Mensch unter Menschen

Das Leben ist nicht immer einfach, ab und an wirft es einem Steine in den Weg, baut ganze Berge drauf, die abzutragen man sich irgendwann nicht mehr zutraut, weil man sich so klein fühlt in deren Angesicht. Man versucht ab und an, sie zu bezwingen, doch mal wünschte man sich einen Führer, dann fehlt es an gutem Schuhwerk und wenn man fast oben wäre, reisst das Sicherungsseil und man purzelt wieder runter. Und liegt dann da. Schaut hoch. Sieht sich gescheitert. Denkt sich, was wohl die anderen denken. Erfindet eine Geschichte, dass man gar nicht hoch wollte, es eigentlich unten viel schöner sei, man überhaupt sehr froh sei, hier unten zu sein, da die Luft oben viel zu dünn wäre.

Und tief drinnen schmerzt es. Es schmerzt, nicht hochgekommen zu sein, es schmerzt, niemandem vom Schmerz erzählen zu können und es schmerzt, sich so verdammt alleine zu fühlen. Der Schmerz gräbt sich ein, tief und tiefer und man fühlt sich klein, so unendlich klein neben diesem Berg und klein, weil keiner sieht, wie klein man sich fühlt. Doch: Wie sollte es anders sein? Die anderen sehen nur das, was man zeigt und zeigen tut man nur das Strahlegesicht, welches ausdrückt, alles im Griff zu haben, weil man denkt, niemand möge einen mehr, wenn man ein anderes aufsetzen würde. Und wenn man noch gemocht würde, so sicher mitleidig, nie aus Überzeugung.

Den Schein wahren nennt man das. Wozu eigentlich? Was bringt einem dieser Schein? Eine kurzfristige Befriedigung, nicht das Gesicht verloren zu haben. Vor wem? Menschen, die einen mögen, würden einem nie vorwerfen, dass man nicht perfekt ist. Menschen, die wirklich zu einem stehen, würden einen nicht fallen lassen, nur weil man einen Berg nicht bezwang. Wem also wollen wir imponieren? Unseren Freunden? Der Welt? Können wir das überhaupt? Und ist es sinnvoll? Freunde werden wir nicht halten, wenn wir immer nur maskiert rumlaufen und für die Welt sind wir kleine Lichter (die meisten sicher – und das ist nicht mal schlecht, man stelle sich nur vor, die ganze Welt stünde auf der Matte und man hätte sie zufrieden zu stellen).

Wieso also diese Maske? Wieso nicht einfach zu sich stehen und sagen: Ja, der Berg war zu hoch, ich habe ihn nicht geschafft. Ich leide darunter, aber ich muss damit leben? Wäre nicht das wirkliche Grösse? Man zeigt sich nicht klein, weil man was nicht geschafft hat, sondern gross, weil man es erkannt hat. Zu sich steht. Hinsteht und sagt: He, ich bin nicht perfekt, ich leide, es geht nicht gut. Aber ich habe es erkannt und ich gehe es an. Und plötzlich kommen Menschen. Sie haben dasselbe erlebt, sie erkennen sich wieder. Sie stehen zu dir. Machen Mut. Geben Zuspruch. Und du siehst: Ich bin nicht allein. Ich bin nicht der Versager unter lauter Gewinnern, sondern Mensch unter Menschen. Und das tut unglaublich gut. Es braucht ein wenig Mut, aber es ist der wohl einzig richtige Weg.

4 Comments

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  1. Vielleicht hatte das was davon, was ich heute einem Freund erzählte, den ich nach längerer Zeit wieder mal auf dem Flur unseres Firmengebäudes traf. Auf seine Frage, wie es mir gehe, sagte ich „Schlecht!“.
    Er wirkte verdattert und glaubte wohl an eine körperliche Geschichte, doch ich erklärte ihm, was es damit auf sich hatte – und was ich tief über meine Arbeitssitutation fühlte.
    Daß man darüber klagt – und jeder kann und könnte das in diesen Tagen, ist keine Selbstverständlichkeit. Man ist einfach unter ständigem Druck und das tut nicht gut.

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    • Ja, es ist nicht selbstverständlich. Man denkt immer, man könnte nicht – die Situation auf dem Markt signalisiert dasselbe. Nur: wenn keiner anfängt, sind alle ausgeliefert.

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  2. Letzter Abschnitt, „Wieso also diese Maske? Wieso nicht einfach zu sich stehen und sagen: Ja, der Berg war zu hoch, …“
    Genau, das ist auch mir passiert. Ich habe zwar den Berg, der gemessen an meinen Fähigkeiten in verschiedenster Ausprägung zu hoch war nicht erklommen, sondern mich hinaufspülen lassen. Als dann aber das Wasser abfloss, bin ich damit wieder heruntergereicht worden.
    Es brauchte einige Monate, bis ich ungeschminkt auch gegenüber allen, die das interessierte dazu stehen konnte. Und ab dann war es mir wieder richtig wohl in der Haut.
    Und wenn ich beobachte, wie einige Leute, denen das ebenso erging, die aber noch heute, nach Jahren vertuschen bis lügen und sich sehr viel grösser geben als sie wirklich sind leiden, bin ich dankbar, damals die Kraft für das zu mir stehen gefunden zu haben.
    Ein Problem bei einigen anderen, das ich so beobachte ist, dass die Umwelt dieser Leute genau spüren, sehen und wissen, was Schaum und Rauch ist. Nur der Schäumende/Rauchende nicht merkt, dass er/sie zum Gespött, bein einem sogar ganz extrem, dass er zur Witzfigur wurde. Und niemand getraut sich, denen die Wahrheit zu sagen und sie so mal zum nachdenken über sich selber und ihr (soziales) Umfeld zu bewegen. Schade.
    Warum beginne ich nicht? Auch weil ich deren Leiden nicht noch verstärken möchte. Denn ich befürchte, bis zur Heilung bzw. statt einer Heilung könnte sehr Schlimmes passieren, bis zu Suizid. Dafür Verantwortung übernehmen?
    Also dürfte es auch noch den einen oder andern ergehen und dürften solche Situationen wohl häufiger sein, als wir das denken.

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  3. Ein schöner Text. Es ist nicht immer einfach, diesen Schritt zu tun und sich an die Mitmenschen zu wenden. Und es ist auch nicht empfehlenswert, sich an irgendjemanden zu wenden. Kollegen und Bekannte können einen da mitunter schwer enttäuschen, mit teils irreparablen Folgen. Aber das soll die Aussage dieses Artikels keinesfalls unterlaufen:
    Meist weiß man schon, an wen man sich wenden könnte, auch wenn es nur eine Hand voll sind. Auf sie ist Verlass und solche Menschen gibt es im Umfeld von uns allen.

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