Vor 77 Jahren wurden die Geschwister Scholl verhaftet und hingerichtet. Die Studenten hatten zum Widerstand gegen das Nazi-Regime aufgerufen. Sie gelten bis heute als Vorbilder der Zivilcourage.*

Die Geschwister Scholl stehen bis heute für Widerstand und Zivilcourage. Sie lehnten sich gegen die Machenschaften unter Hitler auf und bezahlten ihren Einsatz schlussendlich mit ihrem Leben. Ihre Geschichte ist umso erstaunlicher, als sie zuerst mit den Nationalsozialisten sympathisierten, eine Karriere machten in dem System entgegen den Überzeugungen ihrer Eltern, welche dem System eher kritisch gegenüber standen. Die anfängliche Faszination für die Bewegung Hitlers wich nach und nach der Überzeugung, dass diese mit der eigenen Moral nicht konform ging. Doch: woher stammt diese innere Moral? Und wieso fehlte sie bei so vielen der anderen, die entweder mitmachten oder einfach schwiegen?

Glaubt man Kant, steckt die Moral in jedem drin und jeder Mensch hätte (theoretisch) die Fähigkeit, zu erkennen, was recht und was unrecht ist und auch nach danach zu handeln. Wenn dem so ist, wie kommt es dann, dass so viele Menschen sich in ein System einspannen liessen und sogar noch freudig mitmachten, das so offensichtlich nicht recht, nicht gut war? War es wirklich blosse Gedankenlosigkeit, wie Hannah Arendt sie bei Eichmann (wenn auch aufgrund falscher Voraussetzungen) feststellte oder steckt eine menschliche Boshaftigkeit dahinter, die jedem innewohnt? C.G.Jung hat darauf hingewiesen, dass jeder Mensch sowohl Licht wie auch Schatten in sich trägt. Als Schatten bezeichnete er die dunklen Seiten, die man selber verabscheut und auch unterdrückt. Und doch scheinen sie auch eine Anziehungskraft zu haben. Das Gute also blosse Unterdrückung des eigentlich reizvollen?

Der Mensch strebt nach dem Guten. Dessen waren sich die Philosophen zu allen Zeiten einig. Die Meinungen gingen aber auseinander, was dieses Gute sei. Nun lässt sich das Gute, das einer will, durch verschiedene Kriterien bestimmen. Es kann moralisch gut sein, es kann aber auch nur gut sein, weil es erstrebenswert scheint. Dazu bedarf es keiner moralischen Komponente, sondern einer individuell der aktuellen Begehrenssituation angepassten. Ob es wirklich gut und vor allem richtig sei, das zu wollen, was man in dem Moment will, ob dieses erstrebte Gut (moralisch) angebracht ist, steht auf einem anderen Blatt. Es steht einem immer frei, sich gegen das angestrebte zu entscheiden, wenn man es aufgrund der eigenen Abwägung über richtig oder falsch als falsch erkannt hätte. Dazu bedarf es aber des Insichgehens. Es bedarf der inneren Zwiesprache mit sich selber darüber, was Recht und Unrecht ist und was für ein Mensch man sein will. In vielen Fällen wird diese Entscheidung zugunsten des (moralisch) richtigen ausfallen. Der andere Fall findet aber auch statt. Und so findet sich kein Mensch, der nur gut oder nur böse ist. Es ist eine Entscheidung von Mal zu Mal. Gefährlich wird es da, wo das sich Fragen ausbleibt, man unbedacht handelt, ohne sich bewusst zu sein, was man tut und wieso – und vor allem, ob man das tun sollte, dürfte, kann.

Die Geschwister Scholl haben nachgedacht, haben nach ihrem eigenen Gewissen gehandelt und bezahlten das mit ihrem Leben. Sie liessen nicht ihr Leben für die Sache, denn sie wollten leben um für ihre Haltung gegen das Regime. Sie mussten sich aber bewusst gewesen sein, dass sie dieser Kampf eben dieses Leben kosten kann. Das Andenken an die Courage dieser jungen Menschen ist aus verschiedenen Gründen wichtig: Es ist ein Aufruf an das eigene Denken und Hinterfragen von von aussen Gegebenen. Selbst wenn man zuerst etwas gut hiess, ihm folgte, kann man seine Route jederzeit ändern, wenn man den eigenen Weg als falsch erkannt hat. Und man kann die eigene Kraft für das Gute einsetzen, statt sie dem Bösen zu widmen. Dazu bedarf es des eigenen Urteils, der eigenen Stellungnahme, denn nichts ist – wie schon Hannah Arendt sagte – gefährlicher als blinder Aktionismus:

Diese Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die grösste Gefahr dar.**

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*http://www.dw.de/vorbilder-bis-heute-sophie-und-hans-scholl/a-16601656

**Hannah Arendt: Über das Böse

Ich bin nicht sehr gross,
gefühlt sogar klein,
ich bin nicht perfekt,
ich kann es nicht sein.
Ich tu, was ich kann,
das reicht manchmal nicht,
ich täte gern mehr,
fühl mich in der Pflicht.
Ich wär gern perfekt.
und wär’s nur für dich,
ich wär gern die Welt,
die du bist für mich.
©Sandra Matteotti

Theodor Fontane (1819 – 1898)

Lass ab von diesem Zweifeln
Laß ab von diesem Zweifeln, Klauben,
Vor dem das Beste selbst zerfällt,
Und wahre dir den vollen Glauben
An diese Welt trotz dieser Welt.

Schau hin auf eines Weibes Züge,
Das lächelnd auf den Säugling blickt,
Und fühl’s: es ist nicht alles Lüge,
Was uns das Leben bringt und schickt.

Und, Herze, willst du ganz genesen,
Sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
Ist nur der eigne Wiederschein.
(1895)
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Projekt „Lyrische Helfer“  – Weil es für jede Lebenslage ein Gedicht gibt. Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man zweifelt

„Wie geht es dir?“

Wie oft werden wir das gefragt, wie oft interessiert es den anderen wirklich? Und wie oft denkt er, die Antwort zu wissen, weil er sich selber etwas zusammenreimt? Was heisst das eigentlich:

„Es geht mir gut.“

Worauf gründet es? Geht es mir gut, wenn ich Geld habe? Wenn ich gesund bin? Wenn ich eine Familie habe? Wenn ich einen Job habe, der mich ausfüllt? Wenn ich Freunde habe? Wenn ich Spass habe? Brauche ich alles davon oder reicht auch ein Teil? Und wenn ja, welcher?

  • Kann es jemandem, der reich ist, schlecht gehen? Kann man dieses „gut gehen“ kaufen?
  • Kann es jemandem schlecht gehen, der geliebt wird? Oder muss er zuerst selber lieben? Reicht eine einseitige Liebe oder muss sie gegenseitig sein?
  • Ist „gut gehen“ individuell oder universell?
  • Ist es dauerhaft oder situativ?

Wer setzt den Massstab? Reden wir überhaupt vom Gleichen, wenn wir von „gut“ reden? Oder setzen wir die jeweils eigenen Massstäbe beim anderen an und befinden dann, dass es dem durchaus gut (oder eben nicht gut) gehen müsste, weil wir denken, uns ginge es dann so, wenn wir hätten, was er hat, oder wären, wo er ist (oder eben nicht)?

Ich schreibe auf dieser Plattform seit über 10 Jahren. Der Inhalt hat sich über die Jahre ein wenig verändert. Anfänglich waren es viele Rezensionen, literarische Texte, dann kamen mehr und mehr philosophische und auch lyrische dazu. Dabei blieb es nicht aus, dass vieles auch sehr persönlich klang – teilweise auch war. Wie sagte schon Goethe:

Alles Schreiben ist autobiographisch.

Das liegt natürlich auf der Hand, da es zumindest aus mir raus kam/kommt. Und darum wohl wurden viele meiner Texte ganz autobiographisch interpretiert. Nur: Es ist nicht alles, was aus mir rauskommt, aktuelles Erleben. Vieles ist erinnert, durch mein Leben spaziert und durchdacht worden. Anderes mag aus Stimmungen heraus entstanden sein oder aber durch Gedankenspielereien. Was allem eigen ist: Es ist mir ein Anliegen, ich schriebe es sonst nicht. Nur:

Geht es mir gut, wenn ich traurige Texte schreibe? Geht es mir gut, wenn ich fröhliche Texte schreibe? Bei beidem wäre wohl die Antwort ja und nein. Wie alle Menschen habe ich (m)ein Leben. In diesem Leben habe ich zu unterschiedlichen Zeiten Dinge erlebt, die Freude machten, und solche, die Kummer bereiteten. Das ganz normale Leben eben. Und immer hatte ich in gewissen Teilen etwas, das andere nicht hatten, gerne gehabt hätten, anderes wiederum nicht, das andere hatten, ich aber nicht. Indem wir uns nun gegenseitig vergleichen und schauen, wer was hat und wer nicht, wenn wir uns bewerten nach Haben und Nichthaben, ohne das aktuell empfundene Sein dahinter zu kennen, begeben wir uns einerseits in einen Wettbewerb, liefern uns andererseits dem (eigenen und dem des Anderen) Leiden aus.

Im Buddhismus heisst es, dass Leben Leiden heisst. Und ja, wir alle leiden dann und wann. Es heisst im Buddhismus weiter, dass alle Menschen glücklich sein wollen. Darin sind wir uns gleich. Ebenso im Leiden. Nun gibt es im Buddhismus auch die vier edlen Wahrheiten, die das Leid erläutern und den Weg daraus beschreiben. So weit möchte ich hier heute nicht gehen, das Thema habe ich mehrfach behandelt. Nur so viel:

Leiden ist oft hausgemacht. Durch die Bewertung unserer Umstände empfinden wir uns als Leidende oder als Glückliche. Und so kann es durchaus sein, dass jemand, der nach aussen alles hat, selber grad unglücklich ist, ein anderer, der von aussen gesehen wenig hat, glücklich ist. Morgen ist es vielleicht andersrum. Aber in dem Moment ist es so. Und ja, vielleicht könnte er dies mit buddhistischer Weisheit, stoischem Gedankentum oder etwas mehr Demut in jedem Augenblick wenden, wenn er grad im Dunkeln sitzt, statt das Licht zu geniessen.

Ich denke oft, dass jeder ein Recht auf seine dunklen Stunden hat. Ich habe Rilke kürzlich schon zitiert, ich tue es gerne nochmals, zumal er einer meiner Lieblingsdichter ist:

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden.

Ich stimme ihm insofern nicht zu, als ich in den dunklen Stunden, die ich durchaus habe (ich denke, die hat jeder, aber dies nur eine Hypothese, ich habe noch nicht jeden danach befragt), leide und nichts lieber hätte als mehr Licht. Aber: Es entstand in der Vergangenheit auch immer ganz viel Gutes und Wichtiges aus solchen Stunden. Wäre es sonst auch entstanden? Ich weiss es nicht. Ich hoffe mal, dass es auch ohne entsteht, denn ich möchte ab heute keine dunkle Stunde mehr haben. Da ich dies aber als Utopie erachte, belasse ich es dabei, den Sinn dieser Stunden darin zu sehen, dass sie mich weiter bringen. Ganz in Nietzsches Sinn:

Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie.

Viktor Frankl hat darauf eine ganze Psychologie aufgebaut. Welchen Sinn geben wir unserem Leben? Da gibt es keine Vergleiche, da gibt es kein gut oder schlecht. Sinn kann schon gar nicht von aussen aufgeladen und bewertet werden, er entsteht im Inneren.

Geht es mir gut? Oft ja, ab und an nicht. Das ganz pralle Leben halt. Es hat wenig mit äusseren Umständen zu tun, diese sind aber oft Auslöser. Es sind die eigenen Befindlichkeiten im Moment. Ich finde, sie dürfen sein (für den Moment – wenn sie andauern, würde ich doch noch genauer hinschauen). Und keiner hat sie zu bewerten. Schön ist, wenn die dunklen Seiten von lichtvollen Wesen mitgetragen, und nicht die lichtvollen Seiten von dunklen Gedanken verurteilt werden. Darauf haben wir aber wenig Einfluss. Wir können nur eines: Unser Leben leben und nach unseren Fähigkeiten dafür sorgen, dass es ein für uns gutes ist. Egal, was die anderen sagen.

„Alles, was uns an anderen missfällt, kann uns zu besserer Selbsterkenntnis führen.“ (C.G.Jung)

Als ich jünger war – auch heute noch – gibt es Züge bei meiner Mutter, bei denen ich hoffte, nie so zu werden. In Beziehungen zu anderen Menschen kam es vor, dass mich Dinge aufregten, Verhaltensmuster förmlich auf die Palme brachten. Im Miteinander mit verschiedenen Menschen kam es bei mir zu Reaktionen, bei denen ich dachte: „Bin ich das wirklich? So will ich doch nicht sein?“ – Irgendwas hatte mich dazu verleitet, auf eine Weise zu reagieren, die ich an mir nicht kannte oder aber nicht haben wollte.

Nun wäre es ein Leichtes, hinzugehen und zu sagen: Nur weil die anderen sind, wie sie sind, werde ich wütend, bin ich verletzt, reagiere ich auf eine Weise, die ich selber nicht will. Ich könnte damit die Verantwortung für mein Tun und Fühlen abschieben. Nur: Es wäre zu kurz gegriffen und es würde mir nichts bringen. Ich würde mich weiter ärgern – wenn nicht über die Menschen, dann über andere – ich würde mich weiter gleich verhalten – wenn nicht in den Beziehungen, dann in neuen.

Alles, was ich im Aussen sehe und worauf ich reagiere, hat etwas mit mir zu tun. Es sind nicht die anderen Menschen oder Erlebnisse, die mir Probleme bereiten, es ist meine Reaktion darauf. Und: Diese Reaktion hat viel mit mir selber zu tun – sie zeigt sich nur in Beziehungen.

Alfred Adler sagte, dass all unsere Probleme eigentlich Beziehungsprobleme seien. Nur weil wir mit anderen Menschen interagieren, offenbaren sich Probleme – sie entstehen auch nur darum. Wir wollen anerkannt werden, haben Erwartungen, Ängste und Hoffnungen. Aufgrund derer agieren wir im Miteinander. Und nicht selten manövrieren wir uns dadurch in ein ausgewachsenes Problem hinein.

Nun können wir uns nicht einfach aus Beziehungen herausnehmen und alles ist gut. Wir leben als soziale Wesen in einem Miteinander. Nur oft sehen wir es nicht als Miteinander, sondern erleben ein Gegeneinander, in dem wir tunlichst die Oberhand haben oder zumindest nicht abgelehnt werden wollen. Dafür verbiegen wir uns, dafür versuchen wir, alles nur mögliche zu tun – oder aber wir verweigern uns, da wir denken, sowieso nicht zu erreichen, was wir uns erhoffen – von uns und von anderen.

Wenn wir also wieder einmal Ärger, Wut, Angst verspüren durch das Verhalten eines anderen, oder wenn wir uns auf eine Weise verhalten, die für uns so gar nicht zu uns passt, sondern nur durch den anderen ausgelöst scheint:

Das ist der Zeitpunkt in mich zu gehen und hinzusehen. Was will mir dieses Gefühl sagen? Was bezwecke ich mit dem Verhalten? Was in mir trägt zu meinen Emotionen bei?

Ich kann die anderen nicht ändern. Ich kann auch das Leben nicht ändern. Was ich ändern kann, ist meine Haltung dazu. Ich habe es grundsätzlich jeden Moment in der Hand, für mich und mein Verhalten die Verantwortung zu übernehmen, indem ich mich so verhalte, wie ich es mir für mein Leben wünsche. Es werden mich dann vielleicht nicht alle mögen, aber: Ich lebe dann mein Leben und bin nicht fremdgesteuert durch zu impulsive Reaktionen auf das Verhalten anderer.

„Selbsterforschung führt zum inneren Licht.“ (Patanjalis Yoga Sutras, 2.44)

Wie gehe ich mit Stress um? Wie reagiere ich auf unangenehme Situationen? Wie benehme ich mich bei Auseinandersetzungen?

Oft gehen wir durchs Leben und reagieren spontan auf dieses und auf die Menschen. Alles läuft nach einem Automatismus ab, wir brauchen nicht nachzudenken. Das mag in gewissen Situationen hilfreich sein, da es einerseits Zeit spart, andererseits das Leben leichter macht. Es kann aber auch zu einer Belastung werden, nämlich dann, wenn wir uns immer wieder in ähnlich unliebsamen Situationen wiederfinden durch unsere Reaktionen und nicht wissen, wie das passieren konnte.

Es gibt nur einen Weg, das zu ändern: Wir müssen ergründen, was genau passiert, dass wir immer wieder in gleiche Verhaltensfallen tappen. Wir müssen dazu quasi Licht ins Dunkel unserer Muster und Prägungen bringen. Tun wir das nicht, bleiben wir Sklaven unserer Gewohnheiten, wir sind ihnen hilflos ausgeliefert. Erst wenn wir herausfinden, was uns in gewissen Situationen auf eine nicht sinnvolle Weise reagieren lässt, können wir daran arbeiten.

Es wird nicht ausbleiben, dass auch wenig angenehme Wahrheiten über uns ans Tageslicht kommen, weswegen der Blick ins eigene Innere auch Mut kostet. Aber: Er lohnt sich. So tief die eigenen Abgründe auch sein mögen, erst wenn wir sie erkennen, können wir daran arbeiten, sie zu überwinden. Dann kann es uns gelingen, vormals blindes Tun in bewusstes Verhalten zu verändern und damit aus der Spirale der ewig gleichen Abläufe auszubrechen.

Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht jeden mögen.

Vor langer Zeit stellte ich diesen Satz als eigenes Mantra bei Twitter rein. Ich war überzeugt, dass es genau so ist. Und ich konnte es nicht leben. Wie oft suchte ich die Anerkennung. Wie oft fürchtete ich, man könnte mich nicht mögen. Wie oft versuchte ich, alles „recht“ zu machen, um ja nicht abgelehnt zu werden. Wie unfrei war ich. Gefangen in Versuchen, die Erwartungen anderer zu erfüllen – teils wirklich ihre, teils die, welche ich ihnen zuschrieb.

Alfred Adler sagte sinngemäss, dass wir nicht auf der Welt sind, damit wir die Erwartungen anderer erfüllen. Wie oft aber versuchen wir es? Und scheitern? An uns, an ihnen, am Leben? Wie oft denken wir, dass das Leben so kompliziert ist, Beziehungen schwierig sind und wir nicht genügen?

Was macht den Wert eines Menschen aus? Was er hat? Was er kann? Was er verdient? Oder vielleicht doch nur, dass er da ist? Kein Mensch ist eine Insel, kein Mensch lebt für sich allein. Um als menschliche Individuen zu leben, brauchen wir andere Menschen, wir brauchen eine Gemeinschaft. Und zu dieser wollen wir gehören, in ihr wollen wir einen Wert haben.

Heutzutage wird dieser Wert oft in Geld gemessen. Sag mir, was du hast/verdienst, ich sage dir, was du (mir/der Gesellschaft) wert bist. Wenn das Leben aber zum Tauschhandel wird, haben wir alle verloren, denn: Jeder rennt nur dem Status nach, der ihm von aussen zugeschrieben wird. Was von innen zum Leben drängt, wird oftmals ignoriert – und dies mitunter mit schwerwiegenden Folgen wie psychischen Problemen, Alkoholmissbrauch, Süchten, Drogen oder anderen Überkompensationen. Allem zugrunde liegt das menschliche Unglück. Dieses war statistisch kaum so sehr verbreitet wie heutzutage.

Es ist DEIN Leben. Nur du kannst es leben.

Alfred Adler hat eine wohltuend klingende, kaum glaubhafte und schwer umzusetzende Aussage:

Du kannst dich ändern. In jedem Moment hast du es in der Hand, ob du glücklich sein willst.

Was es dazu braucht? Das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Was wir heute unser Leben nennen, haben wir heute in der Hand. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, wir können die Zukunft kaum planen – nur hoffen – und wir können nur eines: Hier und jetzt leben. Es sind nicht die wirklichen Erfahrungen der Vergangenheit, die uns prägen, es ist die Bedeutung, die wir diesen zuschreiben. Es sind nicht die Erwartungen der anderen, die uns lenken, es ist der Wert, den wir diesen geben. Es sind nicht die Ziele, die uns leben lassen, es ist das, was wir heute tun. Und wenn es das ist, was wir gerne tun, weil es uns entspricht, dann zieht auch das Glück ins Leben ein.

Das soll kein Plädoyer dafür sein, plan- und ziellos durchs Leben zu gehen, alle vor den Kopf zu stossen und zu denken „nach mir die Sintflut“. Es ist Gedankenanstoss (immer auch an mich selber), hinzuschauen:

Lebe ich wirklich, was ich leben will, oder versuche ich nur, es allen recht zu machen?

Wer singt nicht, wenn keiner zuhört, tanzt nicht, wenn es keiner sieht? Wieso nur dann? Wieso haben wir so oft Angst, ausgelacht, nicht gemocht zu werden? Wieso machen wir uns so oft zum Sklaven fremder Erwartungen, zum Diener erhoffter Anerkennung? Keiner muss mich mögen. Aber ja, es ist schön, wenn es passiert. Aber nur dann, wenn ich so gemocht bin, wie ich bin. Als ich.