Tagesgedanken: Trost der Lyrik

Als ich während meiner Dissertation viel Literatur und Zeugnisse von Überlebenden des Holocaust gelesen habe, stiess ich immer wieder auf Aussagen, dass sie in der Lyrik, in der Literatur Halt und Trost gefunden hätten in diesen grausamen und menschenunwürdigen Zeiten. Beim Lesen von Hannah Arendts Biografie stiess ich auf diese eindrückliche und bewegende Geschichte:

Hannah Arendt und Heinrich Blücher mussten während des Zweiten Weltkrieges aus Deutschland fliehen und sie gingen nach Frankreich. Als die Deutschen Besatzungen Frankreich besetzten, war das Leben auch da nicht mehr sicher. Eines Tages kam der Befehl für Heinrich Blücher, er müsse, wie viele der Flüchtlinge damals, in ein Lager. Heinrich Blücher nahm ein Gedicht von Bertolt Brecht mit auf den Weg, es sollte sein Talisman sein. Das Gedicht hatte da schon eine lange Reise hinter sich: Walter Benjamin hatte es von einem Besuch bei Brecht aus Dänemark mitgebracht und Blüchers übergeben. Hannah Arendt lernte das Gedicht auswendig und gab das gedruckte Exemplar Blücher mit. Für Blücher enthielten diese Zeilen eine persönliche Botschaft, sie versprachen Hoffnung und gaben ihm Halt.

Blücher sprach dem Gedicht magische Kräfte zu, indem er dachte, dass er die als Freunde erkennen würde, die dieses Gedicht verstehen. Bei dem Gedicht handelte es sich um Brechts „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“. Es brachte Heinrich Blücher nicht nur Gleichgesinnte und Kameradschaften, es hatte generell grosse Wirkung im Lager und wurde für viele ein Rettungsanker in der Hoffnungslosigkeit. Besonders eine Stelle mag gewirkt haben:

…dass das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.“

Es bringt wenig Gutes, im Angesicht von Problemen hart zu werden, die harten Bandagen sind selten das geeignete Mittel für eine gute Veränderung. Aus diesen Zeilen spricht die Hoffnung, dass im Zarten und Weichen die Lösung liegt, wir müssen diesem nur genug Raum und Zeit geben – und darauf vertrauen.

#abcdeslesens – T wie The Road Not Taken (Robert Frost)

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;

Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that, the passing there
Had worn them really about the same.

And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads to way,
I doubted if I should ever come back.

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I-
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

Eines der wohl bekanntesten Gedichte von Robert Frost, fast möchte ich sagen, der englischsprachigen Dichtung. Im Spiel mit dem Bild eines Weges, der für den Lebensweg stehen kann, trifft der Gehende auf eine Weggabelung. Welchen Weg soll er beschreiten? Was verspricht der eine, was der andere? Was werden sie beide halten? Vor dem Gehen wird man es nicht wissen, man kann nur Abwägungen machen, die Wege von aussen betrachten, Vorstellungen zu Hilfe ziehen – und dann wird man eine Entscheidung treffen müssen.

Das Ich im Gedicht schaut sich die Wege an, schaut dem einen nach, bis er sich der Sicht entzieht, begutachtet den anderen. Vieles deutet darauf hin, dass beide etwa gleich viel begangen worden sind, und doch gibt es Spuren für das Gegenteil. Beide Wege liegen gleich vor ihm an diesem Morgen. Und so entscheidet sich das Ich für einen, behält sich den anderen für später vor, im Wissen, dass ein Weg oft in einen anderen führt, die Chance also gross ist, dass es nie mehr an den Punkt von heute zurück kehren wird.

Oft im Leben stehen wir vor Entscheidungen und überlegen nach allen Seiten, welche die für uns beste sei. Wir wägen ab, stellen uns Konsequenzen vor und wissen, dass jede Entscheidung für etwas, auch eine gegen etwas anderes sein wird. Nur: Wir können nicht alles haben, wir müssen eine Wahl treffen. Und: Vieles im Leben kommt nicht wieder.

Bemerkenswert ist der letzte Vers. In der ersten Zeile heisst es da, dass das ich dies mit einem Seufzen sagen werde. Das Ich sagt es nicht mal jetzt, sondern erst irgendwann und irgendwo, dann, wenn der Weg gegangen ist und es sehen wird, wohin er geführt hat. Was aber bedeutet das? Ein Seufzen ist keine eindeutige Angelegenheit. Je nachdem, wie man seufz, kann es Erleichterung oder Bedauern ausdrücken. Wir wissen nicht, welche Art des Seufzen es hier sein wird.

Und dann wird alles nochmals zusammengefasst: Wir haben die klare Ausgangslage der zwei Strassen, die sich trennen in einem Wald. Und dann folgt die Entscheidung: Das Ich nimmt den Weg, der weniger begangen ist. Und das macht den ganzen Unterschied. Was nun so klar daliegt, ist allerdings alles andere als klar. Wir wissen nicht, welchen Unterschied das macht, ob dieser positiv oder negativ ist für das Ich, das den Weg gegangen ist. Und vermutlich ist das gar nicht wichtig. Nur schon das Treffen einer Entscheidung hat einen Unterschied gemacht, indem ich nämlich weiter gehe im Leben und nicht stehen bleibe. Einmal getroffen, gilt es, den Weg zu gehen. Bis sich wieder neue Weggabelungen zeigen.

Ich konzentriere mich in meinem Blog und auch in meinem Lesen allgemein mehrheitlich auf deutschsprachige Literatur, doch gibt es so ein paar Lieblinge aus anderen Ländern, die ich nicht missen möchte. Robert Frost ist einer davon. Die Schwierigkeit, die sich dabei zeigt, ist die des Übersetzens – gerade in der Lyrik (sie ist aber auch in der Prosa ein grösseres Thema, als landläufig angenommen wird, da ein falscher Sprachduktus in der übersetzten Sprache das ganze Buch komplett verändern kann und viel vom Charme wegfällt, welchen das Original hatte). Zwar verstehe ich Englisch durchaus ziemlich gut, was bei anderen Sprachen leider nicht mehr der Fall ist, ich habe mich bei diesem Gedicht aber doch um Übersetzungen bemüht, vor allem auch, weil ich das Gedicht so liebe und es auch Menschen zugänglich machen möchte, welche im Englischen nicht so bewandert sind.

Deutsche Übersertzung von Lars Vollert:

Ein Weg ward zwei im gelben Wald.
Betrübt, dass ich nicht beide gehen
Und Einer sein kann, macht’ ich Halt
und sah dem einen nach, der bald
im Dickicht war nicht mehr zu sehn.

Ich nahm darauf den andern dann.
Sein gutes Recht gewährt’ ich ihm:
Das Gras stand dort schon wieder lang,
obgleich er durch der Leute gang
genauso ausgetreten schien.

Auf beiden an dem Morgen lag
das Laub von Tritten nicht zerdrückt.
Dem ersten blieb ein nächster Tag!
Weil eins zum andern führen mag,
ahnt’ ich, ich käm wohl nicht zurück.

Ich sag mit einem Seufzen sicherlich,
wenn viele Jahre ich verbracht:
Ein Weg ward zwei in einem Wald, und ich –
ich nahm den einsamen für mich,
das hat den Unterschied gemacht.

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Literaturhinweis:
Robert Frost: Promises to keep. Poems Gedichte, Übersetzung und Nachwort von Lars Vollert, C. H. Beck textura, 9. Auflage, München 2016.

#abcdeslesens – S wie «Sieh nicht, was andre tun» (Christian Morgenstern)

Sieh nicht, was andre tun,
der andern sind so viel,
du kommst nur in ein Spiel,
das nimmermehr wird ruhn.

Geh einfach Gottes Pfad,
lass nichts sonst Führer sein,
so gehst du recht und grad,
und gingst du ganz allein.

Eine lyrische Analyse wird hier eigentlich überflüssig. Klar könnte man den Klammerrein anmerken, den jambischen, regelmässigen Fluss, aber es erscheint nicht nötig. Wir haben hier ein kleines, feines Gedicht, das viel Lebens-Wahrheit in sich trägt. Kurz gesagt bringt es folgende Botschaft an den Leser:

Sei du selbst und alles ist gut.

Wir neigen oft dazu, uns an anderen auszurichten, sie zum Vorbild zu nehmen. Dann stehen wir da, vergleichen uns und sind mit uns unzufrieden. Wie viel besser wäre es, so zu sein wie der andere. Nur: Selbst wenn wir das hinkriegten, wenn wir so wären, wie der andere, bliebe ein Problem – nein, es bleiben mehrere: Wir wären nicht mehr wir selber, insofern nicht mehr authentisch. Wir hätten eine Rolle übernommen, die wir nun spielen. Und in diesem Spiel werden wir nie zur Ruhe kommen, weil unser Naturell, uns zu vergleichen, uns sicher bald einen Nächsten bringen wird, dem wir noch besser nacheifern würden.

So gehen wir rastlos durch das Leben auf der Suche nach dem besten Ich, welches wir aber nie sind, da wir fremde Massstäbe übernehmen. Erst wenn wir uns auf unser eigenes Sein verlassen, wenn wir unseren eigenen Weg gehen, werden wir zur Ruhe kommen. Dann wird es nicht mehr nur ein Rollenspiel sein, sondern ein Leben aus tiefstem Herzen, ein authentisches und echtes Leben. Unser Leben.

#abcdeslesens – R wie «Römische Fontäne» (Rainer Maria Rilke)

Borghese

Zwei Becken, eins das andere übersteigend
aus einem alten runden Marmorrand,
und aus dem oberen Wasser leis sich neigend
zum Wasser, welches unten wartend stand,

dem leise redenden entgegenschweigend
und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand,
ihm Himmel hinter Grün und Dunkel zeigend
wie einen unbekannten Gegenstand;

sich selber ruhig in der schönen Schale
verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,
nur manchmal träumerisch und tropfenweis

sich niederlassend an den Moosbehängen
zum letzten Spiegel, der sein Becken leis
von unten lächeln macht mit Übergängen.

Rilke hat dieses Gedicht im Jahr 1906 in Paris geschrieben (es erschien in den «Neuen Gedichten»), er dürfte beim Schreiben aber an seine Reise nach Rom gedacht haben, wo er mit seiner Frau Clara war und oft den Borghese-Garten besucht hatte. Rilke empfand diesen Garten als Zuflucht, als Ort der Stille im lärmig-lauten Rom, mit dem er sich nicht richtig anfreunden konnte.

Das Sonett besteh aus einem einzigen Satz, der sich über die Strophen ergiesst, wie das Wasser es beim Brunnen tut. Wie bei seinen anderen Ding-Gedichten fehlt auch hier ein lyrisches Ich, der Brunnen steht für sich allein und das Wasser fliesst ungehindert. Es ist quasi eine Selbstbegegnung des Wassers mit sich selber, wir haben hier auch kein Geben und Nehmen wie zum Beispiel bei Meyers Gedicht zum selben Brunnen. Bei Rilke ist es ein Fliessen und wartendes Empfangen.

Zentral erscheint in diesem Gedicht die Ruhe, keine Hektik ist zu spüren, kein Lärm, alles ist langsam, leise, sanft. Es wird gewartet, sich geneigt, sich gezeigt, gelächelt. Zwei Becken liegen übereinander, aus dem einen neigt sich das eine leise und redet ebenso, das andere wartet und schweigt. Im Brunnen spiegelt sich ruhig sich ausbreitend der Himmel, fast verborgen. Er gehört da hin, denn er verspürt kein Heimweh, ist also nicht am falschen Ort – anders als Rilke in Rom. Und wohl auch anders als Rilke im Leben, war er doch ohne eigentliches Heim, immer auf der Durchreise und wohl doch mit einer Sehnsucht nach Heimat im Herzen.

Aus dem ganzen Gedicht dringt die Stille, derer Rilke so sehr bedurfte in dem hektischen Rom. Damit tut er schreibend das, wozu Gedichte beim Lesen so oft dienen können: Er schafft mit dem Gedicht einen wohltuenden Ort inmitten eines Raumes, in welchem er sich unwohl fühlt.

Zum Autor
René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wird am 4. Dezember 1875 in Prag, welches damals zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Glücklich kann man seine Kindheit wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.

Rilke ist ein Nomade, wohnt an keinem Ort lange, hält es mit keiner Frau lange aus, mag Beziehungen eher auf Distanz als in der Nähe. Seine einzige und wirkliche Liebe scheint der Dichtung zu gehören. Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

#abcdeslesens – Q wie «Quai du Rosaire » (Rainer Maria Rilke)


Brügge

Die Gassen haben einen sachten Gang
(wie manchmal Menschen gehen im Genesen
nachdenkend: was ist früher hier gewesen?)
und an die Plätze kommen, warten lang

auf eine andre, die mit einem Schritt
über das abendklare Wasser tritt,
darin, je mehr sich rings die Dinge mildern,
die eingehängte Welt von Spiegelbildern
so wirklich wird wie diese Dinge nie.

Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie
(nach einem unbegreiflichen Gesetz)
sie wach und deutlich wird im Umgestellten,
als wäre dort das Leben nicht so selten;
dort hängen jetzt die Gärten gross und gelten,
dort dreht sich plötzlich hinter schnell erhellten
Fenstern der Tanz in den Estaminets.

Und oben blieb? – – Die Stille nur, ich glaube,
und kostet langsam und von nichts gedrängt
Beere um Beere aus der süssen Traube
des Glockenspiels, das in den Himmeln hängt.

Ein Gedicht voller Bilder, ein Gedicht, das anschaulich macht, was nur zu fühlen ist beim Gang durch die Stadt. Brügge sei es, steht oben. Das ist verwunderlich, als im Gedicht vorkommt, die Stadt sei vergangen, was mit Brügge nie passiert ist, blieb diese doch verschont im Krieg. Ob das Vergehen der Zeit gemeint ist, der Wandel durch die Zeiten hindurch? War Brügge früher Handelszentrum, nahm die wirtschaftliche Stellung in der Neuzeit ab, die Industrialisierung hat sie nicht mehr mitgemacht. Ob das Erbe der alten Zeiten noch in den Gassen hängt?

Es ist Abend, die Kanäle rund um die Stadt haben klares Wasser, in welchen sich die Häuser spiegeln. Ein Spiegel ist nie das, was wirklich ist, es ist ein Abbild. Von diesem Abbild erzählt das Gedicht, welches wiederum ein neues Abbild schafft, indem es Gefühle und Stimmungen in Worten ausdrückt und sie so erfahrbar macht. Als Leser sind wir nun mit einer Wirklichkeit betraut, welche es eigentlich nicht gibt, die aber doch durch die Worte hindurchschimmert als Ahnung dessen, was sein könnte.

Während das Hier und heute schnell und hell und gross erscheint und als Leben in den Kneipen tanzt, bleibt leise die Ahnung dessen, was war, in den Gassen, die in der Abendstille daliegen. Und diese Stille ist es, die Rilke als die wahre Schönheit, als süsse Traube des Himmels, sieht.

Ein Gedicht voller bildsprachlicher Schönheit, das dazu aufruft, hinzuschauen, nicht einfach blind durch die Gassen und Strassen zu gehen, sondern offen zu sein für die Schönheiten, die sich zeigen, für die Geschichten, die versteckt lauern, für die Gefühle, die sich einstellen können, wenn man offen bleibt.

Zum Autor
René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wird am 4. Dezember 1875 in Prag, welches damals zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Glücklich kann man seine Kindheit wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.

Rilke ist ein Nomade, wohnt an keinem Ort lange, hält es mit keiner Frau lange aus, mag Beziehungen eher auf Distanz als in der Nähe. Seine einzige und wirkliche Liebe scheint der Dichtung zu gehören. Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

#abcdeslesens – P wie „Der Panther“ (Rainer Maria Rilke

Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

Der Panther ist wohl eines der bekanntesten Dinggedichte Rilkes. Bei Dingggedichten werden leblose oder lebendige Objekte zum Sujet des Gedichts, sie tragen die Botschaft. Rilke gilt als Schöpfer der Dinggedichte, sie sind bei ihm vor allem in den Neuen Gedichten (1907/08) zu finden.

Der Panther hat drei Strophen mit je vier Versen, die als Reimschema jeweils den Kreuzreim aufweisen. Auffällig ist auch der Binnenreim in der dritten Zeile, des Weiteren die Häufung des Umlauts ä, welche dem Gedicht einen eigenen Klang geben. Der Rhythmus mit dem stets gleich bleibenden jambischen Metrum nimmt den Inhalt auf, er wirkt träge. Indem man das Gedicht laut liest, spürt man die Bewegung des Panthers förmlich. Man sieht und hört, wie er hinter Stäben hin und her geht, wie er ganz auf sich zurückgeworfen ist, weil da ausser tausend Stäben keine Welt mehr zu sein scheint.

Indem Rilke den Panther von aussen beschreibt, in der ersten Strophe den Blick, dann den Gang, schliesslich das Auge, von wo er im Herzen landet, legt er gleichzeitig die Innensicht des Panthers offen. Wie der Blick scheint auch der Panther müde, er läuft nur in dem ewig gleichen Rhythmus hin und her. Zwar sieht man noch die Kraft, die in ihm steckte, allein sie ist betäubt – wie es auch sein Wille ist.

Und doch gibt es Momente, da wird er wach, da sieht er ein Stück Welt, die ihm ins Herz dringt, wo alles wieder endet. Danach könnte das Gedicht wieder von vorne beginnen.

Der Erfolg des Gedichts kommt wohl unter anderem daher, dass man sich selbst erkennt in diesem Panther. Auch als Mensch ist man oft müde von all den Alltäglichkeiten des Seins, von (von aussen und innen gebildeten) Gefängnissen und Einschränkungen. Man folgt ewig gleichen Pfaden über Tage Wochen, Jahre, glaubt kaum mehr, dass es irgendwann anders sein könnte – ausser vielleicht dann, wenn ein kleiner Hoffnungsschimmer ins Herz sticht, ausgelöst durch ein Bild, ein Wort, einen Gedanken.

Danach nimmt das Leben wieder seinen Lauf. Und man geht ihn mit, Schritt für Schritt in all den Schranken, die um einen sind.

Zum Autor
René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wird am 4. Dezember 1875 in Prag, welches damals zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Glücklich kann man seine Kindheit wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.

Rilke ist ein Nomade, wohnt an keinem Ort lange, hält es mit keiner Frau lange aus, mag Beziehungen eher auf Distanz als in der Nähe. Seine einzige und wirkliche Liebe scheint der Dichtung zu gehören. Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

#abcdeslesens – O wie „Oh Mensch! Gib Acht! (Friedrich Nietzsche, Zarathustras Rundgesang)

Eins!
Oh Mensch! Gib acht!
Zwei!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Drei!
«Ich schlief, ich schlief – ,
Vier!
«Aus tiefem Traum bin ich erwacht:-
Fünf!
«Die Welt ist tief,
Sechs!
«Und tiefer als der Tag gedacht.
Sieben!
Tief ist ihr Weh -,
Acht!
«Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Neun!
«Weh spricht: Vergeh!
Zehn!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
Elf!
«- will tiefe, tiefe Ewigkeit!
Zwölf!

In diesem Gedicht treffen sich Poesie und Musik. Das 1884 geschriebene Gedicht, es ist zentral als Zarathustras Rundgesang in Nietzsches Werk «Also Sprach Zarathustra», wurde 1895 von Gustav Mahler vertont. Damit treffen ein musikalischer Philosoph und ein philosophischer Komponist aufeinander und kreieren quasi ein gemeinsames Kunstwerk.  

Zwölf Glockenschläge dauert das Gedicht. In ihnen ist die Vergänglichkeit des Lebens symbolisiert. Zugleich spricht er das Leid und die Lust des Lebens an, zwei Prinzipien, die bei Nietzsche in Bezug auf das Leben immer wieder zum Tragen kommen.

Nietzsche spricht den Menschen direkt an: Er soll achtgeben. Wovor? Dazu muss man wohl tiefer in den «Zarathustra» eintauchen, sehen, wie er das Leiden, die Schwere der Zeit beleuchtet und immer wieder nach Leichtigkeit, nach dem Tänzerischen im Leben sucht. Was also passte besser als ein Lied, später gar vertont?

Der Tag ist tief, viel tiefer als man denkt. Und in allem steckt das Weh. Es wird nur von einem noch übertroffen: Von der Lust. Während man nun das Leid zum Verschwinden bringen möchte, erhofft man sich von der Lust Ewigkeit – möge sie immer anhalten, möge der Tanz nie enden.

Doch dann kommt der zwölfte Glockenschlag. Und danach ist Schweigen. Wir wissen nicht, was sein wird, es bleibt also nur, zu geniessen, was ist.

#abcdeslesens – N wie „Nicht artig“ (Wilhelm Busch)

Man ist ja von Natur kein Engel,
Vielmehr ein Welt- und Menschenkind,
Und rings umher ist ein Gedrängel
Von solchen, die dasselbe sind.

In diesem Reich geborner Flegel,
Wer könnte sich des Lebens freun,
Würd es versäumt, schon früh die Regel
Der Rücksicht kräftig einzubläun.

Es saust der Stock, es schwirrt die Rute.
Du darfst nicht zeigen, was du bist.
Wie schad, o Mensch, dass dir das Gute
Im Grunde so zuwider ist.

Das Gedicht kommt ganz locker daher, spricht vom Menschen und seinen wenig lobenswerten Eigenschaften, spricht von der Zucht und Ordnung, die es braucht, den Menschen zu einem mit anderen kompatiblen Wesen zu machen, zählt die Mittel auf, die dazu verwendet werden und zieht schlussendlich den Schluss, wie der Mensch sei, nämlich: Von Natur schlecht.

Und man liest als Leser fröhlich mit, freut sich an den witzigen Wendungen und sitzt am Schluss da und fragt sich, ob das alles gewesen ist. Was natürlich nicht der Fall ist. Es gibt durchaus eine «Moral der Geschicht», die aber zum Glück nicht moralinsauer daherkommt, sondern in den witzigen Versen quasi zwischen den Zeilen versteckt ist. Gehen wir sie suchen.

Schon in der ersten Zeile steckt eine Andeutung: «Man ist ja von Natur kein Engel». Busch stellt diese Hypothese in den Raum und legt als quasi Begründung hinterher, dass man ja ein Mensch sei, was – so muss man schliessen – das Engel-Sein per se aussschliesst. Nun ist man natürlich nicht alleine so, rundherum sind ebensolche, das Flegeltum ist angeboren.  Was wäre das für ein trauriges Zusammensein, so die logische Schlussfolgerung aus dem Gedicht, würde man die aufeinander loslassen. Es geht ein Zusammenleben nur, wenn alle lernen, Rücksicht zu haben. Dazu sind harte Mittel erforderlich.

In der nächsten Zeile steckt eine deutliche Nachdenklichkeit: «Du darfst nicht zeigen, was du bist.» Vordergründig natürlich auf die Flegelnatur bezogen, lässt es sich aber auch tiefer lesen: Werden wir nicht von Kindesbeinen an so erzogen, dass wir lernen, auf eine gewisse Weise sein zu müssen, um in diese Gesellschaft mit ihren Anforderungen zu passen? Ist diese Gesellschaft nicht so ausgelegt, dass die in ihr vorherrschenden Regeln und Massstäbe allgemein verbindlich und deswegen ab dem Kindesalter zu vermitteln sind?

Busch schliesst mit der sich aus dem ganzen Argumentationsgerüst vorher ergebenden Schlussfolgerung: Der Mensch ist schlecht, das Gute muss man also förmlich in ihn hineinprügeln. Dass dem nicht so ist, man das nicht so sehen will, zeigt sich wohl am deutlichsten beim Lesen des Satzes. Die Frage, ob das wirklich so sei, schwingt schon beim letzten Wort mit und wird dann lauter. Es bleibt nun noch, über das Gedicht zu lachen und es abzutun, oder aber hinzusehen und zu hinterfragen: Was machen wir eigentlich in unserer Gesellschaft? Wieso sehen wir den Menschen von Natur aus als falsch an, so dass wir das Gefühl haben, wir müssen ihn zuerst passend machen, sprich erziehen, damit er ein passendes Element unseres Miteinanders wird? Wieso haben wir so wenig Vertrauen in die Natur des Menschen, dass wir ihn nicht sich selber sein lassen und ihn in diesem Sein fördern?

#abcdeslesens – M wie „Mondnacht“ (Joseph von Eichendorff

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Es ist eine Mondnacht, doch kommt der Mond nur im Titel vor, im Gedicht fehlt er gänzlich, und doch deutet er auf das Thema das Gedichts hin: Die Sehnsucht, das zentrale Thema der romantischen Lyrik. Wonach aber wird sich hier gesehnt?

Das Gedicht beginnt mit einem Kuss des Himmels zur Erde, welche im Blütenschimmer daliegt und vom Himmel träumt. Darin ist das Bild des nachweltlichen Paradieses ersichtlich, es zielt auf ein Leben nach dem Tod, welches so schön ist, dass man schon auf Erden davon träumt.

Die zweite Strophe lädt und in eine Idylle ein. Wogende Ähren, rauschende Wälder, Luft zieht durch die Felder – oder auch der Atem der Welt, der Lebensatem. Am Himmel sieht man die Sterne stehen, der Mond wird dabei sein und die Welt beleuchten.

Aus dieser Idylle heraus spannt die Seele ihre Flügel auf und fliegt durch das nachtstille Land, sie verabschiedet sich von diesem und geht dem Himmel zu – der Mensch stirbt. In diesem Gedicht erscheint der Tod nicht als bedrohlich, nicht mal als Ende. Er leitet ein Heimkommen dahin ein, wo die Seele hingehört. Die Seele tritt in diesem Bild in die Ewigkeit ein, in ein Leben nach dem Tod, wo sie nach Hause kommt, wo sie an ihrem Platz ist.

Es ist ein tröstliches Bild, eines, das Hoffnung weckt im Angesicht des Todes: Es ist nichts verloren, es ist nichts zu Ende. Der Tod ist ein Übertritt in eine bessere Welt, wohin diese eine Seele vorausgegangen ist. Irgendwann werden wir ihr alle folgen.

#abcdeslesens – L wie „Die Liebe“ (Else Lasker-Schüler)

Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen, Seide,
Wie pochendes Erblühen
Über uns beide.

Und ich werde heimwärts
Von deinem Atem getragen,
Durch verzauberte Märchen,
Durch verschüttete Sagen.

Und mein Dornenlächeln spielt
Mit deinen urtiefen Zügen,
Und es kommen die Erden
Sich an uns zu schmiegen.

Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen, Seide
Der weltalte Traum
Segnet uns beide.

Bei keinem Gedicht brauchte ich mehr Zeit für die Deutung als bei diesem. Wieso? Der erste Gedanke bei dem Gedicht ist bei mir immer wieder: Es gibt nichts zu sagen, es steht alles da und es wirkt. Und ich empfand jeden Ansatz einer Deutung als zu viel, als unangebracht als schädlich, nicht nützlich. Was will ich hier von Reimschemen, von Bedeutungsebenen erzählen? Das Gedicht wirkt. Es ist schön. In seinem ganzen Sein einfach schön. Und bedeutsam. Und doch konnte ich doch nicht… einfach nichts sagen. Und so schicke ich das voraus und die Deutung hinterher… im Wissen, dass manchmal alles mehr als das, was schon wirkt, überflüssig ist. Gerade auch in der Lyrik.

Das Gedicht ist zwischen 1903 und 1905 entstanden und erschien im Gedichtband «Der siebente Tag» zum ersten Mal. 1903 hatte sich Else Lasker-Schüler von ihrem ersten Mann Berthold Lasker scheiden lassen, im gleichen Jahr den zweiten Mann, Georg Lewin, besser bekannt als Herwarth Walden, geheiratet – auch diese Ehe hielt leider nicht lang. Es lässt sich sagen, dass Else Lasker-Schüler von einer grossen Sehnsucht nach Liebe getrieben durchs Leben ging, diese immer wieder erhoffend und doch nie wirklich findend. Dass sich bei einem so zentralen, das Leben durchdringenden Thema Bilder einfinden, liegt auf der Hand. So ist auch dieses Gedicht, das dem Expressionismus zugeordnet werden darf, voller ausdrucksstarker Bilder und Symbole, die auf tieferliegende Ebenen verweisen und die Liebe in einen mystischen, Raum und Zeit überdauernden Rahmen stellen.

Das lyrische Ich liegt mit ihrem Geliebten im Schlaf, durch welchen ein feines Wehen rauscht. Es ist wie Seide, also fein und zart und glänzend, aber auch wertvoll. kostbar, aber auch ein pochendes Erblühen, etwas, das geweckt wird und zum Leben kommt. Des Geliebten Atem trägt das lyrische Ich heimwärts, durch Märchen und Sagen, also Dinge, die schon nicht mehr geglaubt und doch präsent waren. Das lyrische Ich ist durch diese Liebe an dem Punkt angekommen, wo es sich zu Hause fühlt, ganz bei sich.

Die nächste Strophe erhebt sich noch weiter über das Hier und Jetzt. In dem Dornenlächeln ist die Liebe und das Leid symbolisiert, das, wonach das Ich sucht und was es auch erlebt hat. Die urtiefen Züge verweisen auf etwas, das den Sinnen nicht mehr zugänglich ist, etwas, das in zauberhaften Tiefen liegt, göttlichen Ursprung hat. Und zu dieser göttlichen Ebene gesellt sich die Erde als fruchtbares Element, als Ort der Verwurzelung im Hier und Jetzt. Damit ist die Liebe etwas, das zwischen Himmel und Erde existiert, überzeitlich, überweltlich und doch hier und jetzt erfahrbar.

All das liegt in dem feinen, seidigen Wehen, das durch den Schlaf der Liebenden fährt und diese in ihrem Sein segnet. Die Liebe als weltalter Traum, als das, was die Menschen, seit sie auf dieser Welt sind, für sich wünschen und hoffen, die Liebe, die, wenn gefunden, ein Segen ist, liegt diesem Gedicht zugrunde. Man würde der Dichterin wünschen, sie hätte diesen Segen mehr erfahren in ihrem Leben, leider war ihr eine solche dauerhafte Liebe nicht vergönnt. Die Sehnsucht danach hat sie aber – zum Glück für die Leser – in wunderschöne Gedichte gegossen, die der oftmals gefühlten Sehnsucht entsprungen sind.

Zur Autorin
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elberfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor. 

Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.

Rainer Maria Rilke: Einsamkeit

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen, 
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen…


Das Gedicht «Einsamkeit» stammt aus Rilkes Gedichtband «Buch der Bilder» und es macht diesem Buchtitel alle Ehre: Rilke fasst etwas in Worte, das sich eigentlich nur fühlen lässt, das sich der Sprache entzieht. Er schafft wunderbare Wortbilder, die das Unsagbare erfahrbar machen. Die Einsamkeit wird durch eine Metapher zu etwas Handfestem, etwas, das jeder aus der eigenen Erfahrung, aus dem eigenen Leben kennt und darum nachvollziehen kann: «Die Einsamkeit ist wie ein Regen».

Es folgt eine Beschreibung dessen, was in der Natur vor sich geht, wenn es regnet: Das Wasser wird erst aus dem Meer angezogen, um sich schliesslich vom Himmel über die Welt zu ergiessen. Genau das passiert auch mit der Einsamkeit: Sie ergiesst sich zu gewissen Stunden über die Stadt, in Stunden nämlich, in denen der Mensch auf sich selber zurückgeworfen ist, weil die Ablenkung des alltäglichen Lebens wegfällt und nur der Mensch für sich zurückbleibt. Es sind diese Momente, die einen zum Nachdenken bringen, oft fast zwingen, die Momente, in welchen man Bilanz zieht über das, was wir das eigene Leben nennen.

Rilke weist auf die Leiber hin, die nicht fanden, was sie suchten, die dann traurig wieder ihre eigenen Wege gehen, den anderen lassen, wo er ist. Er erzählt von den Menschen, die im selben Bett liegen, obwohl sie sich hassen. Und in all dem steckt das Eine: Die Einsamkeit, die den Menschen in der Situation mitreisst wie ein Fluss.

So gesehen ein tief trauriges Gedicht, aber in meinen Augen steckt auch hier – wie in vielen seiner Gedichte –

Rilkes Sicht des Lebens als Kunstwerk drin, mit welcher sein Satz „du musst dein Leben ändern“ (das ich besser mag als ein „du kannst dein Leben ändern“) einhergeht: Wie oft verharren wir in Situationen, die uns nicht gut tun, nur weil wir uns vor Neuem fürchten? Müssen wir (sinnbildlich) das Bett mit einem teilen, den wir hassen? Hätten wir es nicht in der Hand, Situationen und Stätten, die für uns nur noch leidvoll sind, zu verlassen? Damit hätte das Gedicht auch etwas Mutvolles, etwas, das Selbstwirksamkeit verspricht, wenn man nur genau hinschaut. Und dazu rufen Gedichte immer wieder auf. Trotzdem bleibt zu sagen, dass sowohl das Hinschauen wie auch das Ändern nicht immer einfach ist. Aus dem Grund kennen wohl alle Menschen das Gefühl, das dieses Gedicht so wundervoll bildhaft beschreibt.

#abcdeslesens – K wie „Das Karussell“ (Rainer Maria Rilke)

Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weisser Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
Nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiss ein Junge
und hält sich mit der kleinen heissen Hand,
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weisser Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber –

Und dann und wann ein weisser Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel.

Das Karussell erschien im Buch «Neue Gedichte». In ihnen fehlt mehrheitlich das lyrische Ich, der Schwerpunkt liegt auf dem Gesehenen. Das neue Sehen, das Rilke immer wichtiger wird, zeigt sich in diesen Gedichten gut: Es geht um das genaue Hinsehen, er will nicht einfach gedankenlos vorübergehen und dabei als Blick erhaschen, sondern das Ding an sich, wie es da ist, genau sehen. Das Ding löst sich dabei oft aus dem Alltagszusammenhang und kann eine neue Beziehung eingehen. Das gibt dem Leser Raum für Deutungen, ermöglicht eine Subjektivität des Interpretierens und appelliert an das schöpferisches Vermögen des Lesers.

Die in diesem Sehen und daraus Gedichte Schaffen sich zeigende Liebe zu den Dingen hat Rilke von Paul Cezanne, in dessen Bildern er die Liebe zum Tun an sich erkannte, nicht in der Darstellung von Gegenständen. Aus dem Fokus auf das Ding und nicht ein Ich oder ein Gefühl eines solchen Ichs resultiert ein sachliches Sagen, welches für diese Gedichte bezeichnend ist, im Gegensatz zu den oft emotionalen Gedichten der Vergangenheit. Worum geht es in diesem Gedicht?

Ein Karussell dreht sich Runde um Runde, die immer gleichen Figuren erscheinen. Sie drehen sich im Kreis, ohne Ziel, dienen dem reinen Vergnügen der darauf Reitenden und der Zuschauer. Ein roter Löwe ist zu sehen, einer mit Zähnen und einer Zunge, was zusammen mit seiner roten Farbe für die Aggressivität, die Kraft und Macht dieses Tieres spricht. Das Blau des Mädchens deutet auf dessen Unschuld, auch Schwäche. Es sitzt auf einem Hirsch, dem Tier, das für Mut und Stärke steht, auch für Verantwortung, wozu passt, dass das Mädchen aufgeschnallt ist.

Das Weiss des Jungen deutet auf seine Unschuld hin. Seine Hand ist heiss, er sitzt auf dem Machttier. Ob er nach der Macht greifen will? Steht er schon für die potentielle Gefahr, welche von erwachsenen Jungen ausgehen kann, wenn sie Macht übernehmen, Aggressionen schüren oder ausleben?

Und immer wieder kommt ein weisser Elefant. Unschuld, Friede, Reinheit in unseren Breitengraden, Trauer in asiatischen Ländern (deren Philosophie Rilke nicht fremd war). Die Wiederkehr des Tieres übernimmt die Bewegung des Karussells in die Sprache. Der Rhythmus des Gedichts tut dasselbe. Wir fühlen uns beim Lesen selber auf dem Karussell, tragen es mit unserem Atem voran. Ziellos wie das Karussell selber, einfach dem Ende des Drehens entgegen lesend. Und vielleicht sind auch wir vom Lesen atemlos.

Sieht man im Karussell das Leben, so zeigt sich, dass vieles sich immer weiterdreht, ohne Unterbruch. Verschiedene Phasen lösen sich ab, eine nach der anderen kommt neu in den Blick, immer wieder erleben wir Wiederholungen. Der Trost an diesem Kreislauf liegt darin, dass das, was kommt, auch wieder geht. Das gilt für die schönen Momente, aber auch für die schwierigen. Und immer wieder wird es gut. Und wir lächeln. Und vergessen vielleicht, dass das Ganze ein zielloses, ein blindes Spiel ist, das in sich aber doch eine Schönheit trägt. Wie dieses Gedicht.

Zum Autor
René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wird am 4. Dezember 1875 in Prag, welches damals zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Glücklich kann man seine Kindheit wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.

Rilke ist ein Nomade, wohnt an keinem Ort lange, hält es mit keiner Frau lange aus, mag Beziehungen eher auf Distanz als in der Nähe. Seine einzige und wirkliche Liebe scheint der Dichtung zu gehören. Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

#abcdeslesens – J wie „Jüngst hört ich… (Barthold Heinrich Brockes: Die Frösche)

Jüngst hört’ ich von neuen dem lauten Gewäsche,
dem quarrenden Knarren geschwätziger Frösche,
In ihrer ungestörten Ruh,
Mit einiger Betrachtung zu.
    Mich deucht, daß ihr verwirrt und mancherley Geschrey,
In etwan fünf bis sechserley,
Und mehr Veränderungen nicht, einzutheilen sey.
    Der größte Haufe scheint, auf Menschen Art, zu murren,
Und, um ein Nichts, zu lärmen und zu knurren.
Verschiedne sagen: Merks. Und diese kommen mir
Als Philosophen für.
Mit unbescheidnem Trotz, schien mancher, als ein Lehrer,
Mit einem schärfern Ton, sich über seine Hörer,
Durch nichts, als strengern Schall, sich eifrig zu bestreben,
Hervor zu thun und zu erheben;
Sie schienen mit Gewalt, die andern zu belehren,
Und mit der Lungen mehr, als des Verstandes Kraft,
Verschiedner Sachen Eigenschaft,
Mit gründlichem Bericht, den Hörern zu erklären;
Wovon doch, wie es hieß, verschiedne längst gefunden,
Dass die so wohl, als sie, von allem nichts verstunden.
    Ein kurz, doch hell Gequick, als ein Gepfeif, entfuhr
Verschiednen hier und dort. Dieß ließ, als wenn sie nur
Mit jenen, dass sie sich zu sehr erhüben,
Ein laut Gespötte trieben.
    Noch andre schienen mir, mit unbesorgtem Lachen,
Im warmen Sonnenstrahl, recht lustig sich zu machen.
Und diese Sänger kamen mir,
Von allen, als die Klügsten für.

Wir sehen einen am Froschteich stehen, offensichtlich von den Fröschen ungesehen, denn die quaken ungestört vor sich hin – oder sie sind so in ihrem Tun versunken, dass ihnen der Zuhörer egal ist. Dieser aber hört die Frösche nicht einfach nebenbei, wie wir so oft Dinge wahrnehmen, er hört ihnen genau, mit einiger Betrachtung zu. Bei diesem Hinhören fällt ihm auf, dass nicht jeder für sich quakt, sie sich im Gegenteil in Gruppen einteilen lassen, wovon es nicht mehr als fünf oder sechs gibt. 

Sogleich fühlt er sich an die Menschen erinnert, da die Mehrheit der Frösche wie diese auch murren ohne eigentlich ersichtlichen Grund. Ein paar andere weisen sie auf diesen Umstand hin, diese empfindet er als die Philosophen unter den Fröschen, indem sie auf Fehler hinweisen, aber keine konkreten Lösungsvorschläge oder gar Ratschläge platzieren. Diese Rolle übernimmt die dritte Gruppe, welche er mit den Lehrerin vergleicht, ständig belehrend, dies mit mehr Lautstärke als Verstand, was andere nicht verpassten, zu erwähnen und sich drüber lustig zu machen. 

Und dann gibt es noch eine letzte Gruppe, die sich freut, lacht, das Wetter geniesst. Diese erscheint ihm von allen Gruppen die klügste zu sein. 

Was hier so witzig und locker daher kommt, hat einen tieferen Kern. Das Gedicht zeigt die Natur als Lehrmeister. Wie oft schimpfen und motzen wir selber über Kleinigkeiten, vergessen, dabei das Schöne nur schon zu sehen, von geniessen ist schon gar keine Rede? Wie viele spielen sich über andere auf, indem sie besser zu wissen glauben, wie das Leben funktioniert? Das müssen nicht nur Lehrer sein, ich denke, solche Menschen finden sich in vielen Gruppen und Berufen. Und worauf gründen sie diese Überlegenheit? Wie oft passiert es uns selber mal, dass wir statt mit wirklichen Argumenten mit Lautstärke und Vehemenz zu überzeugen versuchen?

Wäre es nicht sinnvoller, an einem schönen Tag die Fenster zu öffnen für einen offenen Blick und dann die Sonne aufs Haupt scheinen zu lassen, sich daran und am Leben zu freuen und das Leben einfach mal leicht zu nehmen? Schwer wird es ja von selber wieder. Was man von einem Gang durch die Natur nicht alles lernen kann. 

Zum Autor
Barthold Heinrich Brockes (Brooks ausgesprochen) wurde am 22. September 1680 in Hamburg als Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes geboren, wo er zuerst Privatunterricht genoss, danach ins Gymnasium überwechselte. Er studierte Jura und Philosophie, reiste später aus Bildungsgründen und schloss schlussendlich sein Studium mit einer Promotion in Jura ab. Nicht wirklich auf ein Einkommen angewiesen, widmete er sich mehr und mehr seinen literarischen Interessen. Schon seine ersten Werke wurden von namhaften Komponisten vertont, was Brockes zu einem berühmten Mann machte.

Brockes gründete eine Gesellschaft zur Förderung der deutschen Sprache und Literatur, begann das Übersetzen und setzte sich daneben für den Erhalt der patriotischen Angelegenheiten ein, welche er in einer moralischen Wochenschrift thematisierte. Es folgen politische Ämter, wo er sich für das Wohl der Bevölkerung einsetzte und daraus grosse Befriedigung zog. Nach dem Tod seiner Frau schwand seine Freude am Leben, er übernimmt noch einige Ämter, stirbt dann aber sehr unerwartet am 16. Januar 1747 im Alter von 66 Jahren.

#abcdeslesens – I wie „Ich bin traurig“ (Else Lasker-Schüler)

Deine Küsse dunkeln, auf meinem Mund.
Du hast mich nicht mehr lieb.

Und wie du kamst -!
Blau vor Paradies;

Um deinen süsesten Brunnen
Gaukelte mein Herz.

Nun will ich es schminken,
Wie die Freudenmädchen
Die welke Rose ihrer Lende röten.

Unsere Augen sind halb geschlossen,
Wie sterbende Himmel –

Alt ist der Mond geworden.
Die Nacht wird nicht mehr wach.

Du erinnerst dich meiner kaum.
Wo soll ich mit meinem Herzen hin?

Eine Liebe ist zu Ende, die noch vor kurzem ausgetauschten Küsse sind schon nur noch in dunkler Erinnerung. Es gab mal andere Zeiten, paradiesische, süsse, herzerwärmende, sie sind vorbei. Das lyrische Ich muss den Schein aufrechterhalten, das Herz rot anmalen, da die Liebe es nicht mehr rot färbt. Das Leben ist halb gewichen, es fühlt sich an, als wären sie beide halb tot. Selbst der Mond, der die Nacht beschienen hat, ist alt geworden und damit schwach, er vermag seine Arbeit nicht mehr zu tun, die Nacht liegt dunkel. Während das lyrische Ich hadert, trauert, sich erinnert, fühlt es sich selber vergessen und weiss nicht mehr, wohin mit dem eigenen Herzen, da der, dem dieses so zugewandt war, weg ist.

Wieder ein Gedicht einer unglücklich liebenden, ein Thema, das sich wie ein Leitfaden durch Else Lasker-Schülers Werk zieht. Kein Wunder, war sie doch selber zeitlebens auf der Suche nach Liebe und dies nie wirklich auf Dauer glücklich. Es wollte ihr nicht gelingen, eine Lebensliebe zu finden, wozu sie durchaus auch einen Beitrag leistete, war sie in ihrer doch sehr eigenwilligen Art wohl nicht ganz einfach und auch als Mensch schwer fassbar.

„Spielen ist alles.“

Man könnte sagen, sie bog sich ihre Welt zurecht, wie sie sie wollte, sie selber sah es wohl ihrer Devise gemäss als ein Spiel, das Erdichten eines eigenen Leben, so dass dieses Leben selbst schon dichterisches Kunstwerk zu sein schien. Das fing mit dem Geburtstag an, ging mit dem Geburtsort und der Herkunft generell weiter, hin zu Rollenspielen und Übernamen (so zog sie in bunten Gewändern als Prinz Jussuf Flöte spielend durch die Strassen), wo es wohl noch lange nicht endete. Sicher keine einfache Ausgangslage für eine Liebe.

Als Leser sieht man sich einer Trauer ausgesetzt, die kaum einen Ausweg sieht. Das lyrische Ich ist in dieser Trauer gefangen und es hat keine Ahnung, wie es aus dieser wieder rauskommen soll. Wie oft fühlt man sich in einer solchen Trauer allein, gerade weil der, welcher eigentlich da sein sollte, weg ist, gerade durch diesen Verlust. Als Lesender, wenn man selber in einer solchen Situation steckt, kann das tröstlich sein. Man sieht, dass man zumindest mit diesem Gefühl des Alleinseins, mit dieser Trauer um eine verlorene Liebe nicht alleine ist. Da war jemand, der diese Gefühle so gut kannte und der es geschafft hat, diese in ein wunderbares Gedicht zu verweben.

Zur Autorin
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in ELbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 

Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor.  Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.

Eduard Mörike: Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen. 

Der Titel «Septembermorgen» trägt die Jahreszeit schon in sich: Es ist früher Herbst. In den ersten beiden Zielen steht zweimal das Wort «noch». Das deutet darauf hin, dass etwas bald nicht mehr sein wird, aber noch ruht die Welt im Nebel, noch träumt die Natur. Die Nacht hängt noch in den Bäumen, bald wird die Sonne den Himmel erhellen und die Nebelschleier zum Verschwinden bringen. Dann zeigt sich das, was ist: Der Herbst mit seinen kräftigen und doch gedämpften Farben, die Sonne, die nicht mehr ganz so hell scheint, sondern einen Goldschimmer trägt, der sich über die Welt legt.

Auch der Herbst trägt den Abschied in sich. Das Jahr geht langsam zu Ende, es kommt die Zeit des Erntens, um dann die Bäume leer zu lassen. Die Tage werden kürzer, die Temperaturen fallen langsam. Das Leben verschiebt sich mehr und mehr von draussen ins Haus hinein, was für viele auch eine Zeit der grösseren Einsamkeit bedeuten kann. Rilke hat das in seinem Gedicht «Herbsttag» angedeutet, als er schrieb:

«Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.»

Abschied wird häufig mit negativen Gefühlen verbunden, was aber gar nicht sein muss. In östlichen Philosophien ist Abschied eine Chance für einen Neuanfang. Im Hinduismus gibt es die drei Götter Shiva, Brahma und Vishnu – sie stehen für Zerstörung, Neuaufbau und Erhalt. So lange etwas nicht untergeht, können die anderen beiden nicht wirken. Und nur so ist Leben möglich, das immer auch Bewegung heisst, Neues mit sich bringt.

In meinem Leben gab es immer wieder verschiedene Phasen, in denen ich etwas ganz intensiv machte und dann dachte, das wäre das wirklich Eine, das nun bliebe. Doch jede Phase wurde wieder von einer anderen abgelöst, die der vergangenen an Intensität in nichts nachstand. So floss ich von einem zum nächsten, kam zwar zu allem immer wieder zurück, aber auch nur, um dann wieder weiter zu gehen.

Ich habe diese Art an mir oft verflucht, mir gewünscht, dass ich „eindimensionaler“ wäre, fokussierter, auf eine Sache ausgerichteter und nicht mit diesen vielen Interessen bestückt. Ich habe dann irgendwann gemerkt, dass dies mein Wesen ist, dem ich mich nicht entgegenstellen kann. Und es gab ja durchaus Konstanten: Ich habe immer gelesen und immer geschrieben. Die Inhalte mögen sich verändert haben, aber das Tun blieb das gleiche. Und: Ich habe aus allen Phasen was für die nächste mitgebracht. Vielleicht ist es ja im Leben so, dass alles seine Zeit hat, dass man aus jeder Zeit etwas für die nächste lernt. Und immer muss man auch bereit sein, Altes loszulassen, dass wieder Platz für Neues kommt.