Verantwortung fürs eigene Leben

Wir leben in einer Zeit, in der alles möglich ist. Tabus werden gesprengt, Grenzen ebenso. Wir kommen immer höher, weiter, tiefer. Der Mond wird erforscht, der Ozean ebenso. Wir haben Bilder von den Vorgängen im Gehirn und wissen, was im menschlichen Gehirn abgeht, wenn er handelt. Der Schritt dahin, das Gehirn so zu verändern, dass der Mensch handelt, wie er soll (von wem immer auch bestimmt), ist ein kleiner. Der Mensch ist eine Marionette. Wenn nicht schon, dann bald.

Alles ist möglich. Du kannst alles erreichen, wenn du nur dran glaubst. So oder so ähnlich klingen all die markigen Sprüche der Aussteigerbewegungen. Seien es Religionen, Sekten, Philosophien – alle predigen sie den Ausstieg aus dem Hamsterrad des als unsinnig deklarierten Allgemeinen der Gegenwart. Der Mensch schaut hin, verzweifelt ob der oft als unmenschlich wahrgenommenen Realität und denkt sich aufgehoben in neuen Werten. Diese Werte orientieren sich immer an den aktuellen Strömungen und formulieren Gegenwerte. Sie sind nie unabhängig, nie selber stehend. Ihr Fundament ist immer das, was sie bekämpfen. Der Mechanismus ist ein wirklicher: wir sind dagegen. Fällt die Basis des Bekämpften, fällt auch das Dagegen. Es gibt wieder nur Verlierer.

Ist wirklich alles möglich? Kann man einfach dem eigenen Herzen folgen, nur noch tun, was grad beliebt, erreichen, was man gerade im Sinn hat? Klar klingt das verlockend, ich denke aber nach wie vor, dass es unrealistisch ist. Alles im Leben hat seinen Preis. Und das Leben des Einzelnen ist nie unabhängig. Wenn es das ist, ist der Lebende eine arme Sau. Er ist verdammt einsam. Sobald da nur schon ein Mensch ist, besteht eine Abhängigkeit. Die muss nicht mal definiert sein, sie kann ganz einfach in irgendwelchen emotional begründeten, verbal nicht fassbaren Komponenten bestehen. Und schon geht nicht mehr alles. Man muss Rücksicht nehmen. Muss sich einschränken. Sind da mehr als nur ein Mensch, mehrere Menschen, werden die Rücksichten grösser.

Dann kommt da noch die ganze vermaledeite Gesellschaft dazu. Man will sich lossagen. Findet, die sei überbewertet, alter Zopf. Aber man steckt drin. Wuchs drin auf. Hat die Werte verinnerlicht. Das rigorose Nein dazu wäre auch nur von ihr selber genährt, weil man all das, was sie sagt, verneint. Wozu könnte man noch nein sagen, schwiege sie? Und wo wäre man, gäbe es sie nicht? Wo wäre man, gäbe es all die nicht, wegen denen  man Rücksicht nehmen musste, Dinge nicht verwirklichen konnte?

Es ist nie alles möglich. Die Illusion, es wäre so, führt ins Verderben – zumindest in die unendliche Unzufriedenheit. Alles im Leben hat seinen Preis. Wichtig ist, zu wissen, was man wirklich will und was man bereit ist, dafür zu bezahlen. Ist der Preis zu hoch, war der Wunsch zu klein. Ist der Wunsch gross, nimmt man den Preis in Kauf. Allen macht man es nie recht. Die Frage ist: Ist man sich selber so viel wert, dass man alle andern den eigenen Wünschen opfert, wiegen die doch mehr, dass man mal zurücksteht? Schlussendlich liegt die Entscheidung bei einem selber. Die Verantwortung auch. Es ist zu einfach, dem anderen die Schuld für die eigenen Entscheidungen zuzuschieben.

Damit alles seine Ordnung hat

Andächtig hörend sitzen Menschen vor dem Rednerpult, an dem ein Vorleser das von ihm Gelesene intoniert. Vermutlich ist er allen ausser mir bekannt, doch das stört mich nicht. Ich bin nicht seinetwegen hier, ich möchte das Werk hören. Vermutlich ist das nicht immer so. Ich kriegte davon eine Ahnung, als ich mal als Fan und Leser bezeichnet wurde. Mir war diese Bezeichnung fremd, da ich mich nie als solchen bezeichnet hätte, nicht mal bei dem Schriftsteller, mit dem ich 9 Monate verbrachte, als ich über ihn schrieb, als ich alles aufsog, was er je zu Papier gebracht hatte, in sein Leben und Schreiben eintauchte. Ich hätte es als Neugier und Forschungsdrang bezeichnet. Nun war ich plötzlich Fan von Schriftstellern, die ich nie gelesen hatte. So schnell kann es gehen.

Der Raum ist klein. Er ist durch provisorisch wirkende Wände von der Buchhandlung, in der er angesiedelt ist, abgetrennt. Immer wieder dringen Geräusche herein, Lachen von Kunden des Ladens, Gespräche beim Eingang zum Leseraum, Kindergeschrei, vermutlich, weil ein Buch nicht gekauft wurde oder aber das Kind lieber Eis statt Bücher gehabt hätte. Unbeirrt liest der Lesende weiter. Stockt ab und an, da das Vorzulesende Schweizerdeutsch, er selber dessen nicht mächtig, es nicht mal verstehend ist. Es macht ihn sympathisch, gibt der Lesung eine gewisse Würze.

Bei jedem Geräusch von ausserhalb sieht man einige Zuhörer sich entsetzt umdrehen. Wie kann es angehen, dass die Welt da draussen weiter dreht und nicht stumm steht? Was ist so ein Eis in einer Kinderwelt wert gegen Kulturgenuss? Die hochgezogene Augenbraue soll wohl diese Haltung unterstützen. Dass weder das weinende Kind noch dessen Mutter sie sieht, ist unbeachtetes Detail. Dass es wohl selbst im andern Fall wenig genützt hätte – das Kind will nun mal einfach schreien, es hat seine Gründe, die in seiner Welt gross und richtig sind und hat Absichten, die es auf diese Weise zu erreichen denkt, was über allem steht – ebenso.

Ich gönne mir eine Pause, schlendere durch die Stadt. Ich denke an all die geschenkte Zeit, zu Hause ein Babysitter (mein lesefauler Sohn liest das zum Glück nicht, da er sich sonst über das Baby beim Sitter erzürnen würde), hier nichts zu tun. Ich beschliesse, shoppen zu gehen, das tun Frauen schliesslich so. Ich laufe zuerst durch alle Abteilungen der Buchhandlungen (denke dabei an die über 2 Meter zu lesende Bücher zu Hause), danach in die Papeterie (Notizbücher sind immer gut), danach in ein Schuhgeschäft (eigentlich sind meine Turnschuhe noch gut und ich zieh eh nur die an, ausser heute, da trage ich die schwarze Schuhe meines Sohnes, die mal meine waren, die ich ihm dann aber gegeben habe, die nun verlockend bequem aussehen und die er eh nie trägt) und denke dann, dass ich nochmals in die Lesung gehen könnte, shoppen ist nicht meines.

Ich gehe also zurück in die Buchhandlung, frage mich, ob die mich nicht alle gesehen haben, als ich so zögerlich, nicht wissend, was ich eigentlich wollen könnte, sollen müsste (sowas ist mir ja noch nie passiert in einer Buchhandlung) durch die Regale streifte, und bemühe mich, zügig zum Leseraum vorzustossen. Ich gehe auf Zehenspitzen hinein. Setze mich auf den ersten freien Stuhl. Bin froh, es geräuschlos geschafft zu haben. Der Lesende liest.

Plötzlich kauert eine Frau neben mir, legt ihre Hand auf meine Schulter. Ich schaue sie an. Sie flüstert mir zu, das sei eine Lesung, die aufgezeichnet werde. Man dürfe hier keine Geräusche machen. Das sei live. Es gebe Pausen, man solle diese beachten. Ich solle nicht vorher rausgehen. Bitte sagt sie noch. Ich schaue sie in Gedanken an all das Kindergeschrei, Gelächter, Geplauder von vorher (es ist immer noch da) verständnislos an. Sie wiederholt alles, etwas lauter flüsternd, wobei man schon das erste Mal sicher gut hörte auf der Liveaufnahme. Ich lächle freundlich, frage, ob ich wieder gehen soll. Sie meint, nein (klar, die Pause ist noch nicht da, man darf ja nur zwischen den Blöcken gehen. Selbst wenn man mich nicht hören würde, ihr Nein hört man durchaus).

Ich bin ordnungsgemäss nach der Sequenz gegangen. Damit auch alles seine Ordnung hatte.

Zuhause

Ich bin in meinem Leben oft umgezogen, wohnte an vielen Orten, kreuz und quer über die Schweiz verteilt. Oft stiess ich damit auf Unverständnis, hörte was von Nomadentum, von zuviel Wechsel. Die Wechsel des Ortes sind unbestritten, die sind sogar in Zahlen auszudrücken. Und doch kommt mir das Leben nicht wirklich wechselhaft vor. Ich sehe viel Konstanz darin.

Ich gehe nicht gerne in die Ferien. Damit stosse ich oft auf Unverständnis. Neue Orte, neue Kulturen, neue Strukturen. Einfach mal ausbrechen, ein neues Leben auf Zeit haben. Das klingt sicher spannend, ich mag es nicht. Wieso? Ich mag keine Wechsel. Ich bin am liebsten zu Hause.

Wenn man diese beiden Punkte gegenüber stellt, könnte man einen Widerspruch erkennen und das tun auch die meisten. Ich sehe darin viel Logik. Die Auflösung liegt im Wort Zuhause. Was ist Zuhause? Wo ist es? Ich bin an einem Ort aufgewachsen, habe im nächsten studiert, das dritte gefiel mir sehr, ich verband damit viel, zum vierten Ort kam ich aus äusseren Gründen – und so kam ein Ort zum anderen. Und überall war ich zu Hause – und auch nicht.

Es gibt für mich keinen Ort, den ich Zuhause nennen würde, keine Stadt, kein Dorf. Zuhause ist meine Wohnung, ist mein Leben, der Ablauf desselben. Das ist mein geschützter Rahmen, innerhalb dessen ich mich wohl und gut fühle. Ich baue ihn auf, ich gestalte ihn, er ist alles, was ich für mich brauche, für mich will. Er riecht nach mir, er sieht nach mir aus, ist mit allem angefüllt, was mir gehört, mir wichtig ist. Ziehe ich um, nehme ich ihn mit. Gehe ich in die Ferien, muss ich ihn zurück lassen. Ich kann nur gewisse Teile davon mitnehmen und meist ist es das falsche. Das Buch passt nicht zur Leselaune, die Kleider nicht zum Wetter, der Tagesablauf nicht zu meinen Gewohnheiten. Und ich will nur eins: nach Hause. Zurück zu all meinen Dingen, zurück in meinen Alltag, zurück zu meinem Tagesablauf.

Ab und an dachte ich, so ganz normal ist das nicht. Ein fremdes Parfum, von aussen auferlegte Termine, fremde Räume, Ferien gar – ein Graus. Mein Gefühl von Zuhause, von Halt, von Meins sind am Wanken. Ich werde verdrängt und Fremdes nimmt Einzug. Ich mag das einfach nicht. Und ich denke, es ist eigentlich egal, ob das nun normal ist oder nicht, es ist, wie es ist. Jeder hat wohl Seiten, die er nicht mag an sich, Seiten, an denen er nagt, die an ihm zehren. Klar kann man versuchen, sich zu ändern, kann versuchen, sich gewissen Forderungen anzupassen. Trotzdem sollte man nie ignorieren, wer man ist, wie man ist und man sollte sich nicht dafür schämen oder sich gar dafür verurteilen.   Schliesslich und endlich gibt es viele andere, einen selber gibt es nur einmal.

Frau P.

Ich habe einen Hund. Wie es sich für Hunde so ziemt, muss der zu geregelten Stunden sein Bein heben können (er ist ein Rüde, sonst würde sie sich hinkauern, was Rüden ab und an auch tun, wenn sie kastriert sind, ich hatte mal so ein Exemplar, welches das Beinhebepinkeln nie lernte, was aber weit von meinem jetzigen Rüden entfernt ist, der von klein auf sein Bein gen Himmel streckte, anfangs beim Hochrecken umpurzelte und auf dem Rücken landete, was erneute Beinhochstreckpinkelversuche nicht vereitelt hat).

Wir leben hier in der Grossstadt (für die Schweiz ist Zürich gross, im internationalen Vergleich wäre es ein Dorf, was es von der Mentalität her auch hier ist, auch wenn gewisse die Nase in die Luft streckende Exemplare der Gattung Mensch das gerne anders darstellen würden), so dass niemand niemanden kennt (aber man weiss doch alles über die andern, weiss, welche Pyjamas sie tragen, weiss, wann sie ihre Hunde ausführen, dass ihr Freund jedes Wochenende kommt, sie sich gerade getrennt haben, das Kind endlich gekommen ist und die Frau noch immer kugelt – und es soll mir niemand sagen, das sähe nur ich, weil  mein Schreibtisch so steht, dass ich alles im Blick habe und das im Blick befindliche auch förmlich aufsauge, die andern wären nicht im Bild).

Eines Tages gehe ich also mit besagtem Hund raus, er hebt in seiner mühsam erlernten Manier sein Bein, pinkelt sich dabei nicht mal ins Fell (oft hebt er das Bein so hoch, dass das Pinkeln nur über sein eigenes Fell runter passieren kann – Gravitationskraft lässt grüssen) und wir machen uns wieder auf den Heimweg. Schon von weitem sehe ich eine ältere Dame, sie hat etwas Distinguiertes an sich (das Wort distinguiert passt so schön zu ihr, ich hätte ja herausgeputzt gewählt), goldene Ketten, toupierte Haare. Sie sieht meinen Hund, ein Lächeln zeigt sich auf ihrem Gesicht.

Kaum ist sie in greifbarer Nähe (damit ist die Distanz zwischen ihren Armen und meinem Hund gemeint) bückt sie sich nieder, krault den vor Freude sich fast in einen Salto werfenden Hund, spricht mit ihm, ich sehe nur noch den gebeugten Rücken und die von hinten toupierten Haare, warte geduldig, dass sie sich wieder aufrichtet. Das tut sie in der Tat irgendwann, schaut mich an, entschuldigt sich, findet, Tiere seien aber auch zu toll, vor allem, wenn man Menschen kennt (das denke ich auch ab und an, frage mich dann aber, ob ich das so sagen kann und ob es nicht zu abgedroschen und pessimistisch klingt) und stellt sich als Frau P. vor (ich schreibe den Namen aus Personenschutzgründen nun nicht aus, mir ist er natürlich bekannt, da besagte Dame im Haus neben mir wohnt, was nicht heisst, dass ich den Namen daher kenne, aber sie hat ihn mir ja genannt).

Fortan sehe ich Frau P. öfters, stets begrüsst sie erst meinen Hund, den sie seit dem ersten Treffen „Schätzeli“ nennt (was umso verwunderlicher ist, als sie Deutsche ist und –li eine typische Schweizerendung), danach mich. Ich trage es ihr nicht nach, zumal ich meinen Hund selber als unwiderstehlich und zuckersüss empfinde und ich es des weiteren einfach nur toll finde, in dieser so anonymen Grossstadt nun Frau P. zu kennen, die sich spontan als Hundesitterin angeboten hat und die bei jedem Treffen ein Lächeln auf mein Gesicht zaubert.

Das eigene Leben leben

So, es reicht. Ich habe mich immer redlich bemüht, lieb und nett zu sein, es allen recht zu machen. Ich habe Kohlen aus dem Feuer geholt, den Kopf hingehalten, Dinge gerade gerückt, die andere verbockt haben und am Schluss selber eins auf den Deckel gekriegt. Ich stand schon als Kind brav beim Examen, um dem Vater keinen Kritikpunkt zu liefern, wurde dann dafür gescholten, dass ich neben dem stand, der doof tat. Irgendwas ist immer, irgendwas stösst an. Allen macht man es nie recht.

Wieso will man eigentlich auf Gedeih und Verderb gefallen? Irgendwann hat man mal gelernt, dass man nur gut genug ist, wenn man das tut, was von einem erwartet wird. Die Problematik an dem Unterfangen ist nur, dass man

  1. nie genau weiss, was erwartet wird, das unterliegt der eigenen Findungsgabe, es erraten,
  2. nie weiss, wie der andere interpretiert, was man tut, das unterliegt, seiner Wahrnehmung,
  3. alles oft ganz anders kommt, als man sich das ausmalt.

Das Resultat beim Gefallenwollen sind meist Frust, Trauer, Wut – zumindest nichts Gutes und das bei allen betroffenen Seiten. Und trotzdem macht man weiter. Man denkt, dass es irgendwann gelingen muss, man sich nur nicht richtig angestellt, sich nicht genug bemüht hat. Und läuft immer wieder ins selbe Aus.

Wozu eigentlich? Hätte ich damals in der Schule mit dem Nachbarsbub die Sau rausgelassen, hätte ich wenigstens Spass gehabt. So wurde ich für etwas getadelt, wofür ich nichts konnte und hatte noch das ständige Gefühl, was zu verpassen.

Wieso soll ich den netten Mann von nebenan nicht anflirten, wenn er eine Frau hat? Ist er treu, ist es ein Spiel, ist er’s nicht, kriegte ihn sonst die Dritte, die sich traut, was ich aus sogenannt moralischen Rücksichtnahmen unterlasse. Wieso soll ich mein Glas Wein nicht trinken und das zweite noch dazu? Spiesser nennen es ungesund, ich habe Spass. Und wer von uns zuerst die Kurve kratzt, das zu entscheiden liegt eh nicht wirklich in unserer Hand – und auch sonst bei keinem, der uns nicht gerade mutwillig umbringt. Das Leben hat seine ungeschriebenen Gesetze, die menschlichen Versuche, denen auf religiösem, wissenschaftlichem oder esoterischem Wege beizukommen, sind eher der Sinn suchenden Verzweiflung denn dem Glauben an Erfolg gewidmet.

Ich denke an all die Menschen, die frisch fröhlich durchs Leben gehen, sich nehmen, was sie wollen, lügen, betrügen, opportunieren, wenn es ihnen in den Kram passt. Ich denke, was für eine Freude im Leben sie haben müssen, können sie tun und lassen, wie ihnen beliebt, wie es ihnen nützt, ohne Rücksicht auf Verlust. Frei nach dem Motto „Mir gehört die Welt und ich nehme sie mir“. Sollten sie je vom hohen Ross fallen, haben sie den Ritt bis dahin genossen, bleiben sie im Sattel, überspringen sie sämtliche Hürden.

Kürzlich sah ich einen Vortrag eines Neurowissenschaftlers und Psychologen. Er erzählte von einem Experiment, in welchem aufgezeigt wurde, dass kleine Babies zu altruistischem Verhalten neigen (sie neigen nicht nur, sie sitzen voll und ganz drin in dem Altruistentopf), erst das Wahrnehmen der Aussenwelt, die Adaption von Vorbildern dazu führe, egoistische Tendenzen auszubilden, sie sich anzueignen. So gesehen wäre jeder Altruist, der auf puren Egoismus verzichtet, schlicht lernresistent. Er hat es verpasst, sich von der Aussenwelt die überlebensnotwendigen egoistischen Tendenzen abzuschauen, die es später erleichtern, über Leichen zu gehen.

Was also tun? Pflicht oder Kür? Der Wunsch nach der Emanzipation vom Urteil von aussen, die Sehnsucht nach der eigenen Grösse, das zu tun, was gerade beliebt, ist gross. Einfach mal die Sau rauslassen, einfach mal den eigenen Weg gehen, fernab von allen Konventionen, Zwängen, Erwartungen. Im Wissen, immer noch geliebt zu sein, akzeptiert zu sein, wenn man ist, wie man ist und sein will. Einfach mal da stehen und wissen, man ist gut, wie man ist, und wer das nicht sieht, kann gehen. Man selber bleibt. Genau so. Der Wunsch bleibt, er fühlt sich gut an. Und doch hat er Grenzen. Sie sind da, wo andere leiden. Wirklich leiden. Nicht weil ihre überzogenen Erwartungen, die nur eigenem Egoismus entsprangen, verletzt werden, sondern weil man ohne Rücksicht auf wirkliche Verluste in ihre Welt eindrang, diese verletzte.

Also doch bleiben, was man zögerlich ist, der ständige Versuch, zu gefallen? Bei Weitem nicht. Augen auf und hinschauen lautet die Devise. Wer bin ich und wo will ich hin? Wieso soll das jemand anders für mich entscheiden? Es ist mein Leben, ich habe nur das eine. Andere geben Tipps und behaupten, alles besser zu wissen, leben lassen sie es doch mich. Wieso nicht gleich das tun, was ich will, wenn ich es sowieso selber tun muss? Dabei aber nie vergessen, dass jeder Mensch ein Recht auf sein Glück hat und mein Weg nicht zwangsläufig durch das Gebiet des andern gehen muss. Glücklich sein, weil andere leiden kann man nur, wenn man die Augen verschliesst vor dem wirklichen Leben. Ich muss mein Leben nicht nach den Erwartungen anderer richten, kann aber auch nicht erwarten, dass sie mein Leben durch ihr Leid mittragen. Würde jeder so denken, entstände ein Miteinander von selbstbestimmten, das eigene Ich lebenden Menschen.

Friede? Mit sich und den anderen? Alles blosses Hirngespinst und Utopie? Nachtgedanken einer heillosen Idealistin?

8. April – Holocaust-Gedenktag

Fast 70 Jahre sind vergangen seit der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Traurige Opferbilanz dieses Krieges waren geschätzte sechs Millionen Juden, Sinti, Roma und alle, die dem nationalsozialistischen System nicht genehm oder wohlgesinnt waren. Neben dieser immensen Zahl gibt es eine grosse Zahl von Mitbetroffenen, von Überlebenden, die Zeit ihres Lebens gezeichnet und geprägt sind durch diese Ereignisse.

Immer wieder werden Rufe nach einem Schlussstrich laut. Es müsse auch mal gut sein, man solle wieder nach vorne schauen. Man wolle nichts mehr von Schuld und Wiedergutmachung hören, die Last der Vergangenheit ablegen. Begreiflich, denn sie drückt – auf allen Seiten. Und doch kann man sie nicht einfach abstreifen wie eine abgestorbene Haut. Sie ist da und sie hat ihre Äste bis in die heutige Zeit ausgestreckt, wirkt noch immer nach. Noch immer gibt es Überlebende, die Zeugen dieses historischen Unrechts waren. Noch immer gibt es Menschen, in denen die Erinnerung daran nachwirkt. Und wenn sie alle gestorben sind, lebt die Geschichte in ihren Nachkommen weiter. Eine Vergangenheit, die nie vergeht, nie vergehen soll und darf.

Ein Unrecht, das so gross war wie die systematische Vernichtung von als unwerte Menschen Betrachteten darf nicht einfach vergessen werden. Nicht nur hat der Zweite Weltkrieg mit seinen Todesmaschinerien eine Grössenordnung und Systematik angenommen, die selten ist, er hat durch seine Grössenordnung auch innerhalb Europas, sogar darüber hinaus, neue Weichen gesetzt. Völkermord wurde definiert (vor kam er schon früher, man denke an Armenien), Menschenrechte formuliert und verabschiedet, Konventionen ins Leben gerufen. Die nationalen Gesetze wurden um Grundrechte erweitert, die dabei helfen sollten, Menschengruppen nicht mehr solchen vereinheitlichenden Verurteilungen und Unterdrückungen auszusetzen.

Perfekt ist die Welt nicht geworden, vieles wurde auch wieder vergessen. Manche möchten heute lieber schweigen, manche nicht mehr dran denken, was mal war. Man hat genug gebüsst, man hat genug gedacht. Einige streiten sogar ab, dass überhaupt mal was war, sie leugnen schlicht die Vergangenheit. In meinen Augen ein Schritt zurück und die Weiterführung der Taten damals. Wenn wir nicht mehr erinnern, was war, töten wir die Menschen ein zweites Mal, denn wenn sie auch in der Erinnerung ausgelöscht sind, haben diese quasi nie existiert. Ein Verschweigen dessen, was damals war kommt einem erneuten Unrecht gleich. Man nimmt einem Volk seine Identität, die zu einem grossen Teil auch aus diesem historischen Unrecht besteht. Geschichte ist immer Basis der personalen sowie der kollektiven Identität. Die Geschichte zu verschweigen oder gar zu verleugnen greift genau diese Identität und damit den Kern des Menschen und dessen Zugehörigkeit an.

Ein Tag, sich all dessen wieder bewusst zu werden. Und es im Bewusstsein zu behalten.

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Vgl. dazu auch Moralische und rechtliche Folgen von Genozidleugnung

 

Wände

Ab und an verreisen meine Gedanken einfach. Ferien machen sie dabei nie, im Gegenteil, sie laufen auf Hochtouren. Sie drehen sich um die Themen, die bewegen, laufen dabei nie rund, sondern ecken an. Und immer, wenn sie wieder stocken, drehen sie noch mehr, weil sie diesen Stau überwinden wollen, sich nicht damit abfinden können, dass es nicht weiter geht. Und man sitzt drin im Strudel und sieht ihn drehen und fragt sich wo er endet. Und ab und an sieht man das Ende, das man haben will und sieht den Weg nicht und sieht das Drehen und fragt sich, wie es aufhören könnte und einfach auf das Ziel zugehen, das richtig wäre.

Doch die Gedanken sind frei und will man sie packen, entziehen sie sich, wie Fische mit glitschigen Schuppen, wie Schmetterlinge im grossmaschigen Netz. Man weiss, man kann sie nicht aufhalten und alles Beschwichtigen  hilft nicht. Alles Ablenken wird nicht zur Erleichterung, sondern zur Qual, weil man den Weg des Drehens als noch länger sieht durch die Unterbrechung. So schwer das Drehen fällt, so wichtig ist es, weil man das Ziel will, das so fern scheint und doch so präsent. Und man denkt sich die  verschiedenen Möglichkeiten und sieht sie klar, so klar, dass man sie nur noch ergreifen müsste und doch kann man es nicht, weil man gegen unsichtbare Wände prallt.

Die Wände sind alt, sie sind errichtet durch die Zeit. Die Zeit der Entbehrungen, die Zeit der Entfremdungen, die Zeit der Abwertungen durch einen selber, durch die anderen, durch niemanden als Gefühle, die als nicht genügend werteten, als nicht ausreichend, nicht fähig, unfähig. Es sind Wände, die den Fluss der Gedanken stoppen und den Weg zum Ziel versperren. Wände, die so hoch sind, dass sie unüberwindbar scheinen und doch will man nicht aufgeben, weil man weiss, dass auf der anderen Seite eigentlich das wäre, was man will, was man muss, ohne das man nicht ist, was man sein will, sein kann, ist. Wäre wenn. Man sie überwände. Die Wände.

Rollenspiele

Wer bin ich, was macht mich aus? Diese Frage ist wohl eine der zentralen im Leben. Oft kann man sie nicht abschliessend beantworten und beruft sich auf einzelne Rollen, die man spielt. Man ist Mutter, Hausfrau, Leseratte, Frau, Buchhalterin, Polizistin, heisst Corinne, vielleicht auch Chantal. Vielleicht ist man auch Mann und heisst Paul, ist Versicherungsvertreter, homosexuell oder Buddhist. Oder alles miteinander? Und was davon ist nun das Ich? Was zählt in all dem, worauf liegt der Schwerpunkt?

 

Wir alle entwerfen für uns selber ein Bild von uns, wie wir uns sehen und noch eines, wie wir gerne wären. Problematisch wird es, wenn die beiden Bilder weit auseinander klaffen und ebenso schwierig ist es, wenn eine der von uns als zentral erachteten Rollen wegfällt. Wenn die Arbeit aufhört, die Kinder ausfliegen – die Welt gerät ins Schwanken und man hat sich selber verloren mit dem Wegfall der Rolle. Was bleibt, wenn das Zentrale weicht?

 

Das nächste Bild, das wir zeichnen, ist das nach aussen. Wir stellen uns dar, geben gewisse Dinge preis, andere eher nicht. Wir stellen uns vor und zeigen uns dann von „unserer guten Seite“ – oder gerade umgekehrt, wenn wir im Sturm-und-Drang-Alter sind voller Rebellion und Aufstand. In irgendeiner Form positionieren wir uns zur Welt und machen so oder so immer dasselbe: Wir reagieren auf das Aussen in einer Form, die wir diesem Aussen angemessen erachten.

 

Im Zeitalter des Internets sind diese eingenommenen Rollen noch viel relevanter geworden. Man tummelt sich auf Plattformen und wird überall gefragt, wie man heisst, was man arbeitet, was man mal gearbeitet hat, ob man eine Beziehung hat und sogar, ob die schwierig ist. Man presst sich in Rollen, um dadurch in die dazugehörige Schublade zu passen. Wenn das eigene Bild nicht nach aussen soll, nimmt man sich ein Pseudonym und schreibt nicht mehr als Charlotte, sondern als Susanne. Von aussen erscheint ein neuer Mensch. Es lebe die Welt des Rollenspiels. Was echt ist, was nicht, die Grenzen sind schwimmend. Worauf kann man noch vertrauen? Sind wirklich alles nur noch gespielte Rollen? Schöne neue Welt.

 

Rollen geben Halt und bieten wohl auch Schutz. Indem ich mich zu einer Rolle bekenne, mich mit ihr identifiziere und mich nach aussen in ihr zeige, gebe ich den anderen etwas in die Hand, woran sie mich messen können. Ich weiss dadurch, was sie von mir erwarten, weil sie sich auf diese eine Rolle stürzen und mich als diese nehmen. Oft schmerzt das mit der Zeit, weil man sich nur einseitig wahrgenommen sieht und merkt, wie viel von einem selber dabei auf der Strecke bleibt. Auch Dinge, die einem wichtig wären, die aber nicht mehr zum Tragen kommen. Es kann auch schwierig sein, wenn man sich der eigenen Rolle dann und wann nicht gewachsen fühlt oder fürchtet, man könnte sie irgendwann nicht mehr ausfüllen. Was dann? Wer wird einen dann noch wahrnehmen? Das war doch das einzige, was man nach aussen kundtat, so wurde man gesehen. Was also, wenn die Schublade nicht mehr passt, man herausfällt? So gesehen können Rollen auch Druck erzeugen, sie können förmlich erdrücken. Schlussendlich ist jede Schublade auch nur eine bessere Holzkiste und man schafft sich damit quasi selber den Sarg, der irgendwann im selbst geschaufelten Grab versinkt.

 

Wer also bin ich? Sicher immer mehr als meine Teile und sicher etwas anderes als ein durch wenige Stichworte oder Rollen beschriebenes Bild. So lange ich mich hinter einer Rolle verstecke, mich mit Namen oder Berufsbezeichnungen verkaufe oder gar profiliere, muss ich mich nicht wundern, wenn keiner mich wirklich sieht. Das mag ab und an toll sein, oft gar eine Ahnung von Versteckspiel, Schauspielerei, vielleicht sogar Überlegenheit vermitteln, ob das tief drin wirklich ausfüllt, bleibt dahin gestellt.

Eltern – Kinder

Was schuldet man seinen Eltern? Sie haben einen auf diese Welt gebracht, sie haben einen gross gezogen, irgendwie wurde man wohl so, wie man ist, weil man Eltern hatte, die einem Möglichkeiten boten – selbst wenn sie sie nicht boten, hat man sie gefunden, weil es so war, wie es war. Durch ihr Tun oder Nichttun landete man da, wo man ist. Das heisst nicht, dass man nicht selber verantwortlich ist für das, was man heute ist, denn man hat den Weg gewählt. Hat die Möglichkeiten ergriffen, die man angeboten kriegte oder hat sie gesucht, wenn keine da waren – oder es unterlassen.

Was also schuldet man seinen Eltern? Dank? Gibt es eine Pflicht, zurückzuzahlen? Muss man sie lieben, weil sie Eltern sind? Man selber wollte nie auf diese Welt, man wurde hineingeworfen. Da sitzt man nun und ist abhängig von denen, die es taten. Und aus diesem Hineingeworfenwerden in etwas, das man nicht suchte, entsteht eine Verpflichtung auf Lebenszeit? Man schaut hin und denkt logisch und ruft laut „NEIN. Das kann nicht sein!“ Man ordnet die Argumente, alle sagen dasselbe, alle geben diesem Nein recht. Und doch fühlt man es. Man steckt da drin.

Die Schwierigkeit in dieser Sache ist, dass die Art der Schuld unbestimmt ist. Reichen monatliche Besuche? Tägliche Anrufe? Braucht es mehr? Was ist es? Was, wenn man eine andere Meinung hat, die aber nicht geduldet ist, da man ja nur das Kind ist? Wird man je erwachsen in den Augen der Eltern? Auf der einen Seite fordern sie es (Werde endlich erwachsen, mach was aus deinem Leben!), auf der anderen Seite könnten sie damit nicht umgehen (das vorher war ja ein Befehl und die ganz deutliche Aussage, dass das eigene Leben noch nicht so ist, wie es sein sollte und wie es sein sollte, wissen nur sie aus jahrelanger Erfahrung…).

Darf man Eltern hassen? Könnte man es je ohne Schuldgefühle? Wäre es nicht undankbar? Was, wenn einen die Beziehung zu ihnen zerstört? Stetig? Würde man den Kontaktabbruch unbeschadet überstehen? Ohne Schuldgefühle? Ohne den Gedanken daran, was man eigentlich sollte oder zumindest den Zweifel, ob man nicht doch müsste? Was, wenn die Versöhnung nicht mehr gelänge, plötzlich die letzte Stunde ihn verunmöglicht hätte?

Und irgendwann ist man selber Mutter/Vater von Kindern. Und man tut, was man für richtig hält. Und man will daran glauben, dass auch die eigenen Eltern das nach ihrem Dafürhalten Beste taten. Kann man ihnen vorwerfen, dass es nicht so ankam? Wird es einem das eigene Kind je vorwerfen? Wie viele Fehler wird man gemacht haben? Was bleibt zurück beim Kind? Was schuldet es einem? Dank? Zuneigung? Dasein? Einen Anruf pro Woche? Einen Besuch pro Monat? Was, wenn es nie mehr käme? Wie würde man sich fühlen? Könnte man das jemandem antun?

 

Offene Beziehung

Immer wieder lese ich, dass Leute in einer offenen Beziehung sind. Ich frage mich jedes Mal, was das wohl sei, wie ich mir das vorstellen kann. Ist das ein Jekami, alle mit allen, keiner geht leer aus? Was genau ist dann eine geschlossene Beziehung? So etwas wie eine geschlossene Gesellschaft? Nur die Auserwählten können rein, der Rest ist aussen vor. Ob das nicht furchtbar eng wird? Nur der erlauchte Kreis, der in hiesigen Gefielden – soviel weiss ich ja auch – aus zwei Personen zu bestehen hat.

Natürlich ist es nicht eng. Es sind ja noch andere Menschen da. Die sind auch irgendwie drin, nur einfach nicht ganz. Gewisse Teile sind ihnen vorbehalten, die gehören dann dem erlauchten Kreis. Quasi Klassengesellschaft in Beziehungsdingen. Die Menschen erster Klasse kriegen noch etwas oben drauf auf die Beziehung. Das Sahnehäubchen quasi. Der Rest fährt zweite Klasse, die Holzklasse gibt es wohl auch, teilweise schafft man sie aus Zeit- und Nutzensgründen ab.

Was ist denn nun also die offene Beziehung? Kriegen da alle das Sahnehäubchen? Oder nur die zweite Klasse? Geht auch hier das Holz leer aus? Dann wäre sie ja nicht offen, sondern nur teilweise geöffnet? Eigentlich wäre sie genauso zu. Geschlossen für die, welche aussen vor sind.

Was ist denn nun das Sahnehäubchen? Sex. Die, die ran dürfen, kriegen es, die, welche nicht, sind in der Holzklasse. Bei geschlossenen Beziehungen darf nur einer ran – offiziell, meist sind es doch mehrere. Bei offenen dürfen mehrere ran, so ganz offiziell. Das ist wichtig, man zeigt es nach aussen. Ich bin offen, nicht so ein verschlossener Zeitgenosse. Ich klopf auf Holz. Man krebst zurück.

Offen ist in, ist frei, ist modern, geschlossen ist out, ist alt, ist langweilig. Schlussendlich ist es dasselbe. Die Grenzen sind nur verschoben. Es sagt etwas aus, drum will man es melden. Man präsentiert sich mit dem Kriterium und hat eine Botschaft. Wie lautet sie? Ich bin gut, ich habe wen, doch ich habe noch Kapazität? Ich habe den Traditionen abgeschworen, die andern hinken hinter her?

Oder liege ich ganz daneben? Ich bitte um Aufklärung, wer hilft?

Bewusste Sprache

Kürzlich las ich einen Artikel, aus dem der ganze Unmut über den unbedachten Gebrauch des Wortes „Autismus“ förmlich herausschrie. Der Ärger ist verständlich, vor allem, wenn man bedenkt, dass bei dieser Wortwahl die Betroffenen immer und immer wieder in eine Schublade gesteckt werden, in die sie eigentlich nicht gehören, in der sie sich (zu recht) auch nicht sehen wollen. Aufgrund jüngster Vorkommnisse (vielleicht auch schon früher, man nahm es nicht so wahr?) wurde Autismus zu einem Modewort, Politiker verwenden es, um gewisse Verhaltensmuster zu bezeichnen.

Wir benutzen Sprache häufig unbedacht. Würden wir jedes Wort sorgfältig hinterfragen, ob es das genau passende und richtige ist, dann gäbe es kleine flüssigen Unterhaltungen und Alltagsgespräche würden eher unmöglich. Das heisst nicht, dass man unbedacht drauflos reden sollte oder darf, immer mit der Entschuldigung, man schulde es der Konversation. Es hilft immer, sich zu fragen, was man wirklich sagen will und darauf zu achten, dies auf eine möglichst eindeutige Weise zu tun, eine, die genau das ausdrückt, was man sagen will und nichts, was man nicht sagen wollte.

Nun erwartet man von einem Politiker mehr als von einem Menschen im alltäglichen Geplauder. Man erhofft sich eine gezielte und durchdachte Wortwahl. Man erwartet, dass die Menschen, die ihre Sprache für die Öffentlichkeit benutzen, um damit die Belange eines Landes mitzuprägen, diese auch korrekt wählen. Das Bewusstsein dafür ist in den letzten Jahrzehnten sicher gestiegen, wenn man an die ganzen Diskussionen rund um die Political Correctness denkt.

Eine grosse Schwierigkeit des Sprachgebrauchs ist wohl, dass die Sprache sich verändert. Sprache lebt und wächst mit den Menschen, die sie sprechen. Sie nimmt Dinge aus dem Alltag mit und verändert dadurch teilweise das Vokabular, teilweise die Schreibung desselben und oft auch die Konnotation. Sprache und ihre Wörterbücher werden darum auch ständig der modernen Zeit angepasst. Was früher ein Schimpfwort war, ist heute normal. Was früher normal war, ist heute rassistisch. Es gibt Wörter, die im Fachbereich etwas anderes bedeuten als in der Alltagssprache, manchmal sind die Bedeutungen sogar gänzlich verschieden. (Wie es dazu kommt, bedürfte einer ausschweifenden Erklärung, die den Rahmen hier wohl sprengen würde.)

Wie entwickelt sich Sprache? Die Zeiten verändern sich und damit das, was in der Zeit passiert. Der Mensch sieht sich neuen Erfahrungen gegenüber und sucht Worte dafür, um auszudrücken, was er erlebt, um dem Geschehen um ihn eine Sprache zu geben. Dabei greift er auf Assoziationen zurück. Man kennt das aus der Gefühlswelt, die man mit Begriffen der Sinneswelt beschreibt, um sie fassbar, um sie erklärbar zu machen.  Liebe keine Pflanze und Angst kein Kerker, sie lassen sich aber mit solchen metaphorischen Bildern beschreiben.* Der Nachbar, der sich seltsam benimmt, einen vielleicht gar beängstigt, ist nicht zwangsläufig ein Psychopath, aber er legt gewisse Verhaltensweisen an den Tag, die man mit dem Begriff in Verbindung bringen kann. Genauso wenig ist die keifende Ehefrau hysterisch, die ihrem Mann des Seitensprungs wegen den Computer vor die Füsse wirft. Sprachlich aber kürzt man ab und beschränkt sich auf ein Wort, das ganze Welten von Begriffen in sich birgt. Es ist fachlich nicht korrekt, drückt aber alltäglich aus, was man im Moment assoziiert.

Es gibt viele solchen Worte, viele Assoziationen. Sie entstehen aus einer Sprachlosigkeit einer Situation gegenüber und bilden sich aufgrund von einigen Merkmalen, die man mit einem Begriff verbindet, so dass man die neue Situation beschreiben kann. Gerade bei Krankheitsbegriffen oder Begriffen einer Behinderung ist das zweischneidig, weil immer Menschen hinter dem Fachbegriff sitzen, die sich betroffen sehen durch die heute fast schon inflationäreVerwendung des Begriffs.

Ich denke nicht, dass es eine Lösung gibt. Es ist ein sprachliches Problem, das lebendigen Sprachen in einer sich entwickelnden und verändernden Welt innewohnt. Trotzdem wäre es begrüssenswert, wenn der Umgang mit Sprache bewusster würde. Wenn man sich überlegt, was man sagt, bevor man es tut. Es wäre wünschenswert, dass gerade die, welche sich öffentlich äussern, dies auf eine rücksichtsvolle, sachlich und fachlich korrekte Art und Weise täten. Es wäre der Sprache und der Sache gedient, wenn man von plakativ verwendeten Modebegriffen ablassen und neutral die Fakten beschreiben würde. Dann wäre die Gesellschaft keine autistische, sondern eine, die aufgrund falscher Wahrnehmungen auf die falschen Pferde setzt. Korrekt benannte Gesellschaftsprobleme kann man angehen, für die kann man Lösungen suchen. Ein paar in die Runde geworfene Modewörter verunmöglichen jeglichen sachlichen Diskurs und damit auch die Lösungsfindung. Der schöne Nebeneffekt einer bewussteren (und damit auch korrekteren) Sprache wäre: Man könnte damit unnötige Verletzungen von  (in diesem Fall von Autismus betroffenen) Menschen vermeiden. Das allein wäre es eigentlich schon wert.

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*Vgl. dazu Lakoff/Johnson: Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern

Betrachtungen einer Unpolitischen

Ich lese keine Zeitung. Politik interessiert mich nicht. Ich will all das Leid und all die Mauscheleien überall nicht lesen. Es sind zu viele und ich kann nichts ändern. Was bringt es mir, was bringt es der Welt, wenn ich es lese? Irgendwie kriege ich doch immer viel mit. Zu viel. Die Welt ist ein Dorf und Nachrichten verbreiten sich durchs Buschtelefon.

Heute las ich über eine türkische Feministin und Aktivistin, die von ihrem Heimatland schuldig gesprochen wurde. Sie wird verdächtigt, terroristische Massnahmen unterstützt zu haben. Mir kommt die Weigerung der Türkei in den Sinn, sich des Völkermords an den Armeniern schuldig zu bekennen, die Verantwortung für dieses historische Unrecht zu übernehmen. Ich wunder mich deswegen nicht über das Urteil. Gleichzeitig denke ich, dass ich die Türkei nicht anklagen darf, denn wer ist die Türkei? Nach aussen hört man die Politiker, nach innen sind es ganz viele Menschen, die ihre eigenen Meinungen haben. Wie sehen die aus? Kenne ich sie?

Nun kann man dahin gehen und sagen, die Politik spiegelt das Land und die Meinung der Bürger wieder. Doch wie viele Bürger trauen sich nicht, ihre ehrliche Meinung zu sagen, weil sie Unterdrückung, weil sie Schlimmeres befürchten müssten, täten sie es? Wer oder was ist die Türkei? Was ist ein Staat, eine Nation?

Thomas Mann nannte sich mal einen „Unpolitischen“, er veröffentlichte sogar die Betrachtungen desselben. Ich bin nicht politisch eingestellt(sondern immer menschlich), und doch: Ich stosse immer wieder auf solche Dinge und ich kann es nicht lassen, meine Meinung dazu zu sagen. Oft mit einem unguten Gefühl. Wen klagt man an, wenn man eine Nation anklagt? Es sind nie alle. Es waren nicht alle Deutschen böse und grausam vor vielen Jahren und es sind es heute nicht alle Bürger der Länder, die noch heute Unrecht verüben. Das Problem ist, wenn man Position bezieht, tut man das immer in einer verallgemeinernden Weise. Man klagt eine Grundhaltung an. Dass dabei immer „Unschuldige“ subsumiert werden können, liegt in der Natur der Sache. Deswegen aber zu schweigen, hiesse, all das Unrecht, das passiert, implizit gut zu heissen.

Milena Agus – Nachgefragt

by Heike Bogenberger/dtv
by Heike Bogenberger/dtv

Milena Agus kam 1959 in Genua als Kind sardischer Eltern auf die Welt. Sie lebt heute in Cagliari, Sardinien, unterrichtet an einer Schule Italienisch und Geschichte und betreut ihre schwerkranke Mutter. Von Milena Agus erschienen sind bereits Die Frau im Mond (2009), Solange der Haifisch schläft (2009), Die Flügel meines Vaters (2010), Die Gräfin der Lüfte (2011), Die Welt auf dem Kopf (2013).

Milena Agus erklärte sich bereit, meine Fragen zu beantworten und tat das auf eine sehr liebenswürdige Weise. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken.

Woher holen Sie die Ideen für Ihre Bücher? Was inspiriert Sie?

Die Ideen können nur aus der Wirklichkeit entstehen. Zunächst sind die Protagonisten Personen, wobei ein Protagonist auch aus mehreren Personen entstehen kann. Dann erwerben die Protagonisten ein eigenes Leben und bewegen sich selbständig. Im Gegensatz dazu  bleiben die Orte absolut real.

Wann und wo schreiben Sie?
Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Weil ich an der Schule arbeite und eine sehr kranke Mutter pflegen muss, schreibe ich, wann immer ich kann, ohne Zeitplan. In meiner Handtasche trage ich ein kleines Heft, in das ich meine Ideen schreibe, wenn ich sie habe, auch auf der Strasse. Ich fülle diese Hefte mit Notizen und übertrage sie dann sobald als möglich zuhause auf den Computer, den ich nie dabei habe, obwohl es ein Laptop ist. Eine meiner Regeln ist, im Geheimen zu schreiben. Ich sage nie „Ich kann nicht, weil ich schreiben muss“, dann das käme mir vor, als würde ich mich „als Schriftstellerin aufspielen“. Ich sage dann, dass ich viel zu tun habe, Aufgaben korrigieren, Wäsche bügeln muss und ähnliche Dinge.

Was steckt von Ihnen in ihrem Roman Sottosopra?

Im Roman „Sottosopra“ [wörtlich unten oben, Anm. S.M.] (auf deutsch trägt er soviel ich weiss den für mich schönen Titel „Die Welt auf dem Kopf“) gleichen mir Alice und Annina, aber man könnte sagen, dass sie im Laufe der Geschichte immer mehr das machen, was für sie logisch ist, womit sie sich von mir entfernen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Urlaub? Wie schalten Sie ab?

Ich bin nicht wirklich ein Schriftsteller. Für mich ist das Schreiben nur ein Vergnügen. Ich lebe von meiner Arbeit als Lehrerin und der Verlag setzt mich nachts nicht unter Druck, wie man es mit den wahren Schriftstellern tut, sondern er lässt mir meine Freiheit und wenn ich glaube, etwas Gutes zu haben, sende ich es ihm. Dabei gibt es keine Ferien, weil das alles Ferien ist! Schreiben bedeutet für mich, in die Ferien zu gehen.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

 Mir gefallen Bücher, die mit Leichtigkeit (nicht Oberflächlichkeit) von der Schwere des Lebens sprechen. Meine Lieblinge – unter den Italienern – sind Natalia Ginzburg und Italo Calvino.

Wenn Sie sich mit 3 Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Wenn ich mich als Schriftstellerin definieren müsste, würde ich sagen, dass ich bescheidene Fähigkeiten aufweise, aber vergnüglich und vielleicht hilfreich bin für diejenigen, die meinen Protagonisten in ihren Niederlagen gleichen, es aber dennoch schaffen, ihr Leben zu leben. Also: bescheiden, vergnüglich und hilfreich.

Ich bedanke mich für diese Antworten!

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und einen herzlichen Gruss, Milena

Jede Zeit hat ihre Sprache

Dass die Sprache sich im Laufe der Zeit ändert, ist nichts Neues. Liest man die Minnesänge des 12./13. Jahrhunderts, so kämpft man sich durch mittelhochdeutsche Wendungen, die oft schwer verständlich sind.

Ich wæne mir liebe geschehen wil:
mîn herze hebet sich ze spil,
Ze fröiden swinget sich mîn muot,
alse der valke enfluoge tuot
Und der are ensweime.
[…]*

Aber nicht nur die Sprache änderte sich, auch ihr Gebrauch. Liest man Goethe oder Schiller, sieht man sich einer oft blumigen, epischen, ausschweifenden Sprache gegenüber. Es ist eine schöne und runde Sprache, die schöne und runde Geschichten erzählt. Sogar in den Gedichten wird nicht immer reduziert, sie fliessen dahin, rund und reimend, in Versformen und im Takt.

Viele der ihnen folgenden Autoren blieben dieser Sprache treu, sie pflegten eine Sprache, auf die Wert gelegt wurde, offensichtlich und explizit, will man ihren eigenen Ausführungen glauben. Thomas Mann bekannte, seine Texte immer und immer wieder umzuschreiben, aus Liebe zur Sprache, aus Sorge zu ihr. Und auch in der Zeit zwischen Goethe und Mann finden sich Sprachliebhaber. Neben der Sprachlichen Schönheit lag in dem Geschriebenen immer auch eine inhaltliche Tiefe.

Der zweite Weltkrieg stellte sicher einen Bruch dar. Theodor Adorno liess verlauten, dass danach keine Gedichte mehr geschrieben werden könnten. Der Grund lag auf der Hand: Wie soll Sprache, wie sie bislang die Welt beschrieb, dem genügen, was passiert ist? Wie soll man mit derselben Sprache, die vorher Liebe, blühende Felder und Wälder beschrieb, dem Grauen dieses Unrechts gerecht werden?

Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.**

Natürlich ging das Schreiben weiter, es war auch nicht Adornos Absicht, dieses auszuschalten. Dass aber neue Mittel und Wege beschritten werden müssen, lag auf der Hand. Die Trümmerliteratur wurde geboren. Die Schriftsteller dieser Epoche wollten sich lösen von den hergebrachten Literaturmustern, sie wollten wahr und echt und realistisch sein. Schönschreiberei hatte keinen Platz mehr, Echtheit und Wahrhaftigkeit war gefragt. Die Umsetzung dieser Postulate war nicht immer ganz gelungen,oft griffen sie doch auf die hergebrachten Stilmittel zurück, schrieben noch Sonette und griffen auf die Stilmittel der neuen Sachlichkeit oder auch des Expressionismus zurück. Inhaltlich war die Trümmerliteratur ganz der Beschreibung der Gegenwart nach dem Krieg und der Aufarbeitung der Vergangenheit gewidmet.

Der Krieg rückte in die Ferne, die Inhalte wurden wieder vielfältiger. Wo stehen wir heute? Die Frage, die oft im Raum steht, ist: Was ist gute Literatur? Die Trennung zwischen E und U wie in der Musik schwebt irgendwo in der Luft und wird immer wieder bekämpft. Trotzdem lächeln viele über Pilcher und Konsalik und wollen anderen Ansprüchen genügen – sowohl als Autoren als auch als Leser.

Ist ein Krimi, Thriller, Liebesroman hohe Literatur oder blosse Unterhaltung? Wäre es schlecht, wenn das so wäre? Die malerisch beschriebenen Mord- oder Kussszenen  – hoher Markt- und Unterhaltungswert, wenig literarischer? Das mag durchaus sein, doch wieso soll das eine besser, das andere schlechter sein?

Man kann grosse Literatur vielleicht so beschreiben, dass sie eine Aussage hinter dem Text hat, dass sie tiefer geht, als die blossen Buchstaben es tun. Das macht sie anspruchsvoller als es die reine Unterhaltungsliteratur ist. Das will man nicht immer haben, das ist nicht besser als das andere, aber anders. Solche Kategorien helfen ja auch, für jeden offensichtlich zu machen, was ihn erwartet, so dass man frei nach der jeweiligen Laune und dem eigenen Geschmack wählen kann. Wertungen sind dann überflüssig.

Früher hätte ich bei der Definition von grosser Literatur noch die Sprache hinzugenommen. Ich hätte gesagt, dass sich grosse Literatur durch eine schöne Sprache, Sprachgefühl, Sprachliebe ausdrückt. Ich bin mir bei der heutigen Literatur nicht mehr sicher.

Ich las Kurzgeschichten, Romane, Erzählungen, alle in einem Staccato von Wörtern, Sätzen, Absätzen. Ich las Kapitel, die aus drei Sätzen bestanden, jedes nicht mehr als fünf Wörter. Ich las ganze Erzählungen, die denselben Stil pflegten. Und sie wurden gerühmt. Mir ging beim Lesen der Schnauf aus. Ich kam nie rein, weil der Satz zu Ende war, bevor ich mich einfühlen konnte. Vielleicht bin ich zu langsam. Oder der Text ist zu schnell, zu abgehackt. Nun kann man sagen, die Sprache spiegelt die Zeit wieder. Sie ist insofern ein Kunstmittel und damit eine zweite Ebene im Text. Das könnte man so sagen, damit diese Sprachform rechtfertigen.

Gefallen tut sie mir trotzdem nicht. Mir fehlt das Tragende, mir fehlt, dass ich im Lesen in eine Schwingung komme und in die Geschichte gleite, die mich dann gefangen nimmt. Mir fehlt das Plastische, das Wahrhaftige, das Konstante. Ich hangle mich bei dieser modernen Sprache von Satz zu Satz, bin bei jedem Punkt wieder rausgeworfen, muss beim nächsten grossen Buchstaben wieder andocken, um dann wieder rausgeworfen zu werden. Die Geschichten dahinter wären gut, ich bleibe dran, weil ich wissen will, was wird – und ab und an auch, weil ich nicht einfach wieder aufgeben will. Aber irgendwie fehlt mir was.

Irgendwie fällt für mich die sprachliche Schönheit weg. Alles ist brutal, schnell, kurz. Was ich in Gedichten schätze und liebe, stösst mir beim Roman und in Erzählungen irgendwie auf. Sie sind zu lang, als dass ich mich auf dieses Staccato einlassen will. Ab und an bin ich mir nicht sicher, ob diese neue Sprache in der Literatur, die den Anspruch hat, höher zu stehen als die gefälligen Liebes- und Kriminalromane, nicht einfach daher rührt, sich abheben zu wollen. Einer rühmte es, die anderen sehen das und machen es ihm gleich. Nie mehr über Schachtelsätzen brüten, keine Frage mehr nach Interpunktion, denn nach fünf Wörtern kommt ein Punkt. Der steht da, zeigt den Bruch, weckt auf. Man schaut sich um, ist aus der Geschichte geworfen, taucht wieder auf und  wünscht sich, man wäre unten geblieben.

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*Reinmar: Lieder. Nach der Weingartner Handschrift (B). Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Hrsg. von Günther Schweikle. Stuttgart: Reclam 2002 (=Universal-Bibliothek. 8318.), S.106.

**Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft. In: Gesammelte Schriften, Band 10.1: Kulturkritik und Gesellschaft I, „Prismen. Ohne Leitbild“. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, S. 30.

Leipziger Buchmesse 2013 – Ein Rückblick

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Die Buchmesse Leipzig verzeichnete auch dieses Jahr wieder einen Besucherrekord. An allen vier Tagen waren die Messehallen prall gefüllt, interessierten sich die Menschen für Verlage, Bücher und die Autoren dahinter. Rund 168’000 Besucher sind gezählt worden, da soll noch wer sagen, das Buch sei ein aussterbendes Medium.

Artikel dazu:

Kultur & Medien, 17.3.13

Berliner Zeitung, 18.3.2013

Leipzig Info, 18.3.13

Eine kritische Stimme zur Buchmesse findet sich in der NZZ:

NZZ, 16. 3. 13

Woran erkennt man eine Buchmesse? Der Literaturkritiker Hubert Winkels, neuer Vorsitzender der Jury des Preises der Leipziger Buchmesse (den wir aus stilistischen Gründen für einmal PLB abkürzen), definiert: Wenn viele begeisterte Leser «einen tumultuösen Haufen bilden, dann ist Messezeit». Was diese Definition auszeichnet, ist der euphorische Ton. Buchmessen verführen alle Beteiligten dazu, sich und ihre Passion herrlich wichtig zu nehmen. Das gilt letztlich wahrscheinlich weniger für die Leser als vielmehr für die Autoren, die Verleger und – die Kritiker.

Sie fährt weiter in einem eher sarkasischen Ton:

Noch keinen ganzen Tag war die Leipziger Buchmesse 2013 alt, da hatte der Literaturbetrieb sich schon dreimal selbst ausgezeichnet

Ebenso kritisch und sehr pointiert meldet sich Silke Buttgereit von die Webagentin zu Wort:

Leipzig war die Messe einer Branche, die sich in den letzten 10 Jahren vom eingebildeten Zentrum des Weltgeschehens zum gefühlten Arsch der Welt bewegt hat – und die sich dieser Erkenntnis nicht mehr verschließt. Leipzig war eben nicht Liebesspiel mit Zuschauern, sondern Komm, wir spielen nochmal Messe! – allein, uns fehlt der Glaube.

Sie bezeichnet die Lobeshymnen der Medien als „müde Metaphern“ und sieht wirkliche Neuerungen nur noch in der elektronischen Welt, nicht mehr im Büchermarkt gegeben.

Die Stimmen, die ich von Besuchern las, waren voller Freude, sie waren voller Begeisterung und sowohl Autoren wie auch Besucher nahmen für sich schöne Momente, gemeinsame Momente mit.

Wo also liegt die Wahrheit? Ist die Büchermesse eine Plattform von gestern, als die sich Produzierenden  Nabel der Welt waren (waren sie das je?), während sie heute nur noch müder Abklatsch dessen sind? Oder ist sie eine Plattform für die, welche gemeinsam ihrer Leidenschaft frönen wollen? Für die, welche ihre Bücher promoten  und die, welche dies live erleben wollen?

Messen sind nicht neu und nicht auf die Welt der Bücher reduziert. Es gibt sie in allen Bereichen und allen Grössenordnungen. Das Rad wird man hier kaum mehr neu erfinden, wirkliche Innovation nicht suchen müssen. So lange aber am Schluss alle Seiten zufrieden auf die Veranstaltung zurück schauen, so lange eine solche Veranstaltung solchen Zulauf verzeichnet und künftige Messen schon freudig erwartet werden, scheint das Format durchaus Daseinsberechtigung und Potential zu haben.

Für Innovation muss man vielleicht auf zu neuen Ufern, das scheint aber nicht der Anspruch solcher Messen zu sein und das ist auch gut so. Gewisse Dinge bewähren sich und dürfen bleiben, wie sie sind. Und: Nach der Messe ist immer vor der Messe. Ich freue mich drauf.

Darum soll zum Abschluss die FAZ zu Wort kommen:

Rekord in Krisenzeiten: Die Leipziger Buchmesse lässt sich weder vom Vormarsch der E-Books noch von Unkenrufen beunruhigen und zelebriert mit Erfolg und Publikumszuspruch die Lust am Buch.