Inspirationen für die Woche – KW 21

Im Moment rast die Zeit an mir vorbei. Ich bin im Kopf so sehr in meinen Projekten, dass ich wohl ziemlich absorbiert bin. Zwar lese und höre ich immer noch viel, das mich inspiriert, aber ich lasse es vergehen, ohne etwas festgehalten zu haben. Ab und zu mache ich mir noch Notizen ins Notizbuch, aber dabei bleibt es dann. Trotzdem habe ich wieder ein paar Dinge, die mich besonders inspiriert oder angesprochen haben gesammelt.

Als ich letzte Woche auf den runden Geburtstag von Adolf Muschg aufmerksam machte, kommentierte Beat Werder, mit dem ich auf Linkedin verbunden bin mit einer Liste von Links, die er zu diesem Anlass gesammelt hat. Ich möchte die gerne teilen:

►FAZ. net: LINK
►Dokumentarfilm von Sept. 2021 / 86 min. von Erich Schmid
Titel: „ADOLF MUSCHG – DER ANDERE“ / Internet zum Film: LINK
►Literaturkritik. de / Würdigung: LINK

► Feier im ZH-Literaturhaus / So. 12.5.24: LINK

►Tagblatt. ch: LINK

Ich habe (viel zu spät) meine Begeisterung über Paul Auster und dessen Büchern entdeckt. Mein erstes Buch von ihm war sein letztes: Baumgartner. Ich kann es nur empfehlen. Ebenfalls empfehlen kann ich die Sendung mit Elke Heidenreich zu Paul Auster: WDR 4: Erinnerung an Paul Auster.

Und da ich, wenn mich etwas packt, gerne tiefer tauche, habe ich mir auch noch diese Dokumentation auf Arte angeschaut und er hat mich so für sich eingenommen, dass dies meinen Entschluss bestärkt hat, die Romane zu lesen. Alle. Sogar – und vor allem – dieses Monsterbuch, obwohl ich dicke Bücher eigentlich gerne meide.

Paul Auster – was wäre wenn.

Immer wieder überlege ich mir, in welchem Stil ich meine Bücher, die ich gerne ans Herz legen, von denen ich aber keine Rezensionen schreiben möchte (aus Gründen, die ich vielleicht mal in einem eigenen Artikel erläutere), vorstelle. Die Lösung ist gefunden: ich baue sie in meine Inspirationen ein. Heute möchte ich nicht nur einzelne Bücher ans Herz legen, sondern die Arbeit eines Verlags:

Wenn die Liebe zur Literatur auf Buchmacherkunst trifft, entsteht schönes. So beim Input-Verlag in Hamburg. Der Verleger Ralf Plenz hat es sich zur Aufgabe gemacht, grosse Literatur aus Europa neu aufzulegen und sie trotz der wunderbaren Buchgestaltung erschwinglich auf den Markt zu bringen. Titel der Reihe: Perlen der Literatur. Und ja, das sind sie: kleine Schmuckstücke mit viel Liebe zum Detail wie den kaligrafischen Zitaten im Text oder der Banderole mit Stichworten zum Inhalt, mit Aquarell in Buchstaben gemalt. Zudem ist es grosse Literatur, hier nur drei Beispiele:

Gottfried Keller: Die missbrauchten Liebesbriefe – Viggi Störteler, selbsternannter Stern am Literaturhimmel, will nach Vorbild der grossen Schriftsteller einen Briefwechsel mit seiner Frau beginnen. Diese sieht sich dazu ausserstande und holt sich mit einem Trick Hilfe beim Nachbarn, Schullehrer Wilhelm. Schon bald ist das Chaos perfekt.

Virginia Woolf: Orlando. Eine Biografie – ein Leben, das 350 Jahre umfasst und eine Verwandlung von einem Mann zur Frau, eine Reise durch Zeit und Raum. Ein wilder Ritt, ein Werk, das zur Zeit seiner Entstehung mit allen literarischen Konventionen brach, und auch eine Form von Autobiografie. «Orlando» hinterfragt die gängigen Geschlechterrollen, dient als Spiegel des damaligen Sittenkodex und ist zudem ein (teilweise autobiografischer) Künstlerroman.

Michael Krüger: Aus dem Leben eines Erfolgsschriftstellers – kleine Geschichten über die verschiedensten Menschen, die eines eint: Ihre Liebe zur Literatur. Es sind Geschichten, die die oft verworrenen Verbindungen in Familien in lakonischer Sprache offenlegen, zudem Geschichten, die immer auch von Büchern und vom Schreiben handeln.

Nächstes Mal kommt hier passend zu den kommenden Sommerferien ein Krimi-Special für ein paar unbeschwerte, spannende Lesestunden.

Ich wünsche euch eine schöne Woche!

Eine neue Liebe: Paul Auster

„Ich glaube, der Ewigkeit kommt man am nächsten, wenn man in der Gegenwart lebt.“ Paul Auster

Wie viele Jahre dachte ich immer, etwas von Auster lesen zu wollen – und habe es nicht getan. Immer wieder war der Name präsent, aus den unterschiedlichsten Gründen. Ich schaute Interviews, war begeistert von dem, was ich hörte und von der Art, wie er es formulierte. Wie schön müsste dann erst seine Literatur sein, dachte ich. Und las sie nicht. Bis «Baumgartner» erschien und ich es gelesen habe. Ich bedauerte mein Versäumnis und wollte alles nachholen – und tat es nicht. Nun ist er gestorben und ich habe zu lesen begonnen. 

Ich habe mir überlegt, wie oft das sonst vorkommt: Ich mir Dinge vornehme und sie dann doch liegen bleiben, weil ich immer mit anderem beschäftigt bin und aufschiebe. (So wie gestern mein Vorhaben, intensiv zu schreiben – ich musste lesen). Bei Paul Auster habe ich das Glück, dass er mir die Bücher zurückgelassen hat, doch das ist nicht immer so. Ich nehme mir vor, künftig bewusster hinzuschauen, ob das Aufschieben wirklich gut ist oder nicht. (…)

Was von Paul Auster habt ihr gelesen? Welches war euer Lieblings-Auster?

Ich hebe mein Glas auf Rose Ausländer

Ich hebe mein Glas auf Rose Ausländer, sie würde heute 123 Jahre alt. 

Schon als Mädchen musste sie fliehen, als junge Frau pendelte sie zwischen den Kontinenten, die Nationalsozialisten verhafteten sie, liessen sie frei, überlebt hat sie im Versteck. Ein Glück. Und immer schrieb sie. Als ob das Schreiben ihr Lebenshalt sei. Und die Liebe:

«…
Nur die Liebe
erlaubt mir
ein Mensch zu sein»

Sie hatte den Tod wohl oft vor Augen in all den Jahren der Verfolgung, und doch glaubte sie ans Leben:

«Wirf deine Angst 
in die Luft»

Wieso Angst haben, wenn der Tod noch nicht da ist? Wieso die Zeit, die bleibt, verschwenden statt zu geniessen, was das Leben bietet? 

„Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast»

Und immer sein, wer man ist. Und tun, was man kann. Sie hat uns ihre Gedichte gegeben. Was für ein Geschenk.

Ich wünsche euch einen schönen Tag!

Abschied

Nun sind es sechs Jahre. Sechs Jahre, in denen die Welt weiterdrehte, das Leben weiterging. Trotzdem.

Memento

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Masche Kaleko

Als mein Vater starb, war mir dieses Gedicht wie aus dem Herzen geschrieben. Ein Weiterleben erschien fast undenkbar, meine Welt war dunkel und voller Schmerz. Wer könnte meinen Schmerz verstehen? Wer könnte wissen, was ich bis hier hin durchgemacht habe, wer nachvollziehen, wo ich nun stand? Ich fühlte mich trotz vieler gut gemeinter Worte allein – im wahrsten Sinne des Wortes verlassen. Zum Glück bin ich es nicht. Und doch hat mich der Weg geprägt, hat mir diese Erfahrung einiges mit auf meinen weiteren Weg gegeben.

Der Tod entreisst. Er trennt, was mal zusammen war. Er nimmt den einen mit und lässt den anderen ohne diesen zurück. Nun wissen wir alle nicht, was der Tod wirklich ist, was danach kommt – wir haben unsere Vorstellungen, Ideen, schöpfen auch Halt daraus. Was wir aber wissen – heute erinnern wir uns daran – ist, wie es für uns (für jeden einzeln von uns) ist, zurück zu bleiben, wenn einer geht.

Wo mal etwas (oder gar ganz viel) war, ist nichts mehr. Und doch auf eine andere Weise auch ganz viel. Wo grad noch jemand stand, steht keiner mehr – und doch ist er noch da. Irgendwie. Und oft ganz heftig gefühlt, fast schon überwältigend. Dann wieder still und leise – und… auch ab und an freudvoll. Was wäre da, wäre all das, was mal war, nicht gewesen? Wie dankbar kann man sein für das, was war, wenn es noch nachhallt? Und doch ist da auch der Schmerz, weil es gut war, und man das Gute gerne bewahren würde. Genau so, wie es gut war.

Menschen treten in unser Leben. Manche gehen gleich wieder, andere bleiben eine Weile, gehen dann, weitere bleiben lange. Weil es passt. Umso schwerer fällt der Abschied. Und doch bleibt die Dankbarkeit, dass sie da waren.

„Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?“

Die Frage ist anfangs drängend, oft wohl auch überwältigend. Sie weicht mit der Zeit zurück, steigt nur ab und an am eigenen Firmament wieder auf im Sinne eines „ich vermisse dich“. Was bleibt ist die Erinnerung. Und damit der, der nicht mehr ist. Schön, wenn man sie lebendig halten kann, schön, wenn sie weiter Teil des Lebens ist. Und wunderbar, wenn sie zu einer friedvollen und freudvollen wird im Sinne einer Dankbarkeit dafür, dass war, was war, und noch sein darf, was ist. So leben Menschen weiter. Vielleicht ein bisschen ewig.

Rilke dichtete einst – das Gedicht ist übrigens mein Lebensmotto:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Und wer weiss: Vielleicht ist der letzte Ring auch der Ring, den andere für uns weiter ziehen. Durch ihre Erinnerung. Und wir gestalten diese Erinnerung durch unsere Gegenwart.

Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, und doch schaue ich ab und zu zum Himmel hoch und denke an ihn. Vielleicht weil wir früher gemeinsam oft zum Himmel schauten und über die Sterne sinnierten.

Ich schreibe an einem Buch, in dem ich mein Aufwachsen erinnere. Mein Aufwachsen mit ihm. Der Arbeitstitel ist „Mein Papabuch“. Die Arbeit daran bringt mir so vieles wieder ins Heute, das ich vergessen hatte. Zumindest glaubte ich das. Und so lebt er doch irgendwie auch weiter. Mit mir.

Danke für dein Dasein – so lange.

Erinnern an die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933

«Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.» Heinrich Heine

Weil nicht sein durfte, was nicht genehm war. Weil nicht genehm war, was den vorgeschriebenen Dogmen entsprach. Weil es nur ein Mass aller Dinge gab und alles daneben weg musste. Aus diesem Geist heraus versank die Welt in Dunkelheit. Es wurde offensichtlich, wozu Menschen fähig sind. Hätte man mal früher hingeschaut. Wie lange waren sich viele (auch intelligente Leute) sicher, dass alles gut gehen würde. Dass alles nicht so schlimm würde. Dass es bald vorüber wäre. Dass keine Gefahr herrsche. Nicht wirklich. Welch ein Irrtum. Und als es vorüber war, hiess es: Nie mehr. Und man meinte es ernst. Die Zeit festigte den Glauben, dass es gelingen könnte. Ich bin mir nicht mehr sicher. 

91 Jahre ist es her, dass es in Deutschland zu einer öffentlichen Bücherverbrennung kam, organisiert von der nationalsozialistischen Deutschen Studentenschaft unter dem schönen Titel «Wider den undeutschen Geist». Die Liste der Autoren liest sich fast wie der heutige literarische Kanon deutschsprachiger Literatur. 

Nach mittlerweile Jahrzehnten, die ich mich mit den Themen Shoah, Exilliteratur, Völkermord beschäftige, ist mir eines immer noch nicht gelungen: Die tiefe Trauer, die Wut, das Entsetzen abzulegen, wenn ich wieder neu damit konfrontiert bin. Wir müssen uns erinnern. Daran, was war. Vielleicht ist das «nie mehr» doch noch nicht ganz vorbei. 

Hier ein paar Buchtipps, um die Erinnerung hochzuhalten:

Und eine Erinnerung an Jean Améry – seine Bücher kann ich ans Herz legen. Ebenso die von George Tabori.

Habt einen schönen Tag!

Inspirationen für die Woche – KW 19

Neue Woche, neue Inspirationen. Es war eine spannende Woche, eine, bei denen ich mich durch die verschiedensten Bücher blätterte und mich auch sonst inspirieren liess.

Nach Immanuel Kant kommt Franz Kafka – auch der ist im Moment hoch im Kurs. Und wie es so ist in der Bücherwelt, kommen in solchen Zeiten auch viele Bücher auf den Markt. Doch es sind nicht nur die Neuen, die ich ans Herz legen möchte, hier eine kleine Auswahl von mir:

Wer sich für Kafkas Leben und Schaffen interessiert, dem würde ich folgende Bücher ans Herz legen:

  • Alois Prinz: Auf der Schwelle zum Glück. Die Lebensgeschichte des Franz Kafka
  • Reiner Stach: Ist das Kafka? 99 Fundstücke
  • Rüdiger Safranski: Kafka – Für Kafka war sein Schreiben das zentrale Element im Leben. Rüdiger Safranskis Herangehensweise über dasselbe ist also nicht nur nicht abwegig, sondern sogar sehr klug. Da ich seine Bücher generell sehr lesenswert finde, kann ich auch dieses nur ans Herz legen.
  • Franz Kafka: Tagebücher (drei Bände in der Originalfassung nach der Handschrift, Fischer Verlag 2008)

Ein Buch, das mich arg durchgerüttelt hat beim Lesen und von dem ich nicht weiss, was ich genau davon halten soll, ist dieses:

Elke Naters:  Alles ist gut bis es das dann nicht mehr ist – Elke Naters nimmt den Leser mit auf ihren Lebensweg nach dem Tod ihres Mannes, Lebensgefährten, ihrer grossen Liebe, dem Menschen, mit dem sie schlicht das Leben teilte, das sich durch dieses Miteinander irgendwie definierte. Was bleibt, wenn einer geht? Wie weiter, wenn der, auf welchen man baute, nicht mehr ist? Es ist kein wehleidiges, kein tränentriefendes Buch und doch hat es mich förmlich in den Abgrund gesogen. Ich wurde melancholisch, traurig, demotiviert beim Lesen. Es tat mir nicht gut und doch wollte ich es nicht weglegen. Elke Naters schreibt sehr offen über die Hochs und Tiefs, über ihren durchaus lebensbejahenden, aktiven, mutigen Umgang mit dem Verlust, und doch. Es tat mir nicht gut. Das ist aber wohl eine persönliche Geschichte. Dass ich das Buch trotz allem nicht aus der Hand legen konnte, spricht für das Buch. Ich wollte wissen, wie es ausgeht, im Wissen, dass man das nie abschliessend sagen kann, schon gar nicht so schnell nach diesem Umbruch im Leben.

Ein Zitat von Picasso hat sich diese Woche bewahrheitet:

«Die Inspiration existiert, aber sie muss dich beim Arbeiten finden.»

Ich kam seit einer Weile nicht wirklich in die Gänge, Prokrastinierte mit allem, was sich finden liess und wurde darüber merklich unzufrieden. Irgendwann hielt ich es so mit mir selbst nicht mehr aus, zwang mich hinzusitzen und legte los. Es wurde anstrengend, was ich befürchtet hatte, aber es lief plötzlich wie von selbst, ich mochte gar nicht mehr aufhören. Seit da bin ich wieder im Fluss und es geht vorwärts. Das fühlt sich gut an. Das beste Mittel gegen Arbeitsblockaden oder mangelnden Antrieb: Hinsetzen und tun. Klingt einfach, ist es nicht immer, lohnt sich aber.

Als ich am Mittwoch in die Zeitung schaute, entwich mir ein lautes «Oh nein». Paul Auster ist gestorben. Dass er krank war, wusste ich lange, doch ans Sterben hatte ich doch nicht gedacht. Nicht jetzt. Nicht so schnell. Ich habe ihn erst spät entdeckt. Als Name war er schon lange präsent. Immer dachte, ich will unbedingt was lesen. Das intensivierte sich, als ich mich mit Siri Hustvedt, seiner Frau auseinandersetzte. Vom Leben der beiden mehr erfuhr, vom Engagement. Doch gelesen habe ich ihn nie. Bis zu Baumgartner. Den las ich. Und liebte ich. Und dachte, ich will mehr von ihm lesen. Dazu kam es leider noch nicht. Nun zeigt sich das vielleicht als etwas Positives: Ich habe noch alles vor mir. Zwei Bücher habe ich bereits bestellt.

Hier ein Nachruf aus ZEIT ONLINE von Volker Weidermann, den ich generell sehr mag: Seine innige Verbundenheit mit der Welt.

Folgendes Buch kann ich sehr empfehlen:

Paul Auster: Baumgartner

Fast zehn Jahre ist es her, dass Baumgartners Frau Anna gestorben ist. Zehn Jahre, in denen er scheinbar wie früher weiterlebte, und doch nichts wie früher war. Baumgartner hält nur den Schein aufrecht, er stürzt sich in die Arbeit, in immer neue Buchprojekte. Anna war Dichterin und Übersetzerin. Eines Tages geht er in ihr Arbeitszimmer, das bis heute aussieht, wie sie es verliess. Er findet ihre Manuskripte, liest sie. Er erinnert sich an Anna, an ihre gemeinsame Geschichte, an das Leben, als es noch seines war. Das Leben gibt es nicht mehr, ein neues stellt sich nicht ein. Bis er eines Tages von Anna träumt. Nach diesem Traum ist alles anders. Nun fühlt er sich frei, sein eigenes Leben wieder in die Hand zu nehmen. Wohin es ihn wohl führen wird?

HIER die vollständige Rezension dazu.

Was habt ihr von ihm gelesen? Welches Buch könnt ihr speziell empfehlen?

Habt eine gute Woche!

Lesemonat April 2024

«April Laut flötet der Wind durch den Haselnußstrauch,
Schneeflocken durchwirbeln den Hain,
Bald Hagel, bald Regen und eisiger Hauch,
Bald lachendster Lenzsonnenschein.
Ich weiß ja, daß kurz dieser Sonnenblick dauert,
Daß Hagel und Regen und Schneefall schon lauert
Und Nordwinds erstarrendes Wehn,
Und dennoch mich freudige Hoffnung durchschauert,
Es ist ja so schön, ja so frühlingshaft schön.»

Hermann Löns

Was für ein Monat. Weil: Irgendwie so nichtssagend. Blass. Nur das Wetter machte ihm alle Ehre. Es war durchzogen, durchtrieben. Ich schwitzte, fror, zog Schichten über Schichten, zog sie wieder ab. Hängte Winterkleider weg, um sie wieder zu holen. Und sonst? Ich weiss es schlicht nicht. Ich habe gelesen, mehr als im März. Ich habe geschrieben. Ich war getrieben. Nichts Neues. Wusste nicht ganz, wohin. Auch nicht neu. Ich glaube, es gibt hier nichts weiter zu sagen. Er war nicht schlecht, der April, lassen wir die Bücher sprechen. Meine Highlights. Und nun wird es schwierig, denn es war ein toller Lesemonat. Jedes Buch hätte einen Sonderstatus verdient. Fast jedes. Die Highlights… Trommelwirbel:

Michael Schmidt-Salomon, «Evolution des Denkens». Zuerst dachte ich, das Verhältnis Biografie/Geschichte zu den Gedanken falle für mich zu einseitig aus, ich hätte mehr über die Gedanken erfahren wollen. Doch das änderte schnell. Es griff alles ineinander über und gerade der Blick auf die Lebensumstände zeigte die Motivation der einzelnen Denker. Ein Buch zum Mitdenken, zum Staunen, zum immer mal wieder «Aha, so war das» denken. Ein grossartiges Buch, eines, das gelesen werden sollte.

Sigrid Nunez, «Der Freund». Ich gebe zu, ich hätte am Anfang fast abgebrochen. Zu abgehackt, zu wenig klar. Ich kam in keinen Lesefluss. Irgendwas sagte mir, ich solle dranbleiben. Zum Glück. Was hätte ich verpasst. Ein Buch, das für mich einen richtigen Sog entwickelte. Es weckte Gedanken, Gefühle. Ganz grosses Kino.

Elke Naters, «Alles ist gut, bis es das dann nicht mehr ist». Irgendwie war es kein Highlight. Und irgendwie doch. Ich kann nicht sagen, was mich weiterlesen liess. Ich kann auch nicht sagen, womit ich immer wieder haderte. Es ist ein Buch, mit dem ich ständig im Clinch lag. Und ist nicht auch gerade das grossartig bei einem Buch? Irgendwie.

Was habt ihr im April gelesen? Kennt ihr das, dass ihr Bücher lest, die ihr irgendwie nicht fassen könnt?

Hier die ganze Liste:

Tessa Hadley: Das Jahr der Veränderungen – abgebrochenKate zieht zurück an den Ort ihrer Kindheit, um ihre Mutter zu pflegen, zu der sie eine merkwürdige Nicht-Beziehung zu haben scheint. Sie trifft auf ihre Jugendliebe, die in Eheproblemen steckt, dessen Sohn, der sich angezogen fühlt und wird bei all dem immer mehr von der Vergangenheit eingeholt. Alles plätschert vor sich hin, das einzige, was sich in dieser eher eintönigen Geschichte abhebt, ist die Sprache, die vom Stil her sehr prägnant ist. Allerdings muss einem dieser Sprachstil liegen, sonst ist es noch schwerer, das Buch mit Genuss zu lesen.
Arthur Schnitzler: Die TraumnovelleDie Geschichte von Fridolin und Albertine, einem jungen Ehepaar mit einer kleinen Tochter, verbunden in einer innigen Beziehung, die Risse bekommt, als sie beschliessen, sich alles zu sagen. Die jeweiligen erotischen und Fantasien und Hoffnungen verwirren nicht nur jeden für sich, sondern führen auch zu emotionalen Abgründen miteinander. 5
Michael Schmidt-Salomon: Die Evolution des Denkens10 grosse Denker, ihr Leben und Schaffen im Blick, um daraus Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Michael Schmidt-Salomon zeigt, dass all die klugen Geister ihr mutiges und neugieriges Denken und Forschen, ihre Unabhängigkeit, ihr Sinn für Vernetzung und ihr offener Blick sowie der Umstand, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, zu den Denkriesen machte, als die wir sie heute sehen. Was können sie uns also zeigen, was uns für unsere Zeit nützt? Ein sehr informatives, kurzweiliges, packendes Buch.5
Simone de Beauvoir: Auge um AugeSimone de Beauvoir hinterfragt in diesen Essays die Welt und die Menschen, die in ihr agieren. Durch den Krieg politisiert und der Überzeugung, dass es Pflicht ist, sich in dieser Welt zu positionieren und zu engagieren, schaut sie kritisch auf den Menschen und seine Glaubenssätze, hinterfragt Begriffe wie Moral, Strafe, Rache, Hass und mehr. Sie legt dar, was der Existenzialismus ist und was er will und blickt auf die Literatur, und was sie uns zeigen kann, wo Philosophie stockt. 5
Sarah Bakewell: Wie man Mensch wirdSarah Bakewell rollt die Geschichte des Humanismus von Anfang an auf. Was heisst es, humanistisch zu denken und zu handeln? Worauf gründen Entscheidungen, was macht den Menschen aus? Ausgehend von der Idee, dass der Mensch im Kern gut sei, bildete sich vor über 700 Jahren eine Lebenshaltung aus, deren Ziel es ist, den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zum Menschen zu machen, der er ist: ein freies, glückliches, im Hier und Jetzt lebendes Wesen, dem das friedliche Miteinander am Herzen liegt, weswegen er auf Mitgefühl und Verantwortung setzt statt auf Gebote und Gesetze. Bakewell erzählt aus dem Leben verschiedener Literaten, Künstler, Denker und zeigt ihre Lebens- und Denkwege auf. Für mich etwas viel Geschichte und zu wenig Denken, was aber subjektiven Vorlieben geschuldet ist. 4
Anne Pauly: Bevor ich es vergesseAls Anne Paulys Vater stirbt, müssen sie und ihr Bruder die Formalitäten regeln und die Abdankung planen. Die Konfrontation mit dem toten Vater, mit den Erinnerungen an die vielfältigen Erfahrungen, Gefühle, Erlebnisse aus der gemeinsamen Vergangenheit sowie die Aufarbeitung der zurückbleibenden Gefühle an diesen Menschen, der so viele Seiten in sich trug, vom gewaltvollen Alkoholiker über den Liebhaber von Gedichten bis hin zum Interessierten für Spiritualität und östliche wie westliche Philosophien handelt dieses Buch. Es ist ein Buch über Liebe, Gewalt, Trauer und Trost, es ist ein Buch über Abschied und ein Buch über eine Beziehung zwischen Vater und Tochter.5
Patrick Kaczmarczyk: Raus aus dem Ego-Kapitalismus. Für eine Wirtschaft im Dienst des MenschenEine konzise Analyse des kapitalistischen Systems heute mit ihren Ungleichheiten und prekären Auswüchsen für viele Menschen. Eine Darlegung der neoliberalen Glaubenssätze mit ihren falschen Versprechungen und zerstörerischen Auswüchsen sowie der Wirkweise von Ideen in der Gesellschaft. Als Lösungsweg wird ein Kapitalismus propagiert, der sich weniger an der Gewinnmaximierung einzelner Weniger, sondern an einer christlichen Ethik des Miteinanders orientiert. Ein fundierter Augenöffner und eine kompetente Analyse, die am Schluss für einen Agnostiker zu bibellastig wurde. 4
Julia Korbik: SchwesternEine Darstellung des Feminismus, wie er sich in den letzten Jahren entwickelt hat, die Vorstellung einzelner Feministinnen und Strömungen. Eine Analyse der Schwierigkeiten, die ihn seit jeher begleiten, allen voran die Konzentration auf das Trennende, die Exklusion statt Integration von unterschiedlichen Bedürfnissen und Kampfthemen. Und nicht zuletzt ein Aufruf zu mehr Miteinander, zu emphatischem Hinhören und gemeinsam Einstehen für die Sache, die allen gemeinsam ist: Eine gerechtere Welt mit mehr Gleichberechtigung – für alle. Nichts Neues, aber das Alte gut zusammengefasst. 5
Simone de Beauvoir: Der Lauf der DingeSimone de Beauvoir erzählt von ihren Reisen mit Sartre, von ihrer Beziehung zu Nelson Algren und Claude Lanzman sowie verschiedenen Bekanntschaften und Freundschaften. Sie breitet ihre Angst vor dem und die Melancholie über das Altwerden aus und zeichnet ein Bild ihrer Zeit mit den Kriegen, politischen Zerwürfnissen, der Stimmung der Menschen und den Lebensumständen generell. Es ist ein persönliches Buch und ein Zeitzeugnis gleichzeitig. 5
Didier Eribon: Eine ArbeiterinDidier Eribons erzählt von seiner Mutter, vordergründig, in tat und Wahrheit erzählt er mehr von sich und seinem Verhältnis und Verhalten der Mutter gegenüber. Er liefert eine Sozialstudie dessen, was es heisst, alt zu sein, Minderheit zu sein, einer unteren Klasse zuzugehören, er zeigt die Zerwürfnisse und Schwierigkeiten in Familien, und er ruft dazu auf, den Alten eine Stimme zu geben, denen, die keine eigene mehr zu haben scheinen, weil keiner mehr hinhört. Nicht sein bestes Buch, trotzdem sehr lesenswert. 4
Sigrid Nunez: Der FreundAls ihr Freund stirbt, hinterlässt er nicht nur eine grosse Lücke in ihrem Leben, sondern auch seinen vor Trauer depressiven Hund, eine Deutsche Dogge. Abgesehen davon, dass sie Gefahr läuft, ihre Wohnung in New York zu verlieren, weil da keine Hunde erlaubt sind, wollte sie nie einen Hund haben. Sie war Katzenmensch. Die Geschichte eines Zusammenwachsens, einer Liebe, die tief geht und viel ans Licht holt. Gedanken zum Schreiben, zum Tod, zu Liebe und Freundschaft – und eine Geschichte vom Loslassen. 5
Colombe Schneck: Paris-Trilogie: Ein Frauenleben in drei RomanenAls Tochter einer bürgerlichen jüdischen Familie wächst Colombe ohne Sorgen zu haben und welche bereiten zu wollen auf. Als sie mit 17 ungewollt schwanger wird, stellt das all dies in Frage: die Herkunft, die Sorglosigkeit, den Drang, perfekt sein zu müssen, um geliebt zu werden. Viele Fragen tauchen auch auf, als ihre beste Freundin Héloise fiel zu früh stirbt. Waren sie wirklich so stark und emanzipiert gewesen, wie sie sich immer gaben? Und was, wenn man erst 50 werden muss, um eine intensive, vielleicht gar glückliche Liebe zu erleben? Was sagt das über einen selbst aus? Drei Geschichten aus einem Leben, erzählt mit einem klaren Blick, Offenheit und Gefühl.4
Catherine Cusset: Janes Roman – abgebrochenEie Frau erhält ein Paket mit einem Manuskript, in welchem sie ihre eigene Geschichte liest und sich fragt, wer sie so gut kennt, dass er die innersten Gedanken und Geheimnisse kennt. Was spannend klingt, hat mich leider in der Umsetzung nicht gepackt, so dass ich abgebrochen habe. 
Lea De Gregorio: Unter Verrückten sagt man duLea De Gregorio erträgt das Lebe nicht mehr, sie wird verrückt und kommt in die Psychiatrie, nachdem man sie entmündigt hat: Alle entscheiden nun für und über sie, sie ist allem ausgesetzt, Entscheiden, Medikamenten, Behandlungen, Massnahmen. Ist das der richtige Weg zur Heilung? Wie sah das früher aus? Was ist richtig, was falsch? Welchen Stellenwert hat sie noch in der Gesellschaft? Ein wichtiger und guter Blick über unseren Umgang mit Menschen, die nicht in der von uns definierten Norm leben.4
Elke Naters: Alles ist gut, bis es das dann nicht mehr istAls Elke Naters Mann Sven stirbt, verliert sie nicht nur den wichtigsten Menschen in ihrem Leben, sondern das Leben, wie es bislang war, mit ihm. Sie beschreibt in ihrem Buch, wie sie mit diesem Verlust umgeht, wie die Trauer sie übermannt, welche Gedanken sie umtreiben. Sie hat ein Buch geschrieben, das tief ist, das persönlich ist, das mitnimmt, bewegt, berührt, aber auch Mut machen kann. Das Leben geht weiter. Und es ist gut. Nur anders. Irgendwie hat mich das Buch runtergezogen, es lastete zu schwer über weite Strecken. Der positivere Schluss konnte das nicht mehr ändern. 4

Zitate aus Büchern: Joseph Roth, April

«Die Aprilnacht, in der ich ankam, war wolkenschwer und regenschwanger. Die silbernen Schattenrisse der Stadt strebten aus losem Nebel zart, kühn, fast singend gegen den Himmel.» Josef Roth, April. Geschichte einer Liebe

Was für ein Einstieg in eine Geschichte, was für eine Sprachschönheit, was für eine Kunst. Für mich ist das Literatur in ihrer schönsten Form, weil die Liebe zur Sprache förmlich spürbar ist. 

Habt einen schönen Tag!

Bücher meines Lebens – zum Weltbuchtag

«Denn ich ohne Bücher bin nicht ich.» Christa Wolf

Heute ist Welttag des Buches, damit irgendwie auch mein Tag, denn es geht mir wie Christa. Diese Liebe zu Büchern, die nun schon so viele Jahrzehnte anhält, ist die Konstante in meinem Leben. Bücher haben immer einen Halt gegeben, ein Zuhause war immer erst eines, wenn meine Bücher da waren. Bücher sind für mich Türen zu Welten. 

Jagoda Marinic hat die wunderbare Sendung «Bücher meines Lebens» auf Arte. Ich nehme das Konzept als Vorbild und präsentiere hier die Bücher meines Lebens, wohl wissend, dass dies eigentlich ein Unterfangen ist, das nie endgültig und abschliessend ist, da einige vielleicht wechseln, andere fehlen, weil es zu viele würden. Und doch ist die Auswahl hier durchaus richtig und wichtig. Die Reihenfolge ist dem Moment geschuldet, wie sie in mein Leben traten:

Thomas Mann: Doktor Faustus – ich habe im Rahmen meiner Masterarbeit 9 Monate mit Thomas Mann gelebt, seine Musik gehört, alle Bücher gelesen, Biografien, Filme, alles von und über ihn aufgesogen
Rainer Maria Rilke: Gesammelte Gedichte – ich habe das Buch geschenkt bekommen und wirklich jedes einzelne Gedicht gelesen und für mich durchdacht und «analysiert»
Hannah Arendt: Denktagebuch – diese Frau und ihr Denken haben mich immer fasziniert. 
Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht – ein Klassiker einer Frau, die mich tief in ihren Bann gezogen hat
Didier Eribon: Rückkehr nach Reims – dieses Buch war für mich der Augenöffner schlechthin, ich erfasste, wie meine eigene Reise weitergehen soll

Welches sind eure Lebensbücher?

Habt einen schönen Tag!

Inspirationen für die Woche – KW 17

Neue Woche, neue Inspirationen. Es war eine spannende Woche, eine, bei denen ich mich durch die verschiedensten Bücher blätterte.

Folgende Bücher kann ich ans Herz legen, sie haben mich begeistert beim Lesen:

Patrick Kaczmarczyk: Raus aus dem Ego-Kapitalismus. Für eine Wirtschaft im Dienst des Menschen

«Um aus der Misere rauszukommen, braucht es eine Vision für unsere Gesellschaft und Wirtschaft. Zur Entwicklung einer solchen Vision, wie wir in Zukunft leben wollen, braucht es wiederum eine Debatte, die über das eigene Ich hinausgeht… Es geht darum, ein Regelwerk auszuarbeiten, das die Funktionsweise der Wirtschaft bestimmten gesellschaftspolitischen Zielen unterordnet und dafür sorgt, dass der internationale Handel für alle funktioniert, nicht nur für einige.»

Eine konzise Analyse des kapitalistischen Systems heute mit ihren Ungleichheiten und prekären Auswüchsen für viele Menschen. Eine Darlegung der neoliberalen Glaubenssätze mit ihren falschen Versprechungen und zerstörerischen Auswüchsen sowie der Wirkweise von Ideen in der Gesellschaft. Als Lösungsweg wird ein Kapitalismus propagiert, der sich weniger an der Gewinnmaximierung einzelner Weniger, sondern an einer christlichen Ethik des Miteinanders orientiert. Ein fundierter Augenöffner und eine kompetente Analyse, die am Schluss für einen Agnostiker zu bibellastig wurde.

(Patrick Kaczmarczyk: Raus aus dem Ego-Kapitalismus. Für eine Wirtschaft im Dienst des Menschen, Westend Verlag 2023)

«Ohne Krimi geht die Mimi…» Zwischendurch kann es auch mal leichte Lektüre sein, einfach zur Unterhaltung – aber gut muss sie sein, wie dieser Thriller:

Jussi Adler-Olsen: Verraten

«Wir hatten eine Abmachung, oder? Wie wäre es, die einzuhalten?»… Eddie nickte vorsichtig und hoffte inständig, damit seine Verzweiflung zu kaschieren. Auf keinen Fall wollte er sich mit diesem Mann mit den verschiedenen Augen anlegen oder mit sonst irgendeinem von den Leuten, die das Ganze steuerten.“

Der letzte Fall des Sonderdezernats Q mit Carl Mørck hat es in sich. Carl, in dem nach eigenen Angaben viel von Adler Olsen selbst steckt, steht unter Verdacht: er soll einen Mord begangen haben, der in all den zehn Fällen immer wieder Thema war, den sogenannten Druckluftnagler-Mord. Nachdem sich sogar sein Chef und langjähriger Freund und Vertrauter von ihm abwendet, bleibt es an den Freunden, Carls Unschuld zu beweisen. Wird es ihnen gelingen? Schlaflose Nächte sind garantiert, das Buch hat viele Seiten und man fiebert der Auflösung entgegen, die bis zum Schluss im Verborgenen liegt.

(Jussi Adler-Olsen: Verraten, dtv Verlagsgesellschaft 2024)

Ein Podcast, der mich diese Woche begeistert hat – wieder Jagoda Marinić, dieses Mal mit Slavoj Zizek. Es heisst, er sei der gefährlichste Philosoph der Welt, was wohl daher rührt, dass er wirklich selbst denkt, was oft anders ausfällt, als wenn andere denken. So kommt es, dass er provokativ wirkt, anregt, nochmals neu zu denken, was oft dazu führt, dass man zu Ansichten findet, wie es auch sein könnte.

Jagoda Marinic mit Slavoj Zizek

Achtung: Slavoj Zizek kann süchtig machen. Wenn man mal beginnt, auf Youtube Interviews mit ihm zu schauen, hört man kaum mehr auf. In diese Falle bin ich schon einige Male getappt.

Was habt ihr diese Woche gelesen, gehört, getan, das ihr empfehlen könnt?

Habt eine gute Woche!

Gedankensplitter: «Ups, I did it again…”

Da stand er vor mir und erklärte mir die Welt. «Als Künstler muss der Arbeitsplatz chaotisch sein, dieses ganze Chaos insipiriert erst so richtig.» Ich dachte an meinen Wunsch nach Ordnung (im Aussen, in mir drin ist es oft chaotisch genug) und fing zu erklären an, innerlich zweifelnd, ob ich nicht schon verloren hatte, weil ich schlicht falsch lag.

«Man muss keine Türen schliessen können, arbeiten kann man immer und Störungen gehören zum Leben.» Wie auf Knopfdruck ging mein Rechtfertigungsmodus an und ich erläuterte meinen Arbeitsprozess und wieso ich mit Störungen nicht umgehen kann. Ich erklärte, wieso für mich geschlossene Türen Freiheit bedeuten und sah schon am Blick das Unverständnis.

Wäre ich nicht ich, könnte ich es stehen lassen, denken, er ist er und ich bin ich. Das tue ich zwar, und doch bleibt eine kleine Spitze im Herzen stecken, die sich reinbohrt und Fragen eröffnet: «Liege ich falsch? Bin ich falsch?» Wie oft habe ich mir schon vorgenommen, einfach nickend ja zu sagen und mein Ding weiterzumachen, wie es mir eben entspricht. Und doch habe ich immer wieder das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Wenn ich ab und zu sage, man könnte auch aufhören, ständig die Dinge zu bewerten und sie zu thematisieren, sondern einfach jeden so lassen, wie er ist, höre ich oft: «Das darf ich doch wohl sagen?»

Ja, sagen darf man alles, nur: Muss man? Ist das unreflektierte, ziellose Ausplaudern jeder kleinen Gedankenregung nötig? Für wen? Wieso?

Nun denn: Ich schaue auf mein Pult, sehe, dass es für meine Verhältnisse schon wieder zu chaotisch ist und beschliesse, aufzuräumen. Dann schliesse ich die Tür und werde arbeiten.

Habt einen schönen Tag!

Inspirationen für die Woche – KW 16

Beim Gang durch die Welt schnappe ich immer wieder Dinge auf, die mich inspirieren, die mich bewegen, die mich begeistern. Diese möchte ich mit uns teilen. Vielleicht findet ihr etwas für euch dabei.

Folgende Bücher kann ich ans Herz legen, sie haben mich begeistert beim Lesen:

Michael Schmidt-Salomon: Die Evolution des Denkens

«Tatsächlich hat ‘das Genie’ mit der realen Person, die im Zentrum des Verehrungskults steht, oft wenig gemein… Hinter dem Kult verbirgt sich jedoch ein tiefes menschliches Bedürfnis: Wir brauchen Vorbilder, um uns in unserem Leben zu orientieren. Sie sind Teil unserer Identität, sagen uns, wer wir sind oder sein könnten.»

10 grosse Denker, ihr Leben und Schaffen im Blick, um daraus Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Michael Schmidt-Salomon zeigt, dass all die klugen Geister ihr mutiges und neugieriges Denken und Forschen, ihre Unabhängigkeit, ihr Sinn für Vernetzung und ihr offener Blick sowie der Umstand, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, zu den Denkriesen machte, als die wir sie heute sehen. Was können sie uns also zeigen, was uns für unsere Zeit nützt? Ein sehr informatives, kurzweiliges, packendes Buch.

(Michael Schmidt-Salomon: Die Evolution des Denkens: Das moderne Weltbild – und wem wir es verdanken, Piper Verlag 2024)

Sarah Bakewell: Wie man Mensch wird

«Ich bin ein Mensch, und nichts Menschliches erachte ich als mir fremd.» Publius Terentius Afer

Sarah Bakewell rollt die Geschichte des Humanismus von Anfang an auf. Was heisst es, humanistisch zu denken und zu handeln? Worauf gründen Entscheidungen, was macht den Menschen aus? Ausgehend von der Idee, dass der Mensch im Kern gut sei, bildete sich vor über 700 Jahren eine Lebenshaltung aus, deren Ziel es ist, den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zum Menschen zu machen, der er ist: ein freies, glückliches, im Hier und Jetzt lebendes Wesen, dem das friedliche Miteinander am Herzen liegt, weswegen er auf Mitgefühl und Verantwortung setzt statt auf Gebote und Gesetze. Bakewell erzählt aus dem Leben verschiedener Literaten, Künstler, Denker und zeigt ihre Lebens- und Denkwege auf. Für mich etwas viel Geschichte und zu wenig Denken, was aber subjektiven Vorlieben geschuldet ist.

(Sarah Bakewell: Wie man Mensch wird: Auf den Spuren der Humanisten, C. H. Beck Verlag 2023)

Arthur Schnitzler: Die Traumnovelle

«So gewiss, als ich ahne, dass die Wirklichkeit einer Nacht, dass nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet.»

«Und kein Traum», seufzte er leise, «ist völlig Traum.»

Die Geschichte von Fridolin und Albertine, einem jungen Ehepaar mit einer kleinen Tochter, verbunden in einer innigen Beziehung, die Risse bekommt, als sie beschliessen, sich alles zu sagen. Die jeweiligen erotischen und Fantasien und Hoffnungen verwirren nicht nur jeden für sich, sondern führen auch zu emotionalen Abgründen miteinander. Was für eine Sprache, was für eine Welt, in die man da hineingerät: In die Tiefen des menschlichen Fühlens und Wünschen. Wo liegt die Wahrheit? Was ist wirklich gewollt, gelebt, was nur geträumt?

(Arthur Schnitzler: Traumnovelle – in verschiedenen Ausgaben, unter anderem SZ Bibliothek 2004)

Folgenden Podcast habe ich gehört:

Freiheit Deluxe mit Jagoda Marinić und Ilker Çatak

Hier geht’s zum Podcast

«Freiheit kommt mit Bewusstsein.» David Foster-Wallace (abgekürzt)

Ein Gespräch über Freiheit, über Ausgrenzung, darüber, ignoriert und ausgeschlossen zu werden. Es ist ein Gespräch über die blinden Flecken in der Gesellschaft, in welcher Exklusion schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass es nicht mehr auffällt – ausser, man ist betroffen. Es ist ein Gespräch darüber, wie wir mit mehr Bewusstsein unser Leben leben sollen, denn nur so sind wir frei. Und vieles mehr.

Das vollständige Zitat lautet:

„Die wirklich wichtige Art der Freiheit beinhaltet Aufmerksamkeit und Bewusstsein, Disziplin und Anstrengung, und die Fähigkeit, sich wirklich um andere Menschen zu sorgen, für Sie Opfer zu bringen, jeden Tag auf neue auf unzählige, kleine, unsittliche Arten und Weisen.“

Überhaupt möchte ich euch den Podcast von Jagoda Marinić ans Herz legen. Sie hat eine sehr warme, kompetente Art zu fragen und zuzuhören. Es sind Gespräche, die in die Tiefe gehen, die Persönliches ans Licht bringen und auch die Gesellschaft, wie sie ist, und unser Sein darin immer wieder hinterfragen.

In der ARD-Mediathek und bei SRF Play findet sich nun der von Daniel Kehlmann geschriebene Sechsteiler über Franz Kafka. Da kommt alles zur Sprache: Das Verhältnis zum Vater, die Beziehungen zu den verschiedenen Frauen, seine Freundschaft zu Max Brod – und vieles mehr. Ich bin sehr gespannt, ich habe die Serie noch nicht gesehen.

Hier geht’s zur Sendung

Zu Kafka werde ich in den nächsten Wochen sicher noch mehr schreiben.

Ich hoffe, ihr habt etwas gefunden, das euch anspricht. Wenn ihr Tipps für mich habt, immer nur her damit.

Habt eine gute Woche!

Lesemonat März 2024

„…eine Haltung, die ich mir instinktiv zu eigen gemacht hatte und die ich nie mehr ablegen wollte: Im Zweifelsfall auf Sieg setzen, den Leuten und den Umständen vertrauen ist besser, als sich vor ihnen zu hüten.“ Simone de Beauvoir

Was kann ich vom März sagen? Er war schön, es war alles gut, und doch ist er irgendwie an mir vorbeigerauscht. Ich habe so wenig gelesen, wie selten, noch weniger geschrieben. Ich habe mir viel Gedanken gemacht, das schon, Notizbücher wurden gefüllt. Aber ja, vielleicht ist auch nur die Bücheranzahl klein, ich habe vor allem ein Buch sehr intensiv gelesen: Simone de Beauvoirs zweiten Band ihrer Memoiren. Am liebsten hätte ich gleich weitergelesen im dritten, doch ich war in Spanien, der Zugriff auf meine Bücher fehlte also. Das hole ich bald nach.

Zu den Lesehighlights:
Nach einem fulminanten Start mit Elizabeth Strouts «Am Meer», das ich wirklich geliebt habe, kamen einige Enttäuschungen. Und dann wieder ein Highlight: Connie Palmen, die ich sowieso sehr liebe, schreibt in «Vor allem Frauen» von ihren Leselieben. Am liebsten hätte ich gleich alle selbst gelesen, ein Effekt, den ich das Schneeballprinzip des Lesens nenne: Von einem Buch kommt man auf fünf weitere Bücher, die dann wiederum je fünf mit sich bringen. Und so füllt sich die Liste der Bücher, die noch gelesen werden wollen, immer mehr. Nach nochmals einer Enttäuschung noch das ganz grosse Highlight mit Simone. Es war doch ein sehr guter Lesemonat, wenn ich das nun so Revue passieren lasse. Deshalb liebe ich solche Leserückblicke, sie dienen oft auch der eigenen Erinnerung.

Die ganze Liste

Elizabeth Strout: Am MeerAls Covid ausbricht, bringt William, Lucy Bartons Exmann und noch immer bester Freund, diese aus der Stadt New York nach Maine, um sie vor dem Virus zu schützen. Was für ein paar Wochen geplant war, zieht sich hin. In einem Haus mit Meerblick verbringen sie den Lockdown, richten sich in einer Zweierbeziehung ein, die vor vielen Jahren wegen einer Affaire Williams zerbrochen ist. Die Zurückgezogenheit von der Welt wird nur dann und wann durch Gespräche mit neugewonnenen Freunden oder Spaziergängen am Meer unterbrochen, dazwischen bleibt viel Zeit zum Nachdenken: Über die Vergangenheit, die eigene Herkunft, das Leben und den Gang der Welt. Ein Buch, das durch die Tage plätschert, Gedanken zum Nachdenken in den Lesefluss trägt und in dem man Seite für Seite tiefer in die Figuren und ihr Leben hineingesogen wird. 5
Jonathan Lee: Joy – abgebrochenJoy kommt nach Hause, die Tür steht offen, sie schimpft innerlich über ihren nachlässigen Mann, hört ein Geräusch in der Küche, kann es nicht zu ordnen. Inhaltlich banal langweilig, sprachlich bemüht witzig  hat mich das Buch leider gar nicht angesprochen. 
Katie Kitamura: Intimitäten – abgebrochenDie Erzählerin kommt nach Den Haag, wo sie am Gerichtshof arbeiten will, Sie besucht eine Freundin, hat einen Freund, reflektiert im inneren Monolog ihr Leben, Denken, Fühlen. Nach 52 Seiten ist noch nicht mehr als das passiert, das hat meine Geduld zu sehr strapaziert.
Connie Palmen: Vor allem FrauenEine Auseinandersetzung mit Literatur, mit verehrten Schriftstellerinnen, mit den Gefühlen beim Lesen, der Verbundenheit. Immer auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst, dem eigenen Leben, Empfinden, Schreiben. es sind vor allem Frauen: Virginia Woolf, Sylvia Plath, Joan Didion und weitere – aber auch ein Mann, Philip Roth. Ein persönliches, ein tiefgründiges Buch, eines, das eintauchen, mitdenken und fühlen lässtr. 5
Sibille Aleramo: Eine Frau – abgebrochenWas für ein Anfang. Eine Vater-Tochterbeziehung, wie sie authentischer nicht hätte erzählt werden können. Alles spielte mit: Die Fixierung auf den Vater, die Überhöhung seiner Person, die Geringschätzung der Mutter, das Gefühl der eigenen Grösse durch die Beachtung durch den Vater, die Klassengesellschaft, in welcher der Vater eine seltsam unzuordenbare Rolle spielte, bei welcher aber doch Respekt (wenn auch oft nur vordergründig) mitspielte.    Dann bröckelte das Bild des Vaters und damit auch die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Zwischen mir als Leserin und dieser Figur ist eine regelrechte Entfremdung eingetreten, so dass ich ihrem Leben nicht mehr weiter folgen wollte. Schade. Der Anfang war grossartig!
Bernhard Schlink: Das späte LebenMartin erfährt von seinem Arzt, dass er nicht mehr lang zu leben hat. Seine Gedanken gehen zu David, seinem kleinen Sohn, und Ulla, seiner jungen Frau. Er überlegt, was er ihnen zurücklassen kann und beschliesst, für David Briefe zu schreiben. Er schreibt über den lieben Gott, über die Liebe, über Gerechtigkeit, über den Tod. Er baut einen Komposthaufen, findet heraus, dass Ulla eine Affäre hat und macht irgendwie weiter, wie bisher. Auf Gefühle, etwas Berührendes, Bewegendes wartet man vergeblich beim Lesen, das Buch und seine Figuren bleiben merkwürdig flach und blass. 3
Simone de Beauvoir: In den besten JahrenDie autobiografische Erzählung von Simone de Beauvoirs über ihr Leben ab 20, das ihr endlich die ersehnte Freiheit gibt. Es ist die Erzählung ihrer Beziehung zu Sartre, zu ihren Beziehungen und Freundschaften, die sich über die Jahre bilden. Es ist ein Schreiben über ihr eigenes Schreiben und das Ringen um die ersten Romane sowie ein Blick in das Erstarken des Nationalsozialismus und den Ausbruch des Weltkrieges, wie die Kriegsjahre sich auf das Leben und die Gesinnung der Menschen auswirkte, sowie die Analyse der eigenen Verwandlung von einem apolitischen hin zu einem politisch engagierten Menschen.5
Julia Korbik, Julia Bernhard: Simone de BeauvoirGraphic Novel über das Leben (und ein wenig auch das Denken) von Simone de Beauvoir. Ein ansprechender und gut gewählter Einblick in die Biografie einer der grössten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Die Illustration besticht durch eine schöne Bildsprache und eine stimmige Farbgebung.5