Selbsterkenntnis

Wir haben nie nach uns gesucht – wie sollte es geschehen, dass wir uns eines Tages fänden? (F. Nietzsche, Genealogie der Moral)

„Wer suchet, der findet“ heisst es so schön im Volksmund. Manchmal findet man auch etwas, das man nicht gesucht hat. Des Weiteren gibt auch die Momente, in denen man sucht und sucht – die Nadel im Steckhaufen, doch sie bleibt verborgen. Alles Suchen scheint ins Leere zu laufen, höchstens vorübergehende Funderfolge zu liefern, keine überdauernden. Das mag ab und an frustrieren, wollen wir doch als Menschen alles wissen, alles kennen, über allem stehen. Wir sehen uns als Beherrscher der Welt, der Natur, stehen gerne über den Dingen und auch über anderen Menschen. Wer zuoberst steht, der hat gewonnen.

Der Mensch ist begrenzt, alles, was er findet, muss im Rahmen seiner Möglichkeiten – vor allem der sinnlichen – liegen. Zwar können wir die so wahrgenommenen Dinge weiter denken, sie durch unsere Gedanken weiter entwickeln, daraus Schlüsse ziehen, die über das direkt Wahrgenommene hinausgehen. Aber auch dieses Denken hat Grenzen, natürliche Grenzen. Der Mensch ist nicht auf die umfassende Wahrheit ausgerichtet, sondern darauf, zu überleben. Das weiss man spätestens seit Darwin, das war aber auch vorher schon immer wieder Thema und Theorie. Viele Philosophen wollten den Menschen über allem stehend sehen, ihn quasi zum Übermenschen erklären. Nietzsche hat den Menschen als Tier gesehen, der sich selber ständig überschätzt und überstilisiert. Schopenhauer hat dem Menschen seine Begrenztheit vor Augen geführt, indem dieser die Welt nur sieht, wie er sie wahrnehmen kann. Nie objektiv, immer durch die eigene Brille. Kant hat sich der subjektiven Weltsicht angeschlossen, in dem er fragte, ob man sicher sein kann, ob etwas grün ist oder nur das Auge eine grün gefärbte Glasscheibe, die den Gegenstand grün erscheinen lässt.

Was wissen wir von der Welt, woher nehmen wir so oft die Sicherheit, alles richtig zu sehen und zu wissen, wie der sprichwörtliche Hase läuft? Grundsätzlich können wir es nicht wissen, wir können es im allerbesten Fall ahnen, es uns ausmalen, aus schlüssigen Argumenten zu einer Meinung kommen, die eher Glaube als Wissen ist. Wir nennen es Wissen, weil wir unserer Argumentation glauben wollen und weil wir uns über Wissen definieren. Wissen ist Macht. Wer mehr weiss, wird es weiter bringen. Die, welche Nichtwissen zugeben, zaudern, werden den Fuss nie auf die höchste Stufe der Leiter bringen. Sie sind die ewigen Zauderer, die, welche es eben nicht wissen. Dass sie im Grunde genommen recht haben, ist dabei irrelevant.

Das mag alles stimmen, doch bleibt auch zu sagen, dass man sich für Dinge entscheiden muss, will man überleben – und nur darauf kommt es an in der Evolution. Wenn ich 5 Tage überlege, ob ich nun besser ein Brot oder einen Apfel esse, dabei nichts esse und das Trinken vergesse ob all des angestrengten Nachdenkens, wird die Frage irrelevant, da ich schlichtweg verdurstet bin. Das eigene Überleben fordert von uns Entscheidungen und die treffen wir nur dann, wenn wir das, wofür wir uns entscheiden wollen und sollen, als wahr und richtig erkennen und ihm aus diesem Grund folgen wollen und können. Dass wir dies können bedarf, dass wir wissen, wer wir sind und was wir wollen. Und schon haben wir das nächste Problem.

Klar kann man einfach tun, was von anderen für richtig gehalten wird. Sie werden schon Recht haben und da sie alle überlebt haben (zumindest die heutigen Entscheidungsträger bis jetzt) kann ihr Entscheid so falsch nicht sein. Zumindest nicht tödlich und überleben ist schon mal die halbe Miete. Um aus Überleben Leben zu machen, braucht es aber eine Nuance mehr – nämlich das eigene Zutun. Wer bin ich und wer will ich sein? Das ist bei der „Brot oder Apfel“-Frage nicht wirklich relevant, bei tiefer gehenden Fragen wie „Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um?“, „Welcher Zweck heiligt welche Mittel?“, „Wo liegt die Grenze des Erlaubten? Wo die des Gewollten? Wo die des Gekonnten?“ wird es schon wichtiger.

Wir werden uns nie ganz erkennen können, dazu ist unser Denken und Sein zu beschränkt. Die moderne Hirnforschung kommt zu immer neuen Schlüssen, will aufdecken, wer der Mensch ist, wie er funktioniert. Sie behauptet ab und an, es gäbe gar kein „Ich“ im Menschen, alles sei blosse Aneinanderreihung von chemischen und physikalischen Prozessen. Auch sie bleibt die letzte Antwort schuldig, so wird es nach der hier vertretenen Auffassung auch immer bleiben. Das ist aber kein Beinbruch, denn die umfassende Wahrheit ist in meinen Augen nicht nötig. Wir leben gut mit der Meinung, dass es uns als „Ich“ gibt und wir über einen freien Willen verfügen, der es uns ermöglicht, die Dinge in Frage zu stellen, uns selber damit. Wir leben gut damit, zu glauben, dass wir wissen und wir uns an diesem Wissen orientieren können. Selbst wenn das alles eine Illusion sein sollte, wenn wir also keine freie Wahl haben, so bleibt doch eine Tatsache, dass es immer zwei Möglichkeiten gibt, zu entscheiden: Dafür und dagegen. Welche wir treffen, liegt irgendwie bei uns und damit an der Frage, wer wir sein wollen, wenn wir entscheiden, wie wir handeln sollen.

8 Kommentare zu „Selbsterkenntnis

    1. Pausen sind wichtig, sie geben Raum zum Denken, um auch wieder Kraft zum Denken zu finden. Die eigenen Grenzen kennen ist genauso wichtig, wie sie ausloten, ab und an ein wenig damit spielen, um sie vielleicht auch ausweiten zu können – aber nie über den Rahmen hinaus, der einem gut tut.

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  1. Vielleicht wissen wir oftmals zu wenig, und urteilen dennoch sehr gern und schnell, noch lieber vorschnell. wir leben in einer Zeit der Informationsflut, von allen Serien strömen die neuesten (also neuer, als neu! 😉 ) Nachrichten auf uns ein. Wir sollen sie filtern, wir sollen herausfinden, was richtig sein könnte, und was unglaubwürdig sein könnte. Herausfinden können wir es ja mit Hilfe der Informationen. 😛

    Nun fallen wir nicht in eine Lethargie, sondern leben weiter, und entscheiden täglich neu, wie Du schriebst. Ich meine dazu, dass wir liebgewonnene Entscheidungen gerne viel länger verteidigen, als wir selbst daran glauben, der Schein sollte schon bewahrt sein. LEIDER. Vielleicht sollten wir wieder zu einer Kultur der FRAGEN und dem Hinterfragen zurückfinden. Immer wieder und wieder nachfragen, bevor wir in den Allgemeintenor uns fügen. Nicht ob Apfel oder Brot, schon aber ob schuldig oder nicht. Die Frage: „ Warum meinst du ist es so, und woher weißt du es?“ kann ein wunderbarer Beginn eines Gesprächs sein.

    LG

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    1. Danke für diesen Kommentar, der genau ausdrückt, was ich auch denke. Nur ab und an frage ich mich, ob das, was in der Theorie erkannt, auch in der Praxis immer umsetzbar ist. Wäre es das, wieso ist es nicht? Reine Bequemlichkeit? Angst? Was, wenn die so gross und dem Menschen inhärent, dass man kaum (nicht?) anders kann?

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      1. Wenn Du fragst, ob es Angst ist, die den Menschen daran hindert, oben Beschriebenes umzusetzen, so kommt mir die Frage in den Sinn: „Angst wovor?“

        Ich selbst habe auch schon da gestanden, und war völlig perplex, nur wegen der Frage des Gegenüber, worin sich diese meine Ansicht begründet, welche ich vertrat, und ich konnte es nicht sagen, denn alle meine Informationen waren nicht nur nur aus zweiter Hand, sie waren auch nicht nachprüfbar, und ich konnte selbst nur zugestehen, dass ich wohl voreilig gesprochen hatte. Das war schon unangenehm. Doch der Punkt war danach vielleicht der, das diese Einsicht zugegeben wieder einen neuen Ansatz in diesem Gespräch zuließ.

        Selten findet man noch Menschen, die die Worte zuende hören, bevor sie einen unterbrechen, und mit ihrer Ansicht herausbrechen, (mich leider oft genug mit einbezogen! 0:) ) doch wenn man genau dies versucht, dann kommt viel eher eine durchdachte und überlegte Antwort zustande. Wenn man verinnerlicht, dass in guten Gesprächen und Diskussionen das Ausredenlassen des Anderen eines der wichtigsten Elemente ist, so kann man diese Angst, von der Du sprachst, sicher relativieren und danach in Souveränität umkehren.

        So ein bisschen, wie: „Wer schreit, hat unrecht!“, -die Angst RUFT meist nur!

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        1. Danke für diese Worte. Du hast recht. Wir sind oft viel zu eifrig, unseres loszuwerden und verpassen so, was der andere zu sagen hat. Wenn er noch spricht, feilen wir schon an unseren Argumenten und preschen los. Vielleicht aus Furcht, zu kurz zu kommen? Weil wir denken, sonst entstünde eine Lücke, die dann ein anderer füllt? Oder schlichte Unachtsamkeit.

          Liebe Grüsse von mir

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