Verbundenheit mit der Welt

Über Verbundenheit, Entfremdung, Handeln und Liebe

Manchmal gibt es Momente, in denen es sich anfühlt, als stünde ich neben mir und beobachte mich selbst, wie ich in dieser Welt stehe. Es ist, als wäre ich eine Art Knotenpunkt, durch den vieles hindurchgeht: Stimmen, Erwartungen, Erinnerungen, Möglichkeiten, Verletzungen, Hoffnungen. Ich sitze an einem Tisch, gehe durch eine Stadt, höre jemandem zu, lese eine Nachricht, sehe ein Kind auf der Strasse spielen oder einen alten Menschen allein an einer Bushaltestelle stehen, und mir wird förmlich vor Augen geführt: Ich bin nie einfach nur ich, ich bin immer ich in einer Welt. Diese Welt ist nicht Kulisse, nicht Hintergrund, nicht blosses Material, aus dem ich mir mein Leben baue, sie ist das, worin ich überhaupt erst zu mir komme. Ich finde mich in ihr vor. Vielleicht beginnt die Frage nach dem Menschen gar nicht beim isolierten Ich, das sich besitzt, sondern beim Menschen in der Welt, in welcher er steht.

Ich bin nicht gefragt worden, ob ich geboren werden möchte. Ich wurde in eine Zeit, eine Sprache, eine Familie, einen Körper, eine Geschichte hineingestellt. Martin Heidegger hat dafür das schwere, aber treffende Wort der „Geworfenheit“ gefunden. Der Mensch findet sich vor, ohne sich selbst begründet zu haben. Er ist da, bevor er weiss, was dieses Da bedeutet.

«Geworfenheit» wirkt grob, wirkt direkt und doch wenig bestimmt. Es klingt wie eine Last, die wir tragen müssen, weil wir keine andere Wahl haben. Und doch ist da nicht nur Last, es schwingt immer etwas anderes mit: Anfang. Hannah Arendt sagte, dass mit jeder Geburt etwas Neues in die Welt kommt. Natalität meint bei ihr nicht einfach biologische Geburt, sondern die menschliche Fähigkeit, anzufangen. Ich bin nicht nur hineingeworfen in eine Welt, die schon fertig und endgültig da ist; ich bin auch jemand, der in dieser Welt etwas beginnen kann. Darin liegt eine eigentümliche Spannung: Ich habe mir die Bedingungen meines Lebens nicht ausgesucht, aber ich bin nicht vollständig durch sie bestimmt. Ich kann auf sie antworten. Vielleicht ist genau das der Ort, an dem Freiheit beginnt: nicht jenseits der Welt, sondern mitten in ihr.

Diese Spannung wird mir oft besonders dann bewusst, wenn etwas nicht aufgeht, wenn eine Situation mich überfordert, wenn ein Gespräch misslingt oder ich mich fremd fühle unter Menschen, denen ich eigentlich nah sein möchte. Es fühlt sich dann an, als entzöge sich mir die Welt, als sei sie nicht verfügbar und schon gar nicht das, was ich mir zurechtlege, damit es zu mir passt. Welt ist Widerstand, Anspruch, Begegnung. Sie stellt Aufgaben, bevor ich weiss, ob ich ihnen gewachsen bin.

In diesem Sinn ist das Leben kein fertiger Plan, den ich nur ausführen müsste. Es ist eher ein Wechselspiel zwischen der Welt, die an mich herantritt, und mir. Ich stehe vor Fragen, die keiner wirklich gestellt hat, und auf die ich keine schnelle Antwort habe: Ein Mensch braucht meine Aufmerksamkeit, ein Konflikt verlangt Haltung, eine Ungerechtigkeit ruft nach Widerspruch, eine Möglichkeit öffnet sich, aber nur für kurze Zeit. Wenn ich dann handle, passiert das nicht immer bewusst und es gelingt auch nicht immer so, wie ich es möchte. Meine Antwort kann vielfältig aussehen: zupackend oder zögerlich, laut oder durch Schweigen, vielleicht weiche ich auch aus. So oder so handle ich, was nach Hannah Arendt bedeutet, dass ich mich in ein Bezugsgewebe eineschreibe, dessen Folgen ich nie vollständig kontrollieren kann.

Hier zeigt sich wohl die Verletzlichkeit des menschlichen Lebens besonders deutlich, denn ich kann nicht handeln, ohne mich zu zeigen, lieben, ohne mich auszuliefern, oder sprechen, ohne missverstanden werden zu können. Ich kann nicht wirklich in der Welt sein und zugleich unangreifbar bleiben. Diese Verletzlichkeit ist die Bedingung von Beziehung. Ich glaube, diese Sehnsucht nach Beziehung ist in jedem von uns angelegt. Es geht dabei nicht nur um spezifische Beziehungen zu Menschen, sondern auf ein tiefes Gestimmtsein: Ich möchte nicht nur in der Welt vorkommen, ich möchte mit ihr verbunden sein. Ich möchte das Gefühl haben, dass mein Tun nicht ins Leere fällt. Dass meine Worte jemanden erreichen. Dass meine Arbeit, mein Denken, mein Lieben, mein Sorgen, mein Schreiben eine Resonanz finden.

Hartmut Rosa hat diesen Begriff der Resonanz stark gemacht: Weltbeziehung gelingt dort, wo die Welt mich berührt und ich auf sie antworte, ohne sie vollständig verfügbar machen zu können. Resonanz ist kein Echo, das einfach zurückwirft, was ich hineingerufen habe. Sie ist eine lebendige Antwort, durch die sich beide Seiten verändern. Wenn ich mit einem Menschen spreche, bleibe ich nicht dieselbe. Wenn ich ein Musikstück höre, das mich trifft, nehme ich nicht bloss Töne wahr; ich werde anders gestimmt. Wenn ich schreibe und ein Gedanke plötzlich Form annimmt, ist es nicht einfach mein Wille, der sich durchsetzt. Etwas antwortet.

Meine Sehnsucht richtet sich auf solche Momente. Auf jene seltene Erfahrung, dass Welt nicht stumm bleibt. Dass ich nicht nur funktioniere, nicht nur Aufgaben abarbeite, nicht nur Rollen erfülle, sondern in ein lebendiges Verhältnis trete. Vielleicht ist Glück gar nicht primär Besitz, Erfolg oder Sicherheit, sondern die Erfahrung: Ich bin gemeint. Ein einem existenziellen Sinn, dass es eine Verbindung gibt zwischen mir und dem, was mir begegnet. Wo diese Verbindung abreisst, kommt es zur Entfremdung. Rahel Jäggi beschreibt diese als gestörte Welt- und Selbstbeziehung. Man lebt weiter, funktioniert vielleicht sogar gut, aber man erkennt sich nicht mehr in dem, was man tut. Das eigene Leben wird äusserlich. Man erfüllt Anforderungen, aber sie sind nicht mehr wirklich die eigenen. Man bewegt sich durch Räume, aber man ist nicht anwesend. Man spricht, aber die Worte gehören einem nicht ganz. Man ist unter Menschen und fühlt sich trotzdem allein.

Ich kenne dieses Gefühl der Entfremdung. Sie beginnt manchmal unspektakulär: wenn ich merke, dass ich mehr reagiere als antworte; dass ich mich anpasse, statt mich zu zeigen; dass ich Dinge tue, weil sie verlangt werden, aber nicht, weil ich mich in ihnen wiederfinde. Es ist ein Unterschied, ob ich auf die Welt antworte oder ob ich bloss auf Reize reagiere. Reaktion ist oft schnell, defensiv, getrieben, Antwort braucht Gegenwart. Sie setzt voraus, dass ich höre, was mich wirklich anspricht. Entfremdung entsteht deshalb nicht nur durch äussere Zwänge, sondern auch durch eine bestimmte Form der Selbstverfehlung. Ich kann mich selbst verlieren, indem ich mich zu sehr schütze. Wenn ich mich unangreifbar machen will, nur noch das zeige, was funktioniert, was überzeugt und was ich unter Kontrolle habe, bin ich zwar da, aber nicht wirklich sichtbar. Ich erscheine als Rolle, nicht als Mensch.

Die moderne Entfremdung besteht vielleicht weniger darin, dass wir keine Welt mehr hätten, sondern dass uns zu viel Welt in falscher Form begegnet. Zu viele Reize, zu viele Ansprüche, zu viele Vergleichsmöglichkeiten, zu viele Oberflächen. Alles spricht uns an, aber wenig erreicht uns. Alles fordert Reaktion, aber wenig ermöglicht Antwort. Wir sind verbunden und doch nicht berührt. Hannah Arendts Begriff des Amor Mundi, der Liebe zur Welt, gewinnt hier eine besondere Bedeutung. Weltliebe meint nicht naive Zustimmung zu allem, was ist. Sie ist keine Beschönigung, im Gegenteil: Nur wer die Welt liebt, kann an ihr leiden, ohne sie aufzugeben. Amor Mundi heisst, die Welt trotz ihrer Brüche als gemeinsamen Raum ernst zu nehmen. Nicht als Besitz, sondern als Aufgabe. Wenn Handeln Antworten bedeutet, dann ist die Welt nicht einfach das Problem, vor dem ich stehe, sondern der Raum, in dem meine Antwort Bedeutung erhält. Ich stehe in ihr als die, welche ich bin, dies auch im ganz körperlichen Sinn. In diesem Körper zeigt sich sowohl die Entfremdung in Form von Enge, Müdigkeit, Unruhe, Verstummen, als auch die Verbundenheit als Aufatmen, als Weite, als Klarheit, als Lebendigkeit. Der Körper weiss oft früher als der Begriff, ob ich in einem Verhältnis stehe, das mich trägt oder verformt.

Vielleicht heisst, in Beziehung mit der Welt zu sein, ein Verhältnis zu finden, in dem ich atmen kann. Ein Verhältnis zur Welt, in dem ich mich nicht ständig beweisen muss. Zu Menschen, vor denen ich nicht nur funktionieren muss. Zu einer Aufgabe, in der ich mich nicht verliere, sondern entfalte. Zu mir selbst, ohne mich abzuschliessen.

Entfaltung ist dabei kein rein innerer Vorgang, sie passiert immer im Kontakt mit der Welt, durch Widerstände, Begegnungen und offene Fragen. Die Welt stellt Aufgaben, nicht im Sinn, als gäbe es vorgefertigte Lösungen, sondern als Zumutungen des Lebendigen: Ein Mensch, der mir widerspricht, ein Verlust, der mich zwingt, neu zu sehen, eine Liebe, die mich öffnet, eine Ungerechtigkeit, die mich nicht ruhig bleiben lässt. Ich löse diese Aufgaben nicht, indem ich antworte. Dabei verändert jede Antwort die Aufgabe, genau darin liegt das Wechselspiel: Die Welt formt mich, aber ich forme auch Welt. Ich bin nicht souveräne Schöpferin meines Lebens, aber auch nicht bloss Produkt meiner Umstände, ich bin Mitspielerin in einem offenen Geschehen. Ich bin nicht allmächtig, aber auch nicht ohnmächtig. Ich habe die Verantwortung, sie liegt zwischen den beiden.

Verantwortung heisst wörtlich: Antwort geben. Nicht auf alles, nicht perfekt, nicht endgültig, aber dort, wo ich angesprochen bin. Es gibt eine Verantwortung gegenüber dem eigenen Leben, es nicht fremd werden zu lassen. Eine Verantwortung gegenüber anderen, sie nicht zu Objekten meiner Angst oder meines Begehrens zu machen. Eine Verantwortung gegenüber der Welt, sie nicht nur zu verbrauchen. Und eine Verantwortung gegenüber der Liebe, sie nicht mit Besitz zu verwechseln.

Vielleicht ist das die Form von Weltverbundenheit, nach der ich suche: nicht Einssein mit allem, nicht harmonische Verschmelzung, sondern ein tragfähiges Dazwischen. Ein Raum, in dem Unterschied nicht Trennung bedeuten muss, in welchem Nähe nicht Besitz und Handeln nicht Selbstbehauptung gegen die Welt ist, sondern Antwort in der Welt. Ich stehe also nicht vor der Welt wie vor einem Objekt. Ich stehe auch nicht über ihr. Ich stehe in ihr, mit anderen, durch andere, gegen Widerstände, in Beziehungen, in Geschichten, in Aufgaben. Ich bin geworfen und anfangend, verletzlich und handlungsfähig, sehnend und antwortend. Meine Entfremdung beginnt dort, wo dieses Verhältnis stumm, äusserlich oder verfügbar wird. Meine Lebendigkeit beginnt dort, wo ich wieder antworten kann. Und frei atmen.


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