„Es ist nur ein Auto“

Mein Auto hat einen Namen. Den bekam es, weil es mein Traumauto, mein Wunsch seit langem war. Und weil der Name passte. Es heisst George. George ist alles, was ich will. Ich träume nicht von Status oder Marke, ich sah dieses Auto und verliebte mich. Und wusste: Das Auto will ich mal haben. Und irgendwann, nachdem ich mir immer wieder andere Autos zulegte, weil sie grad irgendwelchen aberwitzigen und doch glaubhaft klingenden Argumenten folgten, kam George in mein Leben. Die Freude war gross. Abgesehen davon, dass mein Tagesablauf ohne Auto nicht zu schaffen ist, war ich einfach nur glücklich, ihn bei mir zu haben.

George ist kein Vernunftsauto. Er hat kaum Kofferraum, die Hintersitze sind nicht wirklich komfortabel, der Blick nach hinten endet im schwarzen Stoffdach. Was für ihn spricht, ist die stärkere Leistung, die mir vorher fehlte. Ruckelte ich vorher mit maximal 40 km/h den Hügel rauf, wo ich für die Autobahn schon hätte beschleunigen müssen, zieht George durch. Und wie. Eine wahre Freude für einen sportlichen Fahrer wie mich. Der ängstliche Fahrer in mir fühlt sich auch gleich wohler, drängelt doch keiner mehr hinter mir, sondern sind sie alle weit zurück.

Die Freude an George währte nicht lange. Zwei Tage nach dem Kauf die ersten Probleme. Seit da renne ich mit dem Kleinen zum Autodoktor. Und verzweifle fast. Der Demoeffekt schlägt zu. Was zu Hause rinnt, ist in der Garage dicht. Trotzdem nehmen Flüssigkeit und Budget ab. Da die Lage sonst schon angespannt ist, reicht das ab und an, das Fass zum Überlaufen zu bringen, sprich, meine Augen werden auch undicht.

Wenn man um ein Auto weint, kann man sich auf Spott und Häme gefasst machen. Es ist ja nur ein Auto. Ja, ist es. Aber es steckt mehr drin. Neben Traum und Liebe auch viel Lebensnotwendigkeit. Und Rennerei momentan. Aber natürlich – von aussen nur ein Auto. Was soll’s. Man sollte sich nicht so haben. Wäre George nur blosser Status, hätte ich mich wohl nicht so. Er ist aber Familienmitglied, weil ohne ihn diese Familie Probleme hat. Wir sind ein System, in dem alles seine Rolle hat, alles Glieder einer Kette sind, die zusammenhalten müssen, damit die Kette hält. Momentan schwächelt sie. Drum muss George wieder heil werden. Denn wir brauchen ihn. Und wir wollen IHN und keinen anderen. Klar gibt es schönere, grössere, tollere, teurere Autos. Ich will aber ihn wieder haben. Heil und noch lange mit uns.

George, nur ein Auto? Mag wohl sein. Allerdings habe ich keine Dinge, nur damit ich sie habe, als Status. Ich baue Beziehungen auf, habe Gründe und hänge dann dran. Ich gebe mich auch nicht mit Menschen ab, nur weil man sich ja abgibt, der Mensch vielleicht Rang und Namen hätte. Ich gebe mich mit Menschen ab, weil sie Menschen sind und mir als solche was bedeuten. Was ist ein Leben, das nur auf Status, Ruf und Dünkel baut? Vielleicht ein schillerndes, ein glänzendes. Mag sein. Wohl nicht meines. Im Moment möchte ich einfach mein Auto wieder haben und wissen, wir werden noch so manche Fahrt zusammen machen, weil sie nötig ist, so manche geniessen, weil sie schön ist, so manche erleben, weil wir sie erleben können.

Wirklich wichtig im Leben ist nur das, was für dich selber eine Bedeutung hat. Alles andere ist blosser Schein.

2 Comments

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  1. Geht mir genauso, ich liebe mein Auto auch sehr. Ich rufe es immer abschätzig-liebevoll *Kröte*, obwohl es mit dem Tier gar nichts gemein hat.
    Als ich mein erstes Auto, es hieß *Dumpfnuss*, zu Schrott gefahren hatte, habe ich Wochen um ihn getrauert, obwohl mein zweites Auto viel besser war.

    Hoffentlich geht es George bald wieder gut.

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