„Wenn wir unser Leiden erst einmal mit unseren Verhaltensmustern in Verbindung gebracht haben, werden wir künftig weiser handeln.“ (Eknath Easwaran)

Es gibt wohl kein Leben, das nicht mit Schmerzen verbunden ist. Wünsche werden nicht erfüllt, Unfälle passieren, Beziehungen zerbrechen, Menschen werden krank, sterben – die Liste schmerzhafter Erfahrungen liesse sich endlos verlängern. Allerdings sind es nicht diese Dinge, die uns mehrheitlich leiden lassen, es ist unsere Haltung zu ihnen.

Indem wir krampfhaft versuchen, das zu erreichen und zu bewahren, was wir wollen, und das zu meiden oder loszuwerden, was wir nicht wollen, messen wir den Dingen einen Wert zu, den diese nicht haben. Die Dinge sind, wie sie sind und als solche sind sie unbeständig. Nichts, was ist, währt ewig. Wenn wir uns also an etwas klammern, provozieren wir durch diese Haltung unser Leiden selber, denn es liegt in der Natur der Sache, dass es uns irgendwann genommen wird. Und ja: Der Verlust eines lieben Menschen schmerzt trotz dieses Wissens, aber das Leid verdoppelt sich nicht durch unser Zutun.

Alles, was wir können, ist, die Dinge und Menschen zu schätzen, wenn sie da sind, uns an ihnen zu erfreuen, und sie dann loszulassen, wenn die Zeit gekommen ist. Mit der Dankbarkeit im Herzen, dass sie da waren, und dem Wissen, dass etwas Neues entstehen wird.

„Glaube an deine eigenen Gedanken.“ (Ralph Waldo Emerson)

Wir suchen uns oft Autoriäten im Leben, die uns dann sagen sollen, wo es lang geht. Früher hatten Religionen diese Aufgabe, heute sind es Eltern, Lehrer, Gurus, Coaches – Menschen, die sagen, dass sie wüssten, wo es lang geht, Menschen, die dich glauben machen, dass es dir gut geht, wenn du ihnen und ihren Anleitungen nur folgst.

Wir folgen gerne, denn wieso erst einen eigenen Weg trampeln, wenn es schon einen gibt und ihn uns jemand zeigen kann? Wieso sollen wir uns erst selber Gedanken machen, die wir dann auch noch bezweifeln, wenn sich schon jemand diese Gedanken gemacht hat und nun weiss, wie es geht?

Nur: Keiner kann uns unseren Weg zeigen, den kennen nur wir. Er liegt in unserem Inneren angelegt und wir müssen ihn entdecken und ihm folgen. Menschen können uns begleiten, sie können uns beim Suchen helfen, aber herausfinden, was passt, müssen wir selber. Und gehen auch.

„Mitgefühl für mich selbst ist der mächtigste aller Heiler.“ (Theodore Isaac Rubin)

Ab und an gelingen uns Dinge nicht. Oder wir sagen etwas, von dem wir sofort merken, dass wir es besser nicht – oder nicht so – gesagt hätten. Oder wir verhalten uns auf eine Weise, wie wir es eigentlich nicht möchten. Wir reagieren unangemessen und merken es einen Moment zu spät – nämlich erst danach. In all diesen Situationen passiert oft eines: Wir schimpfen mit uns! Wir sagen uns, was wir alles falsch machen, fragen uns, wie wir so dumm sein können, schelten uns. Und ja, wir fühlen uns schlecht und unzulänglich.

Mit jemand anderem gingen wir kaum so hart ins Gericht. Je lieber uns der andere wäre, desto nachsichtiger wären wir sogar. Wieso also sind wir bei uns selber so hart? Wieso verzeihen wir anderen Fehler, sehen sogar über diese hinweg, prangern sie bei uns aber an, reiten drauf rum und halten sie uns immer wieder vor?

Mitgefühl ist ein Wort, das vielen präsent ist. Oft beziehen wir es aber nur auf andere, bei uns selber wenden wir es spärlich an. Aber: Wir sind ebenso wie die anderen ein Wesen, das Liebe und Glück sucht und Leiden nicht mag. Wir sind es ebenso wert, dass wir uns mit Mitgefühl bedenken, und zwar dann, wenn wir es am dringendsten brauchen.

Selbstmitgefühl ist mittlerweile ein gute erforschter Bereich. Man hat herausgefunden, dass ein Mangel an Selbstmitgefühl zu Ängsten, Depressionen, Suchtverhalten führen kann. Und: Indem wir mit uns selber hart ins Gericht gehen, uns kritisieren statt und in den Arm nehmen, wenn etwas nicht läuft, wie gewünscht, drehen wir uns in einer Spirale von Erwartungen, Versagen und Selbstverurteilung. Und mit all dem treten wir auch nach aussen. Wir fürchten die Kritik anderer, weil wir denken, nicht zu genügen, wenn nicht nur Lobeshymnen auf uns einströmen. Wir fürchten, etwas nicht zu können, weil wir denken, die anderen Menschen dächten dann genau das Gleiche über uns, wie wir selber in unserer beissenden Selbstkritik. Und wenigstens nach aussen wollen wir stark sein. Genug sein. Gut genug sein.

Nur: Alle Menschen haben Schwächen, kein Mensch kann alles, keiner ist perfekt. Wenn wir lernen, uns diese Schwächen, Lücken und Eigenarten zuzugestehen, wenn wir uns damit annehmen und lieben lernen, dann können wir auch gelassener mit Kritik von aussen umgehen. Dass etwas nicht gelang, heisst dann nicht, dass wir nicht gut genug sind. Wir müssen uns nicht verteidigen, müssen nicht in die Offensive gehen. Wir können die Kritik anhören, prüfen, was für uns daran stimmt, und überlegen, was wir damit machen. In Ruhe und angemessen.

Eine solche Haltung wird uns auch mutiger machen, da wir Dinge ausprobieren dürfen. Wir dürfen Risiken eingehen, weil auch etwas nicht gelingen darf, ohne dass wir gleich Versager sind. Wir erkennen, dass wir genauso wertvoll sind, ob nun etwas gelingt oder nicht.

Wenn also wieder einmal etwas nicht läuft, wie es sollte: Wieso nicht einfach mit Selbstmitgefühl statt mit verurteilender Kritik reagieren? Das heisst nicht, dass wir uns dann zurücklehnen können und nichts mehr lernen, ändern oder selber wachsen können oder sollen. Es heisst nur, dass wir gut sind, wie wir sind. Damit bereiten wir einen Boden, auf dem wir weiter gehen können. Mit Mut und Zuversicht und im Wissen, dass einer da ist, der uns in den Arm nimmt, wenn etwas nicht klappt: Wir selber.

„Es gibt keinen friedlicheren und sorgloseren Ort als deine eigene Seele, besonders da sie bei näherer Betrachtung ein Ort der inneren Ruhe ist, also nicht weniger als eine innere Ordnung.“ (Marc Aurel)

Im Leben läuft nicht alles immer wie gewünscht, Dinge gelingen nicht, Menschen verletzen uns, Krisen suchen uns heim. Das Leben ist in Unordnung geraten. Wir ertappen uns bei wirren Gedankenkonstrukten, verlieren uns in dunklen Gedanken- und Gefühlsspiralen.

Es kann helfen, zu denken, dass wir trotz alledem tief drin noch in Ordnung und heil sind. Das, was uns passiert ist, ist vergleichbar mit einem Stein, der in einen Teich fällt. Er wirbelt Schlamm und Dreck auf, das Wasser wird unruhig, trüb und dreckig. Doch dann – nach und nach – klärt sich das Wasser wieder, der Teich liegt wieder still da. Genauso ist es mit unserer Seele. Die Ruhe und Klarheit ist in ihr, immer, wir müssen nur ab und an die Dinge erst wieder setzen lassen, in Ordnung kommen lassen (oder bringen), um dann wieder Ruhe zu spüren. Von tief drin.

Wenn mich jemand fragt, wer ich bin, liegt die Antwort meist auf der Hand. Es ist nicht immer die gleiche, sie passt sich ein wenig dem Fragenden und seiner Intention an, aber doch: Ich bin…

  • Sandra
  • Philosophin
  • Malerin
  • Zeichnerin
  • Mutter
  • Frau
  • Schweizerin
  • Schreibende
  • Fotografin
  • Liebende
  • ….

und vieles mehr. Und nein, die Reihenfolge ist keine Rangliste, sie ist rein beliebig.

Doch: Stimmt das? Was ist es, was ich preisgebe, wenn ich sage, wer ich bin? Und was verdecke ich? Würde ich alles sagen oder gibt es Tabus? Ist eine Beschreibung überhaupt ausreichend oder reicht das, was ich bin, nicht über alle Worte hinaus? Und wenn nicht, hätte das Gegenüber Zeit, all die Worte, die ich zu sagen hätte, anzuhören? Interessieren sie überhaupt?

Wer bin ich? Oft hilft es einem selber, sich in Schubladen zu sehen, da diese auch gefordert sind. Wohin man auch kommt, gibt es Formulare, in denen man ausfüllen muss, wer man ist – vieles vom oben Genannten kommt da vor. Nur: Bin ich das wirklich? Nur eines? Die Kombination?

Schubladen sind hilfreich, aber sie sind auch einengend. Wenn ich mich für eine entscheide, passe ich in die anderen nicht mehr rein. Und: In einer sitzend, lässt es sich oft schlecht rausschauen, was es noch alles gäbe. Und oft versagt man sich das andere bewusst, da es in der Schublade so komfortabel ist, das Draussen Gefahren bieten könnte.

Aber: Im Wissen, dass die Frage kommt, suche ich immer wieder nach Schubladen. Und keine passt auf Dauer. Weil eine einzige schlicht zu wenig ist. Denn: ich bin nicht nur eines, ich bin ganz viel. Und all die Facetten gehören zu mir – die hellen und dunkeln, die griffigen und die schwammigen, die emotionalen und die sachlichen, die genehmen und die unangenehmen. Ich bin ich. Schlussendlich. Mit allem, was dazu gehört.

Nur schon das zu sehen, ist nicht immer einfach. Es zu leben erfordert oft auch Mut. Zu sagen: Ich bin ich und eben keine einzelne Schublade, kann auf Unverständnis treffen. Die Angst, nicht akzeptiert zu sein, wenn man nicht in der richtigen Schublade sitzt, lässt oft zurückschrecken, verdecken, verstecken. Und gerade damit wohl auch anecken – wenn ich sofort bei anderen, so doch irgendwann bei einem selber. Und dann bald auch bei anderen. Weil man selten auf Dauer Teile versteckt. Und Verstecktes oft irgendwann, ganz unvermittelt, in ungemeiner Wucht ans Licht tritt.

Ich bin ich. Und ich bin viel. Und das ist gut so.

„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ (Victor Hugo)

Musik war immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Wenn es mir nicht gut geht, hörte ich Musik und fühle mich irgendwie gehalten, oft hilft die Musik auch, dass ich mich bald wieder besser fühle. Geht es mir gut, verstärkte die Musik das Gefühl noch. Ich habe auch viele Lieder, die ich mit (immer schönen) Erinnerungen verbinde. Läuft ein solches, kommt gleich auch die Erinnerung und damit das gute Gefühl von damals hoch.

Es gibt Musik, bei der ich genau weiss, dass ich gute Laune kriege, wenn ich sie höre, Musik, die mir beim Träumen hilft, Musik, die schöne Momente noch untermalt. Nun habe ich neu begonnen, Gitarre zu spielen. Und auch wenn ich nur ein paar Akkorde kann aktuell, tut mir das Spielen gut, bringt es mich in eine andere Welt. Vor allem, wenn meine Welt mal nicht so hell erscheint, hilft die Musik, wieder ein wenig Sonne hereinzubringen.

Probiere es mal aus: Wenn du traurig oder wütend bist, schlechte Laune hast – höre ein Lied, von dem du weißt, dass es dich fröhlich macht, zu dem du am liebsten tanzen würdest. Und dann singe und tanze. Und spüre, was mit dir passiert.

Überlaß es der Zeit

Erscheint dir etwas unerhört,
Bist du tiefsten Herzens empört,
Bäume nicht auf, versuch’s nicht mit Streit,
Berühr es nicht, überlaß es der Zeit.
Am ersten Tag wirst du feige dich schelten,
Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten,
Am dritten hast du’s überwunden,
Alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

Theodor Fontane

Ab und an ist es sinnvoll, die Dinge einfach ruhen zu lassen. Wenn wir direkt reagieren, geschieht das häufig aus einem Affekt heraus, es ist unüberlegt und oft unangemessen, da nicht aufgrund der aktuellen Situation sondern aus alten Prägungen und Mustern heraus.

Innezuhalten und alles setzen zu lassen, hilft einerseits, die aktuelle Situation richtig einzuschätzen und eine mögliche Reaktion bewusst zu wählen, andererseits merken wir aus der Distanz oft, dass sich die Angelegenheit für uns erledigt hat, wir gar nichts mehr zu tun brauchen.