Weinfreuden

10152405_10202465066121293_7551675068753514742_nHeute hatte ich das Glück, eine wunderbare Degustation besuchen zu dürfen. Ich liebe Wein seit langem, verstehe nichts davon, weiss aber, was mir schmeckt und wenn er schmeckt, ist Wein der Himmel auf Erden. Es geht nicht um Alkohol und Besäufnis, es geht um Geschmack, um eine Bandbreite von Süssen und Säuren, von Früchten, Tiefe, Erde, Holz, Charakter. Es ist eine eigene Welt und diese eröffnet wiederum eine Welt in dir. Wein mit Genuss getrunken lädt dich ein, Genuss pur zu erkunden, zu erkennen, zu erleben. Er lässt dich dazu dich selber entdecken, indem er Dinge freilegt, die in dir angelegt sind, schlummern, nicht durch kommen, weil sie von selbst gebauten Mauern umschlossen sind, gehemmt, nicht zugelassen vom inneren Zensor.

Hier sitze ich nun und bin gar kein armer Tor mehr wie Goethes Faust. Ich spüre Glück und Freude, sehe mein Leben und es ist schön. Sehe die Poesie in den Dingen und sehe die Farben der Welt. Und ich weiss, die dunklen gehören dazu wie die momentan vorherrschenden bunten – und das ist gut, denn ich bin sicher, ich werde auch sie bezwingen, denn die bunten, guten, wunderbaren sind so viel stärker. Und das nicht nur des Weines wegen, dieser lässt sie vielleicht noch ein wenig bunter leuchten, kann aber nichts erschaffen, was nicht schon da war.

Und aus dem Nichts kommt mir eines meiner Lieblingsgedichte in den Sinn:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang. (Rilke)

Mein Gedanke dazu ist nur:

 Es liegt Poesie im Wein,
im ganzen Leben.
Man muss sie erkennen,
man muss sie leben.

In diesem Sinne – es wird noch was gehen. Und davon ganz viel. Zu finden sein wird es hier: Philovinum

Allen Leuten recht getan

Es gibt Menschen, denen wirst du es nie recht machen können im Leben. Egal, was du machst, sie werden etwas finden, woran sie dich aufhängen können. Selbst wenn du das tust, was sie bei deinem letzten Fehler vorschlugen, wird es nicht gut sein, weil dann etwas anderes plötzlich noch besser wäre. Und so rennst du ständig einer unerreichbaren Bestätigung hinterher, vergisst dabei fast, was du selber gerne möchtest, nur um andern zu genügen.

Wozu? Es ist absolut sinnlos. Wenn man erst einmal bemerkt hat, dass man es gewissen Menschen – wieso auch immer – nie recht machen kann, kann man auch genauso gut das tun, was man selber will, denn dann hat man es immerhin jemandem recht gemacht: Sich selber.

Liebe geht nicht nur durch den Magen

An meine Maturaprüfung musste ich 10 Werke der deutschen Literatur lesen. Neun las ich, das 10., Minna von Barnhelm von Lessing, ignorierte ich. Ich las wohl mehr Sekundärliteratur als das kleine Werk selber zu lesen gewesen wäre, trotzdem fühlte ich mich als Revoluzzer. Geprüft wurde das nicht gelesene 10. Werk und ich brillierte. Nach meiner Matura studierte ich Germanistik. Pünktlich zur Zwischenprüfung wurden wir Studenten mit einer ellenlangen Literaturliste beglückt, welche die zu lesenden Werke enthielt. Unter anderem Minna von Barnhelm. Dieses Mal las ich es und fand es toll. Ich liebte Lessings Spiel um Gefühl und Geld, die Kniffe, mit denen er die vorherrschenden Gedankengänge Liebender umfasste.

Kann sie mich lieben, wenn ich ihrer nicht würdig bin? Liebt er mich nicht mehr, weil ich bin, wie ich bin und habe, was ich habe? Probleme, die wohl zeitlos sind, über die ganze Bibliotheken geschrieben wurden. Jeder denkt, er hätte sie verstanden und stünde drüber, bis die Realität ihn einholt.

Was ist Liebe und wieso liebt man? Weil jemand etwas bieten kann? Sind Geld, Macht und Status ausschlaggebend oder doch die romantischen netten Gefühle, die Schmetterlinge tanzen und Herzen springen lassen? Springen die Herzen weiter, wenn der Magen knurrt oder wäre da nicht doch ein wenig mehr Substanz sinnvoller und hilfreicher?

Minna entscheidet sich für die Liebe und bringt diese Entscheidung dem etwas sturen, verarmten und doch geliebten Mann nahe. Der weiss nicht mehr, wie ihm geschieht vor lauter Ringen, nimmt den falschen und damit der Moral der Geschicht’ nach genau den richtigen. Denn – so will uns Lessing sagen –, es gewinnt immer die Liebe.

Das sollte sie wohl auch. Ein knurrender Magen mag ab und an störend wirken, ein ungeliebter Mann, der zwar den Magen füllt, das Herz aber leer lässt, verursacht jedoch einen Kloss im Hals. Das Filet rutscht gar nicht zum Magen durch, der bleibt leer und wenn nicht er, so doch das Herz. So wird man wohl mit vollem Magen überleben, aber ob blosses Überleben wirkliches Leben sei, das bleibt dahingestellt. Schaut man in die Welt der Schönen und Reichen, scheint diese nicht wirklich rosig und glücklich zu sein. Ich würde nicht behaupten wollen, dass sie viel unglücklicher als die der anderen Menschen ist, aber das Geld allein scheint das wahre Glück nicht zu befördern.

Klar kann man nun sagen, dass man, wenn man schon das Liebesglück nicht hat, wenigstens den Schuhschrank füllen kann – vom Magen ganz zu schweigen. Allerdings wird ein voller Schuhschrank das Loch im Innern nie ganz stopfen. Und wer weiss, vielleicht reicht es irgendwann, von Luft und Liebe zu leben. Und wenn nicht, muss es auch nicht immer Filet sein, Spaghetti sind Glücksnahrung. Was will man mehr.

Mensch unter Menschen

Das Leben ist nicht immer einfach, ab und an wirft es einem Steine in den Weg, baut ganze Berge drauf, die abzutragen man sich irgendwann nicht mehr zutraut, weil man sich so klein fühlt in deren Angesicht. Man versucht ab und an, sie zu bezwingen, doch mal wünschte man sich einen Führer, dann fehlt es an gutem Schuhwerk und wenn man fast oben wäre, reisst das Sicherungsseil und man purzelt wieder runter. Und liegt dann da. Schaut hoch. Sieht sich gescheitert. Denkt sich, was wohl die anderen denken. Erfindet eine Geschichte, dass man gar nicht hoch wollte, es eigentlich unten viel schöner sei, man überhaupt sehr froh sei, hier unten zu sein, da die Luft oben viel zu dünn wäre.

Und tief drinnen schmerzt es. Es schmerzt, nicht hochgekommen zu sein, es schmerzt, niemandem vom Schmerz erzählen zu können und es schmerzt, sich so verdammt alleine zu fühlen. Der Schmerz gräbt sich ein, tief und tiefer und man fühlt sich klein, so unendlich klein neben diesem Berg und klein, weil keiner sieht, wie klein man sich fühlt. Doch: Wie sollte es anders sein? Die anderen sehen nur das, was man zeigt und zeigen tut man nur das Strahlegesicht, welches ausdrückt, alles im Griff zu haben, weil man denkt, niemand möge einen mehr, wenn man ein anderes aufsetzen würde. Und wenn man noch gemocht würde, so sicher mitleidig, nie aus Überzeugung.

Den Schein wahren nennt man das. Wozu eigentlich? Was bringt einem dieser Schein? Eine kurzfristige Befriedigung, nicht das Gesicht verloren zu haben. Vor wem? Menschen, die einen mögen, würden einem nie vorwerfen, dass man nicht perfekt ist. Menschen, die wirklich zu einem stehen, würden einen nicht fallen lassen, nur weil man einen Berg nicht bezwang. Wem also wollen wir imponieren? Unseren Freunden? Der Welt? Können wir das überhaupt? Und ist es sinnvoll? Freunde werden wir nicht halten, wenn wir immer nur maskiert rumlaufen und für die Welt sind wir kleine Lichter (die meisten sicher – und das ist nicht mal schlecht, man stelle sich nur vor, die ganze Welt stünde auf der Matte und man hätte sie zufrieden zu stellen).

Wieso also diese Maske? Wieso nicht einfach zu sich stehen und sagen: Ja, der Berg war zu hoch, ich habe ihn nicht geschafft. Ich leide darunter, aber ich muss damit leben? Wäre nicht das wirkliche Grösse? Man zeigt sich nicht klein, weil man was nicht geschafft hat, sondern gross, weil man es erkannt hat. Zu sich steht. Hinsteht und sagt: He, ich bin nicht perfekt, ich leide, es geht nicht gut. Aber ich habe es erkannt und ich gehe es an. Und plötzlich kommen Menschen. Sie haben dasselbe erlebt, sie erkennen sich wieder. Sie stehen zu dir. Machen Mut. Geben Zuspruch. Und du siehst: Ich bin nicht allein. Ich bin nicht der Versager unter lauter Gewinnern, sondern Mensch unter Menschen. Und das tut unglaublich gut. Es braucht ein wenig Mut, aber es ist der wohl einzig richtige Weg.

Wanderung aufs Schnebelhorn – 11. Mai 2014

DSCF0002War ich als Kind viel gewandert, das sogar gerne (wenn ich mal unterwegs war, vorher konnte es durchaus vorkommen, dass ich motzte und nicht wirklich begeistert war), hörte das Wandern mit der Pflicht durch die Eltern ziemlich auf. Nicht dass ich nicht bei jedem Bild von Bergen das Reissen bekam, noch immer war ich Bergkind, die Berge für mich Kraftorte und wenn ich die Wahl hatte zwischen Bergen und Meer, wählte ich immer die Berge, aber ich raffte mich nicht mehr auf, hatte auch niemanden, der half, Motivation wachzurufen und ohne sah ich mich nicht in der Lage, meine eher faulen Glieder in Bewegung zu kriegen.

DSCF0009Heute kam die Veränderung. Ich wanderte aufs Schnebelhorn, seines Zeichens höchster Berg des Kantons Zürich. Die Wettervorhersagen waren eher mässig, meine sonst wirklich liebe Mama lachte sich kaputt, als sie von meinen Plänen erfuhr, ich aber zog es dank wunderbarer Begleitung durch (zumal ich nicht das Gesicht verlieren wollte und mich auch wirklich freute).

Mit dem Zug ging es nach Steg, von wo die Wanderung losging. Schon nach kurzer Zeit waren wir mitten im Grünen. Nach all den Jahren einfach nur wunderbar. Die ersten Meter waren eher steil, aber gut machbar. Ich spürte einen lange nicht mehr gekannten Elan, stieg munter bergan. Das Grün nahm zu, mit jedem gewonnenen Meter wurde der Horizont weiter, die Sicht ging mehr in die Ferne. Berge erhoben sich weit hinten, umschlossen von Tälern, Ebenen mit Städten und Dörfern. Weit hinten erkannte man alsbald auch den Bodensee – ein Panorama, das seinesgleichen sucht (zumindest für einen Langzeitnichtmehrwanderer).

DSCF0019Der Aufstieg war problemlos, auch das als schmal und gefährlich ausgewiesene Weglein war gut machbar (an dieser Stelle auch mal ein grosses Dankeschön an meine Eltern und vor allem meinen Papa, der mir ein guter Lehrmeister in Sachen Wandern gewesen ist).  Das stille und gleichmässige Hochsteigen liess meine Gedanken fliessen, ohne dass ich sie gross lenkte. Eine Weite und Klarheit tat sich auf – aussen wie innen – und das war wunderbar. Ich gestand mir ein, dass ich vor der Wanderung schon meine Ängste hatte – Angst, den Mund zu voll genommen zu haben, Angst, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Angst, dadurch das Gesicht zu verlieren. Und ich lernte über mich viel dabei:

Oft sehen wir die Herausforderungen grösser als sie sind, weil wir uns selber kleiner einschätzen, als wir in Tat und Wahrheit sind.

DSCF0030Der Gipfel kam nah und näher, am Ende wartete nochmals ein eher steiles Stück. Oben angekommen war das Hochgefühl grandios. Geschafft. Was am Anfang so gross und hoch erschien, war einfach erlaufen worden. Ich war oben und ich fühlte mich toll. Das Wetter hatte ziemlich gehalten, ein paar sehr starke und kalte Winde liessen mich zwar vor Kälte erbeben, das tat meinem Glücksgefühl keinen Abbruch. Auf das geplante Picknick wurde zugunsten einer Einkehr im Tierhag verzichtet. Ein zünftiges Bergplättli gab neue Kraft und der Abstieg konnte beginnen.

DSCF0040Es gab mehrere Optionen, eine war wegen Forstarbeiten geschlossen. Wir wählten eine Variante, die teilweise sehr steil durch den Wald ging, schlussendlich aber bei der Tössscheide ankam und dem Fluss entlang bis nach Steg zurückführte. Insgesamt sind wir wohl an die 4,5 Stunden gelaufen – die Pausen nicht eingerechnet. Es war wunderbar, es war ein Erlebnis, wie ich es schon lange nicht mehr hatte. Klar hat es Kraft gebraucht, aber es gab noch viel mehr zurück. Drum meine Erkenntnis:

Der Weg auf einen Berg mag dich Kraft kosten, ihn bezwungen zu haben wird dir aber ein Vielfaches an Kraft zurück geben.

DSCF0049Die Zugfahrt zurück war eine erfüllte, eine sehr stille, ein wenig müde, aber glückliche. Fazit des Tages: Das war erst der Anfang (und was für einer), es geht weiter und ich freue mich drauf.

Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V.

_MG_6743Die Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. ist eine persönliche und einladende Buchhandlung in Chemniz. Sie verkauft ein allgemeines Sortiment, versteht sich als Stadtteilbuchhandlung. Bücher, die nicht im Regal stehen, werden besorgt, egal um welches Gebiet oder Genre es sich handelt. Fremdsprachige Titel werden über Nacht vom Grosshändler oder als Direktimporttitel aus USA, GB, Italien, Spanien und Frankreich bestellt und auch die antiquarische Suche von vergriffenen Titeln gehört zum Service mit dazu.
Beim Stöbern und Entdecken stehen dem Kunden jederzeit kostenlos Kaffee und Tee zur Verfügung, von der kompetenten und freundlichen Beratung ganz zu schweigen.

Klaus Kowalke von der Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. stand mir Rede und Antwort:

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Ein Ort der Literatur. Ein Ort für Literatur. Unser Motto lautet: Einfach Bücher.
[siehe auch tumblr-blog: http://lessingkompanie.tumblr.com/ ]

Klaus KowalkeWieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

Ich bin Quereinsteiger. >Kaufmann >Philosoph/Historiker >Verleger >Dozent >Buchhändler. In dieser Reihenfolge habe ich meinen Lebensunterhalt verdient und entsprechende Abschlüsse durch Studium erworben.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Nein. Ich würde die Abkürzung wählen.

Was fasziniert Sie an Büchern? Woher stammt die Liebe dazu?

Gibt es Menschen, die keine Bücher lieben?

Gibt es Bücher, Schriftsteller, die Sie persönlich geprägt haben, die Ihnen wichtig sind?

Ja, das sind sehr sehr viele. Geprägt? David Hume würde ich sagen.

Ist der Literaturbetrieb zu bequem und auch antiquiert, müsste er mehr tun für sein eigenes Überleben? Haben neue Ideen überhaupt Platz oder behaupten die ewig gleichen ihren Platz?

Der Literaturbetrieb unterscheidet sich schon wesentlich vom Buchmarkt, was meinen Sie? Im Literaturbetrieb zählen Moden und die Hoffnung Debütanten zu entdecken. Im Buchmarkt lebt man von der Auswahl, also von der Hoffnung das richtige Sortiment zu wählen.

Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Eigentlich gar nicht. Von dem technischen Drum und Dran mal abgesehen: Ich wähle aus (meist zuviel) und kaufe ein, der Laden ist voll. Also voller Entdeckungen. Und so war es im Buchhandel und so soll es auch bleiben. Buch pur.

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Amazon? Ein Konkurrent, ganz klar. Man muss besser sein! Wir sind es!

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Gute Bücher müssen verlegt werden. Und gute Bücher müssen in die Buchhandlungen. Das sollte reichen. Nonbook, Onlinevetrieb – alles Zeitverschwendung. Der Buchhändler soll seine Kunden im Gespräch fesseln können: Ein Laden lebt von der Begeisterung des Personals und seine Kunden müssen diese Begeisterung spüren.

Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Er kann mir in die Augen schauen. Unterschätzen Sie das nicht!

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

E-Book ist eine technische Neuerung. Es wird sich neben dem Buch behaupten und in gewisser Weise den Markt verändern. Das Buch wird bleiben, wenn der Buchhändler bleibt.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Selfpublisher? Der Markt ist schon sehr überschwemmt. Als Sortimenter benötige ich die Filterfunktion des Verlages, des Lektorats damit sich Qualität durchsetzt.

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Gehen Sie in Ihrer Buchhandlung vor Ort einkaufen!

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

Nur zu, es macht Spaß! Sei identisch mit dem was du machst!

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Der Spaßfaktor: Es macht unendlich viel Spaß Bücher zu verkaufen (aber auch der Einkauf macht uns viel Freunde!).

Welche andere Buchhandlung würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?

Thomas Gralla von der „Buchhandlung Gralla am Hindenburgdamm“ in Berlin.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

_MG_6785Eckdaten:
Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V.
Franz-Mehring-Strasse 8
09112 Chemnitz

Öffnungszeiten:
MONTAGS BIS FREITAGS
 10:00 – 19.00 Uhr
SAMSTAGS
 10:00 – 13:00 Uhr

Welt der Papiere

Irgendjemand ist immer der Unterhund. Man redet gross über Gleichberechtigung, über gleiche Rechte für alle und wie man diese erreichen will. Erreicht man es schon in den viel besprochenen Fällen nie, so bleibt daneben immer wieder eine neue Gruppe Menschen, die durch alle Maschen fallen. Über diese richtet man von oben herab, weil sie nicht den Status haben, selber mitzurichten. Sie sind Menschen zweiter Klasse, sofern man ihnen überhaupt eine Klasse zugesteht, sie nicht nur einfach als zu behandelnde Ware abtut.

Eine dieser Klassen sind die Behinderten. Man diskutiert über Eingliederungsmassnahmen und missachtet dabei, dass sie genauso Menschen sind wie wir. Nur weil jemand im Rollstuhl sitzt, hat er sein Hirn nicht abgegeben. Nur weil einer geistig nicht mehr mitdenken kann, ist er nicht minderwertig, sondern hat Bedürfnisse, die er teilweise sogar formulieren kann, wenn man nur zuhören mag. Aber man mag gar nicht, man rechnet schon, wie viel kostbare Zeit da flöten ginge und diskutiert seinen Fall lieber vor x Gremien, vor denen man sich mit ach so tollen Vorschlägen profilieren kann, die zwar oft allesamt an den Bedürfnissen des davon Abhängigen vorbei gehen, aber gut klingen. Darauf kommt es an.

Und immer wieder ein gefundenes Fressen sind die Jenischen. Die Sans-Papiers. Die gehören eh nirgends hin. Die kann man rumschieben. Wo sie auftauchen, schickt man sie weg. Man will sie nicht haben. Befindet, was ihnen zusteht und was nicht und wie man sie wieder loswird. Dass sie auch Menschen sind, interessiert nicht. Ihnen fehlen die nötigen Papiere, damit sind sie nutz- und schutzlos. Nicht gewollt in dieser Welt, zumindest nicht in diesem Staat – und wohl in keinem anderen, was dann irgendwann wieder die Welt wäre.

Papiere sind es, die zählen. Hast du die richtigen, zählst du was, hast du sie nicht, bist du nichts. Sei es bei Tieren, die nur mit Stammbaum wertvoll sind, sei es bei Stellen, wo nur Diplome zählen, nicht wirklich Können. Alles steht auf Papieren. Du tust gut daran, dir eine Flut davon zuzulegen – für alle möglichen Notwendigkeiten eines. Dann gehst du auf Nummer sicher. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen dir nicht mehr auf die Hände und in die Augen schauen, sondern nur noch dein Dossier prüfen, um zu sehen, ob du passt. Partnersuche geschieht von ferne über Tasten, Bewerbungen werden via Analyse der vorhandenen Papiere entschieden (oder Vitamin B – was man mit Abstammungs- der Hinternwischpapieren gleichsetzen kann).

Und so schliesst sich der Kreis: Fehlen die nötigen Papiere, sind wir alle irgendwie behindert in dieser Welt. Es wird von irgendwo über uns entschieden und wir werden entweder ausgesiebt oder mit gut gemeinten (und für den Meinenden profitablen weil Ruhm bringenden) Massnahmen abgespeist.

Fair? Gerecht? Gibt es die beiden überhaupt? Ich denke nicht. Ich denke auch nicht, dass es erstrebenswert ist, eine gerechte oder faire Welt zu schaffen. Gerechtigkeit ist ein Kunstbegriff, Fairness ein Ideal. Das erste ist unerreichbar, das zweite anzustreben. Es reichte in meinen Augen schon, offen und ehrlich an die Dinge heranzugehen, hinzuschauen, wirkliche Lösungen finden zu wollen und den Menschen als Menschen mit seinen wirklichen Fähigkeiten und Talenten (aber auch Schwächen) und nicht als Summe seiner Papiere zu sehen. Ob man das je wollen wird?

„Es ist nur ein Auto“

Mein Auto hat einen Namen. Den bekam es, weil es mein Traumauto, mein Wunsch seit langem war. Und weil der Name passte. Es heisst George. George ist alles, was ich will. Ich träume nicht von Status oder Marke, ich sah dieses Auto und verliebte mich. Und wusste: Das Auto will ich mal haben. Und irgendwann, nachdem ich mir immer wieder andere Autos zulegte, weil sie grad irgendwelchen aberwitzigen und doch glaubhaft klingenden Argumenten folgten, kam George in mein Leben. Die Freude war gross. Abgesehen davon, dass mein Tagesablauf ohne Auto nicht zu schaffen ist, war ich einfach nur glücklich, ihn bei mir zu haben.

George ist kein Vernunftsauto. Er hat kaum Kofferraum, die Hintersitze sind nicht wirklich komfortabel, der Blick nach hinten endet im schwarzen Stoffdach. Was für ihn spricht, ist die stärkere Leistung, die mir vorher fehlte. Ruckelte ich vorher mit maximal 40 km/h den Hügel rauf, wo ich für die Autobahn schon hätte beschleunigen müssen, zieht George durch. Und wie. Eine wahre Freude für einen sportlichen Fahrer wie mich. Der ängstliche Fahrer in mir fühlt sich auch gleich wohler, drängelt doch keiner mehr hinter mir, sondern sind sie alle weit zurück.

Die Freude an George währte nicht lange. Zwei Tage nach dem Kauf die ersten Probleme. Seit da renne ich mit dem Kleinen zum Autodoktor. Und verzweifle fast. Der Demoeffekt schlägt zu. Was zu Hause rinnt, ist in der Garage dicht. Trotzdem nehmen Flüssigkeit und Budget ab. Da die Lage sonst schon angespannt ist, reicht das ab und an, das Fass zum Überlaufen zu bringen, sprich, meine Augen werden auch undicht.

Wenn man um ein Auto weint, kann man sich auf Spott und Häme gefasst machen. Es ist ja nur ein Auto. Ja, ist es. Aber es steckt mehr drin. Neben Traum und Liebe auch viel Lebensnotwendigkeit. Und Rennerei momentan. Aber natürlich – von aussen nur ein Auto. Was soll’s. Man sollte sich nicht so haben. Wäre George nur blosser Status, hätte ich mich wohl nicht so. Er ist aber Familienmitglied, weil ohne ihn diese Familie Probleme hat. Wir sind ein System, in dem alles seine Rolle hat, alles Glieder einer Kette sind, die zusammenhalten müssen, damit die Kette hält. Momentan schwächelt sie. Drum muss George wieder heil werden. Denn wir brauchen ihn. Und wir wollen IHN und keinen anderen. Klar gibt es schönere, grössere, tollere, teurere Autos. Ich will aber ihn wieder haben. Heil und noch lange mit uns.

George, nur ein Auto? Mag wohl sein. Allerdings habe ich keine Dinge, nur damit ich sie habe, als Status. Ich baue Beziehungen auf, habe Gründe und hänge dann dran. Ich gebe mich auch nicht mit Menschen ab, nur weil man sich ja abgibt, der Mensch vielleicht Rang und Namen hätte. Ich gebe mich mit Menschen ab, weil sie Menschen sind und mir als solche was bedeuten. Was ist ein Leben, das nur auf Status, Ruf und Dünkel baut? Vielleicht ein schillerndes, ein glänzendes. Mag sein. Wohl nicht meines. Im Moment möchte ich einfach mein Auto wieder haben und wissen, wir werden noch so manche Fahrt zusammen machen, weil sie nötig ist, so manche geniessen, weil sie schön ist, so manche erleben, weil wir sie erleben können.

Wirklich wichtig im Leben ist nur das, was für dich selber eine Bedeutung hat. Alles andere ist blosser Schein.

Verkaufte Seele

Wann verkauft man seine Seele? Wenn man seine Träume lebt und dafür Kompromisse eingeht, um sie zu ermöglichen, oder wenn man seine Träume beerdigt, weil sie nicht ohne Zugeständnisse an anderen Orten lebbar sind? Gar in beiden Fällen?

Das Leben und die Träume

Es war einmal ein Traum, der wollte gelebt werden. Das sei sein Recht, glaubte er, denn überall hörte und las er: „Lebe deine Träume!“ Genau das sollte auch mit ihm getan werden. Das Leben machte ihm einen Strich durch die Rechnung, es stellte ihm die Pflicht an die Seite, die gelebt werden müsse und sagte dem Traum: „Schau, wie du aus der Nummer rauskommst.“ Das Leben wollte sich aber nicht lumpen lassen und bot noch Herz und Verstand als Entscheidungshilfen. Wirklich einfacher wurde es mit den beiden Streithähnen nicht, denn was der eine wollte, fand das andere daneben, wonach sich das eine sehnte, fand der andere untragbar. Und so stritten sie bis in alle Nächte, Traum und Pflicht harrten der Entscheidungen, die da kommen mochten und hielten sich still. Das Leben ebenso.

Endlich kam Licht ins Dunkel, Herz und Verstand näherten sich an, empfanden die Pflicht zwar durchaus als wichtig und nicht zu vernachlässigen, den Traum aber als unbedingt lebenswert. Was wäre das Leben ohne Träume? Das Herz fand, es wäre fad, traurig, leer und trist, der Verstand musste ein wenig einlenken, immer mit dem doch stetig leiser werdenden Einwand: „Aber wenn jeder nur täte, wie er wollte, wo kämen wir da hin?“, den er schlussendlich runterschluckte und nur noch dachte, dass man vielleicht in ein zufriedeneres Leben steuern würde. Das konnte er aber natürlich nicht laut zugeben.

Und wie es im Märchen so ist, käme nun der Abspann: „Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute glücklich. Der Traum ist gelebt, die Pflicht nicht ganz vernachlässigt, Herz und Verstand schauen eng umarmt zu, nicken sich freudig an und lächeln.“ Das Leben macht es den Vieren aber nicht so einfach, es holt einen neuen Traum aufs Tapet. Und vielleicht noch einen. Und auch diese Träume wollen alle gelebt werden, kommen sich aber in die Quere. Wenn der eine gelebt wird, muss der andere weichen und untergehen. Wenn der dritte zum Zuge kommen will, müssen erst zwei aus dem Leben aussteigen.

Herz und Verstand schauen sich an und verstehen das Leben nicht mehr. Sie suchen nach Worten und finden sie nicht. Sie schauen die Träume an und finden sie alle dem ersten nicht minderwertig. Sie schimpfen mit dem Leben und finden es ungerecht. Sie fragen, was sie denn tun sollen und wissen schon, dass sie keine Antwort kriegen. Das macht sie noch wütender. Das Leben selber rollt die Augen gegen den Himmel und findet, sie sollen sich alle nicht so haben. So sei es nun mal.

That’s life

Das Leben ist schwer. Teilweise sehr. Ab und an denkt man, man hätte ein Abo für negative Dinge, da sich eines ans andere reiht. Als ob sie sich verabredet hätten und nun alle auftauchen wie unliebsamer Besuch. Und oft bleiben sie. Wie der Besuch mit Sitzfleisch, der nicht reagiert, wenn man sich räuspert, gähnt, den Tisch abräumt, von frühen Terminen am nächsten Morgen spricht. Und irgendwann taucht die Frage auf: Wieso eigentlich? Geht das allen so? Nur mir? Was habe ich getan, dass es mich trifft? Was in meinem Verhalten, meinem Sein, meinem Tun löst das aus? Kann es nur Zufall sein?

Zufall oder Schicksal? Am ehesten glaube ich an Ursache und Wirkung. Und genau dieser Glaube versetzt in die Frage nach dem Warum, die oft einfach nicht zu finden ist. Wieso wird jemand krank? Wieso kommt jemand in einem armen Land zur Welt, der andere als Sohn reicher Eltern? Wieso geschehen Umweltkatastrophen (die ganze Klimadiskussion ist hier nicht als Antwort gesucht) und Menschen wohnen genau da, wo sie passieren? Wieso stürzt das eine Flugzeug ab, Menschen sterben, das nächste fliegt durch? Doch Zufall? Wohl schon… irgendwie.

Klar kann man dahin gehen und sagen, wenn man nicht hätte, wäre auch nichts passiert. Aber das bringt schlussendlich wenig. Gewisse Dinge tut man 100 Mal und es geht gut, einmal geht es daneben und man sitzt da. Schlussendlich bleibt wohl die Erkenntnis, dass das Leben eine einzige grosse Herausforderung ist – auf vielen verschiedenen Ebenen. Und wenn man die eine im Fokus hat und dran arbeitet, vernachlässigt man eine andere. Gesund wäre eine Balance in allen Bereichen. Das machen sich einige findige Geschäftsleute zu nutzen und bieten Programme an. Meist bleiben das Ferieninseln, der Alltag holt einen schnell ein.

Also aussichtslos? Das Leben ein einziges Leiden, man selber der Spielball der irdischen Kräfte, die einen hin und her werfen? Ab und an wohl schon. Und doch ist wohl nicht alles verloren. Dass man nicht alles haben kann, ist meine feste Meinung, man kann sich aber überlegen, was man wirklich will. Und da den Fokus auf ein paar wenige Dinge legen, die verfolgen. Weil man weiss, sie sind gut, sie sind richtig. Für einen. Das Problem, das sofort auftaucht: Was finden die anderen dazu? Und schon sitzt man wohl im nächsten Konflikt. Und so reiht sich einer an den anderen und man sitzt so drin und schaut sich um, sieht sich umrandet von den diversen Konflikten, die sich paaren mit Mustern, die man nicht haben will, trotzdem hat, verliert mal die Nerven, schilt sich, findet sie wieder, läuft weiter, um wieder da zu landen.

Und doch. Ab und an gibt es diese Highlights. Die sind toll. Sie machen Freude. Man fühlt sich sogar glücklich. Und denkt, die Welt ist wunderbar. Das Leben wundervoll. Und man möchte die Welt umarmen und alle Menschen, die man sieht und ihnen sagen, wie toll das Leben ist. Allerdings lauert wohl schon da hinter der nächsten Ecke das nächste Unheil. Und es reisst einen rein. Es fühlt sich an, wie wenn jemand den Stecker zieht beim Staubsauger und plötzlich alles still ist. Und man sieht den Staub schon förmlich wachsen.

Tja, wie sang Frank Sinatra so schön:

You’re riding high in April, shot down in May
But I know I’m gonna change that tune
When I’m back on top, back on top in June

Träume leben – und sie verabschieden

Manchmal hat man Träume im Leben. Und man malt sich aus, wie es wäre, sie zu verwirklichen. Und man ist sicher, dass man glücklich wäre, hätte man sie erst verwirklicht, weil man sich dann am Ziel seiner Träume wähnt und man ja von etwas träumt, dass man sich als erträumenswert ausgedacht hat.

Oft zaudert man, die Träume anzugehen, man sieht sie als unerreichbar und hat 1000 Gründe, sie nicht erfüllen zu können. Man griff auch hoch beim Träumen, kleine Träume sind keine Träume, sondern eher Wünsche, die man sich vielleicht noch eher erfüllt. Aber Träume. So wirklich grosse. So wirklich tolle. Die sind weit weg. Und durch die Ferne quasi unerreichbar. Man träumt sie. Über die Zeit werden sie immer grösser und erstrebenswerter. Das Sehnen danach nimmt zu. Das Leiden am Nichterreichenkönnen auch.

Und vielleicht packt man eines Tages den Mut. Und beginnt, sich an die Erfüllung des Traumes zu machen. Und man merkt, dass es sogar gehen könnte. Plötzlich reiht sich Glied an Glied und die Kette führt zum Ziel. Und man ist da. Und es ist schön. Und man ist stolz. Man geniesst es. Endlich da.

Damit könnte die Geschichte zu Ende sein. Bei Rosamunde Pilcher wäre sie das und ab und an wäre ein Leben frei nach Pilcher wunderbar, denn am Schluss ist alles rosarot und die Farbe ist toll. Aber. Wir sind nicht bei Rosamunde. Wir sind im richtigen Leben. Und ab und an ergibt es sich, dass die Erfüllung der Träume plötzlich an den Punkt gelangt, an dem man merkt, dass sie gar nicht so toll ist, wie man sich über Tage, Wochen, Monate, Jahre ausgemalt hatte. Die Ernüchterung setzt ein. Man schaut auf das Erreichte, zwar schwingt noch ein Rest Stolz mit, aber daneben macht sich das Gefühl breit, einem ganz grossen Irrtum aufgesessen zu sein. Wo bleibt all das Glück, das man sich erträumte, dessen man sich so sicher war? Das sollte doch nun gefälligst da sein. Bleiben. Einen wie ein Honigkuchenpferd grinsend durch die Welt laufen lassen.

Was ist passiert? Nicht alle Träume entsprechen uns wirklich. Einige kommen auf, weil sie von aussen toll erscheinen, weil andere sie leben und damit glücklich sind, weil wir sie falsch einschätzen. Und wir hängen ihnen nach. Unerreicht behalten sie ihren Reiz, da nur das, was wir wirklich erfahren, reale Wirkung hat, alles andere bleibt reine Vorstellung, Projektion. Erreicht stellen sie sich der Realität. Und uns. Und ab und an unterliegen sie. Unterliegen auch wir. Wir sehen, dass unser Sehnen etwas entsprach, das nicht uns entsprach. Also alles ein Irrtum? War es falsch, den Traum zu verwirklichen und wir haben quasi versagt? Denn so fühlen wir uns. Als Versager. Als jemand, der in die Irre lief.

Ich denke nicht. Wir hatten den Mut zu träumen. Wir lebten den Traum, verharrten nicht im Ausmalen. Wir wagten etwas und sahen, wie es wirklich ist. Das allein ist schon toll. Dass es nicht so war, wie es schien, ist vielleicht schade. Sicher ist es eine Ent-Täuschung im wortwörtlichen Sinne. Wir sind enttäuscht im übertragenen Sinn, weil wir uns mehr erhofft haben, aber auch ent-täuscht im Wortsinn, da uns eine Illusion klar wurde. Wir wissen wieder ein wenig mehr über uns selber und können weiter gehen mit dem Wissen. Neue Träume finden. Und den Mut haben, sie zu realisieren. Denn nur dann leben wir unser Leben – das Leben, das uns entspricht. Nur dann lernen wir uns kennen und gehen weiter.

 Träume, die nur geträumt werden, sind Leerläufe. Träume, die gelebt werden, sind das Salz in der Suppe des Lebens.

Aurora: „Ausgrenzung ist menschlich“

Ich danke dir für deine Bereitschaft, einen Einblick in dein Leben zu gewähren. Stell dich kurz vor: Wer bist du, wie würdest du dich und dein Leben beschreiben?

Ich arbeite seit 15 Jahren als Agogin. Ich betreue Menschen, die als schwer geistig behindert bezeichnet werden. Ich lebe mit Katze und Freund zusammen. Ich würde mich als soziales und intelligentes menschliches Wesen bezeichnen, mit sehr vielen Interessen und Leidenschaften. Ich schreibe gerne. Ich kümmere mich sehr gerne um meine Familienmitglieder.

Weiss dein ganzes Umfeld, dass du Autist bist? Wie offen gehst du damit um? Hat der Autismus einen Einfluss auf deine Freundschaften?

Nein. Wirklich wissen tun es nur wenige Menschen. Es ist nichts, was ich bereit streue.
Ich denke, dass die wenigsten Menschen wissen oder ahnen, dass ich Autistin bin, vermute aber, dass diejenigen, die offen dafür sind, es längst gemerkt haben. Ich tue mich schwer mit Freundschaften. Es gibt einige wenige Menschen in meinem Leben, die ich als Freunde bezeichne. Ich bin in Sachen Freundschaft sehr empfindlich.

Gibt es im Alltag Dinge, wo du Hilfe brauchst? Wenn ja, welche? Würdest du dir grundsätzlich mehr Hilfe oder sonst Unterstützung wünschen?

Ich brauche wenig Hilfe im Alltag. Einzig allein in Menschenmassen, wie z.B. beim Anstehen fürs Rigibähnli, bin ich froh, wenn ich den Massen nicht alleine ausgeliefert bin. Ich bin froh, wenn man mich nicht einfach so anfasst. Anstandsküssli finde ich grauenvoll.
Ich habe Mühe mit Schattierungen von Emotionen.

Gibt es Tage, an denen dir alles zu viel wird, du haderst mit deinem Schicksal, die Frage nach dem Warum vielleicht hochkommt?

Ich hadere selten mit meinem Schicksal, weil ich nichts anderes kenne. Mir werden eigentlich nur verschiedenartige Ansprüche zu viel, ich genüge ihnen nur oberflächig. Ich fühle mich als vollends funktionsfähig.

Wenn du nicht Autist wärst, denkst du, du wärst am selben Punkt im Leben heute oder hättest du Dinge anders gemacht?

Das weiss ich nicht.

Gibt es etwas, das du als positiv erachtest an deinem Autismus? War er „für etwas gut“?

Ich denke, meine Wahrnehmung, so heftig sie ist, hat ein Gutes. Ich nehme oft wahr, was andere übersehen. Kleinigkeiten. Ich denke, ich bin ein sehr sensibler Mensch.

Was wünscht du dir von den Menschen da draussen? Von den einzelnen, von der Gesellschaft?

Worunter ich wirklich leide, sind Aussprüche von politischen Personen, die ihre Gegner als Autisten bezeichnen. Ich finde das beleidigend und demütigend.

Ist man heute wirklich so aufgeklärt oder findest du, dass Krankheiten und Behinderungen noch immer Tabu sind, Menschen, die betroffen sind, ausgegrenzt sind?

Das weiss ich nicht.
Ich denke, Ausgrenzung ist etwas zutiefst Menschliches, sie ist ein menschlicher Instinkt, der gruppendynamisch funktioniert.

Muss man Ausgrenzung also hinnehmen und damit umgehen lernen?

Ich weiss nicht. Ich nehme an, das ist das Recht, des Stärkeren.

Gibt es etwas, das du einem ebenfalls Betroffenen sagen möchtest?

Lass dir von niemandem einreden, dass du schlecht bist.

Aurora, ich möchte mich ganz herzlich für diese Antworten bedanken, die einen wunderbaren Einblick in deine Sicht des Lebens und deinen Umgang mit Autismus gewähren.