Alltagsmenschen

Ich bin ein Alltagsmensch. Daneben gibt es Abenteuermenschen, Menschen, die Neues erleben wollen, müssen, es gar suchen. Sie sind die coolen. Ich bin ein Alltagsmensch. Ich mag die Dinge absehbar. Mag es, zu wissen, was kommt, wie es kommt, wann es kommt. Damit ich mich einstellen kann.

Alltagsmenschen sind langweilig. Sie sollten was wagen. Sich dem Leben hingeben, dahin treiben, sich gehen lassen. Man wisse eh nie, was komme, das Leben gehe seine eigenen Wege. Heisst es. Aber ich kann das nicht. Ich will mein Leben absehbar haben. Das gibt mir Halt. Ich muss nicht wissen, was genau kommt. Ich weiss, dass ich das nicht kann. Aber gar nichts zu wissen, das macht mich unruhig. Unruhe ist das schlimmste Gefühl für mich. Unruhe bringt Ängste hoch, bringt Unsicherheiten mit sich. Unruhe lässt mich nicht schlafen, nicht arbeiten, nicht klar denken. Sie reibt mich auf.

Ich bin ein Alltagsmensch. So einer, der gerne seinen Trott hat und ihn durchzieht. Einer, der in neuen Gegebenheiten schnell einen neuen Trott sucht. Um sich wieder heimisch zu fühlen. Einer, der das Neue zuerst ablehnt, weil es neu ist, der sich mit Neuem erst anfreunden muss. Der sich dann doch drauf einlässt, vor allem, wenn es eigentlich gewünscht ist. Und dann auf dem schmalen Grat balanciert zwischen Wunsch, Wohlgefühl und Nachhaltsuchen.

Ab und an schelte ich mich, weil ich weiss, dass Neues zum Leben gehört. Und ich zähle mir selber die vielen Momente auf, in denen das Neue toll war, ich im Nachhinein sagen musste, dass ich mir umsonst Gedanken gemacht hatte. Dann nehme ich mir vor, mich Neuem gegenüber offener zu zeigen, das Leben dahin plätschern zu lassen. Und stosse an meine Grenzen. Weil ich bin, wie ich bin. Ein Mensch, der sein Zuhause, seinen Hafen, seinen Halt braucht. Den sicheren, von dem aus er ausschwärmen kann. Im Wissen, der Hafen ist da, er ist die Basis, das, was trägt. Zu viel Neues, zu viel Unruhe, zu viel Nichtwissen untergräbt. Weil ich eben Alltagsmensch bin. Kein Abenteurer. Nicht cool. Einfach ich.

Schule in Zürich – der ganz normale Wahnsinn

Kind brachte heute eine Deutschprüfung heim. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, mich nicht mehr zu wundern (schon gar nicht aufzuregen). Zweiteres klappt einigermassen, am Wundern arbeite ich noch. Was ist passiert? Thema der Prüfung waren die Fälle. Aufgabe 2 lautete: Ersatzprobe. Nun kennt man die von früher, man kann, um einen Fall zu ermitteln, das entsprechende Wort durch das Fragewort wer, wen, wem oder wessen ersetzen und weiss dann, ob das Wort im Nominativ, Akkusativ, Dativ oder Genitiv steht.

Kindes Lehrerin war das zu banal. Die Ersatzprobe sollte in dieser Prüfung nicht durch das entsprechende Fragewort passieren, sondern durch der, den, dem oder des Esel(s).

Beispiel gefällig?

Das glückliche Schwein erhält einen neuen Stall.

________________ erhält ______________ .

 

Man ahnt wohl schon Böses. Von den Kindern wurde in der Tat gefordert, die Lücken hier folgendermassen zu füllen:

Der Esel erhält den Esel.

Noch ein Beispiel?

Bestimmt kommt Sandro morgen mit uns ins Schwimmbad

Bestimmt kommt _______ morgen mit _______ ins Schwimmbad.

Lösung: Bestimmt kommt der Esel morgen mit dem Esel ins Schwimmbad.

Das Kind konnte bei den Sätzen wenig Sinn ermitteln und hat mit wer, wen, wem und wessen ersetzt. Das wurde ihm falsch angerechnet, was nun die Note ziemlich runterzog. Irgendwie bin ich doch stolz auf meinen Sohn, hat er sich nicht gedankenlos diesem sprachlichen Unsinn gebeugt. Verstanden hat er alles und darauf kommt es (mir in diesem Fall) an. Ich hoffe, das nächste Jahr, das doch ein wichtiges sein wird (notenmässig), wird etwas vernünftiger, zumindest wechselt dann der Lehrer. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Dankbarkeit

Oft gehen wir durchs Leben, hadern mit diesem und jenem, meist Kleinigkeiten, an denen wir uns aufhängen, und sehen nicht, was alles gut ist, wofür wir eigentlich dankbar sein könnten. Dankbarkeit ist so etwas, das unglaublich gut tut, auch ein wenig demütig macht, wenn man erkennt, was alles ist, weil man sieht, dass man zu vielem keinen Beitrag leistete, vieles als selbstverständlich annahm, ohne es zu schätzen. Genau hingeschaut zeigt sich grosses Glück – Glück, für das viele froh wären, während wir es hinnehmen und uns dem Hadern hingeben. Drum hier meine (unvollständige) Liste der Gründe, dankbar zu sein:

  • Ich bin geliebt und liebe
  • Ich habe Menschen um mich, die mir viel bedeuten und auf die ich bauen kann
  • ich bin gesund
  • ich habe ein Dach über dem Kopf
  • mir geht es so gut, dass ich diesen Text am Computer schreiben kann (ich habe also einen Computer, kann schreiben, kann meine Gedanken in Worte fassen, habe Internet, alles zu publizieren und es funktioniert sogar)
  • Ich habe einen gesunden Sohn
  • Ich habe Eltern, die sich um mich kümmerten, so dass ich auf eine heile Kindheit zurück blicken kann
  • Ich hatte die freie Wahl, welchen Bildungsweg ich einschlug
  • ich lebe in einem freien Land
  • ich lebe in einem wunderschönen Land
  • ich kann wählen, was ich esse (und sogar drüber diskutieren, was nun vertretbar sei und was nicht)
  • ich kann tun, was ich liebe
  • ich kenne Momente, in denen ich die ganze Welt umarmen möchte
  • ich kann manchmal sogar den gegenteiligen Momenten etwas Positives abgewinnen
  • ich lerne jeden Tag etwas dazu
  • ich bin gut so, wie ich bin (wer das nicht so sieht, soll sich wo anders aufhalten)
  • ich kann noch viel lernen (es wäre ja langweilig sonst – allerdings gebe ich das selten so zu)
  • es geht mir verdammt gut
  • ich habe die Möglichkeit, Genussmensch zu sein
  • ich bin, wie ich bin, werde dafür weder verbrannt, gesteinigt oder sonst irgendwie malträtiert
  • und selbst wenn ich nicht jedermanns Geschmack bin, darf ich so bleiben
  • Die Natur hat es verdammt gut mit mir gemeint
  • …..

Ich bin übrigens dankbar für jede Ergänzung, die euch in den Sinn kommt. Ich hoffe, dass Menschen das lesen und merken, dass es so viel gibt auf dieser Welt, für das man dankbar sein kann. Vielleicht relativiert das ein wenig das, womit man hadert. Und wenn es nur für einen Bruchteil einer Sekunde ist.

Offener Brief an die Zürcher Bildungsbehörde

Sehr geehrte Damen und Herren

In Zürich dürfen Kinder nicht von ihren Eltern unterrichtet werden, wenn diese kein pädagogisches Diplom haben. Zumindest nicht länger als ein Jahr und das nur mit Gesuch, welches bewilligt werden muss. Nun geht mein Sohn in eine Zürcher Schule. Als wir her zogen, kriegte die Klasse eine neue Lehrerin, die frisch ab Presse schon bald vom Beruf überfordert war. In der Klasse herrschte Unruhe – Gewalt, Rassismus, Mobbing waren an der Tagesordnung. Ein neuer Lehrer kam, es wurde nicht besser, der Lehrer ging auch bald wieder. Zurück blieb eine aufgewühlte Klasse ohne Lehrer, Vertretungen gaben sich die Klinke in die Hand.

Das Gewaltproblem kriegte man in den Griff, das Lehrerproblem nicht. Es kamen nach etlichen Vertretungen statt einer gar zwei Lehrerinnen. Eine für Französisch, hatte die Klasse doch einen enormen Rückstand zum Lehrplan, die andere für den Rest. Lehrerin eins hat ein Jahr Lehrerausbildung von dreien hinter sich, spricht Deutsch mit stark ausgeprägtem, französischem Einschlag. Lehrerin zwei hat zwei Jahre Ausbildung von dreien hinter sich, spricht zwar breiten Dialekt, schriftlich ist ihr Deutsch auch eher mangelhaft. Das allein wäre zwar bedenklich,  könnte aber noch akzeptiert werden. Die Frage, wieso solche Menschen ohne Abschluss ganze Klassen unterrichten dürfen, Eltern mit abgeschlossenem Studium und Zusatzausbildung ihr eigenes Kind aber nicht, lassen wir mal aussen vor, auch wenn sie brennt.

Es kommt – als wäre alles nicht genug – noch was dazu: Die Hauptlehrerin ist ständig krank. Zurück bleibt eine fünfte Klasse, die nun aufgeteilt und in andere Klassen gesteckt wird. Mein Sohn sitzt mittlerweile Woche für Woche in der ersten Klasse. Lehrerin zwei ist ab und an da, dann hat die Klasse Französisch, denn mehr unterrichtet diese nicht. Dass in der letzten Deutschprüfung nur drei Schüler genügend waren, spricht eine klare Sprache. Wie die nächste besser werden soll, ist mir ein Rätsel.

Anfragen an die Schulleitung werden abgeschmettert, es heisst, man hätte alles im Griff, täte das Beste. Einwände und konkrete Beispiele von Fehlern werden beleidigt abgetan, passieren tut nichts. Dass einige Schüler die Klasse schon verliessen, weil die Eltern die Zukunftsaussichten gefährdet sahen, spricht für sich, allerdings kann es nicht angehen, dass man Kinder in Privatschulen stecken muss, nur weil eine staatliche Schule dermassen versagt und sich allen Kritiken, Anfragen, sogar Hilfsangeboten verschliesst. Die sechste Klasse steht vor der Tür, eine Tür, die gleichzeitig den Weg öffnet in die Zukunft. Wo soll das hinführen?  Muss man wirklich wegziehen, wenn man das eigene Kind nicht in seiner Schullaufbahn behindert sehen will?

Man kann nun einwenden, das sei ein Einzelbeispiel, allerdings hörte ich schon von ähnlich gelagerten Fällen. Die Schulpsychologin sprach von „nicht gravierenden Abweichungen von anderen Klassen“. Meine Erfahrung nach einigen Umzügen, wodurch ich auch Einblick in diverse Klassen in den Kantonen Bern und Aargau gewann, sprechen eine andere Sprache: Ich habe noch nie eine dermassen aus dem Ruder laufende Schulsituation erlebt, sah mich noch nie mit so unfähigem Schulpersonal konfrontiert.  Fehler passieren, Schwierigkeiten und Engpässe kann es geben. Lehrermangel ist ein bekanntes Problem und man kann keine Lehrer aus dem Ärmel schütteln, trotzdem muss eine Lösung her und zwar schnell. Es besteht ein Grundrecht auf Bildung und das sehe ich in dem Fall stark beeinträchtigt. Fünftklässler, die in ersten Klassen sitzen, werden nicht gefördert, nicht gefordert, sondern abgestellt. Dafür zahle ich keine Steuern und das ist nicht das, was ich mir für mein Kind wünsche.

Die Frage bleibt: Wohin geht der Weg?

Mit freundlichen Grüssen

Eine besorgte Mutter

Zeit

Sie fliesst. Ruhig und stetig. Immer gleich. Und doch erscheint sie lange, wenn wir warten, kurz, wenn wir geniessen, möchten wir sie anhalten, wenn der Augenblick ein schöner ist, möchten wir sie vorwärts treiben, wenn wir etwas ersehnen. Wir verschwenden sie teilweise, sie wird uns gestohlen, sie ist mal reif, mal noch nicht. Wir denken an gute alte Zeiten oder hoffen auf bessere. Wir denken, dass mit der Zeit auch Rat kommt und sie alle Wunden heilt. Wir lassen uns Zeit oder haben keine, brauchen mehr davon, weil sie uns davon rennt. Manche sind ihrer Zeit weit voraus, andere hinken ihr hinterher. Zeit ist in aller Munde, wird gedehnt, gekürzt – und fliesst doch eigentlich gemächlich dahin – so es sie denn wirklich gibt, wenn sie nicht eigentlich nur ein Konstrukt des Menschen ist, der die Kontinuität seines Lebens in ein Mass pressen will, damit er sie sieht, erfassen und (vermeintlich) verstehen kann.

Neben dem absoluten Zeitbegriff, der in Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen, und so weiter sich ergiesst, gibt es also einen relativen, einen, den wir empfinden, mit dem wir uns auseinandersetzen. Das allein ist nicht wirklich schlimm, es ist menschlich, schwierig wird es da, wo zwei Menschen aufeinander treffen und ihre Vorstellung von Zeit mitbringen. Dann will der eine sich plötzlich Zeit lassen, während dem anderen die Zeit davon rennt, der eine denkt, die Zeit sei reif, während der anderen findet, alles hätte noch ganz viel Zeit. Und so streiten die beiden über die Zeit, wollen sie mal anhalten, mal antreiben, finden, es sei genug Zeit vergangen oder eben viel zu wenig.

Und während sie so hadern und um Zeit und Worte und Verständnis ringen, vergehen Sekunden, Minuten, Stunden, im schlimmsten Fall Tage, Wochen, Monate, in denen sie das Miteinander hätten geniessen können. Und wer weiss: Vielleicht wäre mit der Zeit Rat gekommen. Ganz von selbst.

 

Alp Sigel – 1. Juni 2014

DSCF0005Schon lange war die Wanderung auf die Alp Sigel im Alpstein geplant, das Wetter zeigte sich von seiner guten Seite, allerdings fühlte ich mich eher müde und schlapp und hätte gerne gekniffen. Mein Wandergefährte zeigte sich unerbittlich, Tagwach 6 Uhr, Abfahrt 7 Uhr, alles Klagen über müde Beine, müden Körper, müden Kopf half nichts. Wir fuhren mit dem Auto nach Brülisau, wo wir auf dem Parkplatz der Bahn zum Hohen Kasten parkten. Der Hohe Kasten war nicht unser Ziel, somit wurde auch nichts aus einer gemütlichen Gondelfahrt.

DSCF0006Nach einer kurzen Stärkung mit Kaffee und Nussgipfel ging der Weg los. Anfangs noch gemässigt die Strasse hinunter, danach in die Wiese hinein und ziemlich schnell steiler werdend. Meine Beine zeigten sich schwer, ich konnte mir innerlich selber zuhören, wie ich mir vorbetete, dass ich das heute nicht schaffe, ich heute viel zu schlapp sei, meine Beine zu müde seien und überhaupt. Mit diesem innerlichen Monolog stieg ich weiter hoch, äusserlich wie immer schweigsam, ich bin kein grosser Redner – wenn, dann eher mit mir selber.

DSCF0011DSCF0016Ich sagte mir schon bald, dass es wenig bringt, die Litanei ständig zu wiederholen, zumal die Kräfte nicht wirklich zunehmen, wenn man sich ständig sagt, dass sie nicht da sind. Woran lag es, dass ich so haderte? Kämpfte ich mit einem Inneren Schweinehund, der sich von der speziell trotzigen Seite zeigte? Vielleicht versuchte er, zu obsiegen, doch da hatte er die Rechnung ohne meinen stoisch über der Situation stehenden Wanderpartner gemacht. Schweigend stiegen wir hoch und höher, immer wieder wurde ich gefragt, ob es mir gut gehe und auf das durchaus wunderbare Gefühl verwiesen, das beim Erreichen des Gipfels, welcher zudem noch mit einer wunderbaren Aussicht aufwarte, aufkäme. Wollte ich das am Anfang nicht wirklich hören – ich stand meinem Schweinehund in Sachen Trotz in nichts nach –, so klärte sich meine Laune doch mit jedem Meter  mehr auf. Der Blick wurde weiter, das Herz auch. Schon bald fand ich in meinen üblichen eher schnellen Tramp und flog förmlich den Berg hoch.

DSCF0024Der Weg war steil, er führte über wunderbar bunte Bergwiesen und durch Wälder immer höher. Die imposante Bergwand thronte immer eindrücklicher über uns – wüsste man es nicht besser, würde man nicht denken, dass der Berg ohne Klettern begehbar sei. Kurz unter der Wand machten wir  eine letzte Pause bei einer Hütte, liessen den Blick schweifen. Mittlerweile war ich einfach nur noch zufrieden, versöhnt mit mir und meinem Schicksal. Ein wenig brodelte das schlechte Gewissen in mir, war ich wohl nicht wirklich eine angenehme Wanderpartnerin gewesen die erste Hälfte. An dieser Stelle drum ein grosses Dankeschön an meinen geduldigen Wandergefährten, ohne den ich all die Wanderungen bislang nie gemacht hätte und der auch heute treu und aufmerksam an meiner Seite war.

DSCF0022Dann ging der Aufstieg weiter. Der Blick weitete sich mit jedem Schritt, reichte bald schon bis zum Bodensee, über weite Felder, viele Dörfer, eine Landschaft wie im Bilderbuch, die sich unter schönen Kumuluswolken an einem sonst blauen Himmel erstreckte. Schon bald stand ich am Fuss der Felswand. Durch die Zahme Gocht, einen Spalt im Felsen, der mit Stahlseilen gesichert ist, ging es hoch auf das Plateau.

DSCF0046DSCF0026Oben angekommen war ich ergriffen von dem, was ich sah. Berge erhoben sich hinter dem Grat, über den wir gekommen waren, teilweise noch im Schnee, staken sie steil und stolz in den Himmel. Auf der Seite, von der wir gekommen waren, eröffnete sich eine endlos scheinende Weite.  Einmal mehr kam mir der Gedanke, dass die Schweiz ein wunderschönes Land sei. Einmal mehr fühlte ich Demut in mir ob der Schönheit und Grösse der Natur, die sich bei jedem Schritt schon gezeigt hatten, nun in einer Dimension vor mir lagen, die überwältigend war.

DSCF0050Unser Weg ging dem Grat entlang weiter zuerst zum ersten Gipfel der Alp Sigel, welcher später dem zweiten, um 31 Meter höheren weichen musste, den wir ansteuerten. Nach einem Eintrag ins Gipfelbuch nahmen wir den Abstieg in Angriff. Zuerst ging es runter zur Alp Sigel. DSCF0051 Tief unter uns sahen wir bereits den Sämtisersee. Danach führte der Weg ziemlich steil weiter bis zum Gasthof Plattenbödeli, wo viele Wandersleute sich von den vergangenen Strapazen erholten und für die noch kommenden stärkten. Da alles gut besucht war, liefen wir weiter. Teilweise auf einer breiten Strasse, teilweise auf einem schönen Waldweg ging es zügig bergab, bis wir endlich im Tal ankamen und wieder nach Brülisau zurück liefen.

DSCF0060Ich bin froh, nahm mir mein Weggefährte die anfänglichen Ermüdungserscheinungen und Unlustbekundungen nicht übel und versicherte mir, dass ich auch bei der nächsten Wanderung wieder mit dabei bin.

 

Fazit:
Die Wanderung ist nicht sehr lang, wir schafften alles in einer Zeit von 2 Stunden und 50 Minuten reiner Laufzeit, angeschrieben sind 2 Stunden 20 hoch und 1,5 Stunden runter. Sie ist nicht sehr anspruchsvoll, aber grossenteils sehr steil, was doch in die Beine geht. Der Blick von ganz oben ist eine Wucht, er entschädigt für alles, was man bis dahin durchgestanden hat an körperlichen Strapazen.

Hochwacht – 29. Mai 2014

Die Zeit reichte nicht für eine ausgedehnte Bergtour, so dass der Weg heute ins Zürcher Unterland führte. Mit dem Auto fuhren wir nach Dielsdorf, ein ausserordentlich malerisches Städtchen, das ich vorher nur vom Namen her kannte. Zwischen Riegelhäusern liefen wir hoch, kamen bald auf einen Weg, der von Wald und Rebbergen gesäumt war. Am Himmel ballten sich Wolken, es war nicht ganz sicher, ob wir den Weg trocken schaffen würden, doch die Sonne drückte immer wieder durch. Der Vorteil des Wetters war, dass es nicht zu heiss war, so dass der doch eher steile Aufstieg keine Schweissflüsse auslöste.

IMG_3204Nächstes Ziel war Regensberg, ein mittelalterliches Städtchen, welches auf einem Felssporn der Lägern hoch über Dielsdorf liegt. Schon vom Städtchen aus hat man einen Blick, der seinesgleichen sucht, steigt man  noch die Stufen zum Turm hoch, wird das noch getoppt, man sieht über weite grüne Flächen, kleine Dörfchen (sogar ein paar Geographielücken meinerseits konnten geschlossen werden) bis hin nach Deutschland, sieht Zürich winzig klein in weiter Ferne. Alles, was mal gross war, wird plötzlich überschaubar.

 Manchmal muss man nur hoch genug steigen, um die Relationen der Dinge zu sehen.

IMG_3207Unser Weg führte weiter zur Hochwacht. Wir waren nicht alleine, was an einem Feiertag und bei doch schönem Wetter nicht erstaunlich ist, trotzdem blieben die ganz grossen Massen aus, was wohl dem nicht ganz klaren Wetter zu verdanken war. Durch einen sehr gepflegten Wald stiegen wir hoch, schon ziemlich hungrig und hoffend, dass das Restaurant auf der Hochwacht geöffnet sei, wir einen ersehnten Wurst-Käse-Salat bekommen können. Wir wurden nicht enttäuscht, das Selbstbedienungsrestaurant war offen. Zwar war der Wurst-Käse-Salat nicht erhältlich (ein kurzes Grummeln wurde durch den Anblick der Alternative schnell beendet), dafür konnten wir uns auf eine sehr leckere Bauernplatte stürzen, die neben einem gut gereiften Greyerzer Speck und Salsiz enthielt. Dass der Ausblick von der Aussichtsfläche einmal mehr wunderbar war, wäre wohl kaum nötig zu erwähnen.

IMG_3209Gestärkt und beschwingt nahmen wir den Abstieg unter die Füsse, er ging zügig, das Wetter hielt den ganzen Tag und schon bald standen wir wieder neben dem Auto, das uns nach Hause fuhr. Insgesamt sind wir wohl 2,5 Stunden gelaufen, keine Anspruchsvolle Geschichte, aber wunderschön und sehr empfehlenswert.

Volker Weidermann: Max Frisch

Sein Leben, seine Bücher

Ein Leben zwischen Unsicherheiten, Affären, Politik und immer wieder Schreiben

Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heisst: sich selber lesen. […] Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die wir unmittelbar nicht aussagen könne, nicht von einem einzelnen Augenblick aus -.

In eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, studiert Frisch Germanistik, hält sich mit Artikeln für verschiedene Zeitungen über Wasser, mehr schlecht als recht. Er beschliesst, mit Hilfe eines vermögenden Freundes und auf Anraten seiner baldigen Ehefrau, doch noch etwas Lebenstüchtiges zu machen und studiert Architektur. Dem Schreiben schwört er ab, was nicht lange anhält. Sein erster Architekturwurf wird ein Erfolg, das von ihm entworfene Zürcher Freibad preisgekrönt. Trotzdem zieht es ihn zum Schreiben zurück. Immer wieder schreibt er Geschichten, die hauptsächlich von einem zu handeln scheinen: Ihm selber und seinem Leben zwischen Künstlertum und Bürgertum. Ein ständiges Hadern und Schwanken. Frisch ist nicht etwa der selbstbewusste Schriftsteller, als der er hätte scheinen mögen, er zerfrass sich teilweise mit Selbstzweifeln, suchte seinen Platz.

Neben dem Schreiben reiste Max Frisch viel und auch die Liebe und die Frauen kamen nicht zu kurz. Die Liebe ist ein Thema, dem sich Frisch immer wieder widmet:

Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben.

Fertig wurde Max Frisch vor allem mit einer Liebe nie, auch nach der Trennung von Ingeborg Bachmann durchstreift sie dessen Werk, ist Vorlage, Hintergrund, immer präsent – nicht nur im Schreiben, auch im Denken Frischs. Seine Reaktionen auf sie angesprochen bestätigen dies.

Volker Weidermann verschränkt Leben und Werk ineinander, geht chronologisch durch Frischs Sein und Schaffen. Er überzeugt durch Ausführlichkeit und Hintergrundwissen. Seine Sprache ist leicht lesbar, ab und an ein wenig flapsig. Volker Weidermann muss sich sicherlich nicht den Vorwurf gefallen lassen, seinen Biographierten verzärtelt zu haben, geht er doch oft hart mit ihm und vor allem mit dem Wert seines Werkes ins Gericht. Teilweise stimmt seine Kritik mit Stimmen aus den Literaturkritiken der zeitgenössischen Feuilletons überein, teilweise bewegt er sich auf eigenem Terrain und widerspricht gar Literaturprofis wie Peter von Matt. Wer nun recht hat mit seiner Werkeinschätzung soll hier nicht entschieden werden.

 

Fazit:
Flüssig lesbar geschrieben gibt das Buch ausführlich und kompetent, ab und an sehr kritisch dem Werk und dessen Wert gegenüber, Auskunft über das Leben und Schreiben Max Frischs. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Volker Weidermann
Volker Weidermann, 1969 in Darmstadt geboren, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er ist Literaturredakteur und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Berlin. Von ihm erschienen bei Kiepenheuer & Witsch: Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher (2010), Das Buch der verbrannten Bücher (2008) und Lichtjahre (2006).

 

Angaben zum Buch:
WeidermannFrischGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag (10. November 2010)
ISBN-Nr.: 978-3462042276
Preis: EUR 22.95 / CHF 32.30

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

 

 

 

Ent-Täuschung

Nimm einem Menschen sein Spielzeug weg und er zeigt sein wahres Gesicht.

So lange ein Mensch hat oder kriegt, was er möchte oder zumindest die Hoffnung behält, es (wieder) zu erlangen, zeigt sich derselbe von seiner besten Seite, verspricht, wenn nötig, das Blaue vom Himmel, ist zu allem bereit. Wehe, wenn die Hoffnung schwindet, die Dinge nicht nach seinem Sinn laufen. Wie weggewischt ist das freundliche Lächeln, all die Schwüre, Versprechen, noblen Gesten sind vergessen, zurück bleibt, was immer schon da war, allerdings überdeckt wurde durch den angenommenen Nutzen.

So gesehen erlebt man in solchen Situationen eine wahre Enttäuschung, indem wegfällt, was eh nur vorgetäuscht war und sich zeigt, was wirklich dahinter steckte. Enttäuschungen können insofern befreiend sein, indem sie einem deutlich zeigen, was wirklich Sache ist. Schade, treten sie oft erst dann ein, wenn die Täuschung schon zu gross war und man Folgen trägt, die man mit einer früheren Enttäuschung hätte vermeiden können. Tröstlich ist, dass mit jeder Enttäuschung die Erfahrung wächst und hilft, weitere Täuschungen zu vermeiden. Schade wäre es allerdings, aufgrund negativer Erfahrungen keine neuen mehr machen zu wollen, denn ab und an steckt wirklich drin, was vorne drauf steht.

Die Schweiz – so wunderbar neutral

Die Schweiz ist ein wunderbares Land. Hier darf man alles sagen, alles denken, muss zu nichts Stellung beziehen und ist nie beteiligt, wenn etwas schief läuft. Schliesslich und endlich sind wir neutral. Wir haben mit nichts etwas zu tun, sind eine Insel inmitten des stürmischen Ozeans. Zwar liefern wir ab und an Mittel, die den einen oder andern helfen, dies aber völlig unabhängig und meist auf den eigenen Profit bedacht (wie löblich). Zwar stecken wir auch gerne Geld ein, von diesem und jenem; dies aber genauso unabhängig, da wir alles nehmen, was wir kriegen können und was uns nützt – egal von wem.

In der Schweiz darf man alles sagen und tun. Sogar einen Hitlergruss darf man machen.

Hand gen Himmel, sei gegrüsst.

Das ist nun sogar amtlich, nachdem das Bundesgericht einen entsprechenden Entscheid fällte. Niemand käme zu Schaden, niemand werde zu irgendwas aufgefordert, heisst es im Urteil. Wie tröstlich. Nationalsozialistisches Gedankengut fällt unter den Paragraphen der Meinungsäusserungsfreiheit. Ein Gut, das erst aufgrund der Vorkommnisse des Zweiten Weltkrieges und der damit einhergehenden Gräueltaten erkannt und geschützt wurde (vgl. die Uno-Konvention von 1948), wird nun aufgerufen, das zu rechtfertigen, gegen das es überhaupt erst ins Feld gerufen wurde. Wenn das kein Wahnwitz ist, dann weiss ich auch nicht. Aber wir sind ja neutral und beziehen keine Stellung. Also schweigen wir auch dazu.

Man dürfe die Meinungsäusserungsfreiheit nicht einschränken, heisst es. Drum dürfen wir auch über jeden Furz abstimmen. Sogar, wenn er gegen Grundrechte wie die freie Religionsausübung verstösst. Minarette können vom Volk abgelehnt werden, weil sie irgendwie fremd und Unwohlsein auslösend wirken. Klar. Kann man machen. Ausländer müssen reglementiert einwandern, weil das Boot eh schon voll sei. Irgendwoher kennt man den Spruch. Woher bloss? Nur nicht zu lange nachdenken, man könnte noch auf böse Gedanken kommen.

Dass man nun ungestraft den Hitlergruss machen kann, hilft nicht wirklich, die bösen Gedanken zu vertreiben. Neben dem hauptsächlichen Schweigen, wurden ein paar Stimmen laut, die das Bundesgerichtsurteil stützten, meinten, man könne die Meinungsäusserungsfreiheit nicht hoch genug achten und Mist gebaut hätte der, welcher die Handlung zur Anzeige gebracht hätte. Bloss: Selbst wenn das so sein sollte (man beachte den Konjunktiv, denn Stillschweigen und Wegsehen bei offensichtlichem Übel ist nicht wirklich meine Stellung zum Leben), kann es nicht angehen, dass ein Bundesgericht einen so gelagerten Fall auf diese Weise abhandelt und damit Tür und Tor öffnet für Vorfälle derselben Art, also quasi einen Präzedenzfall schafft.  Aber ich vergass, dass wir ja in der Schweiz sind, neutral und offen und frei: Alles kann, alles darf, niemand bezieht Stellung.

Und wenn die Schweizer nicht irgendwann aussterben, jodeln sie ewiglich weiter und leben fröhlich auf ihrer Insel.

 

Twitter, Facebook oder: Das ganz normale Leben

Ich sitze vor meinem Computer, der Browser ist offen, auf einem Reiter sieht man den kleinen blauen Vogel von Twitter, auf dem anderen das blaue Quadrat mit dem F drin. Ich wechsle hin und her, twittere mit den einen, klicke „gefällt mir“ bei den anderen, überlege mir sinnige Sprüche, stelle Lieder ins Netz, damit sie jemandem gefallen mögen, ich wahrgenommen werde im ganzen Wirrwar der Gleiches tuenden Menschen vor ihren Bildschirmen. Vor mir ziehen Timelines durch, vieles übersehe ich, was bei einerseits über 1000 Freunden, andererseits bei über 600 Verfolgten nicht ausbleibt. Wie muss es erst denen gehen, die ein Vielfaches von meinen Kontakten haben? Und was bedeuten diese Kontakte überhaupt? Habe ich so viele Freunde? Verfolge ich so viele Menschen? Schliesslich und endlich nehme ich nur einen Bruchteil von allem wahr, mit den wenigstens komme ich in einen wirklichen Diskurs.

Andere  haben 100e von Reaktionen auf ihre Beiträge, bei mir befindet sich die Zahl meist im einstelligen Bereich und ab und an nicht mal das. Was sagt das über mich aus? Bin ich uninteressant? Unbeliebt? Kein sozialer Mensch? Im sogenannt realen Leben habe ich auch wenig Freunde, da stört es mich nicht, da meine Zeit für mehr nicht reichen würde. Meine Geduld schon gar nicht. Ich mag es nicht, ständig Menschen um mich zu haben, bin gerne zu Hause und für mich. Dass ich dann am Computer sitze und mit Menschen in der weiten Welt in Kontakt zu treten versuche, hat dabei eine etwas skurrile Note.

Ich könnte mal ein Bild von meinem Computer auf Instagram stellen, geht es mir durch den Kopf. Damit man auch noch mit Bild sieht, was ich gerade mache. Nicht dass es speziell wichtig und interessant wäre, aber man stellt sich ja dar. Leben im Jahr 2014. Immer öffentlich, immer präsent. Kaum jemand, der sich diesen Medien entzieht. Böse Zungen behaupten, die Menschheit verarme, da sie nur noch zu Hause sitzt und kein reales Leben mehr hat. Ich bezweifle das. Ich habe über Twitter und Facebook einige tolle Menschen kennengelernt, die ich nun auch im realen Leben treffe. Wir gehen Kaffee trinken, plaudern, wandern, ins Kino, zum Essen. Natürlich bleibt es nicht aus, dass das Ganze über Twitter, Facebook und Instagram verbreitet wird, schliesslich ist man sich und den anderen das schuldig und endlich hat man über diese Kanäle überhaupt zu diesem Vergnügen gefunden. Wenn man sich dann im realen Leben trennt, schickt man via SMS – oder gleich über die öffentlichen Kanäle – noch ein Dankeschön hinterher, soviel muss sein.

Es fällt leichter, übers Internet zu sagen, was man denkt. Man ist anonymer, freier, kann sich hinter den Tasten und Bildschirmen verstecken. War man zu frech, kann man es als Missverständnis auf die Schriftlichkeit schieben, war man zu böse, kreiert man einen ebensolchen Charakter und bildet sich als Kunstprodukt, war man zu romantisch, lief man ins Messer, verlor man gar sein Gesicht, so war es immerhin nur das des Avatars, nicht zwingend das wirkliche. Man rettet sich dann in den Gedanken, dass einen da aussen eh kaum einer kennt, es also egal ist. Eigentlich. Trotzdem brodelt es im Innern. Genauso wie die mangelnden „gefällt mir“-Klicks und Favorisierungen.

Sind wir wirklich den technischen Errungenschaften ausgeliefert? Kinder des Social Media, die sich im wahren Leben kaum mehr zu bewegen wissen, wenn sie nicht in ein Gerät starren, sich nicht der grossen Öffentlichkeit darbieten können? Was treibt uns an? Das Gefühl, unscheinbar, zu klein zu sein, so dass wir mehr Aufmerksamkeit suchen? Das quasi anerkannte und akzeptierte ADHS der Erwachsenengeneration? Wenn dies geschrieben ist, wird es auf WordPress, Facebook und Twitter erscheinen, wird verbreitet werden und eventuell sogar gelesen. Wird man es mögen? Wird es gefallen? Wird jemand was dazu schreiben? Wozu schrieb ich es? Wieso? Weil ich es nicht anders kann? Ein Zwang? Das Streben nach Output, der beim Schreiben am grösseren Text oder gar Buch zu wenig schnell kommt, so dass ich mich in kleinen Texten ergiesse, die sofortige Reaktionen bringen, nicht erst Jahre des Schaffens bedingen, um irgendwann vielleicht genauso wenig gelesen zu werden? Twitter und Facebook also nur Ablenkungsmanöver von den grossen Dingen des Lebens, an die wir uns kaum ran wagen oder aber ab und an an ihnen verzweifeln?

Schliesslich und endlich ist Social Media das, was wir draus machen. Der Sog, den es entwickeln kann, nimmt mitunter suchtähnliche Züge an, man taucht ein in eine Welt, fühlt sich bald getrieben, immer auf dem neusten Stand sein zu müssen, da das Leben im Netz, in der eigenen Timeline, an einem vorbeirauscht, wenn man nicht hinschaut und man so etwas verpassen könnte. Es ist wie im Kindesalter, wenn man nicht ins Bett wollte, weil man dachte, all die spannenden Dinge im Leben passieren dann, wenn man nicht dabei ist. So zögerte man das ins Bett Gehen hinaus und hinaus. Genauso scrollt man sich in allen Lebenslagen durch die verschiedenen Timelines, schaut, wo wer was schrieb, antwortet kurz, egal, ob man gerade auf dem Klo oder beim Mittagessen mit Freunden sitzt. So viel Zeit muss sein, schliesslich spielt da das wahre Leben – zumindest ein Teil davon. Und es ist wahres Leben, auch wenn es virtuell ist. Wenigstens zum Teil.

Nun kann man diesen Teil – und das wird oft getan – mit moralischen und anderen Massstäben bewerten, sich darüber auslassen und alles verdammen. Schliesslich und endlich hat jedoch jede Generation ihre von der letzten Generation mit hochgezogener Augenbraue wahrgenommenen Auswüchse. Dies ist unserer, der nächste wird kommen. Wir werden dann immer noch in altangestammten Timelines scrollen, über die wiederum unsere Nachgeboren die Nase rümpfen ob ihrer Antiquiertheit, während diese schon viel weiter sind. Man darf gespannt sein.

Stockhorn – 25. Mai 2014

DSCF0036Heute führte die Wanderung in meine Heimat, verbrachte ich doch die schönste Zeit meiner Kindheit im wunderbaren Berner Oberland, genauer im Diemtigtal – mit Ausflügen ins Simmental. Seit ich denken kann, habe ich einen Kraftberg, einen Berg, der mir was bedeutet, an den ich Erinnerungen habe, der mir Mut macht, wenn ich ihn sehe, den ich lange vom Wohnzimmerfenster her sah und den ich als Kind jährlich mindestens einmal bestieg.

DSCF0041DSCF0043Um 10 Uhr landeten wir am Bahnhof Erlenbach und liefen zur Talstation der Stockhornbahn hoch. Nicht mehr ganz früh dran, waren wir nicht alleine. Aus Zeitgründen fuhren wir mit der Seilbahn bis zur Mittelstation. Sehr willkommen war die Gepäckannahme der Bahn, so dass wir nicht mit Rollkoffer den Berg hinauf kraxeln mussten. Da der Gepäckraum nicht wirklich bewacht (eigentlich gar nicht) war, blieb der Kitzel, ob wir unten angekommen unser Gepäck wiederfinden würden. Die Fahrt hinauf war wunderbar und eng – wie wohl immer an schönen Tagen. Bald schon sah ich auf der gegenüberliegenden Hangseite das Diemtigbergli, in dem ich einen Grossteil meiner Kindheit verbracht habe, wo ich Ski fahren lernte und einfach zu Hause war. Die Seilbahn landete im Chrindi, der Mittelstation. Aus dem Gebäude getreten eröffnete sich schon der Blick auf den Hinterstockensee – wunderbar zum Fischen und einfach malerisch gelegen. Vor uns steil empor das Stockhorn – des Berges zweiter Teil. Wir marschierten los, leider war der eine Weg noch geschlossen wegen Schnee, so dass wir den Touristenweg wählen mussten. Schnell war ein rhythmischer Tritt gefunden und so ging der Aufstieg flott, er floss förmlich. Heute waren die Gedanken frei, einer Meditation gleich flogen sie dahin, ohne irgendwo anzustehen, einfach im Fluss.

Mit jedem Schritt erweiterte sich auch hier das Panorama. Kindheitserinnerungen kamen auf, wie oft war ich diesen Weg gegangen, teilweise vom Diemtigbergli runter, Stockhorn rauf, runter, wieder zum Bergli rauf. Eine Kindheitsepisode kam mir in den Sinn. Ich war schon den ganzen Hang vom Bergli runtergelaufen, nun wieder auf halbem Weg bis zur Mittelstation rauf, da zog über unserm Kopf die Seilbahn durch, Kinder winkten runter. Empört sagte ich zu meinem Vater: „Wenn ich mal Kinder habe, frage ich die, ob sie fahren oder laufen wollen.“ Mein Vater, der nun nicht wirklich ein Unmensch war ( alles andere) sagte bei der Ankunft an der Mittelstation zu mir: „Schau, hier können wir noch bis zum Gipfel fahren. Magst du?“ Trotzig sagte das Kind (also ich): „Nun bin ich bis dahin gelaufen, nun lauf ich auch noch den Rest.“ Sagte es und lief hoch, wieder runter und die andere Seite wieder hoch. Der Trotz, gemischt mit Ehrgeiz, geht mir wohl heute noch nach.

DSCF0060Nach kurzer Zeit schon war es leider mit der Stille der Berge vorbei. War ich bislang sehr happy, einen Wandergenossen gefunden zu haben, der genauso wie ich schweigend Berge hoch läuft, trafen wir alle paar Meter auf Turnschuhtouristen, die den Berg mit der Bahn hochgefahren waren und nun eifrig plappernd runterliefen. Das trübte das Bergerlebnis ein wenig, hatte ich es doch aus der Zeit vor 30 Jahren (Zahl bitte sofort wieder vergessen) ruhiger in Erinnerung. Nichts desto trotz entschädigte  das Panorama von Meter zu Meter. Eiger, Mönch und Jungfrau, Blüemlisalp, Finsterarhorn – alle zeigten sie sich immer mehr. Erlenbach weit unten im Tal wurde zur Spielzeugeisenbahnlandschaft.

DSCF0063Vorbei an der Oberstockenalp, welche übrigens im Sommer wunderbare Wanderbauernplatten mit leckerem Käse und Hobelfleisch serviert, die kühlenden Getränke nicht zu vergessen, ging der Weg weiter bis zum Gipfel, welcher um die Mittagszeit an einem Sonntag natürlich gut bevölkert war.

 

 

DSCF0076Schnell ein Gipfelfoto geschossen, den Blick in die Weite über Thun bis nach Bern (dieses Mal im Dunst, sonst gut sichtbar) genossen, machten wir uns an den Abstieg, um ein ruhiges Plätzchen für die Mittagspause zu finden. Wir fanden es am Vorderstockensee, wo nicht alle Turnschuhtouristen hinkamen. Von da führte unser Weg über sehr steile Bergwanderwege zuerst nochmals hinauf, dann hinunter, die Knie begannen zu schlottern, aber die Ruhe war herrlich.

DSCF0084Anfangs noch ein wenig grummlig, weil meine Kindheitserinnerung nicht mehr ganz so idyllisch war, wie gedacht, weil ich an einer noch nicht ganz abgeheilten Verletzung litt, der Zeitdruck spürbar wurde, ich musste nach Hause, und Selbstzweifel dem Ganzen die Krone aufsetzten, kehrte schon bald ein wohliges Gefühl zurück: Der Weg war gut ausgeschildert, menschenleer, die Gedanken und der Schritt flossen wieder dahin und die Welt war in Ordnung. Nach 5 Stunden und 45 Minuten Wanderzeit kamen wir bei der Talstation an, wo wir unser noch vorhandenes Gepäck aufgriffen, zum Bahnhof pilgerten und die Heimreise antraten. Im Kopf schon beim Fahren das Lied im Kopf „Ich han Heimweh nach de Berge…..“. Einmal Bergkind, immer Bergkind. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei meinem wunderbaren Wanderbegleiter, der sich als Einzelbergwanderer in dieses Tourigewimmel stürzte für mich und mich aus meinen zeitweilig trüben Gedanken riss. Es war wunderbar.

 

Fazit:

Von unten hoch und wieder runter ist das Stockhorn eine Herausforderung für die Ausdauer, da es mitunter sehr steil ist, was beim Weg hinunter (vor allem ab dem Chrindi) in die Knie geht. Wer andere Leute beim Wandern liebt, kann getrost hinaufsteigen, wer die Stille der Berge sucht, sollte den „üblichen“ Weg meiden und andere Routen wählen oder aber unter der Woche hinaufsteigen, wenn es deutlich ruhiger ist. Der Ausblick vom Gipfel ist wundervoll, den kann ich jedem nur ans Herz legen.

 

 

Wasserngrat – 24. Mai 2014

DSCF0003DSCF0017Der Weg startete in Gstaad, zuerst noch harmlos am Bach entlang, durch ein lauschiges Wäldchen, später dann an Bauernhöfen und Chalets vorbei. Bald wurden die Häuser weniger, die Wiesen grüner, vor uns lag der steile Hang. Forschen Schrittes stiegen wir auf, bis wir merkten, dass der verfolgte Weg nicht dem auf der Karte verzeichneten Weg entsprach, worauf wir beschlossen, das Bord gerade hinauf zu kraxeln. Schnell hatte ich meinen Rhythmus gefunden und damit floss der Aufstieg wie von selber.


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Die Gedanken folgten ihm, ich sinnierte über die Zeit. Fragte mich, ob alles seine Zeit habe im Leben (und auch sonst), ob Zeit wirklich Rat bringt oder man ihn sich selber beschaffen muss. Zeit ist grundsätzlich gegeben, wir haben sie und sie fliesst gemächlich dahin. Ab und an wollen wir sie anhalten, dann wieder beschleunigen, wir klagen über Dinge, die unsere Zeit stehlen und verschwenden sie an anderen Ecken und Enden. Haben zu wenig davon und doch dauert manches zu lange, weil zu viel Zeit bis zum Ersehnten liegt. Wenn wir keine Zeit haben – wer hat sie dann? Wenn wir uns Zeit lassen – fliesst sie dann langsamer? Wenn die Zeit vergeht – wo geht sie hin?

DSCF0021 Und mit diesen Gedanken im Kopf stieg ich Meter für Meter den Berg hinauf, nicht ohne immer wieder den Blick in die Ferne schweifen zu lassen und die wunderbare Aussicht zu geniessen. Irgendwann landeten wir bei der stillgelegten Bergstation des Lifts, das Bergrestaurant war geschlossen und wir hatten die Terrasse für uns. Ich genoss ein Sonnenbad auf einer Holzbank, welches wohl für meinen doch sehr ausgeprägt roten Kopf verantwortlich gewesen sein dürfte. Das Panorama vom Wasserngrat ist bombastisch. Gstaad, Saanen – alle liegen sie ganz klein unten im Tal, mitten in stolz sich erhebenden Bergen, die noch mit Schnee bedeckt sind. Es klingt kitschig zu sagen, dass die Weite des Blicks Herz und Geist sich weiten lässt, aber genau so fühlte es sich an.

DSCF0031 Wir packten unsere sieben Sachen und stiegen weiter hoch. Es folgten Schneefelder und mörderisch rutschige und steile Hänge. Wegweiser waren nicht zu finden, die lagen wohl unter Schneedecken, das einzige, was zu lesen war, war eine Absturz- und Todesnachricht eines an dieser Stelle Verunglückten. Wir beschlossen, dies nicht zu wagen, kehrten um und wanderten wieder ins Tal runter. Der Abstieg führte zuerst wieder über die mit Krokussen übersäten Wiesen, später stiessen wir dann auf den Weg, welchem wir zurück nach Gstaad folgten.

Im Bernerhof (übrigens als Wanderhotel sehr zu empfehlen, stellt es doch am Morgen Reiseproviant für hungrige Wanderer zur Verfügung, ist zentral beim Bahnhof gelegen und überzeugt durch sehr nettes und zuvorkommendes Personal, einladende Zimmer und vieles mehr) in Gstaad gelandet, genossen wir, in die Lounge gelümmelt, eine eiskalte Erfrischung und liessen den wunderbaren Tag nochmals Revue passieren.

 

Fazit:
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Eine wunderbare Wanderung, nicht wirklich schwierig, von Gstaad bis zur Bergstation und zurück in 3,5 Stunden gut machbar – flinke Wanderer schaffen es wohl schneller. Das Bergpanorama ist eine Wucht, die Gegend wunderbar. Absolut empfehlenswert.