Zeit

Sie fliesst. Ruhig und stetig. Immer gleich. Und doch erscheint sie lange, wenn wir warten, kurz, wenn wir geniessen, möchten wir sie anhalten, wenn der Augenblick ein schöner ist, möchten wir sie vorwärts treiben, wenn wir etwas ersehnen. Wir verschwenden sie teilweise, sie wird uns gestohlen, sie ist mal reif, mal noch nicht. Wir denken an gute alte Zeiten oder hoffen auf bessere. Wir denken, dass mit der Zeit auch Rat kommt und sie alle Wunden heilt. Wir lassen uns Zeit oder haben keine, brauchen mehr davon, weil sie uns davon rennt. Manche sind ihrer Zeit weit voraus, andere hinken ihr hinterher. Zeit ist in aller Munde, wird gedehnt, gekürzt – und fliesst doch eigentlich gemächlich dahin – so es sie denn wirklich gibt, wenn sie nicht eigentlich nur ein Konstrukt des Menschen ist, der die Kontinuität seines Lebens in ein Mass pressen will, damit er sie sieht, erfassen und (vermeintlich) verstehen kann.

Neben dem absoluten Zeitbegriff, der in Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen, und so weiter sich ergiesst, gibt es also einen relativen, einen, den wir empfinden, mit dem wir uns auseinandersetzen. Das allein ist nicht wirklich schlimm, es ist menschlich, schwierig wird es da, wo zwei Menschen aufeinander treffen und ihre Vorstellung von Zeit mitbringen. Dann will der eine sich plötzlich Zeit lassen, während dem anderen die Zeit davon rennt, der eine denkt, die Zeit sei reif, während der anderen findet, alles hätte noch ganz viel Zeit. Und so streiten die beiden über die Zeit, wollen sie mal anhalten, mal antreiben, finden, es sei genug Zeit vergangen oder eben viel zu wenig.

Und während sie so hadern und um Zeit und Worte und Verständnis ringen, vergehen Sekunden, Minuten, Stunden, im schlimmsten Fall Tage, Wochen, Monate, in denen sie das Miteinander hätten geniessen können. Und wer weiss: Vielleicht wäre mit der Zeit Rat gekommen. Ganz von selbst.

 

4 Comments

Schreibe einen Kommentar

  1. In einem Vortrag hörte ich, daß es eine Fähigkeit sein kann, abzuwarten.
    Aktionismus der Aktivität wegen zahlt sich nicht immer aus.
    Es ist schön, wenn sich ein Bauchgefühl ausbreiten kann. Wenn ich drei Tage auf einem Töpfermarkt zubringe (wie gerade jetzt erst in Diessen), dann kaufe ich oft erst am 3. Tag meine favorisierten Stücke. Wenn die dann weg sind, o.k. Aber ich habe zumindest genug in mich reingehorcht und dabei auch wirklich viel gesehen und anklingen lassen.

    Gefällt mir

    • Es gibt wohl immer für verschiedene Dinge und Verhaltensweisen Argumente. Vorpreschen ist sicher nicht immer gut, zu langes Abwägen kann aber auch hinderlich sein. Hier wie meistens ist es wohl der Mittelweg…

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s