Inspirationen für die Woche – KW 17

Neue Woche, neue Inspirationen. Es war eine spannende Woche, eine, bei denen ich mich durch die verschiedensten Bücher blätterte.

Folgende Bücher kann ich ans Herz legen, sie haben mich begeistert beim Lesen:

Patrick Kaczmarczyk: Raus aus dem Ego-Kapitalismus. Für eine Wirtschaft im Dienst des Menschen

«Um aus der Misere rauszukommen, braucht es eine Vision für unsere Gesellschaft und Wirtschaft. Zur Entwicklung einer solchen Vision, wie wir in Zukunft leben wollen, braucht es wiederum eine Debatte, die über das eigene Ich hinausgeht… Es geht darum, ein Regelwerk auszuarbeiten, das die Funktionsweise der Wirtschaft bestimmten gesellschaftspolitischen Zielen unterordnet und dafür sorgt, dass der internationale Handel für alle funktioniert, nicht nur für einige.»

Eine konzise Analyse des kapitalistischen Systems heute mit ihren Ungleichheiten und prekären Auswüchsen für viele Menschen. Eine Darlegung der neoliberalen Glaubenssätze mit ihren falschen Versprechungen und zerstörerischen Auswüchsen sowie der Wirkweise von Ideen in der Gesellschaft. Als Lösungsweg wird ein Kapitalismus propagiert, der sich weniger an der Gewinnmaximierung einzelner Weniger, sondern an einer christlichen Ethik des Miteinanders orientiert. Ein fundierter Augenöffner und eine kompetente Analyse, die am Schluss für einen Agnostiker zu bibellastig wurde.

(Patrick Kaczmarczyk: Raus aus dem Ego-Kapitalismus. Für eine Wirtschaft im Dienst des Menschen, Westend Verlag 2023)

«Ohne Krimi geht die Mimi…» Zwischendurch kann es auch mal leichte Lektüre sein, einfach zur Unterhaltung – aber gut muss sie sein, wie dieser Thriller:

Jussi Adler-Olsen: Verraten

«Wir hatten eine Abmachung, oder? Wie wäre es, die einzuhalten?»… Eddie nickte vorsichtig und hoffte inständig, damit seine Verzweiflung zu kaschieren. Auf keinen Fall wollte er sich mit diesem Mann mit den verschiedenen Augen anlegen oder mit sonst irgendeinem von den Leuten, die das Ganze steuerten.“

Der letzte Fall des Sonderdezernats Q mit Carl Mørck hat es in sich. Carl, in dem nach eigenen Angaben viel von Adler Olsen selbst steckt, steht unter Verdacht: er soll einen Mord begangen haben, der in all den zehn Fällen immer wieder Thema war, den sogenannten Druckluftnagler-Mord. Nachdem sich sogar sein Chef und langjähriger Freund und Vertrauter von ihm abwendet, bleibt es an den Freunden, Carls Unschuld zu beweisen. Wird es ihnen gelingen? Schlaflose Nächte sind garantiert, das Buch hat viele Seiten und man fiebert der Auflösung entgegen, die bis zum Schluss im Verborgenen liegt.

(Jussi Adler-Olsen: Verraten, dtv Verlagsgesellschaft 2024)

Ein Podcast, der mich diese Woche begeistert hat – wieder Jagoda Marinić, dieses Mal mit Slavoj Zizek. Es heisst, er sei der gefährlichste Philosoph der Welt, was wohl daher rührt, dass er wirklich selbst denkt, was oft anders ausfällt, als wenn andere denken. So kommt es, dass er provokativ wirkt, anregt, nochmals neu zu denken, was oft dazu führt, dass man zu Ansichten findet, wie es auch sein könnte.

Jagoda Marinic mit Slavoj Zizek

Achtung: Slavoj Zizek kann süchtig machen. Wenn man mal beginnt, auf Youtube Interviews mit ihm zu schauen, hört man kaum mehr auf. In diese Falle bin ich schon einige Male getappt.

Was habt ihr diese Woche gelesen, gehört, getan, das ihr empfehlen könnt?

Habt eine gute Woche!

Gedankensplitter: «Ups, I did it again…”

Da stand er vor mir und erklärte mir die Welt. «Als Künstler muss der Arbeitsplatz chaotisch sein, dieses ganze Chaos insipiriert erst so richtig.» Ich dachte an meinen Wunsch nach Ordnung (im Aussen, in mir drin ist es oft chaotisch genug) und fing zu erklären an, innerlich zweifelnd, ob ich nicht schon verloren hatte, weil ich schlicht falsch lag.

«Man muss keine Türen schliessen können, arbeiten kann man immer und Störungen gehören zum Leben.» Wie auf Knopfdruck ging mein Rechtfertigungsmodus an und ich erläuterte meinen Arbeitsprozess und wieso ich mit Störungen nicht umgehen kann. Ich erklärte, wieso für mich geschlossene Türen Freiheit bedeuten und sah schon am Blick das Unverständnis.

Wäre ich nicht ich, könnte ich es stehen lassen, denken, er ist er und ich bin ich. Das tue ich zwar, und doch bleibt eine kleine Spitze im Herzen stecken, die sich reinbohrt und Fragen eröffnet: «Liege ich falsch? Bin ich falsch?» Wie oft habe ich mir schon vorgenommen, einfach nickend ja zu sagen und mein Ding weiterzumachen, wie es mir eben entspricht. Und doch habe ich immer wieder das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Wenn ich ab und zu sage, man könnte auch aufhören, ständig die Dinge zu bewerten und sie zu thematisieren, sondern einfach jeden so lassen, wie er ist, höre ich oft: «Das darf ich doch wohl sagen?»

Ja, sagen darf man alles, nur: Muss man? Ist das unreflektierte, ziellose Ausplaudern jeder kleinen Gedankenregung nötig? Für wen? Wieso?

Nun denn: Ich schaue auf mein Pult, sehe, dass es für meine Verhältnisse schon wieder zu chaotisch ist und beschliesse, aufzuräumen. Dann schliesse ich die Tür und werde arbeiten.

Habt einen schönen Tag!

Inspirationen für die Woche – KW 16

Beim Gang durch die Welt schnappe ich immer wieder Dinge auf, die mich inspirieren, die mich bewegen, die mich begeistern. Diese möchte ich mit uns teilen. Vielleicht findet ihr etwas für euch dabei.

Folgende Bücher kann ich ans Herz legen, sie haben mich begeistert beim Lesen:

Michael Schmidt-Salomon: Die Evolution des Denkens

«Tatsächlich hat ‘das Genie’ mit der realen Person, die im Zentrum des Verehrungskults steht, oft wenig gemein… Hinter dem Kult verbirgt sich jedoch ein tiefes menschliches Bedürfnis: Wir brauchen Vorbilder, um uns in unserem Leben zu orientieren. Sie sind Teil unserer Identität, sagen uns, wer wir sind oder sein könnten.»

10 grosse Denker, ihr Leben und Schaffen im Blick, um daraus Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Michael Schmidt-Salomon zeigt, dass all die klugen Geister ihr mutiges und neugieriges Denken und Forschen, ihre Unabhängigkeit, ihr Sinn für Vernetzung und ihr offener Blick sowie der Umstand, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, zu den Denkriesen machte, als die wir sie heute sehen. Was können sie uns also zeigen, was uns für unsere Zeit nützt? Ein sehr informatives, kurzweiliges, packendes Buch.

(Michael Schmidt-Salomon: Die Evolution des Denkens: Das moderne Weltbild – und wem wir es verdanken, Piper Verlag 2024)

Sarah Bakewell: Wie man Mensch wird

«Ich bin ein Mensch, und nichts Menschliches erachte ich als mir fremd.» Publius Terentius Afer

Sarah Bakewell rollt die Geschichte des Humanismus von Anfang an auf. Was heisst es, humanistisch zu denken und zu handeln? Worauf gründen Entscheidungen, was macht den Menschen aus? Ausgehend von der Idee, dass der Mensch im Kern gut sei, bildete sich vor über 700 Jahren eine Lebenshaltung aus, deren Ziel es ist, den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zum Menschen zu machen, der er ist: ein freies, glückliches, im Hier und Jetzt lebendes Wesen, dem das friedliche Miteinander am Herzen liegt, weswegen er auf Mitgefühl und Verantwortung setzt statt auf Gebote und Gesetze. Bakewell erzählt aus dem Leben verschiedener Literaten, Künstler, Denker und zeigt ihre Lebens- und Denkwege auf. Für mich etwas viel Geschichte und zu wenig Denken, was aber subjektiven Vorlieben geschuldet ist.

(Sarah Bakewell: Wie man Mensch wird: Auf den Spuren der Humanisten, C. H. Beck Verlag 2023)

Arthur Schnitzler: Die Traumnovelle

«So gewiss, als ich ahne, dass die Wirklichkeit einer Nacht, dass nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet.»

«Und kein Traum», seufzte er leise, «ist völlig Traum.»

Die Geschichte von Fridolin und Albertine, einem jungen Ehepaar mit einer kleinen Tochter, verbunden in einer innigen Beziehung, die Risse bekommt, als sie beschliessen, sich alles zu sagen. Die jeweiligen erotischen und Fantasien und Hoffnungen verwirren nicht nur jeden für sich, sondern führen auch zu emotionalen Abgründen miteinander. Was für eine Sprache, was für eine Welt, in die man da hineingerät: In die Tiefen des menschlichen Fühlens und Wünschen. Wo liegt die Wahrheit? Was ist wirklich gewollt, gelebt, was nur geträumt?

(Arthur Schnitzler: Traumnovelle – in verschiedenen Ausgaben, unter anderem SZ Bibliothek 2004)

Folgenden Podcast habe ich gehört:

Freiheit Deluxe mit Jagoda Marinić und Ilker Çatak

Hier geht’s zum Podcast

«Freiheit kommt mit Bewusstsein.» David Foster-Wallace (abgekürzt)

Ein Gespräch über Freiheit, über Ausgrenzung, darüber, ignoriert und ausgeschlossen zu werden. Es ist ein Gespräch über die blinden Flecken in der Gesellschaft, in welcher Exklusion schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass es nicht mehr auffällt – ausser, man ist betroffen. Es ist ein Gespräch darüber, wie wir mit mehr Bewusstsein unser Leben leben sollen, denn nur so sind wir frei. Und vieles mehr.

Das vollständige Zitat lautet:

„Die wirklich wichtige Art der Freiheit beinhaltet Aufmerksamkeit und Bewusstsein, Disziplin und Anstrengung, und die Fähigkeit, sich wirklich um andere Menschen zu sorgen, für Sie Opfer zu bringen, jeden Tag auf neue auf unzählige, kleine, unsittliche Arten und Weisen.“

Überhaupt möchte ich euch den Podcast von Jagoda Marinić ans Herz legen. Sie hat eine sehr warme, kompetente Art zu fragen und zuzuhören. Es sind Gespräche, die in die Tiefe gehen, die Persönliches ans Licht bringen und auch die Gesellschaft, wie sie ist, und unser Sein darin immer wieder hinterfragen.

In der ARD-Mediathek und bei SRF Play findet sich nun der von Daniel Kehlmann geschriebene Sechsteiler über Franz Kafka. Da kommt alles zur Sprache: Das Verhältnis zum Vater, die Beziehungen zu den verschiedenen Frauen, seine Freundschaft zu Max Brod – und vieles mehr. Ich bin sehr gespannt, ich habe die Serie noch nicht gesehen.

Hier geht’s zur Sendung

Zu Kafka werde ich in den nächsten Wochen sicher noch mehr schreiben.

Ich hoffe, ihr habt etwas gefunden, das euch anspricht. Wenn ihr Tipps für mich habt, immer nur her damit.

Habt eine gute Woche!

Lesemonat März 2024

„…eine Haltung, die ich mir instinktiv zu eigen gemacht hatte und die ich nie mehr ablegen wollte: Im Zweifelsfall auf Sieg setzen, den Leuten und den Umständen vertrauen ist besser, als sich vor ihnen zu hüten.“ Simone de Beauvoir

Was kann ich vom März sagen? Er war schön, es war alles gut, und doch ist er irgendwie an mir vorbeigerauscht. Ich habe so wenig gelesen, wie selten, noch weniger geschrieben. Ich habe mir viel Gedanken gemacht, das schon, Notizbücher wurden gefüllt. Aber ja, vielleicht ist auch nur die Bücheranzahl klein, ich habe vor allem ein Buch sehr intensiv gelesen: Simone de Beauvoirs zweiten Band ihrer Memoiren. Am liebsten hätte ich gleich weitergelesen im dritten, doch ich war in Spanien, der Zugriff auf meine Bücher fehlte also. Das hole ich bald nach.

Zu den Lesehighlights:
Nach einem fulminanten Start mit Elizabeth Strouts «Am Meer», das ich wirklich geliebt habe, kamen einige Enttäuschungen. Und dann wieder ein Highlight: Connie Palmen, die ich sowieso sehr liebe, schreibt in «Vor allem Frauen» von ihren Leselieben. Am liebsten hätte ich gleich alle selbst gelesen, ein Effekt, den ich das Schneeballprinzip des Lesens nenne: Von einem Buch kommt man auf fünf weitere Bücher, die dann wiederum je fünf mit sich bringen. Und so füllt sich die Liste der Bücher, die noch gelesen werden wollen, immer mehr. Nach nochmals einer Enttäuschung noch das ganz grosse Highlight mit Simone. Es war doch ein sehr guter Lesemonat, wenn ich das nun so Revue passieren lasse. Deshalb liebe ich solche Leserückblicke, sie dienen oft auch der eigenen Erinnerung.

Die ganze Liste

Elizabeth Strout: Am MeerAls Covid ausbricht, bringt William, Lucy Bartons Exmann und noch immer bester Freund, diese aus der Stadt New York nach Maine, um sie vor dem Virus zu schützen. Was für ein paar Wochen geplant war, zieht sich hin. In einem Haus mit Meerblick verbringen sie den Lockdown, richten sich in einer Zweierbeziehung ein, die vor vielen Jahren wegen einer Affaire Williams zerbrochen ist. Die Zurückgezogenheit von der Welt wird nur dann und wann durch Gespräche mit neugewonnenen Freunden oder Spaziergängen am Meer unterbrochen, dazwischen bleibt viel Zeit zum Nachdenken: Über die Vergangenheit, die eigene Herkunft, das Leben und den Gang der Welt. Ein Buch, das durch die Tage plätschert, Gedanken zum Nachdenken in den Lesefluss trägt und in dem man Seite für Seite tiefer in die Figuren und ihr Leben hineingesogen wird. 5
Jonathan Lee: Joy – abgebrochenJoy kommt nach Hause, die Tür steht offen, sie schimpft innerlich über ihren nachlässigen Mann, hört ein Geräusch in der Küche, kann es nicht zu ordnen. Inhaltlich banal langweilig, sprachlich bemüht witzig  hat mich das Buch leider gar nicht angesprochen. 
Katie Kitamura: Intimitäten – abgebrochenDie Erzählerin kommt nach Den Haag, wo sie am Gerichtshof arbeiten will, Sie besucht eine Freundin, hat einen Freund, reflektiert im inneren Monolog ihr Leben, Denken, Fühlen. Nach 52 Seiten ist noch nicht mehr als das passiert, das hat meine Geduld zu sehr strapaziert.
Connie Palmen: Vor allem FrauenEine Auseinandersetzung mit Literatur, mit verehrten Schriftstellerinnen, mit den Gefühlen beim Lesen, der Verbundenheit. Immer auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst, dem eigenen Leben, Empfinden, Schreiben. es sind vor allem Frauen: Virginia Woolf, Sylvia Plath, Joan Didion und weitere – aber auch ein Mann, Philip Roth. Ein persönliches, ein tiefgründiges Buch, eines, das eintauchen, mitdenken und fühlen lässtr. 5
Sibille Aleramo: Eine Frau – abgebrochenWas für ein Anfang. Eine Vater-Tochterbeziehung, wie sie authentischer nicht hätte erzählt werden können. Alles spielte mit: Die Fixierung auf den Vater, die Überhöhung seiner Person, die Geringschätzung der Mutter, das Gefühl der eigenen Grösse durch die Beachtung durch den Vater, die Klassengesellschaft, in welcher der Vater eine seltsam unzuordenbare Rolle spielte, bei welcher aber doch Respekt (wenn auch oft nur vordergründig) mitspielte.    Dann bröckelte das Bild des Vaters und damit auch die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Zwischen mir als Leserin und dieser Figur ist eine regelrechte Entfremdung eingetreten, so dass ich ihrem Leben nicht mehr weiter folgen wollte. Schade. Der Anfang war grossartig!
Bernhard Schlink: Das späte LebenMartin erfährt von seinem Arzt, dass er nicht mehr lang zu leben hat. Seine Gedanken gehen zu David, seinem kleinen Sohn, und Ulla, seiner jungen Frau. Er überlegt, was er ihnen zurücklassen kann und beschliesst, für David Briefe zu schreiben. Er schreibt über den lieben Gott, über die Liebe, über Gerechtigkeit, über den Tod. Er baut einen Komposthaufen, findet heraus, dass Ulla eine Affäre hat und macht irgendwie weiter, wie bisher. Auf Gefühle, etwas Berührendes, Bewegendes wartet man vergeblich beim Lesen, das Buch und seine Figuren bleiben merkwürdig flach und blass. 3
Simone de Beauvoir: In den besten JahrenDie autobiografische Erzählung von Simone de Beauvoirs über ihr Leben ab 20, das ihr endlich die ersehnte Freiheit gibt. Es ist die Erzählung ihrer Beziehung zu Sartre, zu ihren Beziehungen und Freundschaften, die sich über die Jahre bilden. Es ist ein Schreiben über ihr eigenes Schreiben und das Ringen um die ersten Romane sowie ein Blick in das Erstarken des Nationalsozialismus und den Ausbruch des Weltkrieges, wie die Kriegsjahre sich auf das Leben und die Gesinnung der Menschen auswirkte, sowie die Analyse der eigenen Verwandlung von einem apolitischen hin zu einem politisch engagierten Menschen.5
Julia Korbik, Julia Bernhard: Simone de BeauvoirGraphic Novel über das Leben (und ein wenig auch das Denken) von Simone de Beauvoir. Ein ansprechender und gut gewählter Einblick in die Biografie einer der grössten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Die Illustration besticht durch eine schöne Bildsprache und eine stimmige Farbgebung.5

Reisen mit Simone: Italien

Ich bin ein Reisemuffel. Nur schon der Gedanke, ich müsste packen und mich auf den Weg machen, löst eine Unruhe und ein leichtes Unwohlsein in mir aus. Die Vorstellung, wie ich all mein mitzunehmendes Hab und Gut von A nach B schleppe, auf Fortbewegungsmittel warte, auf Anschlüsse und problemlose Umstände hoffe, vermag nicht, in mir Freudengefühle zu wecken. Nicht mal die Vorstellung auf die Zieldestination kann das uneingeschränkt, denn die Fragen, ob da auch alles klappt, was ich da den ganzen Tag machen soll, weil das, was ich am liebsten tue, sich eigentlich verbietet, wecken wenig Vorfreude, sondern lassen weitere Sorgenfalten im Gesicht auftauchen. «Du musst doch kein Buch einpacken, zum Lesen muss man nicht verreisen, da kann man auch zu Hause bleiben.» Ja, das würde ich auch am liebsten tun. Nun habe ich eine Form des Reisens gefunden, die mir entspricht:

Ich reise mit Simone de Beauvoir. Mit ihr entdecke ich Rouen, Le Havre, wir nehmen Sartre mit und es geht nach Rom, was ausnehmend schön ist:

«Ich liebte Rom, seine Küche, seinen Lärm, seine Plätze, seine Steine, seine Pinien.»

In Rom sollte Simone später auch eine Zeit lang wohnen, es scheint, bei dieser ersten Reise ist eine Liebe fürs Leben gepflanzt worden. So kann es also auch gehen auf Reisen. Ich kenne so eine Liebe auf den ersten Besuch mit München, das mir gleich zu Herzen ging und da für viele Jahre blieb.

Ganz anders als in Rom treffen wir es in Neapel:

«Neapel war uns ein Rätsel.»

Schon von ihrer Schwester, die unlängst selbst in Neapel gewesen war, hatte Simone gehört, dass Neapel nicht schön, sondern dreckig sei, und es reift die Erkenntnis, dass Dreck und verfallene Häuser allein nicht reichen, um einer Stadt eine Patina zu verleihen. Simone schlussfolgert weiter, dass der Umstand, dass man eine Stadt trotz ihrer Mängel mag, an den Menschen liegen muss. Auch da stimme ich mit meiner Reisebegleitung überein: Wie oft erkor ich Orte, auch Restaurants zu meinen Favoriten, nicht, weil sie besonders schön waren, sondern weil die Menschen mich ansprachen, ich eine Verbindung spürte.

Auf Reisen lernt man oft auch eine Menge, so auch ich auf meiner mit Simone:

«Wir wussten nicht, dass Lebensmittel immer dort mit besonderer Aufdringlichkeit zur Schau gestellt wurden, wo die Menschen Hunger leiden.»

Diese Verbindung hatte ich noch nie gemacht, fühlte mich durch sie aber an Bilder aus Indien und anderen Ländern erinnert, wo Armut und auch Hunger den Alltag vieler Menschen prägen (übrigens auch das Länder, die ich durch Bücher und Filme bereist habe). Ich frage mich, was dahintersteckt. Will man nach aussen ein Bild des Überflusses zeigen, welches den eigenen Mangel überdeckt? Herrscht der Hunger, weil man nur durch den Verkauf dessen, was man selbst am meisten benötigen würde, überhaupt überleben kann – im wahrsten Sinne des Wortes, da es zum Leben kaum reicht.

Simone und Sartre versöhnen sich auf ihre Weise mit Neapel:

«Wenn wir die Unbarmherzigkeit dieser Stadt ignorierten, fanden wir an Neapel manche liebenswürdige Seite.»

Und doch bleibt ein zwiespältiges Bild:

«Überall jedoch und jederzeit trug der Wind uns den trostlosen Staub der Docks oder feuchte, zweifelhafte Gerüche zu. Als wir den Posilipo erstiegen, konnte die ferne, trügerische Weisse Neapels uns nicht täuschen.»

Ich denke bei diesen Reisebeschreibungen an Goethes Ausspruch aus seiner «Italienischen Reise»:

«Io sono Napolitano. Vedi Napoli, e poi muori«

Er bezieht sich dabei auf eine neapolitanische Redensart, wonach man Neapel sehen und sterben könne, da man damit das Schönste und Höchste der Gefühle erlebt hätte, danach bliebe nur noch der Tod. Nun denn – die Geschmäcker scheinen verschieden. Trotzdem lassen sich Simone und Sartre nicht verdriessen, vor allem Sartre will als «emsiger Tourist» alles sehen und so erkunden die beiden alle Sehenswürdigkeiten der Stadt und die im Umland. Ich werde schon beim Lesen etwas müde ob all der Umtriebigkeiten und bin froh, diesen nur lesend beiwohnen zu müssen. Eigentlich ideal, auch wenn ich gestehe, dass ich auch beim Lesen Reisen nach Innen mehr liebe als solche durch die Welt.

Meine Reiseleiter fahren weiter nach Pompeji, wo Sartre einiges zu kritisch zu bemängeln hat, was er gleich seiner jungen Freundin Olga nach Hause schreiben muss. Überhaupt fällt mir der sehr kritische Blick der beiden auf vieles auf. War ihnen Neapel zu dreckig und hässlich, ist Pompeji nun zu schön:

«Sartre war verwirrt, weil er, wie er sagte: ‘nirgends einhaken kann’. Auch mir schien diese Schönheit zu einfach, zu glatt. Ich fand sie nicht ‘griffig’.»

Es ist vielleicht doch so, dass so manche Reise dann am schönsten ist, wenn man, wieder zu Hause, über sie erzählen kann. Und nun bin ich gespannt, wo mich meine Reise mit Simone noch hinführt.

***
Alle Zitate (ausser das Goethe-Zitat) stammen aus: Simone de Beauvoir: In den besten Jahren

Anekdoten: Gute Vorsätze

Es geht ja nichts über gute Vorsätze. In klugen Momenten, in denen man weiss, wie die Welt richtig lauft, fasst man sie und sieht die Zukunft in trockenen Tüchern, denn man weiss ja nun, wie es geht. Einer meiner guten Vorsätze war:

«Ich kaufe erst ein neues Buch, wenn ich die vorhandenen Bücher gelesen habe.»

Ein einfacher Satz (also nicht ganz, immerhin zusammengesetzt), gut verständlich, es kann also nichts mehr schief gehen. Bis ich merkte: Das ist verdammt schwer. ALs Literatur liebender Mensch beschäftige ich mich auch neben dem eigentlichen Lesen mit Büchern, höre Podcasts, lese Artikel, schaue mir Rezensionen und Bücherportale an und stosse dabei immer wieder auf Bücher, die man unbedingt gelesen haben muss. Oder ich höre ein Interview mit einem Schriftsteller, der so intelligent, so sympathisch, so humorvoll, so… toll ist, dass ich unbedingt etwas lesen will. Wenn er dann auch noch von seinen liebsten Büchern schwärmt, ist es schon fast um mich geschehen: Die müssen ja gut sein, wenn er sie gut findet. 

Und ich finde mich kurz darauf vor dem Computer wieder, nach den so gefundenen Büchern suchend, voller Elan und Tatendrang – und vor allem: Voller Vergessen der einmal gefassten Vorsätze. Die versuchen sich dann manchmal, einen Weg zu meinem Bewusstsein freizuschaufeln, was sogar kurz gelingen will, in einem inneren Kampf weiter geht und doch häufig in der Niederlage der Vorsätze. 

Es ist und bleibt schwierig mit Vorsätzen…

Habt einen schönen Tag!

Bücherwelten: Leseabbrüche

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“(Franz Kafka)

Ich habe irgendwann beschlossen, dass ich Bücher, die mich nicht ansprechen, nicht fertiglese. Manchen gebe ich mehr Raum, um etwas für mich Packendes zu entwickeln, manche beende ich schon nach wenigen Seiten, wenn mich der Stil überhaupt nicht anspricht. Denn für mich zählt die Art der Sprache auch viel, sie muss mich sprichwörtlich ansprechen, um bei mir ein Lesevergnügen zu wecken. 

Ferdinand von Schirach sagte in einem Interview, dass das einzige Kriterium, das darüber entscheide, ob Kunst gut sei oder nicht, sei, ob sie berührt. Etwas, das mich nicht berührt, ist (für mich) keine gute Kunst. Das überlässt Kunst der individuellen Beurteilung. Kunst so aufgefasst kennt dann kaum wirklich objektive Kriterien, sondern nur das rein persönliche Empfinden. Als Wissenschaftler möchte man dem irgendwie widersprechen, ist man doch immer darauf aus, Wahrheiten (die es offenkundig nicht gib) zu ergründen und zu präsentieren. Ich mag Ferdinand von Schirachs Aussage, für mich stimmt sie. 

Ich habe auch beschlossen, Bücher, die mich nicht ansprechen, nicht zu rezensieren oder vorzustellen. Vor dem Hintergrund des vorher Gesagten würde das wenig Sinn ergeben (gut, die Frage ist, welchen dann eine positive Besprechung hat – aber irgendwie ist Leidenschaft und Freude ein schönerer Grund, etwas zu zeigen, als Ablehnung) und doch juckt es mich manchmal in den Fingern. Nicht, um das Buch zu verreissen, sondern aus Neugier, wie es anderen mit dem Buch ging.

Zwei Beispiele von abgebrochenen Büchern waren folgende:

Katie Kitamura: Intimitäten
Die Erzählerin kommt nach Den Haag, wo sie am Gerichtshof arbeiten will, Sie besucht eine Freundin, hat einen Freund, reflektiert im inneren Monolog ihr Leben, Denken, Fühlen. Nach 52 Seiten ist noch nicht mehr als das passiert, das hat meine Geduld zu sehr strapaziert.

Jonathan Lee: Joy
Joy kommt nach Hause, die Tür steht offen, sie schimpft innerlich über ihren nachlässigen Mann, hört ein Geräusch in der Küche, kann es nicht zu ordnen. Inhaltlich banal langweilig, sprachlich bemüht witzig  hat mich das Buch leider gar nicht angesprochen.

Nach einem wirklich grossartigen Buch, wie es Elizabeth Strouts „Am Meer“ war, frage ich mich, ob es daran lag, dass dieses so gut war, dass die anderen abfielen, weil ich lieber noch da weitergelesen hätte, oder ob es wirklich „nur“ die Bücher selbst waren. 

Lest ihr Bücher fertig?
Was haltet ihr von Rezensionen oder Verrissen?
Kennt jemand die beiden Bücher und wie waren sie für euch?

Zum Weltfrauentag – Gedanken und Bücher

Ich würde gerne behaupten und auch sehen, dass es keinen Weltfrauentag braucht, weil jeder Tag für alle da ist, doch leider ist dem an den meisten Tagen nicht so. Darum sind solche Tage wichtig, sie sollen wieder ins Bewusstsein rufen, was viel zu einfach vergessen gehen kann.

In seinem Buch „Die Würde ist antastbar“ behandelt Ferdinand von Schirach in einem Essay die Frage der Gleichstellung der Frau. Er zeigt fragwürdige Haltungen in der Politik zu diesem Thema auf (kurze Hoffnungsschimmer durch einzelne Personen werden mehrheitlich zunichte gemacht durch die oft erfolgreichen Versuche, diese zu verunglimpfen) und listet Zahlen aus Vorständen und Führungspositionen. Und man sitzt da und fragt sich, wie es möglich ist, dass der Frauenanteil in Vorständen grosser Firmen nur 3% beträgt, in Führungspositionen ist der Satz etwas höher, aber bei weitem nicht annähernd ausgeglichen. Nur mangelnder Einsatz und fehlende Bereitschaft kann nicht der Grund dafür sein.

Als Aristoteles seine Idee einer guten Gesellschaft formulierte, sprach er von gleichen Rechten für alle. Damals war klar, dass „alle“ nur freie Männer einer gewissen Klasse meinte. Sklaven, Arbeiter und Frauen waren ausgeschlossen aus diesem „alle“. Wenn man seine Schriften heute liest, denkt man, diese Bewertung sei antiquiert, doch die tatsächlichen Zahlen sprechen eine andere Sprache – immer noch. Die Aussage von Mary Shear:

„Feminismus ist die radikale Auffassung, dass Frauen Menschen sind.“

ist also nicht obsolet, sondern offensichtlich noch nicht in allen Köpfen in ihrer ganzen Tragweite angekommen. Zwar erkennt man Frauen durchaus als Menschen im Sinne des Menschseins, aber eben nicht im Sinne eines teilhabenden, gleichwertigen Menschen. Frauen sind eher „die Anderen“, die auch noch da sind, wenn die Welt verteilt ist unter denen, die eben „die Einen“ sind. Aus dieser Haltung leitet Simone de Beauvoir den Titel ihres Hauptwerkes ab („Das andere Geschlecht“) und das Buch ist aktuell wie eh und je und auch heute noch Pflichtlektüre sein sollte.

Wir haben also noch viel zu tun, um auch zu den Einen zu gehören. Denn: Es steht uns zu. Alles andere spräche uns unsere Würde als Mensch ab. Wobei der Konjunktiv falsch gesetzt erscheint…

Wenn es ums Lesen geht, zeigt sich ein ähnliches Bild. Viele Frauen wurden und werden vergessen, sie hatten früher zwar die grösseren Hürden, schreiben zu dürfen/können, aber auch heute noch zeigt sich in vielen Bereichen (Schule, Universität, Literaturbetrieb…) eine Ungleichbehandlung. (Sehr empfehlenswert dazu: Nicole Seifert, Frauenliteratur). Wenn ich zurückdenke, habe ich als Kind mehrheitlich Frauen gelesen (unbewusst), ab der Schule und auch im Literatur- wie Philosophiestudium kamen die kaum (schon das ist fast eine Übertreibung) mehr vor. Auch wenn ich nach wie vor sage, dass es nicht draufankommt, wer ein Buch geschrieben hat (rein vom Geschlecht her), merke ich, dass mich Literatur von Frauen oft mehr anspricht heutzutage (es gibt natürlich Ausnahmen, Autoren, die ich hochhalte und liebe). Heute möchte ich zehn Bücher von Frauen nennen, die ich für lesenswert halte, immer im Bewusstsein, dass dies eine persönliche Auswahl ist, die nicht mal über die Zeit gleich lauten würde:

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht (und alles andere von ihr)
Ein Buch darüber, wie Frauen in die zweite Reihe gestellt werden durch die Sicht auf sie als andere, während der Mann die Norm darstellt. Da diese Hierarchie rein sozial und nicht biologisch begründet ist, ist sie veränderbar. Es ist an uns, dies zu tun.

Hannah Arendt: Denken ohne Geländer
Das Buch vereint zentrale Texte aus Hannah Arendts Schaffen sowie Auszüge aus Briefen, die ihr Denken offenlegen – ein Denken, das wirklich ohne Geländer frei floss, das vor nichts Halt machte, sondern sich auch (und oft) unbequemen Dingen stellte.

Elizabeth Strout: Am Meer
Lucy Barton befindet sich im Lockdown mit ihrem Exmann, sie denkt über ihr Leben nach, über die Brüche und Umbrüche, ihre Beziehungen zu Männern und ihren Töchtern. Ein Buch zum Mitfühlen, Mitdenken, eine Anregung, das eigene Leben Revue passieren zu lassen.

Caroline Emcke: Weil es sagbar ist
Was lässt sich erzählen und wer kann es tun? Für wen erzählen wir und wem wollen wir erzählen? Für wen können wir sprechen und wieso sollen wir es tun? Carolin Emcke zeigt den Wert der geteilten Geschichten für das Leben und das Überleben, denkt über die Sprache als Verbindung zwischen den Menschen nach.

Vigdis Hjorth: Die Wahrheit über meine Mutter
Die Auseinandersetzung einer Frau mit ihrer Mutter, zu welcher der Kontakt abgebrochen wurde und die sich weigert, ihn wieder aufzunehmen. Gedanken dazu, wie Menschen werden, wie sie sind, was es bedeutet, Mutter oder Tochter zu sein, zu den eigenen Gefühlen, schmerzhaften Erfahrungen und Sehnsüchten.

Annie Ernaux: Erinnerungen eines Mädchens
Die Geschichte eines Mädchens und einer jungen Frau auf der Suche nach dem richtigen Platz im Leben, ihr Heranwachsen mit Wünschen, Träumen, Verletzungen und Scham. Der Blick von Heute auf das Gestern, der Versuch, sich selbst in der eigenen Vergangenheit zu finden und zu durchleuchten, schreibend, und dabei dieses Schreiben selbst immer wieder zu hinterfragen

Susan Sontag: Tagebücher 1964 – 1980
Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke – so beschreibt Susan Sontag ihr Schreiben selber. Die Tagebücher sind das Zeugnis einer intelligenten, nachdenklichen, oft vom Leben enttäuschten Frau.

Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein
Ein Buch darüber, wie wichtig es ist für eine Frau, ihr eigenes Zimmer, den Raum für sich zu haben.

Deborah Levy: Was das Leben kostet
Die Ehe ist zerbrochen, das alte Leben ist vorbei. Es gilt, ein neues aufzubauen, in einem neuen Zuhause und im neuen Leben anzukommen und sich da einzurichten. Deborah Levy erzählt aus dieser Zeit des Umbruchs, erzählt von den Gedanken, Gefühlen, Herausforderungen und immer wieder auch vom Schreiben.

Elisabeth Wellershaus: Wo die Fremde beginnt
Gedankenräume über erfahrenen Rassismus, Nachdenken über blinde Flecken bei sich und in der Gesellschaft, eine persönliche Lebensreise durch verschiedene Stationen der eigenen Biografie, pendelnd zwischen Spanien und Deutschland, zwischen verschiedenen Identitäten und Zuschreibungen. Ein persönliches, ein augenöffnendes Buch, ein Buch über systemische, strukturelle und individuelle Diskriminierung.

Lesemonat Februar 2024

Er ist der kürzeste Monat des Jahres, aber dieses Jahr schien es fast, als ob er beweisen wolle, dass viel reingeht. Die Agenda zum Bersten voll, die Termine überschlugen sich, manchmal überschnitten sie sich gar. Und dann war es plötzlich still. Für einen Augenblick hielt alles an, die Welt schien zum Stehen zu kommen, nur um dann in noch grösserer Frequenz zu laufen. Unglücksfälle bei Menschen, die einem wichtig sind, lassen plötzlich alles obsolet erscheinen, man ist zurückgeworfen auf die Verletzbarkeit des Lebens. Langsam gibt es zum Glück ein Aufatmen, zurück bleiben eine grosse Dankbarkeit und Demut.

Ich war bei all dem froh um meine kleinen Zeit- und Rückzugs-Oasen für mich, die ich mit Schreiben, Lesen und viel Nachdenken füllen konnte. Und doch ist all das irgendwie in blasser Erinnerung. Beim Anschauen meiner Leseliste erinnere ich mich wieder, all die Bücher gelesen zu haben, erinnere mich an die Eindrücke dabei und die Freude über gute Sätze, einnehmende Geschichten und mehr. Die Bücher führten mich wieder zu menschlichen Abgründen, zu persönlichen Lebenserfahrungen, es waren Reisen in die Vergangenheit und auch Einblicke in die Welt heute. Es waren Enttäuschungen dabei, aber auch und vor allem viele Highlights, allen voran

  • Suzie Miller: Prima Facie – die Erzählung einer jungen Frau, die Klassengrenzen überschreitet, Karriere macht, sich ein Leben aufbaut und dann vor der Entscheidung steht, ob sie für ihre Überzeugung einstehen und das Risiko eingehen soll, all das aufs Spiel zu setzen.
  • Monika Helfer: Die Jungfrau – Monika Helfer erzählt von ihrem Aufwachsen und denkt denkt dabei zurück an ihre Freundschaft mit Gloria.

Die komplette Liste:

Chandler, Raymond: Die simple Kunst des MordensIn Briefen, Essays, Notizen und mehr äussert sich Raymond Chandler über sich und sein Schreiben, er behandelt Themen wie die Filmwelt und das Verlagswesen wie auch das Handwerk des Schreibens und den Kriminalroman. Er zeigt sich dabei authentisch, ehrlich direkt und teilweise bitterböse, analytisch und auch kritisch.  Ein wunderbar unterhaltsames Buch, welches nicht nur einen Blick auf diverse Themen rund um das Schreiben eines Kriminalromans und alles, was damit in irgendeiner Form zusammenhängt wirft, sondern auch den Autoren Raymond Chandler erfahrbar macht in seinem Schreiben und Denken, mit all seinen Eigenarten. 5
Diporreta, Luca: Sankt Galler SpitzenEigentlich wollen Robert Keller (Leiter der Kripo St. Gallen) und Lea, seine Partnerin ein gemeinsames Wochenende im Wellnesshotel am Bodensee verbringen, doch eine Leiche macht diesem ein vorzeitiges Ende. Mia Schneider, Chefdesignerin der Textilfirma Vadiana, wird vergiftet aufgefunden und Robert Keller ist gefordert. Seine Ermittlungen führen ihn in die Kreise einer angesehenen Textildynastie. Das Opfer, erst überall beliebt, scheint sich einige Feinde gemacht zu haben, doch Robert Keller tappt im Dunkeln. Was hat er übersehen? Ein solider und unterhaltsamer Krimi nach bewährtem Muster.4
Meyer, Thomas: Hannah Arendt. Die BiografieDer Versuch, Hannah Arendts Leben und Werk nicht in Bezug auf die Aktualität heute, sondern aus ihrer Zeit heraus vorzustellen, wobei die 20 Jahre nach der Emigration nach Paris die prägendsten seien. Entstanden ist eine eher langatmige Wanderung durch das Leben und Schreiben einer herausragenden Philosophin, die keine offensichtlichen Ziele oder Absichten zu kennen scheint. Leider sehr unbefriedigend. 
Shalev, Zeruya: Nicht ich – abgebrochenWorum es wirklich geht, fand ich beim Lesen der ersten 27 Seiten nicht. Einige schöne Sprachbilder, eine abstruse Geschichte – ein Buch, in das ich schlicht nicht reinfand
von Schirach, Ferdinand, Alexander Kluge: Die Herzlichkeit der VernunftZwei kluge und klare Denker unterhalten sich über aktuelle Themen, berufen sich auf die grossen Philosophen Sokrates, Voltaire, Kleist und mehr. Sie sprechen über Schuld und Scham, über Freiheit und Verantwortung, über das Leben und die Politik. Wunderbar tiefgründig und zum Nachdenken anregend. 5
Helfer, Monika: Die JungfrauMonika Helfer erinnert sich an ihre Freundin Gloria, erinnert sich an eine Frau, mit der sie in ihrer Kindheit befreundet war und es auf eine Weise blieb trotz räumlicher Trennung später. Schreibend tastet sie sich an die eigenen Erinnerungen heran, versucht das Bild der Freundin lebendig werden zu lassen. Sie tut es in einer eigenwilligen, mal brutal klaren, dann wieder poetisch verschlungenen Sprache. 5
Miller, Suzie: Prima FacieTess kämpft sich mit Ehrgeiz und viel Arbeit durch die sozialen Schichten, kann mit einem Stipendium in Cambridge studieren und später in eine angesehene Kanzlei in London eintreten. Sie merkt, dass sie aus einer anderen Klasse stammt, es wird ihr überall bewusst. Sie versucht, sich anzupassen, die Verhaltensweisen anzueignen, die es braucht, um dazuzugehören, und sie schafft sich Respekt durch ihre Leistung und ihr Können. Alles läuft auf graden Schienen, bis ein einziger, verhängnisvoller Abend alles zunichte zu machen scheint und ihre ganze Welt aus den Fugen gerät. Was soll sie tun? Was steht auf dem Spiel? Ist sie bereit, den Preis für ihre Überzeugungen zu bezahlen? Ein wichtiger Roman, der aufrüttelt und den Blick auf die Fehler im System öffnet.5
Kehlmann, Daniel: LichtspielG.W.Pabst hat es geschafft. Er konnte Europa mit seiner Frau und seinem Sohn rechtzeitig verlassen und in den USA das tun, was er liebte: Filme machen. Der Erfolg hält nur kurz, zudem ist seine Mutter noch in Österreich und nicht bei bester Gesundheit. Mit seiner Familie reist er zurück, um die Mutter in ein Sanatorium zu bringen und dann – so gibt er vor – zurück in die USA zu gehen. Er bleibt, kommt in die Mühlen der Nazis, dreht fortan unter deren Augen. Der rote Pabst von einst plötzlich ein Nazizudiener? Sprachlich grossartig, anfangs wirklich einnehmend, dann Längen entwickelnd. 4
Andreas Gruber: Dinner in the Dark. Achtzehn Crime-StorysDie ersten Kurzgeschichten waren spannend, mitreissend, das Ende blieb bis am Ende offen und es gelang Gruber, kurz vor Schluss noch eine Wendung hinzubringen, die alles in einem neuen Licht zeigte. Dazu seine sprachlich schönen Wendungen und Bilder. Grossartig. Die Sprache blieb, die Spannung verschwand nachher. Langes und seichtes Geplätscher endete jeweils in einem nicht ganz erwarteten Ende, doch selbst das hatte kaum eine Anlehnung an eine Kriminalgeschichte. Schade. Ein fulminanter Start mit einem abrupten Ende schon früh im Buch. 3
Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten – abgebrochenAtemberaubend sollen sie sein, ein Stück Weltliteratur. Leider musste ich dieses dahinplätschernde Nicht-Geschehen nach kurzem abbrechen. Es nahm mir nicht den Atem, als Weltliteratur hätte ich es auch nicht bezeichnet. Schade. 
Bärbel Reetz: Emmy Ball-Hennings. Leben im VielleichtEigentlich eine tragische Geschichte: Eine Mädchen, eine junge Frau mit Tatendrang, Visionen, Träumen und Zielen, die den Mut hat, all diese zu verfolgen, die in die Welt aufbricht, sich alles erkämpfen muss und dabei unten durch geht, die tanzt, dichtet, liebt, sich verkauft, abstürzt, im Gefängnis landet, sich immer wieder aufrappelt. Sie beweist immer wieder, dass sie etwas kann, viele verehren sie – und doch reicht es nie zum Leben, knapp nur zum Überleben. Bärbel Reetz zeichnet das Leben und Schaffen der Emmy Hemmings nach, wobei sie zu viel Gewicht auf all die Figuren um sie herum und zu wenig auf Emmy selbst schaut. Dadurch ist eine sehr langatmige, oft verwirrende, zeitlich hin und her springende Biografie entstanden, welche den Menschen Emmy Hemmings nicht wirklich fassbar macht. 3.5

Raymond Chandler: Die simple Kunst des Mordens

Inhalt
In Briefen, Essays, Notizen und mehr äussert sich Raymond Chandler über sich und sein Schreiben, er behandelt Themen wie die Filmwelt und das Verlagswesen wie auch das Handwerk des Schreibens und den Kriminalroman. Er zeigt sich dabei authentisch, ehrlich direkt und teilweise bitterböse, analytisch und auch kritisch.

Ein wunderbar unterhaltsames Buch, welches nicht nur einen Blick auf diverse Themen rund um das Schreiben eines Kriminalromans und alles, was damit in irgendeiner Form zusammenhängt, wirft, sondern auch den Autoren Raymond Chandler erfahrbar macht in seinem Schreiben und Denken, mit all seinen Eigenarten.

Gedanken zum Buch

«Wenn man da sagt, was dieser Mann schreibt, sei keine Literatur, könnte man ebenso gut auch sagen, ein Buch, das Lust zum Lesen mache, könne nichts taugen.»

Was macht gute Literatur aus? Wie kommt es zur Unterscheidung zwischen hoher und niedriger Literatur? Raymond Chandler beklagt diese Einteilung, er findet sie überheblich und unzutreffend, da bei Büchern nicht das Genre, sondern die Art des Schreibens ausschlaggebend sein sollte, ob etwas gute Literatur sei oder aber nichts tauge. Dass gerade über Kriminalromane immer wieder geschnödet wird, verurteilt er aufs schärfste und mit teilweise klaren bis bitterbösen Aussagen.

«Alle Menschen flüchten vor irgend etwas, flüchten sich in das hinüber, was hinter der bedruckten Seite liegt; qualitativ mg das Träumen diskutabel sein, aber funktionell ist es ganz einfach eine Notwendigkeit geworden. Jeder Mensch muss von Zeit zu Zeit dem tödlichen Rhythmus seiner privaten Gedanken entfliehen. Das gehört unter denkenden Wesen zum Lebensprozess selber.»

Die Frage, die sich stellt, ist immer auch: Wieso lesen Menschen? Und: was muss Literatur. Bewirken, dass sie beim Leser ankommt? Die Tatsache, dass etwas gerne gelesen und oft verkauft werde, sei weder ein Qualitätskriterium noch dürfe es dazu herhalten, Literatur zu hierarchisieren. Literatur, so Chandler, ist ein Weg, vor der Alltagsrealität zu fliehen und für eine Weile Zuflucht in einer anderen Welt zu finden. Mit welchen Inhalten das gelingt, ist weniger wichtig für eine Einteilung in gute oder schlechte Literatur, als ob es literarisch und stilistisch gut umgesetzt ist.

«Ich will lediglich sagen, dass alles Lesen zum Vergnügen Flucht ist… Alle Literatur ist in diesem Sinne Unterhaltungsliteratur. Wollte man das bestreiten, so wäre man bloss ein intellektueller Snob und ein blutiger Anfänger in der Kunst des Lebens.»

Leider ist diese Hierarchie in hohe und niedrige (oder gar Schundliteratur) auch heute noch gang und gäbe. Dass Kriminalliteratur (oder auch Fantasy und andere Genres) sich gut verkaufen, wird nicht als Qualitätsmerkmal gesehen, sondern im Gegenteil als Argument gegen gute Qualität eingebracht. Was viele lesen, kann nicht gut sein. Diese Botschaft klingt durch und sie vermittelt genau, was Chandler weiter oben auch sagte: Den Snobismus des Aussprechenden. Indem er die breite Masse der Lesenden als eher seichte Gemüter einstuft, erhebt er sich darüber. Dies im Blick solle man vielleicht die eigenen Kriterien für gute oder schlechte Literatur nochmals überdenken.

Fazit

Ein unterhaltsames, informatives Buch über das Schreiben, Kriminalliteratur, Filmbranche und vieles mehr. Klare Worte mit tiefen Einblicken, einer messerscharfen Analyse sowie unbarmherziger Kritik, die bei all dem einen unverstellten Blick auf den Autor gewähren.

Zum Autor
Raymond Chandler, geboren 1888 in Chicago, wuchs in England auf. Er übte verschiedenste Berufe aus, bevor er ab 1932 ernsthaft zu schreiben begann. Chandler wurde nicht nur mit seinen Romanen um den Privatdetektiv Philip Marlowe zum Klassiker der Kriminalliteratur. Er verfasste auch berühmte Drehbücher für Billy Wilder und Alfred Hitchcock. Raymond Chandler starb 1959 in La Jolla, Kalifornien.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes Verlag; 14. Edition (24. Februar 2009)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Übersetzung : Hans Wollschläger
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 368 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257202090

Gedankensplitter: Wege und Umwege

«Alles in der Welt geht in Wellenlinien. Jede Landstrasse und so weiter. Wehe dem, der überall ein Lineal anlegt.» Wilhelm Raabe

Das Zitat las ich kürzlich und fühlte mich merkwürdig ertappt. In den letzten Wochen habe ich auf mein Leben zurückgeblickt, habe all die Stationen gesehen, die ich durchlaufen habe. Der Weg glich nicht einem einmal losgeschlagenen Tennisball, der zielgerichtet auf der anderen Seite zu Boden kam, sondern eher einer Billardkugel, die über die Bande gespielt ihren Weg in einer nur für ein Mathematikgenie nachvollziehbaren Bahn genommen hat. Ich habe in den diversesten Berufen gearbeitet, habe mich mit Fotografie, Zeichnen und Yoga ausprobiert. Und ich habe geschrieben. Immer. Und immer über wieder andere Dinge. An allen war ich mit Leidenschaft, in alle habe ich mich hineingegraben und alle habe ich durchdrungen. Und dann bin ich wieder weitergegangen.

Wie oft hatte ich mir gewünscht, es wäre alles gradliniger. Ich bewunderte, nein, beneidete Menschen, die so dieses eine Interesse haben, diesen einen Weg, den sie gradlinig verfolgen. Ich habe es immer wieder versucht, immer wieder gedacht: Jetzt… und dann wuchs die Erkenntnis: Nein, doch nicht…

Und hier sitze ich nun und die Mäanderwege sind durchaus kleiner geworden – von einer geraden Linie ist noch immer nicht zu sprechen. Und so langsam reift die Erkenntnis: Vielleicht bin ich schlicht so – ein Schmetterling, der viele Blumen mag. Und vielleicht ist das sogar ein Geschenk und kein Makel. Was ich gelernt habe: Ich muss mich gar nicht entscheiden, es hat alles Platz, denn das Leben ist gross. Nicht alles zu jeder Zeit, aber alles dann, wenn es passt, weil es mir in dem Moment entspricht.

Habt einen schönen Tag!

Erhard Dietl, Andrea Stegmaier: Warum Weihnachtswunder manchmal ganz klein sind

Weihnachten – das Fest der Liebe, der Besinnung, der Mitmenschlichkeit. Diese wichtigen Werte des Miteinanders werden hier in eine herzerwärmende Geschichte gepackt:

«Kennst du den Ort, an dem die Bäche am klarsten und die Tannen am höchsten sind?
Wundersam still ist es dort.»

Diese Stille wird jäh durchbrochen. Waldarbeiter tauchen mit ihren Sägen auf und fällen Tannen, die sie auf einen Laster packen. Sie merken nicht, dass sich auf einer ein kleiner Kauz versteckt hat. Dieser wagt sich vor lauter Angst nicht mehr, sich zu rühren. Nach einer langen Fahrt in die Stadt entdeckt der Forstarbeiter Mario den kleinen Waldkauz und nimmt sich seiner an, indem er ihn zu seiner Tochter Emilia nach Hause bringt. Diese kümmert sich liebevoll um das Käuzchen und päppelt den kleinen ausgehungerten und zerzausten Vogel wieder auf. Durch die gute Pflege und Fürsorge erholt sich der Kleine schnell und fühlt sich sichtlich wohl in seinem neuen Heim. Wenn nur das Heimweh nicht wäre. Emilio und Mario beschliessen schliesslich, ihren kleinen Mitbewohner wieder zurück in den Wald zu bringen, wo er wirklich zu Hause ist.

Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit. 2020 wurde im Weihnachtsbaum, der vor dem Rockefeller Center in New York stand, eine verängstigte Eule gefunden und gerettet. Erhard Dietl und Andrea Stegmaier haben diese Geschichte nun in einem wunderbaren Buch aufgegriffen. Ein Buch, das Mut macht, das zeigt, wie viel Mitmenschlichkeit bewirken kann.

Im Anhang an die Geschichte finden sich Tipps, wie man sich selbst verhalten soll, wenn man ein Tier findet.

Fazit:
Ein wunderbares und herzerwärmendes Bilderbuch, das nicht nur in der Weihnachtszeit begeistert.

Über den Autor und weitere Mitwirkende
Erhard Dietl lebt als freier Schriftsteller und Illustrator in München. Zu seinen erfolgreichsten Figuren gehört die fröhliche Olchi-Familie aus Schmuddelfing.

Andrea Stegmaier lebt und arbeitet in Stuttgart. Am liebsten illustriert sie Kinderbücher. Neue Inspiration lauert für sie überall – beim Zusammensein mit ihrer Familie oder im eigenen Garten.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ Oetinger; 1. Edition (11. September 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 32 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3751202299
  • Lesealter ‏ : ‎ 4–6 Jahre

Vernachlässigung von Kriminalromanen

«…Sie sind gewiss nicht ohne Gesellschaft bei Ihrem Wunsch, dass ‘man etwas gegen die Isolierung und Benachteiligung des Kriminalromans in den Buchbesprechungen tun könnte’.»*

Das schrieb Raymond Chandler im Januar 1944 an James Sandoe, seines Zeichens Kriminalromankritiker der New York Herald Tribune und Professor für Klassische Literatur und Bibliographie an der University of Colorado. Was die beiden umtrieb, hat sich bis heute nicht geändert: Der Kriminalroman wird von den Literaturkritikern mehrheitlich gemieden, wenn nicht gar verschmäht. Für sie – und sie sind damit nicht allein – gibt es verschiedene Arten von Schreiben: Das anspruchsvolle und das banale, das, woraus Literatur entsteht, und das, was blosse Unterhaltung und damit minderwertig ist.

„Wenn man da sagt, was dieser Mann schreibt, sei keine Literatur, könnte man ebensogut auch sagen, ein Buch, das einem Lust zum Lesen mache, könne nichts taugen.
Wenn ein Buch, gleich welchen Genres, eine gewisse Intensität der künstlerischen Darstellung erreicht, wird es Literatur. Diese Intensität kann sich im Stil zeigen, in der Situation, in den Charakteren, im inneren Ton oder in der Idee, oder in einem halben Dutzend anderen (sic!) Dingen.“

Nun gibt es durchaus Krimis, die in der Tat seicht und belanglos sind, die daherkommen wie nach einem vorgegebenen Raster und in Rekordzeit geschrieben. Es gibt aber auch die literarisch und sprachlich wertvollen, die inhaltlich und stilistisch anspruchsvollen, die durchdachten, durchkomponierten, die durchaus den Begriff Literatur verdienen. Und: Nicht alles, was als Literatur daherkommt, ist auch ein Meisterwerk schreiberischer Genialität.

«Die Franzosen sind das einzige Volk, das ich kenne, für die Schreiben in erster Linie Schreiben ist.»*

Oft sieht es auch so aus, als ob das, was sich gut verkauft, von vornherein abgewertet ist, kann es doch nicht für den höheren Geschmack bestimmt sein, wenn so viele es gut finden. Dass diesem Ansinnen eine unglaubliche Arroganz innewohnt, ist offensichtlich: Nur der auserlesene Kreis der Verstehenden ist in der Lage, so wirkt es zumindest, den wahren Wert von Literatur zu verstehen. Nur das erlauchte Grüppchen der Intelligenten weiss die hohe Literatur zu schätzen. Sobald es jeder versteht, kann es – so die scheinbar logische Folge – nur banal sein.

Ich zitiere in solchen Fällen immer gerne den wunderbaren Philosophen Harry G. Frankfurt:

«Bullshit!»

(Nun entspricht natürlich auch dieser Ausdruck nicht dem elaborierten Code der Bestimmer und Leser der gewählten Literatur, aber damit kann ich durchaus leben, zumal ich mich immerhin auf einen Philosophieprofessor berufen kann.

*zitiert nach Raymond Chandler: Die simple Kunst des Mordens, Diogenes Verlag, Zürich 1975.

Else Lasker-Schüler – geboren am 11. Frebruar 1869

Heute hebe ich mein Glas auf die wunderbare Dichterin Else Lasker-Schüler. Sie würde heute 155 Jahre alt.

Es war ein bewegtes Leben, das sie führte, ein Leben auf der Flucht und auf der Suche, der nach Liebe, die sie nie wirklich fand, der nach einem Zuhause, welches ihr auch verwehrt blieb. 

Eines meiner liebsten Gedichte von ihr ist das folgende:

Ein alter Tibetteppich
Deine Seele, die die meine liebet
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

In ihm zeigt sich so davon, was Else Lasker-Schüler ausmacht: Ihre Sensibilität, ihre Suche nach Wortverbindungen, die neue Bedeutungsebenen sichtbar machen und zu einem Bild werden, das die Sprache übersteigt. Zwei liebende Seelen, die miteinander verbunden sind. Schon das Bild des Tibetteppichs mit den Seelen als Fäden wäre grossartig, durch die Umstellung des Worts wurde aus dem Teppich ein ganzes Land, quasi eine neue Welt nur für die beiden Liebenden. Sie weitet diese Welt aus, indem die Fäden zu Strahlen werden, womit die Liebe das ganze Universum erfüllt. 

Immer wieder schön, in ihre Bilder einzutauchen, sie auf sich wirken und in sich klingen zu lassen. 

Ein früherer Artikel: HIER