Alltagsmenschen

Ich bin ein Alltagsmensch. Daneben gibt es Abenteuermenschen, Menschen, die Neues erleben wollen, müssen, es gar suchen. Sie sind die coolen. Ich bin ein Alltagsmensch. Ich mag die Dinge absehbar. Mag es, zu wissen, was kommt, wie es kommt, wann es kommt. Damit ich mich einstellen kann.

Alltagsmenschen sind langweilig. Sie sollten was wagen. Sich dem Leben hingeben, dahin treiben, sich gehen lassen. Man wisse eh nie, was komme, das Leben gehe seine eigenen Wege. Heisst es. Aber ich kann das nicht. Ich will mein Leben absehbar haben. Das gibt mir Halt. Ich muss nicht wissen, was genau kommt. Ich weiss, dass ich das nicht kann. Aber gar nichts zu wissen, das macht mich unruhig. Unruhe ist das schlimmste Gefühl für mich. Unruhe bringt Ängste hoch, bringt Unsicherheiten mit sich. Unruhe lässt mich nicht schlafen, nicht arbeiten, nicht klar denken. Sie reibt mich auf.

Ich bin ein Alltagsmensch. So einer, der gerne seinen Trott hat und ihn durchzieht. Einer, der in neuen Gegebenheiten schnell einen neuen Trott sucht. Um sich wieder heimisch zu fühlen. Einer, der das Neue zuerst ablehnt, weil es neu ist, der sich mit Neuem erst anfreunden muss. Der sich dann doch drauf einlässt, vor allem, wenn es eigentlich gewünscht ist. Und dann auf dem schmalen Grat balanciert zwischen Wunsch, Wohlgefühl und Nachhaltsuchen.

Ab und an schelte ich mich, weil ich weiss, dass Neues zum Leben gehört. Und ich zähle mir selber die vielen Momente auf, in denen das Neue toll war, ich im Nachhinein sagen musste, dass ich mir umsonst Gedanken gemacht hatte. Dann nehme ich mir vor, mich Neuem gegenüber offener zu zeigen, das Leben dahin plätschern zu lassen. Und stosse an meine Grenzen. Weil ich bin, wie ich bin. Ein Mensch, der sein Zuhause, seinen Hafen, seinen Halt braucht. Den sicheren, von dem aus er ausschwärmen kann. Im Wissen, der Hafen ist da, er ist die Basis, das, was trägt. Zu viel Neues, zu viel Unruhe, zu viel Nichtwissen untergräbt. Weil ich eben Alltagsmensch bin. Kein Abenteurer. Nicht cool. Einfach ich.

9 Comments

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  1. Ich kann mich auch darin finden.
    Meine Abende verlaufen nach gleichem Schema. Wagnis ginge ich nur insofern ein, daß ich auch mal zu einem Metal-Konzert gehen würde, obwohl ich eindeutig andere Musik bevorzuge. Oder zu einem Handballspiel oder Fußballspiel. Aber andere Wagnisse würde ich nicht eingehen.

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    • Ich kenne diese eingespielten Abendprogramme auch, die dazu gut sind, den Tag einfach zur Ruhe kommen zu lassen. Sie fühlen sich gut an, weil vertraut, ein sicherer Hafen. Kleine Module lassen sich ändern, so bleibt es lebendig (im Rahmen), zu viele Veränderungen wären dann wohl zu unruhig.

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  2. Ich habe jetzt einige Deiner Texte gelesen, und da habe ich mich ein bisschen gefragt, weshalb schreibst Du das alles auf?! Und ja, da habe ich mich gefragt, ob Du eigentlich unglücklich oder unzufrieden mit Deinem Leben bist? Du analysierst Dich und kommst zum Beispiel zum Ergebnis, dass Du ein Alltagsmensch bist. Du lieferst dann auch nachvollziehbare Gründe dafür, weshalb Du so bist, wie Du bist. Nur habe ich mich gefragt, ob Du einfach nach einer Legitimation suchst, dass Du so sein darfst, wie Du bist? Oder ob die Analyse und die Gründe, die zur Legitimation führen, auch so etwas sind, um nicht die Grenzen erweitern zu müssen? Also ein Wunsch und eine Sehnsucht da wären, um doch mehr ein Abenteuermensch zu werden, aber dieser Schritt nicht gewagt wird und dann eben eine Legitimation/Rationalisierung gesucht wird, um diesen Schritt nicht wagen/machen zu müssen?
    Vielleicht magst ja etwas dazu sagen?! 🙂

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    • Wieso ich das alles schreibe? Weil mir danach ist. Weil ich gerne schreibe, weil mir Gedanken durch den Kopf schiessen, die ich aufschreiben will. Ich könnte auch fragen: Wieso liest das jemand? Vielleicht, weil es ihn interessiert? Ihn berührt? Er etwas daraus zieht?

      Gründe sind immer vielfältig, für alles, was wir tun und ab und an reicht als Grund schon, etwas zu wollen, es zu können, so dass man es einfach tut.

      Brauche ich eine Legitimation? Nein, die finde ich in mir selber. Klar strebt der Mensch danach, auch von andern in seinem Tun akzeptiert zu werden. Man möchte ja geliebt sein und nicht abgelehnt. Das funktioniert aber eigentlich nur, wenn man eben ist, wie man ist, weil nur dann wird man als Individuum, als „Ich“ geliebt, nicht als das, was man darstellen möchte, um dafür dann geliebt zu werden.

      Ich bin wie ich bin. Ich möchte gar kein Abenteuermensch sein, du vielleicht schon. Da ist überhaupt keine Sehnsucht. Es gibt Abenteuermenschen, die finden das Abenteuerdasein als das einzig Wahre. Und die neigen dann dazu, einem sagen zu wollen, man müsste auch mehr so sein. Und ab und an, ja, das gebe ich zu, glaube ich für einen kurzen Moment, sie müssten doch recht haben, weil ich dazu neige, mich selber zu hinterfragen. Trotzdem komme ich zum Schluss, dass es für mich gut ist, wie es ist.

      Trotzdem ist alles, was ich schreibe, immer eine Momentaufnahme. Nichts bleibt für immer gleich, auch Menschen nicht, sie entwickeln sich. Und das ist auch gut so.

      Bin ich unglücklich? Nein, keineswegs.

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  3. Dann vielen Dank für die Antwort! Ich könnte nun wieder viel nachfragen und nachbohren und vielleicht auch ein bisschen den Advocatus Diaboli spielen, obwohl ich mich ja schon frage: „stimmt es, was Du da so schreibst?“ Vielleicht noch kurz zu dem, weshalb ich das gelesen habe: Durch x-einen Zufall bin ich auf diese Seite gekommen, fand einen Beitrag sehr sympathisch (hat mich berührt und war für mich stimmig) und dann liest man halt dann auch mal andere Beiträge, um zu schauen, was das so für ein Mensch ist. Aber allgemein habe ich bei Dir den Eindruck (ev. auch ein sehr oberflächlicher Eindruck), und das erlaube ich mir nun mal zu sagen, dass Du wahrscheinlich wirklich ab und an zuviel denkst und zwar hinsichtlich Deiner Person. Wenn ein Tausendfüssler auch so viel denken würde im Bezug auf sich selbst, wie Du es m.E. machst, dann wäre er wohl vollständig lahmgelegt und würde keinen Schritt mehr machen können. Und vielleicht noch etwas zu Deinem „Existenzialismus“ (Echtheit, Wahrhaftigkeit, Authentizität): Ich glaube, es gibt eben auch einen „Konstruktivismus“ bei der Persönlichkeitsentwicklung. Man muss zuerst so tun, als ob man dieser oder jener Mensch mit diesen oder jenen Eigenschaften ist, also sich quasi selbst belügen; mit der Zeit stellt sich dann quasi automatisch das Gefühl ein, dass eine neue, so gelernte Verhaltensweise eben „echt“ und kein Schein mehr ist. Und sonst finde ich es einen tollen Blog. 🙂

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    • Die Realität, die wir erleben, vor allem wie wir sie erleben, und noch mehr, wie wir davon berichten, ist immer ein Konstrukt. Wir konstruieren sowohl die Sicht von uns selber wie auch die Sicht auf unser Umfeld, unsere Umwelt. Nicht in böser Absicht, oft nicht mal bewusst, sondern durch unsere Prägung, unsere Blickwinkel, durch die Beschränktheit unserer Wahrnehmung und Sprache.

      Klar kann man sich verändern, man kann das auch bewusst tun, indem man sich so gibt, wie man sein will, bis sich dieses Seinwollen in ein Sein entwickelt hat. Dazu müsste man aber etwas sein wollen. Vor allem anders sein wollen, als man ist. In gewissen Bereichen ist das ein gutes und auch wichtiges Mittel, vor allem, wenn es darum geht, Züge oder Gewohnheiten an sich zu verändern.

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  4. Schreib bitte immer so weiter, wie du schreibst. Hoffentlich ist dir oft danach. Wir lieben es, wir brauchen es… deine so gute „Rundumsicht“ und dessen wunderbares und tiefgründiges Fassen und Ausdrücken in unserer schönen Sprache.

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