Liebe geht nicht nur durch den Magen

An meine Maturaprüfung musste ich 10 Werke der deutschen Literatur lesen. Neun las ich, das 10., Minna von Barnhelm von Lessing, ignorierte ich. Ich las wohl mehr Sekundärliteratur als das kleine Werk selber zu lesen gewesen wäre, trotzdem fühlte ich mich als Revoluzzer. Geprüft wurde das nicht gelesene 10. Werk und ich brillierte. Nach meiner Matura studierte ich Germanistik. Pünktlich zur Zwischenprüfung wurden wir Studenten mit einer ellenlangen Literaturliste beglückt, welche die zu lesenden Werke enthielt. Unter anderem Minna von Barnhelm. Dieses Mal las ich es und fand es toll. Ich liebte Lessings Spiel um Gefühl und Geld, die Kniffe, mit denen er die vorherrschenden Gedankengänge Liebender umfasste.

Kann sie mich lieben, wenn ich ihrer nicht würdig bin? Liebt er mich nicht mehr, weil ich bin, wie ich bin und habe, was ich habe? Probleme, die wohl zeitlos sind, über die ganze Bibliotheken geschrieben wurden. Jeder denkt, er hätte sie verstanden und stünde drüber, bis die Realität ihn einholt.

Was ist Liebe und wieso liebt man? Weil jemand etwas bieten kann? Sind Geld, Macht und Status ausschlaggebend oder doch die romantischen netten Gefühle, die Schmetterlinge tanzen und Herzen springen lassen? Springen die Herzen weiter, wenn der Magen knurrt oder wäre da nicht doch ein wenig mehr Substanz sinnvoller und hilfreicher?

Minna entscheidet sich für die Liebe und bringt diese Entscheidung dem etwas sturen, verarmten und doch geliebten Mann nahe. Der weiss nicht mehr, wie ihm geschieht vor lauter Ringen, nimmt den falschen und damit der Moral der Geschicht’ nach genau den richtigen. Denn – so will uns Lessing sagen –, es gewinnt immer die Liebe.

Das sollte sie wohl auch. Ein knurrender Magen mag ab und an störend wirken, ein ungeliebter Mann, der zwar den Magen füllt, das Herz aber leer lässt, verursacht jedoch einen Kloss im Hals. Das Filet rutscht gar nicht zum Magen durch, der bleibt leer und wenn nicht er, so doch das Herz. So wird man wohl mit vollem Magen überleben, aber ob blosses Überleben wirkliches Leben sei, das bleibt dahingestellt. Schaut man in die Welt der Schönen und Reichen, scheint diese nicht wirklich rosig und glücklich zu sein. Ich würde nicht behaupten wollen, dass sie viel unglücklicher als die der anderen Menschen ist, aber das Geld allein scheint das wahre Glück nicht zu befördern.

Klar kann man nun sagen, dass man, wenn man schon das Liebesglück nicht hat, wenigstens den Schuhschrank füllen kann – vom Magen ganz zu schweigen. Allerdings wird ein voller Schuhschrank das Loch im Innern nie ganz stopfen. Und wer weiss, vielleicht reicht es irgendwann, von Luft und Liebe zu leben. Und wenn nicht, muss es auch nicht immer Filet sein, Spaghetti sind Glücksnahrung. Was will man mehr.

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