Facebook

Facebook ist ein schwieriges Pflaster. Es ist vor allem eines mit vielen Fettnäpfchen und  Stolpersteinen. Entweder sind diese sehr ausgeprägt, dass sie grundsätzlich nicht zu vermeiden sind oder aber ich bin in deren Umfahrung eher ungeschickt, fühle mich von den netten Risiken und Gefahren, auf deren Nebenwirkungen mich noch keiner aufmerksam gemacht hat, zu sehr angezogen. So oder so: ich falle drüber und lande drin – immer wieder.

Zuerst mal ist wohl die geschriebene Sprache schon generell eher anfällig für Missverständnisse. Ich sitze hier vor meinem Computer, haue in die Tasten und denke mir etwas bei dem, das ich schreibe (im besten Falle). Ab und an ziehe ich vielleicht die Augenbrauen zusammen, dann wieder lache ich. Meine Mimik widerspiegelt den in die Zeilen gelegten Sinn und die intendierte Konnotation. Hinter einem anderen Computer sitzt ein anderer, den ich mehr oder minder kenne (und er mich), er liest die Buchstaben so, wie sie am Schirm auftauchen, hat dabei seinen Hintergrund an Textverständnis und Erfahrung und liest so unweigerlich etwas aus diesen Zeilen, das nicht wirklich da steht. Zwar weicht seine Interpretation nicht willentlich oder gar bösartig von meinem Text ab, oft bewegt sie sich innerhalb der Wörter, sie unterschlägt diesen einfach eine Stimmung oder eine Meinung oder fügt beides hinzu. Wenn er das Lachen nicht mitdenkt kann etwas humoristisch gemeintes völlig anders wirken, dasselbe passiert auch bei anderen Auslassungen oder Zusätzen. Oft kann man es auflösen, die Welt (die sich sowieso nicht an Dingen wie Facebook aufhängen sollte, was aber wohl auch selten bewusst passiert)geht nicht unter. Ab und an erwachsen daraus grössere Geschichten und das ist sicher eine der Schwierigkeiten von Facebook.

Ein weiteres Problem, blenden wir mal die Interpretationssache aus, liegt in der Informationsflut, die wir täglich zu bewältigen haben und der wir auch andere aussetzen. Plötzlich ist er da, dieser Drang, alles sagen zu wollen. Vom Aufstehen über den ersten, zweiten, dritten Kaffee bis hin zum Klo und anderen Ausflügen wird alles feinsäuberlich geteilt. Nun wäre dies beim Kaffee, vor allem wenn er in der Folge auch real vor dem Empfänger dieser geteilten Welt stünde, sehr angenehm, andere Mitteilungen sind in dieser Hinsicht sicher schwieriger zu bewerten.

Auch als Leser hat man seine Schwierigkeiten: Je mehr Freunde man hat, desto mehr an Mitteilungen wird man von ihnen verpassen. Sie gehen zu schnell unter in dem ewig fliessenden Strom von Bildern, Musik, politischen Äusserungen, Humor, Sinnsprüchen, Essensberichten, Beziehungsständen und Tagesablaufsinformationen. Und wenn es als Leser passiert, dass man Dinge verpasst, kann der Schreiber ab und an doch sehr pikiert reagieren. Er fühlt sich ignoriert, möchte gesehen, gelesen, wahrgenommen werden. Er fühlt sich übergangen und das breitet negative Gefühle aus. Zwar streitet er diese ab, doch scheint es doch nicht ganz so unwichtig zu sein, es wird immerhin zum Thema – auf die eine oder andere Art. Und was, wenn man irgendwo immer kommentiert, der andere aber im Gegenzug nicht bei einem selber? Ist dann die Welt aus dem Gleichgewicht oder ist man nur starr, wenn man drauf hofft, gleich wichtig für ihn zu sein wie er für einen?

Ein weiterer Punkt sind die verschmähten realen Freunde. Sie lesen etwas im FB, was ihnen so noch nicht bekannt war und fühlen sich plötzlich übergangen oder nur noch als einer von vielen Facebookfreunden, statt der reale gute Freund, der sie dachten zu sein. Sie fragen sich und einen, wieso man nichts gesagt, sie nicht eingeweiht hat, stattdessen aber der ganzen (Facebook)Welt davon berichtet. Sie sind traurig, wütend, verletzt. Und man sieht den Punkt, doch fragt man sich, wann man eigentlich in diese Pflicht kam, sich mitteilen zu müssen? Und ob ein Satz im FB schon so tief geht wie eine persönliche Mitteilung zu einem Freund. Und wann genau der passende Zeitpunkt gewesen wäre dafür. Und ab und an weiss man gar nicht, was man zu gewissen Dingen sagen kann, eine Momentaufnahme macht aber einen Satz draus, der in die Facebookwelt passt, aber noch kein Thema für ein Gespräch ist?

Als ob es bis dahin nicht schwierig genug gewesen wäre, kommen nun noch die wirklichen Risiken und Gefahren. Facebook sei ein Beziehungskiller, es knüpfe Bänder zu Menschen, die sonst nie so leicht entstanden wären und lasse dann etwas entstehen, was so nicht hätte sein sollen in Anbetracht des realen Beziehungsstand, welcher sich in der Folge oft drastisch ändern könne – und es auch oft täte. Das mag gut sein. Ich erhielt gerade gestern ein sehr nettes Angebot einer jungen Frau aus Dakar, sie wollte mich gerne kennen lernen, mir Bilder schicken, sie fand mich nett – das auf Deutsch und Englisch und in kurzen Abständen mehrfach mit demselben Text (das sollte wohl die Ernsthaftigkeit des Ansinnens unterstreichen und die Grösse des Wunsches ausdrücken). Ich fühlte mich in der Tat sehr zugetan und geschmeichelt, war man doch mit so ernsthaften Absichten in den Weiten des Facebook ausgerechnet auf mich gestossen. Nun gut, das Geschlecht stimmte hier in meinem Fall nicht ganz, aber es gibt ja auch die Vorstösse des anderen Geschlechts, die teilweise ähnlich klingen wie das der hochverehrten Interessentin von gestern. Manchmal gibt es aber auch schlichte Vorstösse, die mit einer einfachen und deutlichen Sprache daherkommen: „Hi Sexy.“ Die anschliessende Frage nach dem Befinden ist harmlos, der abschliessende heisse Kuss schon eher sehr forsch, aber wir lernen ja, unsere Gefühle auszudrücken, offen und ehrlich zu sein – so war das in dem Falle bestimmt gemeint.

Doch auch ganz im Ernst hilft Facebook natürlich, Menschen über den Globus miteinander zu vernetzen. Man lernt sich über Diskussionen, gemeinsame Themen und Ideen kennen, fühlt sich durch Hobbies verbunden, gerät in einen Austausch und fühlt sich darin verstanden. Das knüpft Bänder, die im realen Leben (vor allem oft über die Distanzen) nicht entstanden wären. Sicherlich kann das eine Gefahr darstellen für bestehende Beziehungen, da man so auf eine grössere Anzahl von Menschen trifft. Trifft der richtige Mensch (davon gibt es ja nicht nur einen) zur richtigen Zeit (auch der Zeiten sind mehrere) auf die richtige Stimmung, könnte da schon etwas entstehen, was so nicht beabsichtigt oder gar gesucht war. Doch meistens steckte wohl tief drin der Wunsch, etwas zu füllen, was genau auf diese Weise gefüllt wird. Was man dann daraus macht, ist aber immer noch die eigene Entscheidung, es passiert nichts einfach so.

So oder so bleibt Facebook, was es ist: Eine witzige Sache, die mit etwas Vorsicht zu geniessen ist, die man nicht ganz unhinterfragt immer für bare Münze nehmen sollte, deretwegen man das reale Leben nicht völlig aufs Abstellgleis stellen sollte. Trotzdem ist es aber schlicht unterhaltend und ab und an auch sehr bereichernd und neue Sichtweisen eröffnend.

7 Comments

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  1. Ein wunderbarer, sehr reflektierter Text. Ich habe mich an Facebook probiert und bin nicht so recht warm geworden. Aber das ist auch in Ordnung so. Ich höre ab und zu den Satz: „Ach, wusstest du nicht? Das hat XY doch auf Facebook gepostet.“ Das waren dann aber auch nie wirklich wichtige Informationen.
    Jeder sollte soziale Medien nach seinem Bedarf nutzen dürfen. Mir wird es manchmal etwas viel.

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    • Das Gefühl, es wird zuviel, kenne ich gut. Der Gedanke, mich abzumelden kommt regelmässig. Und doch hat es ein paar Menschen, die ich nur da „treffe“ und den Kontakt möchte ich nicht verlieren. Klar wäre er per Mail weiterführbar, es wäre anders. Und so bleibe ich 😉

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  2. Du bist Klasse, mal nicht die allgemeine Datenklauspionagemania, sondern eine vielschichtige offene Betrachtung. Danke Dir. Und wiedermal ein Thema- zu dem ich was sagen möchte:

    Einen Facebookausflug habe ich schon 2008 gewagt und ihn recht schnell, nach 4 oder 5 Monaten – per Löschung meines Acounts, beendet. Damals bin ich nur einmal wöchentlich auf meinem Profil gewesen und ich wusste nicht richtig, wie ich damit umgehen kann.

    Was mich damals gestört hat, habe ich inzwischen mit mir geändert.

    – ich habe verinnerlicht, was ich veröffentliche gehört mir nicht mehr alleine. ich gebe etwas her und jeder kann damit machen was er will. Einzige Möglichkeit, dies nicht ansehen zu müssen, ist blockieren. Meine Liste ist lang.

    – mir ist klar geworden, ich bestimme die Zeit und den Zeitraum. Mehr als eine Stunde Internetlesen will ich nicht. Schon das ist eine Menge Leben. Es sind im Jahr 365 Stunden und sollte ich noch 20 Jahre aktiv leben können, werde ich am Ende meines Lebens hoffentlich _nicht_ die mindestens 7300 Stunden Internetlesen beklagen. Eine Stunde täglich sind im Jahr mehr als 15 Tage. Von 20 Jahren Leben fällt sozusagen fast ein Jahr komplett ins Internet. (Bei einer Stunde!)

    – gebe ich tatsächlich so viel Lebenszeit ans oder ins Internet „ab“, will ich etwas davon haben. Zunächst Freude am Erfahren, Informieren und Teilen. Ständig wird zwar behauptet, alles müsse/solle Spass machen. Ich gehöre eher nicht zu denen, die ununterbrochen irre feixend in den Seilen einer Spasswelt hängen wollen. Mir reicht Freude, die aber rein und frei. Nimmt mir also etwas die Freude am Erleben, lasse ich die Finger davon. Demnach_ kommt immer wieder jemand auf mein Profil und hat das Bedürfnis mich ärgern zu wollen- lösche ich und blockiere. Daheim würde ich so jemand auch des Hauses verweisen.

    – ganz wichtig, im Zusammenhang mit den bereits genannten Punkten: Es ist mir egal, was andere darüber denken, was ich tue, lasse, schreibe und lese. Natürlich freue ich mich, gefällt jemand, was ich beschreibe, zeige, erzähle, offenbare, aber ich mache mein Wohlfühlen nicht davon abhängig. Was ich schreibe, will ich so, und zwar genauso, formulieren. Sollte jemand meinen, er kann es besser, anders, schöner- Klasse, dann soll er es tun. Mit seinen Gedanken, seinem Können, seinem Wissen. Ich schreibe wesentlich mehr als ich veröffentliche und ich weiss mehr als ich sage. Meinen „Hirngiftschrank“ mag ich sehr. In ihm will ich einschliessen, was nur ich denken will, des Denkens wegen. Ich will mich nicht erklären, nichts beweisen, nicht bedrängt werden, suche keine Ratschläge, will nicht missionieren. Kommunikation bedeutet vor allem- sich gegenseitig informieren. Vergleich, Bewertung, Urteil bedarf sehr viel mehr Vertrautheit als ein FB- Freund ist.
    „Lies mit und sag selbst auch was”, wäre meiner Ansicht nach eine gute Kontaktformel.

    – verwundert hat mich tatsächlich, wie empfindlich Freunde reagieren, wenn sie im Facebook etwas von mir finden was sie selbst noch nicht wissen. Die spitz klingenden Bemerkungen: “ Ich muss ja nur in FB schauen, dann weiss ich wie es Dir geht“, überhöre ich.
    Freund sein heisst nicht mitbestimmen. Freund sein heisst Freund sein. Ich bin Dir Freund, weil Du bist – wie Du bist. Was Du bist ist dabei unwesentlich.
    Der Freund, der sich nicht freut, beinahe täglich etwas von mir zu lesen und zu sehen … nur weil es nicht exklusiv ist, will nur meine Lebenssonne, nicht mich.

    – wer mit mir anbändelt, wird blockiert. Wer mich bewirbt auch. Wer mich als Postkasten für seine Reklame sieht, ist keine 3 Minuten länger im FB-Freundesstatus. Dieses blödsinnige: „Danke für Deine Freundschaft, bitte besuche auch und schau da und dort”, ist peinlich. Ein Mann, der nur auf eine Seite schaut, weil er rote Haare sehr gerne sieht, soll sich einschlägige Seiten suchen- den blockier ich. Wer mich trotz mehrfachem Hinweis mit Angela anschreibt, wird blockiert. Wer gefällt mir drückt, wenn der 10 Minutenlesetext erst 30 Sekunden öffentlich ist, wird einmal angemahnt, es geht mir nicht um Stimmen, hernach blockiere ich, wenn sich das wiederholt. Wer sich für mich und was ich tue ohnehin nicht interessiert, muss auch nicht auf meiner Freundesliste sein.

    Ja, so isdt es, ich habe mein Profil zu meinem „Wohnzimmer“ gemacht und bestimme, wo meine Möbel wie stehen und sollte meine Einrichtung jemand nicht gefallen- die Welt ist weit- die Tür offen.

    Seitdem gefällt mir FB. Ich habe immer Freude und bisweilen sogar richtig Spass. Manchmal hänge ich tatsächlich, vor Vergnügen quiekend, in den Seilen des Tages und lache noch am Nachmittag über Sachen, die ich früh gelesen habe. Ich kann über 2700 FB-Kontakte niemals aktiv pflegen, bekomme mehr Privatnachrichten als ich wirklich pflegen kann und freue mich über anspruchsvolle Leser mehr als über flüchtige Klicker. Es ist eine schnelle Kontaktmöglichkeit rund um die Welt und solange es nicht die einzige Kommunikation ist, Leben.

    Und manches Interessante würde ich nie erfahren haben- folgte ich nicht den Links derer, die ich gerne und regelmässig lese.
    Mal eine gute Gelegenheiten, zu danken, meinen Facebookfreunden.

    Beste Grüsse
    charlotte
    (ACR)

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    • Einmal mehr ein herzliches Dankeschön für diesen tollen Kommentar und den Einblick in deinen Umgang mit Facebook, der dem meinen entspricht. Ich war am Anfang wohl auch etwas naiv, habe zu viel unbedacht hineingestellt und gedacht, es sei ja nur für „Freunde“. Mittlerweile hat sich das geändert, ich mag Facebook, habe da viel Inspirierendes, viel Erstaunliches, viel zum Nachdenken Animierendes gesehen und erlebt. Ich bestimme dabei immer, wie weit ich mich einlasse, was ich von mir herausgebe, was ich bei mir behalte. Das ist mein Recht und ich erachte es als eigene Verantwortung meinen eigenen Grenzen gegenüber. Das stimmt so auch im „realen“ Leben (wobei FB ja auch Teil meines realen Lebens ist, wenn auch nicht alles ganz real ist, was da erscheint).

      Dazu kommt, dass ich auf FB ganz tolle Menschen kennenlernen durfte, für die ich sehr dankbar bin, weil sie mein Leben bereicherten, daneben auch Menschen kennenlernen durfte, die mir gewisse Dinge zeigten, mir ab und auch die Augen öffneten.

      Liebe Grüsse zu dir
      Sandra

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