vergleichs eine Ebene, auf der man dann als Clochard in der Mitte sein könnte? Dann der alternative Aussteiger: Sind Aussteiger nicht per se alternativ, indem sie sich eben gegen ein Leben in einer Gesellschaft entscheiden, ein alternatives Leben dazu leben? Schlussendlich Linda, die im Privatleben eine Macherin ist. Was genau macht eine Macherin privat? Müsste sie nicht beruflich eine Macherin sein? Den Fernsehmann Jakob kann man stehen lassen, wenn auch nicht klar wird, wieso in einem so kurzen Text wichtig ist, dass er in einer winzigen Mansarde wohnt und die in Paris ist.

Leider hat schon der erste Satz bestätigt, was als leise Ahnung da war

Komm heim, so schnell es geht, Papa ist tot, hatte Linda frühmorgens, kaum dass es Tag war, ins Telefon gehechelt und am Ende des knappen Gesprächs gestöhnt: Gottlob!

Ich mag grundsätzlich lange Sätze, auch Schachtelsätze, aber: Für diesen hier gibt es keinen Grund. Er wirkt nur gequält, in die Länge gezogen, krampfhaft um noch einen Einschub erweitert. Frühmorgens ist zudem immer dann, wenn es noch kaum Tag ist, und: Wieso hechelt sie? War sie vorher noch joggen? Und wenn sie ja froh ist über des Vaters Tod, was man aus dem „Gottlob“ entnehmen kann: Wieso stöhnt sie?

Nun kann man sagen, ich sei zu pingelig, aber solche Dinge sind schlicht und einfach Gründe für mich, ein Buch schnell zur Seite zu legen. Was so anfängt, wird sich kaum ändern. Ich wollte dem Buch aber doch eine Chance geben. Ich las also weiter. Der nächste Satz war leider nicht viel sinnvoller:

Was soll das heissen, dachte Jakob, obwohl doch klar war, was sie meinte.

Und danach ging es in einer Art innerem Monolog Jakobs weiter. Der Leser erfährt von einem Feind Lindas, der „das Schwein“ genannt wird, der hier Denkende sitzt zuerst mit den vier Geschwistern im Haus des Toten, dann denkt er an den Aufbruch zurück, dann an das, was er eigentlich hätte tun müssen. Er erzählt dem Leser von seinem Trotz gegen die Bitte seiner Schwester, sofort zu kommen, indem er extra langsam machte.

Wenn einer tot ist, kann er ruhig warten, es schmerzt ihn nicht, dachte Jakob und blieb noch ein paar Stunden, wie einer, der sich selbst zuschaut und denkst: Ich bin es, bin es nicht.

Ich weiss nun nicht genau, wie einer aussieht, der sich zuschaut und dabei denkt, er sei es oder aber auch nicht, da ich dies noch nie gemacht habe. Meistens bin ich mir eigentlich sicher, ich zu sein. Auf alle Fälle schaut sich Jakob noch ein wenig selber zu, sucht nach Trauer oder Selbstmitleid, denkt an die Eltern und die Kindheit zurück. Und so plätschert das Buch vor sich hin, strotzt nur so vor Absonderlichkeiten und plakativen Ausdrücken.

Nach knapp 50 Seiten habe ich aufgegeben. Aufgrund des Titels würde ich annehmen, dass der Vater gar nicht tot ist, sondern irgendwann wieder aufersteht. Daraus hätte man etwas Gutes machen können. Leider hat der Autor das nicht gemacht.

Fazit:
Spätpubertäre Kinder kommen zusammen, weil der Vater vermeintlich tot ist, und ziehen in plakativer Weise über alles und jeden her. Keine Leseempfehlung!

Zum Autor
Karl-Heinz Ott wurde 1957 in Ehingen bei Ulm geboren. Er studierte Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft und arbeitete anschließend als Dramaturg in Freiburg, Basel und Zürich. 1998 erschien sein Debütroman ›Ins Offene‹, für den er den Förderpreis des Hölderlin-Preises und den Thaddäus-Troll-Preis erhielt. Auch die nachfolgenden Romane ›Endlich Stille‹ und ›Ob wir wollen oder nicht‹ wurden mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises (1999), dem Alemannischen Literaturpreis (2005), dem Preis der LiteraTour Nord (2006), dem Johann-Peter-Hebel-Preis (2012) dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2014). Karl-Heinz Ott lebt in Freiburg.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (10. Februar 2017)
ISBN-Nr.: 978-3423145510
Preis: EUR 11.90 / CHF 16.90
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Max Frisch: Fragebogen IV

Vor einiger Zeit startete ich mit dem ersten Fragebogen von Max Frisch Fragebogen (HIER), der zweite folgte (Thema Ehe: HIER), dann der dritte (HIER) – wir kommen zur vierten Runde, das Thema ist dieses Mal die Hoffnung. Hier ist auch wieder nur eine Auswahl aus den Fragen des Fragebogens, den ganzen findet ihr im am Schluss genannten Buch.

Fragebogen IV

  1. Wissen Sie in der Regel, was sie hoffen?

Meistens schon. Ich bin aber nicht immer sicher, ob es auch gut ist, wenn es eintrifft.

  1. Beneiden Sie manchmal Tiere, die ohne Hoffnung auszukommen scheinen, z. B. Fische in einem Aquarium?

Mit Fischen habe ich keine Erfahrung. Ich beneide ab und an meinen Hund um sein Leben, es muss sehr entspannt und schön sein – so wirkt er auf alle Fälle meistens. Hoffnungen hat er aber durchaus, wie mir scheint. Immer nach dem Abendessen hofft er ganz offensichtlich auf einen Knochen für sich. Und den kriegt er dann auch meistens, da er in seiner hoffnungsvollen Haltung (und vor allem seinem Blick aus Knopfaugen) unwiderstehlich aussieht.

  1. Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?

Wirklich aufgegeben wohl keine – zumindest keine, die ich noch als wünschenswert erachte, wenn sie eintreffen würde. Ich male mir nur die Chancen auf Erfolg ab und an verschwindend klein aus, aber: Die Hoffnung stirbt trotz allem zuletzt.

  1. Kann Hass eine Hoffnung erzeugen?

Das wäre in meinen Augen keine Hoffnung, sondern ein Rachegedanke.

  1. Hoffen Sie angesichts der Weltlage: a) auf die Vernunft? b) auf ein Wunder c) dass es weitergeht wie bisher?

Weder noch. Am ehesten hoffe ich auf ein zunehmendes Bewusstsein, was wir tun, auf mehr Einsicht, dass keiner allein überleben kann, dies nur im Miteinander geht, und auf mehr Menschlichkeit.

  1. Können Sie ohne Hoffnung denken?

Hoffnungslosigkeit ist ein sehr lähmendes Gefühl. Da fällt mitunter alles schwer, auch das Denken. Hoffnungslosigkeit kann aber auch das Resultat von zu viel Denken sein. Wenn man in einer Abwärtsspirale denkt, mögliche negative Folgen ausmalt und alles in düstere Farben kleidet, führt genau dieses Denken zur Hoffnungslosigkeit. Vielleicht ist es dann und wann sogar sinnvoll, mit dem Denken aufzuhören und sich mal abzulenken. Das kann vieles sein: In die Natur gehen, zeichnen, lesen, tanzen, singen – alles, was hilft, den Kreislauf der Gedanken zu unterbrechen. Und dann, wenn wieder Hoffnung da ist, langsam und behutsam wieder zu denken beginnen.

  1. Was erhoffen Sie sich von Reisen?

Neue Eindrücke, Inspirationen, Anreize – aber auch: Eine Auszeit, Ruhe für mich, mal dem Alltag entkommen.

  1. Wenn Sie jemand in einer unheilbaren Krankheit wissen: machen Sie ihm dann Hoffnungen, die Sie selber als Trug erkennen?

Nein, das fände ich nicht richtig. Grundsätzlich würde ich mit ihm über andere Themen sprechen als über seine Krankheit, da er diese ja selber kennt. Wenn er aber darüber sprechen will, dann würde ich ihm zuhören und versuchen, auf ihn einzugehen.

  1. Was erwarten Sie im umgekehrten Fall?

Dasselbe. Ich hasse Lügen, ich hasse Beschwichtigungen oder Schönfärberei.

  1. Muss eine Hoffnung, damit Sie in ihrem Sinn denken und handeln, nach Ihrem menschlichen Ermessen erfüllbar sein?

Wenn eine Hoffnung nur auf Erfüllung eines Zieles ausgerichtet ist, das Handeln und Denken nur Mittel zum Zweck ist dahin, dann wohl kaum. Allerdings erachte ich solche Ziele und Hoffnungen als wenig sinnvoll. Wenn einer nur schreibt, weil er reich werden will, nur malt, weil er umjubelt werden will, selber aber nicht gerne schreibt oder malt, dann sollte er wohl besser damit aufhören, wenn er denkt, es eh nie dahin zu schaffen. Wieso sich vergebens quälen? Wenn man aber gerne malt und schreibt, dabei klar auch mal denkt, es wäre schön, das würde mal jemandem Freude bereiten, dann wird man auch weitermachen, wenn das nie eintritt. Gauguin hätte kein Bild gemalt sonst, Fontane hätte das Schreiben beendet, zu gross waren seine Zweifel oft, Kafka wollte sogar alles verbrennen… er hat es also geschrieben, obwohl er nicht an den Erfolg glaubte. Langer Rede kurzer Sinn: Ich würde keinen Weg gehen wollen, nur um ein Ziel zu erreichen. Wenn ich aber einen Weg mag, gehe ich ihn auch, wenn das Ziel unerreichbar scheint.

  1. Hoffen Sie auf ein Jenseits?

Ich hoffe nicht, dass es das gibt! Irgendwann muss mal fertig sein.

Vielleicht regen euch die Fragen ja auch an? Wenn ihr mitmachen wollt, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mir den Link zu eurem Beitrag in den Kommentar schreibt und/oder diesen Beitrag hier bei euch verlinkt. #FrischsFragebogen

Zum Autor
Max Frisch
Max Frisch (1911-1991), einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, konnte nicht nur mit dem Wort etwas erschaffen: Er arbeitete auch erfolgreich als Architekt. Über journalistische Arbeiten und erste literarische Versuche fand er schließlich seinen eigenen Stil als Autor. In seinen Essays, Erzählungen, Hörspielen, Dramen und Romanen war er nicht nur ein großer Literat, sondern auch ein streitbarer Humanist. Sein kritischer Geist rieb sich an seiner Schweizer Heimat ebenso wie an Demagogen in aller Welt – um doch anlässlich seines 75. Geburtstags ernüchtert festzustellen: „Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb.“ Bekannt wurde er u. a. mit den Romanen „Stiller“, „Homo Faber“ und „Sein Name sei Gantenbein“ sowie Theaterstücken wie „Andorra“ und „Triptychon“.

Angaben zum Buch:
FrischFragebogenTaschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag (24. August 1998)
ISBN: 978-3518394526
Preis: EUR 6 / CHF 9.90

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Erich Kästner: Zwischen hier und dort (Rezension)

Reisen mit Erich Kästner

Fahrt in die Welt
Seltsam ist’s mit einem Schiff zu fahren,
das sich abschiedsschwer vom Ufer trennt.
Jenes Land, in dem wir glücklich waren,
wird ein Strich am Firmament.

Lange stehen wir an Bord und winken,
bis die Heimat wie ein Traum vergeht.
Muss das Alte immer erst versinken,
ehe Neues aufersteht?

Doch dann schauen wir nicht mehr zurück.
Unbekannte Ufer werden kommen
und vielleicht ein unbekanntes Glück.
Und das Herz ist fast beklommen.

Und wir freuen uns am Wunderbaren,
und wir reisen gern durch neue Meere.
Herrlich ist es, in die Welt zu fahren,
wenn nur nicht das Heimweh wäre!

Erich Kästner reiste gerne und er reiste vor allem gerne mit dem Zug. In der Eisenbahn kam er schnell vorwärts und konnte dabei den Menschen um sich beim Reisen zuschauen, aber auch in sich selber gehen und das eigene Reisen hinterfragen. Er reiste selten alleine, oft waren Freundinnen dabei oder aber die Mutter. Immer plante er dabei die Reisen sorgfältig, Abenteuer überliess er lieber seinen Romanfiguren wie zum Beispiel dem Amfortas Kluge, welcher in den Kongo will und am Nordpol landet.

Wem Gott will rechte Gunst erweisen
(vorausgesetzt, dass es ihn gibt),
den lässt er in ein Seebad reisen,
besonders wenn er die Berge liebt.

Im vorliegenden Buch hat die Herausgeberin Sylvia List Texte Kästners vereint, die alle eines gemeinsam haben: Das Thema Reisen. Es finden sich Gedichte sowie kurze Reiseanekdoten, welche vom Scharfblick und der spitzen Zunge ihres Autors zeugen.

Sie schmorten zu Tausenden in der Sonne, als sei die Herde schon geschlachtet und läge in einer riesigen Bratpfanne. Manchmal drehten sie sich um. wie freiwillige Koteletts.

Neben diesen wunderbaren Metaphern finden sich Anleitungen zum Schreiben von Reiseberichten, Gedanken dazu, wie einer überhaupt zu reisen hätte, was er an Garderobe einpacken nicht versäumen dürfe, welches Verhalten auf Reisen angebracht ist sowie Gedanken darüber, was Reisen bedeutet.

Reisen fördert die Völkerversöhnung. […] Die Touristen sind Kriegsgegner; sie bilden einen unsichtbaren Völkerbund.

Entstanden ist ein wunderbares Lesebuch, das Einblicke in das Denken, Schreiben und Dichten des Autors Erich Kästner gewährt und Lust auf mehr macht, zumal neben den Gedichten und kurzen Texten auch Auszüge aus Kästners Roman Fabian in diesem Buch enthalten sind.

Fazit:
Ein wunderbares Buch zum Reisen, das Erich Kästner in all seinen Eigenheiten, seinem Sprachwitz, seinem Scharfblick sowie seiner Erzählgabe sichtbar macht. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor und zur Herausgeberin
Erich Kästner wurde 1899 in Dresden geboren und starb 1974 in München. Der Schriftsteller, Satiriker, Dramatiker und nicht zuletzt Autor der berühmten Kinderklassiker ›Das doppelte Lottchen‹, ›Das fliegende Klassenzimmer‹, ›Pünktchen und Anton‹, ›Emil und die Detektive‹ und ›Die Konferenz der Tiere‹ wurde mit zahlreichen Preisen bedacht (u.a. mit dem Büchner-Preis und der Hans-Christian Andersen-Medaille).

»Erich Kästner war ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Er war Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat. War er ein Schulmeister? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster. Er war ein Prediger, der stolz die Narrenkappe trug.« Marcel Reich-Ranicki

Sylvia List ist Slavistin, war lange Jahre Lektorin und arbeitet derzeit als freie Übersetzerin und Herausgeberin in München.

Angaben zum Buch:
KästnerReisenTaschenbuch:176 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. Mai 2014)
ISBN-Nr.: 978-3-423-14313-4
Preis: EUR 8.90 / CHF 12.90
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Franz Hohler: Spaziergänge (Rezension)

„Gehen“ gehört zu meinen Lieblingswörtern, und so beschloss ich am 12. März 2010, ein Jahr lang jede Woche irgendwohin zu gehen, mit andern Worten, einen Spaziergang zu machen. Über alle Spaziergänge habe ich etwas geschrieben. Hier sind sie.

Franz Hohler spaziert durch die Welt. Mal bewegt er sich im eigenen Quartier, dann wieder verlässt er sein Heim durchs Gartentor und durchquert die Stadt, um andere Kreise zu besuchen. Ab und an fährt er mit dem Zug in die nahe Umgebung, um die zu erkunden oder aber spaziert in fernen Ländern. Jede Woche entsteht so ein kleiner Text zum Spaziergang. Der Leser wird an der Hand genommen, sieht Mövenschwärme am Himmel und Plakate an Wänden. Er ist Zeuge von Gesprächen und freut sich an Bäumen, die da stehen.

Wir sind noch etwas zu früh für die volle Blüte der Bäume. Dennoch stehen schon einige am Wegesrand wie die Vorgruppe des grossen Konzerts und zeigen uns, wozu ihre zweige imstande sind.

HohlerSpaziergängeEs gelingt Franz Hohler, seine Spaziergänge durch wunderbare Sprachbilder und den Blick für die kleinen Details nicht nur lesbar, sondern auch erfahrbar zu machen. Entstanden sind so 52 kurze Texte gespickt mit Erinnerungen des Autors an Kindertage, aktuellen Momentaufnahmen und scharfsinnigen Kommentaren und Gedanken, die nicht selten ein Augenzwinkern mit im Gepäck haben . Nach der Lektüre dieses Buches wird man die Welt beim nächsten Spaziergang mit anderen Augen betrachten. Am liebsten würde man gleich die Schuhe binden und losgehen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch voller Sprachbilder und Witz, das Lust auf eigene Spaziergänge macht. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor und zur Übersetzerin
Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren, er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Alice-Salomon-Preis und den Johann-Peter-Hebel-Preis. Sein Werk erscheint seit über vierzig Jahren im Luchterhand Verlag.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch:160 Seiten
Verlag: btb Verlag (9. Dezember 2013)
ISBN-Nr.: 978-3442746828
Preis: EUR 8.99 / CHF 13.90
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