Fehler im Leben

Ein weiser älterer Mann sagte mir heute:

Du darfst Fehler machen, aber du solltest nie denselben Fehler zweimal machen.

Ich fand den Spruch gut, nickte. Ein paar Stunden später dreht der Kopf. Wann weiss ich, was ein Fehler ist und was nicht? Können zwei Situationen gleich aussehen, sind es aber nicht? Definiert nicht erst das, was kommt eine heutige Entscheidung als richtig oder falsch? Frei nach Kierkegaard:

Das Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden.

Das Leben führt uns immer wieder in ähnliche Situationen. Wir gehen Beziehungen ein, haben Arbeitsstellen, pflegen Freundschaften. Alle diese Lebensumstände bringen gute und schwierige Zeiten mit sich, machen es nötig, ab und an Entscheidungen zu treffen für oder gegen etwas oder gar für oder gegen jemanden. Wenn ich nun einmal gegen jemanden entscheide, später in eine ähnliche Situation käme, die wieder eine Entscheidung forderte – wäre ein Entscheid dagegen der gleiche Fehler zum zweiten Mal? Oder ist es ein neuer Fehler, den ich nur aufgrund meiner Tendenz, im Leben immer einen Sinn und einen Zusammenhang zu suchen, als gleichen Fehler deklariere?

So gesehen wäre der Ausspruch, dass man aus Geschichte lernen sollte, falsch, da unmöglich. Jede neue Situation fordert ihre situative Entscheidung, die Geschichte mag zwar immer wieder ähnliche Situationen aufbringen, gleich sind sie nie – und die Folgen sind selten dieselben, selbst wenn man alles genau gleich macht. Dies hat den Grund darin, dass nie nur etwas für Folgen verantwortlich ist, sondern ein Zusammenspiel von vielen verschiedenen Faktoren. Die Entscheidung selber ist also stets nur ein Faktor.

Hatte der weise ältere Mann also nicht recht mit seinem Ausspruch? Vielleicht lässt sich der Ausspruch nicht eins zu eins umsetzen, aber er zeigt auf, dass man, wenn man in eine Situation kommt, besser mal zurück denkt, ob man Vergleichsfälle hat, wie man dann handelte und was dabei rauskommt. Zwar gibt einem niemand die Gewissheit, dass es dieses Mal gleich ist, es regt einen aber zum Abwägen an, lässt einen innehalten, die Situation noch einmal genau betrachten, die verschiedenen Wege noch einmal im Geiste beschreiten und mögliche Folgen bewerten. So gewappnet lässt sich dann eine überlegtere Entscheidung treffen, als man sie vielleicht aus dem hohlen Bauch oder auf die Schnelle getroffen hätte. Ob dann alles gut kommt oder nicht, weiss man nie vorher, allerdings hat man nach bestem Wissen und Gewissen entschieden und sollte der Entscheid später Folgen haben, die man lieber vermieden hat, kann man sich immer sagen, dass man es zum Zeitpunkt des Entscheids nicht wusste, was man nun weiss.

Und wer weiss: Ab und an haben Fehler, die man sich einst vorwarf, im noch späteren Nachhinein etwas Gutes gehabt. Auch das wäre möglich.

2 Comments

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  1. Ich galube, es hängt vom „Effekt“ ab, den ich zu erwarten habe, wenn ich etwas erneut wage. Wenn ich weiß, daß das Mich-Einlassen schwer beschädigen könnte, dann lasse ich es.

    Für manche mag das nicht gelten!! Gutes Beispiel ist hier für mich Henry Miller, der sich als alter Mann in eine junge Japanerin verliebte und bewusst das hohe Risiko einging.
    Er wurde abgestraft und hatte furchtbar zu leiden. Und das im hohen Alter, „in dem man sonst die Früchte des Lebens erntet“. Aber ich denke, H. Miller war das Risiko egal.
    Wenn man stark ist, kann man Risiken eingehen. Wenn man aber um seine Verletzlichkeit in hohem Masse weiß, ist Vorsicht geboten.

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    • Ein guter Einwand. Das Problem liegt wohl darin, dass man manchmal das Scheitern als zu wenig realistisch sieht oder die eigene Stärke überschätzt – oder aber das, was man tun will, als den Weg erhofft, der endlich zum Ziel führt. Dabei das eine oder andere übersieht, ausblendet oder nicht sehen kann.

      Aber in der Tat: Sich selber einzuschätzen und die Fähigkeit, mit einem möglichen Risiko umzugehen ist sicherlich ein guter Rat, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. Die eigenen Grenzen erkennen und sie nicht permanent überschreiten.

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