Brot und Spiele

Ich mag keine halben Sachen. Alles oder nichts heisst die Devise. Wieso mich mit halben Sachen zufrieden geben, wenn ich alles haben könnte? Und wenn ich nicht alles haben kann, wieso die Brosamen nehmen, die jemand bereit ist, mir hinzuwerfen?

Hab ich es nötig? Bin ich nicht mehr wert? Was denkt der andere, der denkt, ich könnte damit zufrieden sein? Schätzt er mich so gering? Sich so gross? Wie hoch schätze ich mich, wenn ich das Angebot annehme? Die Brosamen schlucke? Denke ich nicht, ich habe eh nichts Besseres verdient? Bin ich schon so enttäuscht vom Leben, dass ich denke, es kommt sowieso nichts Besseres mehr nach? Ist der Hunger so gross, dass selbst ein Krümel besser scheint als gar nichts? Erachte ich den Anspruch, alles haben zu wollen, als zu hoch? Wieso?

Es ist schon so, alles ist kaum möglich. Alles, was ist, hat einen Preis und der Preis zieht sich von allem ab. Damit ist das Alles zwar nie 100% in allen Belangen, es ist aber 100% in dem Bereich, indem man es eingeht. Die Abzüge sind meist an anderen Orten. So kann man das Leben schlussendlich mathematisch aufschlüsseln. Die Romantiker unter uns mögen das grausam prosaisch schelten, allerdings steckt ein Stück Wahrheit drin und wenn diese hilft, den eigenen Wert zu bemessen – den, den wir uns selber geben und den, den uns andere zugestehen -, dann hat selbst die schnöde Mathematik ganz viel Gutes geleistet in unserem Leben.

Denn: Wenn wir uns nicht mehr wert sind als ein paar Krümel, werden wir auch nie mehr als das erhalten. Wir werden immer hungrig nach ihnen ausschauen und sie aufpicken, wenn wir sie sehen. Wenn wir sie ausschlagen (und dabei zu hören kriegen, wie lecker sie doch wären und wir sollen uns nicht so haben und uns den Genuss nicht versagen), weil wir wissen, dass wir ein ganzes Brot wert sind, wird das Brot kommen. Vielleicht in einer Form, an die wir heute nicht mal denken – aber es kommt. Dazu ist es aber dringend nötig, dass wir unseren eigenen Wert erkennen und uns nicht drunter verkaufen. Denn: Krümel können noch so viele kommen, satt machen sie nie, nur noch hungriger. Durch das ständige Naschen an ihnen werden wir aber das Brot übersehen, das sich uns anbieten könnte.

11 Comments

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  1. Ist ein schwieriges Thema.
    Was kannst Du tun, um selbstbewusster zu werden? Deinen „Wert“ (kein sehr schönes Wort) zu erkennen, tief drinnen zu spüren? Das ist die Frage abseits der Problematik, die Du da geschildert hast.
    Denke ich.

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    • Ich denke, das ist kein so seltenes Problem. Vor allem, wenn wir uns mit Dingen identifizieren, die nicht verlässlich sind. Sobald sie wegfallen, stehen wir da und haben die Orientierung und uns selber verloren. Man denke nur an Menschen, die arbeitslos werden. Oder auch bei der Pensionierung sieht man das Phänomen häufig. Bei Trennungen, Scheidungen, ausbleibender Bestätigung, Kindern, die ausfliegen. Solche Brüche in der Biographie führen oft zu Selbstwertproblematiken. Aber auch das Leben an sich reicht häufig aus. Ja, wo findet man den eigenen Wert – das wäre die Frage. Ich gebe dir recht, dass „Wert“ kein schönes Wort ist.

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      • Richtig.
        Das Selbstbild schwankt.
        Ich war zunächst im Versuch begriffen, ein Dafür oder ein Dagegen zu formulieren, fand das aber dann für nicht angemessen…und überlegte weiter.

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  2. „Hab ich es nötig? Bin ich nicht mehr wert? Was denkt der andere, der denkt, ich könnte damit zufrieden sein? Schätzt er mich so gering? Sich so gross? Wie hoch schätze ich mich…“

    Die eigene Messlatte und die der anderen, die Masseinheiten, die Vergleichswerte. In Bruchteilen von Sekunden entsteht laut Sozialpsychologie eine persönliche Bewertung. Interessant, uninteressant, schön, weniger schön, wichtig, unwichtig, wertvoll und weniger wertvoll, bis gleichgültig.

    Wer führt Regie bei diesen Bewertungen?

    Jeder selbst, könnte man vorschnell behaupten, was natürlich nicht völlig falsch ist. Aber im Raume steht auch die Tatsache der Meinungshoheit oder auch Deutungshoheit. Oft ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zur Machtfrage, die nicht immer so offenkundig wie derzeit in der Ukraine zelebriert wird, sondern gerade in westlichen Gesellschaften verschleiert und beschönigt wird. „Die Macht des Faktischen“, die Macht des Geldes, die Macht des Status,.funktioniert in hohem Masse. Auch das kann man mathematisch nachweisen, bis dann wieder ein mutiger Mensch um die Ecke kommt, der unerschrocken und furchtlos, die gewohnten Grössenverhältnisse kritisiert und attackiert. Wir sprechen dann gerne von Lichtgestalten …

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  3. In jedem Augenblick offen sein für das Leben. Und doch nicht einfach nehmen, was sich bietet. Denn wenn das zur Gewohnheit wird, kommt nichts anderes mehr. Denken, wenn es Brosamen gibt, dann gibt es auch das Brot. Brosamen heisst, das Brot ist gar (mehr) nicht da. Was brauchst du das Ganze? Weder die Brosamen, noch das Ganze eines anderen. Wenn es irgendwo und irgendwann DEIN Brot gibt? Vertrauen, Offenheit … und schon der Geruch des Brotes ist mehr als die hingeworfenen Brosamen.

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  4. Ich möchte das mal kritisch hinterfragen. Kann nicht eine zu narzistische Einstellung dahinter stecken, den Eindruck zu haben, man bekäme nur Brotkrumen zugeworfen. Von manchen fordert man vielleicht mehr ein, als man verlangen kann?
    Andererseits stimme ich voll zu: es gibt natürlich Bereiche, in denen sollte man sich nicht mit weniger als 100 Prozent zufrieden geben. Aber schon im Freundeskreis geht es los. Würde ich von all meinen guten Freunden immer 100 Prozent einfordern, könnte ich sie nicht mehr nur an einer Hand abzählen, sondern hätte gar keine mehr 😉

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    • Natürlich kann man nicht von jedem zu jederzeit alles verlangen. Aber man darf sich selber fragen, ob das, was man angeboten kriegt, angemessen ist oder ob man sich unter Wert verkauft. Wenn man für sich entschliesst, es passt – wieso nicht. Wenn nicht: Wieso es dann eingehen, wenn man eigentlich mehr möchte, der andere es zwar geben könnte, aber nicht will? Soll man sich dann vom anderen anhören, dass man doch einfach mal die Krümel geniessen könnte, man sonst gar verfressen wäre?

      Schliesslich und endlich muss jeder für sich entscheiden, womit er leben kann und will.

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      • Ich sagte ja, ich stimme dir in diesem Punkt voll und ganz zu. Meine eigene Erfahrung ist inzwischen, dass Nachgiebigkeit und Toleranz oft am Ende gehaltvoller sind. Ich merke das dann daran, dass Leute, die mich auch mal mit Unaufmerksamkeit bedachten, mir in anderen Momenten wieder neue Horizonte eröffnet haben. Hätte ich aus, ich sage jetzt mal provokant, verletzter Eitelkeit den Kontakt abgebrochen, wäre es dazu nicht gekommen.
        Trotzdem bin ich bei deiner Argumentation: tiefe Freundschaften benötigen eine gewisse Symmetrie. Dennoch: einer meiner besten Freunde vergisst regelmäßig meinen Geburtstag und ich achte auch nicht mehr so explizit auf den seinen. Wenn es aber drauf ankommt, sind wir immer füreinander erreichbar mit 100% Verlass und Vertrauen

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