Geld regiert den Sport

Stell dir vor, es ist Weltmeisterschaft und alle schauen weg

Bald geht es los mit der Fussballweltmeisterschaft in Brasilien. Die Vorbereitungen sind in vollem Gange, es wird geplant, gebaut, geklotzt. Tausende von Menschen werden ihrer Häuser beraubt, Schulen geschlossen, Gelder in der Höhe von drei vergangenen Weltmeisterschaften verschwendet. Brasilien ist im Fussballfieber oder besser: Das Fussballfieber macht Brasilien krank? Ist das Irrsinn oder wirklich noch Sport und Freude?

Wenn in einem Land so viele Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, weil Armut um sich greift, ist es ein Hohn an der Menschlichkeit und ein Schlag gegen die Menschenwürde, wenn man so viel in glänzendes Fussballambiente investiert und die ansässigen Menschen gar noch mit Füssen tritt, indem man Ihnen das Zuhause und die Bildungsmöglichkeiten nimmt. Fussball ist zu einem reinen Finanzgeschäft geworden (nicht erst heute, nicht erst seit Brasilien).  Was schon im nationalen Fussball zu sehen ist, indem die zahlungskräftigsten Mannschaften oft die Ranglisten anführen, nimmt international immer haarsträubendere Formen an.

Schon die Weltmeisterschaften in Südafrika schlugen hohe Wellen. Gefahren und Risiken wurden in den schwärzesten Farben ausgemalt. Das ganz grosse Fiasko blieb aus (keine Tausende von Toten und dergleichen), aber von positiven Effekten (für das Land) ist auch wenig zu sehen.  Eine Studie[1], im Auftrag des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks erstellt, zeigt die eher düsteren Auswirkungen der FIFA Weltmeisterschaften auf Südafrika. Als Fazit kann gelten:

Heute ist es offensichtlich, dass sich die Schätzungen von 2003, in denen Südafrika nur  minimale“ Kosten und „signifikante“ materielle Nutzen versprochen worden waren, ins  Gegenteil gedreht haben.

Das Geld, das nun auch in Brasilien investiert wird, könnte in Anbetracht des Mangels in diesem Land (und auf der ganzen Welt) besser eingesetzt werden. Das müsste nicht mal zwingend auf Kosten des sportlichen Wettkampfes gehen, der könnte trotzdem stattfinden, einfach anders und zu menschen- und umweltfreundlicheren Konditionen. Dabei nun das Argument anzuführen, dass es auch andere Gelder gäbe, welche man umverteilen könnte, so dass niemand Mangel leiden müsste, wäre Milchbüchleinverfahren. Wenn man immer das andere Töpflein als das bezeichnet, aus welchem genommen werden soll, das eigene aber nur gefüllt haben möchte, zeugt das von keiner gemeinschaftlichen und vor allem solidarischen Verteilungspolitik. Wenn nun jeder so denkt, was heutzutage der Fall scheint, wird sich nie etwas ändern und die Schere zwischen Arm und Reich immer noch grösser werden. Die, welche Macht über einen Geldtopf haben, werden ihn verschlossen halten, die, welche des Geldes bedürfen, schauen in die Röhre.

Was zählen die eigenen Bedürfnisse?

Mir läuft momentan die eine Zeile aus Ina Müllers Lied nach:

Hätt’ ich nen Hund, hätt ich nen Grund…

Es kommt so locker flockig daher, frech und keck erzählt das Lied vom Singleleben, von den Zwängen von aussen, von Barbesuchen, die man nicht möchte, denen man nicht entkommt – es sei denn: Man hätte einen Hund. Dann könnte man sagen, es ginge nicht, weil eben der Hund da wäre.

Wieso fällt es uns oft so schwer, zu unseren Bedürfnissen zu stehen? Haben wir andere (Tiere, Menschen….) als Entschuldigung, ist alles kein Problem, wenn nur wir selber und unsere Bedürfnisse Grund sind, schrecken wir davor zurück, anderen abzusagen, wenn wir keine Lust zu deren Plänen hätten. Sind wir uns wirklich so wenig Wert, dass jeder andere, jedes Tier wichtiger und gewichtiger wären als Grund? (Nichts gegen Tiere, ich habe einen Hund und ich liebe ihn sehr.)

Wenn ich meinem Gegenüber sage, ich hätte keine Lust mit ihm auszugehen, ist das in unseren Augen eine Affront gegen das Gegenüber. Schiebe ich den Hund vor, kann sich das Gegenüber wohl fühlen, denn es muss die Abfuhr nicht auf sich beziehen. Das ist unsere Sicht. Nur unterstellen wir dem Gegenüber dann, dass es unser Bedürfnis nicht als Wert genug erachten würde, dass es eine Absage rechtfertigt, so dass es diese direkt auf sich selber beziehen müsste.

Mit dieser Sicht setzen wir nicht nur uns selber herab, sondern auch das Gegenüber, indem wir ihm einerseits absprechen, uns beim Wort zu nehmen, sondern andererseits auch sich selber gegenüber so unsicher zu sein, dass eine Abfuhr gleich persönlich genommen würde. Vermutlich tun wir das, weil wir a) selber so gestrickt sind und b) solches schon oft erlebt haben.

Und langsam wird es ziemlich kompliziert, weil so viele unterdrückten und unbewussten Gefühle in einer einfachen Unlustbekundung stecken, dass es wirklich einfacher scheint, einfach einen Hund vorzuschieben.

Es ist verständlich, es ist menschlich, es ist erprobt und für gut befunden – und es funktioniert, ohne auf einer der beiden Seiten schlechte Gefühle zu wecken. Trotzdem wäre es ab und an nicht schlecht, genauer hinzuschauen, wenn man oberflächliche Gründe vorschiebt, was wirklich dahinter steckt. Und was es für einen selber bedeutet, was es über einen selber aussieht. Jeder ist es Wert, ernst genommen zu werden. Jeder ist es Wert, sich selber ernst nehmen zu dürfen. Und jeder ist es Wert, Freunde zu haben, die ein Nein einfach als das respektieren, das es ist: Das Zeigen der eigenen, persönlichen Grenzen.

Facebook

Facebook ist ein schwieriges Pflaster. Es ist vor allem eines mit vielen Fettnäpfchen und  Stolpersteinen. Entweder sind diese sehr ausgeprägt, dass sie grundsätzlich nicht zu vermeiden sind oder aber ich bin in deren Umfahrung eher ungeschickt, fühle mich von den netten Risiken und Gefahren, auf deren Nebenwirkungen mich noch keiner aufmerksam gemacht hat, zu sehr angezogen. So oder so: ich falle drüber und lande drin – immer wieder.

Zuerst mal ist wohl die geschriebene Sprache schon generell eher anfällig für Missverständnisse. Ich sitze hier vor meinem Computer, haue in die Tasten und denke mir etwas bei dem, das ich schreibe (im besten Falle). Ab und an ziehe ich vielleicht die Augenbrauen zusammen, dann wieder lache ich. Meine Mimik widerspiegelt den in die Zeilen gelegten Sinn und die intendierte Konnotation. Hinter einem anderen Computer sitzt ein anderer, den ich mehr oder minder kenne (und er mich), er liest die Buchstaben so, wie sie am Schirm auftauchen, hat dabei seinen Hintergrund an Textverständnis und Erfahrung und liest so unweigerlich etwas aus diesen Zeilen, das nicht wirklich da steht. Zwar weicht seine Interpretation nicht willentlich oder gar bösartig von meinem Text ab, oft bewegt sie sich innerhalb der Wörter, sie unterschlägt diesen einfach eine Stimmung oder eine Meinung oder fügt beides hinzu. Wenn er das Lachen nicht mitdenkt kann etwas humoristisch gemeintes völlig anders wirken, dasselbe passiert auch bei anderen Auslassungen oder Zusätzen. Oft kann man es auflösen, die Welt (die sich sowieso nicht an Dingen wie Facebook aufhängen sollte, was aber wohl auch selten bewusst passiert)geht nicht unter. Ab und an erwachsen daraus grössere Geschichten und das ist sicher eine der Schwierigkeiten von Facebook.

Ein weiteres Problem, blenden wir mal die Interpretationssache aus, liegt in der Informationsflut, die wir täglich zu bewältigen haben und der wir auch andere aussetzen. Plötzlich ist er da, dieser Drang, alles sagen zu wollen. Vom Aufstehen über den ersten, zweiten, dritten Kaffee bis hin zum Klo und anderen Ausflügen wird alles feinsäuberlich geteilt. Nun wäre dies beim Kaffee, vor allem wenn er in der Folge auch real vor dem Empfänger dieser geteilten Welt stünde, sehr angenehm, andere Mitteilungen sind in dieser Hinsicht sicher schwieriger zu bewerten.

Auch als Leser hat man seine Schwierigkeiten: Je mehr Freunde man hat, desto mehr an Mitteilungen wird man von ihnen verpassen. Sie gehen zu schnell unter in dem ewig fliessenden Strom von Bildern, Musik, politischen Äusserungen, Humor, Sinnsprüchen, Essensberichten, Beziehungsständen und Tagesablaufsinformationen. Und wenn es als Leser passiert, dass man Dinge verpasst, kann der Schreiber ab und an doch sehr pikiert reagieren. Er fühlt sich ignoriert, möchte gesehen, gelesen, wahrgenommen werden. Er fühlt sich übergangen und das breitet negative Gefühle aus. Zwar streitet er diese ab, doch scheint es doch nicht ganz so unwichtig zu sein, es wird immerhin zum Thema – auf die eine oder andere Art. Und was, wenn man irgendwo immer kommentiert, der andere aber im Gegenzug nicht bei einem selber? Ist dann die Welt aus dem Gleichgewicht oder ist man nur starr, wenn man drauf hofft, gleich wichtig für ihn zu sein wie er für einen?

Ein weiterer Punkt sind die verschmähten realen Freunde. Sie lesen etwas im FB, was ihnen so noch nicht bekannt war und fühlen sich plötzlich übergangen oder nur noch als einer von vielen Facebookfreunden, statt der reale gute Freund, der sie dachten zu sein. Sie fragen sich und einen, wieso man nichts gesagt, sie nicht eingeweiht hat, stattdessen aber der ganzen (Facebook)Welt davon berichtet. Sie sind traurig, wütend, verletzt. Und man sieht den Punkt, doch fragt man sich, wann man eigentlich in diese Pflicht kam, sich mitteilen zu müssen? Und ob ein Satz im FB schon so tief geht wie eine persönliche Mitteilung zu einem Freund. Und wann genau der passende Zeitpunkt gewesen wäre dafür. Und ab und an weiss man gar nicht, was man zu gewissen Dingen sagen kann, eine Momentaufnahme macht aber einen Satz draus, der in die Facebookwelt passt, aber noch kein Thema für ein Gespräch ist?

Als ob es bis dahin nicht schwierig genug gewesen wäre, kommen nun noch die wirklichen Risiken und Gefahren. Facebook sei ein Beziehungskiller, es knüpfe Bänder zu Menschen, die sonst nie so leicht entstanden wären und lasse dann etwas entstehen, was so nicht hätte sein sollen in Anbetracht des realen Beziehungsstand, welcher sich in der Folge oft drastisch ändern könne – und es auch oft täte. Das mag gut sein. Ich erhielt gerade gestern ein sehr nettes Angebot einer jungen Frau aus Dakar, sie wollte mich gerne kennen lernen, mir Bilder schicken, sie fand mich nett – das auf Deutsch und Englisch und in kurzen Abständen mehrfach mit demselben Text (das sollte wohl die Ernsthaftigkeit des Ansinnens unterstreichen und die Grösse des Wunsches ausdrücken). Ich fühlte mich in der Tat sehr zugetan und geschmeichelt, war man doch mit so ernsthaften Absichten in den Weiten des Facebook ausgerechnet auf mich gestossen. Nun gut, das Geschlecht stimmte hier in meinem Fall nicht ganz, aber es gibt ja auch die Vorstösse des anderen Geschlechts, die teilweise ähnlich klingen wie das der hochverehrten Interessentin von gestern. Manchmal gibt es aber auch schlichte Vorstösse, die mit einer einfachen und deutlichen Sprache daherkommen: „Hi Sexy.“ Die anschliessende Frage nach dem Befinden ist harmlos, der abschliessende heisse Kuss schon eher sehr forsch, aber wir lernen ja, unsere Gefühle auszudrücken, offen und ehrlich zu sein – so war das in dem Falle bestimmt gemeint.

Doch auch ganz im Ernst hilft Facebook natürlich, Menschen über den Globus miteinander zu vernetzen. Man lernt sich über Diskussionen, gemeinsame Themen und Ideen kennen, fühlt sich durch Hobbies verbunden, gerät in einen Austausch und fühlt sich darin verstanden. Das knüpft Bänder, die im realen Leben (vor allem oft über die Distanzen) nicht entstanden wären. Sicherlich kann das eine Gefahr darstellen für bestehende Beziehungen, da man so auf eine grössere Anzahl von Menschen trifft. Trifft der richtige Mensch (davon gibt es ja nicht nur einen) zur richtigen Zeit (auch der Zeiten sind mehrere) auf die richtige Stimmung, könnte da schon etwas entstehen, was so nicht beabsichtigt oder gar gesucht war. Doch meistens steckte wohl tief drin der Wunsch, etwas zu füllen, was genau auf diese Weise gefüllt wird. Was man dann daraus macht, ist aber immer noch die eigene Entscheidung, es passiert nichts einfach so.

So oder so bleibt Facebook, was es ist: Eine witzige Sache, die mit etwas Vorsicht zu geniessen ist, die man nicht ganz unhinterfragt immer für bare Münze nehmen sollte, deretwegen man das reale Leben nicht völlig aufs Abstellgleis stellen sollte. Trotzdem ist es aber schlicht unterhaltend und ab und an auch sehr bereichernd und neue Sichtweisen eröffnend.

Die Polizei, mein Freund und Helfer

Morgens um halb neun in Zürich, die Strassen sind gedrängt, alle fahren kreuz und quer. Da ich einen Termin auf der anderen Stadtseite habe, die Verkehrssituation kenne, fuhr ich statt der benötigten 30 Minuten 60 Minuten vorher los. Erstens habe ich Zeit, zweitens möchte ich nicht in Zeitnot kommen. Die Rollerfahrt ist traumhaft, der Sommer endlich in der Stadt, alles grün, alles sonnig, ich geniesse es. Links und rechts brausen andere Rollerfahrer an mir vorbei, egal. Ich fahre an der Uni vorbei, spüre wie immer das heimische Gefühl, schwelge ein wenig in Nostalgie, war das für mich doch über viele Jahre so etwas wie meine geistige Heimat. Ich fahre den Hang runter, am Kunsthaus vorbei, denke wieder, dass ich da auch mal rein möchte, als es passiert: Ein silberner Porsche Cayenne schiesst auf mich zu, ich rette mich auf die Tramspur. Der Schreck sitzt mir in den Knochen, ich schaue die blonde Fahrerin an, sie ignoriert mich. Auf der Tramspur kann ich nicht bleiben, bald kommt das nächste Tram, in die Kolonne kann ich nicht zurück, die ist stehend und dicht. Ich fahre runter, sehe von weitem die Polizei, werde rausgeholt. Ich steige ab, merke, ich kann nicht stehen, meine Knie schwanken noch vom Schrecken von vorher. Zum Glück fängt mich die Parkbank auf. Der Polizist herrscht mich an, ich solle wieder aufstehen. Ich erkläre, das ginge nicht, meine Knie schwanken. Ich will ihm die Situation erklären, sie interessiert ihn nicht. Was ich von Beruf bin, ist interessanter. Ich hätte eine Sicherheitslinie überfahren, meint er. Ich will mich erklären, er unterbricht mich und meint, ich könne das dem Richter erzählen, das komme nämlich vor Gericht. Ich frage wieso, er meint, das sei das Gesetz. Ich sage, ich hätte also besser meinen Roller zu Schrott fahren lassen. Er ignoriert meinen Einwand. Ich frage ihn, ob ich mich umbringen lassen soll. Er ignoriert mich. Er spricht in sein Fernsprechgerät. Ich versuche nochmals, mich mitzuteilen, er meint, das sei nicht an ihm, das könne ich alles dem Richter erzählen, ich könne gehen.

Ich versuche, meinen Roller zu besteigen, doch die Knie zittern immer noch zu stark. Ich sitze noch eine geschlagene halbe Stunde auf der Parkbank. Sehe dabei zwei Roller unbehelligt auf der Tramspur runterfahren, während die Polizisten am Strassenrand stehen.

Meinen Termin erreiche ich rechtzeitig, zum Glück hatte ich genug Zeit eingeplant. Wenn ich wieder mal zu früh bin, weiss ich, wie ich die Wartezeit überbrücke: Ich rase auf der Busspur an der Kontrolle vorbei und lasse mich dann mit wackligen Knien ignorieren von der Polizei. Der Richter muss mir dann zuhören…Soviel zu Freund und Helfer.

 

Dass der Porsche an uns vorbei fuhr, als ich mit der Polizei draussen stand, muss ich nicht erwähnen, dass es den Polizisten nicht interessierte, wohl auch nicht. Ein Anruf bei der „Feedbackstelle“ der Stadtpolizei Zürich brachte soviel, dass der Polizist den Tathergang vielleicht einfach nicht gesehen hat (hat er auch nicht, wie auch) und mir nicht glaubte (konnte er nicht, er liess mich diesen ja nie erzählen, trotzdem ich mit den Nerven völlig am Ende war). Immerhin versuchte mich der Beschwerdeempfänger (der – um ehrlich zu bleiben – durchaus nett war am Telefon) zu besänftigen, dass für mich alles gut sei, wenn ich die Busse bezahle, die mir der Richter irgendwann zuschicke….Das beruhigt doch sehr. Es bleibt noch zu sagen: Hurra, ich lebe noch. Mein Nervenkostüm hat gelitten, für heute ist mein Tag gelaufen.

Bewusst sein, bewusst handeln

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Ich wurde aufgefordert, über Bewusstsein zu schreiben. Ein Thema, das mich in den letzten Jahren sehr beschäftigt hat und das mir auch am Herzen liegt. Man könnte es meine tägliche Lebensschule nennen. Natürlich waren die Begriffe „Bewusstsein“ und „Unterbewusstsein“ schon lange bekannt. Im Studium war Freud an allen Ecken und Enden Thema, er hat Wenden in allen möglichen Bereichen herbeigeführt und war in vielen literarischen Werken Thema – selten explizit, sehr oft aber implizit oder thematisch. Darüber hinaus habe ich mich wenig mit diesem Begriff befasst, er war rein theoretisches Gebilde, wissenschaftliche Definition. Alles weit davon entfernt, verinnerlicht zu werden.

Als ich begann, mich mit Yoga zu befassen, war Bewusstsein plötzlich in aller Munde. Alles sollte bewusst sein, das Atmen, das Essen, die Bewegungen, das Sprechen… Zum ersten Mal spürte ich damals ganz bewusst, wie Luft durch meine Nase einströmt, die Luftröhre runter bis in den Bauch, wie der Bauch sich hebt, wieder senkt, die Luft wieder den Weg zurücknimmt und zur Nase ausströmt. Ich wurde gewahr, dass meistens nur ein Nasenloch aktiv ist, die Nasenlöcher nach einer Zeit wechseln. Das war eine sehr spannende Erfahrung.[1] Das Bewusstsein war für mich auf der Matte angekommen. Ab und an nahm ich es ins Leben hinüber, atmete bewusst, wenn mir langweilig war, ich mich beruhigen wollte, ich Angst hatte und mich zu besänftigen versuchte. Es hat oft funktioniert, ich hatte dadurch ein Mittel gewonnen, mein Leben zur Ruhe zu bringen, indem ich bewusst atmete, mich ganz bewusst auf die Luft, die mir Leben und auch Ruhe einflössen kann, konzentrierte. Ich konzentrierte mich dabei auf mich und mein Sein. Eine ganz neue Erfahrung.

Durch diese kleine Übung lernte ich langsam zu sehen, was es heisst, mit Momenten bewusst umzugehen. Wie oft rasen wir durchs Leben, urteilen vorschnell über Dinge, lassen uns zu etwas hinreissen, das bei Lichte betrachtet weder gut noch sinnvoll ist. Wir sehen in dem Moment nur das, was wir gerade sehen wollen in unserer momentanen Stimmung, achten nicht in uns hinein, ob das, was da ist, in und um uns, wirklich den Tatsachen entspricht oder vielleicht doch nur eine Illusion ist. Wer kennt nicht Auseinandersetzungen mit lieben Menschen, in denen der eine ein Wort sagt, welches dem anderen schräg einfährt, dieser darauf reagiert – verteidigend oder gar schon angriffig – und schon bald ist man im schönsten Streit, ohne dass man hinterher noch weiss, wer wirklich angefangen hat und was die Ursache war. Man merkt nur, dass alles ein ganz grosses Missverständnis gewesen ist. Wie kann es dazu kommen?

Wir alle gehen durchs Leben und machen Erfahrungen. Aus diesen lernen wir und verinnerlichen Muster, wie wir in der Zukunft mit gleichen oder ähnlichen Situationen umgehen wollen. Wir legen quasi ein Raster aus Punkten und Strichen an (alles unbewusst), wie wir solche Situationen zukünftig erkennen können. Oft sind es Worte, Gesten oder Blicke, die als Auslöser für die verinnerlichten Muster genügen. Ob die so aufgegriffenen Worte wirklich der Intention entspringen, die wir dahinter sehen, sei dahingestellt. Wir haben nicht auf die momentane Situation reagiert, sondern aufgrund unserer vergangenen Muster. Dieses Verhalten hat seinen Sinn, vor allem evolutionstechnisch. Wenn der Hase immer erst überprüfen würde, ob der Fuchs ihn auch wirklich fressen will, wären Hasen ausgestorben auf dieser Welt. Deswegen ist es sinnvoll, wenn der Hase präventiv die Flucht ergreift, sobald er einen Fuchs sieht. Allerdings sind wir nicht immer Hasen im Angesicht von Füchsen und nicht immer geht es um Leben und Tod.

Ab und an täten wir gut daran, wirklich hinzusehen, was im Hier und Jetzt geschieht, bevor wir unsere innerlichen Muster ablaufen lassen. Dazu hilft es, sich die eigenen Gefühle ins Bewusstsein zu rufen und genau hinzusehen, wie sie ausgelöst wurden, was wirklich gerade passiert ist und ob wir mit unseren Gefühlen tatsächlich auf das aktuelle Geschehen reagiert haben oder aber einem alten Muster folgten. Auf diese Weise könnten wir einige Missverständnisse und auch Verletzungen – eigene und auch die anderer – vermeiden. Zudem würden wir wohl sehr viel über uns selber erfahren und darüber, was uns leitet, was uns geprägt hat, wie wir funktionieren und welchen Mechanismen wir ausgeliefert sind.

Manchmal läuft man mehrmals in dieselbe Falle alter Muster, bis man sie durchschaut. Trotzdem ist es nie zu spät, etwas dazuzulernen und sich vorzunehmen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Wir haben das grosse Glück, jeden Tag eine neue Chance zu haben, unser Leben neu anzupacken.

 


[1] Ich habe diese Übung in praktisch alle meine Yogastunden eingebaut und kann sie jedem nur ans Herz legen. Sich einfach mal entspannt auf den Rücken legen, atmen und dem Atem nachspüren. Versuchen, ihn in allen Bereichen, die er durchfliesst, zu spüren. Auch schön ist in einem weiteren Schritt der Versuch, ihn zu lenken wohin man ihn haben will.

Wollen und Können

Unsere Wünsche sind die Vorboten der Fähigkeiten, die in uns liegen.
(Goethe)

Was Goethe hier sagt, entspricht in weiten Teilen dem, was man heute in den wie Pilze aus dem Boden schiessenden „Ich kann-Schulen“ hört. Wenn man nur genug an etwas glaubt, wird es wahr, heisst es da. Energie folge Energie und der Glaube an die versetzten Berge mache denen Beine. So sehr ich Goethe verehre, in diesem Punkt kann ich ihm nicht zustimmen. Es klingt gut, dass alles in uns angelegt ist, das wir gerne hätten und wollten. Aber ist es tatsächlich so? Ist der Mensch so wenig Individuum, dass in jedem alles steckt, er es nur nicht ausschöpft?

Das erinnert stark an die Einfangparolen der Scientologen früher. Wir nutzen nur einen Bruchteil unserer Fähigkeiten, mit den nötigen Kursen ihrer ach so hilfsbereiten Organisation könne man das ändern. Meist hat nicht das eigene Können zugenommen, eher die Geldbörse ab, aber zu dem Zeitpunkt war es schon zu spät und man sass in den Fängen fest.

Jeder Mensch hat Wünsche und unerfüllte Wünsche können das gefühlte Lebensglück massgeblich beeinträchtigen. Wünsche und Ziele sind die Motivatoren des Handelns im Leben, hätten wir sie nicht, würden wir lethargisch, bewegungslos und damit leblos. So gesehen sind Wünsche etwas Positives und sollten gar nicht alle erfüllt sein. Trotzdem ist es sicher wichtig, die eigenen Wünsche zu hinterfragen. Wünsche können ihre Tücken haben:

Nicht alle Wünsche entspringen einem selber, viele sind dem Umfeld geschuldet, der Zeit oder sie sind Überreste von elterlichen Ermahnungen, die man so sehr verinnerlicht hat, dass man sie als eigene Wunschvorstellungen annimmt. Berufe, sportliche Karrieren, Prüfungsdruck – alles kann dem gefallen Wollen geschuldet sein und nicht dem eigenen Wollen. Die Erfüllung dieser Wünsche wird kaum eine tiefe Befriedigung hervorrufen, da die kurze Bestätigung von aussen, von denen, die den Wunsch eigentlich durch uns hindurch gelebt haben, schnell vorbei ist. Da das eigene Herz bei diesem Wunsch eher unbeteiligt war, vergeht auch die Befriedigung schnell.

Es gibt Wünsche, die hegt man zwar selber, sie sind trotz allen Wollens unrealistisch. Ich würde gerne einen Picasso malen (qualitativ), doch dazu wird es nie kommen. Ebenso wenig werde ich je den New Yorker Marathon gewinnen, werde keine Primaballerina und auf dem Klavier keinen Rachmaninov spielen. Bei den einen (sicher nicht sehr tiefen, aber durchaus vorhandenen) Wünschen fehlt es an Talent, bei den anderen an Disziplin und Leidensfähigkeit. Diese Wünsche entsprechen mir einfach nicht, da ich nicht der Mensch bin, diese Wünsche zu verwirklichen. Wenn ich mich nun darauf versteife, dass mein Lebensglück von solchen Wünschen abhängt, wird es ein von mir selber verursachtes Unglück sein, denn mit ein wenig Selbsterkenntnis könnte ich diese Wünsche als meiner Natur fremd abtun und mich auf mich selber und meine wirklichen Stärken im Leben besinnen. Das wäre überhaupt die beste Basis für gefühltes Glück.

Zu guter Letzt gibt es Wünsche, die schlicht nicht erfüllbar sind, weil die äusseren Faktoren nicht passen. Wünsche können aufgrund von Lebensumständen, Geld- oder Zeitmangel unerfüllbar sein und wohl auch bleiben. Die Villa am Zürichsee als allein selig machend wird das genaue Gegenteil sein: nichts als Unglück über mich bringend. Auch die neun Monate dauernde Weltreise oder die Auszeit auf den Malediven sind momentan eher unrealistisch, von Kronjuwelen oder George Clooney als Mann ganz zu schweigen.

So gesehen denke ich nicht, dass alle Wünsche unsere Fähigkeiten offenbaren, sie können aber helfen, uns besser kennen zu lernen, indem wir in uns hineinhorchen, wieso wir sie haben und ob sie für uns und jetzt realistisch sind. Unser Glück hängt selten von einzelnen Wünschen ab, selbst wenn wir das glauben. Viel mehr ergibt sich Glück dann, wenn wir mit dem, was ist, in Einklang leben können und das Leben so einrichten, dass es uns selber entspricht. Sich nicht verbiegen zu müssen und zu sich stehen zu können ist wohl das Grösste, was man im Leben erreichen kann. Das klingt auf den ersten Blick sehr einfach, ist es aber für viele bei Lichte betrachtet gar nicht – zu stark sind die Prägungen, Muster, (äusseren) Zwänge, welche in und auf uns wirken.

Perfektes Leben

Gaby ist einsam und schrecklich gemein, denn Klaus ist ein Schwein. Davon singen die Prinzen und viele erkennen sich wieder. Die als Schwein geouteten Kläuse finden das wohl ungerecht, da sie Gaby als höchst undankbar und sich selber als toll erachten. Die Gabys nicken zustimmend mit dem Kopf. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte, doch die ist weder spektakulär noch spannend und schon gar nicht prägnant in ein Lied zu verpacken. Schlussendlich steckt wohl ein wenig Wahrheit drin – in beiden Seiten.

Gaby lernt Klaus kennen und er ist einfach perfekt. Einfühlsam, sensibel, sieht gut aus, trägt sie auf Händen. Gaby fühlt sich am Ziel ihrer Träume. Sie heiraten, kriegen Kinder. Klaus hilft, wo er kann, nimmt ab, was er kann, ist da, wo er gebraucht wird. Gaby kann sich glücklich schätzen. Tut sie nicht. Ihr ist langweilig und Klaus ist ein Weichei. Gibt nie Paroli, steht nie hin. Wo ist da der Mann im Klaus? Der, welcher weiss, wo es lang geht?

Gaby lernt Klaus kennen und er ist einfach perfekt. Wilder Streuner, Wolf im Wald, Hecht im Teich. Gross, stark, beschützend steht er da und sie weiss: Neben dem bin ich nie mehr allein und klein, er wird immer neben, vor und hinter mir stehen und ich fühle mich geborgen. Klaus und Gaby heiraten, kriegen Kinder. Gaby könnte glücklich sein, ist sie nicht. Klaus wildert noch immer, ist gross und stark, aber nie da, grad mit Mann Sein beschäftigt.

Gaby steht da und sieht all das, was fehlt. Wo ist der Mann, der so perfekt war? Zurück bleibt nur, was noch zusätzlich gewünscht wäre. Und meist sieht Gaby dann einen Klaus, der genau das hat, was nun fehlt. Und sie findet diesen neuen Klaus so viel besser als den alten, der so mangelhaft ist. Sie fragt sich, wie sie je auf den alten reinfallen konnte und dass das Leben noch so viel mehr bereit hält als das, was sie gerad erlebt. Gaby hat nun zwei Möglichkeiten: Sie kann feige sein und bleiben oder aber ganz mutig und sich vom alten Klaus trennen, um zum neuen Klaus zu wechseln – oder zu einem, der genauso gut ist wie der.

Wir folgen der mutigen Gaby und sehen, wie sie den neuen Klaus wählt. Sie kommen zusammen und Gaby ist auf Wolke sieben. Alles, was sie vermisste ist da, sogar im Übermass. Sie geniesst diesen bislang nur ersehnten Segen und schwebt hoch und höher. Bis sie fällt. Denn nun fehlt plötzlich was anderes. Der alte Klaus hatte das gehabt, das war ihr gar nie aufgefallen. Logisch, es war ja immer da. Und langsam schwindet das Schweben ob der neu gefundenen Qualitäten und das nun neu Fehlende wird gross und grösser. Wolke um Wolke schwindet – von sieben auf sechs auf fünf auf vier auf drei, zwei, eins, bis Gaby unsanft auf dem Boden aufschlägt.

Moral von der Geschicht’? Alles haben kann man nicht. Neue Heilsversprechen wollen das zwar bestreiten und versprechen die allseligmachende Realität, wenn man ihnen nur folgt und schön dran glaubt (und genügend bezahlt, um wirklich dazuzugehören). Das reale Leben ist weder Ponyhof noch Schokoladenkiste. Es gilt, eine Entscheidung zu treffen, was man vom Leben wirklich will, was schön zu haben wäre und worauf man notfalls verzichten kann. Träumt Gaby also von einem Häuschen mit Familie, Hund und Urlaub in den Bergen, wird der draufgängerische Klaus von nebenan zwar sehr verlockend erscheinen, weil er so stark und selbstbewusst dasteht, aber auf Dauer wird er eher anstrengend und enttäuschend sein – Leidenschaft hin oder her. Und umgekehrt wird man als Revoluzzerin mit dem häuslichen und sicherheitsbewussten Klaus nicht das Paradies auf Erden finden, so verliebt und auf Händen tragend er auch ist.

Nun gibt es natürlich trotz alledem die unermüdlichen Optimisten, die noch an die grosse und alles erfüllende Liebe und das dazugehörige perfekte Leben mit all den erfüllten Träumen, Wünschen und Zielen glauben. Denen empfehle ich eine gute Backstube. Und wenn es klappt: Unbedingt patentieren. Ansonsten bleibt wohl nur hinzuschauen und zu sehen, was man hat. Meist ist es mehr, als man sich bewusst ist. Wir neigen wohl dazu, das, was ist, gering zu schätzen, weil das, was fehlt, unendlich grösser scheint im Gefühl des Mangels. Eigentlich schade.

Beziehungen von gestern?

Früher wurden Beziehungen aus verschiedenen Gründen eingegangen. Liebe war selten zentral dabei, ökonomische und (familien)politische Überlegungen waren vordergründig. Durch die übliche und gesellschaftlich einzig akzeptierte Rollenverteilung war Frau, einmal geheiratet, gar nicht mehr in der Lage, sich anders zu entscheiden. Hätte sie es getan, wäre sie nicht nur gesellschaftlich geächtet gewesen, sondern auch wirtschaftlich ruiniert, hing sie doch am Mann dran. Sie war aber selber durchaus zu was gut, galt doch ein verheirateter Mann vor allem auch beruflich als gefestigter, hatte er noch eine Vorzeigefamilie, stieg er gar zum Bilderbuchmann auf. Was er nebenher so laufen hatte, kümmerte keinen, denn das hatte jeder, man wusste es, man sah drüber weg. Man hatte wohl nicht den Anspruch, dass es anders wäre, da man gar nicht die Hoffnung hatte, es könnte anders sein.

Die Zeiten haben sich geändert, die herkömmlichen Rollenmuster sind aufgeweicht und politische und finanzielle Heiratsgründe verpönt. Die Liebe zählt – und nur sie allein. Was auf Liebe gründet, soll ewig währen. Nebengeschäfte sind tabu. Dass es sie noch immer gibt, weiss man, will man aber nicht wirklich wahrhaben oder aber man hofft, dass der Kelch an einem vorüber zöge. Frau hat den Vorteil, einfach gehen zu können, sie hat heute Möglichkeiten und Wege, hängt nicht mehr zwangsläufig am Mann dran. Mann findet sich als nicht verheirateter in guter Gesellschaft, je höher die Karrierestufe – so liest man – in umso zahlreicherer.

Die Scheidungsraten sind gestiegen, Beziehungen sind nicht mehr Dauerware, sondern höchstens Etappen füllend. Woran liegt es? Bauen Beziehungen auf dem falschen Grund auf? Ist Liebe zwar wunderbar zu haben aber nicht dauerhaft? Ist es mit den Gefühlen zu Menschen wie mit dem Geschmack beim Essen? Das heutige Leibgericht ist morgen ersetzt? Wechseln wir nicht nur unsere eigenen Wesensarten, sondern damit auch das, was wir im Aussen suchen? Möglich wäre es.

Die heutige Unabhängigkeit von Mann und Frau könnten aber auch die Erwartungen ans Gegenüber wachsen lassen. Da ich den anderen nicht wirklich brauche, muss er noch viel besser sein, damit ich bleibe, denn ich muss ja nicht. Wenn man bleiben muss, sieht man (gezwungener Massen) über mehr hinweg als wenn man gehen kann. Sicherte früher das Bleiben das (zumindest gesellschaftliche) Überleben, so kann heute schneller der Gedanke aufkommen, dass Bleiben eher das Leben belastet. Wozu etwas behalten, das man nicht braucht und das nicht ist, was man gerne hätte?

Wozu also geht man heute noch Beziehungen ein, wenn man sie nicht mehr braucht (zum Überleben) und Liebe selten ewig hält? Ist der Mensch von heute Einzeltierchen mit zeitweiligem Bedürfnis nach Austausch, jegliche weiterführende Verbindlichkeit mehr Ballast denn Lust?

Pfauen und andere Tierchen

Sieht man das männliche Pfauentier mit stolz geschwellter Brust daher schreiten, den Schweif in bunter Farbenpracht gespreizt, förmlich schreiend nach Bewunderung, nimmt sich das eher blasse, kleine Weibchen daneben sehr unscheinbar aus. Ihn scheint das nicht zu stören, sie offensichtlich auch nicht, ist sie sich des Umstandes wohl auch nicht bewusst. Und so leben die beiden glücklich und einträchtig in ihren von der Natur zugedachten Rollen.

Da stehen wir Menschen und haben dieses Ding, das Bewusstsein heisst. Und wir merken all das, was die kleine Pfauenfrau nicht merkt. Und wir nehmen Anstoss daran. Zumindest heute und in unserer westlichen Zivilisation. Früher war auch hier die oben genannte Rollenverteilung normal, der Mann das grosse Tier nach aussen, die Frau im stillen Kämmerlein. Schulbildung war versagt, Weiterbildung sowieso. All das musste mühsam erkämpft werden. Dass dieser Kampf heute ab und an merkwürdige Blüten treibt, ist hier nicht Thema.

Der Mann[1] fühlte sich wohl in dieser Rolle, sah sich von den Frauen bewundert und in der starken Rolle des Ernährers, Beschützers und Mann von Welt. Er sonnte sich in seiner Rolle und noch mehr in der Bewunderung der Frau. Sie definierten sich und ihren Selbstwert dadurch. Durch die veränderten Bedingungen heute, in denen Frauen (rein theoretisch zumindest) dieselben Wege und Möglichkeiten offen stehen wie den Männern, sie diese auch gehen und ergreifen, kommt dieses Selbstverständnis ins Wanken. Was ist der Mann, wenn er nicht mehr der Grosse ist? Ist er dann noch ein Mann? Wird er noch als solcher wahr und ernst genommen?

Hannah Arendt hatte eine viel beschriebene Beziehung zu Martin Heidegger. Er der grosse und charismatische Professor, sie die kleine und unsichere Studentin. Die Beziehung blieb, als sie an eine andere Uni wechselte, auch später noch hatte sie Bestand. Zwischen den beiden galt die ungeschriebene Regel, dass sie ihm nie sagen durfte, dass sie auch nur eine Zeile selber geschrieben hatte. Nie durfte sie sich selber als (grosse oder erfolgreiche) Denkerin offenbaren, sie musste in der Beziehung die Kleine bleiben, die zwar seine Schriften kommentieren durfte (bevorzugt loben), selber aber nichts zustande bringt. Sie hat sich über viele Jahre daran gehalten. Als sie die Regel umging und ihm ein Buch von sich schickte, stiess sie auf Mauern.

Noch heute ist dieses Verhalten in vielen Köpfen drin. Der Mann als grosser Held möchte über der Frau stehen. Er möchte bewundert sein, denn daraus schöpft er noch immer seinen Selbstwert, damit identifiziert er noch oft sein Mannsein, weil es ds ist, was er kennt, das, was bislang die Regel war. Selbst wenn er das bestreitet, es drückt oft durch und ist mittlerweile auch Thema vieler Abhandlungen, Zeitungsartikel und psychologischen Studien geworden. Alte und hergebrachte Muster lassen sich nicht so einfach durch theoretische Wertänderungen ersetzen. All die Gedanken von Gleichberechtigung und Gleichstellung, von gleicher Augenhöhe und gleichen Möglichkeiten sind durchaus anerkannt und werden als wichtig erachtet. Im menschlichen Miteinander hinken wir emotional noch hinterher. Der Mann möchte tief drin immer noch seinen Federkranz mit geschwellter Brust präsentieren, die Frau soll bewundernd von unten aufschauen.

Die (menschliche) Natur ist träge in ihren Veränderungen und auch der Geist und das von diesem gesteuerte Verhalten reagiert nur langsam. Die Synapsen im Gehirn müssen sich erst neu bilden und festigen, bevor ein neues Verhalten in Fleisch und Blut übergegangen ist. Bis dahin hilft wohl nur, sich immer wieder bewusst zu werden, was man eigentlich will im Leben. Und das betrifft beide Geschlechter. Es sind nicht nur die Männer, die sich gerne brüsten, es gibt auch immer noch genug Frauen, die nur den als Mann achten, der genau das tut. Damit wird dieses Verhalten immer wieder von Neuem bestärkt und die Veränderung (auch der Gesellschaft und damit der tatsächlichen Möglichkeiten, nicht nur der theoretisch gedachten) wird nach hinten geschoben.


[1] Es ist durchaus klar, dass jeder Mensch anders ist und nicht jeder Mann dem anderen gleicht. Es geht hier mehr drum Tendenzen zu beschreiben als Individuen zu klassifizieren.

Geld regiert die Welt

Man denke sich ein Land, das niedrigere Steuern hat als die meisten der umliegenden Länder. Dazu ist es ein nettes kleines Ländchen, idyllisch gelegen und sauber aufgeräumt. Es bietet gewissen Komfort für die, welche sich diesen leisten können, dass es auch viele andere hat, die kaum überleben mit dem, was sie verdienen, wollen wir mal aussen vor lassen, das ist nun nicht Thema und passt nicht ins Konzept.

Nun denkt sich doch so mancher kluge Kopf, vor allem, wenn er noch ein paar Konten hat, die gut gefüllt sind und Umsätze macht, die ein paar Nullen am hinteren Ende aufweisen, dass er das Geld nicht abgeben, sondern behalten möchte. Wäre da nicht dieser üble Fiskus, der einem die Spass an der Freud verdirbt und immer was vom Kuchen abhaben will. Je nach Land eher viel. Doch der kluge Kopf ist ja nicht umsonst klug, er kennt dieses nette kleine Land, er zieht um. Nun ist er nicht einfach ein kluger Kopf, sondern der kluge Kopf einer Firma, die er mit umzieht. Dadurch, dass diese Firma nun im kleinen Ländle sitzt, zahlt sie viel weniger Steuern als sie im Ursprungsland und in vielen anderen Ländern gezahlt hätte. So weit so gut. Man könnte fast sagen, dass sie nun glücklich bis ans Lebensende leben und das eingesparte Geld in grossen Schlucken aus den aufgetischten Champagnergläsern trinken.

Doch weit gefehlt. Nun hat man zwar was eingespart. Der Sieg macht ein oder zwei Jahre glücklich. Dann fängt man an, nach links und rechts zu schauen und sieht: Ja hallo, die Firmen, die hier ihren Ursprung haben, zahlen weniger Steuern als wir. Wir armen Zugezogenen werden quasi geschröpft. Das geht ja gar nicht, dass die in diesem Land eine solche Ungleichbesteuerung befürworten. Wir könnten noch viel mehr an Steuern einsparen, wenn wir wie die behandelt würden. Dienst am Land und andere ethischen Überlegungen sind egal, dass jede Steuerersparnis dieser Firma die Steuerkasse des Staates schwächen würde, damit den Schwächsten der Gesellschaft, die wir ja nicht erwähnen wollten, noch mehr genommen würde, bleibt ebenfalls aussen vor. Das ist ist nur idealistisches Geschwafel, das interessiert an dieser Stelle nicht. Auch die hier genutzte Infrastruktur, die ja auch den Firmen zugute kommt und deren klugen Köpfen dienlich ist, soll das Land doch bitte selber finanzieren. Darauf kann man keine Rücksicht nehmen, zumal man ja am längeren Hebel sitzt argumentationstechnisch.

Die klugen Köpfe der zum Zwecke der Steuerersparnis eingereisten Firmen überlegen sich, was sie tun könnten, um diesen Umstand zu ändern. Und merken natürlich sehr schnell, dass kein Mittel so gut wirkt, wie Drohungen. Wenn wir diesem Land drohen, dass wir wieder gehen, wenn sie unsere Forderungen nicht erfüllen, werden die schnell einlenken. Dann verlassen wir sie nämlich mit wehenden Fahnen und sie verlieren sämtliche Steuereinnahmen (und ein paar Arbeitsplätze) und nicht nur den Teil, den wir einsparen könnten, wenn wir unsere Forderungen durchbringen.

Nun hat das Argument durchaus etwas für sich, rein rechnerisch geht es auf. Das sieht natürlich auch der Wirtschaftsverband dieses kleinen Landes und hält schnell Vorträge, die den Firmen nach dem Munde reden. Gebügelt und krawattet sitzen sie da, reden davon, dass die Schweiz sich das leisten kann, leisten muss. Sind ja nur ein paar Milliarden (dass am Anfang der Gespräche um die Unternehmenssteuerreform „nur“ von Millionen die Rede war, ignorieren wir hier). Für einen guten Zweck quasi. Wir müssen uns so verhalten, wie die anderen das wollen, sonst haben sie uns nicht mehr gern. Das haben sie eh schon nicht, nur wenn sie Steuern sparen können. Und davon wollen sie noch mehr haben, sonst entziehen sie uns das letzte Bisschen Liebe.

Und das Ende der Geschicht’? Die Vortragenden werden gut entlöhnt von den klugen Köpfen der Drohenden, weil sie die Sache unter Dach und Fach gebracht haben. Und so werden immerhin die glücklich und zufrieden leben, bis dass der Tod sie scheidet. Ethik und Moral ignorieren wir mal schön weiter. Die zählen in dieser Geschichte nicht, da alle, die darauf  pochen entweder idealisierende Ignoranten der tatsächlichen harten Realität und Wirtschaft sind oder aber unvermögende Neider.

Allein oder miteinander?

Martin Heidegger verzog sich in die einsame Natur, um seine Gedanken zu sortieren. Nur da konnte er, wie er dachte, seine Philosophie, seine Weltsicht entwickeln. Hannah Arendt, die ihm sehr (und mehr als das) verbunden war, folgte ihm in vielem, war fasziniert von ihm und seinem Denken, seiner Art der Gedankenführung. In dem Punkt (neben durchaus anderen) widersprach sie ihm. Sie fand, das Leben sei immer ein gemeinsames, das man nur im Miteinander, durch Gespräche erfahren, durchschauen und überhaupt sinnvoll machen könne. Allein oder gemeinsam?

Oft hört man, man solle sich auf sich besinnen, in sich gehen, da die Wahrheiten des eigenen Selbst finden und danach leben. Allerdings gibt es auch die These, dass wir uns durch den Blick von Aussen besser erkennen können, weil wir da den Spiegel sehen, das, was von aussen von uns sichtbar ist. Das verwehrt sich uns, da wir immer in uns gefangen sind und nicht unvoreingenommen aus uns heraustreten können. Insofern bräuchte man das Aussen, um das Innen, das aus uns herausspricht, erkennen zu können.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Ohne andere Menschen wird er nicht leben können. Das konnte nicht mal Martin Heidegger, der zwar zum Schreiben in die Einsamkeit flüchtete, allerdings die Gemeinschaft (auch die von Hannah Arendt) durchaus brauchte, um eben produktiv zu sein, seine Gedanken zu finden und zu Papier zu bringen. Gerade von seinem Erstwerk sagte er, dass es ohne Hannah Arendt nicht entstanden wäre – allerdings auch nicht ohne seine Frau, die ihm den Rücken freihielt und ihm so überhaupt die Ruhe ermöglichte, die er brauchte.

Die Zeit heute ist schneller geworden. Informationen fliessen schneller, man muss sie schneller erfassen, verarbeiten, verwerten und sich dazu stellen. Das ermüdet, das härtet auch ab. Vielleicht ist die Ignoranz, die man vielerorts spürt, diesem Umstand geschuldet. Man will sich nicht mehr einlassen, weil sonst noch mehr auf einen einprasseln könnte, von dem man sowieso schon zu viel hat. Vor allem negative Dinge lässt man lieber aussen vor, man müsste sich sonst noch wirklich Gedanken machen, es könnte von einem eine Haltung gefordert sein und die könnten einen vor die Wahl stellen, ob man im eigenen Gärtchen bleibt oder dem Gewissen folgt, welches zu Mitgefühl und Anteilnahme aufruft.

Die neuen Medien erleichtern die Ignoranz. Zwar war das Innenleben noch nie so nach aussen gekehrt, man erfährt von anderen, wo sie ihr Essen kaufen, wann sie es wie zubereitet essen, mit wem sie es essen und was sie über den denken. Dass man nicht auch noch weiss, wie und wann sie es wieder loswerden, ist wohl eine Frage der Zeit (ab und an ist auch die Grenze schon überschritten). Nie war es aber auch so einfach, Dinge einfach zu überlesen – oder so zu tun als ob. Man liest sie und lässt sie im Nirgendwo des Datendschungels versanden. Dass hinter diesen Dingen Menschen sitzen, hat man wohl vergessen, verdrängt oder man denkt, die ja nicht wirklich zu kennen, da alles nur virtuell, nichts real sei. Wieso reale Anstrengung für eine virtuelle Welt verschwenden?

Ist diese Welt wirklich nur virtuell? Klar ist es über Datennetze verbunden, aber dahinter stehen reale Menschen mit realen Gefühlen. Und so sehr man die Welten trennen will, so eng sind die beiden verwoben. Die Trennung ist wohl eher dem eigenen Gewissen genehm, weil man sich dann aus der Affäre ziehen kann, denn wirkliche Realität. Und wenn die Trennung wirklich da ist, muss man sich auch fragen, wieso das so ist und was man sich dann von einer solchen virtuellen Welt erhofft, was man da will. Und vielleicht sind dann gewisse Inhalte gar nicht mehr angebracht, nämlich alles, was menschlich, nah und echt ist. Dann hätten wir eine virtuelle Kunstwelt ohne menschliche Authentizität. Ob man sich dann noch wohl fühlte darin?

Selbsterkenntnis

Wir haben nie nach uns gesucht – wie sollte es geschehen, dass wir uns eines Tages fänden? (F. Nietzsche, Genealogie der Moral)

„Wer suchet, der findet“ heisst es so schön im Volksmund. Manchmal findet man auch etwas, das man nicht gesucht hat. Des Weiteren gibt auch die Momente, in denen man sucht und sucht – die Nadel im Steckhaufen, doch sie bleibt verborgen. Alles Suchen scheint ins Leere zu laufen, höchstens vorübergehende Funderfolge zu liefern, keine überdauernden. Das mag ab und an frustrieren, wollen wir doch als Menschen alles wissen, alles kennen, über allem stehen. Wir sehen uns als Beherrscher der Welt, der Natur, stehen gerne über den Dingen und auch über anderen Menschen. Wer zuoberst steht, der hat gewonnen.

Der Mensch ist begrenzt, alles, was er findet, muss im Rahmen seiner Möglichkeiten – vor allem der sinnlichen – liegen. Zwar können wir die so wahrgenommenen Dinge weiter denken, sie durch unsere Gedanken weiter entwickeln, daraus Schlüsse ziehen, die über das direkt Wahrgenommene hinausgehen. Aber auch dieses Denken hat Grenzen, natürliche Grenzen. Der Mensch ist nicht auf die umfassende Wahrheit ausgerichtet, sondern darauf, zu überleben. Das weiss man spätestens seit Darwin, das war aber auch vorher schon immer wieder Thema und Theorie. Viele Philosophen wollten den Menschen über allem stehend sehen, ihn quasi zum Übermenschen erklären. Nietzsche hat den Menschen als Tier gesehen, der sich selber ständig überschätzt und überstilisiert. Schopenhauer hat dem Menschen seine Begrenztheit vor Augen geführt, indem dieser die Welt nur sieht, wie er sie wahrnehmen kann. Nie objektiv, immer durch die eigene Brille. Kant hat sich der subjektiven Weltsicht angeschlossen, in dem er fragte, ob man sicher sein kann, ob etwas grün ist oder nur das Auge eine grün gefärbte Glasscheibe, die den Gegenstand grün erscheinen lässt.

Was wissen wir von der Welt, woher nehmen wir so oft die Sicherheit, alles richtig zu sehen und zu wissen, wie der sprichwörtliche Hase läuft? Grundsätzlich können wir es nicht wissen, wir können es im allerbesten Fall ahnen, es uns ausmalen, aus schlüssigen Argumenten zu einer Meinung kommen, die eher Glaube als Wissen ist. Wir nennen es Wissen, weil wir unserer Argumentation glauben wollen und weil wir uns über Wissen definieren. Wissen ist Macht. Wer mehr weiss, wird es weiter bringen. Die, welche Nichtwissen zugeben, zaudern, werden den Fuss nie auf die höchste Stufe der Leiter bringen. Sie sind die ewigen Zauderer, die, welche es eben nicht wissen. Dass sie im Grunde genommen recht haben, ist dabei irrelevant.

Das mag alles stimmen, doch bleibt auch zu sagen, dass man sich für Dinge entscheiden muss, will man überleben – und nur darauf kommt es an in der Evolution. Wenn ich 5 Tage überlege, ob ich nun besser ein Brot oder einen Apfel esse, dabei nichts esse und das Trinken vergesse ob all des angestrengten Nachdenkens, wird die Frage irrelevant, da ich schlichtweg verdurstet bin. Das eigene Überleben fordert von uns Entscheidungen und die treffen wir nur dann, wenn wir das, wofür wir uns entscheiden wollen und sollen, als wahr und richtig erkennen und ihm aus diesem Grund folgen wollen und können. Dass wir dies können bedarf, dass wir wissen, wer wir sind und was wir wollen. Und schon haben wir das nächste Problem.

Klar kann man einfach tun, was von anderen für richtig gehalten wird. Sie werden schon Recht haben und da sie alle überlebt haben (zumindest die heutigen Entscheidungsträger bis jetzt) kann ihr Entscheid so falsch nicht sein. Zumindest nicht tödlich und überleben ist schon mal die halbe Miete. Um aus Überleben Leben zu machen, braucht es aber eine Nuance mehr – nämlich das eigene Zutun. Wer bin ich und wer will ich sein? Das ist bei der „Brot oder Apfel“-Frage nicht wirklich relevant, bei tiefer gehenden Fragen wie „Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um?“, „Welcher Zweck heiligt welche Mittel?“, „Wo liegt die Grenze des Erlaubten? Wo die des Gewollten? Wo die des Gekonnten?“ wird es schon wichtiger.

Wir werden uns nie ganz erkennen können, dazu ist unser Denken und Sein zu beschränkt. Die moderne Hirnforschung kommt zu immer neuen Schlüssen, will aufdecken, wer der Mensch ist, wie er funktioniert. Sie behauptet ab und an, es gäbe gar kein „Ich“ im Menschen, alles sei blosse Aneinanderreihung von chemischen und physikalischen Prozessen. Auch sie bleibt die letzte Antwort schuldig, so wird es nach der hier vertretenen Auffassung auch immer bleiben. Das ist aber kein Beinbruch, denn die umfassende Wahrheit ist in meinen Augen nicht nötig. Wir leben gut mit der Meinung, dass es uns als „Ich“ gibt und wir über einen freien Willen verfügen, der es uns ermöglicht, die Dinge in Frage zu stellen, uns selber damit. Wir leben gut damit, zu glauben, dass wir wissen und wir uns an diesem Wissen orientieren können. Selbst wenn das alles eine Illusion sein sollte, wenn wir also keine freie Wahl haben, so bleibt doch eine Tatsache, dass es immer zwei Möglichkeiten gibt, zu entscheiden: Dafür und dagegen. Welche wir treffen, liegt irgendwie bei uns und damit an der Frage, wer wir sein wollen, wenn wir entscheiden, wie wir handeln sollen.

Liebe

Ich liebe ihn. Ich kann es ihm nicht sagen. Was wird er von mir denken? Wir kennen uns kaum. Und vielleicht liebt er mich ja nicht. Findet mich nett, ja, aber mehr? Was denkt er dann, wenn ich so raus presche, einfach sage, was ich fühle, was ich will. Er denkt, ich sei vorschnell, voreilig, er will gar nichts. Er findet mich lächerlich, belächelt mich. Vielleicht erzählt er seinem Freund. Er erzählt es allen, die lachen dann hinter meinem Rücken. Wenn ich komme, verstummen sie, weil sie vorher grad noch darüber lästerten, dass ich so eine naive verliebte Kuh bin. Nein, diese Blösse gebe ich mir nicht. Ich werde nichts sagen. Werde warten. Wenn nichts kommt, wird mich das bestätigen und ich werde froh sein, nichts gesagt zu haben.

Wie oft halten wir mit positiven Gefühlen hinterm Berg. Dem anderen zu sagen, was er falsch macht scheint fast einfacher, als die positiven Gefühle offenzulegen. Wir mauern uns ein, schützen uns vor Spott und Häme. Wir fürchten, uns blosszustellen, wenn wir zu uns stehen, weil wir denken, dass wir mit unseren Gefühlen schwach aussehen, vor allem, wenn sie nicht erwidert werden. Wenn ich liebe und nicht geliebt werde, so denken wir, dann ist der andere der Grosse, er ist mehr wert, weil er von mir geliebt wird, ich von ihm nicht. Wir setzen uns damit schon von vornherein in die kleine Position, in die des Schwächlings. Wir denken, unsere Fassade wahren zu müssen, indem wir mit dem Innersten nicht nach aussen treten. Wir nennen es Selbstschutz. Stellen ihn in den Dienst des Gesichts nach aussen, das es zu wahren gilt. Wir merken dabei nicht, dass wir uns selber klein machen, dass wir uns selber nicht Wert genug sind, zu uns zu stehen. Wie soll es ein anderer?

Sind Gefühle wirklich Ausdruck von Schwäche? Ist es wirklich Unterlegenheit, zu lieben und nicht widergeliebt zu werden? Ich denke nicht. Liebe ist das grösste Gefühl überhaupt. Dazu fähig zu sein hebt den so Fühlenden schon über sehr viele Menschen hinweg, die nur noch dem eigenen Profit nachrennen und diesem alles unterordnen, bis sie auf dieser Jagt nach Ruhm, Ehre und Erfolg straucheln und sich ganz tief in Loch sitzen sehen – allein und einsam.

Sind wir schwach und klein, nur weil uns der, den wir lieben, nicht genauso liebt? Hat das irgendetwas mit unserem eigenen Wert zu tun? Auch da denke ich, dass dies nicht der Fall ist. Klar tut es weh und klar wünscht man sich Liebe gegenseitig. Aber wenn man nur darauf abzielte, geliebt zu werden, wäre das Lieben kein Gefühl, schon gar nicht bedingungslos, es wäre ein Tauschgeschäft. Und so funktioniert sie nicht. Liebe fordert nicht, sie gibt. Und ja, man selber wird gerne geliebt. Aber es gibt sicher Menschen, die einen lieben. Nur gerade der eine nicht, den man nun halt gerne hätte. Damit muss man umgehen lernen. Das bedeutet nicht, Mauern bauen und keine Gefühle mehr nach aussen dringen zu lassen. Das bedeutet, sich selber zu lieben, zu sich und seinen Gefühlen zu stehen. Dankbar zu sein, dass man sie hat und an sich zu glauben. Liebe ist kein Tauschgeschäft. Gegenseitige Liebe ist die Sahnehaube, Liebe an sich ist das, was das Leben lebenswert macht. Und wenn man sich wieder mal ungeliebt fühlt, sollte man einfach ganz ehrlich hinschauen und sehen, wer alles da ist, der einen liebt. Und meist sind das ganz viele Menschen. Und wenn es auch nur einer wäre – es beweist: man ist liebenswert.

Wichtig ist, das selber einzusehen und gleich anzufangen, sich selber so zu sehen und sich selber zu lieben. Wenn man das nicht tut, können noch so viele Liebende einem beteuern, wie toll man ist, man wird es nicht glauben und damit irgendwann Keile in diese Liebe drängen. Wenn man es tut, braucht es keinen, weil man zu sich steht. Aber jeder, der mit Liebe kommt, ist dann ein Geschenk, welches das Leben bunter macht – und lebenswert.