Christa Wolf: Kassandra

Inhalt

Kasandra ist die Geschichte der Königstochter und Seherin, die ihren eigenen Tod vorhersieht und ihm entgegen geht, mit dem Vorsatz, bis zum Schluss ihre Bewusstheit und Autonomie wahren zu wollen.

Mit der Erzählung geh ich in den Tod.
Hier ende ich, ohnmächtig, und nichts, nichts, was ich hätte tun oder lassen, wollen oder denken können, hätte mich an ein andres Ziel geführt.[1]

Apollon verleiht Kassandra die Sehergabe. Weil sie seinem Werben nicht nachgibt, bestraft er sie mit einem Fluch: Zwar sieht sie alles, was sich ereignen würde, voraus, aber keiner glaubt ihren Prophezeiungen.

Kassandra wird Priesterin im Tempel des Apollon, soll deswegen – wie alle anderen Mädchen auch – entjungfert werden. In diesem Zusammenhang trifft sie auf Aineias, welcher sie mit sich nimmt, sie aber nicht anrührt. Kassandra verliebt sich in Aineias, verliert ihre Unschuld später aber an Panthoos, den Apollonpriester, welcher sie zur Priesterin geweiht hat. Beim Akt selber stellt sie sich immer vor, er wäre Aineias. Wieso dieser nicht wirklich an der Stelle ist, erschliesst sich nicht ganz.

Später taucht Paris in Troja auf, Kassandra erfährt, dass er ihr Bruder ist. Kassandra sieht voraus, dass dessen Liebe zu Helena, der Gemahlin des Königs Menelaos, Troja in den Untergang führen würde, doch niemand hört auf sie. So sehr sie auch versucht, vor dem Krieg zu warnen – ihre Prophezeiungen versanden im Nichts (als Kassandrarufe).

Nicht die Untat, ihre Ankündigung macht die Menschen blass, auch wütend, ich kenn esvon mir selbst. Und dass wir lieber den bestrafen, der die Tat benennt, als den, der sie begeht.

Es folgen weitere Vorhersagen, die nicht gehört werden, sowie die Verheiratung Kassandras durch ihren Vater mit Eurypylos, welcher allerdings gleich nach der Hochzeit im Kampf fällt. Auch Paris ist mittlerweile tot. Aineias bittet Kassandra, mit ihm zu gehen und an einem anderen Ort ein neues Leben zu beginnen, was Kassandra trotz ihrer Liebe ablehnt. Sie entscheidet sich für ihren eigenen Tod.

Es folgt die berühmte Szene mit dem Trojanischen Pferd, die Griechen haben es vor die Stadtmauern gestellt und damit ein scheinbares Ende der Belagerung signalisiert. Trotz Kassandras Warnungen ziehen die Trojaner es in die Stadt hinein – das Ende Trojas ist damit besiegelt. Die wenigen Überlebenden werden von den Griechen versklavt.

Kassandra wird Agamemnons Sklavin, sie fährt auf seinem Schiff nach Mykene und lässt während der Fahrt die ganze Geschichte Revue passieren. Sie weiss, dass in Mykene der Tod auf sie wartet. Klytaimnestra, Agamemnons Frau, und Aigisthos, ihr Geliebter, werden Agamemnon und Kassandra ermorden.

Für alles auf der Welt nur noch die Vergangenheitssprache. Die Gegenwartssprache ist auf Wörter für diese düstre Festung eingeschrumpft. Die Zukunftssprache hat für mich nur diesen einen Satz: Ich werde heute noch erschlagen werden.

Entstehung

Das Werk ist 1983 gleichzeitig in der BRD und in der DDR erschienen. Es ist ein gesellschaftskritisches Werk, welches anhand der mythologischen Geschichte die innergesellschaftlichen Bewusstseinsprozesse offenlegen will. Zum mythologischen Stoff kam Christa Wolf eher zufällig. Bei einer Reise verpasst sie einen Flug nach Athen und sitzt ohne Literatur in Berlin fest, so dass sie sich dem Vorhandenen zuwendet: Orestie von Aischylos. Von Kassandra fasziniert, forscht sie weiter. Wer sich für die ganze Entstehungsgeschichte interessiert, dem seien die vier im Rahmen der Frankfurter Poetik-Vorlesungen gehaltenen Vorlesungen von 1982 empfohlen: Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra (HIER)

Hintergründe

Kassandra ist in der griechischen Mythologie die Tochter des Priamos und der Hekabe, sie ist die Zwillingsschwester von Helenos sowie die Schwester von Hektor, Polyxena, Paris und Troilos.

Wegen ihrer Schönheit verleiht ihr der Gott Apollon die Sehergabe, er verspricht sich als Dank ihre Zuneignung, die sie ihm aber versagt. In seinem Stolz verletzt verflucht Apollon Kassandra und ihre ganze Nachkommenschaft. Zwar soll sie die Sehergabe behalten, aber keiner wird ihren Weissagungen glauben.

Die tragische Heldin findet sich in den Kassandrarufen noch heute: Warnungen, die keiner hören will.

Für das Verständnis von Christa Wolfs Buch empfiehlt es sich, zuerst die Zusammenhänge der griechischen Mythologie kennenzulernen. Ein Standardwerk ist sicher Die schönsten Sagen des klassischen Altertums von Gustav Schwab.

Hier alle in Wolfs Werk vorkommenden Figuren und ihre Zugehörigkeiten/Beziehungen[2]:

  • Achill: griechischer Held, wird von Kassandra „Achill das Vieh“ genannt (Grieche)
  • Agamemnon: Bruder des Menelaos, Gatte Klytaimnestras, hat seine eigene Tochter Iphigenie geopfert (Grieche)
  • Aias der Große: wird im Zweikampf von Hektor besiegt (Grieche)
  • Aias der Kleine: vergewaltigt Kassandra (Grieche)
  • Aineias: Sohn des Anchises, Geliebter von Kassandra, flüchtet, überlebt (Trojaner)
  • Aisakos: Halbbruder der Kassandra, Sohn der Arisbe, beging Selbstmord, als seine Frau Asterope am Kindbettfieber starb. (Trojaner)
  • Amazonen: Die Amazonen sind Kriegerinnen, die auf der Seite Trojas kämpfen
  • Anchises: Vater des Aineias, eine Art Zweitvater für Kassandra
  • Andromache: Frau des Hektor (Trojanerin)
  • Andron: Bediensteter des Hofes, später Gefolgsmann Eumelos und Geliebter Polyxenas (Trojaner)
  • Aphrodite: Verspricht Paris die schöne Helena. (griechische Göttin)
  • Apollon: Gott der Seher und Musen. Er schenkte Kassandra die Kraft des Sehens (griechischer Gott)
  • Arisbe: Mutter des Aisakos. Lebt in den Ida-Bergen (Trojanerin)
  • Artemis: Göttin der Jagd. Soll Aisakos in einen Tauchvogel verwandelt haben. (griechische Göttin)
  • Asterope: Die Frau des Aisakos, starb am Kindbettfieber (Trojanerin)
  • Athene: Schutzgöttin Athens, ist auf der Seite der Griechen, weil Paris nicht sie als schönste Göttin gewählt hat (griechische Göttin)
  • Briseis: Tochter Kalchas‘, Frau des Troilos, geht nach dessen Tod zu ihrem Vater, zu den Griechen, kehrt aber später zurück und lebt von da an in den Ida-Bergen (Trojanerin)
  • Deiphobos: Zweitältester Bruder Kassandras (Trojaner)
  • Diomedes von Argos (Grieche)
  • Eumelos: Oberster Offizier und Berater des Priamos, spornt zum Krieg an (Trojaner)
  • Eurypylos: Will sich mit Troja verbünden unter der Bedingung Kassandra heirate ihn, fällt nach Hochzeitsnacht (thessalischer Herrscher)
  • Hekabe: Königin Trojas, Kassandras Mutter (Trojanerin)
  • Hektor: Ältester Bruder Kassandras, wird von Achill getötet (Trojaner)
  • Helena: Gattin des Menelaos, wird von Paris entführt, Grund des Krieges (Griechin)
  • Helenos: Zwillingsbruder der Kassandra, Augur (Orakelsprecher) (Trojaner)
  • Herophile: Apollon-Priesterin
  • Hesione: Schwester des Priamos, wird von Telamon entführt und zur Frau genommen (Trojanerin)
  • Iphigenie: Tochter Agamemnons und der Klytaimnestra, wurde von ihrem Vater der Artemis geopfert (Griechin)
  • Kalchas: „der Seher“, läuft von den Troern zu den Griechen über.
  • Kassandra: Ich-Erzählerin, Tochter des Priamos und Hekabe. Sie ist Priesterin im Tempel des Apollon, Außenseiterin, Seherin und ein Beutestück des Agamemnon.
  • Killa: junge Sklavin Achills
  • Klytaimnestra: Gattin des Agamemnon, bringt Agamemnon und Kassandra um, als Rache für die Opferung der Iphigenie (Griechin)
  • Kybele: Geheimnisvolle Göttin, die in den Ida-Bergen verehrt wird
  • Lampos: Brachte Panthoos mit dem ersten Schiff nach Troja
  • Laokoon: Poseidon-Priester
  • Lykaon: Sohn des Priamos‘ (Trojaner)
  • Marpessa: Dienerin und Sklavin, Tochter der Parthena, eine gute Freundin Kassandras, sie zieht die Zwillinge der Kassandra auf. (Trojanerin)
  • Menelaos: Gatte der Helena, König von Sparta (Grieche/Spartaner)
  • Merops: Traumdeuter am Hofe
  • Myrine: Amazone, bewacht das Geschenk der Griechen (hölzernes Pferd) und wird als erste von den heraus kommenden Soldaten getötet
  • Odysseus: Griechischer Held
  • Oinone: Vor Helena die Geliebte des Paris, hat eine besondere Kräuterheilkunde
  • Panthoos: ‚Panthoos der Grieche’ genannt, oberster Apollon-Priester
  • Paris: Bruder der Kassandra, hätte getötet werden sollen, da ein Fluch auf ihm liegt, wuchs bei Hirten auf, Helena wird ihm von Aphrodite versprochen, entführt sie. (Trojaner)
  • Parthena: Amme der Kassandra, Mutter der Marpessa
  • Patroklos: Cousin und „Liebesfreund“ Achills (Grieche)
  • Penthesilea: Anführerin der Amazonen
  • Polyxena: Schwester Kassandras, lockt Achill in den Tempel wo er von Paris getötet wird, von Odysseus dem Achill geopfert (Trojanerin)
  • Priamos: König von Troia, Vater der Kassandra
  • Pythia: Göttin des Ruhmes und der Ehre
  • Telamon: Spartaner, der Hesione entführte
  • Troilos: Bruder der Kassandra, wird am ersten Kriegstag von Achill getötet (Trojaner)
  • Trojanisches Pferd: Erfindung des Odysseus; die Griechen täuschten ihre Abreise vor, versteckten sich jedoch im riesigen Trojanischen Pferd. Die Troer nahmen es hinein, da sie dachten, es sei ein Geschenk der Griechen an die Götter und so konnten die Griechen Troja stürmen.
  • Zeus: Gott, Oberhaupt der Götter

Zum Werk

Christa Wolf berichtet aus der Sicht von Kassandra über den Mythos des abendländischen Patriarchats. Im Beuteschiff von Agamemnon sitzend, überdenkt sie ihr Leben, überdenkt ihr Streben nach Bewusstheit und Autonomie.

Ich will die Bewusstheit nicht verlieren, bis zuletzt.

Lieber geht sie in den Tod, als ihr Leben einem Mann anzuvertrauen. Lieber ergibt sie sich ihrem Schicksal, als sich aufzugeben. Sie ist damit eine Aussenseiterin in einem System, das für Frauen klare Rollen vorgesehen hat. Diesen Rollen widersetzt sich Kassandra. Auch wenn sie immer wieder zum Objekt gemacht wird, indem sie verheiratet, in Priestergebräuche gepresst und bei Nichtbefolgen des männlichen Willens verflucht wird, hält sie an ihrem Subjekt-Sein fest.

Kassandra behandelt aber auch eine Tragik des Menschseins insgesamt: Blind rennen wir ins Unglück, Warnrufe ignorieren wir, wähnen uns in Sicherheit, bis es zu spät ist. Die Trojaner wollten nicht wahrhaben, dass sie besiegbar sein könnten, waren sie doch bislang immer die Sieger gewesen. Dieser Hochmut bedeutete ihren Fall.

Vergeblich versuchen wir uns der Gewalt zu entziehen

Dieser Satz vom Anfang des Buches deutet klar auf den Inhalt desselben: Es geht abwärts, die Spirale dreht unaufhaltsam und die Menschen werden durch Schmerz und Leid mitgezogen. Schwäche und Angst lassen sie dabei immer mehr zu Gehorchenden werden, statt dass sie selber ihr Leben in die Hand nehmen. Dem widersetzte sich Kassandra. Sie wollte selber ihr Leben steuern, auch wenn es in den Tod führte.

Die politische, zeitgeschichtliche und gesellschaftskritische Komponente liegt auf der Hand. Christa Wolf hat mit Kassandra eines der wenigen Zeugnisse abgelegt innerhalb der DDR, welches eine bewusste Gesellschafts- und Selbstanalyse aufweist. Dass sie sich dabei als Kassandra sieht, dafür steht dieses Buch.

Zur Autorin

Christa Wolf wurde 1929 in Landsberg/Warthe (Gorzów Wielkopolski) geboren und lebte in Berlin und Woserin, Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Werk wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter dem Georg-Büchner-Preis und dem Deutschen Bücherpreis für ihr Gesamtwerk. Sie starb 2011 in Berlin.

___________

[1] zit. nach Christa Wolf: Kassandra, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 2008. (HIER)

[2] zit. nach https://de.wikipedia.org/wiki/Kassandra_(Christa_Wolf)#Personen

9 Comments

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  1. Ich habe das Buch gleich nach Erscheinen durch ältere Freunde in der DDR in die Hände bekommen und – als alter „Griechenfan“ seit meiner Lektüre Gustav Schwabs in der Kindheit – verschlungen. (Übrigens hat Schwab viel „Anzügliches“ geglättet, so dass man ihn höchstens als Einstieg für Kinder/Jugendliche nehmen kann: So heisst sein Buch ja auch sinngemäss im Untertitel.) Zum einen war ich wirklich schockiert, dass der Held Achill bei Wolf immer als „Achill das Vieh“ bezeichnet wird – aber die Berechtigung wird einem klar, wenn man mal (endlich) begreift, dass Kampf und Sterben kein Heldentum ist, höchstens, wenn man angegriffen wird (s. das Lied von den jungen Sowjetsoldaten an der „Wolokolamsker Chaussee“.) Wer aber, wie Achill, aufs Menschenschlachten aus ist, ist eben ein „Vieh“ (wobei Viecher sowas bekanntlich nicht tun, und Raubtiere nur zur Ernährung, nicht zum Spass). Trotzdem ging mir beim Lesen zuerst gar nicht auf, dass dies quasi (auch) ein feministisches Buch ist, dass eben die gesamte patriarchale Weltsicht in Frage stellt. Vielleicht lag das auch daran, dass diese meiner Erinnerung und damaligen Empfindung nach im Osten auch gar nicht so dominierend war: Frauen in Leitungspositionen waren so normal, dass mir „Gleichberechtigung“ im weitesten Sinne als das völlig Normale erschien. (Wohl deshalb hab ich die Berichte im Westfernsehen über feministische Aktionen wohl auch immer mit einer Art Unverständnis wahrgenommen: Wie konnte eine moderne Gesellschaft so rückständig sein, dass solche Proteste nötige waren? Nee, da wollte ich nicht leben – trotz Jeans und Schallplatten, die man bei uns nicht direkt kaufen konnte ;-)). Aber die jüngeren Frauen in meinem Umfeld (also ich war 19, die so Mitte 20), haben mir das dann schon gut erklären können, dass das Buch auch noch „bei uns“ Berechtigung hat. Aber im Vordergrund stand m.E. für alle Leser im Osten alles das, was man darin als grundsätzliche Kritik an der DDR-Gesellschaft interpretieren konnte – und das war eine Menge. Andererseits war es auch klar, dass die im Buch ausgedrückte Abscheu vor Krieg und Eroberung sich gut mit der Staatslinie in Übereinstimmung bringen liess, denn das war offizielle Politik. Die DDR hat ihren Sozialismus jedenfalls nicht am Hindukusch verteidigt … oder Krieg in Vietnam geführt (wo übrigens 2000 Bundeswehr-Soldaten „beurlaubt“ teilgenommen haben sollen, samt dem „ausgeliehenen“ Kriegsgerät…).
    Es ist klar, dass Du diese „Ost“-Aspekte nicht oder kaum kennen kannst und sie deshalb in Deiner Rezension nur leicht anklingen. Schliesslich hat Christa Wolf (deren weitere Werke ich danach verschlungen habe, nicht immer ganz ohne Widerspruch) das Buch ja nicht nur für DDR-Leser in einer aktuellen politischen Situation geschrieben, auch wenn dies der Anlass gewesen sein mag. Im Grunde geht es eben doch um „gesamtmenschliche“ Verhaltensweisen. Um es mit dem Titel des neuen Albums von Roger Water (Ex-Pink Floyd) zu sagen: „Is this the life we really want?“ Diese Frage stellt das Buch m.E. auch.
    Apropos: In den „Vorlesungen“, die ja von Christa Wolf im Westen gehalten wurden (wohin sie als international renommierte Autorin reisen durfte, auch nach Athen – ich erst 1990 ;-)), standen in der DDR an mehreren Stellen Auslassungspunkte: „[…]“. Die ausgelassenen Stellen hatten Leute aus der Westversion des Buches abgetippt, und sie kursierten in teilweise kaum lesbaren Durchschlägen. Kopien gabs praktisch nicht. Als ich sie las, habe ich mich allerdings schon gefragt, was an denen jetzt so „staatsgefährdendes“ hätte sein sollen… Überhaupt war ich damals der Meinung, der Staat (der sich ja für das im Grunde bessere Gesellschaftsmodell hielt, nur eben immer in konstanter „Verteidigungsposition“, die zur Rechtfertigung der Freiheitsbegrenzungen immer herangezogen wurde…) könnte doch den lautesten Kritikern (ein Schreihals wie Biermann zählte für mich schon damals nicht zu den ernst zu nehmenden Menschen …) ganz einfach den Wind aus den Segeln nehmen, indem er die Kritik zuliess: Dann wären 90% der Kritik schon mal erledigt, weil sie darin bestanden, dass man ja seine Meinung nicht offen sagen dürfe… 😉 Gorbatschow hat genau das eingeführt und war deshalb unser Held. … aber das ist eine andere Geschichte.
    Nur als Hintergrund ist sie vielleicht wichtig, denn den Satz hier kann ich nicht so stehen lassen: „Die politische, zeitgeschichtliche und gesellschaftskritische Komponente liegt auf der Hand. Christa Wolf hat mit Kassandra eines der wenigen Zeugnisse abgelegt innerhalb der DDR, welches eine bewusste Gesellschafts- und Selbstanalyse aufweist. Dass sie sich dabei als Kassandra sieht, dafür steht dieses Buch.“ – Nein. Im „Gegentum“: Nahezu JEDES Buch oder Kunstwerk im Osten (in meinem Fall auch gerade Rockmusik, insbesondere von Karrussel, den Nachfolgern der Renft Combo) wurde sehr politisch aufgefasst – und jeder „Kulturschaffende“ musste sich dessen auch bewusst sein: Entweder, er thematisierte verklausuliert, aber erkennbar, (zumeist positiv gemeinte!) Kritik (die meisten wollten ja was verbessern, nicht alles abschaffen) – oder er/sie stellte sich auf den „Klassenstandpunkt“ der Staatsführung (Hermann Kant z.B.), dem man zumindest im Nachhinein zugestehen kann, dass er darin richtig lag, dass der Westen ALLES daran setzen und jede Form der Kritik (gerade auch die nicht so offensichtliche) nützen würde, um letztlich den Sozialismus zu stürzen … pardon: uns zu befreien. 😉 Die dritte Möglichkeit, dass jemand sich mit seinen Werken einfach „raushielt“, gab es auch, wurde massiv gefördert … und war grösstenteils für die Leute uninteressant.
    Uff, jetzt weiter packen … 😉

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    • Danke für diesen sehr ausführlichen Kommentar. MIr war schon klar, dass da ganz viel Ost-Geschichte mitspielt, nur denke ich, dass es für mich als Schweizerin eher schwer wäre, da adäquat zu kommentieren, da mir diese Geschichte eher fremd ist (von ein paar Oberflächlichkeiten natürlich abgesehen).

      Zu deinem Einwand bezüglich der Selbstanalyse: Kunst ist per se immer ein Ausdruck des Spannungsverhältnisses Mensch – Umwelt, Mensch – Gesellschaft. Ich hätte vielleicht klarer sagen müssen, dass man das in der DDR – wie du auch sagtest – eher verklausuliert machte, es nicht ganz offensichtlich hinstellte. Nun hat Wolf das durchaus nicht ganz konkret wiedergegeben durch die Ansiedlung ihrer Geschichte in der griechischen Mythologoie, trotzdem ist es – meines Erachtens – ziemlich offensichtlich, was gemeint ist.

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      • ja, klare Zustimmung. Wollte eben genau die „Ostperspektive“ noch erwähnen, da ich denke, dass sie auch für andere (hoffentlich viele) Leser Deines Blogs einen interessanten Zusatzaspekt reinbringt, zu dem nicht nur in der Schweiz, sondern ja auch aufgrund „historischer Umstände“ kaum noch jemand direkt Zugang hat. Tja, die „Dinosaurier“ werden eben auch immer älter (und bekanntlich „trauriger“ 🙂 ). Wer hat schon in 2 historischen Epochen gelebt? Der des „Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus“ (nach off. DDR-Ansicht) … und zurück (meine Ergänzung ;-))

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  2. PS: Zur Kritik an Deinem Satz: eigentlich hätte ich schreiben sollen/wollen, dass jedes halbwegs relevante Buch (d.h. die, die oft in so geringen Stückzahlen gedruckt wurden, dass man Beziehungen haben musste, um ranzukommen… Witzigerweise konnte ich mein eigenes Kassandra-Exemplar und noch einige mehr für meine Freunde im Buchladen des Marinestützpunktes kaufen, auf dem ich stationiert war: also quasi im Herzen des Partriarchats mit z.T. echt archaischen „Regeln“ und Verhaltensmustern 😉 … also jedes halbwegs relevante Buch, Rockmusikstück etc. zeigte eine „bewusste Gesellschafts- und Selbstanalyse“ – selbst dann, wenn sie in deren offenkundiger Verweigerung nach aussen bestanden haben sollte: Es wurde sehr wach registriert, wenn ein Künstler sich irgendwie in „Innerlichkeit“ oder so zurück zog und damit entweder seiner Resignation Ausdruck verlieh oder eben einer Haltung wie: „Ich spiele bei Euch nicht mehr mit.“ Aus meiner Sicht (und ich bin sicher: der meisten meiner Alters- und ZeitgenossInnen 😉 galt wirklich der alte 68er-Satz: „Alles ist Politik.“ … zumindest in der Form: „Alles ist gesellschaftlich relevant.“ Aber auch das wurde von der „Staatspropaganda“ ja ständig gepredigt 😉

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    • So sehe ich das durchaus auch – man siehe meinen letzten Kommentar 😉 Gutes Packen dir, der Endspurt naht…. *sniff Aber: ich komme dich besuchen, habe schon nach Flügen und Möglichkeiten geschaut, um zu wissen, was das etwa bedeutet!!

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