Das Leben geht weiter

Das Leben geht weiter

Ein Spruch, den man oft zu hören kriegt, wenn man mit dem Schicksal hadert, etwas passierte, das einen traurig macht, das einen verletzt, wo man vielleicht auch eigene Fehler sieht – oder sich denen anderer ausgesetzt. Das Leben geht weiter. Es will heissen, man solle abhaken, was war und vorwärts gehen. Man könne nicht ändern, was war, nur was ist und sein wird. Alles wahr.  Trotzdem war, was war und es wirkt nach. Es hinterlässt Gefühle und es lässt einen mit diesen Gefühlen kämpfen, sie hinterfragen, hinterfragen auch, was war und ob es hätte anders sein können.

Hätte ich mich anders verhalten müssen? Habe ich falsch entschieden? Habe ich etwas übersehen? Wo bog ich falsch ab auf meinem Weg? War ich zu leichtgläubig? Zu stur? Falschen Wünschen hinterher rennend?

Es stimmt, man kann die Vergangenheit nicht ändern. Was war, war, es wird nicht anders, nur weil ich es mir anders wünsche. Und doch lässt es ab und an nicht los. Die Gelassenheit, die man leben sollte, das nicht Anhaften, das Loslassen – alles gut und schön. Es gibt Zeiten, da kommt die Vergangenheit hoch und überrollt einen wie eine grosse Welle.  Man sieht sich konfrontiert mit eigenen Fehlern, mit eigenem (heute so gewertetem) Versagen, sieht Menschen, die man verlor, Beziehungen, die zerbrachen, Träume, die wie Seifenblasen platzten. Man hadert mit der eigenen Sturheit in vergangenen Situationen, mit verpassten Chancen, gelebter Feigheit und wünscht sich, man hätte damals gesehen, was man heute sieht. Nur war das damals nicht zu sehen.

Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden. (Sören Kierkegaard)

Damals hat man agiert, wie man damals musste und glaubte, es wäre richtig. Vielleicht sagte sogar eine leise Stimme in einem, dass es nicht richtig sei, aber man hatte nicht den Mut, ihr zu folgen. Sich heute dafür zu schelten, wäre schade und würde nichts bringen. Die Trauer zuzulassen über das, was vielleicht war oder nicht war, ist menschlich. Es darf auch Platz haben. Wichtig ist – so denke ich – dass man sich immer wieder vor Augen führte, dass damals alles anders war, damalige Entscheidungen auf anderen Voraussetzungen fussten. Hätte man damals gewusst, was man heute weiss, hätte das Leben eine andere Bahn genommen. Doch bei soviel Konjunktiv kommt das Leben nicht mehr mit, es findet im Indikativ statt. Zu jeder Zeit. In jedem Augenblick. Und so kann ich in jedem Moment nur das sehen, was gerade sichtbar ist, ich kann es bewerten mit dem Werkzeug, das ich im Moment selber habe und ich gehe dann den Weg, den mir all die Mittel, die ich verfügbar habe, weisen. Im Wissen, dass ich nie unfehlbar bin, im Vertrauen, dass alles einen Sinn hat,und in der Hoffnung, das alles kommt, wie es soll.

Rückschläge, Fehler, Leiden – alles gehört zum Leben. Was zählt ist, wie man damit umgeht, wie man danach weiter geht. Und so hadere auch ich ab und an mit Entscheidungen, hinterfrage sie, trauere und gehe weiter.

4 Comments

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  1. Man hat eine Auffassung davon, was geschehen ist. Der andere auch. Jeder hat so sein Bild.
    Ob es da immer einen Konsensus gibt? Ich glaube nein!
    Ich traue selbst meinen eigenen Geschichten über meine Vergangenheit nicht völlig, aber irgendeine Geschichte muß man ja konstruieren.
    In diesen Zusammenhang passt auch eine „ferne“ Beobachtung, die ich hier zusätzlich anhänge: Ich sah einst, vor zig Jahren, eine Kunstinstallation mit vielleicht 24 Bildschirmen. Auf jedem BS war eine Person zu sehen, meist jung, die offenbar etwas erzählte. Schnappte man sich eines der Kopfhörer zu den Bildschirmen, so hörte man die betr. Person (englisch) etwas über ihr Leben erzählen. Es war erstaunlich, wie „getürkt“ und „unecht“ sich diese Berichte anfühlten, reine Phantasie sozusagen. Man spürte das regelrecht. Aber die Personen glaubten offenbar ihre Aussagen – oder es war etwas, was sie vor sich selbst erzählten oder erzählen mussten. Tief innen war sicher etwas verborgen, das es besser wusste. So fühlte es sich an!

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    • Erinnerung ist ja auch selektiv und diese Selektion ist immer eine Verzerrung der Umstände, indem Details ausgeblendet und andere fokussiert werden. Ab und an wird die Erinnerung schwammig, Gewünschtes vermischt sich mit tatsächlich Erlebtem, man impliziert Gedanken hinein und Sehnsüchte, gibt durch eigene Wertung eine Färbung. Insofern ist jede Erinnerung Konstruktion und wie du sagst: Man kann ihr eigentlich nicht ganz trauen. Trotzdem stützen wir zu einem guten Teil unsere Identität darauf, wir sehen uns als Resultat dessen, was passiert ist, sehen unsere Geschichte als das, woher wir kommen.

      Danke für den Hinweis auf diese Kunstinstallation – klingt sehr spannend!

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