Aurora: „Ausgrenzung ist menschlich“

Ich danke dir für deine Bereitschaft, einen Einblick in dein Leben zu gewähren. Stell dich kurz vor: Wer bist du, wie würdest du dich und dein Leben beschreiben?

Ich arbeite seit 15 Jahren als Agogin. Ich betreue Menschen, die als schwer geistig behindert bezeichnet werden. Ich lebe mit Katze und Freund zusammen. Ich würde mich als soziales und intelligentes menschliches Wesen bezeichnen, mit sehr vielen Interessen und Leidenschaften. Ich schreibe gerne. Ich kümmere mich sehr gerne um meine Familienmitglieder.

Weiss dein ganzes Umfeld, dass du Autist bist? Wie offen gehst du damit um? Hat der Autismus einen Einfluss auf deine Freundschaften?

Nein. Wirklich wissen tun es nur wenige Menschen. Es ist nichts, was ich bereit streue.
Ich denke, dass die wenigsten Menschen wissen oder ahnen, dass ich Autistin bin, vermute aber, dass diejenigen, die offen dafür sind, es längst gemerkt haben. Ich tue mich schwer mit Freundschaften. Es gibt einige wenige Menschen in meinem Leben, die ich als Freunde bezeichne. Ich bin in Sachen Freundschaft sehr empfindlich.

Gibt es im Alltag Dinge, wo du Hilfe brauchst? Wenn ja, welche? Würdest du dir grundsätzlich mehr Hilfe oder sonst Unterstützung wünschen?

Ich brauche wenig Hilfe im Alltag. Einzig allein in Menschenmassen, wie z.B. beim Anstehen fürs Rigibähnli, bin ich froh, wenn ich den Massen nicht alleine ausgeliefert bin. Ich bin froh, wenn man mich nicht einfach so anfasst. Anstandsküssli finde ich grauenvoll.
Ich habe Mühe mit Schattierungen von Emotionen.

Gibt es Tage, an denen dir alles zu viel wird, du haderst mit deinem Schicksal, die Frage nach dem Warum vielleicht hochkommt?

Ich hadere selten mit meinem Schicksal, weil ich nichts anderes kenne. Mir werden eigentlich nur verschiedenartige Ansprüche zu viel, ich genüge ihnen nur oberflächig. Ich fühle mich als vollends funktionsfähig.

Wenn du nicht Autist wärst, denkst du, du wärst am selben Punkt im Leben heute oder hättest du Dinge anders gemacht?

Das weiss ich nicht.

Gibt es etwas, das du als positiv erachtest an deinem Autismus? War er „für etwas gut“?

Ich denke, meine Wahrnehmung, so heftig sie ist, hat ein Gutes. Ich nehme oft wahr, was andere übersehen. Kleinigkeiten. Ich denke, ich bin ein sehr sensibler Mensch.

Was wünscht du dir von den Menschen da draussen? Von den einzelnen, von der Gesellschaft?

Worunter ich wirklich leide, sind Aussprüche von politischen Personen, die ihre Gegner als Autisten bezeichnen. Ich finde das beleidigend und demütigend.

Ist man heute wirklich so aufgeklärt oder findest du, dass Krankheiten und Behinderungen noch immer Tabu sind, Menschen, die betroffen sind, ausgegrenzt sind?

Das weiss ich nicht.
Ich denke, Ausgrenzung ist etwas zutiefst Menschliches, sie ist ein menschlicher Instinkt, der gruppendynamisch funktioniert.

Muss man Ausgrenzung also hinnehmen und damit umgehen lernen?

Ich weiss nicht. Ich nehme an, das ist das Recht, des Stärkeren.

Gibt es etwas, das du einem ebenfalls Betroffenen sagen möchtest?

Lass dir von niemandem einreden, dass du schlecht bist.

Aurora, ich möchte mich ganz herzlich für diese Antworten bedanken, die einen wunderbaren Einblick in deine Sicht des Lebens und deinen Umgang mit Autismus gewähren.

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