Die Polizei, mein Freund und Helfer

Morgens um halb neun in Zürich, die Strassen sind gedrängt, alle fahren kreuz und quer. Da ich einen Termin auf der anderen Stadtseite habe, die Verkehrssituation kenne, fuhr ich statt der benötigten 30 Minuten 60 Minuten vorher los. Erstens habe ich Zeit, zweitens möchte ich nicht in Zeitnot kommen. Die Rollerfahrt ist traumhaft, der Sommer endlich in der Stadt, alles grün, alles sonnig, ich geniesse es. Links und rechts brausen andere Rollerfahrer an mir vorbei, egal. Ich fahre an der Uni vorbei, spüre wie immer das heimische Gefühl, schwelge ein wenig in Nostalgie, war das für mich doch über viele Jahre so etwas wie meine geistige Heimat. Ich fahre den Hang runter, am Kunsthaus vorbei, denke wieder, dass ich da auch mal rein möchte, als es passiert: Ein silberner Porsche Cayenne schiesst auf mich zu, ich rette mich auf die Tramspur. Der Schreck sitzt mir in den Knochen, ich schaue die blonde Fahrerin an, sie ignoriert mich. Auf der Tramspur kann ich nicht bleiben, bald kommt das nächste Tram, in die Kolonne kann ich nicht zurück, die ist stehend und dicht. Ich fahre runter, sehe von weitem die Polizei, werde rausgeholt. Ich steige ab, merke, ich kann nicht stehen, meine Knie schwanken noch vom Schrecken von vorher. Zum Glück fängt mich die Parkbank auf. Der Polizist herrscht mich an, ich solle wieder aufstehen. Ich erkläre, das ginge nicht, meine Knie schwanken. Ich will ihm die Situation erklären, sie interessiert ihn nicht. Was ich von Beruf bin, ist interessanter. Ich hätte eine Sicherheitslinie überfahren, meint er. Ich will mich erklären, er unterbricht mich und meint, ich könne das dem Richter erzählen, das komme nämlich vor Gericht. Ich frage wieso, er meint, das sei das Gesetz. Ich sage, ich hätte also besser meinen Roller zu Schrott fahren lassen. Er ignoriert meinen Einwand. Ich frage ihn, ob ich mich umbringen lassen soll. Er ignoriert mich. Er spricht in sein Fernsprechgerät. Ich versuche nochmals, mich mitzuteilen, er meint, das sei nicht an ihm, das könne ich alles dem Richter erzählen, ich könne gehen.

Ich versuche, meinen Roller zu besteigen, doch die Knie zittern immer noch zu stark. Ich sitze noch eine geschlagene halbe Stunde auf der Parkbank. Sehe dabei zwei Roller unbehelligt auf der Tramspur runterfahren, während die Polizisten am Strassenrand stehen.

Meinen Termin erreiche ich rechtzeitig, zum Glück hatte ich genug Zeit eingeplant. Wenn ich wieder mal zu früh bin, weiss ich, wie ich die Wartezeit überbrücke: Ich rase auf der Busspur an der Kontrolle vorbei und lasse mich dann mit wackligen Knien ignorieren von der Polizei. Der Richter muss mir dann zuhören…Soviel zu Freund und Helfer.

 

Dass der Porsche an uns vorbei fuhr, als ich mit der Polizei draussen stand, muss ich nicht erwähnen, dass es den Polizisten nicht interessierte, wohl auch nicht. Ein Anruf bei der „Feedbackstelle“ der Stadtpolizei Zürich brachte soviel, dass der Polizist den Tathergang vielleicht einfach nicht gesehen hat (hat er auch nicht, wie auch) und mir nicht glaubte (konnte er nicht, er liess mich diesen ja nie erzählen, trotzdem ich mit den Nerven völlig am Ende war). Immerhin versuchte mich der Beschwerdeempfänger (der – um ehrlich zu bleiben – durchaus nett war am Telefon) zu besänftigen, dass für mich alles gut sei, wenn ich die Busse bezahle, die mir der Richter irgendwann zuschicke….Das beruhigt doch sehr. Es bleibt noch zu sagen: Hurra, ich lebe noch. Mein Nervenkostüm hat gelitten, für heute ist mein Tag gelaufen.

7 Comments

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    • Du darfst dreimal raten, was ich in Zukunft nehmen werde 😉 Den Roller darf ich aber nicht verkaufen, Söhnchen meinte, der mache Spass. Fahren wir halt künftig nur noch über Land oder schnell mal hier durchs Quartier…

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    • Wahnsinnig kluger Ratschlag!
      Also ob bei der VBZ nicht ähnliches – aber ständig passiert. Die Terrorkontrollen mit Polizeiunterstützung. Da wird mir schlecht. Und viel zu teuer sowieso.

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      • Mich hat das irgendwie erschüttert, da ich wohl noch so naiv war zu glauben, dass die Polizei für Recht und Ordnung sorge, gegenteilie Aussagen für Polemik und als übertrieben abtat. Ich habe mich wohl getäuscht.

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  1. Ich habe immer noch die naive Vorstellung, dass die Polizei mein Freund und Helfer sei. Die Illusion gibt mir Sicherheit, obwohl es freilich genau diese Situation gibt, die du beschrieben hast.

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  2. ganz genau dasselbe ist mit gestern an gleicher stelle passiert, nur war’s kein porsche sondern ein anderes motorrad, und die haarfarbe des fahrers oder der fahrerin war möglicherweise nicht blond. seltsam finde ich, dass die polizei mir das überfahren der sicherheitslinie vorwirft und nicht das fahren in der tramspur. dabei habe ich die sicherheitslinie ja erst überfahren (müssen), als die polizei mich dazu aufgefordert hat…

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