Allein oder miteinander?

Martin Heidegger verzog sich in die einsame Natur, um seine Gedanken zu sortieren. Nur da konnte er, wie er dachte, seine Philosophie, seine Weltsicht entwickeln. Hannah Arendt, die ihm sehr (und mehr als das) verbunden war, folgte ihm in vielem, war fasziniert von ihm und seinem Denken, seiner Art der Gedankenführung. In dem Punkt (neben durchaus anderen) widersprach sie ihm. Sie fand, das Leben sei immer ein gemeinsames, das man nur im Miteinander, durch Gespräche erfahren, durchschauen und überhaupt sinnvoll machen könne. Allein oder gemeinsam?

Oft hört man, man solle sich auf sich besinnen, in sich gehen, da die Wahrheiten des eigenen Selbst finden und danach leben. Allerdings gibt es auch die These, dass wir uns durch den Blick von Aussen besser erkennen können, weil wir da den Spiegel sehen, das, was von aussen von uns sichtbar ist. Das verwehrt sich uns, da wir immer in uns gefangen sind und nicht unvoreingenommen aus uns heraustreten können. Insofern bräuchte man das Aussen, um das Innen, das aus uns herausspricht, erkennen zu können.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Ohne andere Menschen wird er nicht leben können. Das konnte nicht mal Martin Heidegger, der zwar zum Schreiben in die Einsamkeit flüchtete, allerdings die Gemeinschaft (auch die von Hannah Arendt) durchaus brauchte, um eben produktiv zu sein, seine Gedanken zu finden und zu Papier zu bringen. Gerade von seinem Erstwerk sagte er, dass es ohne Hannah Arendt nicht entstanden wäre – allerdings auch nicht ohne seine Frau, die ihm den Rücken freihielt und ihm so überhaupt die Ruhe ermöglichte, die er brauchte.

Die Zeit heute ist schneller geworden. Informationen fliessen schneller, man muss sie schneller erfassen, verarbeiten, verwerten und sich dazu stellen. Das ermüdet, das härtet auch ab. Vielleicht ist die Ignoranz, die man vielerorts spürt, diesem Umstand geschuldet. Man will sich nicht mehr einlassen, weil sonst noch mehr auf einen einprasseln könnte, von dem man sowieso schon zu viel hat. Vor allem negative Dinge lässt man lieber aussen vor, man müsste sich sonst noch wirklich Gedanken machen, es könnte von einem eine Haltung gefordert sein und die könnten einen vor die Wahl stellen, ob man im eigenen Gärtchen bleibt oder dem Gewissen folgt, welches zu Mitgefühl und Anteilnahme aufruft.

Die neuen Medien erleichtern die Ignoranz. Zwar war das Innenleben noch nie so nach aussen gekehrt, man erfährt von anderen, wo sie ihr Essen kaufen, wann sie es wie zubereitet essen, mit wem sie es essen und was sie über den denken. Dass man nicht auch noch weiss, wie und wann sie es wieder loswerden, ist wohl eine Frage der Zeit (ab und an ist auch die Grenze schon überschritten). Nie war es aber auch so einfach, Dinge einfach zu überlesen – oder so zu tun als ob. Man liest sie und lässt sie im Nirgendwo des Datendschungels versanden. Dass hinter diesen Dingen Menschen sitzen, hat man wohl vergessen, verdrängt oder man denkt, die ja nicht wirklich zu kennen, da alles nur virtuell, nichts real sei. Wieso reale Anstrengung für eine virtuelle Welt verschwenden?

Ist diese Welt wirklich nur virtuell? Klar ist es über Datennetze verbunden, aber dahinter stehen reale Menschen mit realen Gefühlen. Und so sehr man die Welten trennen will, so eng sind die beiden verwoben. Die Trennung ist wohl eher dem eigenen Gewissen genehm, weil man sich dann aus der Affäre ziehen kann, denn wirkliche Realität. Und wenn die Trennung wirklich da ist, muss man sich auch fragen, wieso das so ist und was man sich dann von einer solchen virtuellen Welt erhofft, was man da will. Und vielleicht sind dann gewisse Inhalte gar nicht mehr angebracht, nämlich alles, was menschlich, nah und echt ist. Dann hätten wir eine virtuelle Kunstwelt ohne menschliche Authentizität. Ob man sich dann noch wohl fühlte darin?

4 Comments

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  1. Ich glaube ja, dieses Abschotten ist eine Funktion zum Erhalt der geistigen Gesundheit. Wollte man sich auf alles, was tagtäglich auf einen eintrommelt, (mitfühlend) einlassen, würde man über kurz oder lang den Verstand verlieren. Ich glaube, seine Menschlichkeit bewahrt man sich am ehesten, wenn man den – realen – Nächsten (Familie, Freunden, Nachbarn, Kollegen) mit Empathie begegnet. Also durchaus das eigene Gärtchen hegen. Wenn das jeder täte, ist auch vielen geholfen.

    Nachdenklich
    Marie

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    • Man kann sich nicht auf alles einlassen, aber irgendwo tut man es ja doch. Man sucht aktiv diese Verbindungen um sich dann davor zu schützen, sie nicht an sich ranzulassen. Irgendwo will man also den Kontakt, scheint ihrn zu brauchen, andererseits sorgt man sich um seine Seelengesundheit. Wäre es dann nicht ehrlicher, sich wirklich nur mit den Menschen zu umgeben, die einem wirklich gut tun? Was fehlt, dass man mehr will?

      Ja, wenn jeder sein eigenes Gärtchen, zu dem auch die Nächsten gehören, pflegt, dann wäre die Welt eine bessere. Dann hätte niemand die Zeit und Lust, in fremden Gärten Unheil anzurichten.

      Alles Liebe
      Sandra

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  2. Ich denke, dass die Prioritäten immer noch im realen Leben liegen sollten,
    was nicht ausschliesst, sich virtuell zu betätigen, was auch eine gewisse Form
    oder Abwandlung der Realität ist.

    Was ich eher problematisch finde, ist das ewige gegeneinander Aufrechnen und Verrechnen.
    Das hat in seiner Intensität meiner Ansicht nach zugenommen,
    weil die Funktionalisierung durch den Technik- und Medienhype,
    eine Einfalt in Vielfalt erzeugt.

    Darauf ist aber die menschliche Schöpfung nicht ausgelegt.
    Der Mensch von Natur aus kein reines Funktions-, sondern vor allem
    ein Empfindungswesen.

    Um die Gefühlswelten ist es in unseren „modernen“ Zeiten allerdings
    nicht gut bestellt, so meine Auffassung.

    Darüber könnte man ein Buch schreiben, muss es aber nicht …

    Schönen Gruß aus dem Siegerland

    Stefan

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    • Natürlich sind es verschiedene Welten, da sie sich quasi auf unterschiedlichen Ebenen (man könnte sagen Planeten) abspielen. Trotzdem haben sie auch Überschneidungspunkte, indem man auch Menschen, die man ausserhalb des Netzes kennt, da trifft oder aber welche aus dem Netz aus diesem herausholt und in die reale Welt nimmt. Zudem ist man als realer Mensch immer hinter dem, was man schreibt und agiert so ja auch auf eine Weise real. Selbst wenn man lügt, ist es real, da man ja als realer Mensch denkt, lügen zu wollen, aus welchen Gründen auch immer.

      Liebe Grüsse aus der grauen Schweiz
      Sandra

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