J. M. Coetzee: Schande (Rezension)

Sein Leben spielt sich im Rahmen seines Einkommens, seines Temperaments, seiner emotionalen Möglichkeiten ab. Ob er glücklich ist? Nach den meisten Wertmassstäben, ja, er glaubt es jedenfalls.

David Lurie, 52, zweimal geschieden, Vater einer Tochter, unterrichtet an der Universität mässig interessierte Studenten und lebt daneben ein Leben in eingefahrenen Bahnen. An die Liebe für sich glaubt er nicht mehr, was er sexuell braucht, holt er sich in Affären oder bezahlten Stelldicheins. Eine Affäre mit einer Studentin bringt ihn in Ungnade und er muss seine Stelle an der Universität künden. Er verlässt Kapstadt und zieht vorübergehend zu seiner Tochter Lucy, welche weit ab der ihm vertrauten Zivilisation eine kleine Farm betreibt – ein Unterfangen, das nicht ungefährlich ist für eine alleinstehende Frau und das er als Vater nicht verstehen kann. Trotzdem schickt er sich in das Farmleben und merkt, wie es ihn verändert.

CoetzeeSchandeWie schon Die jungen Jahre lebt Schande von den inneren Monologen des Protagonisten und besticht durch eine einfache, fliessende Sprache. J. M. Coetzee erzählt die Geschichte David Luries aus dessen Perspektive. Als Leser kann man diesem beim Denken zusehen, sieht, wie er sich und sein Tun hinterfragt und auch grundsätzliche Überlegungen zum Leben anstellt. Lurie ist ein sehr körperfixierter Mensch, der andere Menschen vordergründig nach deren Optik einordnet und auch verurteilt, wenn sie seinen Schönheitsidealen nicht entsprechen.

Luries Tochter erscheint als das pure Gegenteil ihres Vaters, was sich in ihrer vernachlässigten Erscheinung (die der Vater mehrfach analysiert) ausdrückt, aber auch in ihrem Leben auf dem Land. Durch das Zusammenleben der beiden und die Situationen, in die sie geraten, merkt man aber, dass sie durchaus gewisse Züge gemeinsam haben: Beide halten sie stur an einer Sicht fest und lassen sich ungern dreinreden. Beide haben sie eine grosse Portion Trotz in ihrem Verhalten und verharren in Sichtweisen, die sie vor sich begründen, anderen aber nicht begreiflich machen können.

Schande ist ein grossartiges Buch über menschliche Beweggründe, menschliche Beziehungen und auch menschliche Abgründe. Es ist ein Buch, das einen in den Bann zieht und nicht mehr loslässt – bis kurz vor dem Schluss. Ab dem 20. Kapitel lässt der Sog nach, es folgen Seiten, die wenig mit der Geschichte an sich zu tun zu haben scheinen. Fast mutet es an, als ob Coetzee nicht wusste, wie er diese grossartige Geschichte zu Ende bringen kann. Das Ende selber ist denn auch wenig überzeugend.

Nabokov hat sich mal über die Unsitte geäussert, Bücher fertig lesen zu müssen. Er sagte sinngemäss, dass man Bücher durchaus auch vor deren Ende weglegen könne, weil die Geschichte für einen selber an einem Punkt zu Ende war, bevor der Autor selber ein Ende gefunden hat. Dies war für mich bei Kapitel 20 der Fall. Dass ich doch noch fertig las, hängt damit zusammen, dass das Buch bis dahin so grossartig war, dass ich doch gespannt war, ob noch etwas passiert, das dieser Geschichte einen wirklichen Schluss gibt. Irgendwie besticht sie aber gerade durch ihre Offenheit. David Lurie und Lucy werden weiterleben, Dinge werden passieren, die man sich als Leser ausdenken kann, bei denen man aber nicht mehr dabei ist. Fast so, als hätte man Bekannte besucht, eine Weile mit ihnen gelebt, und sei dann weiter gegangen.

Fazit:
Erzählkunst auf ganz hohem Niveau. Coetzee entführt den Leser in die Welt Südafrikas mit all ihren Spannungen sowie in die Beziehungsgeflechte eines Vaters und dessen Tochter. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor und zur Übersetzerin
M. Coetzee, der 1940 in Kapstadt geboren ist und von 1972 bis 2002 als Literaturprofessor in seiner Heimatstadt lehrte, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er wurde für seine Romane und sein umfangreiches essayistisches Werk mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, u. a. zweimal mit dem Booker Prize, 1983 für ›Leben und Zeit des Michael K.‹ und 1999 für ›Schande‹. 2003 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Coetzee lebt seit 2002 in Adelaide, Australien.

Literaturpreise:
u.a.: Lannan Literary Award 1998, Booker Prize 1983 (für ›Leben und Zeit des Michael K.‹), Booker Prize 1999 (für ›Schande‹), Commonwealth Writers Prize 1999 (für ›Schande‹), ›Königreich von Redonda-Preis‹ 2001, Literaturnobelpreis 2003

Reinhild Böhnke wurde 1944 in Bautzen geboren und ist als literarische Übersetzerin in Leipzig tätig. Sie ist Mitbegründerin des sächsischen Übersetzervereins. Seit 1998 überträgt sie die Werke J. M. Coetzees ins Deutsche, weiter hat sie u. a. Werke von Margaret Atwood, Nuruddin Farah, D.H. Lawrence und Mark Twain ins Deutsche übertragen.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch:288 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (1. Juli 2001)
ISBN-Nr.: 978-3596150984
Preis: EUR 9.95 / CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

7 Comments

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      • So, jetzt hab ich’s gelesen. War ein richtig gutes Buch, vor allem auch, weil der Hauptprotagonist ziemlich genau in meiner Altersklasse agiert. Auch wenn ich bei weitem nicht die Promiskuität Davids lebe. Seine Gedanken sind aber so pausibel beschrieben, dass man richtig mitleiden kann auf seinem Weg, der ja einerseits durch die Hölle aber irgendwie auch ein bisschen zum Licht führt. Sehr gut ist auch Lucies Dilemma beschrieben, das geht ganz schön unter die Haut. Ich fand eigentlich das Buch bis zum Ende gut. Ab Kapitel 20 war es zwar tatsächlich stellenweise etwas zäh. Das war aber die Byron Story, die Coetzee ziemlich zu beschäftigen scheint. Eigentlich ist ja David der Byron der Neuzeit, oder er sieht sich ein bisschen so. Insofern fand ich es konsequent, dass er dann zum Schluß hin die Brücken zum alten Leben einreist. Das Buch hätte schon etwas früher stoppen können aber meinetwegen auch noch ein bisschen weiter gehen. Bei mir ist es so, wenn ich ein Buch mag, möchte ich nicht, dass es endet. LG Wolfgang

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