Kleine Poesie: Tibetteppich

Else Lasker-Schüler: Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

Kleine Poesie: Im hohen Gras

Joseph Freiherr von Eichendorff: Im hohen Gras

Im hohen Gras der Knabe schlief,
Da hört‘ er´s unten singen,
Es war, als ob die Liebste rief,
Das Herz, wollt ihm zerspringen.

Und über ihm ein Netze wirrt
Der Blumen leises Schwanken,
Durch das die Seele schmachtend irrt
In lieblichen Gedanken.

So süße Zauberei ist los,
Und wunderbare Lieder
Geh´n durch der Erde Frühlingsschoß,
Die lassen ihn nicht wieder.

Im Fluss

Bach-1271

Als wie ein Fass,
das tränenvoll
die letzte noch erhält,
ergiesst sich all
die Trauer nun
in Bächen in ihr Bett.

In wilden Strömen,
weit verzweigt,
mit Gurgeln und
mit Kraft bewegt,
spielt sie des Lebens
zweifach Spiel,

das niemals nur
dem Einen dient.
Wenn etwas stirbt,
lebt andres auf,
was sich ergiesst,
treibt neuen Trieb,

©Sandra von Siebenthal

Kleine Poesie: Herbstbild

Frierich Hebbel: Herbstbild
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Kleine Poesie: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen


Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
(Rainer Maria Rilke: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen)

Schweigemauern

Ein liebes Wort,
Gefühl gezeigt,
fällt häufig schwer –
wie oft man schweigt.

Viel leichter gehen
Tadelworte,
Unmutsgesten,
Wutgeschrei.

Da ist man stark,
da ist man gross,
da zeigt man drauf,
und nicht sich auch.

Dort steckt die Angst,
da zögert man,
was mal gezeigt,
das sieht man dann.

Drum mauern wir
mit Stein und Sand,
und bauen höher
jede Wand.

Auf dass sie schütze,
was uns eigen,
doch der Preis
ist häufig Schweigen,

das verdammt
in Einsamkeit,
das damit nimmt
Gemeinsamkeit.

©Sandra von Siebenthal

Loslassen

Der Morgen dampft,
Ein Schleier liegt,
Im kühlen Frost
Ein Blatt sich wiegt.

Es neigt sich leis
Das Jahr zum End,
Wenn ich dir diese
Botschaft send.

Es war sehr gross,
Es war so viel,
Was wir erlebt,
Ganz ohne Ziel,

Nur mit dem Wunsch
Auf Glück zu zweit,
So gingen wir
Durch diese Zeit.

Wir nahmen mit,
Was sich uns bot,
Genossen sehr
Und ohne Not.

Und wenn es auch
Mal schwierig war,
Es ging uns gut,
Wir warn’s gewahr.

So lassen wir
Das Jahr nun zieh’n,
Und schau’n nach vorn,
Mit dem im Sinn:

Das Leben hält
Noch viel bereit,
Es wartet auf uns
Neue Zeit.

©Sandra von Siebenthal

Getragen wachsen

Und manches Mal
bin ich ein Pilz
so vor Glück strotzend,
wie man’s will.

Und manches Mal
Verlierer gar,
ich weiss schlicht nicht
wie mir geschah

Das Leben geht
oft eigne Wege,
und ich geh mit
und schaue hin.

Ich seh oft Berge
und auch Täler,
sehe Gründe,
abgrundtief.

Erst steh ich da
und bin dagegen,
seh dann hin
und traue mich

Und oft passiert es,
dass ich merke,
grad die Hürde
bringt mir was.

Ich wachse weiter,
nehm das Neue,
füg es ein in
mein So-Sein.

Doch was mir Kraft gibt,
ist der Glaube,
mir sind Menschen,
wohlgesinnt.

Es gibt Menschen
Die mich nehmen,
und mich lieben,
wie ich bin.

Dafür danke ich
schlicht diesem Leben,
und vor allem
dank ich dir!

Du bist der Stern
an meinem Himmel,
Du bist mir Halt
und Lebenszier.

Einem jeden seinen furz

ich fragte mal
wie darf ich sein
und hörte dann
so zart und fein

dann mag ich dich
dann bist du schlicht
so wie ich dich
so will für mich

nur was ist denn
wenn ich mal doch
schlicht aufbegehr
und ach so sehr

die töne treff
und tasten hau
wenn ich so tief
Im gossendeutsch

nach worten grab
und sie hochhol
weil sie so grad
in mir gefühlt

es mag so sein
dass sie nicht sind
wie man sich wünscht
des spraches kind

man kleidet sie
landläufig gern
in samt und zwirn
lässt sie stolziern

doch gott nochmal
wir leben hier
wir sprechen nicht
bloss so
zur zier

wer lebt und schnauft
der wird auch mal
die scheisse auf
der zunge trag’n!

und wer sich stört
dem sage ich
auch du furzt nachts
ganz heimelich

nur ich steh hin
mach’s öffentlich
du willst mir draus
den strick nun dreh’n?

dann reih dich ein
in den verein
der menschen die
mehr schein als sein

©Sandra Matteotti

Lebenswege

Ich sitze so hier und
blick vor mich hin,
ich schaue aufs Meer und
frag nach dem Sinn.

Was wird aus mir werden,
wer möchte ich sein?
Was kann ich gestalten,
wo fliess ich schlicht rein?

Ich habe noch Träume,
doch Pflicht gibt es auch,
wer soll da entscheiden,
Verstand oder Bauch?

Das Meer rauscht ganz leise
und still vor sich hin,
es zeigt sich darin mir
ein tieferer Sinn.

Wir können das Leben
gar selten versteh’n.
Ein jeder muss seinen
ganz eig’nen Weg geh’n.

Wir sind wie die Wellen,
getrieben vom Wind,
wir sind wie die Wellen,
und Windes Kind.

Mal Welle, mal Woge,
mal auch ganzes Meer,
so geh’n wir durchs Leben,
so werden wir mehr.

Wir leben das Leben,
wir wachsen daran,
wir trotzen den Stürmen,
wir kommen voran.

Und wirft uns ein Wind mal,
nen Schritt auch zurück,
der nächste treibt weiter,
wir nennen es Glück.

Doch das ist es nur,
wenn hin zu nem Ziel,
und da kommt das Ich nun
ganz deutlich ins Spiel:

Nicht jedes Ziel ist so
für jeden gemacht,
drum wähle ich meines
bewusst, mit Bedacht.

©Sandra Matteotti

Liebestöter

Worte wie Waffen,
so messerhaft scharf,
erst nur kleine Stiche,
dann Täler gefurcht.

Ein Satz gräbt sich tief
und schaufelt ein Grab;
und eh du’s versiehst,
zieht es dich hinab,

wo in dir, was liebt,
im Dunkel versiegt,
und bleibt nur ein Loch
und dieses Gefühl,

dass wie es mal war,
nie mehr wird sein,
getötet vom Wort,
liegst du da allein.