„Es ist nur ein Auto“

Mein Auto hat einen Namen. Den bekam es, weil es mein Traumauto, mein Wunsch seit langem war. Und weil der Name passte. Es heisst George. George ist alles, was ich will. Ich träume nicht von Status oder Marke, ich sah dieses Auto und verliebte mich. Und wusste: Das Auto will ich mal haben. Und irgendwann, nachdem ich mir immer wieder andere Autos zulegte, weil sie grad irgendwelchen aberwitzigen und doch glaubhaft klingenden Argumenten folgten, kam George in mein Leben. Die Freude war gross. Abgesehen davon, dass mein Tagesablauf ohne Auto nicht zu schaffen ist, war ich einfach nur glücklich, ihn bei mir zu haben.

George ist kein Vernunftsauto. Er hat kaum Kofferraum, die Hintersitze sind nicht wirklich komfortabel, der Blick nach hinten endet im schwarzen Stoffdach. Was für ihn spricht, ist die stärkere Leistung, die mir vorher fehlte. Ruckelte ich vorher mit maximal 40 km/h den Hügel rauf, wo ich für die Autobahn schon hätte beschleunigen müssen, zieht George durch. Und wie. Eine wahre Freude für einen sportlichen Fahrer wie mich. Der ängstliche Fahrer in mir fühlt sich auch gleich wohler, drängelt doch keiner mehr hinter mir, sondern sind sie alle weit zurück.

Die Freude an George währte nicht lange. Zwei Tage nach dem Kauf die ersten Probleme. Seit da renne ich mit dem Kleinen zum Autodoktor. Und verzweifle fast. Der Demoeffekt schlägt zu. Was zu Hause rinnt, ist in der Garage dicht. Trotzdem nehmen Flüssigkeit und Budget ab. Da die Lage sonst schon angespannt ist, reicht das ab und an, das Fass zum Überlaufen zu bringen, sprich, meine Augen werden auch undicht.

Wenn man um ein Auto weint, kann man sich auf Spott und Häme gefasst machen. Es ist ja nur ein Auto. Ja, ist es. Aber es steckt mehr drin. Neben Traum und Liebe auch viel Lebensnotwendigkeit. Und Rennerei momentan. Aber natürlich – von aussen nur ein Auto. Was soll’s. Man sollte sich nicht so haben. Wäre George nur blosser Status, hätte ich mich wohl nicht so. Er ist aber Familienmitglied, weil ohne ihn diese Familie Probleme hat. Wir sind ein System, in dem alles seine Rolle hat, alles Glieder einer Kette sind, die zusammenhalten müssen, damit die Kette hält. Momentan schwächelt sie. Drum muss George wieder heil werden. Denn wir brauchen ihn. Und wir wollen IHN und keinen anderen. Klar gibt es schönere, grössere, tollere, teurere Autos. Ich will aber ihn wieder haben. Heil und noch lange mit uns.

George, nur ein Auto? Mag wohl sein. Allerdings habe ich keine Dinge, nur damit ich sie habe, als Status. Ich baue Beziehungen auf, habe Gründe und hänge dann dran. Ich gebe mich auch nicht mit Menschen ab, nur weil man sich ja abgibt, der Mensch vielleicht Rang und Namen hätte. Ich gebe mich mit Menschen ab, weil sie Menschen sind und mir als solche was bedeuten. Was ist ein Leben, das nur auf Status, Ruf und Dünkel baut? Vielleicht ein schillerndes, ein glänzendes. Mag sein. Wohl nicht meines. Im Moment möchte ich einfach mein Auto wieder haben und wissen, wir werden noch so manche Fahrt zusammen machen, weil sie nötig ist, so manche geniessen, weil sie schön ist, so manche erleben, weil wir sie erleben können.

Wirklich wichtig im Leben ist nur das, was für dich selber eine Bedeutung hat. Alles andere ist blosser Schein.

Verkaufte Seele

Wann verkauft man seine Seele? Wenn man seine Träume lebt und dafür Kompromisse eingeht, um sie zu ermöglichen, oder wenn man seine Träume beerdigt, weil sie nicht ohne Zugeständnisse an anderen Orten lebbar sind? Gar in beiden Fällen?

Das Leben und die Träume

Es war einmal ein Traum, der wollte gelebt werden. Das sei sein Recht, glaubte er, denn überall hörte und las er: „Lebe deine Träume!“ Genau das sollte auch mit ihm getan werden. Das Leben machte ihm einen Strich durch die Rechnung, es stellte ihm die Pflicht an die Seite, die gelebt werden müsse und sagte dem Traum: „Schau, wie du aus der Nummer rauskommst.“ Das Leben wollte sich aber nicht lumpen lassen und bot noch Herz und Verstand als Entscheidungshilfen. Wirklich einfacher wurde es mit den beiden Streithähnen nicht, denn was der eine wollte, fand das andere daneben, wonach sich das eine sehnte, fand der andere untragbar. Und so stritten sie bis in alle Nächte, Traum und Pflicht harrten der Entscheidungen, die da kommen mochten und hielten sich still. Das Leben ebenso.

Endlich kam Licht ins Dunkel, Herz und Verstand näherten sich an, empfanden die Pflicht zwar durchaus als wichtig und nicht zu vernachlässigen, den Traum aber als unbedingt lebenswert. Was wäre das Leben ohne Träume? Das Herz fand, es wäre fad, traurig, leer und trist, der Verstand musste ein wenig einlenken, immer mit dem doch stetig leiser werdenden Einwand: „Aber wenn jeder nur täte, wie er wollte, wo kämen wir da hin?“, den er schlussendlich runterschluckte und nur noch dachte, dass man vielleicht in ein zufriedeneres Leben steuern würde. Das konnte er aber natürlich nicht laut zugeben.

Und wie es im Märchen so ist, käme nun der Abspann: „Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute glücklich. Der Traum ist gelebt, die Pflicht nicht ganz vernachlässigt, Herz und Verstand schauen eng umarmt zu, nicken sich freudig an und lächeln.“ Das Leben macht es den Vieren aber nicht so einfach, es holt einen neuen Traum aufs Tapet. Und vielleicht noch einen. Und auch diese Träume wollen alle gelebt werden, kommen sich aber in die Quere. Wenn der eine gelebt wird, muss der andere weichen und untergehen. Wenn der dritte zum Zuge kommen will, müssen erst zwei aus dem Leben aussteigen.

Herz und Verstand schauen sich an und verstehen das Leben nicht mehr. Sie suchen nach Worten und finden sie nicht. Sie schauen die Träume an und finden sie alle dem ersten nicht minderwertig. Sie schimpfen mit dem Leben und finden es ungerecht. Sie fragen, was sie denn tun sollen und wissen schon, dass sie keine Antwort kriegen. Das macht sie noch wütender. Das Leben selber rollt die Augen gegen den Himmel und findet, sie sollen sich alle nicht so haben. So sei es nun mal.

That’s life

Das Leben ist schwer. Teilweise sehr. Ab und an denkt man, man hätte ein Abo für negative Dinge, da sich eines ans andere reiht. Als ob sie sich verabredet hätten und nun alle auftauchen wie unliebsamer Besuch. Und oft bleiben sie. Wie der Besuch mit Sitzfleisch, der nicht reagiert, wenn man sich räuspert, gähnt, den Tisch abräumt, von frühen Terminen am nächsten Morgen spricht. Und irgendwann taucht die Frage auf: Wieso eigentlich? Geht das allen so? Nur mir? Was habe ich getan, dass es mich trifft? Was in meinem Verhalten, meinem Sein, meinem Tun löst das aus? Kann es nur Zufall sein?

Zufall oder Schicksal? Am ehesten glaube ich an Ursache und Wirkung. Und genau dieser Glaube versetzt in die Frage nach dem Warum, die oft einfach nicht zu finden ist. Wieso wird jemand krank? Wieso kommt jemand in einem armen Land zur Welt, der andere als Sohn reicher Eltern? Wieso geschehen Umweltkatastrophen (die ganze Klimadiskussion ist hier nicht als Antwort gesucht) und Menschen wohnen genau da, wo sie passieren? Wieso stürzt das eine Flugzeug ab, Menschen sterben, das nächste fliegt durch? Doch Zufall? Wohl schon… irgendwie.

Klar kann man dahin gehen und sagen, wenn man nicht hätte, wäre auch nichts passiert. Aber das bringt schlussendlich wenig. Gewisse Dinge tut man 100 Mal und es geht gut, einmal geht es daneben und man sitzt da. Schlussendlich bleibt wohl die Erkenntnis, dass das Leben eine einzige grosse Herausforderung ist – auf vielen verschiedenen Ebenen. Und wenn man die eine im Fokus hat und dran arbeitet, vernachlässigt man eine andere. Gesund wäre eine Balance in allen Bereichen. Das machen sich einige findige Geschäftsleute zu nutzen und bieten Programme an. Meist bleiben das Ferieninseln, der Alltag holt einen schnell ein.

Also aussichtslos? Das Leben ein einziges Leiden, man selber der Spielball der irdischen Kräfte, die einen hin und her werfen? Ab und an wohl schon. Und doch ist wohl nicht alles verloren. Dass man nicht alles haben kann, ist meine feste Meinung, man kann sich aber überlegen, was man wirklich will. Und da den Fokus auf ein paar wenige Dinge legen, die verfolgen. Weil man weiss, sie sind gut, sie sind richtig. Für einen. Das Problem, das sofort auftaucht: Was finden die anderen dazu? Und schon sitzt man wohl im nächsten Konflikt. Und so reiht sich einer an den anderen und man sitzt so drin und schaut sich um, sieht sich umrandet von den diversen Konflikten, die sich paaren mit Mustern, die man nicht haben will, trotzdem hat, verliert mal die Nerven, schilt sich, findet sie wieder, läuft weiter, um wieder da zu landen.

Und doch. Ab und an gibt es diese Highlights. Die sind toll. Sie machen Freude. Man fühlt sich sogar glücklich. Und denkt, die Welt ist wunderbar. Das Leben wundervoll. Und man möchte die Welt umarmen und alle Menschen, die man sieht und ihnen sagen, wie toll das Leben ist. Allerdings lauert wohl schon da hinter der nächsten Ecke das nächste Unheil. Und es reisst einen rein. Es fühlt sich an, wie wenn jemand den Stecker zieht beim Staubsauger und plötzlich alles still ist. Und man sieht den Staub schon förmlich wachsen.

Tja, wie sang Frank Sinatra so schön:

You’re riding high in April, shot down in May
But I know I’m gonna change that tune
When I’m back on top, back on top in June

Träume leben – und sie verabschieden

Manchmal hat man Träume im Leben. Und man malt sich aus, wie es wäre, sie zu verwirklichen. Und man ist sicher, dass man glücklich wäre, hätte man sie erst verwirklicht, weil man sich dann am Ziel seiner Träume wähnt und man ja von etwas träumt, dass man sich als erträumenswert ausgedacht hat.

Oft zaudert man, die Träume anzugehen, man sieht sie als unerreichbar und hat 1000 Gründe, sie nicht erfüllen zu können. Man griff auch hoch beim Träumen, kleine Träume sind keine Träume, sondern eher Wünsche, die man sich vielleicht noch eher erfüllt. Aber Träume. So wirklich grosse. So wirklich tolle. Die sind weit weg. Und durch die Ferne quasi unerreichbar. Man träumt sie. Über die Zeit werden sie immer grösser und erstrebenswerter. Das Sehnen danach nimmt zu. Das Leiden am Nichterreichenkönnen auch.

Und vielleicht packt man eines Tages den Mut. Und beginnt, sich an die Erfüllung des Traumes zu machen. Und man merkt, dass es sogar gehen könnte. Plötzlich reiht sich Glied an Glied und die Kette führt zum Ziel. Und man ist da. Und es ist schön. Und man ist stolz. Man geniesst es. Endlich da.

Damit könnte die Geschichte zu Ende sein. Bei Rosamunde Pilcher wäre sie das und ab und an wäre ein Leben frei nach Pilcher wunderbar, denn am Schluss ist alles rosarot und die Farbe ist toll. Aber. Wir sind nicht bei Rosamunde. Wir sind im richtigen Leben. Und ab und an ergibt es sich, dass die Erfüllung der Träume plötzlich an den Punkt gelangt, an dem man merkt, dass sie gar nicht so toll ist, wie man sich über Tage, Wochen, Monate, Jahre ausgemalt hatte. Die Ernüchterung setzt ein. Man schaut auf das Erreichte, zwar schwingt noch ein Rest Stolz mit, aber daneben macht sich das Gefühl breit, einem ganz grossen Irrtum aufgesessen zu sein. Wo bleibt all das Glück, das man sich erträumte, dessen man sich so sicher war? Das sollte doch nun gefälligst da sein. Bleiben. Einen wie ein Honigkuchenpferd grinsend durch die Welt laufen lassen.

Was ist passiert? Nicht alle Träume entsprechen uns wirklich. Einige kommen auf, weil sie von aussen toll erscheinen, weil andere sie leben und damit glücklich sind, weil wir sie falsch einschätzen. Und wir hängen ihnen nach. Unerreicht behalten sie ihren Reiz, da nur das, was wir wirklich erfahren, reale Wirkung hat, alles andere bleibt reine Vorstellung, Projektion. Erreicht stellen sie sich der Realität. Und uns. Und ab und an unterliegen sie. Unterliegen auch wir. Wir sehen, dass unser Sehnen etwas entsprach, das nicht uns entsprach. Also alles ein Irrtum? War es falsch, den Traum zu verwirklichen und wir haben quasi versagt? Denn so fühlen wir uns. Als Versager. Als jemand, der in die Irre lief.

Ich denke nicht. Wir hatten den Mut zu träumen. Wir lebten den Traum, verharrten nicht im Ausmalen. Wir wagten etwas und sahen, wie es wirklich ist. Das allein ist schon toll. Dass es nicht so war, wie es schien, ist vielleicht schade. Sicher ist es eine Ent-Täuschung im wortwörtlichen Sinne. Wir sind enttäuscht im übertragenen Sinn, weil wir uns mehr erhofft haben, aber auch ent-täuscht im Wortsinn, da uns eine Illusion klar wurde. Wir wissen wieder ein wenig mehr über uns selber und können weiter gehen mit dem Wissen. Neue Träume finden. Und den Mut haben, sie zu realisieren. Denn nur dann leben wir unser Leben – das Leben, das uns entspricht. Nur dann lernen wir uns kennen und gehen weiter.

 Träume, die nur geträumt werden, sind Leerläufe. Träume, die gelebt werden, sind das Salz in der Suppe des Lebens.

Aurora: „Ausgrenzung ist menschlich“

Ich danke dir für deine Bereitschaft, einen Einblick in dein Leben zu gewähren. Stell dich kurz vor: Wer bist du, wie würdest du dich und dein Leben beschreiben?

Ich arbeite seit 15 Jahren als Agogin. Ich betreue Menschen, die als schwer geistig behindert bezeichnet werden. Ich lebe mit Katze und Freund zusammen. Ich würde mich als soziales und intelligentes menschliches Wesen bezeichnen, mit sehr vielen Interessen und Leidenschaften. Ich schreibe gerne. Ich kümmere mich sehr gerne um meine Familienmitglieder.

Weiss dein ganzes Umfeld, dass du Autist bist? Wie offen gehst du damit um? Hat der Autismus einen Einfluss auf deine Freundschaften?

Nein. Wirklich wissen tun es nur wenige Menschen. Es ist nichts, was ich bereit streue.
Ich denke, dass die wenigsten Menschen wissen oder ahnen, dass ich Autistin bin, vermute aber, dass diejenigen, die offen dafür sind, es längst gemerkt haben. Ich tue mich schwer mit Freundschaften. Es gibt einige wenige Menschen in meinem Leben, die ich als Freunde bezeichne. Ich bin in Sachen Freundschaft sehr empfindlich.

Gibt es im Alltag Dinge, wo du Hilfe brauchst? Wenn ja, welche? Würdest du dir grundsätzlich mehr Hilfe oder sonst Unterstützung wünschen?

Ich brauche wenig Hilfe im Alltag. Einzig allein in Menschenmassen, wie z.B. beim Anstehen fürs Rigibähnli, bin ich froh, wenn ich den Massen nicht alleine ausgeliefert bin. Ich bin froh, wenn man mich nicht einfach so anfasst. Anstandsküssli finde ich grauenvoll.
Ich habe Mühe mit Schattierungen von Emotionen.

Gibt es Tage, an denen dir alles zu viel wird, du haderst mit deinem Schicksal, die Frage nach dem Warum vielleicht hochkommt?

Ich hadere selten mit meinem Schicksal, weil ich nichts anderes kenne. Mir werden eigentlich nur verschiedenartige Ansprüche zu viel, ich genüge ihnen nur oberflächig. Ich fühle mich als vollends funktionsfähig.

Wenn du nicht Autist wärst, denkst du, du wärst am selben Punkt im Leben heute oder hättest du Dinge anders gemacht?

Das weiss ich nicht.

Gibt es etwas, das du als positiv erachtest an deinem Autismus? War er „für etwas gut“?

Ich denke, meine Wahrnehmung, so heftig sie ist, hat ein Gutes. Ich nehme oft wahr, was andere übersehen. Kleinigkeiten. Ich denke, ich bin ein sehr sensibler Mensch.

Was wünscht du dir von den Menschen da draussen? Von den einzelnen, von der Gesellschaft?

Worunter ich wirklich leide, sind Aussprüche von politischen Personen, die ihre Gegner als Autisten bezeichnen. Ich finde das beleidigend und demütigend.

Ist man heute wirklich so aufgeklärt oder findest du, dass Krankheiten und Behinderungen noch immer Tabu sind, Menschen, die betroffen sind, ausgegrenzt sind?

Das weiss ich nicht.
Ich denke, Ausgrenzung ist etwas zutiefst Menschliches, sie ist ein menschlicher Instinkt, der gruppendynamisch funktioniert.

Muss man Ausgrenzung also hinnehmen und damit umgehen lernen?

Ich weiss nicht. Ich nehme an, das ist das Recht, des Stärkeren.

Gibt es etwas, das du einem ebenfalls Betroffenen sagen möchtest?

Lass dir von niemandem einreden, dass du schlecht bist.

Aurora, ich möchte mich ganz herzlich für diese Antworten bedanken, die einen wunderbaren Einblick in deine Sicht des Lebens und deinen Umgang mit Autismus gewähren.

Jetzt

Wenn du jemanden liebst – sag es ihm. Wenn du jemanden sehen willst – geh zu ihm. Wenn du etwas zu klären hast – tu es. Es könnte sein, dass plötzlich der Tag kommt und es ist nicht mehr möglich, etwas zu sagen, hinzugehen, etwas zu tun. Wie würde sich das anfühlen?

Fehler im Leben

Ein weiser älterer Mann sagte mir heute:

Du darfst Fehler machen, aber du solltest nie denselben Fehler zweimal machen.

Ich fand den Spruch gut, nickte. Ein paar Stunden später dreht der Kopf. Wann weiss ich, was ein Fehler ist und was nicht? Können zwei Situationen gleich aussehen, sind es aber nicht? Definiert nicht erst das, was kommt eine heutige Entscheidung als richtig oder falsch? Frei nach Kierkegaard:

Das Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden.

Das Leben führt uns immer wieder in ähnliche Situationen. Wir gehen Beziehungen ein, haben Arbeitsstellen, pflegen Freundschaften. Alle diese Lebensumstände bringen gute und schwierige Zeiten mit sich, machen es nötig, ab und an Entscheidungen zu treffen für oder gegen etwas oder gar für oder gegen jemanden. Wenn ich nun einmal gegen jemanden entscheide, später in eine ähnliche Situation käme, die wieder eine Entscheidung forderte – wäre ein Entscheid dagegen der gleiche Fehler zum zweiten Mal? Oder ist es ein neuer Fehler, den ich nur aufgrund meiner Tendenz, im Leben immer einen Sinn und einen Zusammenhang zu suchen, als gleichen Fehler deklariere?

So gesehen wäre der Ausspruch, dass man aus Geschichte lernen sollte, falsch, da unmöglich. Jede neue Situation fordert ihre situative Entscheidung, die Geschichte mag zwar immer wieder ähnliche Situationen aufbringen, gleich sind sie nie – und die Folgen sind selten dieselben, selbst wenn man alles genau gleich macht. Dies hat den Grund darin, dass nie nur etwas für Folgen verantwortlich ist, sondern ein Zusammenspiel von vielen verschiedenen Faktoren. Die Entscheidung selber ist also stets nur ein Faktor.

Hatte der weise ältere Mann also nicht recht mit seinem Ausspruch? Vielleicht lässt sich der Ausspruch nicht eins zu eins umsetzen, aber er zeigt auf, dass man, wenn man in eine Situation kommt, besser mal zurück denkt, ob man Vergleichsfälle hat, wie man dann handelte und was dabei rauskommt. Zwar gibt einem niemand die Gewissheit, dass es dieses Mal gleich ist, es regt einen aber zum Abwägen an, lässt einen innehalten, die Situation noch einmal genau betrachten, die verschiedenen Wege noch einmal im Geiste beschreiten und mögliche Folgen bewerten. So gewappnet lässt sich dann eine überlegtere Entscheidung treffen, als man sie vielleicht aus dem hohlen Bauch oder auf die Schnelle getroffen hätte. Ob dann alles gut kommt oder nicht, weiss man nie vorher, allerdings hat man nach bestem Wissen und Gewissen entschieden und sollte der Entscheid später Folgen haben, die man lieber vermieden hat, kann man sich immer sagen, dass man es zum Zeitpunkt des Entscheids nicht wusste, was man nun weiss.

Und wer weiss: Ab und an haben Fehler, die man sich einst vorwarf, im noch späteren Nachhinein etwas Gutes gehabt. Auch das wäre möglich.

Brot und Spiele

Ich mag keine halben Sachen. Alles oder nichts heisst die Devise. Wieso mich mit halben Sachen zufrieden geben, wenn ich alles haben könnte? Und wenn ich nicht alles haben kann, wieso die Brosamen nehmen, die jemand bereit ist, mir hinzuwerfen?

Hab ich es nötig? Bin ich nicht mehr wert? Was denkt der andere, der denkt, ich könnte damit zufrieden sein? Schätzt er mich so gering? Sich so gross? Wie hoch schätze ich mich, wenn ich das Angebot annehme? Die Brosamen schlucke? Denke ich nicht, ich habe eh nichts Besseres verdient? Bin ich schon so enttäuscht vom Leben, dass ich denke, es kommt sowieso nichts Besseres mehr nach? Ist der Hunger so gross, dass selbst ein Krümel besser scheint als gar nichts? Erachte ich den Anspruch, alles haben zu wollen, als zu hoch? Wieso?

Es ist schon so, alles ist kaum möglich. Alles, was ist, hat einen Preis und der Preis zieht sich von allem ab. Damit ist das Alles zwar nie 100% in allen Belangen, es ist aber 100% in dem Bereich, indem man es eingeht. Die Abzüge sind meist an anderen Orten. So kann man das Leben schlussendlich mathematisch aufschlüsseln. Die Romantiker unter uns mögen das grausam prosaisch schelten, allerdings steckt ein Stück Wahrheit drin und wenn diese hilft, den eigenen Wert zu bemessen – den, den wir uns selber geben und den, den uns andere zugestehen -, dann hat selbst die schnöde Mathematik ganz viel Gutes geleistet in unserem Leben.

Denn: Wenn wir uns nicht mehr wert sind als ein paar Krümel, werden wir auch nie mehr als das erhalten. Wir werden immer hungrig nach ihnen ausschauen und sie aufpicken, wenn wir sie sehen. Wenn wir sie ausschlagen (und dabei zu hören kriegen, wie lecker sie doch wären und wir sollen uns nicht so haben und uns den Genuss nicht versagen), weil wir wissen, dass wir ein ganzes Brot wert sind, wird das Brot kommen. Vielleicht in einer Form, an die wir heute nicht mal denken – aber es kommt. Dazu ist es aber dringend nötig, dass wir unseren eigenen Wert erkennen und uns nicht drunter verkaufen. Denn: Krümel können noch so viele kommen, satt machen sie nie, nur noch hungriger. Durch das ständige Naschen an ihnen werden wir aber das Brot übersehen, das sich uns anbieten könnte.

„Was wäre wenn“ und „wenn dann mal“

Wie oft verstricken wir uns in Gedankenspielereien, in denen wir uns ausmalen, wie unser Leben sein könnte, wenn es wäre, wie wir es gerne hätten. Wir benutzen die ganze Palette an bunten Farben, zeichnen jedes Detail genau, sehen es bildlich vor uns und schwelgen in sehnsuchtsvoller Freude ob des Gesehenen. Selber sitzen wir in einem Leben, das dem eben gemalten Bild kaum entspricht, oft sogar diametral davon verschieden ist.

Wir haben Gründe, Ausreden, Argumente, wieso nicht ist, was schön wäre. Wir sehen uns überall behindert, eingeengt, unfrei, zu erfüllen, wovon wir träumen. Und wenn der Druck der Fesseln zu gross wird, flüchten wir wieder in ein „Was wäre wenn“. Und malen bunt statt dem täglichen Einerlei und Grau zu erliegen.

Darauf angesprochen, wieso wir nicht tun, was wir gerne täten, fallen uns viele Dinge ein. Wir würden es sofort tun, wenn nur denn mal dies und das anders wäre. Wenn wir älter, freier, reicher, mutiger, schlänker, was auch immer wären, dann würden wir es tun. Dann wäre das, was wäre wenn, das erste, was ist – aber eben: Erst müsste eben… und wenn denn dann sei, dann wäre auch…

Und so gehen die Jahre vorüber, es ändert sich selten viel, die Träumereien bleiben, die Fesseln ebenso. Darauf angesprochen heisst es nur immer wieder: Ich würde ja schon gerne, aber ich kann halt nicht. Was meist eine Ausrede ist, denn meist könnte man schon, aber man will schlicht nicht wirklich, weil es Konsequenzen hätte, die man nicht tragen möchte. Und so bleibt das „Was wäre wenn“ ein bunter Traum, der ständig daran scheitert, dass „wenn dann mal“ keine verlässliche Grösse, sondern nur eine Ausrede ist.

Ist das zu hart? Das Leben lebte sich noch nie im Konjunktiv, es ist der Indikativ, der zählt. Aber: Niemand sagte, es sei leicht….

Das Leben geht weiter

Das Leben geht weiter

Ein Spruch, den man oft zu hören kriegt, wenn man mit dem Schicksal hadert, etwas passierte, das einen traurig macht, das einen verletzt, wo man vielleicht auch eigene Fehler sieht – oder sich denen anderer ausgesetzt. Das Leben geht weiter. Es will heissen, man solle abhaken, was war und vorwärts gehen. Man könne nicht ändern, was war, nur was ist und sein wird. Alles wahr.  Trotzdem war, was war und es wirkt nach. Es hinterlässt Gefühle und es lässt einen mit diesen Gefühlen kämpfen, sie hinterfragen, hinterfragen auch, was war und ob es hätte anders sein können.

Hätte ich mich anders verhalten müssen? Habe ich falsch entschieden? Habe ich etwas übersehen? Wo bog ich falsch ab auf meinem Weg? War ich zu leichtgläubig? Zu stur? Falschen Wünschen hinterher rennend?

Es stimmt, man kann die Vergangenheit nicht ändern. Was war, war, es wird nicht anders, nur weil ich es mir anders wünsche. Und doch lässt es ab und an nicht los. Die Gelassenheit, die man leben sollte, das nicht Anhaften, das Loslassen – alles gut und schön. Es gibt Zeiten, da kommt die Vergangenheit hoch und überrollt einen wie eine grosse Welle.  Man sieht sich konfrontiert mit eigenen Fehlern, mit eigenem (heute so gewertetem) Versagen, sieht Menschen, die man verlor, Beziehungen, die zerbrachen, Träume, die wie Seifenblasen platzten. Man hadert mit der eigenen Sturheit in vergangenen Situationen, mit verpassten Chancen, gelebter Feigheit und wünscht sich, man hätte damals gesehen, was man heute sieht. Nur war das damals nicht zu sehen.

Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden. (Sören Kierkegaard)

Damals hat man agiert, wie man damals musste und glaubte, es wäre richtig. Vielleicht sagte sogar eine leise Stimme in einem, dass es nicht richtig sei, aber man hatte nicht den Mut, ihr zu folgen. Sich heute dafür zu schelten, wäre schade und würde nichts bringen. Die Trauer zuzulassen über das, was vielleicht war oder nicht war, ist menschlich. Es darf auch Platz haben. Wichtig ist – so denke ich – dass man sich immer wieder vor Augen führte, dass damals alles anders war, damalige Entscheidungen auf anderen Voraussetzungen fussten. Hätte man damals gewusst, was man heute weiss, hätte das Leben eine andere Bahn genommen. Doch bei soviel Konjunktiv kommt das Leben nicht mehr mit, es findet im Indikativ statt. Zu jeder Zeit. In jedem Augenblick. Und so kann ich in jedem Moment nur das sehen, was gerade sichtbar ist, ich kann es bewerten mit dem Werkzeug, das ich im Moment selber habe und ich gehe dann den Weg, den mir all die Mittel, die ich verfügbar habe, weisen. Im Wissen, dass ich nie unfehlbar bin, im Vertrauen, dass alles einen Sinn hat,und in der Hoffnung, das alles kommt, wie es soll.

Rückschläge, Fehler, Leiden – alles gehört zum Leben. Was zählt ist, wie man damit umgeht, wie man danach weiter geht. Und so hadere auch ich ab und an mit Entscheidungen, hinterfrage sie, trauere und gehe weiter.