Jetzt

Wenn du jemanden liebst – sag es ihm. Wenn du jemanden sehen willst – geh zu ihm. Wenn du etwas zu klären hast – tu es. Es könnte sein, dass plötzlich der Tag kommt und es ist nicht mehr möglich, etwas zu sagen, hinzugehen, etwas zu tun. Wie würde sich das anfühlen?

Fehler im Leben

Ein weiser älterer Mann sagte mir heute:

Du darfst Fehler machen, aber du solltest nie denselben Fehler zweimal machen.

Ich fand den Spruch gut, nickte. Ein paar Stunden später dreht der Kopf. Wann weiss ich, was ein Fehler ist und was nicht? Können zwei Situationen gleich aussehen, sind es aber nicht? Definiert nicht erst das, was kommt eine heutige Entscheidung als richtig oder falsch? Frei nach Kierkegaard:

Das Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden.

Das Leben führt uns immer wieder in ähnliche Situationen. Wir gehen Beziehungen ein, haben Arbeitsstellen, pflegen Freundschaften. Alle diese Lebensumstände bringen gute und schwierige Zeiten mit sich, machen es nötig, ab und an Entscheidungen zu treffen für oder gegen etwas oder gar für oder gegen jemanden. Wenn ich nun einmal gegen jemanden entscheide, später in eine ähnliche Situation käme, die wieder eine Entscheidung forderte – wäre ein Entscheid dagegen der gleiche Fehler zum zweiten Mal? Oder ist es ein neuer Fehler, den ich nur aufgrund meiner Tendenz, im Leben immer einen Sinn und einen Zusammenhang zu suchen, als gleichen Fehler deklariere?

So gesehen wäre der Ausspruch, dass man aus Geschichte lernen sollte, falsch, da unmöglich. Jede neue Situation fordert ihre situative Entscheidung, die Geschichte mag zwar immer wieder ähnliche Situationen aufbringen, gleich sind sie nie – und die Folgen sind selten dieselben, selbst wenn man alles genau gleich macht. Dies hat den Grund darin, dass nie nur etwas für Folgen verantwortlich ist, sondern ein Zusammenspiel von vielen verschiedenen Faktoren. Die Entscheidung selber ist also stets nur ein Faktor.

Hatte der weise ältere Mann also nicht recht mit seinem Ausspruch? Vielleicht lässt sich der Ausspruch nicht eins zu eins umsetzen, aber er zeigt auf, dass man, wenn man in eine Situation kommt, besser mal zurück denkt, ob man Vergleichsfälle hat, wie man dann handelte und was dabei rauskommt. Zwar gibt einem niemand die Gewissheit, dass es dieses Mal gleich ist, es regt einen aber zum Abwägen an, lässt einen innehalten, die Situation noch einmal genau betrachten, die verschiedenen Wege noch einmal im Geiste beschreiten und mögliche Folgen bewerten. So gewappnet lässt sich dann eine überlegtere Entscheidung treffen, als man sie vielleicht aus dem hohlen Bauch oder auf die Schnelle getroffen hätte. Ob dann alles gut kommt oder nicht, weiss man nie vorher, allerdings hat man nach bestem Wissen und Gewissen entschieden und sollte der Entscheid später Folgen haben, die man lieber vermieden hat, kann man sich immer sagen, dass man es zum Zeitpunkt des Entscheids nicht wusste, was man nun weiss.

Und wer weiss: Ab und an haben Fehler, die man sich einst vorwarf, im noch späteren Nachhinein etwas Gutes gehabt. Auch das wäre möglich.

Brot und Spiele

Ich mag keine halben Sachen. Alles oder nichts heisst die Devise. Wieso mich mit halben Sachen zufrieden geben, wenn ich alles haben könnte? Und wenn ich nicht alles haben kann, wieso die Brosamen nehmen, die jemand bereit ist, mir hinzuwerfen?

Hab ich es nötig? Bin ich nicht mehr wert? Was denkt der andere, der denkt, ich könnte damit zufrieden sein? Schätzt er mich so gering? Sich so gross? Wie hoch schätze ich mich, wenn ich das Angebot annehme? Die Brosamen schlucke? Denke ich nicht, ich habe eh nichts Besseres verdient? Bin ich schon so enttäuscht vom Leben, dass ich denke, es kommt sowieso nichts Besseres mehr nach? Ist der Hunger so gross, dass selbst ein Krümel besser scheint als gar nichts? Erachte ich den Anspruch, alles haben zu wollen, als zu hoch? Wieso?

Es ist schon so, alles ist kaum möglich. Alles, was ist, hat einen Preis und der Preis zieht sich von allem ab. Damit ist das Alles zwar nie 100% in allen Belangen, es ist aber 100% in dem Bereich, indem man es eingeht. Die Abzüge sind meist an anderen Orten. So kann man das Leben schlussendlich mathematisch aufschlüsseln. Die Romantiker unter uns mögen das grausam prosaisch schelten, allerdings steckt ein Stück Wahrheit drin und wenn diese hilft, den eigenen Wert zu bemessen – den, den wir uns selber geben und den, den uns andere zugestehen -, dann hat selbst die schnöde Mathematik ganz viel Gutes geleistet in unserem Leben.

Denn: Wenn wir uns nicht mehr wert sind als ein paar Krümel, werden wir auch nie mehr als das erhalten. Wir werden immer hungrig nach ihnen ausschauen und sie aufpicken, wenn wir sie sehen. Wenn wir sie ausschlagen (und dabei zu hören kriegen, wie lecker sie doch wären und wir sollen uns nicht so haben und uns den Genuss nicht versagen), weil wir wissen, dass wir ein ganzes Brot wert sind, wird das Brot kommen. Vielleicht in einer Form, an die wir heute nicht mal denken – aber es kommt. Dazu ist es aber dringend nötig, dass wir unseren eigenen Wert erkennen und uns nicht drunter verkaufen. Denn: Krümel können noch so viele kommen, satt machen sie nie, nur noch hungriger. Durch das ständige Naschen an ihnen werden wir aber das Brot übersehen, das sich uns anbieten könnte.

„Was wäre wenn“ und „wenn dann mal“

Wie oft verstricken wir uns in Gedankenspielereien, in denen wir uns ausmalen, wie unser Leben sein könnte, wenn es wäre, wie wir es gerne hätten. Wir benutzen die ganze Palette an bunten Farben, zeichnen jedes Detail genau, sehen es bildlich vor uns und schwelgen in sehnsuchtsvoller Freude ob des Gesehenen. Selber sitzen wir in einem Leben, das dem eben gemalten Bild kaum entspricht, oft sogar diametral davon verschieden ist.

Wir haben Gründe, Ausreden, Argumente, wieso nicht ist, was schön wäre. Wir sehen uns überall behindert, eingeengt, unfrei, zu erfüllen, wovon wir träumen. Und wenn der Druck der Fesseln zu gross wird, flüchten wir wieder in ein „Was wäre wenn“. Und malen bunt statt dem täglichen Einerlei und Grau zu erliegen.

Darauf angesprochen, wieso wir nicht tun, was wir gerne täten, fallen uns viele Dinge ein. Wir würden es sofort tun, wenn nur denn mal dies und das anders wäre. Wenn wir älter, freier, reicher, mutiger, schlänker, was auch immer wären, dann würden wir es tun. Dann wäre das, was wäre wenn, das erste, was ist – aber eben: Erst müsste eben… und wenn denn dann sei, dann wäre auch…

Und so gehen die Jahre vorüber, es ändert sich selten viel, die Träumereien bleiben, die Fesseln ebenso. Darauf angesprochen heisst es nur immer wieder: Ich würde ja schon gerne, aber ich kann halt nicht. Was meist eine Ausrede ist, denn meist könnte man schon, aber man will schlicht nicht wirklich, weil es Konsequenzen hätte, die man nicht tragen möchte. Und so bleibt das „Was wäre wenn“ ein bunter Traum, der ständig daran scheitert, dass „wenn dann mal“ keine verlässliche Grösse, sondern nur eine Ausrede ist.

Ist das zu hart? Das Leben lebte sich noch nie im Konjunktiv, es ist der Indikativ, der zählt. Aber: Niemand sagte, es sei leicht….

Das Leben geht weiter

Das Leben geht weiter

Ein Spruch, den man oft zu hören kriegt, wenn man mit dem Schicksal hadert, etwas passierte, das einen traurig macht, das einen verletzt, wo man vielleicht auch eigene Fehler sieht – oder sich denen anderer ausgesetzt. Das Leben geht weiter. Es will heissen, man solle abhaken, was war und vorwärts gehen. Man könne nicht ändern, was war, nur was ist und sein wird. Alles wahr.  Trotzdem war, was war und es wirkt nach. Es hinterlässt Gefühle und es lässt einen mit diesen Gefühlen kämpfen, sie hinterfragen, hinterfragen auch, was war und ob es hätte anders sein können.

Hätte ich mich anders verhalten müssen? Habe ich falsch entschieden? Habe ich etwas übersehen? Wo bog ich falsch ab auf meinem Weg? War ich zu leichtgläubig? Zu stur? Falschen Wünschen hinterher rennend?

Es stimmt, man kann die Vergangenheit nicht ändern. Was war, war, es wird nicht anders, nur weil ich es mir anders wünsche. Und doch lässt es ab und an nicht los. Die Gelassenheit, die man leben sollte, das nicht Anhaften, das Loslassen – alles gut und schön. Es gibt Zeiten, da kommt die Vergangenheit hoch und überrollt einen wie eine grosse Welle.  Man sieht sich konfrontiert mit eigenen Fehlern, mit eigenem (heute so gewertetem) Versagen, sieht Menschen, die man verlor, Beziehungen, die zerbrachen, Träume, die wie Seifenblasen platzten. Man hadert mit der eigenen Sturheit in vergangenen Situationen, mit verpassten Chancen, gelebter Feigheit und wünscht sich, man hätte damals gesehen, was man heute sieht. Nur war das damals nicht zu sehen.

Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden. (Sören Kierkegaard)

Damals hat man agiert, wie man damals musste und glaubte, es wäre richtig. Vielleicht sagte sogar eine leise Stimme in einem, dass es nicht richtig sei, aber man hatte nicht den Mut, ihr zu folgen. Sich heute dafür zu schelten, wäre schade und würde nichts bringen. Die Trauer zuzulassen über das, was vielleicht war oder nicht war, ist menschlich. Es darf auch Platz haben. Wichtig ist – so denke ich – dass man sich immer wieder vor Augen führte, dass damals alles anders war, damalige Entscheidungen auf anderen Voraussetzungen fussten. Hätte man damals gewusst, was man heute weiss, hätte das Leben eine andere Bahn genommen. Doch bei soviel Konjunktiv kommt das Leben nicht mehr mit, es findet im Indikativ statt. Zu jeder Zeit. In jedem Augenblick. Und so kann ich in jedem Moment nur das sehen, was gerade sichtbar ist, ich kann es bewerten mit dem Werkzeug, das ich im Moment selber habe und ich gehe dann den Weg, den mir all die Mittel, die ich verfügbar habe, weisen. Im Wissen, dass ich nie unfehlbar bin, im Vertrauen, dass alles einen Sinn hat,und in der Hoffnung, das alles kommt, wie es soll.

Rückschläge, Fehler, Leiden – alles gehört zum Leben. Was zählt ist, wie man damit umgeht, wie man danach weiter geht. Und so hadere auch ich ab und an mit Entscheidungen, hinterfrage sie, trauere und gehe weiter.

Wessen Leben lebe ich?

Was werden wohl die anderen denken?

Dieser Satz prägt so viele Leben, so viele Entscheide werden auf dieser Grundlage getroffen. Das eigene Glück, die eigenen Wünsche unterliegen oft dabei. Man vergisst sich förmlich im Streben danach, von den anderen geliebt zu werden. Was man zudem vergisst ist, dass die anderen immer noch ihr Leben haben, das sie leben. Sie werden das unsere nicht übernehmen, wenn wir es nach ihren Wünschen ausrichten. Zwar werden sie – wenn es gut kommt – kurz zustimmend nicken, doch ausbaden können wir das Ganze. Da sitzen wir dann und schauen buchstäblich in die Röhre, leben ein Leben, das den anderen zwar gefällt, uns aber nicht entspricht. Wozu? Das ist die Frage. Ob uns die anderen wirklich mehr lieben, wenn wir dies tun, bleibt zu bezweifeln.

Man denkt, sie müssten einen mehr lieben, weil man ja so sei, wie sie das von einem erwarten. Nur vergisst man dabei, dass jemand, der uns nur liebt, wenn wir genau so sind, wie er es möchte, es eigentlich gar nicht wert wäre, dass wir uns nach ihm richten. Wahre Liebe kann das nicht sein. Uns liebt er auch nicht, eher seine eigene Vorstellung davon, was richtig und was falsch ist. Uns danach zu richten hiesse, uns ihm zu unterwerfen. Wieso? Weil er mehr wert wäre als wir? Weil er besser wüsste als wir, was richtig und was falsch ist? Wohl nur, weil wir selber uns als nicht wertvoll genug erachten, nach unseren eigenen Vorstellungen glücklich zu werden.

Wir wachsen oft so auf, dass wir uns geliebt fühlen, wenn wir die nötigen Leistungen erbringen. Diese Haltung übernehmen wir ins Erwachsenenleben und folgen ihr unreflektiert. Das muss nicht so bleiben. Meist braucht es einen Weckruf, meist einen, der schmerzt. Spätestens dann werden wir einsehen, was wir uns selber antun mit dieser Haltung. Wir werfen unser Leben weg, um das anderer zu leben. Wir setzen unser Glück aufs Spiel, um Erwartungen anderer zu erfüllen. Wozu? Für die illusionäre Hoffnung, dafür geliebt zu werden. Was wäre, wenn man den Schmerz nicht erst erleben müsste, sondern gleich das Leben in die eigenen Hände nehmen könnte?

Albert: „Mir geht es gut, weil ich lebe“

Im Rahmen meiner Reihe Herausforderungen des Lebens hat sich Albert bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Ich freue mich sehr über dieses wunderbare Porträt.

Albert, ich danke dir für deine Bereitschaft, einen Einblick in dein Leben zu gewähren. Stell dich kurz vor: Wer bist du, wie würdest du dich und dein Leben beschreiben?

Ich heisse Albert, bin 21 Jahre alt, habe seit drei Jahren eine Freundin und leide seit sieben Jahren an Epilepsie. Wobei das Wort ,leiden‘ nicht auf mich zutrifft, denn es ist mir möglich, mein Leben so zu leben, wie ich es möchte. Ich hatte bisher ein sehr vielseitiges und selbstbestimmtes Leben und beginne gerade eine Ausbildung zum Dipl. Krankenpfleger.

Du hast Epilepsie. Kannst du mir kurz verständlich erklären, was ich mir unter Epilepsie vorstellen kann?

Epilepsie äussert sich bei jedem Menschen sehr unterschiedlich. Ich selbst hatte immer regelmässig, sprich mehrmals im Monat, leichte (selten auch stärkere) Krampfanfälle. Ab und zu passierte es auch, dass ich einen ganzen Tag in regelmässigen, manchmal auch relativ kurzen Abständen, Anfälle hatte.

Wie sieht ein Anfall aus? Das kann ein kurzes Augenzucken sein oder auch ein Krampfen des ganzen Körpers, verbunden mit Bewusstlosigkeit und anschliessender Verwirrung.

Wann erhieltst du die Diagnose Epilepsie? Gibt es eine Vorgeschichte?

Die Diagnose erhielt ich 2007. Nachdem mein Vater mich zweimal krampfend im Bett aufgefunden hatte, waren wir bei einer Neurologin, die schnell auf Epilepsie schloss.

Wie waren die ersten Tage nach dieser Diagnose? Was ging dir durch den Kopf?

Die Antwort ist vielleicht unspektakulär. Mir ging nicht viel durch den Kopf, ich hatte gelernt, immer optimistisch zu sein. Und aus dem „mir wird nie etwas passieren“ wurde ein „ok, mir wird trotzdem nichts passieren“. Man könnte meinen, ich hätte es wohl einfach verdrängt, aber dieses Gefühl habe ich nicht. Die Krankheit war ab diesem Zeitpunkt selbstverständlicher Bestandteil meines Lebens, und selbstverständlich war es auch, dass ich ihretwegen nichts an meinem Leben ändern würde.

Wie ging deine Familie mit der Diagnose und mit dir um?

Im ersten Moment war es für meine Familie sicher nicht einfach, aber sie stärkten mir wie gewohnt den Rücken. Obwohl ich schon das Gefühl hatte, dass es sie mehr beschäftigte, als sie es mir gegenüber zeigten.

Später war die übermässige Fürsorge meiner Familie und meiner Freunde oft ein Thema. Auch wenn es verständlich ist und ich eigentlich nur dankbar dafür sein kann.

Am Anfang ging es darum, dass ich am besten nicht ausgehen sollte, nicht trinken sollte, nicht rauchen sollte und am besten auch keinen Sport machen sollte.

Das sind Beispiele, ich trinke weder übermässig, noch treibe ich übermässig Sport.

Hat sich in deinem Leben etwas verändert seit der Diagnose?

Es hat sich nicht wirklich etwas verändert.

Heute haben alle in meinem Umfeld akzeptiert, dass ich mich nie aus Angst einsperren werde und vertrauen darauf, dass ich selbst am besten weiss, was gut für mich ist.

Trotzdem gibt es Situationen, in denen plötzlich jemand hektisch an der Badezimmertür klopft und fragt, ob es mir gut geht, nur weil er ein Geräusch gehört hat.

Einmal stand meine Freundin mit meiner ganzen Familie vor meiner Wohnung und läutete mich aus dem Schlaf. Alle waren total besorgt und ausser sich, dabei hatte ich bloss verschlafen und der Handy-Akku war leer.

Aber wie gesagt, eigentlich bin ich dankbar für ihre Fürsorge.

Kennt dein ganzes Umfeld deine Krankheit? Wie offen gehst du damit um? Wie gingen deine damaligen Freunde damit um? Und heute? Hat die Epilepsie einen Einfluss auf Freundschaften?

Ich persönlich gehe sehr offen damit um und lasse mich von meiner Krankheit auch nicht unterkriegen. Auch Menschen, die ich neu kennenlerne, erzähle ich oft recht bald davon. Dies passiert meistens schnell, wenn Themen wie z.B. der Führerschein angesprochen werden.

Ich glaube, weil ich immer selbst sehr offen und nicht ängstlich damit umgegangen bin, war war es auch für meine Freunde kein grosses Drama. Auch heute ist dies nicht anders. Meine engsten Freunde kennen mich ziemlich gut und wissen, was zu tun ist, falls es zu einem Anfall kommen sollte. Nur bei meiner Ex-Freundin hatte ich das Gefühl, dass sie nicht 100% damit klar kam. Aber zusammenfassend möchte ich sagen, dass ich nicht glaube, dass Epilepsie Einfluss auf meine Freundschaften hat.

Gibt es im Alltag Dinge, wo du Hilfe brauchst? Wenn ja, welche? Würdest du dir grundsätzlich mehr Hilfe oder sonst Unterstützung wünschen?

Nein, ich bin grundsätzlich nicht eingeschränkt. Wichtig ist nur, dass ich genug schlafe und nicht allzu viel Stress habe. Was die Unterstützung betrifft, bin ich definitiv zufrieden, denn meine Familie und meine Freundin sind absolut immer für mich da.

Gibt es Tage, an denen dir alles zu viel wird, du haderst mit deinem Schicksal, die Frage nach dem Warum vielleicht hochkommt?

Ich denke, diese Tage kennt jeder, da geht es nicht um krank oder gesund. Wichtig ist, dass die guten Tage überwiegen, und das ist bei mir definitiv der Fall.

Wenn du nicht krank geworden wärst, denkst du, du wärst am selben Punkt im Leben heute oder hättest du Dinge anders gemacht?

Ich hätte einen Führerschein, würde Motorrad fahren, hätte ein paar Stunden weniger im Bett verbracht. Aber sonst wäre nichts anders gekommen und ich bin stolz auf das Leben, das ich bisher geführt habe.

Gibt es etwas, das du als positiv erachtest an deiner Krankheit? War sie „für etwas gut“?

Als Entschuldigung, wenn ich nicht in die Schule wollte.

Ich habe gelernt, die Gesundheit und das Leben zu schätzen, und sie hat mich darin bestärkt, im Augenblick zu leben.

Was wünscht du dir von den Menschen da draussen? Von den einzelnen, von der Gesellschaft?

Es gibt viele, denen es mit der Epilepsie und anderen Krankheiten wesentlich schlechter geht als mir. Ich wünsche mir, dass sie von der Gesellschaft gestützt werden.

Es gibt schon einige Projekte, um kranke und behinderte Menschen in die Arbeitswelt zu integrieren oder mit ihnen den Sport zu machen, von dem sie träumen. Bitte mehr davon!

Ist man heute wirklich so aufgeklärt oder findest du, dass Krankheiten (und auch Behinderungen) noch immer Tabu sind, Menschen, die betroffen sind, ausgegrenzt sind?

Die Aufklärung ist schon ganz gut, es geht aber noch mehr. Schliesslich ist es verständlich, dass jemand, der zum ersten Mal mit so etwas konfrontiert ist, nicht weiss, was zu tun ist und sich deswegen vielleicht lieber fernhält von Menschen, die „anders“ sind. Gilt übrigens auch für den Umgang mit Ausländern und anderweitig benachteiligten Menschen.

Gibt es etwas, das du einem ebenfalls Betroffenen sagen möchtest?

Ich würde ihm/ihr sagen, dass man immer optimistisch bleiben sollte, denn die innere Einstellung ist ein sehr wichtiger Teil des Lebens.

Es gibt Epilepsie-Foren im Internet, in denen man verurteilt wird, wenn man normal lebt, denn wie kann man nur daran denken, irgendetwas zu tun, das vielleicht ein Risiko birgt. Diese Einstellung ist für mich unvorstellbar! Jeder sollte sich selbst am besten kennen und das geht nur, wenn man sich nicht in einen gepolsterten Raum sperrt, sondern rausgeht und vorsichtig immer wieder seine Grenzen testet. Dann weiss man zu jeder Zeit, was für einen gut ist und was nicht.

Habe ich noch etwas vergessen? Gibt es noch etwas, das dir auf der Seele brennt?

Die Krankheit ist ein Teil von mir. Natürlich, ich würde lügen, würde ich sagen, ich wäre nicht lieber gesund. Doch ich würde es vermissen, so zu sein, denn das bin eben ich. Ich –  mit allem, was dazu gehört. Ich bin jetzt erwachsen und aufgeklärt.

Als gesundes Kind dachte ich, mir geht es gut, weil ich gesund bin, heute denke ich, mir geht es gut, weil ich lebe.

Albert, ich möchte mich ganz herzlich für diese ausführlichen Antworten bedanken, die einen wunderbaren Einblick in deinen Alltag und deine Einstellung gewähren. Ich hoffe und wünsche mir, dass dieses Interview vielen Menschen Mut macht.

Nicht genug

Es fängt schon früh an: Das Nachbarsmädchen hat immer saubere Kleider, nur die eigenen sind immer zerschlissen. Es geht ebenso weiter, indem das nächste mehr übt als man selber, das dritte nie Streit sucht, das vierte schneller rennen, das fünfte schöner singen kann. Und immer bleibt zurück:

Ich genüge nicht.

Man wächst heran, hält mittlerweile dagegen, wenn die Vorwürfe der Eltern, Mitschüler, von wem auch immer kommen – doch tief drin treffen sie noch immer. Jedes „das war nicht gut genug, andere können das besser“ bohrt am schon vorhandenen Loch weiter, macht es tiefer, weitet es aus. Und schon bald braucht man die Stimmen von aussen gar nicht mehr, sie haben sich verinnerlicht. Bei allem, was nicht klappt, sitzt der kleine Dämon auf der Schulter und sagt mal hämisch grinsend, mal verächtlich schnaubend, dann wieder enttäuscht:

Du genügst einfach nicht. Es ist nicht gut genug, was du tust.

Das Loch wird grösser, bald bleibt es nicht mehr bei einzelnen Taten, die nicht genügen, es ist das ganze Sein, das in Frage gestellt wird. Bin ich schön genug, dass sich jemand in mich verlieben könnte? Bin ich gut genug, dass es Liebe werden  und er bleiben könnte? Bin ich klug genug, dass ich einen Job finde? Bin ich geschickt genug, ihn auch zu behalten? Sind es erst die leicht fassbaren Fragen (und schon die sind nur auf den ersten Blick einfach), folgen bald subtilere: Ist das, was ich tue, genug? Reicht es, um den Anforderungen der Gesellschaft, meiner Eltern, meines Partners zu genügen? Darf ich Mutter sein und damit froh, muss ich daneben arbeiten? Darf ich dabei gestresst sein oder muss ich immer wie aus dem Ei gepellt wirken? Was, wenn mein Wohnzimmer chaotisch ist? Was, wenn der Nagellack verlaufen? Was ist meine Arbeit überhaupt wert? Das, was ich auf dem Lohnausweis sehe? Gibt es ideelle Werte?

Die Spirale dreht und dreht, man fühlt sich kleiner und immer kleiner. Überall spürt man Massstäbe, setzt sie selber, unterliegt, hadert, macht sich klein. Man fragt, was man tun könnte, um zu genügen, will dazu gehören, weiss, dass man dazu Auflagen erfüllen muss. Nur: Wer hat sie gesetzt und welche sind die massgeblichen? So hastet man vom einen zum nächsten, versucht, alles zu erreichen, was nur irgendwo als zu erreichen deklariert ist, denn wenn man alles hat, muss es doch irgendwann genug sein. Irgendwann müsste dann doch da die Stimme kommen, die sagt:

Nun ist es genug, du bist gut genug.

Leider bleibt sie aus. Bei jedem Erreichen eines vorher gesteckten Zieles scheint schon das nächste am Horizont auf, das es auch zu erreichen gilt. Das vormals gross ersehnte ist plötzlich nur noch Mittelmass, dass man es schaffte – man dachte einst, es wäre ein Traum, ein Meilenstein -, Selbstverständlichkeit, nicht der Rede wert. Die Geschichte könnte hier ewig weiter gehen, denn es wird nie genug sein. Man kann dieses Spiel nicht gewinnen, denn es ist ein Selbstläufer, ein Perpetuum Mobile, das sich selber füttert. Es ist die endlose Spirale des Erreichenwollens, welches dem blossen Wunsch zu gefallen geschuldet ist. Das Ganze hat wenig mit einem selber zu tun. Es hat auch wenig mit anderen zu tun. Schon gar nichts hat es mit Liebe oder Wert zu tun. Es ist ein oberflächliches Hasten nach Status und Ruhm, der in sich eigentlich bedeutungslos ist, welcher aber aufgrund fehlender wirklicher Werte zum neuen Gral erkoren wurde.

Und nun? Dies zu erkennen ist der erste Schritt. Weitere werden folgen. Ab und an welche zurück, dann wieder solche vorwärts. Schritt für Schritt geht es weiter, ganz bewusst. Fragen tauchen auf: Wer bin ich? Wieso will ich das erreichen? Will ich es wirklich oder denke ich, ich muss es wollen? Manche Schritte brauchen Mut, manche machen Angst. Ab und an liegen Steine auf dem Weg, dann wieder Fallgruben. Nach und nach werden wir sie erkennen, ihnen ausweichen, sie überwinden, sie durchwaten und weiter gehen. Und daran wachsen. Immer im Kopf:

Ich bin wie ich bin. Und ich bin gut so. Ich mache, was ich will. Weil ICH es will.

Zu glauben, nun sei alles toll, wäre naiv. Die Stimmen von aussen bleiben. Sie fragen, was man eigentlich tue, wieso man nicht mehr, nichts anderes mache. Sie belächeln einen ab und an, vielleicht glaubt man auch nur, sie täten es. Es fällt oft schwer, nicht wieder ins alte Muster zu fallen, sich nicht wieder zu schelten, dass man nicht genüge, mehr hätte tun sollen, anderes hätte erreichen müssen. Schliesslich und endlich hat man aber nur dieses eine Leben. Und wer sollte es leben, wenn nicht man selber? Wer also sollte bestimmen, was man täte, tun sollte, tun will?

Fragen über Fragen – Die Lüge

Wie viel Ehrlichkeit braucht eine Beziehung? Wie viele Lügen verträgt sie? Wo fängt eine Lüge an und wo hört die Wahrheit auf? Ist etwas zu verschweigen auch schon eine Lüge? Was darf verschwiegen werden, wo ist Redebedarf? Gibt es ein Massband, an dem ich es sehe? Kann ich es fühlen oder weiss ich es intuitiv?

Es heisst jeder Mensch lügt tagtäglich einige Male, gibt es weisse und schwarze Lügen? Gibt es Motive, die Lügen rechtfertigen oder wäre es doch immer besser, die Tatsachen zu kennen? Hilft ein Vertuschen und wenn ja, wem eigentlich? Ist es nicht oft mehr als Fürsorge getarnte Feigheit denn wirkliche Rücksicht?

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, was passiert mit dem Vertrauen? Ist es dahin, wo bleibt die Liebe dann? Kann man alles verzeihen? Muss man gar? Wie steht es mit dem Vergessen? Wenn was verziehen, nicht aber vergessen ist, liegt es nicht doch in der Luft? Die schwächste Stelle der Vase, die immer wieder genau da bricht?

Ist eine Lüge nicht auch ein Zeichen, dass man sich mehr zugesteht als dem anderen, weil man denkt, der andere sei zu klein, die Wahrheit zu tragen? Kann darauf gebaut werden oder ist dieses Fundament nicht immer schief? Ein Schloss, das auf Sand gebaut wurde?

Kann ich lieben und lügen gleichzeitig? Bedingt Liebe nicht auch Respekt und Achtung und machen beide nicht die Lüge unmöglich? Kann ein Leben mit Lügen ein Miteinander sein? Ist es nicht eher so, dass einer lenkt, der andere blind den Weg hinterhertapst, der ihm zugewiesen wurde, ohne dass er eine Wahl hatte? Wieso sollte man das wollen? Wieso sollen?

Herausforderungen des Lebens

Mögen alle Menschen gesund und frei sein von Leiden.
Mögen alle Menschen glücklich sein.

Seit Jahrtausenden suchen ganz verschiedene Menschen nach dem Sinn des Lebens, sie wollen herausfinden, was ein gutes Leben sei, wie man es lebt. Als Ziel des Lebens wird oft Glück genannt. Wenn man nun denkt, dass alles klar ist, täuscht man sich, hier fängt der Schlamassel erst an, denn niemand kann so genau sagen, was nun Glück genau sei – oder alle, die etwas sagen, empfinden etwas anderes. Es gibt mittlerweile ganze Regale voll mit Glücksratgebern und ähnlichem. Glück kann im Lotto, in der Liebe, in der Meditation oder auch mal gar nicht gefunden werden, es ist vergänglich, kann aber auch ewig halten, wenn man nur weiss, worauf man achten muss. Es bleibt schwierig.

Und als ob das nicht alles in der Theorie schon schwer genug wäre, wirft uns die Praxis auch immer neue Steine zwischen die Beine. Die Liebe will nicht, wie man gerne würde, die Gesundheit macht einem einen Strich durch die Rechnung, man kämpft Umständen, die einen täglich herausfordern, man fühlt sich klein, unzulänglich, hadert, strauchelt – die Liste wäre unendlich lang.

Ich möchte in einer lockeren Reihe Interviews mit Menschen hier präsentieren, die verschiedene Facetten des Lebens aufzeigen sollen. Die Reihe soll Einblicke gewähren in das Leben anderer Menschen, sie soll zeigen, dass niemand alleine ist, alle ihren Rucksack zu tragen haben. Sie soll zeigen, dass man auch mit erschwerten Bedingungen glücklich sein kann, dass auch mal die Sonne scheint, trotz düsterer Wolken. Es soll eine menschliche Reihe sein, eine lebendige.

Jeder Mensch hat etwas zu erzählen, oft fühlt man sich nicht gehört oder missverstanden. Ich möchte auch eine Plattform bieten für Geschichten, die darauf drängen, an die Öffentlichkeit zu gelangen. Ich möchte Menschen die Möglichkeit geben, ein offenes Ohr zu finden, vielleicht auch Zuspruch oder andere Meinungen zu erhalten.

Die Schweiz – ein braunes Land voller Nazis?

Ich bin kein politischer Mensch, war ich nie, werde ich nie sein. Trotzdem mache ich mir meine Gedanken….

Das gestrige Abstimmungsresultat zur Masseneinwanderungsinitiative mag alles andere als toll sein und ich weiss, dass viele mehr als unglücklich damit sind. Wie die Umsetzung aussehen wird, zeigt die Zeit. Was ich aber genauso bedenklich finde, ist, dass ich nun von verschiedenen Seite lese, dass die Schweiz (als Gesamtes) braun, rassistisch und stark rechts sei, dass die Schweizer (im Kollektiv) als Nazis bezeichnet werden (von deutschen Bewohnern der Schweiz), dass die Schweiz schon immer schlimm war und man von diesem Land eh nichts Gutes erwarten kann. Erstens finde ich Kollektivanklagen mehr als armselig und nie der Realität entsprechend, zweitens wäre eine etwas gezieltere Kritik sicher konstruktiver denn ein solcher Rundumschlag und drittens regt sich in mir ein wenig die Frage: Wieso tut man sich dieses Land an, wenn es ja nur schlimm ist?

Man kann in ganz Europa Tendenzen erkennen, die zur Sorge aufrufen. Die Wirtschaftslage ist angespannt, jeder fürchtet um sein Auskommen, das schürt Ängste und die platziert man gerne konkret – dazu eignen sich die, welche eben nicht zum Wir gehören, die Fremden, die Anderen, die „Eindringlinge“. Dass dies eine dumme, kurzsichtige Sicht ist, liegt auf der Hand, leider wurden diese Ängste nun wieder (wie schon bei manchen Abstimmungen) erfolgreich geschürt.

Ich bin alles andere als glücklich über dieses Resultat, sich nun aber in ausufernden Anklage- und Herabwürdigungsreden zu üben, wird niemandem helfen. Das Leben geht weiter, alles, was wir in der Hand haben, ist, da, wo wir stehen, anzusetzen und unseren Beitrag zu leisten, dass die Tendenzen, die spürbar sind, eine andere Richtung nehmen. Vielleicht würde es auch helfen, wenn man denen, die mit so fadenscheinigen Argumenten diese Kampagne unterstützen, die Wasser predigten und selber Wein tranken, indem sie gegen Einwanderung redeten und selber im Ausland suchten (Namen muss man keine nennen….), weniger trauen würde und die, welche tiefer und weiter denken, auch mal auf den Tisch hauen und Kampagnen starten würden. So lange man still sitzt und auf die Initiativen der andern wartet, dagegen wettert, selber nichts tut, wird das nicht bessern. Dies nur so ein Gedanke….