Max Frisch: Fragebogen IV

Vor einiger Zeit startete ich mit dem ersten Fragebogen von Max Frisch Fragebogen (HIER), der zweite folgte (Thema Ehe: HIER), dann der dritte (HIER) – wir kommen zur vierten Runde, das Thema ist dieses Mal die Hoffnung. Hier ist auch wieder nur eine Auswahl aus den Fragen des Fragebogens, den ganzen findet ihr im am Schluss genannten Buch.

Fragebogen IV

  1. Wissen Sie in der Regel, was sie hoffen?

Meistens schon. Ich bin aber nicht immer sicher, ob es auch gut ist, wenn es eintrifft.

  1. Beneiden Sie manchmal Tiere, die ohne Hoffnung auszukommen scheinen, z. B. Fische in einem Aquarium?

Mit Fischen habe ich keine Erfahrung. Ich beneide ab und an meinen Hund um sein Leben, es muss sehr entspannt und schön sein – so wirkt er auf alle Fälle meistens. Hoffnungen hat er aber durchaus, wie mir scheint. Immer nach dem Abendessen hofft er ganz offensichtlich auf einen Knochen für sich. Und den kriegt er dann auch meistens, da er in seiner hoffnungsvollen Haltung (und vor allem seinem Blick aus Knopfaugen) unwiderstehlich aussieht.

  1. Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?

Wirklich aufgegeben wohl keine – zumindest keine, die ich noch als wünschenswert erachte, wenn sie eintreffen würde. Ich male mir nur die Chancen auf Erfolg ab und an verschwindend klein aus, aber: Die Hoffnung stirbt trotz allem zuletzt.

  1. Kann Hass eine Hoffnung erzeugen?

Das wäre in meinen Augen keine Hoffnung, sondern ein Rachegedanke.

  1. Hoffen Sie angesichts der Weltlage: a) auf die Vernunft? b) auf ein Wunder c) dass es weitergeht wie bisher?

Weder noch. Am ehesten hoffe ich auf ein zunehmendes Bewusstsein, was wir tun, auf mehr Einsicht, dass keiner allein überleben kann, dies nur im Miteinander geht, und auf mehr Menschlichkeit.

  1. Können Sie ohne Hoffnung denken?

Hoffnungslosigkeit ist ein sehr lähmendes Gefühl. Da fällt mitunter alles schwer, auch das Denken. Hoffnungslosigkeit kann aber auch das Resultat von zu viel Denken sein. Wenn man in einer Abwärtsspirale denkt, mögliche negative Folgen ausmalt und alles in düstere Farben kleidet, führt genau dieses Denken zur Hoffnungslosigkeit. Vielleicht ist es dann und wann sogar sinnvoll, mit dem Denken aufzuhören und sich mal abzulenken. Das kann vieles sein: In die Natur gehen, zeichnen, lesen, tanzen, singen – alles, was hilft, den Kreislauf der Gedanken zu unterbrechen. Und dann, wenn wieder Hoffnung da ist, langsam und behutsam wieder zu denken beginnen.

  1. Was erhoffen Sie sich von Reisen?

Neue Eindrücke, Inspirationen, Anreize – aber auch: Eine Auszeit, Ruhe für mich, mal dem Alltag entkommen.

  1. Wenn Sie jemand in einer unheilbaren Krankheit wissen: machen Sie ihm dann Hoffnungen, die Sie selber als Trug erkennen?

Nein, das fände ich nicht richtig. Grundsätzlich würde ich mit ihm über andere Themen sprechen als über seine Krankheit, da er diese ja selber kennt. Wenn er aber darüber sprechen will, dann würde ich ihm zuhören und versuchen, auf ihn einzugehen.

  1. Was erwarten Sie im umgekehrten Fall?

Dasselbe. Ich hasse Lügen, ich hasse Beschwichtigungen oder Schönfärberei.

  1. Muss eine Hoffnung, damit Sie in ihrem Sinn denken und handeln, nach Ihrem menschlichen Ermessen erfüllbar sein?

Wenn eine Hoffnung nur auf Erfüllung eines Zieles ausgerichtet ist, das Handeln und Denken nur Mittel zum Zweck ist dahin, dann wohl kaum. Allerdings erachte ich solche Ziele und Hoffnungen als wenig sinnvoll. Wenn einer nur schreibt, weil er reich werden will, nur malt, weil er umjubelt werden will, selber aber nicht gerne schreibt oder malt, dann sollte er wohl besser damit aufhören, wenn er denkt, es eh nie dahin zu schaffen. Wieso sich vergebens quälen? Wenn man aber gerne malt und schreibt, dabei klar auch mal denkt, es wäre schön, das würde mal jemandem Freude bereiten, dann wird man auch weitermachen, wenn das nie eintritt. Gauguin hätte kein Bild gemalt sonst, Fontane hätte das Schreiben beendet, zu gross waren seine Zweifel oft, Kafka wollte sogar alles verbrennen… er hat es also geschrieben, obwohl er nicht an den Erfolg glaubte. Langer Rede kurzer Sinn: Ich würde keinen Weg gehen wollen, nur um ein Ziel zu erreichen. Wenn ich aber einen Weg mag, gehe ich ihn auch, wenn das Ziel unerreichbar scheint.

  1. Hoffen Sie auf ein Jenseits?

Ich hoffe nicht, dass es das gibt! Irgendwann muss mal fertig sein.

Vielleicht regen euch die Fragen ja auch an? Wenn ihr mitmachen wollt, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mir den Link zu eurem Beitrag in den Kommentar schreibt und/oder diesen Beitrag hier bei euch verlinkt. #FrischsFragebogen

Zum Autor
Max Frisch
Max Frisch (1911-1991), einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, konnte nicht nur mit dem Wort etwas erschaffen: Er arbeitete auch erfolgreich als Architekt. Über journalistische Arbeiten und erste literarische Versuche fand er schließlich seinen eigenen Stil als Autor. In seinen Essays, Erzählungen, Hörspielen, Dramen und Romanen war er nicht nur ein großer Literat, sondern auch ein streitbarer Humanist. Sein kritischer Geist rieb sich an seiner Schweizer Heimat ebenso wie an Demagogen in aller Welt – um doch anlässlich seines 75. Geburtstags ernüchtert festzustellen: „Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb.“ Bekannt wurde er u. a. mit den Romanen „Stiller“, „Homo Faber“ und „Sein Name sei Gantenbein“ sowie Theaterstücken wie „Andorra“ und „Triptychon“.

Angaben zum Buch:
FrischFragebogenTaschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag (24. August 1998)
ISBN: 978-3518394526
Preis: EUR 6 / CHF 9.90

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