„Mitgefühl für mich selbst ist der mächtigste aller Heiler.“ (Theodore Isaac Rubin)

Ab und an gelingen uns Dinge nicht. Oder wir sagen etwas, von dem wir sofort merken, dass wir es besser nicht – oder nicht so – gesagt hätten. Oder wir verhalten uns auf eine Weise, wie wir es eigentlich nicht möchten. Wir reagieren unangemessen und merken es einen Moment zu spät – nämlich erst danach. In all diesen Situationen passiert oft eines: Wir schimpfen mit uns! Wir sage uns, was wir alles falsch machen, fragen uns, wie wir so dumm sein können, schelten uns. Und ja, wir fühlen uns schlecht und unzulänglich.

Mit jemand anderem gingen wir kaum so hart ins Gericht. Je lieber uns der andere wäre, desto nachsichtiger wären wir sogar. Wieso also sind wir bei uns selber so hart? Wieso verzeihen wir anderen Fehler, sehen sogar über diese hinweg, prangern sie bei uns aber an, reiten drauf rum und halten sie uns immer wieder vor?

Mitgefühl ist ein Wort, das vielen präsent ist. Oft beziehen wir es aber nur auf andere, bei uns selber wenden wir es spärlich an. Aber: Wir sind ebenso wie die anderen ein Wesen, das Liebe und Glück sucht und Leiden nicht mag. Wir sind es ebenso wert, dass wir uns mit Mitgefühl bedenken, und zwar dann, wenn wir es am dringendsten brauchen.

„Wenn wir uns mehr um unser tatsächliches Wohl und unsere wahren Bedürfnisse kümmern als um das, was andere über uns denken oder von uns erwarten, sind wir in der Lage, uns sowohl persönlichere als auch erreichbarere Ziele zu setzen.“ (Thupten Jinpa)

  • Wieso tue ich, was ich tue?
  • Habe ich es selber gewollt oder erfülle ich damit die Erwartungen, die meine Eltern, mein Partner, die Gesellschaft an mich haben?

Wie oft leben wir ein Leben und verhalten uns dabei so, wie wir denken, dass es halt von uns erwartet wird? Wir müssen damit nicht offensichtlich unglücklich sein, aber doch schleicht sich hier und dort das Gefühl ein, dass es doch noch mehr geben müsste, dass das doch nicht ganz das ist, was wir eigentlich wollen. Nicht selten überhören wir die Stimmen und gehen den eingeschlagenen Weg weiter.

Dies machen wir oft so lange, bis uns etwas die Augen öffnet und in uns das Gefühl laut wird: So nicht mehr. Meistens sind das Krisensituationen, Krankheiten oder Schicksalsschläge. So leidvoll sie sind, bringen sie uns doch zum Nachdenken, bringen sie uns dazu, uns und unser Leben zu hinterfragen.

Wir müssten nicht auf einen solchen Auslöser warten. Wir könnten uns einfach heute hinsetzen und uns fragen:

  • Wie will ich leben?
  • Was kann ich tun?
  • Wo fange ich an?

Jeder Tag ist die Chance für einen neuen Anfang. Man muss ihn nur wagen.

Weshalb, wieso, warum?

Wer kennt die unermüdlichen Fragen von Kindern nicht? Alles wollen sie wissen, alles hinterfragen sie. Sie sehen die Welt mit neuen und frischen Augen, staunen über Dinge, die uns schon lange selbstverständlich sind. Kinder sind Philosophen der ersten Stunde. Alles ist spannend, weil sie nicht denken, schon alles gesehen zu haben, weil sie nicht glauben, alles bereits zu wissen.

Wann geht das alles verloren? Wo verlieren sich die kindliche Neugier und das Staunen? Und: Was können wir tun, dass das nicht passiert?

Philosophieren heisst, Fragen zu stellen. Diese Fragen knüpfen an etwas an, das ich bereits weiss, und zeigen auf eine Lücke, die ich noch habe, auf etwas, das ich nicht weiss oder verstehe. Wenn Kinder Fragen stellen, neigen wir dazu, sofort Antworten zu geben. Schliesslich wollen wir dem Kind helfen, seine Wissenslücken zu füllen. Nur: Damit beenden wir mit einem Schlag das Philosophieren des Kindes. Ohne sich selber Gedanken zu machen, erhielt es eine Lösung.

„Eine der verbreitesten Krankheiten ist die Diagnose.“

Dies stellte einst Karl Kraus fest und trifft damit einen wichtigen Punkt. Vorgefertigte Antworten beenden mit einem Schlag das eigene Nachdenken – und damit das Philosophieren des Kindes. Nur wo keine vorgefertigten Antworten warten, können freie Köpfe grenzenlos denken.

Wieso also nicht statt einer Antwort eine Rückfrage stellen? Dadurch wäre das Kind herausgefordert, selber zu denken, seine Phantasie spielen zu lassen, sich Möglichkeiten auszumalen und kreativ zu werden. Nicht nur käme so ein spielerischer Prozess in Gang, das Kind würde zudem im eigenen Denken bestärkt, könnte lernen, diesem mehr zu vertrauen und es fühlte sich mit dem eigenen Denken auch ernst genommen.

Philosophieren so verstanden sollte in meinen Augen Pflichtfach in Schulen werden. Damit ist nicht der althergebrachte Philosophie-Unterricht gemeint, in welchem alte Schriften gelesen und interpretiert werden, sondern Philosophieren stellt eine Methode dar, an die Dinge heranzugehen. Kinder lernen, dass das eigene Denken wichtig ist und ernst genommen wird. Sie lernen auf ihre Selbstwirksamkeit vertrauen, entwickeln Selbstvertrauen dadurch, dass sie ernst genommen werden und auch realisieren, dass sie im Dialog Antworten selber herleiten können.

Das Schöne dabei ist, dass wir als Erwachsene dadurch auch von den Kindern lernen: Wir lernen wieder hinzusehen, kreativ zu denken, werden vom Staunen und der Neugier angesteckt und stossen auf Antworten, die in unserem teilweise durch Vorwissen festgefahrenen Denken nicht mehr erscheinen.

 

Ein wunderbares Wort, nicht? Die Schweizer verstehen es, die anderen reimen sich ihres zusammen. Unterm Strich kommt etwa das raus:

Ich gebe dir was und erwarte dafür das Angemessene zurück.

Und meisst schmeisst man dabei Äpfel und Birnen in einen Topf, rührt kräftig um, keiner versteht die Suppe, die rauskommt, und alle denken sich ihres.

So mögen einige – eher unlautere – Geschäfte funktionieren, das Seelenleben kann man damit wohl nicht im Gleichgewicht halten. Wenn ich Gutes nur darum tue, um umso mehr zu ernten, wird das Seelengleichtgewicht ganz schnell ins Ungleichgewicht geraten – nämlich dann, wenn nicht das eintritt, was ich beim Geben erhofft, nein, quasi einberechnet hatte.

Wer dächte noch an das heute etwas frömmelig anmutende „Geben ist seliger denn Nehmen“, will man doch bei jedem Geben gleich wissen, was man dafür bekommt. Es ist nichts wert, was nicht einen Preis hat. Es ist nichts wert, was nichts einbringt.

Kant sagte einst, dass moralisch gut nur das ist, was um seiner selbst willen getan würde. Wenn man beim Tun schon auf die positiven Effekte für einen selber schielt, ist die Moral im Eimer. Schiller hielt dagegen. Es entstand ein Briefwechsel (die Kalias-Briefe). Er sagte, dass auch gut sein kann, was einen positiven Effekt hat, den man sich durchaus bewusst macht beim Tun des Guten. Die Briefe flogen hin und her, sie sind durchaus wunderbar zu lesen (wenn auch – um ehrlich zu sein – etwas lang und redundant und durchaus abkürzbar), ich für mich würde mich in der Mitte ansiedeln.

Gutes tut man um der Sache willen. Ohne für sich was zu erhoffen. Fällt was für einen ab, wunderbar. Wenn nicht, ist das traurig, aber noch nicht das Ende der Welt. Ich bin der festen Überzeugung, dass es sich auszahlt, aus Überzeugung für das Gute in der Welt einzustehen. Nicht mit Kampfansagen. Nicht mit Boxhandschuhen. Schon gar nicht mit Angriffen und Mauern. Still. Leise. Im eigenen Kreis. Als Mensch.

Als dieser strahlt man. Ohne Kampf. Man muss nicht neue Opfer suchen und finden. Man muss niemanden niederkämpfen. Man kann andere Meinungen stehen lassen, sich dabei als Mensch unter Menschen begegnen. Und sich gegenseitig Achtung zollen. Als Mensch unter Menschen. Und wenn alle nur noch Menschen wären. Unter Menschen. Könnten wir mit unterschiedlichen Meinungen umgehen. Weil wir uns als Menschen begegneten. Wir verstünden uns nicht immer. Aber wir würden es versuchen. Wir gäben mal mehr. Dafür käme irgendwann auch viel zu uns. Nicht buchhalterisch. Schlicht menschlicht.

Ich bin überzeugt, dass das geht. Wir haben es nur aus den Augen verloren. Weil wir alles immer noch mehr absichern wollen. Weil wir alles immer noch mehr rationalisieren wollen. Weil wir überall noch mehr das abschaffen wollen, was uns als Menschen ausmacht: Beziehungen. Von Mensch zu Mensch.

„Was ist das Eine, das alle anderen Tugenden in sich fasst? Mitgefühl.“ (Buddha)

Mitgefühl. Was bedeutet das eigentlich? Es ist ein Gefühl. Eines, das mitgeht. Mitgeht mit dem Gefühl eines anderen. Es ist nicht Mitleid. Wenn der andere leidet, leide ich mitfühlend nicht mit. Aber ich verstehe ihn in seinem Leid. Ich kann „nachfühlen“, verstehe ihn in seinem Fühlen, in seinem Sein. Dieses Verstehen kommt von tief drinnen, es ist eine Verbindung von mir zum anderen.

Im Buddhismus ist das Mitgefühl zentral, es ist die eigentliche Essenz des Buddhismus. Im Mitgefühl drückt sich die Verbindung der lebenden Wesen untereinander aus. Mitgefühl basiert auf Wertschätzung, auf dem Wunsch, dass alle Lebewesen frei von Leid sein mögen. Und wenn wir uns das wünschen, werden wir uns auch hüten, anderen Leid zuzufügen, im Gegenteil: Wir würden alles daran setzen, dem Leiden ein Ende zu bereiten, läge es in unserer Macht.

Umfassendes Mitgefühl wertet nicht. Es sortiert nicht aus. Jeder Mensch will glücklich sein. Jeder Mensch will frei von Leid sein. Egal, wo er geboren wurde, welche Sprache er spricht, welche Religion er zu seiner erklärt oder welche Hautfarbe er hat. Auch der unliebsame Nachbar hat tief drin die gleichen Sehnsüchte wie wir. Ebenso der grantige Chef. Keiner steht wohl am Morgen auf und denkt: „Ich will heute mal ein Ekel sein, egal, ob mich die Menschen mögen.“ Wenn wir uns dieses vor Augen halten, gelingt es vielleicht, unser Mitgefühl auch auf die auszuweiten, denen wir im ersten Moment eigentlich zürnen wollten.

Und: Das kommt nicht zuletzt auch uns selber zu Gute, denn: Mitgefühl hat heilende Wirkung und es führt zu Frieden, Glück und Zufriedenheit.

Der Wunder grösstes ist die Liebe. (August Heinrich Hoffmann von Fallersleben)

Dass etwas so schön ist, so wertvoll, so licht- und freudvoll, ist ein Wunder. Dass etwas so viel Kraft und Macht hat, dass es Berge versetzen und Menschen glücklich machen kann, ist ein Wunder. Dass etwas so grundlegend ist und doch so erhebend, ist ein Wunder.

Das Wunder leben zu dürfen, das Wunder erfahren zu dürfen, sollte drum nie gering geschätzt werden, sondern täglich mit Dankbarkeit und auch Demut erfüllen.

Im Buddhismus gibt es eine wunderbare Meditation:

Die Metta Meditation
(Metta heisst so viel wie liebende Güte, Liebe)

Zuerst wendet man sich an sich selber:

Möge ich glücklich sein.
Möge ich mich sicher und geborgen fühlen.
Möge ich gesund sein.
Möge ich unbeschwert leben.
Dann an einen lieben Menschen:

Mögest du glücklich sein.
Mögest du dich sicher und geborgen fühlen.
Mögest du gesund sein.
Mögest du unbeschwert leben.

Dann an alle lebenden Wesen:

Mögen alle Wesen glücklich sein.
Mögen sich alle Wesen sicher und geborgen fühlen.
Mögen alle Wesen gesund sein.
Mögen alle Wesen unbeschwert sein.

Anleitung zur Meditation:
Einen aufrechten Sitz einnehmen, die Augen schliessen, tief und bewusst in den Bauch atmen, zur Ruhe kommen. Dann ganz bewusst diese Worte sprechen. Es gibt auch Anleitungen im Netz, so dass man die Worte nachsprechen kann. Oder aber man nimmt sie auf und hört sie dann zur eigenen Meditation an.

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Die erste Liebe ist immer die zu sich selber. Wie soll ich andere Menschen wirklich lieben, wenn ich mich selber nicht liebe? Wie mich um andere sorgen, wenn ich es an der Sorge für mich selber mangeln lasse? Nur wenn ich mich selber liebe, zu mir stehe, kann ich als Ich authentisch nach aussen gehen und in Beziehung treten, andere Menschen als die, die sie sind, annehmen und lieben.

Liebe ist ein Geschenk, ein Wunder. Schön daran ist auch, dass sie nicht abnimmt, wenn man sie verschenkt, sondern im Gegenteil noch wächst.

Ein liebend Auge ist ein milder Richter. (Theodor Fontane)

Wenn du einen geliebten Menschen anschaust, fallen dir ganz viele liebe und schöne Dinge auf. Auch gegenüber seinen Fehlern und Schwächen, die eigentlich eher kleine Einzigartigkeiten sind als Mängel, bist du grosszügig, hast ab und an sogar ein Lächeln auf den Lippen, wenn dir wieder eine auffällt.

Wie gehst du mit dir selber um? Auch so grosszügig? Oder verurteilst du dich viel mehr für alles, was nicht perfekt ist? Würdest du mit jemand anders genauso rigoros umgehen, wie du es teilweise mit dir selber tust? Und wenn nein, wieso tust du es bei dir selber?

Liebe beginnt immer bei einem selber. Der Liebe wohnt immer auch eine Spur Grossmut mit. Sie lässt das Auge gnädiger taxieren, lässt die Urteile milder ausfallen. Liebe will Frieden schaffen und bewahren, nicht Krieg und Streit kultivieren. Liebe will verzeihen, nicht strafen oder gar Rache üben.

Liebe lässt Milde und Gnade walten, statt unbarmherzig zu verurteilen.