Beziehungen von gestern?

Früher wurden Beziehungen aus verschiedenen Gründen eingegangen. Liebe war selten zentral dabei, ökonomische und (familien)politische Überlegungen waren vordergründig. Durch die übliche und gesellschaftlich einzig akzeptierte Rollenverteilung war Frau, einmal geheiratet, gar nicht mehr in der Lage, sich anders zu entscheiden. Hätte sie es getan, wäre sie nicht nur gesellschaftlich geächtet gewesen, sondern auch wirtschaftlich ruiniert, hing sie doch am Mann dran. Sie war aber selber durchaus zu was gut, galt doch ein verheirateter Mann vor allem auch beruflich als gefestigter, hatte er noch eine Vorzeigefamilie, stieg er gar zum Bilderbuchmann auf. Was er nebenher so laufen hatte, kümmerte keinen, denn das hatte jeder, man wusste es, man sah drüber weg. Man hatte wohl nicht den Anspruch, dass es anders wäre, da man gar nicht die Hoffnung hatte, es könnte anders sein.

Die Zeiten haben sich geändert, die herkömmlichen Rollenmuster sind aufgeweicht und politische und finanzielle Heiratsgründe verpönt. Die Liebe zählt – und nur sie allein. Was auf Liebe gründet, soll ewig währen. Nebengeschäfte sind tabu. Dass es sie noch immer gibt, weiss man, will man aber nicht wirklich wahrhaben oder aber man hofft, dass der Kelch an einem vorüber zöge. Frau hat den Vorteil, einfach gehen zu können, sie hat heute Möglichkeiten und Wege, hängt nicht mehr zwangsläufig am Mann dran. Mann findet sich als nicht verheirateter in guter Gesellschaft, je höher die Karrierestufe – so liest man – in umso zahlreicherer.

Die Scheidungsraten sind gestiegen, Beziehungen sind nicht mehr Dauerware, sondern höchstens Etappen füllend. Woran liegt es? Bauen Beziehungen auf dem falschen Grund auf? Ist Liebe zwar wunderbar zu haben aber nicht dauerhaft? Ist es mit den Gefühlen zu Menschen wie mit dem Geschmack beim Essen? Das heutige Leibgericht ist morgen ersetzt? Wechseln wir nicht nur unsere eigenen Wesensarten, sondern damit auch das, was wir im Aussen suchen? Möglich wäre es.

Die heutige Unabhängigkeit von Mann und Frau könnten aber auch die Erwartungen ans Gegenüber wachsen lassen. Da ich den anderen nicht wirklich brauche, muss er noch viel besser sein, damit ich bleibe, denn ich muss ja nicht. Wenn man bleiben muss, sieht man (gezwungener Massen) über mehr hinweg als wenn man gehen kann. Sicherte früher das Bleiben das (zumindest gesellschaftliche) Überleben, so kann heute schneller der Gedanke aufkommen, dass Bleiben eher das Leben belastet. Wozu etwas behalten, das man nicht braucht und das nicht ist, was man gerne hätte?

Wozu also geht man heute noch Beziehungen ein, wenn man sie nicht mehr braucht (zum Überleben) und Liebe selten ewig hält? Ist der Mensch von heute Einzeltierchen mit zeitweiligem Bedürfnis nach Austausch, jegliche weiterführende Verbindlichkeit mehr Ballast denn Lust?

16 Comments

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  1. Ich glaube, das Thema der „Beziehungen“ kann man ebenso wenig verallgemeinern, wie einen „Ausbildungsstandard“. Da treffen sich zwei Menschen mit einer komplexen, individuell hochdifferenzierten Erfahrungswelt und beschließen – gemeinsam glücklich zu sein. Wie soll das gehen, wenn schon die meisten Menschen das nicht einmal mit sich selbst hinbekommen. Ich halte es persönlich für ein Wunder, dass überhaupt noch so viele Menschen von der „Rosa Ponny“ Welt träumen, je weniger vorhanden, um so mehr sind es… Angesichts der vielen Horrormeldungen, über “ wie es in der Regel ist…“ und dem Anspruch „wie es sein sollte“ klafft wie in sovielen Bereichen unseres Lebens eine riesige Lücke. Und dennoch: Der Glaube verlangt das „Ja – ich will“. Und dann kommt das, „aber…“ 😉

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    • Der Mensch bleibt wohl ein hoffnungsloser Idealist. Hoffnungslos ist das Ende seines Idealismus, hoffnungsvoll bleibt er in Bezug auf das Ideal. 😉

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  2. 1. Wer sagt denn, dass Liebe selten hält oder halten kann ? Nur weil viele die Liebe nicht leben können, sind auf der anderen Seite vielleicht genausoviele Menschen, die die Liebe gerne Leben, Menschen , die wissen, dass es Unterschiede gibt in der Art und Weise, wie wir lieben, dass es etwas anderes ist, wenn jemand verliebt ist oder liebt! Zu wissen , dass Liebe nicht immerfort die Schmetterlinge im Bauch zu fühlen bedeutet, sondern irgendwann nur dann und wann; dafür aber zu spüren , wann der Andere etwas fühlt und ohne große Worte dieses Gefühl erwidern zu können, sei es in Form von Taten oder Worten, Berührungen oder einem sanften Lächeln.
    2. Wir ach so komplizierten Menschen mit unseren hochtrabenden Erwartungen und unseren maßlosen Selbstüberschätzungen sehnen uns letzten Endes doch nur nach ein wenig Anerkennung und vor allem Liebe. Dafür ächzen wir durchs Leben, und stehen oft genug uns doch nur selbst im Wege.
    3. Ich sehe die Befreiung der Zweisamkeit von wirtschaftlichen Abhängigkeiten als große Chance, sich frei von entstandenen Ängsten aus den gesellschaftlichen Konventionen für einen anderen Menschen zu entscheiden. Für Frau und Mann! Erweitere dich auf deine Gefühle, aus dir selbst, losgelöst von „ja, aber…“ Lerne mit der Freiheit umzugehen, du hast die Wahl, aber auch die Pflicht zu handeln.

    LG 🙂

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    • Danke für diese wunderbare Antwort. Ja, ich sehe es gleich wie du. Zu Punkt 3 möchte ich noch hinzufügen, dass die Lösung von wirtschaftlicher Abhängigkeit die Liebe um ihrer selbst willen stärken kann. Wenn ständig das Gefühl da ist, gar nicht gehen zu können, selbst wenn man nicht mehr lieben würde, ist die eigene Ohnmacht der Liebe ständig entgegengesetzt und nimmt ihr ein Stück weit die Luft zum atmen. Klar denkt man das nicht ständig bewusst, aber irgendwo tief drin ist es sicher da, vor allem in schwierigen Zeiten.

      Liebe ändert sich. Festhalten kann man in der Liebe nicht und kann man auch sie selber nicht. Sie ist da und sie wächst, wenn man sie pflegt und ihr die Luft zum Atmen lässt und gibt. Will man sie festhalten in der immer gleichen Weise, erstickt man sie, weil man den Menschen gegenüber erstickt, indem man ihn einengt und in ein Raster presst.

      Es ist schon, wie du sagst: Wir sehnen uns alle nach Liebe und Anerkennung. Sich frei dafür entscheiden zu können und dann danach zu leben ist wohl das, was das Leben lebenswert macht.

      Liebe Grüsse

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  3. Früher:
    Ob Liebe wirklich so selten Basis einer Ehe gewesen ist? Ich denke, es ist abhängig vom sozialen Status.
    Beispielhaft: Zille „sein Milljöh“ ist was anderes als Madame Bovary, Effi Briest oder Anna Karenina. Auch die Kameliendame ist nochmal eine andere „Kategorie“.

    Die Rollermuster:
    Sie sind an ihre Zeit gebunden. Wann die Frauen die Zeit und wann die Zeit die Frauen veränderte, lässt sich am Zahlenstrahl der Geschichte ablesen. Das trifft für Männer ebenso zu.

    Erstaunlich, bei genauem Hinschauen ist die Entwicklung dann wesentlich, wenn Männer und Frauen sich auf Gedeih und Verderben ergänzen MÜSSEN z.B. in und nach Kriegszeiten.

    Jedoch halte ich diese Gesichtspunkte für gar nicht so ausschlaggebend.

    Eher denke ich, wir leben heute so viele Jahre aktiv und entwickeln uns noch in Altersgruppen weiter, in denen die Menschen früher schon „fertig“ gewesen sind.
    Wir werden nicht nur älter, wir werden gesund älter.
    Wir werden nicht nur gesund älter, wir sind auch länger „gut erhalten“.
    Wir sind schön. Wir erlauben uns Schönheit, nutzen Signale, auf uns aufmerksam zu machen. Wir sind gebildet, jedenfalls haben wir jede Möglichkeit uns weiterzubilden. Wir sind informiert und haben unvergleichlich mehr und vielfältigere Gelegenheiten, uns zu informieren. Wir sind mobil und es gibt kaum wirkliche Grenzen weltweit, uns zu bewegen.

    Warum also nicht mehrfach aufbrechen? Warum nicht vielfach erleben? Warum am gedeckten Tisch des Lebens verhungern, wenn der Partner nicht mitessen will?
    Warum unbedingt zusammengenagelt alt werden?
    Warum nicht – jeder für sich- Lebenszeit bunt malen?

    Weil es anständig ist? Ist es tatsächlich anständig, sich gegenseitig das Leben »zu nehmen«?
    Wieso nicht gegenseitig die Freiheit gönnen, anders zu leben?

    All diese zusätzliche Lebenszeit und all die (Lebens-)Möglichkeiten schärfen die Sinne umso allerhand mehr, machen somit bereit für Veränderungen, lassen Neu—-Gier zu.

    Entwickeln sich in einer Ehe nicht beide, wird sie zur leeren Hülle. Andersherum- wer versucht, Ehe übervoll zu stopfen, wird darin ersticken oder den anderen vertreiben.

    Ehe bedeutet nicht Kongruenz, sie schafft freie Koordinaten.

    Es ist letztendlich nicht wichtig, ob Ehe oder nicht. Die ehemals wesentlichen Gründe dafür sind längst weggefallen.

    In keinem Alter ist Individualismus so möglich wie ab über 50.
    Mit 60 beginnt so etwas wie vollkommene Freiheit, Unabhängigkeit.

    Warum nicht geniessen? Warum nicht nochmal aufbrechen? Nicht in Eile und nicht aus Übermut- oder wieso nicht in Eile und warum nicht voll von Übermut? Wo ist das Mass? Wer steckt die Grenze? Was taugt die Meinung anderer über das eheliche Verfahren wieder anderer?

    Warum überhaupt über die Ehe anderer nachdenken? Wieso nicht auf die Eigene konzentrieren? Vergleiche suchen?
    Im Zusammenleben anderer sind Vergleiche nicht möglich. Die einen klammern sich, wegen einem Kredit, unbedingt an das gebaute Haus und andere denken, unbefriedigt zusammenleben sei besser als alleine bleiben. Viele andere Lebenskonzepte gibt es ebenso.

    Dabei ist es so einfach. Es bedarf nur der Ehrlichkeit und des Bewusstseins- Menschen sind nie alleine unglücklich.. Unglück, Unzufriedenheit ist wie ein staubiger Wind- es trifft auch die im Umfeld.
    Und Glück, Zufriedenheit? Oh, ein betörender Duft und oh (kein) Wunder, er verbreitet sich auch und lässt lächeln.

    Wieso also nicht mehrfach lächeln im Leben, statt endlos Staub von den Schultern wischen?

    Eine Rakete stürzt ab, werden die ausgebrannten Stufen nicht abgeworfen- ein Leben wird zur schweren Last, beim Versuch alle ausgebrannten Abschnitte mitzuschleppen.

    Sich trennen bedeutet nicht sich hassen, sondern sich beschenken.

    Schenk mir (mein) Leben, heisst die Trennungsformel, in der, von Respekt getragen, noch Liebe wohnt. Und dazu reicht ein so langes Leben eben mehrmals. Für Beide.

    Manchmal denke ich übrigens: ‚Warum warten Männer oft so lange bis Frauen gehen. Sie haben doch oftmals viel eher Grund‘.

    (ACR)

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    • Dazu fällt mir ein:

      Ansonsten gebe ich dir schon recht, dass Trennungen für beide Seiten Befreiung sein können. Aber ab und an würde auch das Zusammensetzen und Zusammenspannen helfen, hinzusehen und zu heilen. Ein weiser Mann sagte mir mal, dass die Konflikte, die wir in Beziehungen im Aussen mit dem Partner haben, eigentlich aus unserem Inneren stammen. Sie seien im Aussen einfacher zu lösen als im Innern. Trennen wir uns im Aussern, verlagern sie sich zurück ins Innere, um beim nächsten Partner wieder hervorzutreten. Ich fand das spannend und es würde erklären, wieso sich so viele oft in alten Mustern sehen in neuen Beziehungen.

      Damit ist nicht gesagt, dass jeder mit jedem könnte, ab und an ist Trennung der einzig gesunde Weg für beide, aber er bedarf – wie jeder Weg, der Analyse.

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  4. *** lache
    schau mal —->

    … erfahrungsgemäss …
    Publiziert am 14. Juli 2011 von ACR

    Ab einem gewissen Alter sollte jede neue Liebe als Mahnmal für die jeweils vorher gescheiterte Beziehung erkannt werden.

    (ACR)

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    • Wir unterschätzen immer, was wir selber in die Beziehung hineintragen und sehen nur, was der andere tut. Dass der dies nicht im luftleeren Raum tut, sondern eben auch in einer Reaktionskette steckt wie wir selber, wird dabei oft vernachlässigt. Somit nehmen wir uns eigentlich selber nicht ernst.

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  5. „Beziehungen von gestern?“

    Nein ! „Nur“ anders. Soweit ich mich erinnere, gibt es den Begriff des „culture lag“.
    Gesellschaftliche Prozesse und Veränderungen sind stets schneller,
    als der Mensch sie begreifen kann, wenn er sie überhaupt begreifen kann.
    Demzufolge ist ein Sammelsurium aus Irrungen und Wirrungen, vorprogrammiert.
    Früher gab es andere ordnende Strukturen als heute.
    Wer ordnet und steuert heutzutage?
    Wer gewichtet was und wie?

    Diese Fragen haben sich zu allen Zeiten die Menschen gestellt.
    Und sie wurden auch alle beantwortet.

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    • Hinken die Prozesse nicht den Wünschen nach und verursachen dann aber bei der Erfüllung derselben wieder Verwirrung, weil die Veränderung Dinge mit sich bringt, die man beim blossen Wunsch nicht bedacht hatte?

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      • Das gibt es natürlich auch. Der Wunsch steht am Anfang, die Enttäuschung folgt irgendwann.
        Es war nicht das erhoffte Paradies, es war Last, Ärger, Ungenügen, Freud- und Lieblosigkeit.
        Um das zu erkennen, braucht es dann Zeit und danach Entscheidungen.
        Der Verliebtheitswahn lichtet seinen Schleier, früher oder später. Dann heisst es Butter bei die Fische oder Adieu. Früher blieb man in der Regel zusammen. „Bis dass der Tod uns scheidet!“ Heute dreht sich das Beziehungskarussell munter drauf los. Nicht wenigen wird es schwindelig, manche bekommen sogar Kotzanfälle. Musste das sein?

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