Fjodor Dostojewski: Der Spieler

Inhalt

Eine Gruppe von Menschen, alle irgendwie mit finanziellen Wünschen oder Nöten bestückt, wartet im Kurort Roulettenburg auf den Tod und damit das Erbe einer alten Dame. Mit ihrem Auftritt sterben die Hoffnungen der anderen und das erwünschte Erbe wird durch die Besitzerin selber aufs Spiel gesetzt – sie verliert es beim Roulette. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen.

Ein hochverschuldeter russischer General hält sich im Kreise von Verwandten, Bekannten und Gefolgschaft in Roulettenburg auf. Erzählt wird die Geschichte von Aleksej Iwanowitch, seines Zeichens Hauslehrer, selber verliebt in die Nichte des Generals, in Polina. Diese jedoch wird auch vom Franzosen de Grieux verehrt, welcher aufgrund seiner besseren finanziellen Stellung die besseren Karten hat. Dass Polinas Onkel seine Schulden beim windigen Franzosen hat, macht die Geschichte noch ein wenig verstrickter – und beeinflusst Aleksejs Haltung gegen diesen nicht positiv.

Der General wiederum liebt die vermögende Mademoiselle Blanche, welche mit ihrer Mutter ebenfalls vor Ort ist und einer Verbindung nur zustimmt, wenn der General zu Geld kommt. Für diesen Geldsegen gibt es eine einzige Hoffnung: Der Tod der alten Erbtante Antonida Wassiljewna Taradewitschewa. So gehen denn auch einige Telegramme nach Russland, um nach dem möglichen Ableben derselben anzufragen.

Dann kommt der Tod. Allerdings stirbt nicht die Erbtante, sondern die Hoffnung, denn die alte Dame erscheint wie sie leibt und lebt in Roulettenburg. Für die schon vor Ort Sitzenden hat sie nur Spott und Häme übrig, weiss sie doch nur zu gut über all die Verstrickungen und Hoffnungen bescheid. Die Situation wird nicht besser dadurch, dass sie gleich klar sagt, dass der General kein Geld von ihr zu erhoffen braucht, auch dass sie schnell Gefallen am Roulette findet, wo sie Unsummen verliert, trägt nicht zur guten Laune des Neffen bei.

Die alte Dame reist ab, zurück bleibt ein verzweifelter General. Polina besinnt sich indessen auf ihre Gefühle zu Aleksej und bittet diesen um Hilfe für ihre eigenen finanziellen Probleme. Statt die so lange erhoffte Liebe zu geniessen, zieht dieser nun an den Roulettetisch und verfällt einem fieberhaften Spiel. Polina flüchtet sich zu Mr. Astley, einem stillen Engländer, Mademoiselle Blanche wendet sich Aleksej zu und die beiden gehen nach Paris, wo über kurz oder lang das ganze Geld verprasst wird. Schliesslich heiratet Blanche doch den General – so ein Titel hat doch seinen Reiz – und Aleksej geht verarmt nach Homburger, wo er sich als Gelenheitsarbeiter durchschlägt. Seine Spielsucht hat ihn fest im Griff, nicht mal die Nachricht, dass Polina ihn immer noch liebt, kann ihn retten.

Entstehung

Die Entstehungsgeschichte zu „Der Spieler“ liest sich fast selber wie ein Roman. Fast möchte man sie als Dostojewskis Pakt mit dem Teufel, als seine persönliche Faust-Tragödie beschreiben.

Wir schreiben das Jahr 1866. Dostojewskis Bruder ist kurz vorher verstorben und hatte dem Schriftseller neben seiner Witze und deren vier Kindern auch noch einen Schuldenberg hinterlassen. Dostojewski selber ist gerade daran, seinen Roman Schuld und Sühne zu schreiben, welcher über mehrere Monate im Feuilleton einer Zeitung erscheint, als er von diesem finanziellen Desaster getroffen wird. In seiner Not erbittet er von einem Verleger einen Vorschuss von 3000 Rubel auf einen in kurzer Frist zu schreibenden Roman. Sollte dies nicht gelingen, gingen alle Rechte an allen bisherigen Romanen sowie am in Entstehung befindlichen an den Verleger über.
Die Rettung kommt in Form der Stenografin Anna Snitkina und seiner eigenen Spielsucht. Diese beiden Zutaten plus noch eine Inspiration durch Alexander Puschkins Pique Dame führen dazu, dass Dostojewski das fast Unmögliche möglich macht: Tagsüber diktiert Dostojewski Anna das, was er sich in der vorhergehenden Nacht ausgedacht hat, überarbeitet dann die getippten Entwürfe tags darauf und diktiert weiter. Nach 26 Tagen steht der Roman schwarz auf weiss da und kann dem gnadenlosen Verleger am 1. November 1866, zwei Stunden vor Ablauf der Frist, übergeben werden.

Was hier so einfach klingt nach dieser schreiberischen Meisterleistung, hat aber auch noch seine Tücken: Der Verleger (Stellowski hiess der Mann) sah seine Felle wohl schon davon schwimmen und verliess St. Petersburg am 31. Oktober, um die Übergabe – sollte sie denn stattfinden wollen – zu verunmöglichen. Er hat die Rechnung ohne Anna Snitkina gemacht, welche das Manuskript einem Notar aushändigt, welcher daraufhin die fristgerechte Ablieferung belegen kann.

Dostojewski und Anna heiraten übrigens kurz darauf.

Zum Werk

Der Spieler ist ein eher schmales Werk im Vergleich zu Dostojewskis übrigen Romanen, dabei aber nicht minder brillant. Die Geschichte wird vom Ich-Erzähler Aleksej Iwanowitch erzählt, welcher das ganze Geschehen stets mit eine Hauch Komik versieht und das Groteske daran offenlegt. Im Sprachduktus folgt der Roman dem Inhalt, er hat etwas Getriebenes an sich, nimmt das Spielfieber des Süchtigen auf.

Trotz des sehr engen Zeitrahmens der Entstehung zeigt sich im Spieler das literarische Können und Kalkül Dostojewskis, zeichnet er doch einen Spannungsbogen, welcher seinesgleichen sucht. Acht Kapitel lang plätschert alles dahin, sieht man sich als Leser endlosen Gesprächen und Scharmützeln ausgesetzt, bis im neunten Kapitel alles auf den Höhepunkt zusteuert: Der Auftritt der alten Dame. Mit diesem Auftritt lösen sich alle Hoffnungen und Absichten auf, der langsame und stete Fall aller Beteiligten nimmt seinen Lauf.

Der Spieler ist nicht nur eine Anlehnung an Puschkins Pique Dame (diese wird vor allem ersichtlich, wenn man sich nur auf die drei Figuren Aleksej, Polina und Antonida konzentriert), er ist auch eine Abhandlung über die eigene Spielsucht, welcher Dostojewski durch die finanzielle Misere verfallen war.

Eckdaten zum Buch

DostojewskiSpieler

Gebundene Ausgabe: 232 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (14. Oktober 2016)
Übersetzung: Alexander Nitzberg
ISBN-Nr.: 978-3423280976
Preis: EUR 22 / CHF 28.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

13 Comments

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      • „Lieber Freund, siehst du denn nicht,
        dass alles das, was unsere Augen schauen
        nur Abglanz ist von Ungesehenem?
        Lieber Freund, hörst du denn nicht,
        dass alles was unsere Ohren hören,
        nur ein Widerhall ist, ein entstellter Widerhall
        von triumphierenden Harmonien?
        Lieber Freund, spürst du, ahnst du denn nicht,
        dass es nur eins auf Erden gibt –
        das ist das, was ein Herz dem anderen
        in einem wortlosen Gruß sagen kann.“

        Svetlana Geier

        Gefällt 2 Personen

  1. Liebe Sandra,

    Habe Dir ja bereits gestern eine kurze PN via Facebook gesandt, doch ich möchte hier nochmals einen Comment einstellen.

    Dostojewski ist einer meiner Lieblingsautoren und deshalb hat mich riesig gefreut, gestern bei Dir die Rezension von «Der Spieler» zu lesen! – Insbesondere zu einer Zeit, in welcher die „westliche Welt“ alles andere als positiv mit dem Begriff Rußland umgeht.

    Habe schon unzählige Romane und Novellen von Dostojewski gelesen.
    Entdeckt habe ich meine Faszination und die Liebe zum Schreibstil dieses außerordentlichen Schriftstellers, als ich mir anläßlich des Kaufes meines ersten E-Book-Readers vor drei Jahren «Die Brüder Karamasow» als erstes Buch downloaded habe. Danach folgte «Raskolnikow bzw. Schuld und Sühne», «Erniedrigte und Beleidigte», Novellen wie «Der Doppelgänger» und «Weiße Nächte» – kurzum ich war so begeistert, dass ich die Bücher regelrecht verschlang. Mit dem Roman «Der Jüngling» konnte ich mich nicht so ganz anfreunden, «Der Idiot» und «Die Dämonen» glichen das wieder aus.

    Was mir allerdings noch richtig im Gedächtnis geblieben ist -sogar einzelne Szenen- ist «Der Spieler». Dieser Roman war wirklich eindrücklich und fesselnd für mich zu lesen.

    Wenn ich nun in Deiner Rezension den Hintergrund mit der Entstehung dieses Romans bei Dir lese, wird mir auch klar, weswegen dieses Werk so viel Eindruck bei mir hinterließ. (Habe dies vorher noch nicht recherchiert). Im Prinzip ist dies ja das Spiegelbild zu Dostojewskis eigenen finanziellen Situation und auch zu seinem spielsüchtigen Charakter – phänomenal, wie im gelang, dies zu formulieren! Und auch die Tragik unter welchen Umständen und in welch‘ irren kurzen Zeit er diesen Roman an den Verleger ablieferte ist umwerfend!

    Und was ich noch anmerken möchte…
    … suche noch immer die sog. Erzählungen wie „Der eifersüchtige Ehemann“ oder die „“fremde Frau“ …. wie sie auf Wikipedia aufgeführt sind https://de.wikipedia.org/wiki/Fjodor_Michailowitsch_Dostojewski#Erz.C3.A4hlungen
    Hast Du mir einen Tipp?

    Und noch etwas…
    … es gibt Romane, wie «Die Brüder Karamasow», die sind so ergreifend, dass ich sie ein zweites Mal lesen muss. Und ich überlege mir ernsthaft, ob ich mir nicht die ganzen Werke als „richtig“ gebundene Bücher anstelle von virtuellen Dateien kaufen soll 🙂

    Nun ist mein Comment fast zu einem Roman ausgeartet.
    Ich hoffe, Du siehst es mir nach – aber Dostojewski ist eben Dostojewski.

    Last but not least…
    … hab‘ Dank für Deine hervorragende Rezension!

    Liebe Grüße bT!NA

    Gefällt 1 Person

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