#abcdeslesens – Q wie «Quai du Rosaire » (Rainer Maria Rilke)


Brügge

Die Gassen haben einen sachten Gang
(wie manchmal Menschen gehen im Genesen
nachdenkend: was ist früher hier gewesen?)
und an die Plätze kommen, warten lang

auf eine andre, die mit einem Schritt
über das abendklare Wasser tritt,
darin, je mehr sich rings die Dinge mildern,
die eingehängte Welt von Spiegelbildern
so wirklich wird wie diese Dinge nie.

Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie
(nach einem unbegreiflichen Gesetz)
sie wach und deutlich wird im Umgestellten,
als wäre dort das Leben nicht so selten;
dort hängen jetzt die Gärten gross und gelten,
dort dreht sich plötzlich hinter schnell erhellten
Fenstern der Tanz in den Estaminets.

Und oben blieb? – – Die Stille nur, ich glaube,
und kostet langsam und von nichts gedrängt
Beere um Beere aus der süssen Traube
des Glockenspiels, das in den Himmeln hängt.

Ein Gedicht voller Bilder, ein Gedicht, das anschaulich macht, was nur zu fühlen ist beim Gang durch die Stadt. Brügge sei es, steht oben. Das ist verwunderlich, als im Gedicht vorkommt, die Stadt sei vergangen, was mit Brügge nie passiert ist, blieb diese doch verschont im Krieg. Ob das Vergehen der Zeit gemeint ist, der Wandel durch die Zeiten hindurch? War Brügge früher Handelszentrum, nahm die wirtschaftliche Stellung in der Neuzeit ab, die Industrialisierung hat sie nicht mehr mitgemacht. Ob das Erbe der alten Zeiten noch in den Gassen hängt?

Es ist Abend, die Kanäle rund um die Stadt haben klares Wasser, in welchen sich die Häuser spiegeln. Ein Spiegel ist nie das, was wirklich ist, es ist ein Abbild. Von diesem Abbild erzählt das Gedicht, welches wiederum ein neues Abbild schafft, indem es Gefühle und Stimmungen in Worten ausdrückt und sie so erfahrbar macht. Als Leser sind wir nun mit einer Wirklichkeit betraut, welche es eigentlich nicht gibt, die aber doch durch die Worte hindurchschimmert als Ahnung dessen, was sein könnte.

Während das Hier und heute schnell und hell und gross erscheint und als Leben in den Kneipen tanzt, bleibt leise die Ahnung dessen, was war, in den Gassen, die in der Abendstille daliegen. Und diese Stille ist es, die Rilke als die wahre Schönheit, als süsse Traube des Himmels, sieht.

Ein Gedicht voller bildsprachlicher Schönheit, das dazu aufruft, hinzuschauen, nicht einfach blind durch die Gassen und Strassen zu gehen, sondern offen zu sein für die Schönheiten, die sich zeigen, für die Geschichten, die versteckt lauern, für die Gefühle, die sich einstellen können, wenn man offen bleibt.

Zum Autor
René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wird am 4. Dezember 1875 in Prag, welches damals zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Glücklich kann man seine Kindheit wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.

Rilke ist ein Nomade, wohnt an keinem Ort lange, hält es mit keiner Frau lange aus, mag Beziehungen eher auf Distanz als in der Nähe. Seine einzige und wirkliche Liebe scheint der Dichtung zu gehören. Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

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