Nina George – Nachgefragt

 GeorgeNinaNina George
Nina George wird am 30. August in Bielefeld geboren. Sie beginnt mit 14 Jahren im Service zu arbeiten, verlässt die Schule vor dem Abitur, um beim Männermagazin Penthouse eine journalistische Ausbildung zu absolvieren. Die Arbeit im Service behält sie bei, bis ein unverschämter Gast sie so in Rage bringt, dass ihr erstes Buch Gute Mädchen tun’s im Bett –  böse überall entsteht und unter dem Pseudonym Anne West veröffentlicht wird. Seit 1999 arbeitet Nina George als freie Journalistin und Schriftstellerin, schreibt sowohl unter ihrem Mädchennamen Romane um Themen wie die Liebe und das Leben, als Anne West Bücher zu Themen der Sexualität und Erotik, unter ihrem verheirateten Namen Nina Kramer Thriller sowie mit ihrem Mann unter dem Pseudonym Jean Bagnol einen Provencekrimi. Sie hat seit 1992 etwa 24 Romane, Krimis, Science-Thriller sowie ca. 90 Kurzgeschichten und über 500 Kolumnen veröffentlicht. Nina George ist mit dem Schriftsteller Jens „Jo“ Kramer verheiratet und lebt im Hamburger Grindelviertel. Von ihr erschienen sind unter anderem als Nina George Der Weg der Kriegerin (2003), Die Mondspielerin (2010), Das Lavendelzimmer (2013); als Anne West Gute Mädchen tun’s im Bett – böse überall (1998), Schmutzige Geschichten (2004), Sex für Könner (2009), als Nina Kramer Ein Leben ohne mich (2008). Im Oktober erscheint ihr neuer Roman  Commissaire Mazan und die Erben des Marquis, den sie mit ihrem Mann Jo Kramer unter dem Pseudeonym Jean Bagnol geschrieben hat.

Nina George hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Sie tat das auf eine erzählende, persönliche und authentische Weise, die einen  wunderbaren Einblick in ihr Schreiben und Denken gewährt.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin die Tochter eines ehemaligen Polizisten, der zu früh starb. Ich bin die Künstlerin, die sich selten so nennt. Ich bin die Moderne Fünfkämpferin, die aus dem Skilift fiel und Olympia im Schnee begraben hat. Ich bin die Nichtstudierte, die sich manchmal nach dem Hörsaal sehnt. Ich bin die, die sich selbst selten mit drei Worten beschreiben kann, außer mit solchen wie: „widersprüchlich, liebend, dual“. Ich habe das Gefühl, mehr als eine Biografie zu haben – eine politische, eine feministische, eine schreibende, eine mit vielen persönlichen Niederlagen, eine mit erstaunlichen Erfolgen; in jedem Fall aber eine ungerade.

Ich denke, ich würde, sofern ich mit 93 noch alle Latten am Zaun hätte, mich von Buch zu Buch, von Mann zu Mann, von Schub zu Schub vortasten, um mein Leben zu erzählen; vor allem aber möchte ich die Dinge erzählen, die eine Wendezeit einleiteten. Tod, Schmerz, Liebe – und die Augenblicke, in denen ich einfach ins Ungewisse sprang.

Ich glaube, zum Schluss wäre es eine Geschichte darüber, was ich alles ausprobiert habe, um am Ende des Lebens nicht zu hadern: Warum habe ich es nicht einfach getan?

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe, glaube ich, schon hundert Mal auf diese Frage geantwortet – und suche immer noch nach DER Antwort. Sie verändert sich von Jahr zu Jahr, so, als ob ich erst mit dem Schreiben erfahre, warum zum Teufel ich diesen Beruf gewählt habe. Und nicht einen, der mit weniger Kränkung, Risiko, Geschmacksauseinandersetzungen und Gefühlsuntiefen behaftet ist.

Ich schreibe – unter anderem – weil ich zu viel fühle. Ich nehme Menschen überdeutlich wahr und muss irgendwohin damit. Ihre Trauer, ihren Witz, ihre Hoffnungen, ihr Ins-Leben-geworfen-Sein. Wenn ich von ihnen erzähle, geht es mir besser.

Ich schreibe, weil ich so gern Geschichten erzähle, die trösten, amüsieren, Mut machen. Ich wollte einst die Welt retten, so rette ich vielleicht die eine oder andere Stunde.

Ich schreibe, weil ich gern in den Abendstunden und noch lieber allein arbeite, mir aber ein Job als Concierge im Hotel nur als drittbeste Idee vorkam.

Ich schreibe, weil ich es bereits die längste Zeit meines Lebens tue (21 Jahre von bald 40) und da nicht mehr rauskomme. Ich bin es gewohnt.

Ich schreibe, weil ich dann ständig etwas Neues sehen, erleben, erfahren und davon berichten kann.

Ich schreibe auch, weil Journalistin, Reporterin zu sein, sich so anfühlte, als packte ich die Welt fest mit beiden Händen und als erstickte ich nicht in der Beschränktheit meines Horizonts.

Ich schreibe, weil ich dann mehr Leben als nur meines lebe.

Und weil Stephen King und John Irving so unendlich saucool sind.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich unterscheide gern zwischen kreativem Schreiben und professionellem, sprich: erzählendem, fiktionalem, durchdachtem, überarbeitetem Schreiben.

Bei dem ersteren geht es um den Entwicklungsanschub, um die Fähigkeit, aus dem Gebrauchsschreiben heraus zu kommen, seine emotionale, empathische, kreativ-chaotische Seite zu entdecken und in Schwung zu bringen. Das ist wudnerbar, um sich „zu befreien“ und zu entdecken, ob man in sich eine Wortliebe, eine Fabulierlust, ein unentdecktes Feld von Eindrücken, Beobachtungen und Themen besitzt, die man schreibend ausdrücken will. Anstatt sie beispielsweise zu tanzen, zu malen oder in Frickeleien an Sandkunstwerken auszuleben.

Aber um Schreiben als Beruf auszuüben, muss das Handwerk gelernt werden. Niemanden befällt die Muse und er oder sie „weiß“ auf einmal ganz geschmeidig, wie das geht mit der Dramaturgie, der Figurenentwicklung, dem Aufbau von Spannung, der Wirkung von langen Sätzen im Gegenteil zu den kurzen.

Mit 19 gelang mir aufgrund meiner Einsendung einer sehr kraftvollen, sehr wütenden Kurzgeschichte an ein gewisses Magazin meine erste Veröffentlichung. Die Redaktion bildete mich später knapp drei Jahre (bis 1995) aus, danach arbeitete ich – seit 1999 frei – als Redakteurin, Reporterin, Interviewerin für Tageszeitungen und Zeitschriften.

Ich bin es durch den journalistischen Weg gewohnt, das Schreibhandwerk als solches zu betrachten. Ich beschäftigte mich im Laufe der letzten Jahre mehr und mehr mit Techniken, Instrumenten, Kniffen und Ansichten über das fiktionale Erzählen; außerdem entwickelte ich parallel dazu „meine“ Themen, meine Stimme und meinen Stil.

Noch heute kann ich an keinem Buch vorbei gehen, das mir etwas über das Schreiben erzählt, ohne nicht zumindest rein zu schauen.

Und ich lese jeden Roman, jedes Essay, jede Glosse, zweimal: einmal mit Genuss, und einmal mit dem analytischen Blick: Wie hat sie das gemacht? Wie hat er das hingekriegt?

Heute weiß ich, dass das professionelle Schreiben aus fünf Elementen besteht.

Talent, um sich überhaupt dafür zu interessieren. Disziplin und Zähigkeit, um das Langwierige daran auszuhalten. Resilienz, um nach Rückschlägen, Niederlagen, Ablehnungen oder Kritik wieder aufzustehen. Eine „Erzählreife“. Ja, ein gewisses Lebensalter. Um nicht nur etwas erlebt zu haben, sondern auch, um es durchdacht, durchfühlt zu haben; die wirklich interessanten Dinge habe ich persönlich zum Beispiel erst zu erzählen, seitdem ich rascher auf die Vierzig zuschreite.

Und letztlich: Eine sichere Handhabe der eigenen Schreibe, die, wenn man es zusammen zählt, um siebzig bis hundert größere Fertigkeiten und kleinere Taschenspielertricks umfasst. Von Metaebene bis Wortwitz.

Fragen Sie mich noch mal nächstes Jahr, dann weiß ich schon wieder etwas anderes – oft ist es so, dass der Schriftsteller das, was er Montags konnte, am Mittwoch schon nicht mehr beherrscht. Und was er am Donnerstag nicht probiert, Freitag schon nicht mehr weiß.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich habe zwei getrennte Schreibleben; das journalistische und das belletristische. Das erstere ist termingebunden, konzepttreu und so dienstleistungstauglich, dass ich es in jeder Gemütslage überall tun kann. Ich habe „ständige Konstrukte“ im Kopf, wie ich was erzählen kann – als Glosse, als Märchen, als These, als Report, als Reißer oder als Story, die vor allem durch ihre schmackhaften Wörter wirkt.

Bei dem belletristischen Weg heißt es im ersten Wurf: zwei Drittel nachdenken und durchfühlen und ein Drittel der Zeit schreiben.

Ich konstruiere und schaffe die Figuren, ich denke solange über ihre Biografien, Verhältnisse und Aufgaben untereinander nach, bis es stimmt. Das kann Monate dauern, manchmal Jahre.

Ich zurre das „Metathema“ jedes Romans vorher ganz, ganz fest – erst, wenn ich mit einem einzigen Satz (bestehend aus nicht mehr als 10, 15 Wörtern ) ausdrücken kann, worum zum Teufel es in der Geschichte wirklich geht – erst dann beginne ich.

Geht es darum, den Platz im eigenen Leben zu finden?

Geht es darum, nach dem Tod der Liebe wieder Mut für ein zweites Mal lieben zu sammeln?

Geht es um die Kleinheit in der großen Welt?

Geht es darum, dass auch Rache nicht tröstet?

Wenn ich dieses unsichtbare Rückgrat nicht habe – und wenn ich nicht das Ende weiß – fange ich erst gar nicht an.

Denn an diesem unsichtbaren Rückgrat mit dem Ende als Anker orientieren sich der Hauptplot und die Nebenstränge, die Wortwahl und die Stilebenen, der Humor und das Tempo.

Im zweiten Wurf folgt das Überarbeiten (und das Buch zur Hälfte neu schreiben).

Im dritten kürzen, umstellen und schleifen. Und zweifeln. Und heulen. Und den Laptop aus dem Fenster werfen und mich am liebsten gleich hinterher.

Ich denke, Nachdenken, Zweifeln und Überarbeitung sind die größten Blöcke, das Schreiben dazwischen ein ewiger Versuch.

Wann und wo schreiben Sie?

Täglich in zwei Schichten, die erste (journalistische) nach der Korrespondenz am Morgen, die zweite Schicht von 17 bis 23 Uhr. Mal am Küchentisch, wie jetzt, mal im Wohnzimmer am Esstisch, mal im Arbeitszimmer. Oft auf Reisen und in Schreib-Exilen, auch dort vorwiegend an Esstischen.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Nein. Ja. Weiß nicht.

Das sind Antworten, in die ich Jahr für Jahr anders hinein lebe.

Ich bin immer auf Empfang, auch wenn ich träume, es gibt keine Grenzen zwischen Sein und darüber Schreiben. Ständig geschieht die Welt, vom Tahirplatz bis zum Streit meiner Nachbarn.

Andererseits sind Pausen extrem wichtig und nötig, weil das Schreiben, das Fühlen, das sich für Themen so intensiv interessieren bis man taub und blind für anderes ist, auch wund macht. Zudem braucht es für das Denken dringend die Zeiten, in denen man einfach nix tut, sondern auf das Meer starrt und im Kopf auf Sommerpause stellt. Man muss manchmal leer sein, um sich wieder zu füllen.

Ich erhole mich vom Schreiben vermutlich beim Lesen, es sei denn, das, was ich lese, ist so wunderbar, dass ich sofort wieder Lust zu schreiben habe! Das passiert mir bei Anna Gavalda zum Beispiel ständig. Oder bei Irene Nemirowsky.

Ich schwimme, ich starre aufs Meer, ich koche, ich atme, ich zähle die Wiederholungen beim Rückentraining.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Ich kämpfe mit Bandscheibenvorfällen, E-Bookpiraten, unverschämten Vertragsbedingungen, Selbstzweifeln, eingeschlafenen Händen, unterkühlten Füßen, Wutanfällen, Selbstmordgedanken, Eitelkeiten, Todesangst („lebe ich lang genug, um alles zu erzählen was wichtig ist?“), Faulheitsattacken, Krea-Tiefs ohne auch nur einen einzigen zündenden Einfall. Ich kämpfe mit mir und gegen mich, gegen Vorurteile über das schreibende Leben, ich kämpfe um jeden Cent. Ich freue mich, wenn ich LeserInnen berühre, tröste und zum Lachen bringe, wenn ich Mut mache und wenn ich verstanden werden. Ich freue mich, wenn ich genug Geld gespart habe, um eine Reise zu machen. Ich freue mich, wenn ich mein Buch im Schaufenster sehe oder mir jemand sagt, er habe Sätze darin unterstrichen. Ich bin dann so verlegen und diese Verlegenheit ist unfassbar grandios.

Was es für mich bedeutet? Es ist nicht so, dass „Autorin sein“, gar „Bestsellerautorin“, ständig durch den Tag mitschwebt. Meist merke ich nicht mal, dass ich Autorin, Schriftstellerin bin; ich tue es und gut. Es ist ein bisschen wie mit der Liebe: Ich kann es nicht erklären, warum mir mein Beruf so nah, so wichtig, so überlebensnotwendig ist. Ich vermute, ich bin am meisten ich, wenn ich schreibe. Sonst gehe ich verloren, wenn ich keine Wörter und Buchstaben habe, die mich halten.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

„Plötzlich“ geht da nur selten etwas. Ich habe inzwischen sieben Romane geschrieben, und bei jedem gab es einen eigenen Weg, einen eigenen Auslöser und ein eigenes Tempo, wie sich daraus eine ganze, tragende Story über 300 oder mehr Seiten entwickelte.

Mal eine Beobachtung in einem Café: fünf angesäuselte Rentner am Montagmittag in der Bretagne (Die Mondspielerin). Mal eine bekloppte Frühlingsdiät-Anzeige: „Fünf Kilo weniger in drei Tagen: so geht’s!“ (Wie der Teufel es will). Mal eine Zeitungsmeldung auf der letzten Seite unter „Vermischtes“: 52-Jährige Italienerin bringt gesunden Sohn zur Welt – künstlich befruchtetes Ei war zwölf Jahre tiefgefroren (Ein Leben ohne mich, ein Thriller über den Handel mit Sperma und Eiern, unter Nina Kramer). Mal ein Büchlein von Kästner: Die lyrische Hausapotheke (So enstand das Bücherschiff von Perdu in Das Lavendelzimmer). Mal eine Katze, die in einem provencalischen Fünf-Sterne-Hotel höchst elegant eine Thunfischpastete stahl (der Auslöser für den Provencethriller Commissaire Mazan und die Erben des Marquis, den ich mit meinem Mann Jo Kramer gemeinsam unter dem Pseudonym Jean Bagnol schrieb).

Wenn eine Idee trägt, dann ist sie haltbar, über Tage, Wochen, Monate. Wenn sie einfach nur „schön“ ist, aber leider kein Potential hat, sich weiter zu entfalten, vergeht sie von selbst.

Manchmal sind Ideen wie Türen zu Zimmern und Fluren: Bei manchen, oft den funkelhübschen Toren, lande ich nach wenigen Seiten in der Abstellkammer, wenn ich sie weiter verfolge. Bei anderen Ideen, den oft auf den ersten Blick unscheinbaren wie eine Pressspantür, lande ich auf einmal in einem großartigen, weitläufigen Garten mit Schloss, Pool und angeschlossenem Minotaurus-Labyrinth. Wunderbar.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Vorsichtig optimistisch. Als Wortaktivistin empfinde ich die digitale Literaturwelt als enormes, grandioses Spiel- und Entwicklungsfeld.

Die Möglichkeit, sich selbst mit wenigen technischen Hürden und relativ wenig monetärem Einsatz selbst zu publizieren, rettet all die AutorInnen, die vorher viel zu viel Geld den Pseudoverlagen und Druckkostenzuschuss-Verlagen in den gierigen Schlund gestopft haben. Wer nicht weiß, was genau ich damit meine, schaut bitte einmal hier vorbei: http://www.aktionsbuendnis-faire-verlage.com/web/

Ansonsten gibt es, wie immer im Leben, zwei bis tausend Seiten dieser literaturtechnischen Entwicklung. Es ist erlaubt, mehrere Perspektiven zu haben.

Die kritische: Natürlich wird es viel Banales, Schrottiges, Langweiliges, Eitles, Sperriges, Unlesbares oder sogar frech zusammen Kopiertes (Gercke-Gate) und Nachgeahmtes (Shades of Schlag mich die siebenundzwanzigste) unter den rund 200.000 selbstpublizierten deutschsprachigen E-Books geben.

Sich als LeserIn da durchzusuchen, womöglich Zeit und Geld zu verschwenden, ist ärgerlich und trägt nicht gerade zum Ruf der SP-AutorInnen bei.

Die handwerkliche: Als digitale SP-AutorIn ist man der Frage ausgesetzt: Was selber machen? Was sein lassen? Es ist ja nicht nur Schreiben und Hochladen; die Leistungen eines Verlages sollte man nicht unterschätzen.

Lektorat, Korrektorat, Cover, Schriftbild, Reklame, Vertrieb, Vertrieb, Vertrieb; Abrechnung, Lizenzmodelle – was von dem muss sein, was kann sein, was ist zu vernachlässigen? Welcher Leserschaft reicht das, was ich ohne größeren Aufwand zu bieten habe, wie kalkuliere ich mein 1,99-Euro-Werk, könnte ich davon textliche Verbesserungen bezahlen, z.B. einen LektorIn für rund 2000 Euro oder wenigstens ein anständiges Korrekturprogramm für 300? Kann ich es mir leisten, in Vorleistung zu gehen, ohne Vorschuss, und mir ein „Zubrot“ verdienen, lohnen sich Aufwand und Ergebnis?

Und wie erreiche ich all die Leute (und vor allem die 20 Prozent VielleserInnen!!), die lieber noch auf Papier lesen? Wie gehe ich damit um, dass am Ende des Monats die Rückgaben der E-Books reinkommen? Wie wehre ich mich gegen Plagiate, gegen E-Book-Piraterie? Denn leider machen die Portale nicht vor SP-KollegInnen halt, was ich persönlich noch gemeiner finde: Da stellt sich jemand auf eigene Füße, ohne Verlag, und wird dann frech von Leutchen beklaut, die ihr Tun damit rechtfertigen, der pösen pösen „Content-Mafia“ die Geschäftsgrundlagen entziehen zu wollen. Aber dann bei Indies klauen?!

Die befürwortende: Nicht jede/r SP-AutorIn ist ein von renommierten Verlagen aufgrund von mangelnder Qualität oder Lektoratsresistenz abgelehnter Autor. Die Qindie-Bewegung etwa setzt sich vehement für Qualitätsbewusstsein ein. Und so mancher etablierte Autor versucht, seine Backlist zu pflegen oder mal eine neue Idee, ein neues Genre, per SP auszuprobieren.

Die literatur-künstlerische: SP und digitale Echtzeitveröffentlichung ermöglichen das Erkunden von neuen Genres, eröffnen neue, dynamische äußere Formen des Erzählens. E-Books mit Bildern, Musik oder Links, Twitterstories, Handyromane, digitale Miniaturen, interaktives Erzählen, Fanfiction, Crossover-Projekte, Figuren „besuchen“ andere Romane, kollektives Erzählen in Echtzeit, Probelesen, Protagonisten mit eigenem Facebookprofil, flexible Kommunikationsmöglichkeiten mit den AutorInnen, Brainpools, Fishbowls, Titelgeneratoren … es ist immer gut, wenn Literatur in Bewegung bleibt. Das heißt nicht, dass das Neue besser ist – es ist erst mal nur „anders“.

Gerade wir SchriftstellerInnen haben eine (künstlerische, politische) Verpflichtung, unsere Wahrnehmung dicht am Leben zu haben, auch an den Veränderungen, die unsere eigene Lebenswelt betrifft.

Das Wort ist unsterblich, egal mit welchem Trägermedium es daher kommt – gesungen, in Marmor gemeißelt oder über Satellit aufs Streicheltablet übertragen.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel Nina George steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ich bin zu 100 Prozent in allen Geschichten – und nirgends ist etwas aus meiner Biografie.

Geht das? Das geht! Natürlich filtert sich das, was ich erzähle, durch meine Gefühls- und Wissenswelt hindurch, sonst wäre es ja einfach nur abgeschrieben, stimmlos, beliebig.

Aber andererseits habe ich als Nina nichts in den Stories zu suchen. Die Figuren haben eine eigene Persönlichkeit, ihre Lebensstationen haben mit meinen nichts gemein und ich habe nicht vor, meine Erzählungen als Friedhof enttäuschter Eitelkeit oder gar als Flaschenpost meiner „Weisheiten“ zu benutzen. Dieses „Was will die Autorin uns damit sagen?“ hat mich als Schülerin schon abgestoßen. Muss der Autor denn immer „was zu sagen“ haben? Kann er nicht einfach mal erzählen, was andere zu sagen haben, oder vom Alltag befreien? Muss er denn immer eine Botschaft haben?

Manchmal ist ein Hauch Echo zu verspüren; doch ob ich in Jean bin oder er in mir? Ich hatte eine Zeit, in der ich wie diese Figur keine Musik hörte, nicht sang, nicht Klavier spielte, und weinend zusammen brach, wenn mich jemand umarmte. Ich hütete mich vor jedem sinnlichen Eindruck, der meine Schutzhülle durchbrechen konnte, die ich aber brauchte, um zu überleben. Das war in den zwei Jahren nach dem zu plötzlichen Tod meines Vaters.

Und es gab auch eine Regung von Marianne, der Mondspielerin, die ich teilte mit Mitte, Ende Zwanzig: Das Gefühl, an der Seite eines ich-bezogenen Mannes gefangen zu sein, der mich niemals mit Koseworten umwerben würde, und an seiner Seite lebendig zu verenden.

Ihre letzten beiden Romane, Das Lavendelzimmer und Die Mondspielerin, handeln beide von unglücklicher Liebe, von Flucht vor dem eigenen Leben und den eigenen Gefühlen, aber auch davon, sich dem Leben (wieder) zu stellen. Wieso haben Sie sich den Geschichten nach dem sogenannten Happy End gewidmet?

Weil das Happy End im Leben nicht vorkommt.

Sie schreiben unter verschiedenen Pseudonymen zu verschiedenen Themen und in verschiedenen Genres. Wie kam es zu dieser Vielfalt? Dürfen wir auf eine multiple Persönlichkeit schliessen? Gibt es ein Lieblingsfach oder ist es immer das aktuelle?

Viefalt empfinde ich als zutiefst menschlich. Wir alle haben ja einen Hang zu mehr als nur einem Lebensthema; und es interessiert mich einfach wahnsinnig vieles. Alles! Und jedes Thema will auf „seine“ Art erzählt werden. Wenn ich über das Klassensystem Frankreichs erzählen will, kann ich das im Krimi spannender als innerhalb eines Beziehungsdramas. Wenn ich über die Macht der Bücher schreiben will, wähle ich den „Entwicklungsroman“, die Queste, in der mein moderner Odysseus, in dem Fall Jean Perdu, sich selbst auf den realen Flüssen und an den virtuellen Meeren von Wörtern sucht. Und wenn ich über die Psychologie der Anziehung oder von der verqueren Erotik von Beziehungsdesastern schreiben will, wähle ich mein Alter Ego Anne West. Es ist alles aus einem Kopf, nur schiebe ich mal die eine, mal die andere Facette mehr nach vorne.

Ihr Mann schreibt auch. Überwiegt der Komfort des sich verstanden Fühlens dadurch, dass der andere die eigene Welt kennt oder kommen sie sich eher in die Quere, weil beide immer wieder in anderen (fiktiven) Welten unterwegs sind?  Wie steht es mit dem Wettbewerb? Vergleichen sie?

Es überwiegt die tiefe Dankbarkeit, verstanden zu sein. Man ist ja sehr asozial in der Hochproduktionsphase eines Romans. Fixiert auf die Figuren, gefangen in der Stimmung und Gemütswelt, versunken in Recherche und zu Tageszeiten am Computer gefesselt, wo andere Menschen gern Freunde treffen, Essen gehen oder ins Kino.

Ich mag es zum Beispiel überhaupt nicht, mich während der Schreibphasen – mehrere Wochen bis Monate – mit echten Menschen treffen zu müssen. Oder nur mit ihnen zu telefonieren, aus meinem „Denkarium“ heraus kommen zu müssen, aus dieser ganz bestimmten Denkfühlschöpfungskonzentration.

Natürlich vergleichen mein Mann und ich uns, es wäre verrückt, nicht hinzuschauen, was der andere tut. Wir erzählen einander immer von unseren Figuren, was die gerade so vorhaben, oder besprechen uns, wenn es bei einem von beiden hakt, er sich in einer Abstellkammer befindet (siehe oben) oder ihm die Ideen davon galoppieren und er nicht weiß, welche er einfangen, welche er ziehen lassen soll. Mit Jo zusammen zu plotten ist ein fast schon erotischer Genuss, und als Scriptdoctor und Motivator ist er mir näher als jeder andere Mensch. Und ich ihm.

Viele Autoren heute und auch in der Vergangenheit haben sich politisch geäussert. Hat ein Autor einen politischen Auftrag in Ihren Augen?

Wenn er sich dem gewachsen fühlt, ja. Aber eine Zwangsbeglückung der LeserInnen durch politische Mahnungen muss nicht unbedingt sein. In der Literaturwelt sollte Platz für alles sein: für die Politik und für die Unterhaltung. Ein Autor, eine Autorin, MUSS nicht politisch sein, um etwas zu sagen zu haben – und, auf der anderen Seite, darf der Autor sich auch nicht als „besser“ empfinden, wenn er den erhobenen Zeigefinger durch seine Elaborate durchschimmern lässt.

Diese Arroganz der Berufsmahner ist mitunter etwas peinlich, wenn sie auf ihre unterhaltenden KollegInnen herunter schauen und nicht begreifen, dass Belehrung auch amüsant, emotional und spannungsreich sein darf.

Man darf aber eines nie vergessen: Oft haben erst die Ausdrucksmöglichkeiten durch die Schrift, durch Bücher Regierungen gestürzt, Missstände aufgezeigt und Freiheit errungen. AutorInnen sind bis heute für ihren Mut, die Wahrheit zu sagen, in Gefängnissen weggesperrt, in Exilen, sie werden verfolgt, ermordet und in Misskredit gebracht.

Weit jenseits von Eitelkeit, Fanfiction und Forbes-Einkommenslisten ist Literatur ein Instrument der Rebellion und der Aufklärung.

Wenn man sich in dieser Tradition sieht, verändert sich automatisch auch die Schreibe, die Haltung und das Selbstverständnis.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss gut riechen. Es muss eine U4 (Rückseite, Umschlaggseite Vier) besitzen, die nicht mit dem üblichen U4-Text-Generator geschrieben wurde, ein Thema haben, das mich interessiert, wobei ich oft überrascht bin, was mich alles interessiert. Zuletzt habe ich ein Buch über eine Sandbank vor Ostfriesland gekauft, davor ein Buch über Synästhesie, und davor einen Krimi, der in den 80er Jahren im schwulen Polizeimilieu spielt. Ich mag es außerdem, die Romane meiner Krimi- und Liebesroman-KollegInnen zu lesen, damit ich weiß, was sie beschäftigt und wie sie die Welt sehen.

Ich mache oft den Aufschlagtest: Das Buch nehmen, auf einer beliebigen Seite aufschlagen und die Seite lesen. Wenn es dort nichts gibt, was mich spontan irritiert oder nervt (wie zu viele Adverbien, Adjektive, verbrauchte Metaphern oder die Unart, keine Satzzeichen zu benutzen und auf Dialoge zu verzichten), dann hat es gute Chancen, mit mir sein weiteres Leben zu verbringen.

Zudem muss die Sprache stimmen, der Erzählrhythmus muss „schwingen“. Es darf gern verrückt sein, ich mag keine Geschichten, die brav in ihren Formaten bleiben. Je non-genriger ein Buch, desto besser. Es wird eh Zeit, dass wir uns mal aus den Formatschubladen befreien.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Stephen King – Mark Helprin – Dominqiue Manotti – John Irving – Frederick Forsyth – Harold Robbins – Anais Nin – Simone de Beauvoir – Enid Blyton – Elizabeth George – Andrea Camilieri – Elizabeth Dunkel – Anka Radakovich – George R. R. Martin – Asterix & Obelix – Erika Fuchs – Johannes Mario Simmel – Rilke, Lessing und Else Lakser-Schüler – und die Franzosen, die Engländer, die Russen, die griechischen Sagen und Legenden, die Bibel, Gilgamesch und Talmud, John Lassiter und Charles Bukowski, Virginia Woolf und die Herzblattgeschichten in der FAS – ach, verdammt, jedes der bisher rund achttausend Bücher die ich las, die abertausende Zeitungsartikel, haben mich geprägt, verändert, verbessert, ermutigt, sind meine Lebensbegleiter gewesen. Mal nur eine Affäre, mal eine tiefe Liebe, und manchmal auch eine Freundschaft / Feindschaft auf Zeit.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

1)   Es geht nie um dich. Es geht immer um die Geschichte.

2)   Besorg dir jede Menge Schreibratgeber, besuche Seminare, tausche dich in Foren über Tricks, Kniffe und gute Literatur-Agenturen aus, und übe. Schreiben wird besser, je öfter man es tut.

3)   Lies. Lies so viele Stunden wie du schreibst. Und umgekehrt. Wer kein guter Leser ist, wird kein guter Schreiber. Besorg dir einen Bibliothekspass.

4)   Such dir deine Kritiker während des Schaffensprozesses sorgfältig aus. Wenn möglich liebevolle Menschen, die sich mit dem Schreibgewerbe auskennen, oder selbst schon mal professionell geschrieben haben, oder solche, denen du zutraust, dass sie nicht nur geschmäcklerisch urteilen, sondern handfest: „da sind Längen, die Figur ist noch nicht ganz „da“, und hier ist der Dialog etwas hölzern.“

5)   Schreib was du willst. Nicht, was angeblich Trend ist, Trend wird oder Trend sein sollte, noch was andere meinen, was du schreiben kannst, musst oder solltest, um ihnen, dem Feuilleton oder deiner Mama zu gefallen. Schreib, was du willst, und such dein ganzes Leben lang so genau wie möglich danach, immer wieder, und frag dich das auch zwischendurch: Will ich das wirklich schreiben, was ich da gerade schreibe? Wenn nicht: Lösch es und fang noch mal an.

Ich möchte mich ganz herzlich bei Nina George bedanken!

1 Comment

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  1. Manchmal findet man ja etwas, was man gar nicht gesucht hat – und dann ist es genau das, was einen bereichert. So geht es mir mit Nina Georges Büchern. Ich muss eingestehen, dass ich mit dem Lavendelzimmer nicht sofort ‚befreundschaftet‘ war – zu sehr hat Perdu mich anfangs angestrengt. Aber da sind wir ja eigentlich mittendrin in meinem ersten Kompliment dieser Art. Nun habe ich mich letztendlich doch noch angefreundet und lese siether ‚in einem Rutsch‘ durch. Verliere mich in Gedanken, in Sätzen und Gefühlen. Das obige Interview finde ich ebenfalls außergewöhnlich. Hoffentlich macht es überhaupt einen winzigen Sinn, so nachzüglerhaft profane Lobhudeleien zu formulieren. Aber was ist Freude, wenn man sie nicht teilt? Ich bin jedenfalls und immer wieder dankbar, wenn mir Menschen begegnen, die so schreiben, wie Sie liebe Nina. There is no perfect life, but we fill it with perfect moments… Die hatte/ habe ich mit Ihnen. Danke dafür. Aber ich muss jetzt leider weiterlesen, die Mondspielerin wartet… 😉

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