Petra van Cronenburg – Nachgefragt

VanCronenburgPetraPetra van Cronenburg
Petra van Cronenburg studierte Theologie und Judaistik und ist ausgebildete Redakteurin. Sie lebt seit über 20 Jahren als freie Autorin, PR-Texterin und Übersetzerin in Frankreich. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind interkulturelle multimediale Projekte zwischen Frankreich, Deutschland und Russland. Als deutschsprachige Buchautorin ist sie zweigleisig unterwegs: Bei Verlagen wie Hanser und Suhrkamp-Insel ebenso wie im Self Publishing. Ein eigener Verlag ist in Gründung. Von ihr erschienen sind unter anderem Lavendelblues (2012), Alptraum mit Plüschbär (2012; Wiederauflage des Printromans Stechapfel und Belladonna), Wassili Schukowski: Romantiker zwischen den Welten (2013) und Elsass. Wo der Zander am Liebsten im Riesling schwimmt (2013).

Petra von Cronenburg hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu ihrem Schreiben, dem Weg dahin sowie ihren Ansichten zum Literaturbetrieb heute zu beantworten. Beim Antworten kam sie ins Erzählen, was das Interview lebendig und authentisch macht. Darüber freue ich mich sehr:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Würde ich Bücher schreiben, wenn ich die erste Frage beantworten könnte? Meine öffentliche Biografie gibt’s in jedem Buch und auf der Website.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

 Ich habe nichts anderes gelernt. Spaß beiseite … ich bin als Kleinkind mal zum Arzt geschleppt worden, weil ich stundenlang eine „Geheimschrift“ auf Papier kritzelte, anstatt brav Bilder zu malen. Der Arzt verschrieb mir alte Tapetenrollen und ich war selig, dass ich mich nicht mehr kurz fassen musste. Das lernte ich erst in der Ausbildung zur Redakteurin. Dann war da diese heiße Geschichte, deren Recherchematerial sich auf meinem Schreibtisch so häufte, dass es mit 120 Zeilen einfach nicht machbar war. Freunde fragten mich: „Warum machst du nicht ein Buch daraus?“ Also schrieb ich völlig naiv einen 700-Seiten-Wälzer, den ich dann für meinen ersten Verlag auf unter 200 Seiten kürzen musste.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich hatte das Glück, einen Deutschlehrer gehabt zu haben, der auf Lehrpläne pfiff und uns bereits besten Creative-Writing-Unterricht gab. Im Theologiestudium lernte ich wissenschaftliches Schreiben, Rhetorik und Predigen. Danach kam die Ausbildung zur Journalistin in Print und Radio, später PR. Eine Menge Handwerk also, multimedial dazu.

Das Handwerk kann man also lernen, trotzdem gehören eine gewisse Begabung und vor allem Leidenschaft dazu. Die besten Lehrer sind auch in solchen Berufsausbildungen das permanente Lesen und Üben, das Lernen aus Fehlern.

Was man meiner Meinung nach nicht von anderen lernen kann, ist der künstlerische Ansatz, eine Verschiebung der Wahrnehmung. Da muss man an sich selbst arbeiten, das Leben, Begegnungen mit besonderen Menschen, als Lehre nehmen. Man kann aber Bücher schreiben, ohne Künstler zu sein.

Schriftstellerei ist wie Klavierspielen. Mit viel Üben und Handwerk kann man trotz mäßiger Begabung durchaus Familie und Freunde begeistern, vielleicht auch mal in der Öffentlichkeit auftreten. Aber ein Solopianist auf den großen Bühnen der Welt braucht sehr viel mehr. Das lehrt einen keine Schule: Hartnäckigkeit, Durchhaltevermögen, Leidenschaft, Selbstkritik, Eigendistanz sind gefragt.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Das kommt aufs Buch an, aber meist bin ich Gesamtchaotin, sprich, ich mache alles einigermaßen gleichzeitig.

Wann und wo schreiben Sie?

Meist tagsüber. Am Computer. Notizen jederzeit und überall.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Muss man denn abschalten? Wenn ich nicht tippe oder recherchiere, hört mein Gehirn ja nicht auf, die Welt zu betrachten oder in einen inneren Dialog zu treten mit Figuren, Eindrücken, Inhalten. Das macht verdammt viel Spaß, mehr als die Animation in einem Ferienpark.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Auf meiner Visitenkarte steht: „Schreiben ist Atmen. Bücher sind Leben.“ Darin liegt die Beglückung. Und darin, wenn in jenem magischen Moment Personen oder Geschichten ihr Eigenleben entwickeln. Bei den Kämpfen unterscheide ich mich wahrscheinlich nicht sehr von anderen: Man kämpft mit den eigenen Unzulänglichkeiten, mit schlechten Tagen und immer häufiger mit den lausigen wirtschaftlichen Bedingungen, weil Kreativberufe heutzutage immer weniger wertgeschätzt werden.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist deine Meinung dazu?

Ich halte diese künstlich hochgepuschten Grabenkämpfe für reine Zeitverschwendung. Wir Autoren sollten möglichst gute Bücher schreiben, möglichst professionell arbeiten. Als Self Publisher bin ich selbst Verlegerin, muss Profis zukaufen für Lektorat, Grafik etc. Bei Büchern im Self Publishing strebe ich die gleiche Qualität wie mit Verlag an.

Ich suche mir den besten Weg je nach Projekt aus. Mein erstes Self-Publishing-Projekt entstand, weil der Verlag kurz vor Produktion Pleite ging. Sollte ich da auf vier Jahre Arbeit verzichten? Ich bringe meine Backlist aus Publikumsverlagen selbst heraus und gestalte gerade ein E-Book, dessen Printausgabe zeitgleich im Insel Verlag erscheint. Solche Partnerschaften sind Zukunftsmusik für mich.

Sie schreiben Bücher zu den unterschiedlichsten Themen in verschiedenen Genres, angefangen bei Büchern zur Kultur über Reisebücher hin zu Frauenromanen. Gibt es ein Lieblingsgenre? Wie kam es zu der Vielfalt?

Ich sehe mich selbst gar nicht als so vielfältig. Meine Spezialität ist das erzählende, literarische Sachbuch mit den Schwerpunkten Kultur, Kunst und Geschichte. Wie „Das Buch der Rose“ oder „Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt“ und „Faszination Nijinsky“. Dank Self Publishing werde ich die schöne Form des Essays wieder vermehrt nutzen können, das läuft in Verlagen schlecht.
Naja … und manches schreibt man auch mal fürs schnöde Geld, Frauenromane etwa. Aber diese Phase ist vorbei.

 Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Der Musenkuss ist womöglich ein Märchen. Vor Jahren fragte mich eine Verlegerin, ob ich mir vorstellen könne, über die Balletts Russes zu schreiben. „Ich und Ballett, ich habe doch keine Ahnung?“, war meine spontane Antwort. Aber die Avantgarde ist eins meiner privaten Lieblingsthemen. Nach der ersten Recherche „biss“ mich die Story und ich sagte zu. Meist begegne ich bei der Recherche Nebenthemen und Menschen, bei denen mir mein kleiner Finger sagt: „Das ist es! Das will leben!“ Die stecken dann im nächsten Buch.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Petra van Cronenburg steckt in ihren Geschichten und Büchern? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Das zu erforschen überlasse ich posthum den Literaturwissenschaftlern. Und im Sachbuch habe ja nicht ich drinzustecken, sondern eine wahrscheinliche Möglichkeit von Realität. Extrem nahe steht mir Vaslav Nijinsky, obwohl ich kein schwuler russischer Balletttänzer bin, der irgendwann verrückt wurde. Aber ich habe sehr viel von ihm über das Künstlerdasein erfahren und durch das Buch wundervolle Menschen kennen gelernt.

Was ich ganz klar habe, ist eine Art „Lebensthema“. Ich nenne es „Grenzgängereien“, in jeglichem Wortsinn. Es hat sicherlich damit zu tun, dass viele meiner Vorfahren gezwungen oder freiwillig mit dem Koffer in der Hand ins Ungewisse reisten – und ich als echte Grenzgängerin im Dreiländereck, nach Frankreich emigriert, diese Tradition fortführe. Nichts davon geplant …

Viele Autoren äußern sich politisch, verpacken auch politische Meinungen in Ihre Bücher. Hat ein Schriftsteller einen politischen Auftrag?

Für einen Auftrag braucht es Auftraggeber. Wer könnte das sein?

Und kann man unpolitisch sein, wenn man sich mit dem Leben beschäftigt, der Kunst, der Kultur?
Wenn Nijinsky und Strawinsky mit einem Theaterskandal ganz Paris bis in die russische Botschaft hinein aufmischten, dann ist Tanz hochpolitisch. Wenn Europa vor dem Ersten Weltkrieg von Paris bis Petersburg reichte und kulturell von kosmopolitischer Offenheit und Migranten aller Richtungen profitierte, dann ist das hochpolitisch. Dazu brauche ich aber keine explizit politischen Bücher zu schreiben …

Einige Ihrer Bücher behandeln die leidvollen Seiten des Lebens, Einsamkeit, Sehnsucht. Ist Leid und Düsterheit einfacher zu beschreiben als Glück oder fühlen Sie sich der Seite näher? Ist das Leben generell eher düster als hell?

Ich suche eigentlich krampfhaft nach einem Kurs: „Erfolgreich Pessimist werden in nur zwei Tagen“, denn mein Optimismus geht mir manchmal selbst auf die Nerven. Aber Menschen sind in meinen Augen am spannendsten und unverfälschtesten, wenn man ihre Brüche betrachtet, wenn sie vor einer Umwälzung oder einem vermeintlichen Abgrund stehen oder ihre Verletzlichkeit nicht verstecken. Das zeigt ihre innere Stärke, ihre künftigen Möglichkeiten, ihre Schönheit. Mich interessieren die ganz Besonderen. Das sind selten Menschen mit einem Leben wie in einer Vorabendserie.

Nijinsky ist so ein ganz Starker in all seiner Verletzlichkeit: Als man ihm das Tanzen nimmt, malt er voller Körperlichkeit. Als man ihm das Malen nimmt, schreibt er, Weltliteratur übrigens. Und vielleicht war seine psychische Krankheit die konsequente Fortführung, seinen eigenen inneren Seelentanz nie verraten zu müssen?
Karen in „Alptraum mit Plüschbär“ verliert ihre Ehe, reibt sich an den dämlichen Instant-Glücksversprechen unserer Zeit – und daran wächst sie. Dahlia steht vor dem wirtschaftlichen Ruin und zieht sich gemeinsam mit Freunden auf unverhoffte Art selbst aus dem Sumpf. Das ist der Alltag vieler Menschen. Ist das nicht auch Glück, wenn man so einen Berg bewältigt? Wenn man scheitert und wieder aufsteht?

Wenn Frauen am Pool sitzen, sich einen Millionär anlachen und man sich durch den Plot kichert … das ist nicht mein Genre. Solche Figuren langweilen mich, sie entwickeln sich nicht wirklich.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Eine packende Story (auch im Sachbuch) und Niveau. Oder richtig gut gemachten, herrlich schauderhaften Trash.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ich würde gern erzählen können wie eine durchgeknallte Kreuzung aus Jonathan Safran Foer, Olga Tokarczuk, Walt Disney, Aleksandar Hemon, Colum McCann, sämtlichen russischen Klassikern und den großen jüdischen Erzählern.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es? 

1. Lesen lesen lesen.

2. Üben üben üben.

3. Nie die Eigendistanz und Kritikfähigkeit verlieren.

4. Mit sehr offenen Sinnen intensiv leben.

5. Die eigene Stimme entwickeln, nicht verschütten lassen. Durchaus auf Menschen achten, die einem dabei bewahrend Tutor sein können.

 Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Petra van Cronenburg ist im Netz zu finden unter:

Website: http://www.cronenburg.net

FB: http://www.facebook.com/cronenburg

Twitter: http://www.twitter.com/buchfieber

 

Alex Capus – Nachgefragt

(c) Peter Hassiepen
(c) Peter Hassiepen

Alex Capus
Alex Capus wird am 23. Juli 1961 in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Die ersten fünf Lebensjahre lebt er mit seiner Familie in der Wohnung des Grossvaters in Paris, zieht nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Olten in die Schweiz.  Neben seinem Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel arbeitet er bei diversen Tageszeitungen als Journalist und ist während vier Jahren als Inlandredaktor einer  bei einer Schweizerischen Depeschenagentur in Bern beschäftigt. Zwischen 2009 und 2012 fungiert er als Präsident der Sozialdemokratischen Partei Oltens. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten. Von ihm erschienen sind unter anderem Munzinger Pascha (1997), Der König von Olten (2009),  Léon und Louise (2011), Skidoo (2012), Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (2013).

Alex Capus hat sich bereit erklärt, mir einige Fragen zu seiner Person und seinem Schreiben zu beantworten. Ich freue mich sehr über seine Antworten, die teilweise kurz und knapp, oft mit einem fast sichtbaren Schmunzeln gegeben sind.

 Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

1961 in Frankreich geboren als Kind viel zu junger Eltern. Scheidung der Eltern, Umzug mit Mutter und Bruder nach Olten. Erste Kurzgeschichten im Alter von sieben Jahren als Selbstvergewisserung. Eine Jugend im Gefühl, der einzige Erwachsene im Haus zu sein. Als junger Erwachsener die Suche nach dem echten, wahren, intensiven Leben. Deshalb ein eigensinniger Student, akademisch nicht zu gebrauchen. Weitere Kurzgeschichten. Journalismus aus Liebe zu den Menschen und Freude an der Form. Erstes Kind, erster Roman. Heirat mit meiner Gefährtin Nadja. Zweiter Roman. Zweites Kind. Dritter Roman. Drittes Kind. Vierter Roman. Viertes Kind. Bis dato fünf Kinder und fünfzehn Bücher.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich kann das ziemlich gut und mache das ziemlich gern. Darüber hinaus bestärkt mich erzählendes Schreiben im Glauben, dass alles in der Welt miteinander zusammenhängt und das Leben also einen Sinn hat.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Alles Quatsch. Schreiben ist wie alle Kunst letztlich ein Ausdruck von Gefühl. Wer’s hat, hat’s. Wer nicht, nicht.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen? Wann und wo schreiben Sie?

Ich recherchiere und mache mich kundig zum Thema meiner Betrachtung, bis ich satt und überzeugt bin, dass kein Mensch auf der Welt besser als ich Bescheid weiss darüber. Dann trage ich das ganze schwanger, bis sich die richtige Form herauskristallisiert. Das kann Monate oder Jahre dauern. Und dann setze ich mich hin und schreibe. From nine to five, sehr ordentlich.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Feierabend, Ferien? Niemals. Abschalten? Warum sollte ich das wollen?

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Als Autor singe ich mein Lied und tanze meinen Tanz. Jeder Mensch sollte das tun, die Zeit ist knapp. Und ich verdiene mein Geld damit, das ist ein grosses Glück.

Wie ist das Verhältnis zu den Verlagen? Hat sich das verändert in den letzten Jahren? Man hört viele kritischen und anklagenden Stimmen, was ist deine Sicht der Dinge?

Autoren sollten nicht so viel jammern. Als Profi sucht man sich die richtigen Leute aus, mit denen man arbeiten will, dann ist man loyal zu ihnen und vertraut ihnen auch. Das ist im Fussballgeschäft nicht anders als im Waffenhandel, im Ölbusiness oder in der schönen Literatur.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Tja, Ideen. Die flüstert mir mein kleiner Finger ins Ohr.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Alex Capus steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Natürlich hat der olle Goethe recht. Ich bin alle meine Figuren.

Ihre Geschichten handeln oft von tatsächlichen Figuren aus der Vergangenheit, so auch Ihr neuster Roman Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer. Wie stossen Sie auf diese Figuren, was muss eine Figur haben, dass sie daraus eine Geschichte machen wollen?

Ich muss sie mögen.

Wo hört bei ihren Geschichten die tatsächliche Vergangenheit auf, wo beginnt die Fiktion?

Alles, was ich erzähle, ist immer wahr – wenn ich es doch sage!

 Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht? Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen?

Heute Abend lese ich gerade wieder mal Rock Springs von Richard Ford. Grossartig. Schönheit und Wahrhaftigkeit, darauf kommt’s an.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Erstens: Viel lesen.

Zweitens: Viel schreiben.

Drittens: Niemals zu früh mit sich zufrieden sein.

Viertens: Die ersten fünf Entwürfe immer wegschmeissen,

Fünftens: Niemals auf olle Ratschläge hören. Stay true to the idea, wie David Linch sagt.

Herzlichen Dank, Alex Capus, für dieses Interview!

Wann ist ein Leben lebenswert?

Heute las ich die Schlagzeile, dass sich ein erfolgreicher Mann umgebracht haben soll. Sie hat mich erschüttert. Ich kannte ihn nicht, nicht mal namentlich. Und doch schaue ich immer und immer wieder sein Bild an. Ich suche nach Spuren. Suche nach einem Anzeichen, wieso sich ein solcher Mann das Leben nehmen könne. Sind das Falten, die von Ärger, Trauer, Wut, Überdruss, Verzweiflung zeugen, die seinen Mund, seine Augen umgeben? Ist das Lachen echt? Was sagen die Augen?

Ein Mann geht einen Weg ganz nach oben. er hat viel mehr zum leben als sicher 90% der Menschen weltweit. Er sieht gut aus. Er hat Familie. Ein Mann, ein Mensch, der es geschafft hat, würde man denken. Und man scheint falsch gedacht zu haben, denn er ist nicht mehr. Er hatte so viel mehr als so mancher oft zu träumen wagte, was fehlte noch? Wohin soll man streben, wenn selbst all das nicht reicht, leben zu wollen? Was ist Glück? Was sind wirkliche Ziele und Inhalte? Was heisst Leben überhaupt und wann ist es blosses Überleben und damit bald mal nur noch Plage?

Heute fuhr ich durch Zürich. Wohin ich schaute, sah ich Porsches, Mercedes, BMWs, Audis. Ab und an sicher auch eine andere Marke, aber die überwiegten stark. Es geht uns gut? Scheint so. Trotzdem heisst es, die Armut greife um sich in der Schweiz. Man sieht sie wohl noch nicht oder ist geblendet von all dem Reichtum, der sich so offensichtlich zeigt. Und viele der Armen schauen wohl auf die grossen Autos und denken sich, wie glücklich sie wären, hätten sie nur die Hälfte, gar nur einen Bruchteil dessen, was all diese Menschen haben, die in diesen Autos sitzen. Und dann liest man eine solche Schlagzeile. Und man fragt sich: Was nun? Woran noch glauben? Was ist wirklich wichtig im Leben?

Es wäre nun einfach, auf die ach so schönen inneren Werte und immateriellen Güter zu verweisen. Das wäre die Moralinkeule und allen Idealismus nur so mit der Kelle ausschöpfen. Das greift zu kurz, wie ich denke. Wer hungert, kann noch so viel Herz, Verstand, positive Beziehungen und was es noch so an immateriellen Gütern gibt haben. Er hat Hunger und Hunger trübt das Glück ganz massgeblich. Was also ist Glück? Wonach soll der Mensch noch streben? Geld allein scheint nicht glücklich zu machen, wirtschaftsferner Idealismus stopft das Hungerloch nicht und alles kann man, das Leben lehrt es einen meist unbarmherzig, nicht haben.

Es bliebe nur noch das schöne Wort „sei zufrieden mit dem, was du hast“. Und genau das scheint so unendlich schwer, dass man zu oft daran verzweifelt.

Bildung heute

Durch Erziehung wird der Mensch erst wahrhaftig Mensch. (Platon)

Nicht nur durch Erziehung, auch durch Bildung, im Sinne des Wortes verstanden. Bildung sollte dazu beitragen, dem Menschen in seiner Persönlichkeitsbildung zu helfen, ihn sich selber zu finden und damit auch seinen Stand und sein Zurechtkommen im Leben und in seiner Umwelt. Sie soll dem Menschen helfen, seine Fähigkeiten zu leben, seine Chancen wahrzunehmen, Teil einer (politischen) Gemeinschaft zu sein und diese aktiv mitzugestalten.

Bildung soll für alle zugänglich sein und somit die Menschen vereinen, sie soll keine Klassen kennen, sondern allen den Weg in die Gesellschaft gleichermassen öffnen – jedem nach seinem Potential. Stattdessen separiert sie, legt durch Notendruck, Faktenpauken, Siebmechanismen alles darauf, die Schere noch grösser werden zu lassen und wird instrumentalisiert, indem nur Verwertbarkeit und nicht Persönlichkeit und Charakterbildung im Zentrum stehen.
Vielleicht sollte man sich wieder auf die Ursprünge besinnen, die wirklichen Werte hochhalten?

Arme Welt

Kürzlich sah ich eine Sendung, in der gesagt wurde, dass allein mit den weggeworfenen (und noch guten) Esswaren aus Deutschland der Welthunger halbiert werden könnte. Heute las ich in einer Zeitung, dass in der (ach so reichen) Schweiz jeder Siebte gefährdet ist, in die Armutsfalle zu tappen. Weltweit gibt es Hunger, weltweit gibt es Menschen, die kein Dach über dem Kopf , nicht die Möglichkeit, für ihre Gesundheit zu sorgen, nicht die Chance, Bildung zu geniessen und nicht das Glück, ihr Leben frei gestalten zu können, haben.

Dies allein ist schon traurig genug, aber noch viel trauriger ist es, dass das alles nicht nötig wäre. Nicht die Bevölkerungsdichte ist schuld, dass es Mangel gibt. Wir haben nicht zu viele Menschen auf einer zu kleinen Welt. Wir haben zu selbstverliebte Besitzende, die nicht bereit sind, einen Teil von ihrem Zuviel abzugeben, damit die, welche zu wenig haben, ein menschenwürdiges Leben führen können. Klar liest man immer wieder von grosszügigen Spenden von Reichen an Bedürftige oder Organisationen. Schaut man dahinter, ging es vielfach nicht um Nächstenliebe, sondern um einen Steuertrick. Das alleine wäre nicht verwerflich, das gespendete Geld hilft ja trotzdem und ist nicht schlechter, nur weil es aus Eigennutz gespendet wurde. Meist ist es aber ein Bruchteil dessen, was abgegeben werden könnte und noch viel öfter nur ein Tropfen auf den heissen Stein, der nur hilft, dass die von Armut geplagten nicht gleich verhungern, sondern Aufschub erhalten.

Die Thematik ist lange bekannt. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Es ist klar, dass niemand hungern müsste, würde man es wirklich ändern wollen. Es ist offensichtlich, dass es von allem genug hätte, würde man es gut verteilen. Ich sage damit nicht, dass man den Reichen jeden Luxus nehmen müsste, Gott bewahre, sie sollen in Saus und Braus weiter leben, viele von ihnen haben sich diesen Saus auch erarbeitet. Verdient im wortwörtlichen Sinne vielleicht nicht, aber immerhin etwas dafür getan.

Stellen wir uns mal vor: Morgen käme jemand und würde uns eine Million bieten, damit wir etwas tun für ihn. Wir könnten arbeiten und hätten dieses Jahressalär, das von vielen angeprangert wird als nicht mehr leistungsorientiert, als unverhältnismässig. Würden wir ablehnen? Würden wir sagen, dass wir das gar nicht verdienen und darauf verzichten, stattdessen für 100’000 arbeiten wollen? Oder gar für 72’000? Oder für wieviel eigentlich? Ich denke nicht. Wie können wir es von denen verlangen, die soviel verdienen? Freiwilligkeit scheint bei diesem Fall schwer zu sein, es müsste also von aussen kommen. Staatsgewalt? Ein Gesetz, das eine Höchstlohnstufe einführte? Oder sollte es ab einem gewissen Betrag eine Spendensollquote einführen? Das käme einer Steuererhöhung gleich. Und wem soll die zugute kommen? Armen im eigenen Land? Was passiert dann mit all den Hungernden in fremden Ländern, die keine so reichen Menschen haben, die ihren Anteil abgeben können? Zählen die nichts? Oder müssen wir in unserem Land dafür sorgen, dass andere Länder genug haben?

Kommt man dabei nicht in einen Konflikt mit der Souveränität? Wenn ich von aussen etwas über ein Land stülpe, übergehe ich dessen Souveränität. Sicher in einem Fall, den dieses Land nicht will. Nun kann man sagen, dass kein Land Hunger haben will. Allerdings hungern nie alle und meist die nicht, die das Geld in die Hände bekommen… Und schon sitzen wir wieder mittendrin.

Ein auswegloses Problem? Ist der Mensch einfach so, dass er hortet, hortet wie ein Eichhörnchen, ohne je den Hals voll genug zu kriegen? Wo könnte man den Hebel ansetzen, um diese selbstgerechte Welt aus den Angeln zu heben?

Mein Sohn meinte kürzlich, dass die Welt ungerecht wäre. Das allein ist keine neue Erkenntnis, wenn auch für einen bald 11 Jährigen nicht ganz selbstverständlich. Er machte diese Einsicht daran fest, dass er fand, dass ein Bauer viel mehr für die Menschen täte, indem er ihr Überleben durch Nahrungsmittel sichere als ein Anwalt. Trotzdem verdiene ein Anwalt viel mehr als ein Bauer. Er fand das ungerecht. Und bei Lichte betrachtet hat er damit einen wichtigen Punkt angeschnitten. Wir achten heute so viele Berufe mehr, die in abstrakten und abgehobenen Bereichen tätig sind, dass wir die, welche mit ehrlichem Handwerk für ihr Auskommen und auch für das Überleben (Bauer), das Hausen (Maurer), das Wohnen (Schreiner) sorgen, herabsetzen. Ihr Bildungsweg war ein geringerer, das macht sie in unserer Werte- (und Lohn-) Bemessung minderwertig. Wir messen Wert an abstrakten Grössen und vergessen dabei oft die Lebensnotwendigkeiten. Diese sehen wir erst, wenn sie fehlen. In der Armut. Und dagegen tun wir nichts, weil wir sie nicht sehen wollen. Ein Perpetuum Mobile, das in den Abgrund führt?

Vertrauen

Schenkt man Vertrauen im Voraus? Muss Vertrauen erst verdient werden? Kann man Vertrauen aufbauen? Zerstören kann man es. Was dann? Ist es dann weg? Für immer oder nur bei diesem einen Menschen? Machen schlechte Erfahrungen das Vertrauen in andere schwerer? Ist das fair? Lässt man dann nicht Menschen für etwas zahlen, das andere verbrochen haben? Was ist Vertrauen überhaupt? So etwas wie der naive Glaube an das Gute im Leben und im Menschen? Ist Naivität gut? Oder vielleicht auch dumm?

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser.

Wo ist das Vertrauen noch, wenn man denkt, kontrollieren zu müssen? Oder ist blindes Vertrauen dumm? Wäre dann Liebe auch dumm, da sie ja blind macht. Und Vertrauen soll – so sagt man – die Basis von Beziehungen sein, welche – im besten Falle – auf Liebe basieren. Wenn ich nun also nicht in den anderen vertraue, was liebe ich dann? Etwas, dem ich nicht traue? Oder denke ich, etwas nicht zu kennen, liebe aber das, was ich kenne? Oder kenne ich vielleicht die kritischen Punkte, habe darum Mühe mit Vertrauen?

Was ist Misstrauen? Selbstschutz, weil man zu oft auf die Nase fiel? Oder eine evolutionäre Massname zum Überleben, die schon ohne Vorerfahrungen da ist? Lässt uns Misstrauen nicht ständig auf der Hut und in Anspannung sein? Wie verträgt sich das mit Liebe, in der man sich einfach mal fallen lassen müsste? Oder ist die Welt vielleicht doch nicht ganz so einfach, dass Liebe auf Vertrauen baut, alles rosig und im Lot ist? Hat überhaupt jemand gesagt, es sei einfach?

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.
(Berthold Brecht: Der gute Mensch von Sezuan)

Mann und Frau – Bilder in Köpfen

Kürzlich schrieb ich bei Facebook, dass ich mir überlege, einen zweiten Hund in die Familie zu holen. Neben vielen sachlichen und auch gefühlvollen Argumenten dafür und dagegen erhielt ich eine private Nachricht, in der mir ein Mann sagte, dass ich das unbedingt sein lassen müsse, da ich sonst, wenn ich neben Kind, Hund und zwei Katzen noch einen zweiten Hund hätte, erst recht keinen Mann fände.

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Vor ein paar Tagen schnitt ich meine Haare von relativ lang zu knapp kinnlang ab. Ich stellte das Bild als Profilfoto in meinen Messenger und erhielt kurz darauf eine Nachricht, die weder Anrede, noch sonstiges erhielt, nur das: NEEEEIIIN!!! Darauf folgte, der Schritt sei zwar wettermässig verständlich, deswegen aber noch lange nicht nachvollziehbar.

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Es gab mehrere Gelegenheiten, bei denen jemand mit mir oder ich mit ihm abmachen wollte. Von grosser Freude über ein Treffen oder Wiedersehen wurde gesprochen, dann aber von Mannes Seite erwähnt, wie eingespannt er sei, er werde sich dann kurzfristig melden. Und prompt kommt eines Tages ein SMS, ich bin nun grad frei, wir könnten uns spontan zum Kaffee treffen.

Bei all diesen Ereignissen stellen sich bei mir die (nun kurzen) Haare auf. Mit welchen Frauenbildern schlagen sich Männer teilweise rum? Denken sie allen Ernstes, wir sitzen hier, richten unser Leben genau so aus, dass es für einen potentiell interessierten Mann passt? Gestalten wir unsere Frisuren nach den gängigen Geschmäckern irgendwelcher Herren, die nicht mal den Anstand und die Umgangsformen einer menschlichen Kommunikation kennen? Sitzen wir wirklich nur auf Abruf da und hoffen auf ein gnädig eröffnetes Zeitfenster im ach so gefüllten Zeitplan des wichtigen Mannes? Wo in der Zeit sind diese Herren stehen geblieben?

Die andere Frage, die sich mir stellt ist, ob es wirklich Frauen gibt, die sich genau so verhalten, wie diese Männer es vorgeben. Von irgendwo müssen die Herren der Schöpfung ja dieses Verhalten haben und es muss schon Erfolg gebracht haben, sonst hätten sie es vielleicht verändert? Sollte das Ergebnis von jahrzehntelanger Emanzipationsbewegung wirklich sein, dass Frau immer noch ihr Leben dem des Mannes anpasst und damit unterordnet, damit sie ja nicht alleine dasteht? Wer hat überhaupt gesagt, dass sie einen Mann sucht und braucht? Zumindest tut sie das nicht mehr als der Mann auch die Frau braucht, sind wir doch alle soziale Beziehungstiere.

Ich habe das nicht immer so gesehen. Es gab durchaus Zeiten in jüngeren Jahren, in denen ich betroffen gewesen wäre ob der Reaktion auf meine Frisur, in der ich gesprungen wäre auf den Pfiff des gnädigen Herrn mit dem Zeitfenster und alles getan hätte, um ja nicht auf der Liste der ungewollten Frau zu landen. Ich war zu wenig sicher, wer ich bin und was ich selber vom Leben wollte. Ich dachte, ich könne doch nicht einfach meinen Weg gehen, müsse mich anpassen. Ich gestand mir selber zu wenig Selbstwert zu und stellte damit die anderen mit ihren Meinungen und Bedürfnissen über mich. Dass dies vor allem im Austausch Mann – Frau passiert, hat eine lange gewachsene Tradition. Diese zu durchbrechen bedeutet nicht, nun in einen sinn- und wahllosen Geschlechterkampf einzusteigen, wie es teilweise geschieht. Es heisst ledigilich, sich selber als Mensch unter gleich würdigen und gleichwertigen Menschen zu sehen und zu sich selber zu stehen. Es heisst, sich ernst zu nehmen und sich dadurch den Wert zuzuschreiben, den man hat und haben sollte – für sich und für andere.

Kulissen und dahinter

Oft schätzt man die Qualitäten des eigenen Mannes mehr, wenn man genauer hinter die einladend angebotenen Kulissen der anderen Männer schaut.

Je näher man an jemandem dran ist, desto deutlicher fallen dessen Fehler auf. Bei den anderen sieht man nur an die Fassade und selten wirklich dahinter.

Geld regiert den Sport

Stell dir vor, es ist Weltmeisterschaft und alle schauen weg

Bald geht es los mit der Fussballweltmeisterschaft in Brasilien. Die Vorbereitungen sind in vollem Gange, es wird geplant, gebaut, geklotzt. Tausende von Menschen werden ihrer Häuser beraubt, Schulen geschlossen, Gelder in der Höhe von drei vergangenen Weltmeisterschaften verschwendet. Brasilien ist im Fussballfieber oder besser: Das Fussballfieber macht Brasilien krank? Ist das Irrsinn oder wirklich noch Sport und Freude?

Wenn in einem Land so viele Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, weil Armut um sich greift, ist es ein Hohn an der Menschlichkeit und ein Schlag gegen die Menschenwürde, wenn man so viel in glänzendes Fussballambiente investiert und die ansässigen Menschen gar noch mit Füssen tritt, indem man Ihnen das Zuhause und die Bildungsmöglichkeiten nimmt. Fussball ist zu einem reinen Finanzgeschäft geworden (nicht erst heute, nicht erst seit Brasilien).  Was schon im nationalen Fussball zu sehen ist, indem die zahlungskräftigsten Mannschaften oft die Ranglisten anführen, nimmt international immer haarsträubendere Formen an.

Schon die Weltmeisterschaften in Südafrika schlugen hohe Wellen. Gefahren und Risiken wurden in den schwärzesten Farben ausgemalt. Das ganz grosse Fiasko blieb aus (keine Tausende von Toten und dergleichen), aber von positiven Effekten (für das Land) ist auch wenig zu sehen.  Eine Studie[1], im Auftrag des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks erstellt, zeigt die eher düsteren Auswirkungen der FIFA Weltmeisterschaften auf Südafrika. Als Fazit kann gelten:

Heute ist es offensichtlich, dass sich die Schätzungen von 2003, in denen Südafrika nur  minimale“ Kosten und „signifikante“ materielle Nutzen versprochen worden waren, ins  Gegenteil gedreht haben.

Das Geld, das nun auch in Brasilien investiert wird, könnte in Anbetracht des Mangels in diesem Land (und auf der ganzen Welt) besser eingesetzt werden. Das müsste nicht mal zwingend auf Kosten des sportlichen Wettkampfes gehen, der könnte trotzdem stattfinden, einfach anders und zu menschen- und umweltfreundlicheren Konditionen. Dabei nun das Argument anzuführen, dass es auch andere Gelder gäbe, welche man umverteilen könnte, so dass niemand Mangel leiden müsste, wäre Milchbüchleinverfahren. Wenn man immer das andere Töpflein als das bezeichnet, aus welchem genommen werden soll, das eigene aber nur gefüllt haben möchte, zeugt das von keiner gemeinschaftlichen und vor allem solidarischen Verteilungspolitik. Wenn nun jeder so denkt, was heutzutage der Fall scheint, wird sich nie etwas ändern und die Schere zwischen Arm und Reich immer noch grösser werden. Die, welche Macht über einen Geldtopf haben, werden ihn verschlossen halten, die, welche des Geldes bedürfen, schauen in die Röhre.

Was zählen die eigenen Bedürfnisse?

Mir läuft momentan die eine Zeile aus Ina Müllers Lied nach:

Hätt’ ich nen Hund, hätt ich nen Grund…

Es kommt so locker flockig daher, frech und keck erzählt das Lied vom Singleleben, von den Zwängen von aussen, von Barbesuchen, die man nicht möchte, denen man nicht entkommt – es sei denn: Man hätte einen Hund. Dann könnte man sagen, es ginge nicht, weil eben der Hund da wäre.

Wieso fällt es uns oft so schwer, zu unseren Bedürfnissen zu stehen? Haben wir andere (Tiere, Menschen….) als Entschuldigung, ist alles kein Problem, wenn nur wir selber und unsere Bedürfnisse Grund sind, schrecken wir davor zurück, anderen abzusagen, wenn wir keine Lust zu deren Plänen hätten. Sind wir uns wirklich so wenig Wert, dass jeder andere, jedes Tier wichtiger und gewichtiger wären als Grund? (Nichts gegen Tiere, ich habe einen Hund und ich liebe ihn sehr.)

Wenn ich meinem Gegenüber sage, ich hätte keine Lust mit ihm auszugehen, ist das in unseren Augen eine Affront gegen das Gegenüber. Schiebe ich den Hund vor, kann sich das Gegenüber wohl fühlen, denn es muss die Abfuhr nicht auf sich beziehen. Das ist unsere Sicht. Nur unterstellen wir dem Gegenüber dann, dass es unser Bedürfnis nicht als Wert genug erachten würde, dass es eine Absage rechtfertigt, so dass es diese direkt auf sich selber beziehen müsste.

Mit dieser Sicht setzen wir nicht nur uns selber herab, sondern auch das Gegenüber, indem wir ihm einerseits absprechen, uns beim Wort zu nehmen, sondern andererseits auch sich selber gegenüber so unsicher zu sein, dass eine Abfuhr gleich persönlich genommen würde. Vermutlich tun wir das, weil wir a) selber so gestrickt sind und b) solches schon oft erlebt haben.

Und langsam wird es ziemlich kompliziert, weil so viele unterdrückten und unbewussten Gefühle in einer einfachen Unlustbekundung stecken, dass es wirklich einfacher scheint, einfach einen Hund vorzuschieben.

Es ist verständlich, es ist menschlich, es ist erprobt und für gut befunden – und es funktioniert, ohne auf einer der beiden Seiten schlechte Gefühle zu wecken. Trotzdem wäre es ab und an nicht schlecht, genauer hinzuschauen, wenn man oberflächliche Gründe vorschiebt, was wirklich dahinter steckt. Und was es für einen selber bedeutet, was es über einen selber aussieht. Jeder ist es Wert, ernst genommen zu werden. Jeder ist es Wert, sich selber ernst nehmen zu dürfen. Und jeder ist es Wert, Freunde zu haben, die ein Nein einfach als das respektieren, das es ist: Das Zeigen der eigenen, persönlichen Grenzen.

Facebook

Facebook ist ein schwieriges Pflaster. Es ist vor allem eines mit vielen Fettnäpfchen und  Stolpersteinen. Entweder sind diese sehr ausgeprägt, dass sie grundsätzlich nicht zu vermeiden sind oder aber ich bin in deren Umfahrung eher ungeschickt, fühle mich von den netten Risiken und Gefahren, auf deren Nebenwirkungen mich noch keiner aufmerksam gemacht hat, zu sehr angezogen. So oder so: ich falle drüber und lande drin – immer wieder.

Zuerst mal ist wohl die geschriebene Sprache schon generell eher anfällig für Missverständnisse. Ich sitze hier vor meinem Computer, haue in die Tasten und denke mir etwas bei dem, das ich schreibe (im besten Falle). Ab und an ziehe ich vielleicht die Augenbrauen zusammen, dann wieder lache ich. Meine Mimik widerspiegelt den in die Zeilen gelegten Sinn und die intendierte Konnotation. Hinter einem anderen Computer sitzt ein anderer, den ich mehr oder minder kenne (und er mich), er liest die Buchstaben so, wie sie am Schirm auftauchen, hat dabei seinen Hintergrund an Textverständnis und Erfahrung und liest so unweigerlich etwas aus diesen Zeilen, das nicht wirklich da steht. Zwar weicht seine Interpretation nicht willentlich oder gar bösartig von meinem Text ab, oft bewegt sie sich innerhalb der Wörter, sie unterschlägt diesen einfach eine Stimmung oder eine Meinung oder fügt beides hinzu. Wenn er das Lachen nicht mitdenkt kann etwas humoristisch gemeintes völlig anders wirken, dasselbe passiert auch bei anderen Auslassungen oder Zusätzen. Oft kann man es auflösen, die Welt (die sich sowieso nicht an Dingen wie Facebook aufhängen sollte, was aber wohl auch selten bewusst passiert)geht nicht unter. Ab und an erwachsen daraus grössere Geschichten und das ist sicher eine der Schwierigkeiten von Facebook.

Ein weiteres Problem, blenden wir mal die Interpretationssache aus, liegt in der Informationsflut, die wir täglich zu bewältigen haben und der wir auch andere aussetzen. Plötzlich ist er da, dieser Drang, alles sagen zu wollen. Vom Aufstehen über den ersten, zweiten, dritten Kaffee bis hin zum Klo und anderen Ausflügen wird alles feinsäuberlich geteilt. Nun wäre dies beim Kaffee, vor allem wenn er in der Folge auch real vor dem Empfänger dieser geteilten Welt stünde, sehr angenehm, andere Mitteilungen sind in dieser Hinsicht sicher schwieriger zu bewerten.

Auch als Leser hat man seine Schwierigkeiten: Je mehr Freunde man hat, desto mehr an Mitteilungen wird man von ihnen verpassen. Sie gehen zu schnell unter in dem ewig fliessenden Strom von Bildern, Musik, politischen Äusserungen, Humor, Sinnsprüchen, Essensberichten, Beziehungsständen und Tagesablaufsinformationen. Und wenn es als Leser passiert, dass man Dinge verpasst, kann der Schreiber ab und an doch sehr pikiert reagieren. Er fühlt sich ignoriert, möchte gesehen, gelesen, wahrgenommen werden. Er fühlt sich übergangen und das breitet negative Gefühle aus. Zwar streitet er diese ab, doch scheint es doch nicht ganz so unwichtig zu sein, es wird immerhin zum Thema – auf die eine oder andere Art. Und was, wenn man irgendwo immer kommentiert, der andere aber im Gegenzug nicht bei einem selber? Ist dann die Welt aus dem Gleichgewicht oder ist man nur starr, wenn man drauf hofft, gleich wichtig für ihn zu sein wie er für einen?

Ein weiterer Punkt sind die verschmähten realen Freunde. Sie lesen etwas im FB, was ihnen so noch nicht bekannt war und fühlen sich plötzlich übergangen oder nur noch als einer von vielen Facebookfreunden, statt der reale gute Freund, der sie dachten zu sein. Sie fragen sich und einen, wieso man nichts gesagt, sie nicht eingeweiht hat, stattdessen aber der ganzen (Facebook)Welt davon berichtet. Sie sind traurig, wütend, verletzt. Und man sieht den Punkt, doch fragt man sich, wann man eigentlich in diese Pflicht kam, sich mitteilen zu müssen? Und ob ein Satz im FB schon so tief geht wie eine persönliche Mitteilung zu einem Freund. Und wann genau der passende Zeitpunkt gewesen wäre dafür. Und ab und an weiss man gar nicht, was man zu gewissen Dingen sagen kann, eine Momentaufnahme macht aber einen Satz draus, der in die Facebookwelt passt, aber noch kein Thema für ein Gespräch ist?

Als ob es bis dahin nicht schwierig genug gewesen wäre, kommen nun noch die wirklichen Risiken und Gefahren. Facebook sei ein Beziehungskiller, es knüpfe Bänder zu Menschen, die sonst nie so leicht entstanden wären und lasse dann etwas entstehen, was so nicht hätte sein sollen in Anbetracht des realen Beziehungsstand, welcher sich in der Folge oft drastisch ändern könne – und es auch oft täte. Das mag gut sein. Ich erhielt gerade gestern ein sehr nettes Angebot einer jungen Frau aus Dakar, sie wollte mich gerne kennen lernen, mir Bilder schicken, sie fand mich nett – das auf Deutsch und Englisch und in kurzen Abständen mehrfach mit demselben Text (das sollte wohl die Ernsthaftigkeit des Ansinnens unterstreichen und die Grösse des Wunsches ausdrücken). Ich fühlte mich in der Tat sehr zugetan und geschmeichelt, war man doch mit so ernsthaften Absichten in den Weiten des Facebook ausgerechnet auf mich gestossen. Nun gut, das Geschlecht stimmte hier in meinem Fall nicht ganz, aber es gibt ja auch die Vorstösse des anderen Geschlechts, die teilweise ähnlich klingen wie das der hochverehrten Interessentin von gestern. Manchmal gibt es aber auch schlichte Vorstösse, die mit einer einfachen und deutlichen Sprache daherkommen: „Hi Sexy.“ Die anschliessende Frage nach dem Befinden ist harmlos, der abschliessende heisse Kuss schon eher sehr forsch, aber wir lernen ja, unsere Gefühle auszudrücken, offen und ehrlich zu sein – so war das in dem Falle bestimmt gemeint.

Doch auch ganz im Ernst hilft Facebook natürlich, Menschen über den Globus miteinander zu vernetzen. Man lernt sich über Diskussionen, gemeinsame Themen und Ideen kennen, fühlt sich durch Hobbies verbunden, gerät in einen Austausch und fühlt sich darin verstanden. Das knüpft Bänder, die im realen Leben (vor allem oft über die Distanzen) nicht entstanden wären. Sicherlich kann das eine Gefahr darstellen für bestehende Beziehungen, da man so auf eine grössere Anzahl von Menschen trifft. Trifft der richtige Mensch (davon gibt es ja nicht nur einen) zur richtigen Zeit (auch der Zeiten sind mehrere) auf die richtige Stimmung, könnte da schon etwas entstehen, was so nicht beabsichtigt oder gar gesucht war. Doch meistens steckte wohl tief drin der Wunsch, etwas zu füllen, was genau auf diese Weise gefüllt wird. Was man dann daraus macht, ist aber immer noch die eigene Entscheidung, es passiert nichts einfach so.

So oder so bleibt Facebook, was es ist: Eine witzige Sache, die mit etwas Vorsicht zu geniessen ist, die man nicht ganz unhinterfragt immer für bare Münze nehmen sollte, deretwegen man das reale Leben nicht völlig aufs Abstellgleis stellen sollte. Trotzdem ist es aber schlicht unterhaltend und ab und an auch sehr bereichernd und neue Sichtweisen eröffnend.

Die Polizei, mein Freund und Helfer

Morgens um halb neun in Zürich, die Strassen sind gedrängt, alle fahren kreuz und quer. Da ich einen Termin auf der anderen Stadtseite habe, die Verkehrssituation kenne, fuhr ich statt der benötigten 30 Minuten 60 Minuten vorher los. Erstens habe ich Zeit, zweitens möchte ich nicht in Zeitnot kommen. Die Rollerfahrt ist traumhaft, der Sommer endlich in der Stadt, alles grün, alles sonnig, ich geniesse es. Links und rechts brausen andere Rollerfahrer an mir vorbei, egal. Ich fahre an der Uni vorbei, spüre wie immer das heimische Gefühl, schwelge ein wenig in Nostalgie, war das für mich doch über viele Jahre so etwas wie meine geistige Heimat. Ich fahre den Hang runter, am Kunsthaus vorbei, denke wieder, dass ich da auch mal rein möchte, als es passiert: Ein silberner Porsche Cayenne schiesst auf mich zu, ich rette mich auf die Tramspur. Der Schreck sitzt mir in den Knochen, ich schaue die blonde Fahrerin an, sie ignoriert mich. Auf der Tramspur kann ich nicht bleiben, bald kommt das nächste Tram, in die Kolonne kann ich nicht zurück, die ist stehend und dicht. Ich fahre runter, sehe von weitem die Polizei, werde rausgeholt. Ich steige ab, merke, ich kann nicht stehen, meine Knie schwanken noch vom Schrecken von vorher. Zum Glück fängt mich die Parkbank auf. Der Polizist herrscht mich an, ich solle wieder aufstehen. Ich erkläre, das ginge nicht, meine Knie schwanken. Ich will ihm die Situation erklären, sie interessiert ihn nicht. Was ich von Beruf bin, ist interessanter. Ich hätte eine Sicherheitslinie überfahren, meint er. Ich will mich erklären, er unterbricht mich und meint, ich könne das dem Richter erzählen, das komme nämlich vor Gericht. Ich frage wieso, er meint, das sei das Gesetz. Ich sage, ich hätte also besser meinen Roller zu Schrott fahren lassen. Er ignoriert meinen Einwand. Ich frage ihn, ob ich mich umbringen lassen soll. Er ignoriert mich. Er spricht in sein Fernsprechgerät. Ich versuche nochmals, mich mitzuteilen, er meint, das sei nicht an ihm, das könne ich alles dem Richter erzählen, ich könne gehen.

Ich versuche, meinen Roller zu besteigen, doch die Knie zittern immer noch zu stark. Ich sitze noch eine geschlagene halbe Stunde auf der Parkbank. Sehe dabei zwei Roller unbehelligt auf der Tramspur runterfahren, während die Polizisten am Strassenrand stehen.

Meinen Termin erreiche ich rechtzeitig, zum Glück hatte ich genug Zeit eingeplant. Wenn ich wieder mal zu früh bin, weiss ich, wie ich die Wartezeit überbrücke: Ich rase auf der Busspur an der Kontrolle vorbei und lasse mich dann mit wackligen Knien ignorieren von der Polizei. Der Richter muss mir dann zuhören…Soviel zu Freund und Helfer.

 

Dass der Porsche an uns vorbei fuhr, als ich mit der Polizei draussen stand, muss ich nicht erwähnen, dass es den Polizisten nicht interessierte, wohl auch nicht. Ein Anruf bei der „Feedbackstelle“ der Stadtpolizei Zürich brachte soviel, dass der Polizist den Tathergang vielleicht einfach nicht gesehen hat (hat er auch nicht, wie auch) und mir nicht glaubte (konnte er nicht, er liess mich diesen ja nie erzählen, trotzdem ich mit den Nerven völlig am Ende war). Immerhin versuchte mich der Beschwerdeempfänger (der – um ehrlich zu bleiben – durchaus nett war am Telefon) zu besänftigen, dass für mich alles gut sei, wenn ich die Busse bezahle, die mir der Richter irgendwann zuschicke….Das beruhigt doch sehr. Es bleibt noch zu sagen: Hurra, ich lebe noch. Mein Nervenkostüm hat gelitten, für heute ist mein Tag gelaufen.

Bewusst sein, bewusst handeln

Bildschirmfoto 2013-06-17 um 17.08.20

Ich wurde aufgefordert, über Bewusstsein zu schreiben. Ein Thema, das mich in den letzten Jahren sehr beschäftigt hat und das mir auch am Herzen liegt. Man könnte es meine tägliche Lebensschule nennen. Natürlich waren die Begriffe „Bewusstsein“ und „Unterbewusstsein“ schon lange bekannt. Im Studium war Freud an allen Ecken und Enden Thema, er hat Wenden in allen möglichen Bereichen herbeigeführt und war in vielen literarischen Werken Thema – selten explizit, sehr oft aber implizit oder thematisch. Darüber hinaus habe ich mich wenig mit diesem Begriff befasst, er war rein theoretisches Gebilde, wissenschaftliche Definition. Alles weit davon entfernt, verinnerlicht zu werden.

Als ich begann, mich mit Yoga zu befassen, war Bewusstsein plötzlich in aller Munde. Alles sollte bewusst sein, das Atmen, das Essen, die Bewegungen, das Sprechen… Zum ersten Mal spürte ich damals ganz bewusst, wie Luft durch meine Nase einströmt, die Luftröhre runter bis in den Bauch, wie der Bauch sich hebt, wieder senkt, die Luft wieder den Weg zurücknimmt und zur Nase ausströmt. Ich wurde gewahr, dass meistens nur ein Nasenloch aktiv ist, die Nasenlöcher nach einer Zeit wechseln. Das war eine sehr spannende Erfahrung.[1] Das Bewusstsein war für mich auf der Matte angekommen. Ab und an nahm ich es ins Leben hinüber, atmete bewusst, wenn mir langweilig war, ich mich beruhigen wollte, ich Angst hatte und mich zu besänftigen versuchte. Es hat oft funktioniert, ich hatte dadurch ein Mittel gewonnen, mein Leben zur Ruhe zu bringen, indem ich bewusst atmete, mich ganz bewusst auf die Luft, die mir Leben und auch Ruhe einflössen kann, konzentrierte. Ich konzentrierte mich dabei auf mich und mein Sein. Eine ganz neue Erfahrung.

Durch diese kleine Übung lernte ich langsam zu sehen, was es heisst, mit Momenten bewusst umzugehen. Wie oft rasen wir durchs Leben, urteilen vorschnell über Dinge, lassen uns zu etwas hinreissen, das bei Lichte betrachtet weder gut noch sinnvoll ist. Wir sehen in dem Moment nur das, was wir gerade sehen wollen in unserer momentanen Stimmung, achten nicht in uns hinein, ob das, was da ist, in und um uns, wirklich den Tatsachen entspricht oder vielleicht doch nur eine Illusion ist. Wer kennt nicht Auseinandersetzungen mit lieben Menschen, in denen der eine ein Wort sagt, welches dem anderen schräg einfährt, dieser darauf reagiert – verteidigend oder gar schon angriffig – und schon bald ist man im schönsten Streit, ohne dass man hinterher noch weiss, wer wirklich angefangen hat und was die Ursache war. Man merkt nur, dass alles ein ganz grosses Missverständnis gewesen ist. Wie kann es dazu kommen?

Wir alle gehen durchs Leben und machen Erfahrungen. Aus diesen lernen wir und verinnerlichen Muster, wie wir in der Zukunft mit gleichen oder ähnlichen Situationen umgehen wollen. Wir legen quasi ein Raster aus Punkten und Strichen an (alles unbewusst), wie wir solche Situationen zukünftig erkennen können. Oft sind es Worte, Gesten oder Blicke, die als Auslöser für die verinnerlichten Muster genügen. Ob die so aufgegriffenen Worte wirklich der Intention entspringen, die wir dahinter sehen, sei dahingestellt. Wir haben nicht auf die momentane Situation reagiert, sondern aufgrund unserer vergangenen Muster. Dieses Verhalten hat seinen Sinn, vor allem evolutionstechnisch. Wenn der Hase immer erst überprüfen würde, ob der Fuchs ihn auch wirklich fressen will, wären Hasen ausgestorben auf dieser Welt. Deswegen ist es sinnvoll, wenn der Hase präventiv die Flucht ergreift, sobald er einen Fuchs sieht. Allerdings sind wir nicht immer Hasen im Angesicht von Füchsen und nicht immer geht es um Leben und Tod.

Ab und an täten wir gut daran, wirklich hinzusehen, was im Hier und Jetzt geschieht, bevor wir unsere innerlichen Muster ablaufen lassen. Dazu hilft es, sich die eigenen Gefühle ins Bewusstsein zu rufen und genau hinzusehen, wie sie ausgelöst wurden, was wirklich gerade passiert ist und ob wir mit unseren Gefühlen tatsächlich auf das aktuelle Geschehen reagiert haben oder aber einem alten Muster folgten. Auf diese Weise könnten wir einige Missverständnisse und auch Verletzungen – eigene und auch die anderer – vermeiden. Zudem würden wir wohl sehr viel über uns selber erfahren und darüber, was uns leitet, was uns geprägt hat, wie wir funktionieren und welchen Mechanismen wir ausgeliefert sind.

Manchmal läuft man mehrmals in dieselbe Falle alter Muster, bis man sie durchschaut. Trotzdem ist es nie zu spät, etwas dazuzulernen und sich vorzunehmen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Wir haben das grosse Glück, jeden Tag eine neue Chance zu haben, unser Leben neu anzupacken.

 


[1] Ich habe diese Übung in praktisch alle meine Yogastunden eingebaut und kann sie jedem nur ans Herz legen. Sich einfach mal entspannt auf den Rücken legen, atmen und dem Atem nachspüren. Versuchen, ihn in allen Bereichen, die er durchfliesst, zu spüren. Auch schön ist in einem weiteren Schritt der Versuch, ihn zu lenken wohin man ihn haben will.

Wollen und Können

Unsere Wünsche sind die Vorboten der Fähigkeiten, die in uns liegen.
(Goethe)

Was Goethe hier sagt, entspricht in weiten Teilen dem, was man heute in den wie Pilze aus dem Boden schiessenden „Ich kann-Schulen“ hört. Wenn man nur genug an etwas glaubt, wird es wahr, heisst es da. Energie folge Energie und der Glaube an die versetzten Berge mache denen Beine. So sehr ich Goethe verehre, in diesem Punkt kann ich ihm nicht zustimmen. Es klingt gut, dass alles in uns angelegt ist, das wir gerne hätten und wollten. Aber ist es tatsächlich so? Ist der Mensch so wenig Individuum, dass in jedem alles steckt, er es nur nicht ausschöpft?

Das erinnert stark an die Einfangparolen der Scientologen früher. Wir nutzen nur einen Bruchteil unserer Fähigkeiten, mit den nötigen Kursen ihrer ach so hilfsbereiten Organisation könne man das ändern. Meist hat nicht das eigene Können zugenommen, eher die Geldbörse ab, aber zu dem Zeitpunkt war es schon zu spät und man sass in den Fängen fest.

Jeder Mensch hat Wünsche und unerfüllte Wünsche können das gefühlte Lebensglück massgeblich beeinträchtigen. Wünsche und Ziele sind die Motivatoren des Handelns im Leben, hätten wir sie nicht, würden wir lethargisch, bewegungslos und damit leblos. So gesehen sind Wünsche etwas Positives und sollten gar nicht alle erfüllt sein. Trotzdem ist es sicher wichtig, die eigenen Wünsche zu hinterfragen. Wünsche können ihre Tücken haben:

Nicht alle Wünsche entspringen einem selber, viele sind dem Umfeld geschuldet, der Zeit oder sie sind Überreste von elterlichen Ermahnungen, die man so sehr verinnerlicht hat, dass man sie als eigene Wunschvorstellungen annimmt. Berufe, sportliche Karrieren, Prüfungsdruck – alles kann dem gefallen Wollen geschuldet sein und nicht dem eigenen Wollen. Die Erfüllung dieser Wünsche wird kaum eine tiefe Befriedigung hervorrufen, da die kurze Bestätigung von aussen, von denen, die den Wunsch eigentlich durch uns hindurch gelebt haben, schnell vorbei ist. Da das eigene Herz bei diesem Wunsch eher unbeteiligt war, vergeht auch die Befriedigung schnell.

Es gibt Wünsche, die hegt man zwar selber, sie sind trotz allen Wollens unrealistisch. Ich würde gerne einen Picasso malen (qualitativ), doch dazu wird es nie kommen. Ebenso wenig werde ich je den New Yorker Marathon gewinnen, werde keine Primaballerina und auf dem Klavier keinen Rachmaninov spielen. Bei den einen (sicher nicht sehr tiefen, aber durchaus vorhandenen) Wünschen fehlt es an Talent, bei den anderen an Disziplin und Leidensfähigkeit. Diese Wünsche entsprechen mir einfach nicht, da ich nicht der Mensch bin, diese Wünsche zu verwirklichen. Wenn ich mich nun darauf versteife, dass mein Lebensglück von solchen Wünschen abhängt, wird es ein von mir selber verursachtes Unglück sein, denn mit ein wenig Selbsterkenntnis könnte ich diese Wünsche als meiner Natur fremd abtun und mich auf mich selber und meine wirklichen Stärken im Leben besinnen. Das wäre überhaupt die beste Basis für gefühltes Glück.

Zu guter Letzt gibt es Wünsche, die schlicht nicht erfüllbar sind, weil die äusseren Faktoren nicht passen. Wünsche können aufgrund von Lebensumständen, Geld- oder Zeitmangel unerfüllbar sein und wohl auch bleiben. Die Villa am Zürichsee als allein selig machend wird das genaue Gegenteil sein: nichts als Unglück über mich bringend. Auch die neun Monate dauernde Weltreise oder die Auszeit auf den Malediven sind momentan eher unrealistisch, von Kronjuwelen oder George Clooney als Mann ganz zu schweigen.

So gesehen denke ich nicht, dass alle Wünsche unsere Fähigkeiten offenbaren, sie können aber helfen, uns besser kennen zu lernen, indem wir in uns hineinhorchen, wieso wir sie haben und ob sie für uns und jetzt realistisch sind. Unser Glück hängt selten von einzelnen Wünschen ab, selbst wenn wir das glauben. Viel mehr ergibt sich Glück dann, wenn wir mit dem, was ist, in Einklang leben können und das Leben so einrichten, dass es uns selber entspricht. Sich nicht verbiegen zu müssen und zu sich stehen zu können ist wohl das Grösste, was man im Leben erreichen kann. Das klingt auf den ersten Blick sehr einfach, ist es aber für viele bei Lichte betrachtet gar nicht – zu stark sind die Prägungen, Muster, (äusseren) Zwänge, welche in und auf uns wirken.

Perfektes Leben

Gaby ist einsam und schrecklich gemein, denn Klaus ist ein Schwein. Davon singen die Prinzen und viele erkennen sich wieder. Die als Schwein geouteten Kläuse finden das wohl ungerecht, da sie Gaby als höchst undankbar und sich selber als toll erachten. Die Gabys nicken zustimmend mit dem Kopf. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte, doch die ist weder spektakulär noch spannend und schon gar nicht prägnant in ein Lied zu verpacken. Schlussendlich steckt wohl ein wenig Wahrheit drin – in beiden Seiten.

Gaby lernt Klaus kennen und er ist einfach perfekt. Einfühlsam, sensibel, sieht gut aus, trägt sie auf Händen. Gaby fühlt sich am Ziel ihrer Träume. Sie heiraten, kriegen Kinder. Klaus hilft, wo er kann, nimmt ab, was er kann, ist da, wo er gebraucht wird. Gaby kann sich glücklich schätzen. Tut sie nicht. Ihr ist langweilig und Klaus ist ein Weichei. Gibt nie Paroli, steht nie hin. Wo ist da der Mann im Klaus? Der, welcher weiss, wo es lang geht?

Gaby lernt Klaus kennen und er ist einfach perfekt. Wilder Streuner, Wolf im Wald, Hecht im Teich. Gross, stark, beschützend steht er da und sie weiss: Neben dem bin ich nie mehr allein und klein, er wird immer neben, vor und hinter mir stehen und ich fühle mich geborgen. Klaus und Gaby heiraten, kriegen Kinder. Gaby könnte glücklich sein, ist sie nicht. Klaus wildert noch immer, ist gross und stark, aber nie da, grad mit Mann Sein beschäftigt.

Gaby steht da und sieht all das, was fehlt. Wo ist der Mann, der so perfekt war? Zurück bleibt nur, was noch zusätzlich gewünscht wäre. Und meist sieht Gaby dann einen Klaus, der genau das hat, was nun fehlt. Und sie findet diesen neuen Klaus so viel besser als den alten, der so mangelhaft ist. Sie fragt sich, wie sie je auf den alten reinfallen konnte und dass das Leben noch so viel mehr bereit hält als das, was sie gerad erlebt. Gaby hat nun zwei Möglichkeiten: Sie kann feige sein und bleiben oder aber ganz mutig und sich vom alten Klaus trennen, um zum neuen Klaus zu wechseln – oder zu einem, der genauso gut ist wie der.

Wir folgen der mutigen Gaby und sehen, wie sie den neuen Klaus wählt. Sie kommen zusammen und Gaby ist auf Wolke sieben. Alles, was sie vermisste ist da, sogar im Übermass. Sie geniesst diesen bislang nur ersehnten Segen und schwebt hoch und höher. Bis sie fällt. Denn nun fehlt plötzlich was anderes. Der alte Klaus hatte das gehabt, das war ihr gar nie aufgefallen. Logisch, es war ja immer da. Und langsam schwindet das Schweben ob der neu gefundenen Qualitäten und das nun neu Fehlende wird gross und grösser. Wolke um Wolke schwindet – von sieben auf sechs auf fünf auf vier auf drei, zwei, eins, bis Gaby unsanft auf dem Boden aufschlägt.

Moral von der Geschicht’? Alles haben kann man nicht. Neue Heilsversprechen wollen das zwar bestreiten und versprechen die allseligmachende Realität, wenn man ihnen nur folgt und schön dran glaubt (und genügend bezahlt, um wirklich dazuzugehören). Das reale Leben ist weder Ponyhof noch Schokoladenkiste. Es gilt, eine Entscheidung zu treffen, was man vom Leben wirklich will, was schön zu haben wäre und worauf man notfalls verzichten kann. Träumt Gaby also von einem Häuschen mit Familie, Hund und Urlaub in den Bergen, wird der draufgängerische Klaus von nebenan zwar sehr verlockend erscheinen, weil er so stark und selbstbewusst dasteht, aber auf Dauer wird er eher anstrengend und enttäuschend sein – Leidenschaft hin oder her. Und umgekehrt wird man als Revoluzzerin mit dem häuslichen und sicherheitsbewussten Klaus nicht das Paradies auf Erden finden, so verliebt und auf Händen tragend er auch ist.

Nun gibt es natürlich trotz alledem die unermüdlichen Optimisten, die noch an die grosse und alles erfüllende Liebe und das dazugehörige perfekte Leben mit all den erfüllten Träumen, Wünschen und Zielen glauben. Denen empfehle ich eine gute Backstube. Und wenn es klappt: Unbedingt patentieren. Ansonsten bleibt wohl nur hinzuschauen und zu sehen, was man hat. Meist ist es mehr, als man sich bewusst ist. Wir neigen wohl dazu, das, was ist, gering zu schätzen, weil das, was fehlt, unendlich grösser scheint im Gefühl des Mangels. Eigentlich schade.