Erich Kästner (1899 – 1974)

Sachliche Romanze*

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend sassen sie immer noch dort.
Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt oder wenn die Liebe gestorben ist

Ein traurig-schönes Gedicht über das Sterben einer Beziehung. In leisen Tönen, ohne Moralzeigefinger oder Anklage schreibt Kästner vom auseinanderdriftenden Miteinander und von der Wehmut, die bleibt. Wo ist die Liebe hin und wieso liess sie sich nicht halten? Vielleicht, weil man sie zu lange für selbstverständlich erachtete?

*zitiert aus: Erich Kästner: Lärm im Spiegel, Atrium Verlag, Zürich 2017.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Nähe des Geliebten
(1827)

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.

Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
Der Staub sich hebt;
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
Der Wanderer bebt.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
Die Welle steigt.
Im stillen Haine geh ich oft zu lauschen,
Wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir; du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne:
O wärst du da!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt oder Sehnsucht hat

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Heimfahrt einer einsamen Frau aus einer Gesellschaft

Einsam fährt sie im Wagen nach Haus,
das Fest ist aus.
Der Schwarm zertrieb…
Wer hat sie lieb?

Sie schaudert und friert.
Wie sich so alles hinweg verliert
ins Unabsehbare,
ins Unverstehbare.

Wo bliebt, Freunde, ihr?

Nur die Furcht sitzt neben mir.
Was seid ihr so weit!
Mein Herz schreit – schreit – schreit.

Ein jeder mit seiner Lust,
ein jeder mit seiner Pein,

jedes Herz in seiner Brust
allein, allein, allein.

O wilder Vogel Seele,
den nie einer fängt!
o wilder Vogel Seele,

der nie sein Herz an andre hängt!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man einsam ist

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Nachts im Wald
(1906)

Bist du nie des nachts durch Wald gegangen,
wo du deinen eignen Fuss nicht sahst?
Doch ein Wissen überwand dein Bangen:
Dich führt der Weg.

Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen,
dass du zitterst, welchem Ziel du nahst?
Doch ein Wissen übermannt dein Bangen:
Dich führt dein Weg.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man von der Angst geplagt ist

Ab und an fühlen wir uns verloren: Wo geht der Weg hin? Oft blockiert man sich auch selber mit seinen Ängsten, traut sich kaum, weiter zu gehen, man könnte fallen, man könnte scheitern, man könnte unter gehen. Doch: Wenn man nie den nächsten Schritt wagt, wird man nie sehen, wohin alle Schritte führen könnten. Deswegen hilft es ab und an, zurückzudenken, sich daran zu erinnern, dass man schon Schritte wagte, dass es gut kam! Und mit der Zuversicht dieser Erinnerung kann man dann den nächsten Schritt wagen.

 

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900)

Vom Willen zum Leide*

Vom Willen zum Leide.
Vom Gesicht zum Räthsel.
Von der Seligkeit wider Willen.
Vor Sonnen-Aufgang.
Von der verkleinernden Tugend.
Vom Vorübergehen.
Das Winterlied.
Von den Abtrünnigen.
Die Heimkehr.
Von den drei Bösen
Vom Geist der Schwere.
Die Beschwörung.
Der Genesende.
Von der grossen Sehnsucht.
Von alten und neuen Tafeln
Und noch ein Mal!
Das andre Tanzlied.
Vom Ring der Ringe.

(Ende 1883)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn das Leben mal schwierig ist.

Ist es ein Gedicht? Oder doch nur die Disposition zum Zarathustra, in welchem Nietzsche in hymnischer Prosa über den Denker Zarathustra schreibt und diesem eigentlich die eigene Philosophie in den Mund legt, im Glauben, die zeitgenössische Leserschaft sei dem Werk nicht gewachsen, weswegen er es auch ein Buch für Alle und Keinen nennt? Ist es beides?

Zarathustra propagiert den Übermenschen, den Menschen, der über sich hinauswächst. Es soll ein schaffender Mensche sein, einer, der sich liebt und sich nicht verknechten lässt. Es soll ein Mensch sein, der das Leben liebt und den eigenen Fähigkeiten vertraut – und sie einsetzt in der Tat. Der Mensch soll seinem eigenen Willen gehorchen, nicht dem eines anderen. Er soll sich nicht unterwerfen lassen und selber Verantwortung übernehmen. Er soll mit Mut durchs Leben gehen.

Und wie einer dahin kommt, was es bedeutet, ein solcher Mensch zu sein, das verkündet Zarathustra und das lässt sich auch aus dieser Disposition rauslesen, die durchaus einen zugrundeliegenden Rhythmus hat. Sie beschreibt das Leben, mit allem, was es mit sich bringt: Leid, Rätsel, Seligkeit und Sehnsucht. Es gibt Böses und Schweres, Altes und Neues, einige gehen, andere kommen heim. Nur, wenn man all das annimmt, den Willen hat, es zu tragen, wie es kommt, dann wird man zu dem Menschen, der über sich hinauswächst, der das Leben meistert mit all seinen Hindernissen.

*zit. nach Friedrich Nietzsche: Nachlass 1882 – 1884, Kritische Studienausgabe Band 10

Bertolt Brecht (1898 – 1956)

Sonett Nr. 19

Nur eines möchte ich nicht: dass du mich fliehst.
Ich will dich hören, selbst wenn du nur klagst.
Denn wenn du taub wärst, braucht ich, was du sagst
Und wenn du stumm wärst, braucht ich, was du siehst

Und wenn du blind wärst, möchte ich dich doch sehn.
Du bist mir beigesellt, als meine Wacht:
Der lange Weg ist noch nicht halb verbracht
Bedenk das Dunkel, in dem wir noch stehn!

So gilt kein „Lass mich, denn ich bin verwundet!“
So gilt kein „Irgendwo“ und nur ein „Hier“
Der Dienst wird nicht gestrichen, nur gestundet.

Du weißt es: wer gebraucht wird, ist nicht frei.
Ich aber brauche dich, wie’s immer sei
Ich sage ich und könnt auch sagen wir.

(1939)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt

Man kennt Brecht mehrheitlich anders, zynischer, politischer – aber: Er kann auch so. Eines meiner liebsten Liebesgedichte!

Liebe ist, wenn man auch in dunklen Stunden zueinander steht. Sie ist, wenn man sich dem anderen mit all seinen Schwächen zeigen kann und weiss, er ist da. Gebraucht zu werden und zu brauchen mögen unfrei machen, nur:  Was nützt schon alle Freiheit, wenn man am Schluss alleine ist, ungeliebt, nicht liebend? Udo Jürgens sang dazu mal: „Du sagst, du bist frei, und meinst dabei, du bist alleine…“. Tief im Herzen wollen wir wohl alle das gleiche.

Stefan Zweig (1881 – 1942)

Morgenlicht

(1901)
Nun wollen wir dem Licht entgegen,
Das um die Purpurwipfel rollt.
Das Leuchten flammt auf allen Wegen
Und wächst und wird zum Morgengold.

Die glutumlohten Tannen singen
Und Jubel bricht aus jedem Klang,
Wie kampfbereites Fahnenschwingen
Braust durch den Wald der Höhensang.

Und lauter werden alle Weisen
Und jedes Wesen sucht sein Lied,
Die Schaffenskraft des Lichts zu preisen,
Das nun ins volle Leben glüht.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht für den Morgen