Hinter Mauern

Fühlte ich mich nur nicht geliebt, weil ich dachte, nicht liebenswert zu sein? Dachte ich, du wendest dich von mir ab, weil ich dachte, es sei unmöglich, dass man sich mir voll und ganz zuwenden kann? Sah ich mich selber als schlecht und verstand drum nicht, wie du mich gut finden könntest?

Ich sitze hinter Mauern und sehe nur grau. Ich möchte hinüber, doch es gibt keine Leiter. Ich möchte hindurch, aber es fehlt eine Lücke. Es ist diese Mauer, die mich immer und immer blockiert. Ich stehe davor und sehe kein Ende, denn drehe ich mich, wäre sie auch da. Sie geht rundherum und ich habe sie gebaut. Ich suchte den Schutz und bildete ein Gefängnis. Nun sitze ich drin und fühle mich nicht sicher, sondern klein und ohnmächtig.

Ich könnte sie einreissen, doch mir fehlt die Kraft. Ich könnte Löcher hineinaschlagen, finde aber kein Werkzeug. In mir wächst der Unmut und Wut macht sich breit. Trauer umspült mich und Einsamkeit frisst mich auf. Ich suche nach Mitteln und suche nach Wegen. Ich möchte hier raus und suche die Welt. Und wenn ich ein Licht sehe, will ich ihm folgen. Ich stürze mich drauf und gehe ihm nach. Ich suche nach Werkzeug, will den Mauern entfliehen. Und dann finde ich es. Der Ausweg scheint nah.

Dann frage ich mich, was wohl hinter der Mauer ist und wie es sich anfühlt. Ich denke an alles, was war und nie mehr sein sollte. Ich sehe Gefahren und male sie aus. Sie sind in meinem Kopf und nehmen allen Raum ein. Sie weiten sich aus und sprengen mich fast. Die Angst wächst heran, meine Kraft geht dahin. Der Weg scheint unbegehbar, das  Werkzeug untauglich. Ich lege es weg und setze mich hin. Die Gefahr ist gebannt.

©Rainer Bald
©Rainer Bald

Für kurze Zeit fühle ich mich sicher und gut. Aufgehoben in meinen Mauern, gebildet als Schutz vor allem, was mich erwarten könnte, brächen sie ein. Als Schutz vor all den Schmerzen, die ich schon erfahren habe und nie mehr erleben möchte. Langsam kehrt Ruhe ein, das Leben ist so, wie ich es mag. Das Leben ist ruhig und ich kenne meinen Platz. Und ich sitze da und starre auf die Mauern. Und sie kommen näher und näher, bald drohen sie, mich zu erdrücken. Und ich fühle mich wieder eingeengt und ungeliebt. Niemand hat Platz in diesen Mauern, ich bin ganz alleine. Niemand kann mich lieben.  Niemand tut mir weh, niemand kann mir was anhaben. Nur ich mir selber. Und ich tue es durch diese Mauer.

Zoë Beck – Nachgefragt

©Victoria Tomaschko
©Victoria Tomaschko

Zoë Beck
Schon mit 3 Jahren begann die 1975 geborene Zoë Beck Klavier zu spielen, hatte mit ihrem Spiel Auftritte und gewann Auszeichnungen bei Wettbewerben. Nach dem Abitur folgte das Studium der deutschen und englischen Literaturwissenschaft, welches mit einer Magisterarbeit zu Elisabeth George abgeschlossen wurde. Nach dem Studium arbeitete Zoë Beck als Lektorin, TV-Producerin, Dramaturgin und Autorin in verschiedenen Bereichen. Zoë Beck lebt als freie Autorin, Übersetzerin und Redakteurin in Berlin. Von Zoë Beck erschienen ist unter anderem Wenn es dämmert (2008), Das alte Kind (2010), Der frühe Tod (2011), Das zerbrochene Fenster (2012).

Zoë Beck gewährt mit ihren Antworten einen spontanen und sehr authentischen Einblick in ihren Schreiballtag und die (Hinter-)Gründe, wieso sie tut, was sie tut.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich heiße Zoë Beck und wurde 1975 irgendwo in Mittelhessen geboren. Damals kannte man mich noch unter einem anderen Namen. Mit drei warf ich mich ans Klavier, mit fünf wäre ich am liebsten ausgewandert, und irgendwann bin ich dort auch weg, allerdings im Zickzack und ohne festes Ziel. Ich habe Literatur studiert, am Theater, beim Film, in Verlagen, beim Radio und für Zeitungen gearbeitet, und jetzt schreibe ich Bücher.

Ist Zoë Beck Ihr Pseudonym? Wenn ja, was hat sie dazu bewegt, eines anzunehmen?

Das ist mein Name. Ich habe noch ein geschlossenes Pseudonym, zu eben diesem Zweck – dass es geschlossen bleibt und niemand weiß, wer dahintersteckt. Aber Zoë, das bin ich. Ich habe damals einen anderen Namen angenommen, weil ich beispielsweise den ursprünglichen noch nie wirklich mochte und mich irgendwie auch mit diesem Namen in einem Kontext sah, in dem künstlerisches Schaffen weder gewünscht noch gewürdigt wurde. Außerdem wollte ich etwas anderes als zuvor schreiben, da brauchte ich einen Neustart. Auf vielen Gebieten. Hinzu kam, dass die Entscheidung in einen Zeitraum fiel, in dem ich sehr krank war und nicht wusste, wie es weitergehen würde. Zoë heißt übrigens Leben. Das passte dann irgendwie alles.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Nein, ich wollte nicht Schriftstellerin werden. Pianistin, ja, aber sonst wäre mir nicht so viel eingefallen. Es war eher Zufall. Eine Freundin arbeitete für eine Literaturagentur und fragte mich, ob ich nicht mal ein Buch schreiben wollte. Ich hatte zu der Zeit viel Erfahrung im Bereich Stoffentwicklung, Dramaturgie, Drehbuch und hätte nie gedacht, dass es funktioniert. Aber ein paar Wochen später war meine Leseprobe fertig, und ich bekam einen Vertrag über drei Bücher.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich lerne immer noch. Es ist vor allem Handwerk. Wie beim Klavierspielen. Wie bei den meisten anderen Berufen. Es heißt ja immer: Bis zu einem gewissen Grad kann man alles lernen, der Rest ist Begabung oder Talent. Die einen lernen es nie, die anderen sehr schnell. An der Uni hatte ich Creative Writing-Kurse, aber weniger, weil ich damals schon vorgehabt hätte zu schreiben, sondern wirklich einfach so. Klang gut, fand ich, und der Kurs lag zu einer bequemen Zeit, außerdem war die Frau, die es unterrichtete, nett. Als ich beim Film war, habe ich oft Drehbuchkurse belegt, aber auch das nicht, weil ich Schreiben lernen wollte, sondern um mich zu informieren, schließlich sollte ich Stoffe entwickeln und Drehbücher bearbeiten. Ich fand, da sollte ich auch ein wenig mehr darüber wissen, wie ein Drehbuch überhaupt geschrieben wird. Ich glaube, durch die praktische Arbeit an Filmstoffen, durch die Arbeit am Theater, durch viel Lesen habe ich eine Menge gelernt, und ich lerne wie gesagt immer noch.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Vorbereitung ist sehr wichtig. Recherche, Notizen, eine Outline schreiben – sehr, sehr wichtig. Natürlich ändert sich dann beim Schreiben immer noch etwas, manchmal sogar die ganze Geschichte. Aber ich muss wissen, was ich erzählen will. Wessen Geschichte ist es, und warum soll ich sie erzählen?

Wann und wo schreiben Sie?

Ich schreibe meist zu Hause, wobei das „zu Hause“ nicht mein eingetragener Wohnsitz sein muss. Manchmal miete ich mich für ein paar Wochen oder Monate wo ein. Im Café oder so kann ich nicht schreiben. Ich bin Nachtarbeiterin. Da kann ich am besten denken. Und ich muss allein sein.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Nein, Feierabend, Ferien, nein. Phasen, in denen ich was anderes mache, ja. Aber abschalten? Wovon denn?

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Oh, das ist aber eine schwierige Frage. Autorin sein ist eine Freude und ein Kampf und Glückssache und vor allem ein Knochenjob. Das will natürlich jetzt wieder keiner hören. Ist aber so, jedenfalls, wenn man es ernst nimmt. Sich ständig selbst hinterfragen, ständig am Stil arbeiten, ständig bewusstmachen, in welchem – auch und besonders gesellschaftlichen – Bezugssystem man steht, was man ausdrücken will. Ich schreibe ja nicht aus dem luftleeren Raum oder für ein ideelles Vakuum. Kämpfen muss ich jeden Tag an allen Fronten: gegen die eigene Nachlässigkeit oder Faulheit, gegen alles, was mich runterzieht und dazu bringen könnte zu sagen: ich schmeiß den Kram einfach hin, gegen Gemecker von Leuten, die es lieber hätten, dass ich mehr/weniger Blut/Sex/Gewalt/Leichen reinschreibe, gegen Vorwürfe, ich sei zu politisch/zu feministisch/zu lakonisch oder von allem einfach zu wenig. Der größte Kampf ist es, auf meinem Weg zu bleiben. (Oder ihn zu finden?) Die Freude, damit das nicht vergessen geht: die Freiheit, das zu tun, was mir Spaß macht.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

„Plötzlich“ entsteht eine Geschichte wohl nicht, auch wenn es manchmal den Anschein hat. Aber dann hat es vorher schon lange in einem gearbeitet … Drei Dinge finde ich wichtig: Welche Figur will ich erzählen, welches Thema hat sie, und wo geschieht es? Von dort ausgehend entwickle ich die Geschichte. Was sich manchmal in der Tat „plötzlich“ ergibt ist, dass man weiß: Dies ist der richtige Ort, an dem die Geschichte stattfindet. Oder: Jetzt weiß ich endlich mehr über meine Figur. Nur so als Beispiele.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Da kann jede nur für sich selbst sprechen. Ich persönlich schätze die Zusammenarbeit mit einem Verlag/einem Team sehr. Aber warum soll nicht jemand sagen: Ich hab meine eigene Lektorin, jemanden fürs Cover, etc. etc., also probiere ich es jetzt selbst. Der Publikationsweg sagt nicht zwingend aus, ob eine Geschichte gut oder nicht gut ist. Es gibt in beiden Bereichen entsetzlich schlechte Geschichten. Und richtig gute. Da müsste man eher mal definieren, was nun eine gute Geschichte ausmacht. Ich muss allerdings sagen, dass für mich ein ordentliches Lektorat und Korrektorat dazugehört. Korrekte Rechtschreibung und Grammatik finde ich den LeserInnen gegenüber zumindest höflich. Eine funktionierende Dramaturgie tut jeder Geschichte gut. Am Stil zu arbeiten ist auch nicht verkehrt. Für vieles davon kann ein Verlag sorgen. Oder man sucht sich Menschen, die einem dabei helfen, die nicht verlagsgebunden sind.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ja, viele Figuren haben irgendeinen Teil von mir oder von Menschen, die ich kenne.

Sie haben 2012 den von der Autorenvereinigung DeLiA zum besten Liebesroman gekürten Roman Für immer und ledig geschrieben, hauptsächlich liest man von Ihnen aber Krimis. Wieso Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Nein, das ist wahrscheinlich auch so ein Klischee wie der Gedanke, dass alles irgendwie autobiographisch und damit sozusagen selbst erlebt sein muss. Ich schreibe schon über Themen, die mich beschäftigen, und bringe sie in Geschichtenform. Was das „Böse“ angeht, gibt es doch im wahren Leben um einen herum genug „Böses“, das eben nicht unterdrückt wird, so dass man es im Roman oder in einer Kurzgeschichte verarbeiten kann. Man müsste auch erst einmal das „Böse“ definieren. Da denke ich immer an Stephen King und so, und der schreibt ja keine Krimis. Oder ist damit das „Böse“ gemeint, das den Serienkiller dazu bringt, ein Serienkiller zu sein? Das wäre dann ein psychologischer Ansatz … Hm. Für meine Geschichten eignen sich da eher gesellschaftliche Schieflagen, Ungerechtigkeiten, Ungeheuerlichkeiten, Missstände. Die sind mir böse genug.

Sie spielen Klavier (sogar mit Auszeichnungen), haben studiert (als Stipendiatin), schreiben Drehbücher, sind als Filmproduzentin tätig, übersetzen, schreiben selber Kurzgeschichten, Krimis, Thriller – gibt es etwas, das sie nicht können oder gelingt einfach alles, was sie anpacken? Wie bringen Sie alles unter einen Hut?

Mir gelingt eine ganze Menge nicht. Deshalb konzentriere ich mich lieber ausführlich auf das, was halbwegs klappt J Ich langweile mich nicht gerne, und ich habe keine zeitaufwändigen Hobbys. Ich mache einfach den ganzen Tag das, was ich gerne mache.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss gut geschrieben sein.

Sie haben Ihre Magisterarbeit über Elisabeth George geschrieben. War es schwierig, die Professoren von einer Krimiautorin zu überzeugen? Wieso gerade Elisabeth George?

Der Professor hatte Kriminalliteratur als Forschungsgebiet, von daher war es eher umgekehrt – er hat mich an das Thema herangeführt. Elizabeth George bot sich damals an, sie stand durch ihre Verbindung von Krimi einerseits und Adeligensoap andererseits in einer bestimmten Tradition, die sie weiterentwickelt hat. Sich diesen Weg anzusehen, fand ich interessant: Was hat sich getan auf dem Weg vom einsamen Detektiv hin zum Ermittlerteam mit den ganzen privaten Problemen? Das war das Thema meiner Arbeit. Klingt heute schon wieder schrecklich überholt.

Gibt es sonst Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Elizabeth George lese ich gar nicht mehr. J Irgendwo gibt es Listen von mir, für die ich meine fünf, sieben, zehn Lieblingsirgendwas nennen sollte. Aber das ändert sich ja über die Jahre. Was gut ist. Sonst würde man ja irgendwo stehenbleiben.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Lesen, lesen, lesen.

Lesen. Aber auf keinen Fall Bücher, bei denen man denkt: Das kann ich aber auch. Sondern nur Bücher, bei denen man denkt: Verdammt, das schaff ich nie, so gut zu schreiben.

Immer misstrauisch sich selbst gegenüber bleiben. Nicht alles, was man formuliert und erdacht hat, ist es wert, veröffentlicht zu werden. Es gibt Mülleimer. Die sollte man nutzen.

Am Stil arbeiten. Und zwar am eigenen. Es dauert eine Weile, ihn zu finden. Er versteckt sich gern hinter dem, was viele Menschen irrigerweise für guten Stil halten. (Elmore Leonard hatte ein paar gute Tipps, übrigens.)

Jeden Tag üben.

Ich bedanke mich für dieses Interview!

Firmen fressen ihre Mitarbeiter

Schon wieder ein Selbstmord in Kaderkreisen. Gibt es sie im Kader mehr als unten oder sind die unten einfach nicht Thema in der grossen Öffentlichkeit? Wäre er nicht in Kaderkreisen, wäre er untergegangen. Wenn sich die schon umbringen, die ganz oben sitzen, dafür oft auch berufliche Gründe angeben, wie muss es weiter unten ausschauen? Sieht man die Geschäftspolitik vieler (vor allem grosser) Firmen an, wundert einen nichts mehr. Der Obere hackt auf den Unteren. Wieso? Weil er es kann. Und weil es ihm helfen kann. Macht der Untere nicht mit, ist das kein Problem, es gibt genügend, die auf die Stelle warten. Das wird sogar offen so kommuniziert.

Wo bleibt da der Mensch?

Grosse Firmen haben Vorgaben. Die, welche ganz oben steht ist: Gewinnmaximierung. Das Problem bei derselben ist, dass sie zum Selbstläufer wird, der dem Goetheschen Besen des Zauberlehrlings gleicht.

Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.

War man gestern im Plus, muss man heute im höheren Plus sein. War das Plus heute höher, muss es morgen noch mehr steigen. Um das zu erreichen, ist jedes Mittel recht, man geht – möchte man heute sagen – über Leichen. Wortwörtlich, wie es scheint. Die Ausrede, sie seien aus freien Stücken gegangen, greift nicht wirklich.

Wo bleibt der Mensch?

Der Profit ist das eine, die Karriere der Oberen ist das andere. Einmal Blut geleckt, will man mehr. Ist man erst mal in der ersten Managerstufe, will man die nächste erklimmen. Man weiss, dass das umso besser geht, wenn man die Vorgaben der Firma erfüllt, skrupellos, knallhart. Man hält sich an Zahlen, opfert dafür Menschen. Man sieht sich selber als Opfer des Systems, man kann ja nicht anders, denn täte man es nicht selber, täte es ein anderer und der hätte dann den Stuhl, den man gerne selber hätte. Also macht man weiter. Vielleicht hat man sogar noch diese leise Stimme im Ohr, die sagt, dass das alles falsch ist. Doch schliesslich sitzt auch einer über einem, der genau dasselbe mit einem macht, tut man nicht, was er will. Und er will eben auch dasselbe. Weiterkommen um jeden Preis.

Das Perpetuum Mobile von Macht, Gewalt, Unterdrückung, Leid.  Es existiert immer und überall, es ist akzeptiert, weil es der anerkannte Weg der Karriere ist. Wer diese macht, ist angesehen, wer aussteigt, wird belacht. Wer hoch und höher steigt, sonnt sich im Ruhm, wer gleich bleibt oder gar absteigt, gehört nicht mehr dazu.

Wo bleibt der Mensch?

Um Menschen geht es dabei schon lange nicht mehr. So lange, bis man selber an dem Punkt steht und sich fragt: Was tue ich hier? Was muss ich tun? Was kann ich tun? Und vor allem: Was kann ich noch ertragen? Und irgendwann lautet die Antwort: Ich kann nicht mehr. Nichts.

Valeska Réon – Nachgefragt

ReonValeskaValeska Réon kommt 1962im Rheinland zur Welt und wächst in einer Hippie-Kommune in Renesse (NL) auf. Nach dem Abitur beginnt sie eine Friseurlehre und arbeitet als Model. Sie schreibt drei erfolgreiche Ratgeber und wendet sich dann der Belletristik zu. Neben ihrer Schriftstellerei arbeitet Michaela Marwich, wie sie im realen Leben heisst, als Privatdetektivin und ist als Vortragsrednerin im deutschsprachigen Raum unterwegs. Von ihr erschienen sind unter anderem unter dem Pseudonym Ela M. Das kleine Grüne (1997), Nie mehr wieder – oder doch? Der Mann, das unbekannte Wesen (1998) und als Valeska Réeon Blumen für ein Chamäleon (2012), Das falsche Spiegelbild (2013).

Valeska Réon hat mir einige Fragen beantwortet und damit persönliche und nachdenkliche Einblicke in die verschiedenen Facetten ihres bunten Lebens gewährt.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Eine echt gute Frage, die ich an manchen Tagen selbst kaum beantworten kann, weil so viele Persönlichkeiten in mir schlummern. Das Chamäleon im Buchtitel beschreibt mich besser als jedes Adjektiv es könnte. Beste Freundin, Kumpel, Diva, Fashion-Süchtige und beste Ratgeberin für gute Freunde – alles Dinge, die ich mit leichter Hand bewerkstellige.

Sie schreiben unter Pseudonym, wieso haben Sie sich dazu entschlossen? Wie kam es zu diesem Pseudonym?

Wenn man hier in Deutschland Sachbücher geschrieben hat, nehmen die Verlage einen nicht mehr allzu gerne als Roman-Autorin. Und so habe ich mir den Namen gegeben, den ich als Kind schon so gerne gehabt hätte. Viele sind enttäuscht wenn sie hören, dass es nicht mein eigentlicher Name ist – und bestehen darauf, mich weiterhin Valeska zu nennen. Witzig!

Sie haben mit Blumen für ein Chamäleon Ihre Lebensgeschichte in einen Roman verpackt. Wieso war es Ihnen wichtig, diese Geschichte zu erzählen?

Es war mir gar nicht bewusst, wie wichtig es tatsächlich war. Aber nachdem ich dann die Resonanz der Leser gesehen habe, wusste ich, dass es das Beste war, was ich machen konnte. Und wenn es dann auch noch ins Kino kommen sollte, erreicht es noch mehr Leute und kann die von mir immer propagierte „Freude am Mut“ in die Welt hinaus tragen. Als Film wird es übrigens Transmorphose heißen.

Wie präsent ist Ihre Vergangenheit heute noch? Ist es für Sie wichtig, dass man Ihre Geschichte kennt? Wäre es nicht ab und an einfacher, im Hier und Jetzt als die wahrgenommen zu werden, die Sie heute sind?

Vielen Leuten wurde erst nach dem Chamäleon-Roman bewusst, mit wem sie es zu tun haben. Und da wurde mir erst klar, wie sehr ich im Jetzt und Hier lebe. Außerdem habe ich noch nie in der Vergangenheit gelebt. Wenn ich andere in meinem Alter treffe, die den Spruch loslassen „Ach ja, das waren noch Zeiten“ (zumeist begleitet von einem tiefen Seufzer), wundere ich mich immer wieder. Ich werde im September 51 und habe mich nie wohler und authentischer gefühlt!

Sie haben Ratgeber verfasst, eine Autobiographie, einen Krimi, arbeiteten als Model, Friseurin, Visagistin, sind Privatdetektivin und wohl noch vieles mehr. Woher stammt diese Vielseitigkeit? Ist es die Suche nach dem wirklich Richtigen oder sind es die vielen bunten Facetten Ihres Wesens?

Wenn man schon als Kind auf der Suche nach sich selber ist, hat man natürlich eine ganz andere Ausgangssituation und probiert auch Dinge aus, auf die kein „normaler“ Mensch kommen würde – *lach*! Aber tatsächlich sind es all die Facetten meiner Persönlichkeit, die sich zum Gesamt-Puzzle Valeska Réon zusammensetzen. Gerade erst habe ich das Angebot erhalten, in einer Werbekampagne für eine Buchmesse eine Baronin zu spielen, die in ihrem Schloss oder auch in ihrem Bentley am liebsten eines macht: Bücher lesen. Wieder eine neue Aufgabe, auf die ich mich riesig freue!

Wie kamen Sie dazu, als Privatdetektivin zu arbeiten? Wie wird man eigentlich Privatdetektivin und was für Menschen treten an Sie heran?

Da kamen mehrere Dinge zusammen. Schon als Kind konnte ich eine Lüge erkennen, sobald sie den Mund des Lügners verlassen hatte. Und der Gerechtigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen ist eine extrem befriedigende Aufgabe. Hauptsächlich treten große Konzerne an mich heran, bei denen irgendetwas im Argen liegt: Weitergabe von Betriebsgeheimnissen, Unterschlagung, Mobbing etc. Und dann laufe ich dort als „Sekretärin“ auf, immer mit so schönen Namen versehen wie „Karin Sommer“ oder „Elke Schneider“, hübsch im dunkelblauen Kostüm mit blondem Bob, und mische mich unter die Belegschaft. Das ist für mich Inspiration pur. Und das Perückenzimmer in meiner Detektei würde selbst Lady Gaga die Sprache verschlagen!

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Schon in der Schule war ich strohdoof in Mathe, konnte aber super Aufsätze schreiben. Meine Zeit als Model war interessant und ich möchte sie nicht missen, aber ich habe eine tiefe Abneigung gegen hohlen Hedonismus. Was lag daher näher, als für den nächsten Abschnitt meines Lebens auf die Schreiberei zu setzen?

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Einmal habe ich ein solches Seminar besucht, habe aber schon nach einer halben Stunde gemerkt, dass mich das eher blockiert als inspiriert. Die Geschichten müssen aus einem herausfließen, und ich sehe, dass ich mich von Buch zu Buch gesteigert habe. Mein neuer Krimi Das falsche Spiegelbild bewegt sich sprachlich auf einem ganz anderen Niveau als die vier vorangegangenen Bücher.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Von allem etwas. Zuerst einmal lasse ich mir einen knackigen Buchtitel einfallen. Bislang hatte ich immer das Glück, dass die Verlage diesen dann letztendlich auch für das fertige Buch benutzt haben. Dann mache ich ein Inhaltsverzeichnis, richte die einzelnen Kapitel im Word-Dokument ein und fange an zu schreiben. Seit einigen Wochen habe ich immer ein kleines schwarzes Büchlein dabei, und sobald ich einen guten Spruch höre oder einen interessanten Satz lese, schreibe ich ihn auf, um es später in der Geschichte zu verwenden.

Die Recherchearbeit kommt dann mitten in der Geschichte, wenn ich merke, dass ich Hilfe brauche. Beim letzten Buch habe ich mir Unterstützung bei DEM deutschen Gehirnwäsche-Papst geholt, Dr. Hans Ulrich Gresch. Ich wusste zwar, wie eine Gehirnwäsche funktioniert, aber es war für den Plot wichtig zu erfahren, ob und wie man sie wieder rückgängig machen kann.

Für die Fortsetzung des Buches habe ich mich bereits mit dem TV-Metereologen Sven Plöger getroffen, denn diesmal geht es u.a. um künstlich gemachtes Wetter.

Wann und wo schreiben Sie?

Bevorzugt abends in meinem Arbeitszimmer. Meine Wauzis liegen links und rechts neben mir, vor mir dampft eine Tässchen Tee, und schon kann es losgehen. Ich tippe alles direkt in den Computer, keine Handnotizen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Während des Entstehungsprozesses eines Buches kann ich gar nicht abschalten. Meine Figuren sind immer mit so viel Liebe ausgedacht und mit einer solch umfangreichen Lebensgeschichte versehen, dass ich aufpassen muss, sie nicht wirklich vor mir zu sehen. Sobald ein Buch fertig ist, kann ich jedoch ganz wunderbar abschalten. Dann fahre ich mit Freunden in mein Haus nach Renesse, wir kochen zusammen, lachen viel, machen lange Strandspaziergänge – und dann erwische ich mich auch schon wieder dabei, wie sich all diese Inspirationen bereits in einem neuen Buch manifestieren.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Das Leben als Autor ist das Ziel all meiner Träume – und was ich mir für die nächsten fünfzig Jahre durchaus vorstellen könnte. Die Freuden sind natürlich die vielen Mails von den Lesern die mir berichten, was meine Geschichten in ihrem Leben bewirkt haben. Oder wie sie sie zum nachdenken angeregt haben. Das war anfänglich ein etwas komischer Gedanke: Meine Ideen ziehen auf Papier gedruckt in den Alltag von anderen ein und entwickeln dort ein Eigenleben. Heute weiß ich: So muss das sein. Was mich etwas beunruhigt ist, dass immer weniger, gerade junge, Leute Bücher lesen. Daran müssen wir arbeiten.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Alles, was ich sehe, ist Inspiration pur für mich. Was andere glatt übersehen haben in ihrem Alltag, beschäftigt mich tagelang und wird zu einer Geschichte gesponnen. Witzigerweise liegt meinem neuen Buch Das falsche Spiegelbild keine einzige reale Begegnung zugrunde, es ist vielmehr die Summe aller Eindrücke der letzten Jahre, allerdings „remixed and re-recorded“.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

In Amerika funktioniert das schon ganz gut, ich für meinen Teil bin jedoch froh, bei einem der größeren Verlag untergekommen zu sein, der die ganze Werbemaschinerie für mich rührt und die entsprechenden Pressekontakte hat.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Na klar, meistens entdeckt man mich in den Hauptfiguren. Im neuen Krimi geht es, ohne zu viel zu verraten, um eine Frau, die nach einem Sturz von der Tower Bridge ihr Gedächtnis verloren hat und ein komplett neues Leben bekommt. Meine Freundinnen, die es vorab schon gelesen haben, sagen alle unisono: „Das bist ganz klar du!“ Aber auch die Frau, die sie früher einmal war und deren Leben in einem Rückblick erzählt wird, trägt viele Züge von mir, das ist dann der traurige und nachdenkliche Teil von mir. Beim Schreiben wurde mir wieder einmal klar, wie spannend die Frage ist: Wie viele Leben kann das Schicksal für uns eigentlich bereithalten?

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Oh je, erwischt, ich bin gänzlich unpolitisch – Asche auf mein Haupt! Wenn andere Autorenkollegen sich für ihre politischen Ziele einsetze, bewundere ich das umso mehr!

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Entweder superspannender Krimi oder einer dieser wundervollen Selbsthlfe-Ratgeber, die einen aus jedem Lebens-Tief herausholen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Mein Lieblings-Buch: „You can heal your life“ von Louise L. Hay. Und ganz verliebt bin ich in die französische Trilogie „Die gelben Augen der Krokodile“ von Katherine Pancol.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

  1. Lass dich nicht verbiegen.

  2. Schreib nur Geschichten, die aus dem Herzen kommen.

  3. Such Dir einen Verlag, der Deine Wünsche umsetzt.

  4. Mach Deinen Lektor / -in zu Deinem besten Freund.

  5. Und niemals vergessen: keine Publicity kann so gut sein wie die, die man selber für sein Buch macht. Sei Vorbild, zeig Deinen Lesern wie toll Literatur ist – und zieh Dir was Ordentliches an.

Waren, glaube ich, mehr als fünf Ratschläge!

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview.

Hexentanz

Es war einmal eine Frau. Die war so frustriert, dass sie nicht kriegen konnte, was sie haben wollte, dass sie einen Sündenbock dafür brauchte, der dafür geradestehen sollte, dass es war, wie es war. Denn: Gäbe es keinen Sündenbock, müsste sie den Fehler bei sich suchen und das ginge ja gar nicht. Dann wäre der Frust nicht nur da, weil sie nicht kriegen konnte, was sie haben wollte, sondern er wäre gepaart mit dem Frust, dass dieser Umstand auch noch mit ihr selber zu tun haben könnte.

Der Sündenbock war schnell gefunden, sie malte ihn in den schwärzesten Farben, die Hörner wurden spitz und spitzer, er kriegte Attribute, die zwar weit ab jeglicher Realität waren, aber das Bild noch potenzierten und verbreitete die Kunde über diesen Sündenbock in alle Richtungen. Die gute Frau stellte sich als Opfer dieses Bocks dar, der die Inkarnation des Bösen sei, sie schilderte in allen Farben und Formen dessen ihm angedichtetes Vergehen, breitete mit verzweifeltem Blick das eigene Leid aus und schon bald war der düstere Bock bekannt wie ein bunter Hund. In allen Blicken stand es, in allen Zeilen war es zu lesen: „Ich weiss, was du getan hast!“

Dass es niemandem in den Sinn kam, zu hinterfragen, ob diese Geschichte nur einen Funken Wahrheit besässe, liegt wohl in der Natur der Sache, schliesslich und endlich mag man spektakuläre Geschichten, jeder wurde schon mal Opfer einer Ungerechtigkeit und wenn er von einer anderen hört, sieht er die eigene vor sich und rächt sich am Sündenbock für die eigene Erfahrung. Und so schlagen sie alle in dieselbe Kerbe und fühlen sich gut dabei, schliesslich und endlich sind sie Verbündete im Kampf gegen das Unrecht.

Genauso müssen sich die gefühlt haben, die im Mittelalter die Hexen auf den Scheiterhaufen geschnallt und dann verbrannt haben. Sie haben sich schliesslich und endlich nur gegen eine Gefahr gewehrt. Sie haben nur das Übel bekämpft und dabei ist jedes Mittel recht. Anhörung der Verurteilten? Nicht nötig, die Meinung ist gemacht. Schliesslich und endlich steht man nicht alleine, man hat Verbündete, ist in einer Gruppe. Gemeinsam ist man stark. Selbst wenn man innerlich Zweifel hätte, könnte man die nicht zugeben, denn dann wäre man plötzlich auch ausgestossen aus der zusammen grölenden und jubelnden Gruppe, die dem Fegefeuer zuschaut.

Oft hört man heute den Ausspruch „Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter!“ Manchmal frage ich mich, ob sich wirklich so viel geändert hat, wie man denkt. In den Gesetzen, in den Aussprüchen nach aussen sicher. Aber ganz tief drinnen? Die Mittel und Wege mögen andere sein, viel subtiler, unauffälliger, aber funktionieren tun sie immer noch auf dieselbe Weise.

Ein Leben wie im Pilcher-Roman

Ich hatte kürzlich auf einer Social Media-Plattform mehr spasseshalber denn wirklich ernst gemeint die Statusmeldung reingestellt, dass ich mir ein Leben wie in einem Pilcherroman wünsche. Zwar finden sich sogar da Irrungen und Wirrungen, das sich findende Paar durchläuft einige Schwierigkeiten, findet schlussendlich sich aber und die schönen Momente und guten Gefühle überwiegen bei weitem. Die Reaktion auf diese Meldung war ziemlich eindeutig. Das sei langweilig, hiess es, das könne ich mir nicht wirklich wünschen. Rosamunde Pilcher wurde als absolutes „No Go“ gesehen, zu voraussehbar, zu schön, zu süss, zu romantisch, zu kitschig, zu problemlos. Dass man es nur schon schaut (ans Lesen wollen wir gar nicht denken), schien eine Schande und bedürfte wohl vieler Momente versunken in Scham; so leben zu wollen schien an absolute Undenkbarkeit zu grenzen. Wieso? Heile Welt ist langweilig.

Schaut man in die Zeitungen, stechen einem Meldungen von Krieg, Selbstmord und anderem Leid und Übel ins Gesicht. Schaut und hört man sich um, sieht man sich mit Klagen über eine grausame, brutale, menschenverachtende, Menschen kaputt und krank machende Welt konfrontiert. Stimmen werden laut, man müsse sich mehr auf ein Miteinander besinnen, die Liebe hoch halten, den Krieg eindämmen. Es werden Parolen von Kehrtwende und Besinnung auf wesentliche Werte propagiert. Doch wenn man sich genau das wünscht, eine Welt in Liebe, in Harmonie, mit einem Happy End und gutem Gefühl, dann wird das vehement bekämpft, belächelt und verspottet.

Wieso ist eine harmonische, heile Welt langweilig? Wieso brauchen wir Ärger, Zwist, Kampf und Krieg, um ein spannendes Leben zu haben? Und selbst wenn das spannend wäre, wieso sehnen wir uns danach, da es uns ja offensichtlich krank macht? Immer mehr Menschen leiden an psychosomatischen Störungen, immer mehr Menschen kommen mit dem immer mehr fordernden, immer kälter und härter werdenden Alltag nicht klar. Immer mehr Menschen gehen unter in den Fluten von Druck, Leistungszwang, Rigorosität, Menschenunwürdigkeit und Ausrichtung an Profit, Macht und Sieg. Sich dem entziehen zu wollen wird aber als langweilig, nicht erstrebenswert und schon fast zu verachten abgetan.

Man fühlt sich bemüht, zu rufen: „Ja, was wollt ihr denn?“ Wovor fürchtet man sich, wenn man sich nicht auf die heile Welt einer Pilcher einlassen will, Mord und Totschlag von all den blutrünstigen Krimiserien (die ich durchaus sehr liebe und regelmässig schaue) gut heisst? Wieso ist Blut, Kampf und Gewalt cool, Liebe und Happy End langweilig und öd? Dass der Mensch sich eigentlich nur nach Liebe sehnt, scheint ein alter Hut und biologisch, soziologisch und psychologisch gut belegt, was hindert den Menschen also daran, dazu zu stehen?

Ode an die Schweiz

Es war einmal ein kleines Land, das sich seine Unabhängigkeit hart erkämpft hat – mit Manneskraft und erhobenen Fingern zum Schwur. So will es zumindest die Sage. Die guten Eidgenossen waren stolz auf ihre Eigenständigkeit, sie schrieben sich diese auf alle Fahnen und prahlten fortan damit. Neutral seien sie, meinten sie. Hielten sich raus. Aus allem. Augen zu und durch, geht uns nichts an. Zwar waren sie immer wieder fleissig, ihre Finger reinzuhalten, die Verantwortung für die Folgen wiesen sie weit von sich. Und überhaupt, eigentlich wussten sie ja von nichts, weil sie durch ihre ganze Neutralität mit Scheuklappen gesegnet waren.

Das ist bis heute so geblieben. Der Schweizer mischt sich nicht ein, er macht nicht mit, er ist verschlossen. Noch heute ist er der Kämpfer um die Unabhängigkeit, Netzwerk, Zusammenarbeit – das mag er nur so lange, wie es ihm nutzt, er alle im Netz kennt und ja kein neuer Kopf dabei ist. Fremdes mag er nicht, Fremden geht er aus dem Weg. Das Fremde kennt er zudem besser als dieses sich selber, er weiss alles darüber und hat das ganz alleine mit sich herausgefunden. Andere nennen das Vorurteil, der Schweizer nennt das unabhängige Meinung.  Schliesslich muss der Schweizer aufpassen, dass er nicht vom Fremden überrollt wird, ist die Schweiz doch so klein und das Fremde so gross und gefährlich. Drum bleibt der Schweizer da, wo er ist, verkehrt mit denen, die er kennt, isst das, was er seit Jahren isst, mag noch heute die Komiker, die vor Jahrzehnten lustig waren und hat so seine heile Welt.

Im Ausland mag man die Schweiz meistens. Schliesslich ist sie ja klein, niedlich und auch wunderschön. Berge und Seen, Felder und Wiesen, putzige kleine Städtchen, die sich für ganz gross halten. Sauber ist es hier, so rein wie die Schweizer Seele. Nichts, was nicht rein gehört, soll da sein. Alles Fremde wird schnell weggeputzt. Was für die Strassen schön sein mag, ist für die Seele einengend. Doch das merkt man in der eigenen Verschlossenheit nicht. Wer dagegen aufmuckt, ist halt ein komischer Vogel. Dem zeigt man gerne auch denselben. Und so kommen die Fremden gerne in die Schweiz, loben Käse, Uhren, Sauberkeit und Schönheit der Natur und gehen dann wieder heim. So kurz sind sie gerne gesehen, denn sie bringen dem Schweizer etwas, nur bleiben sollten sie bitte nicht. Dann nehmen sie ihm etwas und das geht gar nicht. Und die, die da sind, sollen bitte nett neutral bleiben, sich nicht einmischen, nichts wollen, schon gar keine Netze bauen oder Ideen haben. Der Schweizer bleibt gerne für sich. Neutral. Verschlossen. Im vertrauten Terrain.

Ronsdorfer Bücherstube, Wuppertal

logoDie Ronsdorfer Bücherstube ist eine kleine, gemütliche Buchhandlung im Südosten Wuppertals. Im Sortiment findet man Bücher für Groß und Klein, Sachliteratur zu vielen Themen, Kochbücher und Reiseführer, aber auch Hörbücher, DVDs sowie Lizenzen für den Download von E-Books. Auf der Homepage der Buchhandlung findet der interessierte Leser monatliche Buchtipps, aber auch vor Ort ist man mit allen Fragen und Wünschen gut aufgehoben. Mehrmals im Jahr öffnet die Bücherstube ihre Türen für verschiedene Veranstaltungen, seien es Lesungen oder Rezitate .
 Das Team der Ronsdorfer Bücherstube besteht aus Susanna Erb, Christian Oelemann, Sabine Täger, Manuela Romund und Michael Gebauer. Christian Oelemann hat mir ein paar Fragen zu seiner Buchhandlung sowie zur Stellung von Buchhandlungen in der heutigen Zeit beantwortet. Kurz und prägnant nimmt er Stellung zur aktuellen Situation.

COChristian Oelemann, wuchs als Sohn eines Buchhändlers und einer Violistin in Wuppertal auf und bewegte sich selber schon früh zwischen Literatur und Musik. Er ist Autor von Büchern für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, engagiert sich in Schreibprojekten mit Schulklassen und arbeitet als Buchhändler.

 

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Eine typische kleine Vorstadtbuchhandlung mit allgemeinem Sortiment und einem Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendliteratur.

Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

Mir wurde der Beruf in die Wiege gelegt, denn sowohl Vater als auch Mutter waren Buchhändler.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Unter veränderten Umständen ja.

 Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Es wird zunehmend auf Billigkeit Wert gelegt. Die Idee des festen Ladenpreises wird seit Jahren durch Schnellverramschungen hintertrieben.

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Sehr spürbar. Ich versuche, den Kunden alles das zu bieten, was die Onlinegiganten auch bieten.

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Er muss sich seines eigenen Wertes wieder bewusst werden.

Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Er kann sich beraten lassen (ich rate oft auch von Büchern ab!) und er darf das Buch bei Nichtgefallen problemlos zurückgeben.

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

Nichts, weil es im Grunde keine ist. Die Frage lautet eher, ob man sich mit beiden Handlungsgütern auskennt und sie beide anbietet.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Nicht die Spur. Die Verlage vergessen zunehmend ihren gesellschaftspolitischen Auftrag!

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Mehr Nachhaltigkeit! Weniger Zeitgeistsurfen! Trifft auf alle Gruppen zu!

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

„Lass es bleiben!“

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Ja! Die geradezu unwürdige Behandlung von angestellten Buchhändlern seitens dubioser Geschäftsführungen.

Welche andere Buchhandlung würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?

Buchhandlung Jürgensen in Wuppertal-Vohwinkel

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Schule

Eckdaten:
Ronsdorfer Bücherstube
Staasstrasse 11
42369 Wuppertal
Tel: +49 (0)202 246 16 03
E-Mail: info@buchkultur.de
Web: http://www.buchkultur.de

Öffnungszeiten:
MONTAGS BIS FREITAGS
09:00 – 18:30 Uhr
SAMSTAGS
09:00 – 13:00 Uhr

Marie Matisek – Nachgefragt

MatisekMarieMarie Matisek führt einen chaotischen Haushalt mit Mann, Kindern und Tieren im idyllischen Umland von  München. Neben dem Muttersein und dem Schreiben pflegt sie ihre Hobbys: kochen, ihren Acker umgraben und Kröten über die Straße helfen. Ihre große Leidenschaft allerdings gehört der schönsten aller Inseln: Heisterhoog (die in Wirklichkeit ganz anders heißt, aber das ist geheim). Von ihr erschienen sind Mutter bei die Fische (2013) und Nackt unter Krabben (2013).

Marie Matisek hat mir einige Fragen zu ihrem Werdegang und ihrem heutigen Leben und Schreiben beantwortet. Sie hat das auf eine sehr authentische, frische und natürliche Weise getan, so dass sich beim Lesen ab und an ein Lächeln einschleicht.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin eine Frau, Mitte vierzig, verheiratet, zwei Kinder. Obwohl ich schon einige andere Sachen beruflich gemacht habe, würde ich rückblickend sagen, dass ich mich all die Jahre auf das Schreiben vorbereitet habe. Ich war am Theater und habe viele Jahre fürs Fernsehen geschrieben – so gesehen eine solide Ausbildung für die Schriftstellerei.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe immer schon gerne Geschichten erfunden, aber auch gelesen. Die Zeit am Theater war in dieser Hinsicht ein Traum: mit der  Beschäftigung mit Figuren und Stücken habe ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Als ich dann zum Fernsehen wechselte, habe ich gelernt, meine Phantasien und Geschichten nicht nur zu Papier zu bringen, sondern sie auch so aufzuschreiben, dass sie ein größeres Publikum interessieren. Aber ich hätte mich NIEMALS an ein Buch getraut! Erst als die Agentin meines Mannes mich ansprach, habe ich mich an ein Exposé gewagt.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Wie oben schon erwähnt: Meine Grundlage war die Beschäftigung mit Dramen. Ich bin Dramaturgin und erkenne (bei anderen :-)) schnell, ob ein Spannungsbogen stimmt, wo ein Wendepunkt sein müsste, wie man am höchsten Punkt aus einer Szene geht etc. Das ist Handwerk und wie jedes Handwerk in vielen Jahren gereift, erprobt und professionalisiert. Dennoch glaube ich, dass man mehr braucht, um schreiben zu können. Empathie, Leidenschaft, Phantasie, Intuition… Und Durchhaltevermögen! Vor allem dann, wenn einen gerade alles verlassen hat: Handwerk, Empathie, Leidenschaft, Phantasie, Intuition…

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich habe eine Geschichte und die Figuren im Kopf. Dazu gibt es meistens eine drei bis fünf Seiten lange Skizze. Dann schreibe ich drauflos, völlig planlos und bekomme spätestens in der Mitte totale Panik, ob und wie ich das Buch fertig bringe. Und nehme mir fest vor, das nächste Mal wirklich einen genauen Plan zu machen. Aber dann… s.o.

Wann und wo schreiben Sie?

Wenn die Kinder zur Schule gehen, gehe ich mit dem Hund eine Stunde Gassi. Das ist eigentlich der Arbeitsbeginn. Ohne diese mentale Vorbereitung kann ich nur sehr schlecht schreiben. Sobald ich nach Hause komme, gibt es eine Kanne Kaffee, Obst und Schokolade. Das brauche ich zum Schreiben. Ebenso einen Strauß Blumen und eine Kerze. Das steht dann alles auf dem Esstisch, um mein Laptop drapiert. Ich gucke beim Schreiben in den Garten, höre das Schnarchen von Hund und Katze, dann geht es los. Es ist immer das gleiche Ritual, jeden Tag zur gleichen Zeit, außer am Wochenende. Ich brauche diese Gleichförmigkeit. Am Nachmittag, Abend oder Wochenende arbeite ich auch, aber nicht kreative Schreibarbeit. Dann werden E-Mails geschrieben, die Facebook-Seite gepflegt, recherchiert, redigiert, Fragebögen ausgefüllt…

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Ich trage immer Figuren und Geschichten mit mir herum. Ich höre aufmerksam zu, bekomme die Inspiration für meine Geschichten eigentlich von überall. Also arbeite ich genaugenommen zu jeder Zeit. Das Bedürfnis, abzuschalten habe ich eigentlich nicht. Entspannen kann ich aber durchaus! Geben Sie mir ein Sofa und ich schlafe ein.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Es ist für mich die Erfüllung schlechthin. Ich schreibe seit knapp vier Jahren. Seit einem Jahr ausschließlich, d.h. ohne mit etwas anderem Geld zu verdienen. Das ist nicht einfach, der Buchmarkt ist sehr schnelllebig geworden, die Halbwertzeit eines Buches ist leider kurz. Es gibt so viele Titel, man geht schnell unter. Das finde ich schwierig. Die äußeren Umstände – Vertrieb, Marketing, Anforderungen des Verlags – sind alle nicht einfach. Dafür habe ich beim Schreiben die größte Freiheit – und das lässt mich auch die Unannehmlichkeiten aushalten.

Autor sein bedeutet für mich: ganz bei sich sein. Es ist mein Traumberuf, ich möchte nichts anderes mehr machen bis ich eines Tages in Grab falle – an meine Tastatur gekrallt.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Alles! Alles! Alles! Es ist Selbsterlebtes, Gelesenes, Gehörtes, Gesehenes. Ich habe keine Notizbücher, schreibe nichts auf. Weil ich glaube, dass die Geschichten oder Figuren, Namen und Orte, die bei mir hängen bleiben, irgendwann den Weg in ein Buch finden. Manchmal gibt es nur einen Namen, manchmal eine Figur, die man im Kopf hat. Jahre später kommt eine andere Figur hinzu, eine Geschichte setzt sich zusammen. Es muss in mir lebendig werden, nur dann kann ich ein Buch daraus machen. Ich verbringe schließlich viel Zeit damit, da muss es stimmig sein.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Ich kann gut verstehen, dass jemand, der entweder keinen Verlag gefunden hat oder mit seinem Ärger hatte, den Weg des Selfpublishing geht. Das ist richtig und es ist auch wichtig, dass es heute mit finanziell geringerem Aufwand möglich ist, als früher mit Books on Demand o.ä. Trotzdem wäre das für mich kein Weg. Der Verlag hält mir den Rücken frei und macht all die Sachen für mich, die ich nicht tun möchte. Ich muss mich (fast) nur mit dem Schreiben beschäftigen. Alles andere belastet mich und lähmt den kreativen Prozess. Die Vorstellung, dass ich ein Buch selbst vertreiben und bewerben müsste, wäre ein Horror für mich und würde Energien verbrauchen, die ich lieber ins Schreiben investiere. Außerdem bin ich existenziell auf die Vorschüsse der Verlage angewiesen – mein Mann ist ebenfalls Autor und wir müssen davon eine vierköpfige Familie durchbringen. Ein Buch komplett zu schreiben ohne dafür bezahlt zu werden, könnte ich mir gar nicht leisten. Insofern finde ich den Selfpublishing Markt auch etwas bedrohlich.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Marie Matisek steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Keine meiner Figuren ist autobiografisch, aber in jeder steckt Marie Matisek. Ich muss in die Rollen schlüpfen, um die Figuren schreiben zu können. Ich liebe sie alle! Auch die vermeintlich „Bösen“ wie Hubsi von Boistern.

Ihre letzten beiden Romane, Nackt unter Krabben und Mutter bei die Fische, handeln vom Leben auf einer Nordseeinsel, von Familienschwierigkeiten und Liebesdramen, alles aber immer mit viel Humor beschrieben. Ist Humor, wenn man trotzdem lacht oder was bewegt sie zu dieser kunterbunten Mischung?

Ich versuche auch im Leben, jeder Situation etwas Komisches abzugewinnen – ohne etwas lächerlich machen zu wollen. Brachialkomik kann und will ich nicht schreiben, Drama schon eher. Aber kaum habe ich eine zu Herzen gehende Szene geschrieben, schleicht sich schon wieder etwas Komisches ein, da kann ich gar nichts gegen machen.

Wieso schreiben Sie über die Nordsee, wieso erbte Falk einen Strandkorbverleih und keinen Münchner Biergarten?

Weil mein Mann und ich die Idee zu dem Buch bei einem Nordseeurlaub hatten. Im Strandkorb.

Gibt es neue Projekte? Bleiben Sie Ihrem Genre treu oder finden wir uns bald in einem Krimi von Marie Matisek wieder?

Marie Matisek ist nicht nur ein Name und eine Autorin, sondern auch eine Marke. Und die steht für Nordseegeschichten. Ich habe natürlich auch ganz andere Geschichten auf Lager, aber ein Genrewechsel ist für Autoren sehr, sehr schwer und wird von den Verlagen nicht gerne gesehen. Das wird dann unter anderem Namen sein müssen.

Im Moment habe ich den dritten Nordseeroman abgeschlossen, im nächsten Jahr schreibe ich Nummer vier. Was danach kommt – mal sehen.

Nackt unter Krabben spricht nebenbei die Lokalpolitik der Insel Heisterhoog an, wenn auch immer mit einem Augenzwinkern. Wollten Sie eine politische Botschaft vermitteln? Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich (nicht nur in ihrer Literatur) politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

 Nackt unter Krabben ist natürlich zuallererst Unterhaltung. Ich wollte damit keine politische Botschaft vermitteln, aber meine Haltung vermittelt sich indirekt. Ich habe sehr großen Respekt vor Autoren, die radikal gesellschaftspolitisch schreiben, man macht sich dadurch ja auch immer angreifbar. Und man darf die Kraft des Wortes nicht unterschätzen – wie viele Schriftsteller wurden und werden wegen ihrer Werke verfolgt! Tatsächlich sind aber oft gerade radikal persönliche Werke, in denen gesellschaftliche Realitäten einfach nur geschildert und nicht bewertet werden, sehr politisch. Ich glaube kaum, dass es einem Schriftsteller gelingt, seine Meinung vollkommen zu verbergen. Warum auch?

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Wumms.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Ich hatte immer Phasen, in denen ich alles verschlungen habe, was ein Autor geschrieben hat. Das fing mit Agatha Christie an, ging über Dostojewski zu Siegfried Lenz und Paul Auster bis zu Arne Dahl. Sie sehen schon: alles dabei!

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Nein, das kann ich nicht. Schriftstellerei ist etwas zutiefst Persönliches, es gibt so viele Werdegänge die dorthin führen, die unterschiedlichsten Biografien… Ich glaube, wer schreiben will, wird seinen Weg finden, so oder so.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

Andreas P. Pittler – Nachgefragt

PittlerAndreasAndreas P. Pittler wurde 1964 in Wien geboren, hat ebenda  Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft studiert. Schon früh bewegte er sich im Journalismus, veröffentlichte ab 1985 Sachbücher zu diversen Themen und über die verschiedensten Menschen, fungierte als Kritiker, verfasste eine satirische Geschichte Österreichs und gab einen Reiseführer über Europas Kurbäder heraus. 1990 kam der Sprung in die Belletristik, er publizierte in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien und liess 2000 seinen ersten Roman folgen. Neben seinem literarischen Schaffen betreut Pittler eine literarische Radiosendung, lehrt an der Donau-Universität Krems und gehört der Jury des Leo-Perutz-Preises der Stadt Wien an. Andreas P. Pittler ist verheiratet und wohnt – man ist geneigt zu sagen „wo sonst?“ – in Wien. Von ihm erschienen sind unter anderem Bruno Kreisky (1996), Rowan Atkinson, „Mr. Bean“ (1998), Tod im Schnee (2002), Samuel Beckett (2006), Tacheles (2008), Ezzes (2009), Tinnef (2011), Zores (2012), Der Fluch der Sirte (2013).

Andreas P. Pittler hat mir ein paar Fragen zu sich und seinem Schreiben beantwortet. Er tat das auf eine tiefgründige, sich und das Schreiben hinterfragende Weise, er legte dabei vieles offen und bot Einblicke – persönliche, sachliche, überlegte, anregende.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Die Frage „wer sind Sie?“ verleitet dazu, sich in Ausflüchten zu stürzen (also wenn man sie philosophisch auffasst und nicht damit beginnt, einfach einen Lebenslauf darzulegen). Mir fielen sofort zwei, drei Zitate ein, hinter denen ich mich verstecken könnte. „Wer bin ich?“ ist aber wohl die zentrale Frage menschlicher Existenz und das „Erkenne dich selbst“ vielleicht die spannendste Aufgabe im eigenen Sein. In der Tat glaube ich, mich durch mein Schreiben beständig ein bisschen mehr zu erkennen. Aber das ist wohl zeitlebens ein „Work in progress“.

Auch die Frage nach der Biographie ist keinesfalls einfach zu beantworten, denn diese setzt sich naturgemäß aus vielen kleinen Einzelteilen zusammen, von denen immer nur einige für eine gewisse Gruppe interessant sind. Würde ich mich etwa um eine Stelle bewerben, so würde es wohl kein Fehler sein, auf meine universitäre Laufbahn zu verweisen. Für meine LeserInnen ist diese jedoch vollkommen irrelevant.Wäre es mir hingegen darum zu tun, einem Mitmenschen aus meinem Leben zu berichten, so verwiese ich wahrscheinlich auf die Jugenderfahrungen, die dazu führten, dass ich jenen Weg einschlug, der mich eben ins Heute führte. Und vielleicht wäre „Er ging oft fehl, aber er kam ans Ziel“ ein schöner Spruch für meinen Grabstein.

Wofür steht das „P“ nach Andreas? Wieso steht es immer und wieso nie ausgeschrieben?

„P“ steht für Paul. Dies war der Vorname meines Großvaters. In der Schule, wo dieses zweite „P“ noch keine Rolle spielte, wurde ich gemeinhin „A.P.“ gerufen, woraus sich recht bald „APE“ und, daraus folgend, „Affe“ entwickelte (also „ape“ auf Englisch ausgesprochen). Nun finde ich heute die meisten Affen wirklich nett, aber als Pubertierender hat man doch seine Probleme mit einem solchen Attribut. Daher fügte ich das „P“ in meinen Namen ein und wurde zu „Apepe“, was sich (zumindest aus damaliger Sicht) schon besser anhörte. Und wie so vieles im Leben ist es mir bis heute geblieben, obwohl ich selbst es eigentlich gar nicht mehr verwende.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Als ich einmal im Rahmen eines Fragebogens diese Frage gestellt bekam, schrieb ich in jugendlicher Pose „Ich schreibe, weil ich nichts zu sagen habe“, was sich damals auf die Ohnmacht des Einzelnen in unserer Gesellschaft bezog, die einem keine Möglichkeit der (effizienten) politischen Partizipation lässt. Allerdings wäre es ein klein wenig unehrlich, meine Schreiblust allein auf diesen politischen Missstand zurückzuführen. Vielmehr war es wohl so, dass ich schon als kleiner Junge, als ich die Welt der Bücher entdeckte, so beeindruckt war, dass ich mir dachte, solche Werke will ich auch einmal schaffen. Und eines Tages war ich dann mutig genug, meine verbale Fabulierlust in Lettern zu gießen. Ein Prozess, der mit einem eigenen Tagebuch 1976 begann, sich mit Kurzgeschichten für die Schülerzeitung und pubertären Gedichten fortsetzte und seitdem ungebrochen anhält.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich denke, das Wichtigste ist, dass man seinen eigenen Stil findet. Man kann sich sehr viel von anderen AutorInnen, zumal von den Großen, abschauen, aber man wird nie selbst ein großer Autor, wenn man im Epigonenhaften stehenbleibt. Der Schlüssel zum guten Text scheint mir die Authentizität zu sein. Und vor allem muss man wissen, WAS man schreiben will. Für meine Krimis ist es mir z.B. von großer Wichtigkeit, in der Darstellung so realistisch und wirklichkeitsnah wie möglich zu sein. In anderen Genres wird es wiederum auf andere Besonderheiten ankommen.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Prinzipiell schreibe ich einfach darauf los. Ein Buch von ca. 300-400 Seiten schreibe ich in ca. zwei Monaten. Allerdings ist es bei mir so, dass ich quasi mein Leben lang recherchiere, da ich praktisch pausenlos lese. Dabei stosse ich immer wieder auf anregende Passagen, interessante Geschichten und faszinierende Details, ja selbst auf gelungene Formulierungen. Diese Dinge speichere ich, um bei Bedarf auf sie zurückgreifen zu können. Und es kommt natürlich auch vor, dass mir, wenn ich gerade nicht in der Nähe eines Schreibgeräts bin, ein schöner Gedanke kommt, dann halte ich den wie im vorigen Jahrhundert mit Kugelschreiber auf einem Notizzettel fest, um ihn später einbauen zu können. Bemerkenswert erscheint mir auch der Umstand zu sein, dass ich zu Beginn meiner Krimis selbst nicht weiß, wer der Täter/die Täterin ist. Ich schreibe mit offenem Endergebnis los, und wer sich im Laufe der Geschichte als wahrscheinlichster Täter herauskristallisiert, der wird es dann (meistens) auch. Außerdem macht es mir großen Spaß, in meine Geschichten kleine „Palimpseste“ zu verweben, Anspielungen auf große Werke der Weltliteratur, vielleicht sogar direkte Zitate, die ich unerkannt einer Figur unterschiebe. Hiezu hat mich quasi Umberto Eco angestiftet, der diese Vorgehensweise bei „Der Name der Rose“ erstmals in großem Stil anwendete. Ich habe bspw. in einem meiner Romane eine Seite, die ausnahmslos aus Anfangssätzen deutscher Romane aus der Zeit zwischen 1950 und 1980 besteht. Ich bin dann immer gespannt, ob das jemand merkt, ob jemand reagiert. Natürlich dürfen solche literarische „Manierismen“ den Lesefluss nicht stören. Es ist quasi ein Extra für den Insider, ohne den Rest damit zu irritieren.

Wann und wo schreiben Sie?

Da ich auch (noch) einen Brotberuf ausübe, nachts und an den Wochenenden. Als beste Zeit hat sich dabei für mich jene zwischen 22 Uhr und Mitternacht entwickelt, weil da schon allgemeine Ruhe herrscht, niemand mehr anruft oder sonstwie Kontakt aufnimmt und man daher ungestört arbeiten kann.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Wenn ich einen Roman abgeschlossen habe (wie jetzt gerade den sechsten „Bronstein“), dann lehne ich mich zurück und befinde mich für mich selbst im Urlaub. Allerdings bedeutet das nicht, dass ich nicht sofort an den Schreibtisch zurückkehre, wenn ich eine Idee habe, die nach Umsetzung schreit.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Autor zu sein empfinde ich als meine ureigene Berufung. Gerne wäre ich ausschließlich Autor, doch das ist in unserem System ökonomisch schwierig. Immerhin aber gibt mir die Schriftstellerei das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen, das mir zudem auch noch Freude bereitet (was ich von meinem Brotberuf in doppelter Hinsicht verneinen muss). Frustrierend sind für mich jene Momente, in denen ich erkennen muss, dass ich mich in einer Szene verrannt habe, so dass ich einen längeren Abschnitt einfach kübeln muss. Aber diese Emotion wiegt niemals die Freude auf, die ich empfinde, wenn ich einen neuen Roman fertiggeschrieben und dabei das Gefühl habe, eine Geschichte so gut wie mir möglich erzählt zu haben.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich habe das Gefühl, ich bin von Ideen nahezu umzingelt. Jedesmal, wenn ich die Zeitung öffne, springen mich drei, vier Themen an, aus denen man einen Roman machen könnte. Im Vorjahr las ich plötzlich eine kleine Notiz über einen libyschen Politiker, der tot aus der Donau gezogen worden war. Sofort und wie von selbst entstand in meinem Kopf eine Story rund um Verschwörung, Korruption, Unterschlagung und Mord. Die brauchte ich dann nur noch nach dem Diktat meiner Ganglien aufzuschreiben (mein aktueller Roman „Der Fluch der Sirte“). Ich kann das nicht wirklich begründen, aber in solchen Momenten sehe ich die handelnden Personen regelrecht vor mir und kann dabei auch hören, was sie sagen und wie sie es sagen.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Persönlich habe ich überhaupts nicht gegen Selfpublishing einzuwenden. Ich würde nur (derzeit) jeder/jedem davon abraten, weil die Branche an dieser Stelle immer noch die Nase rümpft, sich der erhoffte Erfolg also nur allzu selten einstellt. Mit den E-Books tu ich mich persönlich auch nicht so leicht, weil ich in der Ära der Stand-PCs großgeworden bin, die für mich immer noch primär eine bessere Schreibmaschine sind. Ich will blättern, riechen und im Wortsinne be-greifen. Aber ich bin natürlich nicht unglücklich, dass es meine Romane auch als E-Book gibt, denn eine neue Generation hat ihre eigenen Medien und so mögen die Jungen eben scrollen, wo ich blättere.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Andreas P. Pittler steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Als ich vor über fünf Jahren meinen Ermittler David Bronstein erfand, ging ich davon aus, dass ich hier jemanden porträtiere, der rein gar nichts mit mir zu tun hat. Eine bewusste Antithese sozusagen. Und dann stellte ich im Laufe der einzelnen Bände mehr und mehr fest, wie dieser Bronstein Zug um Zug von mir annahm. Mittlerweile könnte ich mich schon fast mit ihm identifizieren. Allerdings bietet das Schreiben auch die perfekte Gelegenheit, sich gefahr- und folgenlos ein Alterego auszudenken, dass tun und lassen darf, was immer es will, womit man auch ein klein wenig die eigene Phantasie ausleben kann, indem diese Figur Dinge tut, die man selbst vielleicht gerne einmal ausprobiert hätte, die man sich selbst aus welchen Gründen auch immer versagt.

Ihr Weg führte vom Journalismus über Sachbücher hin zur Belletristik. Was hat sie immer weiter bewegt? Sind sie nun angekommen? Was zeichnet die Belletristik im Gegensatz zum Sachbuch aus? Gibt es etwas, das ihnen fehlt aus den Bereichen Journalismus und Sachbuch?

Also eigentlich gäbe es ohne meine Ausbildung zum Historiker die „Bronstein“-Reihe gar nicht. Im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass meine Geschichtsbücher stets nur jene Leser fanden, die ohnehin schon Bescheid wussten. Wollte man also gewisse gesellschaftspolitische Fragen einem größeren Publikum bewusst machen, so schien es angezeigt, dies in einem Format zu tun, das dem Publikum geläufiger ist und zu dem es einen Zugang hat. Ich glaube, ich habe mit meinen Romanen als Historiker mehr bewegt als zuvor mit meinen Sachbüchern, die außerhalb der Fachkreise weitgehend unbeachtet blieben.

Sie sind Österreicher, genauer Wiener. Beeinflusst ihre Herkunft ihren Stand auf dem deutschsprachigen Markt?

Unbedingt. In meinem Fall sogar noch mehr als sonst, da ich recht umfangreich vom Wortschatz des Wiener Dialekts Gebrauch mache, den man nördlich von Nürnberg wohl kaum mehr versteht. Das ist vergleichbar mit Krimis, in denen sich die Menschen des „Züri-Dütsch“ bedienen, womit man in Hamburg oder Flensburg auch eher auf Unverständnis stoßen wird. Gleichzeitig habe ich aber die angenehme Erfahrung gemacht, dass die „eigenen“ Leute es sehr zu schätzen wissen, wenn man in ihrer Sprache schreibt, denn hier in Wien sind meine Romane konstant geschätzt, wie sich an den jeweiligen Verkaufszahlen ablesen lässt.

Wieso schreiben Sie Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

An dieser Stelle sind wir jetzt wieder bei den Sachbüchern und bei meinem erlernten Beruf als Historiker. Ich habe einfach festgestellt, dass ich mit meinem historischen Abhandlungen stets nur jene Menschen erreichte, die ohnehin schon um geschichtliche Zusammenhänge wussten. Daher nahm ich mir einen Satz von Dashiell Hammett zu Herzen, der einmal sagte, dass ein guter Krimi mehr bewirkt als dutzende politische Pamphlete. Tatsächlich ist es so, dass mich die politische Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte persönlich sehr beunruhigt und ich als Historiker erschreckende Parallelen zu den späten 20er und frühen 30er Jahren sehe. Daher will ich mit meinen Geschichten nicht nur unterhalten, sondern auch vor den Folgen warnen, die einer Gesellschaft drohen, wenn sie zu lange der Willkür einzelner tatenlos zusieht.

Ihre Krimis spielen in der Zwischenkriegszeit. Wieso haben Sie sich auf diese Zeit konzentriert? Was gefällt ihnen oder packt sie an der Zeit?

Viele gehen davon aus, dass diese Zeit abgeschlossene Vergangenheit ist. Doch nimmt man sie genauer unter die Lupe, so stellt man mit Schrecken fest, wie viele Ähnlichkeiten die Jahre 1927 bis 1933 mit unseren Tagen aufweisen: Bankenkrach, Massenarbeitslosigkeit, untätige Politiker, Demagogen, Perspektivlosigkeit der Jugend, all das gab es schon einmal und wir wissen, wohin das nach 1933 geführt hat. Persönlich denke ich, dass der Schock der Jahre 1933 bis 1945 eineinhalb Generationen lang wirklich tief saß und alle, wo immer sie auch politisch standen, sich dahingehend einig waren, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe. Seit etwa 1990 ist aber eine neue Generation herangewachsen, der die Ereignisse des Nationalsozialismus so fremd sind wie die Christenverfolgung der Antike und die Hexenprozesse des Mittelalters. Daher erscheint es mir geboten, der heutigen Sorglosigkeit gegenüber historischen Zusammenhängen etwas Bewusstsein entgegenzustellen – und die charmanteste Weise, in der man das tun kann, scheint mir im Rahmen einer spannenden Geschichte zu sein.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Es ist jedenfalls keinen Nachteil, wenn er einen hat. Es ist allerdings kein Muss. Viele hervorragende Schriftsteller haben sich ausnahmslos mit Themen wie Liebe oder Spiritualität befasst, und ihre Werke sind dennoch großartig. Auch kann politischer Auftrag nicht heißen, Moralkeulen zu schwingen oder mit erhobenem Zeigefinger zu arbeiten. Der „Auftrag“ erfüllt sich, wenn die Leserschaft von sich aus zu dem Schluss kommt, dass eine Änderung beschriebener Missstände wünschenswert ist.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss spannend und intelligent geschrieben sein. Es muss Dinge beinhalten, die mich selbst zu eigenen Gedanken anregen. Es muss meinen Horizont erweitern. Manchmal genügt es aber auch voll und ganz, dass es mich gut unterhält oder mich einfach nur köstlich amüsiert. Letztlich ist es auch stimmungsabhängig, welches Buch mich wann wie anspricht. Nach einem harten Tag kann auch „Hägar der Schreckliche“ die richtige Lektüre sein. Andererseits ist es eine sportliche Herausforderung, wieviele historisch-philosophisch-theologische Anspielungen man in Joyces „Ulysses“ findet.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Die gibt es nicht nur, sie werden laufend mehr. Die Palette reicht hier von Samuel Beckett und James Joyce über den frühen Christoph Hein und Thomas Bernhard bis zu den großen Russen wie Puschkin, Gorki oder Majakowski. Es ist auch schön, immer wieder Neues zu entdecken, wo man dann quasi den Werdegang eines Autors/einer Autorin von Werk zu Werk mitverfolgen kann. Das ging mir bspw. bei Thomas Brussig so, aber auch bei Tanja Dückers oder Juli Zeh. Als Krimiautor beeindrucken mich natürlich die Großen des Genres von Hammett, Chandler und Glauser bis hin zu Vazquez-Montalban, Camilleri, Marklund und Markaris. Und natürlich eine ganze Menge deutschsprachiger Krimi-AutorInnen, die ich hier aber nicht nenne, um mir nicht den Unmut jener zuzuziehen, die ich vielleicht zu nennen vergessen habe.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

* Finde heraus, was Du schreiben/erzählen willst. * Schiele nicht auf Marktauglichkeit oder auf Vorgaben, die vermeintlich schnelleren Erfolg versprechen. * Übernimm von anderen Schriftstellern, was dir gut erscheint, kopiere sie aber nicht. * Lasse dich von Rückschlägen nicht entmutigen. * Bleibe dir unbedingt treu – besser, der Text bleibt (vorläufig) unveröffentlicht, als es erscheint ein Buch unter deinem Namen, das nicht (mehr) dein Buch ist.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Andreas P. Pittler für diese Antworten.

Bachletten Buchhandlung, Basel

bachletten1Am 16. September 1993 eröffnete Ursula Wernle Jenny die kleinste Buchhandlung Basels und führte diese bis zu ihrem Tod im Jahr 2007. Ihr Mann Matthyas Jenny führt sie seit dem Zeitpunkt weiter und hat neben dem normalen Tagesgeschäft einige innovative Ideen umgesetzt. In der Bachletten Buchhandlung kann man am Wochenende nach Ladenschluss gediegen zu Abend essen, zwischen Büchern übernachten und so Kindheitserinnerung vom nächtelangen Lesen und in Büchern Stöbern neu erleben.

MJ2Matthyas Jenny ist Autor, Verleger und Literaturliebhaber. 1976 gründete er den Verlag Nachtmaschine, er ist Initiator der Buchmesse BuchBasel, und des Basler Literaturhauses. Er lebt in einer Wohnung, die gleich an die Buchhandlung angrenzt, wobei die Grenzen wohl nicht wirklich starr sind, sondern alles ineinander übergeht. Ein literarisches Leben möchte man sagen. Ein Besuch lohnt sich definitiv!

Das Porträt

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Kleine Quartierbuchhandlung mit breitem, allgemeinem Sortiment.

Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

War/bin Autor, Verleger, Buchdrucker, arbeitete bei Verlagsauslieferungen, in Verlagen, war Einkaufschef für Bücher bei der Kiosk AG und Ex Libris Dietikon, Buchmarketing für Verlage etc. Gründete die BuchBasel Messe Schweiz, Literaturfestivals etc. Nach dem Tod meiner Frau Mai 2007 führte ich ihre Buchhandlung weiter.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Ja!

 Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Grundsätzlich hat sich der Buchmarkt verändert: Erscheinungsrhythmus, Produktion, Marketing, Verbreitung, elektronische Bestellsysteme, Amazon, E-Book… Die Stammkundschaft gibt es kaum mehr – man muss ständig neue Kundschaft bewerben.

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Auch auf der Website bachletten.ch kann man E-Books herunterladen (Bezhalung via PayPal), aber der Kunde bestellt lieber bei Grosshändlern, weil er das Gefühl hat, dass es dort besser und günstiger ist – was nicht zutrifft. Schritt halten mit den Konzernen ist für eine Kleinbuchhandlung rein finanziell nicht möglich.

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Kenntnisse über Aktualitäten, Kenntnisse über wichtige oder spezielle AutorInnen, Veranstaltungen, unternehmerisches und unverkrampftes Flair verströmen – nie gegenüber der Kundschaft klagen. Die Kunden beim Namen begrüssen. Die Ladentüre für den Kunden öffnen… Höflichkeit.

Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Es kostet oft weniger, keine Verpackungsrückstände, volles unkompliziertes Rückgaberecht auch ohne Kaufnachweis, oft viel schneller bei Bestellungen (innert 12 Stunden ist ein lieferbares bestelltes Buch in der Buchhandlung).

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

E-Book ist bequem, aber auch langweiliger zu lesen. Es wird sich einpendeln wie damals mit den Hörbücher – allerdings wird es den stationären Buchhandlung nicht mehr unbedingt brauchen, weil man sowohl das Buch wie das E-Book beim selben Internet-Grossanbieter bestellen, respektive herunterladen kann.
Die nächste Generation wird nur noch ausnahmsweise zu einem Buch greifen.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Nein – wenn die Publikationen nicht oder nicht richtig lektoriert werden, ist es sowieso schlecht. Und nicht der/die AutorIn sollte entscheiden, ob ein Buch erscheint, sondern VerlegerIn/LektorIn.

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Bücher lesen und schreiben!

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

Wenn er/sie nicht an einen romantischen Irrtum bezüglich Bücher, Buchhandel etc. glaubt, dann sollte er nebst Buchhandel noch einen anderen Beruf erlernen. In einigen Jahren wird die Situation im Buchhandel eine ganz andere sein. Der stationäre Buchhandel wird möglicherweise, wie Drogerien und andere Geschäfte, verschwinden.

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Welche andere Buchhandlung würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?

Labyrinth, Nadelberg Basel

Herzlichen Dank, Matthyas Jenny, für dieses Interview.


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Eckdaten:
Bachletten Buchhandlung

Matthyas Jenny
Bachlettenstrasse 7
4054 Basel
Tel: +41 (0)61 281 81 33
E-Mail: bachletten@bachletten.ch
Web: www.bachletten.ch

 

Öffnungszeiten:
Montag: geschlossen
Dienstag-Freitag: 09.00-12.30 / 14.00-18.30
Samstag: 09.00-16.00

Heimat oder: Theorie und Praxis

Ich bin von Natur und von Beruf Philosoph. Was das ist, werde ich oft gefragt. Ich sage immer: Ich denke. Immer. Über alles nach. Über mich, andere, das Leben, Umstände des Lebens. Ich hinterfrage alles. Mich, andere, das Leben, Umstände des Lebens. Und ich hadere durch das Denken oft. Mit mir, anderen, dem Leben und dessen Umständen.

Du denkst zuviel.

Das ist wohl der Satz, den ich am meisten hörte. Und ich sagte mir denselben auch oft. Ich wünschte mir manchmal, weniger denken zu können, die Dinge einfach hinzunehmen, danach zu handeln, wie die Dinge erscheinen, und so locker flockig durchs Leben zu gleiten. Es gelang nicht. „Déformation professionelle“ oder Natur – oder eine Mischung aus beiden.

Ich denke, also bin ich.

Der Satz ist nicht meine Erfindung, offensichtlich. Ihn zuzuordnen ist fast obsolet, da er mit dem Namen Descartes verbunden ist wie das Ei mit dem Huhn. Das Gefühl dahinter ist aber ganz meines. Würde ich nicht denken, würde mir etwas Grundlegendes fehlen. Es wäre nicht mehr mein Leben. Selbst wenn ich ganz klar weiss, dass das Leben wohl einfacher wäre, träte das Denken ein wenig zurück, möchte ich es nicht missen, da es mich ausmacht, ich mich ohne dieses gar nicht kenne, mich mir gar nicht vorstellen könnte.

Und so dachte ich in all’ den vergangenen Jahren immer wieder über ein Thema nach:

Was ist Heimat? Wo bin ich zuhause?

Und ich wälzte Theorien, fühlte mich zerrissen. Ich schwankte zwischen dem Ort, an dem ich geboren wurde und die Schule besuchte, dem Ort, den ich später für Studium und Beruf wählte, dem Ort, an dem ich die glücklichsten Momente der Kindheit verlebte und an dem meine Eltern heute wohnen und verschiedenen Orten, in die ich aus irgendwelchen Gründen gezogen bin. Die Zerrissenheit in dieser Frage brachte eine innere Unruhe mit sich, ich fühlte mich immer da fremd, wo ich war und sah da Heimat, wo ich sie mir hindachte. Das Verbindende der Gedankenwelt war immer stärker als das gerade Erfahrene, da ich als denkender Mensch viel tiefer in den Gedanken verhaftet war als in der Realität. Denken ist einsam. Es passiert im Stillen und für sich. Das Leben spielt sich draussen ab. Das ist irgendwie offensichtlich und das unterschreibe ich und unterschrieb ich immer.

Ich bin oft umgezogen. Immer aus Überzeugung, immer aus Gründen. Das Gefühl, zu Hause zu sein, kam selten auf, und wenn, blieb es nicht lange. Die Vorzüge eines anderen Ortes überwogen schnell. Die Einsamkeit des Denkens und des Berufs, der sich darum bildet, hatten sicher ihren Anteil daran. Im Moment wohne ich so lange an dem Ort hier, wie noch kaum je an einem anderen Ort der letzten Jahre. Umzugsphantasien kamen oft. Wurden ausgemalt, geplant, Wohnungen gesucht, Energie in Begründungen investiert, wieso das besser wäre als der Ort hier. Sie wurden alle verworfen. Denn eigentlich gefällt es mir hier ganz gut. Es ist nicht perfekt. Vieles fehlt. Vieles ist nicht so, wie ich es möchte. Und doch ist mein Leben gut. Ich kann es drehen und wenden. Ich kenne hier noch niemanden wirklich. Aber das kann ich ändern. Das habe ich geändert, indem ich mich gerade heute in der Schule meines Sohnes engagiert und für ein Jahr verpflichtet habe. Das hätte ich früher nie getan. Ein ganzes Jahr. Ich kann nicht weg. Ich muss hier bleiben. Und es fühlt sich verdammt gut an. Komischerweise.

Es gibt viele tolle Orte. Jeder hat etwas für sich. Und alle haben sie etwas, das fehlt. Mal sind es Menschen, mal Plätze, mal Erinnerungen, mal Atmosphäre. Was wirklich zählt ist aber, was man draus macht. Man kann sich seine Heimat selber schaffen. Das passiert einerseits in Gedanken, das passiert aber hauptsächlich real durch Taten. Durch ein Sich-Einlassen. Durch den Entscheid:

Hier bin ich Mensch, hier will ich sein.

Bei Herrn Goethe hiess es, er dürfe da sein, ich wandle ab  hin zu „hier will ich sein“. Was andere denken, dass ich es dürfe oder soll, ist irrelevant. Ich hörte oft, ich sei zu oft umgezogen, das hätte ich nicht fürfen, schon meines Sohnes wegen. Wir haben das gut gepackt, weil wir es gemeinsam wollten. Nun bleiben wir. Weil wir es wollen. Wir lassen uns ein und bauen was auf. Vielleicht wird es irgendwann wieder ändern. Für heute stimmt es so. Was das Leben bringt, werden wir sehen. Mein Fazit für heute?

Heimat ist, wo man sein will, weil es sich gut anfühlt.

Dass das so ist, braucht es mehr als nur Gedanken, es braucht Taten und ein sich drauf einlassen. Immer wieder, immer von Neuem. Und wenn es sich gut anfühlt, dann ist es gut. Denken kann man dann wieder, wenn das ändert. Und nicht immer stimmt der Ort nicht.

Vorhang auf für den Buchhandel

Ich freue mich, bald mit einer neuen Reihe hier auf Denkzeiten zu beginnen. Denkzeiten gibt kleinen (und auch grösseren) Buchhandlungen und den Menschen, die ihr Herzblut in diese stecken, eine Plattform. Sie stellen sich vor und plaudern aus dem Nähkästchen des buchhändlerischen Alltags.

Ich bin gespannt, was im Zeitalter von elektronischen Medien und Internetbestellungen über grosse Plattformen die Läden und deren Betreiber bewegt, wie sie sich positionieren, was sie an- und umtreibt.

Den Anfang wird Matthyas Jenny von der Bachletten Buchhandlung in Basel machen, danach folgen regelmässig weitere. Wer eine Buchhandlung kennt, die unbedingt ein Porträt kriegen sollte, darf die gerne melden. Ebenso dürfen sich auch Buchhandlungen und Buchhändler selber melden, die von ihrem Alltag berichten wollen, die auch den Präsenzbuchhandel vor Ort im Netz präsentieren wollen.

Ich freue mich drauf!

GROSS und klein

Und dann sind da diese Menschen, die dich warten lassen, weil sie gerade etwas besseres zu tun haben, oder die meinen, sie melden sich dann mal, wenn sie mal Zeit finden in ihrem ach so turbulenten und beschäftigten Leben. Da sind die Menschen, die denken, dir sagen zu müssen, wie der Hase läuft und dir ständig sagen, dass deiner falsch läuft. Es sind die Menschen, die sich so gross fühlen und machen und dich so klein. Sie tun es, indem sie mit einer Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass sie nur zu rufen brauchen und du springst. Sie tun es, indem sie einfach mit deiner Zeit agieren, wie es gerade in ihren Zeitplan passt, deiner ist dabei nicht gefragt. Und sie tun es, indem sie einfach davon ausgehen, besser zu wissen, was richtig und was falsch, was gut und was schlecht, was nennenswert und was nicht ist.

Und dann sind da noch die Menschen, die das mit sich machen lassen. Sie warten geduldig, bis der andere getan hat, was er eben tun wollte, bevor er wie verabredet bei ihnen ist. Sie springen, wenn der andere meint, nun mal ganz spontan und unvermittelt Zeit zu haben, weil sie denken, dies ausnutzen zu müssen, wann gäbe es sonst wieder mal eine Chance. Sie glauben ungesehen an die als richtig genannte Hasenlaufspur und geben ihre auf. Sie fühlen sich klein, weil sich der andere so gross macht. Sie lassen den anderen die Regie ihres Lebens übernehmen und gehen einfach davon aus, dass der andere schon weiss, was er tut, weil er es ja laut und bestimmt auftritt.

 

Wer ist Opfer, wer ist Täter?

Keiner ist Opfer, keiner ist Täter, beide sind beides. Während der eine sich über den anderen stellt und sich dabei gross fühlt, fühlt sich der andere klein und stellt sich unter den einen. Er lässt den Möchtegerngross agieren, weil er selber ein Ichweissichbinklein ist. Selbst wenn er auch gerne gross wäre und es ab und an zu sein denkt, begibt er sich immer wieder in die Rolle des Kleinen und unterwirft sich dem Grossen, indem er tut, was dieser ihn tun lässt oder tun lassen will. Ab und an denkt der Kleine zwar bei sich, auch gross zu sein. Er denkt an all die Sätze, die er dem anderen sagen könnte, stellt sich vor, sich einfach zu weigern und seine Rolle nicht mehr zu spielen, um dann doch wieder zu schweigen, wenn die Situation eintritt. Und wieder springt er, wieder wartet er, wieder lässt er mit sich machen und sich klein reden. Wieder glaubt er, nicht zu wissen und fühlt sich dumm, weil der andere so offensichtlich weiss. Oder er denkt zwar, zu wissen, traut sich aber nichts zu sagen, weil der andere dann ja weg wäre oder er sich blamieren könnte oder er es sich schlicht nicht wert ist, zu sich selber zu stehen.

Und je länger der Kleine klein spielt, desto mehr wird aus diesem Spiel ernst. Je länger er die Rolle des Kleinen immer und immer wieder einnimmt, desto mehr wird sie Gewohnheit, Muster, Pflicht und Zwang. Unausweichliches Korsett. Bis er endlich mal hinsteht, sich bewusst wird, dass der andere genauso klein ist wie er selber und er genauso gross wie der andere. Auch DER kocht nur mit Wasser und auch DER wird das Gekochte auf demselben Weg wieder los, wie er selber. DER atmet dieselbe Luft wie er und DER stösst dasselbe Gas wieder aus. DER wird ersticken, fehlt die Luft, verdursten fehlt das Wasser und verhungern, fehlt die Nahrung. Und ohne Liebe wird auch DER verkümmern. DER braucht die Menschen genauso wie sie ihn.

Wo also kommt SEINE Grösse her, wenn nicht aus SEINER Selbsteinschätzung und aus unserer Bereitschaft, ihm diese zu lassen und uns zu unterwerfen? Wieso glauben wir IHM alles und uns nichts? Trauen IHM alles zu und uns wenig? Wieso sind wir so schnell bereit, uns zu verbiegen und bangen so sehr um SEINE Aufmerksamkeit, dass wir uns nicht trauen, zu uns zu stehen?

Es ist nie zu spät, das zu ändern. Es hilft schon, es zu wollen und anzufangen, zu sich zu stehen. Das erste Mal ist es noch schwer. Es gelingt nicht immer, aber es ist es wert. Es ist jede Überwindung wert, denn sie führt uns mehr und mehr zu uns selber und macht uns selber gross. Und dann stehen wir auf Augenhöhe mit den anderen und wissen, dass sie nicht grösser sind als wir, dass ihre Zeit nicht wertvoller ist als unsere, dass wir ihren Respekt verdienen, wie sie den unseren. Und dann fängt das Leben an, menschlich zu werden. Für alle. DICH und MICH. dich und mich.

Nina George – Nachgefragt

 GeorgeNinaNina George
Nina George wird am 30. August in Bielefeld geboren. Sie beginnt mit 14 Jahren im Service zu arbeiten, verlässt die Schule vor dem Abitur, um beim Männermagazin Penthouse eine journalistische Ausbildung zu absolvieren. Die Arbeit im Service behält sie bei, bis ein unverschämter Gast sie so in Rage bringt, dass ihr erstes Buch Gute Mädchen tun’s im Bett –  böse überall entsteht und unter dem Pseudonym Anne West veröffentlicht wird. Seit 1999 arbeitet Nina George als freie Journalistin und Schriftstellerin, schreibt sowohl unter ihrem Mädchennamen Romane um Themen wie die Liebe und das Leben, als Anne West Bücher zu Themen der Sexualität und Erotik, unter ihrem verheirateten Namen Nina Kramer Thriller sowie mit ihrem Mann unter dem Pseudonym Jean Bagnol einen Provencekrimi. Sie hat seit 1992 etwa 24 Romane, Krimis, Science-Thriller sowie ca. 90 Kurzgeschichten und über 500 Kolumnen veröffentlicht. Nina George ist mit dem Schriftsteller Jens „Jo“ Kramer verheiratet und lebt im Hamburger Grindelviertel. Von ihr erschienen sind unter anderem als Nina George Der Weg der Kriegerin (2003), Die Mondspielerin (2010), Das Lavendelzimmer (2013); als Anne West Gute Mädchen tun’s im Bett – böse überall (1998), Schmutzige Geschichten (2004), Sex für Könner (2009), als Nina Kramer Ein Leben ohne mich (2008). Im Oktober erscheint ihr neuer Roman  Commissaire Mazan und die Erben des Marquis, den sie mit ihrem Mann Jo Kramer unter dem Pseudeonym Jean Bagnol geschrieben hat.

Nina George hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Sie tat das auf eine erzählende, persönliche und authentische Weise, die einen  wunderbaren Einblick in ihr Schreiben und Denken gewährt.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin die Tochter eines ehemaligen Polizisten, der zu früh starb. Ich bin die Künstlerin, die sich selten so nennt. Ich bin die Moderne Fünfkämpferin, die aus dem Skilift fiel und Olympia im Schnee begraben hat. Ich bin die Nichtstudierte, die sich manchmal nach dem Hörsaal sehnt. Ich bin die, die sich selbst selten mit drei Worten beschreiben kann, außer mit solchen wie: „widersprüchlich, liebend, dual“. Ich habe das Gefühl, mehr als eine Biografie zu haben – eine politische, eine feministische, eine schreibende, eine mit vielen persönlichen Niederlagen, eine mit erstaunlichen Erfolgen; in jedem Fall aber eine ungerade.

Ich denke, ich würde, sofern ich mit 93 noch alle Latten am Zaun hätte, mich von Buch zu Buch, von Mann zu Mann, von Schub zu Schub vortasten, um mein Leben zu erzählen; vor allem aber möchte ich die Dinge erzählen, die eine Wendezeit einleiteten. Tod, Schmerz, Liebe – und die Augenblicke, in denen ich einfach ins Ungewisse sprang.

Ich glaube, zum Schluss wäre es eine Geschichte darüber, was ich alles ausprobiert habe, um am Ende des Lebens nicht zu hadern: Warum habe ich es nicht einfach getan?

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe, glaube ich, schon hundert Mal auf diese Frage geantwortet – und suche immer noch nach DER Antwort. Sie verändert sich von Jahr zu Jahr, so, als ob ich erst mit dem Schreiben erfahre, warum zum Teufel ich diesen Beruf gewählt habe. Und nicht einen, der mit weniger Kränkung, Risiko, Geschmacksauseinandersetzungen und Gefühlsuntiefen behaftet ist.

Ich schreibe – unter anderem – weil ich zu viel fühle. Ich nehme Menschen überdeutlich wahr und muss irgendwohin damit. Ihre Trauer, ihren Witz, ihre Hoffnungen, ihr Ins-Leben-geworfen-Sein. Wenn ich von ihnen erzähle, geht es mir besser.

Ich schreibe, weil ich so gern Geschichten erzähle, die trösten, amüsieren, Mut machen. Ich wollte einst die Welt retten, so rette ich vielleicht die eine oder andere Stunde.

Ich schreibe, weil ich gern in den Abendstunden und noch lieber allein arbeite, mir aber ein Job als Concierge im Hotel nur als drittbeste Idee vorkam.

Ich schreibe, weil ich es bereits die längste Zeit meines Lebens tue (21 Jahre von bald 40) und da nicht mehr rauskomme. Ich bin es gewohnt.

Ich schreibe, weil ich dann ständig etwas Neues sehen, erleben, erfahren und davon berichten kann.

Ich schreibe auch, weil Journalistin, Reporterin zu sein, sich so anfühlte, als packte ich die Welt fest mit beiden Händen und als erstickte ich nicht in der Beschränktheit meines Horizonts.

Ich schreibe, weil ich dann mehr Leben als nur meines lebe.

Und weil Stephen King und John Irving so unendlich saucool sind.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich unterscheide gern zwischen kreativem Schreiben und professionellem, sprich: erzählendem, fiktionalem, durchdachtem, überarbeitetem Schreiben.

Bei dem ersteren geht es um den Entwicklungsanschub, um die Fähigkeit, aus dem Gebrauchsschreiben heraus zu kommen, seine emotionale, empathische, kreativ-chaotische Seite zu entdecken und in Schwung zu bringen. Das ist wudnerbar, um sich „zu befreien“ und zu entdecken, ob man in sich eine Wortliebe, eine Fabulierlust, ein unentdecktes Feld von Eindrücken, Beobachtungen und Themen besitzt, die man schreibend ausdrücken will. Anstatt sie beispielsweise zu tanzen, zu malen oder in Frickeleien an Sandkunstwerken auszuleben.

Aber um Schreiben als Beruf auszuüben, muss das Handwerk gelernt werden. Niemanden befällt die Muse und er oder sie „weiß“ auf einmal ganz geschmeidig, wie das geht mit der Dramaturgie, der Figurenentwicklung, dem Aufbau von Spannung, der Wirkung von langen Sätzen im Gegenteil zu den kurzen.

Mit 19 gelang mir aufgrund meiner Einsendung einer sehr kraftvollen, sehr wütenden Kurzgeschichte an ein gewisses Magazin meine erste Veröffentlichung. Die Redaktion bildete mich später knapp drei Jahre (bis 1995) aus, danach arbeitete ich – seit 1999 frei – als Redakteurin, Reporterin, Interviewerin für Tageszeitungen und Zeitschriften.

Ich bin es durch den journalistischen Weg gewohnt, das Schreibhandwerk als solches zu betrachten. Ich beschäftigte mich im Laufe der letzten Jahre mehr und mehr mit Techniken, Instrumenten, Kniffen und Ansichten über das fiktionale Erzählen; außerdem entwickelte ich parallel dazu „meine“ Themen, meine Stimme und meinen Stil.

Noch heute kann ich an keinem Buch vorbei gehen, das mir etwas über das Schreiben erzählt, ohne nicht zumindest rein zu schauen.

Und ich lese jeden Roman, jedes Essay, jede Glosse, zweimal: einmal mit Genuss, und einmal mit dem analytischen Blick: Wie hat sie das gemacht? Wie hat er das hingekriegt?

Heute weiß ich, dass das professionelle Schreiben aus fünf Elementen besteht.

Talent, um sich überhaupt dafür zu interessieren. Disziplin und Zähigkeit, um das Langwierige daran auszuhalten. Resilienz, um nach Rückschlägen, Niederlagen, Ablehnungen oder Kritik wieder aufzustehen. Eine „Erzählreife“. Ja, ein gewisses Lebensalter. Um nicht nur etwas erlebt zu haben, sondern auch, um es durchdacht, durchfühlt zu haben; die wirklich interessanten Dinge habe ich persönlich zum Beispiel erst zu erzählen, seitdem ich rascher auf die Vierzig zuschreite.

Und letztlich: Eine sichere Handhabe der eigenen Schreibe, die, wenn man es zusammen zählt, um siebzig bis hundert größere Fertigkeiten und kleinere Taschenspielertricks umfasst. Von Metaebene bis Wortwitz.

Fragen Sie mich noch mal nächstes Jahr, dann weiß ich schon wieder etwas anderes – oft ist es so, dass der Schriftsteller das, was er Montags konnte, am Mittwoch schon nicht mehr beherrscht. Und was er am Donnerstag nicht probiert, Freitag schon nicht mehr weiß.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich habe zwei getrennte Schreibleben; das journalistische und das belletristische. Das erstere ist termingebunden, konzepttreu und so dienstleistungstauglich, dass ich es in jeder Gemütslage überall tun kann. Ich habe „ständige Konstrukte“ im Kopf, wie ich was erzählen kann – als Glosse, als Märchen, als These, als Report, als Reißer oder als Story, die vor allem durch ihre schmackhaften Wörter wirkt.

Bei dem belletristischen Weg heißt es im ersten Wurf: zwei Drittel nachdenken und durchfühlen und ein Drittel der Zeit schreiben.

Ich konstruiere und schaffe die Figuren, ich denke solange über ihre Biografien, Verhältnisse und Aufgaben untereinander nach, bis es stimmt. Das kann Monate dauern, manchmal Jahre.

Ich zurre das „Metathema“ jedes Romans vorher ganz, ganz fest – erst, wenn ich mit einem einzigen Satz (bestehend aus nicht mehr als 10, 15 Wörtern ) ausdrücken kann, worum zum Teufel es in der Geschichte wirklich geht – erst dann beginne ich.

Geht es darum, den Platz im eigenen Leben zu finden?

Geht es darum, nach dem Tod der Liebe wieder Mut für ein zweites Mal lieben zu sammeln?

Geht es um die Kleinheit in der großen Welt?

Geht es darum, dass auch Rache nicht tröstet?

Wenn ich dieses unsichtbare Rückgrat nicht habe – und wenn ich nicht das Ende weiß – fange ich erst gar nicht an.

Denn an diesem unsichtbaren Rückgrat mit dem Ende als Anker orientieren sich der Hauptplot und die Nebenstränge, die Wortwahl und die Stilebenen, der Humor und das Tempo.

Im zweiten Wurf folgt das Überarbeiten (und das Buch zur Hälfte neu schreiben).

Im dritten kürzen, umstellen und schleifen. Und zweifeln. Und heulen. Und den Laptop aus dem Fenster werfen und mich am liebsten gleich hinterher.

Ich denke, Nachdenken, Zweifeln und Überarbeitung sind die größten Blöcke, das Schreiben dazwischen ein ewiger Versuch.

Wann und wo schreiben Sie?

Täglich in zwei Schichten, die erste (journalistische) nach der Korrespondenz am Morgen, die zweite Schicht von 17 bis 23 Uhr. Mal am Küchentisch, wie jetzt, mal im Wohnzimmer am Esstisch, mal im Arbeitszimmer. Oft auf Reisen und in Schreib-Exilen, auch dort vorwiegend an Esstischen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Nein. Ja. Weiß nicht.

Das sind Antworten, in die ich Jahr für Jahr anders hinein lebe.

Ich bin immer auf Empfang, auch wenn ich träume, es gibt keine Grenzen zwischen Sein und darüber Schreiben. Ständig geschieht die Welt, vom Tahirplatz bis zum Streit meiner Nachbarn.

Andererseits sind Pausen extrem wichtig und nötig, weil das Schreiben, das Fühlen, das sich für Themen so intensiv interessieren bis man taub und blind für anderes ist, auch wund macht. Zudem braucht es für das Denken dringend die Zeiten, in denen man einfach nix tut, sondern auf das Meer starrt und im Kopf auf Sommerpause stellt. Man muss manchmal leer sein, um sich wieder zu füllen.

Ich erhole mich vom Schreiben vermutlich beim Lesen, es sei denn, das, was ich lese, ist so wunderbar, dass ich sofort wieder Lust zu schreiben habe! Das passiert mir bei Anna Gavalda zum Beispiel ständig. Oder bei Irene Nemirowsky.

Ich schwimme, ich starre aufs Meer, ich koche, ich atme, ich zähle die Wiederholungen beim Rückentraining.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich kämpfe mit Bandscheibenvorfällen, E-Bookpiraten, unverschämten Vertragsbedingungen, Selbstzweifeln, eingeschlafenen Händen, unterkühlten Füßen, Wutanfällen, Selbstmordgedanken, Eitelkeiten, Todesangst („lebe ich lang genug, um alles zu erzählen was wichtig ist?“), Faulheitsattacken, Krea-Tiefs ohne auch nur einen einzigen zündenden Einfall. Ich kämpfe mit mir und gegen mich, gegen Vorurteile über das schreibende Leben, ich kämpfe um jeden Cent. Ich freue mich, wenn ich LeserInnen berühre, tröste und zum Lachen bringe, wenn ich Mut mache und wenn ich verstanden werden. Ich freue mich, wenn ich genug Geld gespart habe, um eine Reise zu machen. Ich freue mich, wenn ich mein Buch im Schaufenster sehe oder mir jemand sagt, er habe Sätze darin unterstrichen. Ich bin dann so verlegen und diese Verlegenheit ist unfassbar grandios.

Was es für mich bedeutet? Es ist nicht so, dass „Autorin sein“, gar „Bestsellerautorin“, ständig durch den Tag mitschwebt. Meist merke ich nicht mal, dass ich Autorin, Schriftstellerin bin; ich tue es und gut. Es ist ein bisschen wie mit der Liebe: Ich kann es nicht erklären, warum mir mein Beruf so nah, so wichtig, so überlebensnotwendig ist. Ich vermute, ich bin am meisten ich, wenn ich schreibe. Sonst gehe ich verloren, wenn ich keine Wörter und Buchstaben habe, die mich halten.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

„Plötzlich“ geht da nur selten etwas. Ich habe inzwischen sieben Romane geschrieben, und bei jedem gab es einen eigenen Weg, einen eigenen Auslöser und ein eigenes Tempo, wie sich daraus eine ganze, tragende Story über 300 oder mehr Seiten entwickelte.

Mal eine Beobachtung in einem Café: fünf angesäuselte Rentner am Montagmittag in der Bretagne (Die Mondspielerin). Mal eine bekloppte Frühlingsdiät-Anzeige: „Fünf Kilo weniger in drei Tagen: so geht’s!“ (Wie der Teufel es will). Mal eine Zeitungsmeldung auf der letzten Seite unter „Vermischtes“: 52-Jährige Italienerin bringt gesunden Sohn zur Welt – künstlich befruchtetes Ei war zwölf Jahre tiefgefroren (Ein Leben ohne mich, ein Thriller über den Handel mit Sperma und Eiern, unter Nina Kramer). Mal ein Büchlein von Kästner: Die lyrische Hausapotheke (So enstand das Bücherschiff von Perdu in Das Lavendelzimmer). Mal eine Katze, die in einem provencalischen Fünf-Sterne-Hotel höchst elegant eine Thunfischpastete stahl (der Auslöser für den Provencethriller Commissaire Mazan und die Erben des Marquis, den ich mit meinem Mann Jo Kramer gemeinsam unter dem Pseudonym Jean Bagnol schrieb).

Wenn eine Idee trägt, dann ist sie haltbar, über Tage, Wochen, Monate. Wenn sie einfach nur „schön“ ist, aber leider kein Potential hat, sich weiter zu entfalten, vergeht sie von selbst.

Manchmal sind Ideen wie Türen zu Zimmern und Fluren: Bei manchen, oft den funkelhübschen Toren, lande ich nach wenigen Seiten in der Abstellkammer, wenn ich sie weiter verfolge. Bei anderen Ideen, den oft auf den ersten Blick unscheinbaren wie eine Pressspantür, lande ich auf einmal in einem großartigen, weitläufigen Garten mit Schloss, Pool und angeschlossenem Minotaurus-Labyrinth. Wunderbar.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Vorsichtig optimistisch. Als Wortaktivistin empfinde ich die digitale Literaturwelt als enormes, grandioses Spiel- und Entwicklungsfeld.

Die Möglichkeit, sich selbst mit wenigen technischen Hürden und relativ wenig monetärem Einsatz selbst zu publizieren, rettet all die AutorInnen, die vorher viel zu viel Geld den Pseudoverlagen und Druckkostenzuschuss-Verlagen in den gierigen Schlund gestopft haben. Wer nicht weiß, was genau ich damit meine, schaut bitte einmal hier vorbei: http://www.aktionsbuendnis-faire-verlage.com/web/

Ansonsten gibt es, wie immer im Leben, zwei bis tausend Seiten dieser literaturtechnischen Entwicklung. Es ist erlaubt, mehrere Perspektiven zu haben.

Die kritische: Natürlich wird es viel Banales, Schrottiges, Langweiliges, Eitles, Sperriges, Unlesbares oder sogar frech zusammen Kopiertes (Gercke-Gate) und Nachgeahmtes (Shades of Schlag mich die siebenundzwanzigste) unter den rund 200.000 selbstpublizierten deutschsprachigen E-Books geben.

Sich als LeserIn da durchzusuchen, womöglich Zeit und Geld zu verschwenden, ist ärgerlich und trägt nicht gerade zum Ruf der SP-AutorInnen bei.

Die handwerkliche: Als digitale SP-AutorIn ist man der Frage ausgesetzt: Was selber machen? Was sein lassen? Es ist ja nicht nur Schreiben und Hochladen; die Leistungen eines Verlages sollte man nicht unterschätzen.

Lektorat, Korrektorat, Cover, Schriftbild, Reklame, Vertrieb, Vertrieb, Vertrieb; Abrechnung, Lizenzmodelle – was von dem muss sein, was kann sein, was ist zu vernachlässigen? Welcher Leserschaft reicht das, was ich ohne größeren Aufwand zu bieten habe, wie kalkuliere ich mein 1,99-Euro-Werk, könnte ich davon textliche Verbesserungen bezahlen, z.B. einen LektorIn für rund 2000 Euro oder wenigstens ein anständiges Korrekturprogramm für 300? Kann ich es mir leisten, in Vorleistung zu gehen, ohne Vorschuss, und mir ein „Zubrot“ verdienen, lohnen sich Aufwand und Ergebnis?

Und wie erreiche ich all die Leute (und vor allem die 20 Prozent VielleserInnen!!), die lieber noch auf Papier lesen? Wie gehe ich damit um, dass am Ende des Monats die Rückgaben der E-Books reinkommen? Wie wehre ich mich gegen Plagiate, gegen E-Book-Piraterie? Denn leider machen die Portale nicht vor SP-KollegInnen halt, was ich persönlich noch gemeiner finde: Da stellt sich jemand auf eigene Füße, ohne Verlag, und wird dann frech von Leutchen beklaut, die ihr Tun damit rechtfertigen, der pösen pösen „Content-Mafia“ die Geschäftsgrundlagen entziehen zu wollen. Aber dann bei Indies klauen?!

Die befürwortende: Nicht jede/r SP-AutorIn ist ein von renommierten Verlagen aufgrund von mangelnder Qualität oder Lektoratsresistenz abgelehnter Autor. Die Qindie-Bewegung etwa setzt sich vehement für Qualitätsbewusstsein ein. Und so mancher etablierte Autor versucht, seine Backlist zu pflegen oder mal eine neue Idee, ein neues Genre, per SP auszuprobieren.

Die literatur-künstlerische: SP und digitale Echtzeitveröffentlichung ermöglichen das Erkunden von neuen Genres, eröffnen neue, dynamische äußere Formen des Erzählens. E-Books mit Bildern, Musik oder Links, Twitterstories, Handyromane, digitale Miniaturen, interaktives Erzählen, Fanfiction, Crossover-Projekte, Figuren „besuchen“ andere Romane, kollektives Erzählen in Echtzeit, Probelesen, Protagonisten mit eigenem Facebookprofil, flexible Kommunikationsmöglichkeiten mit den AutorInnen, Brainpools, Fishbowls, Titelgeneratoren … es ist immer gut, wenn Literatur in Bewegung bleibt. Das heißt nicht, dass das Neue besser ist – es ist erst mal nur „anders“.

Gerade wir SchriftstellerInnen haben eine (künstlerische, politische) Verpflichtung, unsere Wahrnehmung dicht am Leben zu haben, auch an den Veränderungen, die unsere eigene Lebenswelt betrifft.

Das Wort ist unsterblich, egal mit welchem Trägermedium es daher kommt – gesungen, in Marmor gemeißelt oder über Satellit aufs Streicheltablet übertragen.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Nina George steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich bin zu 100 Prozent in allen Geschichten – und nirgends ist etwas aus meiner Biografie.

Geht das? Das geht! Natürlich filtert sich das, was ich erzähle, durch meine Gefühls- und Wissenswelt hindurch, sonst wäre es ja einfach nur abgeschrieben, stimmlos, beliebig.

Aber andererseits habe ich als Nina nichts in den Stories zu suchen. Die Figuren haben eine eigene Persönlichkeit, ihre Lebensstationen haben mit meinen nichts gemein und ich habe nicht vor, meine Erzählungen als Friedhof enttäuschter Eitelkeit oder gar als Flaschenpost meiner „Weisheiten“ zu benutzen. Dieses „Was will die Autorin uns damit sagen?“ hat mich als Schülerin schon abgestoßen. Muss der Autor denn immer „was zu sagen“ haben? Kann er nicht einfach mal erzählen, was andere zu sagen haben, oder vom Alltag befreien? Muss er denn immer eine Botschaft haben?

Manchmal ist ein Hauch Echo zu verspüren; doch ob ich in Jean bin oder er in mir? Ich hatte eine Zeit, in der ich wie diese Figur keine Musik hörte, nicht sang, nicht Klavier spielte, und weinend zusammen brach, wenn mich jemand umarmte. Ich hütete mich vor jedem sinnlichen Eindruck, der meine Schutzhülle durchbrechen konnte, die ich aber brauchte, um zu überleben. Das war in den zwei Jahren nach dem zu plötzlichen Tod meines Vaters.

Und es gab auch eine Regung von Marianne, der Mondspielerin, die ich teilte mit Mitte, Ende Zwanzig: Das Gefühl, an der Seite eines ich-bezogenen Mannes gefangen zu sein, der mich niemals mit Koseworten umwerben würde, und an seiner Seite lebendig zu verenden.

Ihre letzten beiden Romane, Das Lavendelzimmer und Die Mondspielerin, handeln beide von unglücklicher Liebe, von Flucht vor dem eigenen Leben und den eigenen Gefühlen, aber auch davon, sich dem Leben (wieder) zu stellen. Wieso haben Sie sich den Geschichten nach dem sogenannten Happy End gewidmet?

Weil das Happy End im Leben nicht vorkommt.

Sie schreiben unter verschiedenen Pseudonymen zu verschiedenen Themen und in verschiedenen Genres. Wie kam es zu dieser Vielfalt? Dürfen wir auf eine multiple Persönlichkeit schliessen? Gibt es ein Lieblingsfach oder ist es immer das aktuelle?

Viefalt empfinde ich als zutiefst menschlich. Wir alle haben ja einen Hang zu mehr als nur einem Lebensthema; und es interessiert mich einfach wahnsinnig vieles. Alles! Und jedes Thema will auf „seine“ Art erzählt werden. Wenn ich über das Klassensystem Frankreichs erzählen will, kann ich das im Krimi spannender als innerhalb eines Beziehungsdramas. Wenn ich über die Macht der Bücher schreiben will, wähle ich den „Entwicklungsroman“, die Queste, in der mein moderner Odysseus, in dem Fall Jean Perdu, sich selbst auf den realen Flüssen und an den virtuellen Meeren von Wörtern sucht. Und wenn ich über die Psychologie der Anziehung oder von der verqueren Erotik von Beziehungsdesastern schreiben will, wähle ich mein Alter Ego Anne West. Es ist alles aus einem Kopf, nur schiebe ich mal die eine, mal die andere Facette mehr nach vorne.

Ihr Mann schreibt auch. Überwiegt der Komfort des sich verstanden Fühlens dadurch, dass der andere die eigene Welt kennt oder kommen sie sich eher in die Quere, weil beide immer wieder in anderen (fiktiven) Welten unterwegs sind?  Wie steht es mit dem Wettbewerb? Vergleichen sie?

Es überwiegt die tiefe Dankbarkeit, verstanden zu sein. Man ist ja sehr asozial in der Hochproduktionsphase eines Romans. Fixiert auf die Figuren, gefangen in der Stimmung und Gemütswelt, versunken in Recherche und zu Tageszeiten am Computer gefesselt, wo andere Menschen gern Freunde treffen, Essen gehen oder ins Kino.

Ich mag es zum Beispiel überhaupt nicht, mich während der Schreibphasen – mehrere Wochen bis Monate – mit echten Menschen treffen zu müssen. Oder nur mit ihnen zu telefonieren, aus meinem „Denkarium“ heraus kommen zu müssen, aus dieser ganz bestimmten Denkfühlschöpfungskonzentration.

Natürlich vergleichen mein Mann und ich uns, es wäre verrückt, nicht hinzuschauen, was der andere tut. Wir erzählen einander immer von unseren Figuren, was die gerade so vorhaben, oder besprechen uns, wenn es bei einem von beiden hakt, er sich in einer Abstellkammer befindet (siehe oben) oder ihm die Ideen davon galoppieren und er nicht weiß, welche er einfangen, welche er ziehen lassen soll. Mit Jo zusammen zu plotten ist ein fast schon erotischer Genuss, und als Scriptdoctor und Motivator ist er mir näher als jeder andere Mensch. Und ich ihm.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Wenn er sich dem gewachsen fühlt, ja. Aber eine Zwangsbeglückung der LeserInnen durch politische Mahnungen muss nicht unbedingt sein. In der Literaturwelt sollte Platz für alles sein: für die Politik und für die Unterhaltung. Ein Autor, eine Autorin, MUSS nicht politisch sein, um etwas zu sagen zu haben – und, auf der anderen Seite, darf der Autor sich auch nicht als „besser“ empfinden, wenn er den erhobenen Zeigefinger durch seine Elaborate durchschimmern lässt.

Diese Arroganz der Berufsmahner ist mitunter etwas peinlich, wenn sie auf ihre unterhaltenden KollegInnen herunter schauen und nicht begreifen, dass Belehrung auch amüsant, emotional und spannungsreich sein darf.

Man darf aber eines nie vergessen: Oft haben erst die Ausdrucksmöglichkeiten durch die Schrift, durch Bücher Regierungen gestürzt, Missstände aufgezeigt und Freiheit errungen. AutorInnen sind bis heute für ihren Mut, die Wahrheit zu sagen, in Gefängnissen weggesperrt, in Exilen, sie werden verfolgt, ermordet und in Misskredit gebracht.

Weit jenseits von Eitelkeit, Fanfiction und Forbes-Einkommenslisten ist Literatur ein Instrument der Rebellion und der Aufklärung.

Wenn man sich in dieser Tradition sieht, verändert sich automatisch auch die Schreibe, die Haltung und das Selbstverständnis.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss gut riechen. Es muss eine U4 (Rückseite, Umschlaggseite Vier) besitzen, die nicht mit dem üblichen U4-Text-Generator geschrieben wurde, ein Thema haben, das mich interessiert, wobei ich oft überrascht bin, was mich alles interessiert. Zuletzt habe ich ein Buch über eine Sandbank vor Ostfriesland gekauft, davor ein Buch über Synästhesie, und davor einen Krimi, der in den 80er Jahren im schwulen Polizeimilieu spielt. Ich mag es außerdem, die Romane meiner Krimi- und Liebesroman-KollegInnen zu lesen, damit ich weiß, was sie beschäftigt und wie sie die Welt sehen.

Ich mache oft den Aufschlagtest: Das Buch nehmen, auf einer beliebigen Seite aufschlagen und die Seite lesen. Wenn es dort nichts gibt, was mich spontan irritiert oder nervt (wie zu viele Adverbien, Adjektive, verbrauchte Metaphern oder die Unart, keine Satzzeichen zu benutzen und auf Dialoge zu verzichten), dann hat es gute Chancen, mit mir sein weiteres Leben zu verbringen.

Zudem muss die Sprache stimmen, der Erzählrhythmus muss „schwingen“. Es darf gern verrückt sein, ich mag keine Geschichten, die brav in ihren Formaten bleiben. Je non-genriger ein Buch, desto besser. Es wird eh Zeit, dass wir uns mal aus den Formatschubladen befreien.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Stephen King – Mark Helprin – Dominqiue Manotti – John Irving – Frederick Forsyth – Harold Robbins – Anais Nin – Simone de Beauvoir – Enid Blyton – Elizabeth George – Andrea Camilieri – Elizabeth Dunkel – Anka Radakovich – George R. R. Martin – Asterix & Obelix – Erika Fuchs – Johannes Mario Simmel – Rilke, Lessing und Else Lakser-Schüler – und die Franzosen, die Engländer, die Russen, die griechischen Sagen und Legenden, die Bibel, Gilgamesch und Talmud, John Lassiter und Charles Bukowski, Virginia Woolf und die Herzblattgeschichten in der FAS – ach, verdammt, jedes der bisher rund achttausend Bücher die ich las, die abertausende Zeitungsartikel, haben mich geprägt, verändert, verbessert, ermutigt, sind meine Lebensbegleiter gewesen. Mal nur eine Affäre, mal eine tiefe Liebe, und manchmal auch eine Freundschaft / Feindschaft auf Zeit.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

1)   Es geht nie um dich. Es geht immer um die Geschichte.

2)   Besorg dir jede Menge Schreibratgeber, besuche Seminare, tausche dich in Foren über Tricks, Kniffe und gute Literatur-Agenturen aus, und übe. Schreiben wird besser, je öfter man es tut.

3)   Lies. Lies so viele Stunden wie du schreibst. Und umgekehrt. Wer kein guter Leser ist, wird kein guter Schreiber. Besorg dir einen Bibliothekspass.

4)   Such dir deine Kritiker während des Schaffensprozesses sorgfältig aus. Wenn möglich liebevolle Menschen, die sich mit dem Schreibgewerbe auskennen, oder selbst schon mal professionell geschrieben haben, oder solche, denen du zutraust, dass sie nicht nur geschmäcklerisch urteilen, sondern handfest: „da sind Längen, die Figur ist noch nicht ganz „da“, und hier ist der Dialog etwas hölzern.“

5)   Schreib was du willst. Nicht, was angeblich Trend ist, Trend wird oder Trend sein sollte, noch was andere meinen, was du schreiben kannst, musst oder solltest, um ihnen, dem Feuilleton oder deiner Mama zu gefallen. Schreib, was du willst, und such dein ganzes Leben lang so genau wie möglich danach, immer wieder, und frag dich das auch zwischendurch: Will ich das wirklich schreiben, was ich da gerade schreibe? Wenn nicht: Lösch es und fang noch mal an.

Ich möchte mich ganz herzlich bei Nina George bedanken!