Offener Brief an die Zürcher Bildungsbehörde

Sehr geehrte Damen und Herren

In Zürich dürfen Kinder nicht von ihren Eltern unterrichtet werden, wenn diese kein pädagogisches Diplom haben. Zumindest nicht länger als ein Jahr und das nur mit Gesuch, welches bewilligt werden muss. Nun geht mein Sohn in eine Zürcher Schule. Als wir her zogen, kriegte die Klasse eine neue Lehrerin, die frisch ab Presse schon bald vom Beruf überfordert war. In der Klasse herrschte Unruhe – Gewalt, Rassismus, Mobbing waren an der Tagesordnung. Ein neuer Lehrer kam, es wurde nicht besser, der Lehrer ging auch bald wieder. Zurück blieb eine aufgewühlte Klasse ohne Lehrer, Vertretungen gaben sich die Klinke in die Hand.

Das Gewaltproblem kriegte man in den Griff, das Lehrerproblem nicht. Es kamen nach etlichen Vertretungen statt einer gar zwei Lehrerinnen. Eine für Französisch, hatte die Klasse doch einen enormen Rückstand zum Lehrplan, die andere für den Rest. Lehrerin eins hat ein Jahr Lehrerausbildung von dreien hinter sich, spricht Deutsch mit stark ausgeprägtem, französischem Einschlag. Lehrerin zwei hat zwei Jahre Ausbildung von dreien hinter sich, spricht zwar breiten Dialekt, schriftlich ist ihr Deutsch auch eher mangelhaft. Das allein wäre zwar bedenklich,  könnte aber noch akzeptiert werden. Die Frage, wieso solche Menschen ohne Abschluss ganze Klassen unterrichten dürfen, Eltern mit abgeschlossenem Studium und Zusatzausbildung ihr eigenes Kind aber nicht, lassen wir mal aussen vor, auch wenn sie brennt.

Es kommt – als wäre alles nicht genug – noch was dazu: Die Hauptlehrerin ist ständig krank. Zurück bleibt eine fünfte Klasse, die nun aufgeteilt und in andere Klassen gesteckt wird. Mein Sohn sitzt mittlerweile Woche für Woche in der ersten Klasse. Lehrerin zwei ist ab und an da, dann hat die Klasse Französisch, denn mehr unterrichtet diese nicht. Dass in der letzten Deutschprüfung nur drei Schüler genügend waren, spricht eine klare Sprache. Wie die nächste besser werden soll, ist mir ein Rätsel.

Anfragen an die Schulleitung werden abgeschmettert, es heisst, man hätte alles im Griff, täte das Beste. Einwände und konkrete Beispiele von Fehlern werden beleidigt abgetan, passieren tut nichts. Dass einige Schüler die Klasse schon verliessen, weil die Eltern die Zukunftsaussichten gefährdet sahen, spricht für sich, allerdings kann es nicht angehen, dass man Kinder in Privatschulen stecken muss, nur weil eine staatliche Schule dermassen versagt und sich allen Kritiken, Anfragen, sogar Hilfsangeboten verschliesst. Die sechste Klasse steht vor der Tür, eine Tür, die gleichzeitig den Weg öffnet in die Zukunft. Wo soll das hinführen?  Muss man wirklich wegziehen, wenn man das eigene Kind nicht in seiner Schullaufbahn behindert sehen will?

Man kann nun einwenden, das sei ein Einzelbeispiel, allerdings hörte ich schon von ähnlich gelagerten Fällen. Die Schulpsychologin sprach von „nicht gravierenden Abweichungen von anderen Klassen“. Meine Erfahrung nach einigen Umzügen, wodurch ich auch Einblick in diverse Klassen in den Kantonen Bern und Aargau gewann, sprechen eine andere Sprache: Ich habe noch nie eine dermassen aus dem Ruder laufende Schulsituation erlebt, sah mich noch nie mit so unfähigem Schulpersonal konfrontiert.  Fehler passieren, Schwierigkeiten und Engpässe kann es geben. Lehrermangel ist ein bekanntes Problem und man kann keine Lehrer aus dem Ärmel schütteln, trotzdem muss eine Lösung her und zwar schnell. Es besteht ein Grundrecht auf Bildung und das sehe ich in dem Fall stark beeinträchtigt. Fünftklässler, die in ersten Klassen sitzen, werden nicht gefördert, nicht gefordert, sondern abgestellt. Dafür zahle ich keine Steuern und das ist nicht das, was ich mir für mein Kind wünsche.

Die Frage bleibt: Wohin geht der Weg?

Mit freundlichen Grüssen

Eine besorgte Mutter

6 Comments

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  1. Die geschilderte Situation tönt gar nicht gut. Wurde dieser Brief auch der zuständigen Schulpflege geschickt? Es gibt auch die Möglichkeit einer Querversetzung in eine andere Klasse oder ein anderes Schulhaus.

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  2. Heute kam die Antwort von Stadtrat Gerold Lauber:

    Sehr geehrte Frau Matteotti

    Letzte Woche ist Ihr «Offener Brief an die Zürcher Bildungsbehörde» bei uns via Kontaktmail eingetroffen. Nach Rücksprache mit Frau Vera Lang, Präsidentin des Schulkreises Glattal, über die Situation in der Schule Buchwiesen, äussere ich mich gerne wie folgt zu Ihrem Schreiben:

    In der Tat gibt es in manchen Schulen – auch in anderen Schulkreisen – eine unglückliche Häufung von Lehrpersonenwechseln, mal aus Zufall, mal aus Gründen, die in der Schule selbst liegen. Und manchmal ist vor allem eine Klasse besonders stark betroffen, was ja bei Ihrem Sohn der Fall gewesen zu sein scheint. Gemäss Vera Lang hat sich die Situation jedoch stabilisiert, da in der Zwischenzeit ein gut qualifizierter Lehrer für die Stelle gewonnen wurde. So können die Eltern und Kinder der wichtigen 6. Klasse zuversichtlich entgegen blicken.

    Ganz grundsätzlich lässt sich sagen, dass der Lehrpersonenmangel sich entschärft hat. Auch Dank der Quereinsteiger-Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule verzeichnen wir wieder mehr Bewerbungen von Lehrpersonen. Bisweilen lassen sich aber immer noch manche Stellen nur durch Lehrpersonen in Ausbildung besetzen, was offenbar in der Klasse Ihres Sohnes der Fall war. Dass sich daraus Probleme ergeben können, ist den anstellenden Kreisschulpflegen durchaus bewusst. Deshalb sind sie eigentlich immer bemüht, gut qualifiziertes Personal für Unterricht und Betreuung zu engagieren, das über einen längeren Zeitraum in der Schule bleiben möchte. Leider gelingt dies nicht immer. Wie kürzlich eine Studie zeigte, «schmeissen» vor allem junge Lehrpersonen nach relativ kurzer Zeit das Handtuch. Daran gilt es, sowohl in der Ausbildung als auch in den Schulen zu arbeiten, um einerseits den Kindern und andererseits dem Schulteam stabile, verlässliche Beziehungen bieten zu können.

    Ich hoffe, dass die Klasse Ihres Sohnes das letzte Jahr in der Primarschule trotz der vorangegangenen Unruhe geniessen kann.

    Freundliche Grüsse
    Gerold Lauber
    Stadtrat

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  3. Danke für diesen öffentlichen Brief, ich werde diesen „Fall“ gerne auf der Website http://www.politisch.ch veröffentlichen.
    Sehr viele Menschen sind von „Beamtenwillkür“ betroffen, solange sich die Menschen nicht wehren, respektive keine Mehrheit jener entsteht wird sich an dieser desolaten Situation leider nichts ändern! Leider fehlt es den meisten Menschen an Rückgrat und so erfahren wir nur einen kleinen Bruchteil der täglichen Ungerechtigkeiten.
    Die Stellungnahme im Brief ist typisch, sehr böse gesagt nennt man dies: Säuhäfeli Säutekeli. Mit sind einige solcher Vorfälle von falscher Loyalität bekannt. Mir ist sogar ein Fall bekannt, wo der Chef der Seepolizei (Matthias Grieder) in einer Stellungnahme noch gestützt wurde, als es bereits klar war, dass er seine Stellung als Chef der Seepolizei würde aufgeben müssen.
    Ich habe gestern eine Petition gestartet, es geht darum, dass die Gerechtigkeit zwingend an das geltende Recht gebunden werden muss. Ich würde mich freuen, wenn die Leser hier diese unterstützen und weiter verbreiten würden. https://secure.avaaz.org/de/petition/Bundesrat_und_Parlament_Die_Gerechtigkeit_muss_zwingend_an_das_geltende_Recht_gebunden_werden/?nNmQsbb.
    Ihr „Fall“ scheint dermassen im „Filz“ verfangen zu sein, dass man die „Situation“ wohl bis zu einer gröberen Eskalation, als stabilisiert bezeichnet wird. In einer solchen Situation bleibt den Betroffenen leider meist nichts anderes übrig, als die Schule zu wechseln.
    Freundliche Grüsse
    T. Huber

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