Träume leben – und sie verabschieden

Manchmal hat man Träume im Leben. Und man malt sich aus, wie es wäre, sie zu verwirklichen. Und man ist sicher, dass man glücklich wäre, hätte man sie erst verwirklicht, weil man sich dann am Ziel seiner Träume wähnt und man ja von etwas träumt, dass man sich als erträumenswert ausgedacht hat.

Oft zaudert man, die Träume anzugehen, man sieht sie als unerreichbar und hat 1000 Gründe, sie nicht erfüllen zu können. Man griff auch hoch beim Träumen, kleine Träume sind keine Träume, sondern eher Wünsche, die man sich vielleicht noch eher erfüllt. Aber Träume. So wirklich grosse. So wirklich tolle. Die sind weit weg. Und durch die Ferne quasi unerreichbar. Man träumt sie. Über die Zeit werden sie immer grösser und erstrebenswerter. Das Sehnen danach nimmt zu. Das Leiden am Nichterreichenkönnen auch.

Und vielleicht packt man eines Tages den Mut. Und beginnt, sich an die Erfüllung des Traumes zu machen. Und man merkt, dass es sogar gehen könnte. Plötzlich reiht sich Glied an Glied und die Kette führt zum Ziel. Und man ist da. Und es ist schön. Und man ist stolz. Man geniesst es. Endlich da.

Damit könnte die Geschichte zu Ende sein. Bei Rosamunde Pilcher wäre sie das und ab und an wäre ein Leben frei nach Pilcher wunderbar, denn am Schluss ist alles rosarot und die Farbe ist toll. Aber. Wir sind nicht bei Rosamunde. Wir sind im richtigen Leben. Und ab und an ergibt es sich, dass die Erfüllung der Träume plötzlich an den Punkt gelangt, an dem man merkt, dass sie gar nicht so toll ist, wie man sich über Tage, Wochen, Monate, Jahre ausgemalt hatte. Die Ernüchterung setzt ein. Man schaut auf das Erreichte, zwar schwingt noch ein Rest Stolz mit, aber daneben macht sich das Gefühl breit, einem ganz grossen Irrtum aufgesessen zu sein. Wo bleibt all das Glück, das man sich erträumte, dessen man sich so sicher war? Das sollte doch nun gefälligst da sein. Bleiben. Einen wie ein Honigkuchenpferd grinsend durch die Welt laufen lassen.

Was ist passiert? Nicht alle Träume entsprechen uns wirklich. Einige kommen auf, weil sie von aussen toll erscheinen, weil andere sie leben und damit glücklich sind, weil wir sie falsch einschätzen. Und wir hängen ihnen nach. Unerreicht behalten sie ihren Reiz, da nur das, was wir wirklich erfahren, reale Wirkung hat, alles andere bleibt reine Vorstellung, Projektion. Erreicht stellen sie sich der Realität. Und uns. Und ab und an unterliegen sie. Unterliegen auch wir. Wir sehen, dass unser Sehnen etwas entsprach, das nicht uns entsprach. Also alles ein Irrtum? War es falsch, den Traum zu verwirklichen und wir haben quasi versagt? Denn so fühlen wir uns. Als Versager. Als jemand, der in die Irre lief.

Ich denke nicht. Wir hatten den Mut zu träumen. Wir lebten den Traum, verharrten nicht im Ausmalen. Wir wagten etwas und sahen, wie es wirklich ist. Das allein ist schon toll. Dass es nicht so war, wie es schien, ist vielleicht schade. Sicher ist es eine Ent-Täuschung im wortwörtlichen Sinne. Wir sind enttäuscht im übertragenen Sinn, weil wir uns mehr erhofft haben, aber auch ent-täuscht im Wortsinn, da uns eine Illusion klar wurde. Wir wissen wieder ein wenig mehr über uns selber und können weiter gehen mit dem Wissen. Neue Träume finden. Und den Mut haben, sie zu realisieren. Denn nur dann leben wir unser Leben – das Leben, das uns entspricht. Nur dann lernen wir uns kennen und gehen weiter.

 Träume, die nur geträumt werden, sind Leerläufe. Träume, die gelebt werden, sind das Salz in der Suppe des Lebens.

11 Comments

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  1. „Träume, die nur geträumt werden, sind Leerläufe. “
    Stimmt das wirklich? Ich kenne jemanden nahe, dessen Träume das Salz in der Suppe sind. So hat er schon als Kind gelebt. Die Option, die Möglichkeit, die offen da liegende Fülle, die begeistert ihn und gibt ihm Nahrung. Er ist ganz einfach gut in seiner… Phantasie.
    In Deine Interviewreihe würde auch das Schicksal einer bettlägerigen Frau passen, die bei Domian einst erzählte, daß sie in ihrer misslichen Lage immer wieder nachts Träume hat, in der sie mit ihrem verstorbenen Mann eine wunderschöne Allee entlang ging.
    Eine wunderbare Fügung und eine phanatstische Geschichte.

    Für mich persönlich gab es einst den Traum, jemand ganz Normales zu sein: Jemand mit Beruf, mit Freundin, mit Auto ect, das ganze Paket. Das alles war mir verwehrt und schien nicht erreichbar , so absurd es schien.
    Tief drinnen war der Glaube, daß ich diese Dinge nicht bekommen werde. Es brauchte geduldige Arbeit und plötzlich fielen mir diese Dinge zu…die im übrigen für die allermeisten SOWAS von normal und nicht erwähnenswert sind. Eben Alltagsdinge, wie Luft, Essen, Gehen, schlafen und aufstehen..

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    • Danke für diesen Einblick. Und ja, was für den einen normal, einfach, alltäglich ist, kann für den anderen eine Herausforderung sein. Jeder fängt an seinem Ort an mit Träumen und schafft sich so durchs Leben.

      Wenn du mir den Kontakt vermittelst, würde ich diese Frau sehr gerne in meinen Herausforderungen porträtieren. Davon sollen die Porträts leben: Dass Menschen von ihrem Leben erzählen. Denn: Jedes Leben ist auf die eine oder andere Weise eine Herausforderung. Wir müssen uns ihr stellen. Zu zeigen, wie man sich stellte, kann anderen helfen, sich auch dazu zu entschliessen.

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      • Ich schaute vor vielen Jahren regelmässig die Sendung „Domian“ und dort rief diese Frau an und erzählte von ihrem Schicksal. Daher kann ich da leider nicht weiterhelfen.

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  2. Man könnte auch sagen, Träume leben von dem Leerlauf vor der Erfüllung, denn wenn sie erfüllt werden, ist es mit dem Traum vorbei. Gut, es kommen dann die nächsten… Aber heisst „einen Traum Leben“ nicht einfach, zu seinen Träumen zu stehen? Und die Erfüllung ist dann etwas ganz anderes?
    Andererseits enden auch nicht alle Träume in der Ernüchterung. Warum sollte manch erfüllter Traum nicht auch einfach schön sein? (Hat du ja auch geschrieben).
    Aber sicher sind Träume das Salz in der Suppe des Lebens. Wer nicht träumt, lebt der eigentlich?
    Ein nicht erfüllter Traum kann ein ständiger Antrieb ein, der uns davon abhält, stehenzubleiben. Und ein erfüllter Traum der Absatz für die nächste Stufe des Lebens. Können wir ohne Träume leben?

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    • Hallo Herr Harsieber, die Frage war auch: Ist absehbar, ob ein Traum „der richtige“ ist? Kann ich durchaus einem falschen Traum nachhecheln? Als Beispiel diene der Karrieresüchtige, der sich ganz aufzehrt, um am Ende seines Berufslebens zu erkennen, daß es sich nicht gelohnt hatte?!

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  3. Was ich da lese ist alles richtig und wahr. Sehe ich aus Lebenserfahrung genauso.

    Ich glaube: Träume auf das humane ICH bezogen sind das stete Suchen, Begehren und Verlangen nach Schönem, nach sinnerfülltem Leben, nach Liebe, Zärtlichkeit, Geborgenheit und daraus resultierender tiefer Zufriedenheit. So gesehen ein „Ur-Trieb/Ur-Antrieb“ des Menschen.

    Dann sind da noch die materiellen Träume, also das Begehren nach Dingen, die man gerne hätte; sich wünscht. Das ist auch normal und gut so, wenn es sich um „Lebenshilfe mit Nutzen“ handelt.
    Aber auch die Werbung vermag ja solche Träume zu generieren. Auf einmal erträumt man sich etwas, von dem man vorher gar nicht wusste, dass man es brauchen könnte; es erträumen müsse… Eine doch eher fragliche Sinnstiftung.

    Also die Traumwelt ist sehr komplex. Ich hatte immer Träume und werde immer Träume haben. Ich finde, sie gehören zum Lebenselixier, sind auch Triebfeder, denn sie lassen gute Stationen und ein schönes Ziel des Lebenswegs „erahnen/schon sehen“.

    Und die Erkenntnis: „Träume, die nur geträumt werden, sind Leerläufe. Träume, die gelebt werden, sind das Salz in der Suppe des Lebens.“ finde ich so schön und so richtig – denn welchen Zweckerfüllungssinn hätten denn sonst Träume…

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