Nicht genug

Es fängt schon früh an: Das Nachbarsmädchen hat immer saubere Kleider, nur die eigenen sind immer zerschlissen. Es geht ebenso weiter, indem das nächste mehr übt als man selber, das dritte nie Streit sucht, das vierte schneller rennen, das fünfte schöner singen kann. Und immer bleibt zurück:

Ich genüge nicht.

Man wächst heran, hält mittlerweile dagegen, wenn die Vorwürfe der Eltern, Mitschüler, von wem auch immer kommen – doch tief drin treffen sie noch immer. Jedes „das war nicht gut genug, andere können das besser“ bohrt am schon vorhandenen Loch weiter, macht es tiefer, weitet es aus. Und schon bald braucht man die Stimmen von aussen gar nicht mehr, sie haben sich verinnerlicht. Bei allem, was nicht klappt, sitzt der kleine Dämon auf der Schulter und sagt mal hämisch grinsend, mal verächtlich schnaubend, dann wieder enttäuscht:

Du genügst einfach nicht. Es ist nicht gut genug, was du tust.

Das Loch wird grösser, bald bleibt es nicht mehr bei einzelnen Taten, die nicht genügen, es ist das ganze Sein, das in Frage gestellt wird. Bin ich schön genug, dass sich jemand in mich verlieben könnte? Bin ich gut genug, dass es Liebe werden  und er bleiben könnte? Bin ich klug genug, dass ich einen Job finde? Bin ich geschickt genug, ihn auch zu behalten? Sind es erst die leicht fassbaren Fragen (und schon die sind nur auf den ersten Blick einfach), folgen bald subtilere: Ist das, was ich tue, genug? Reicht es, um den Anforderungen der Gesellschaft, meiner Eltern, meines Partners zu genügen? Darf ich Mutter sein und damit froh, muss ich daneben arbeiten? Darf ich dabei gestresst sein oder muss ich immer wie aus dem Ei gepellt wirken? Was, wenn mein Wohnzimmer chaotisch ist? Was, wenn der Nagellack verlaufen? Was ist meine Arbeit überhaupt wert? Das, was ich auf dem Lohnausweis sehe? Gibt es ideelle Werte?

Die Spirale dreht und dreht, man fühlt sich kleiner und immer kleiner. Überall spürt man Massstäbe, setzt sie selber, unterliegt, hadert, macht sich klein. Man fragt, was man tun könnte, um zu genügen, will dazu gehören, weiss, dass man dazu Auflagen erfüllen muss. Nur: Wer hat sie gesetzt und welche sind die massgeblichen? So hastet man vom einen zum nächsten, versucht, alles zu erreichen, was nur irgendwo als zu erreichen deklariert ist, denn wenn man alles hat, muss es doch irgendwann genug sein. Irgendwann müsste dann doch da die Stimme kommen, die sagt:

Nun ist es genug, du bist gut genug.

Leider bleibt sie aus. Bei jedem Erreichen eines vorher gesteckten Zieles scheint schon das nächste am Horizont auf, das es auch zu erreichen gilt. Das vormals gross ersehnte ist plötzlich nur noch Mittelmass, dass man es schaffte – man dachte einst, es wäre ein Traum, ein Meilenstein -, Selbstverständlichkeit, nicht der Rede wert. Die Geschichte könnte hier ewig weiter gehen, denn es wird nie genug sein. Man kann dieses Spiel nicht gewinnen, denn es ist ein Selbstläufer, ein Perpetuum Mobile, das sich selber füttert. Es ist die endlose Spirale des Erreichenwollens, welches dem blossen Wunsch zu gefallen geschuldet ist. Das Ganze hat wenig mit einem selber zu tun. Es hat auch wenig mit anderen zu tun. Schon gar nichts hat es mit Liebe oder Wert zu tun. Es ist ein oberflächliches Hasten nach Status und Ruhm, der in sich eigentlich bedeutungslos ist, welcher aber aufgrund fehlender wirklicher Werte zum neuen Gral erkoren wurde.

Und nun? Dies zu erkennen ist der erste Schritt. Weitere werden folgen. Ab und an welche zurück, dann wieder solche vorwärts. Schritt für Schritt geht es weiter, ganz bewusst. Fragen tauchen auf: Wer bin ich? Wieso will ich das erreichen? Will ich es wirklich oder denke ich, ich muss es wollen? Manche Schritte brauchen Mut, manche machen Angst. Ab und an liegen Steine auf dem Weg, dann wieder Fallgruben. Nach und nach werden wir sie erkennen, ihnen ausweichen, sie überwinden, sie durchwaten und weiter gehen. Und daran wachsen. Immer im Kopf:

Ich bin wie ich bin. Und ich bin gut so. Ich mache, was ich will. Weil ICH es will.

Zu glauben, nun sei alles toll, wäre naiv. Die Stimmen von aussen bleiben. Sie fragen, was man eigentlich tue, wieso man nicht mehr, nichts anderes mache. Sie belächeln einen ab und an, vielleicht glaubt man auch nur, sie täten es. Es fällt oft schwer, nicht wieder ins alte Muster zu fallen, sich nicht wieder zu schelten, dass man nicht genüge, mehr hätte tun sollen, anderes hätte erreichen müssen. Schliesslich und endlich hat man aber nur dieses eine Leben. Und wer sollte es leben, wenn nicht man selber? Wer also sollte bestimmen, was man täte, tun sollte, tun will?

5 Comments

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  1. Eine exzellente Analyse des menschlichen Seins in den heutigen abendländischen Gesellschaftssystemen mit ihren ständigen Anforderungen, Überforderungen, Anpassungspflichten, Strebe-Pflichten, “du-sollst/du-musst/da-geht’s-lang“-Ansagen. Das Individuum als Getriebener.
    Ich sehe das ganz genauso – könnte es nur nie so treffend in Worte und auf’s Papier bringen. Dafür immer wieder Dank dir, Sandra.

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  2. „Du bist nicht genug“, „Du bist nicht richtig so“ – solche oder ähnliche Sätze nehmen viele mit aus ihrer frühen Kindheit.
    Sie sind lebensprägend.
    Um da einen Ausstieg zu finden, muß man diese Kernsätze erstmal kennenlernen, etwa indem man sich fragt: Was ist so ein typischer Satz, den ich immer zu hören bekam?“.
    Wenn man diese Sätze oder einige davon kennt, dann versteht man besser das Singsang im Kopf.
    Man kann dann bewusst andere Erfahrungen mit sich anstreben. Hilfreich ist da die Arbeit mit anderen. So kann ein allmähliches Austreten aus den Schemen gelingen.
    Aber die Sätze bleiben trotzdem – nur sind sie viel weniger verfänglich als in der früheren Phase und können mit Abstand gesehen werden.

    Einer, der auch mit solchen Sätzen vertraut ist!

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    • Das Erkennen der Sätze ist der erste Schritt. Es hilft, Muster offen zu legen. Damit sind die Muster noch nicht eliminiert, nicht mal die Sätze sind weg, aber man hat einen Anfang gemacht. Man kann fortan bewusster mit den Sätzen umgehen, sie erkennen, wenn sie auftreten, sie zuordnen, versuchen, sie dahin zu schicken, wo sie hingehören. Man kann sie hinterfragen, mit ihnen in Diskurs treten. Und durch diese Arbeit, die keine leichte und keine schnelle ist, nach und nach mehr Ruhe für sich finden, lernen, sich nicht permanent klein zu reden, lernen, die guten Seiten an sich zu schätzen und sie hochzuhalten, auch wenn mal etwas in die Hose ging. Immer im Wissen: Auch andere kennen die Sätze, auch die, welche wir hoch achten, von denen wir denken, ihnen gelingt alles. Ganz viele Menschen sind damit aufgewachsen und nahmen sie mit in ihr erwachsenes Leben.

      Vielleicht hilft es auch, sich ganz bewusst ab und an zu sagen: „Ich bin gut so, wie ich bin. Ich bin genug.“ Steter Tropfen höhlt den Stein – es lassen sich neue Muster prägen.

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      • Auch Experten geht etwas in die Hose. Man muß das nur einfach an anderen beobachten lernen. Daß man selbst nachwievor „über Gebühr“ scheitern mag, daran hat ja sozusagen eineselbsterfüllende Prophezeiung schuld. Eckhard Tolle sagt dazu, daß der eigene Schmerzkörper nichts von seiner Größe verlieren will. D.h. er produziert immer wieder solche Negativ-Bestätigungen und die darauffolgende Selbstauspeitschung ist Teil der Prozedur, im Alten stecken zu bleiben.
        Mit der Zeit aber lässt diese „Bestätigungssucht“ nach, einfach durch das Mehr an Selbstvertrauen..
        Eine recht lange, aber lohnende Arbeit.- und ihr Ausgang ist gewiß.

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