Lasst euch den Tag wie eine Blüte schenken.

Sandra Matteotti

Hibiskus

Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

(Rainer Maria Rilke)

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In letzter Zeit habe ich einige Male gelesen, dass alles Jammern und Klagen und aufmerksam Machen auf eine Klimakatastrophe Unsinn wäre. Klimaerwärmung sei Humbug, denn wir hätten schon 1540 mal eine Hitze- und Dürrekatastrophe erlebt. Dazu fällt mir einiges ein:

  1. ICH habe das nicht erlebt.
  2. Dass das Klima Schwankungen unterliegt, ist nicht neu, es gab auch Eiszeiten, nur:
  3. weil es etwas schon mal gab, heisst das nicht automatisch, dass es toll ist.
  4. Es war auch damals eine Katastrophe
  5. Wir kennen die Gründe für damals nicht – oh, und wenn doch, bitte melden und anführen, ich lerne gerne dazu und bin zu faul zum googeln, da es mir um das Heute geht. Was 1540 war, können wir nicht mehr ändern oder irgendwie beeinflussen, das heute vielleicht schon.
  6. Es gibt Menschen, die tagein und tagaus wenig anderes tun, als zu forschen. Auf unterschiedlichen Gebieten. Ich tat es im Bereich der Philosophie. Andere tun es im Bereich Klima, Umwelt, Lebenswelten. Ich berufe mich dann darauf, wenn ich normativ argumentiere, wie man leben sollte. Und ich vertrau drauf, dass sie ihre Aufgabe wahrgenommen haben. Wenn aber irgendwer da draussen findet, er hätte bessere Argumente, bin ich interessiert, sie zu hören.

Betrachtet man den landläufigen Lebensstandard, ist augenfällig, dass wir mehr Ressourcen nutzen, als wir haben, dass wir mehr Abfall produzieren, als die Welt schlucken kann. Der ökologische Fussabtritt eines jeden in der sogenannt zivilisierten Welt ist bedenklich.

Systeme passen sich an. Wir passen uns der Umwelt an, diese sich uns. Unsere „Fortschritte“ gingen wohl zu schnell. Systeme sind träge. Nur werden wir ohne System nicht überleben können. Entweder wir bremsen und besinnen uns, oder wir gehen Hand in Hand unter.

Mir könnte das egal sein, ich werde den Untergang wohl nicht mehr erleben, ich bin alt genug. Ich denke aber, dass wir eine Verantwortung der nachkommenden Generation gegenüber haben. Es wäre nur gerecht, eine Welt zu übergeben, die trägt, so wie wir sie von unseren Vorfahren übernommen haben. Immer mit Problemen, aber doch tragend.

Heute las ich auf Facebook einen Artikel, der im Tagesanzeiger erschienen ist. Der Autor Maurus Federspiel (wer auch immer das ist, ich kenne ihn nicht) hat geschrieben. Viel geschrieben. Über „sein“ Quartier in Zürich. Seins ist es, da er da aufwuchs. Nun erkennt er es nicht wieder, nein, schlimmer, er fühlt sich fremd. Weil so viele Fremde da seien. Er hört Sprachen, die er nicht versteht. Und fühlt sich fremd. Schliesslich ist man in der Sprache zu hause. Gerade als Autor. Was auch immer er geschrieben haben mag. Es wäre auch irrelevant, würde nicht da stehen, er sei Autor. Aber darum geht es nicht.

Da haben wir also diesen armen Mann, der mal ein Zuhause hatte, das ihm nun genommen wurde. Durch Einwanderer und fremde Sprachen. Er ist also quasi ein Heimatloser. Und wäre es nicht so furchtbar traurig, wäre es schon fast witzig, da er es ist, weil andere ihre Heimat verlassen mussten und nun in seiner sitzen. Das Leid der Anderen sieht er dabei nicht so wirklich, nur so seines durch ihr Dasein.

Wir haben also einen völlig empathiefreien Jammerautoren, der von einer Zeitung eine Plattform kriegte, über das grosse Leid in Zürich zu schreiben. Es geht uns so unendlich schlecht hier, weil Menschen anderer Herkunft unsere Quartiere besiedeln. Das war früher besser. Ganz sicher. Ok, wenigstens waren es damals Italiener, die mochte man damals auch nicht und beschimpfte sie als Tschingge, aber so im Rückblick waren die quasi welche von uns. Und überhaupt, damals fühlten wir uns noch zu Hause, wir haben mit Giovanni im Sandkasten gespielt. Über die Tschinggen schimpften nur die Eltern – auch nicht alle, die von Maurus vielleicht schon – wir wissen es nicht.

So oder so: Ganz vieles, das auf ganz viel Platz so steht im Artikel, entbehrt jeglicher Wahrheit. Es ist rein emotionales Geschreibe. Emotionen finde ich toll, aber nie da, wo es um Fragen der Ethik geht. Dass eine Zeitung einem so unfundierten, hochemotionalen, durch die Emotionen unprofessionellen Schreiber eine Plattform gibt, finde ich höchst bedenklich. Das hier ist Meinungsmache in Reinkultur.

Nun kann man sagen: Meinungsäusserungsfreiheit. Das ist so. Ich achte die hoch. Medien haben aber den Auftrag, sachlich und informativ zu berichten, damit sich die Leser Meinungen bilden können. Das ist Stimmungsmache. Ich erwarte einen ebenso gelagerten Artikel aus der gegensätzlichen Sicht. Bitte. Sofort. Und dann bitte eine sachliche Analyse. Damit hätte dann der Leser der Zeitung die Chance, emotionale Argumente abzuwägen, und wenn möglich noch die Sachlichkeit dazu zu kriegen. Und vielleicht könnte er sich dann eine Meinung bilden. Und das wäre so wichtig in einer Demokratie.

Nur: Das Können muss erst ausgebildet sein… und daran krankt aktuell die Welt. Schulen sind wie Mastfarmen für Mastgänse, sie füllen die Schüler mit Wissen auf, das diese nie mehr brauchen können. Wer sich das Wissen nicht merkt, fällt heute schon durch die Maschen, wer es sich merkt, konkurriert fortan mit Wikipedia. Die Fähigkeit, selber zu denken, selber Argumente zu kreieren, richtig von falsch zu unterscheiden, das wird aktuell nicht gelehrt. Und das wäre die einzige Möglichkeit des Menschen, gegen Maschinen bestehen zu können. Ansonsten bilden wir viele weitere Maurüsschen aus. Die sind dann Autoren und schreiben Müll. Und Zeitungen drucken sie, Leser lesen sie und nicken. Und im Meer ertrinken jeden Tag still und stumm ein paar Flüchtlinge, die es zum Glück nicht geschafft haben, das Leben von Maurus in seinem Kreis zu beeinträchtigen….

Hier noch der Link zum Artikel: HIER

Und ja, ich war böse. Ich kenne Maurus nicht. Ich würde das aber mit ihm am Tisch ausdiskutieren, wenn er sich meldet.

Einst kam vom Hof die Steiner Liesel
daher ganz flott und so pompös,
sie wollt fürs Auto Biodiesel,
weil Umweltschutz sei gar famös.

Der Garagist, der schaute gross
und meinte knochentrocken:
„Von Diesel lass die Hände bloss,
sonst wird dein Wagen bocken.“

„Dann lauf ich halt anstatt zu fahren,
das gäbe erstens stramme Waden,
und da sie viel zu bleich auch waren,
könnten’s dann gleich sonnenbaden.

Zudem ist das Laufen gar
noch schonender als Diesel,
und eines ist ja eh mal klar:
Ich bin flink ganz wie ein Wiesel.“

Der Mann schaute noch grösser nun,
verstand die Welt gar nimmer,
das war ja ein verrücktes Huhn,
nein: Die war noch schlimmer.

__________

Für die abc.etüden, Woche 30.18: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für die Textwoche 30.18 kommt von Yvonne von umgeBUCHt

Sie lautet: Biodiesel, pompös, sonnenbaden

Der Ursprungspost:HIER

Theodor Storm (1817 – 1888)

Im Volkston

1
Als ich dich kaum gesehn,
Musst es mein Herz gestehn,
Ich könnt’ dir nimmermehr
Vorübergehn.

Fällt nun der Sternenschein
Nachts in mein Kämmerlein,
Lieg’ ich und schlafe nicht
Und denke dein.

Ist doch die Seele mein
So ganz geworden dein,
Zittert in deiner Hand,
Tu’ ihr kein Leid!

2
Einen Brief soll ich schreiben
Meinem Schatz in der Fern’;
Sie hat mich gebeten,
Sie hätt’s gar zu gern.

Da lauf’ ich zum Krämer,
Kauf Tint’ und Papier
Und schneid’ mir ein’ Feder,
Und sitz’ nun dahier.

Als wir noch mitsammen
Uns lustig gemacht,
Da haben wir nimmer
An’s Schreiben gedacht.

Was hilft mir nun Feder
Und Tint’ und Papier!
Und weißt, die Gedanken
Sind allzeit bei dir.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt oder sich sehnt

Heute habe ich diskutiert. Sachlich, fachlich, argumentativ. Mit einem Mann. Wer nun denkt, dass dies ja ganz normal sei, dem sei gesagt, dass dem nicht so ist. Ich bedanke mich. Es hat meinen Tag gerettet. Er hat es getan.

Ich bin relativ aktiv in den sozialen Medien, schon seit einigen Jahren. Ich habe mich immer bemüht, Inhalte reinzustellen, aber ich tat es als Mensch, nie als Unternehmen. Hinter allem stand immer ich. Authentisch. Das war mir wichtig.

Was mir auch wichtig war: Es ging immer nur um mich, nie um mir nahe Menschen. So wusste eigentlich nie jemand, wie ich privat lebe, ob ich Kinder habe, was ich tue… es waren nur ich und meine Themen… man ging von den eigenen Vorstellungen aus, die ich nie befeuert habe. Ich habe nichts verschwiegen, aber es wurde kaum je gefragt…

Kontaktaufnahmen passierten meist aufgrund eines Beitrags, den jemand toll fand – wie er vorgab. Und dann lobte er meinen Intellekt. Um sehr schnell zu Erotik überzugehen. War ich im ersten Anschreiben noch kritisch denkend und thematisch spannend, war im zweiten mein Körper sexy und ich hübsch. Ab und an folgte gleich ein Liebesgeständnis, manchmal sogar eine erotische Phantasie. Die Mehrheit der Herren war übrigens verheiratet. Das ist natürlich ein rein gesellschaftlicher und moralisierender Hinweis, wie sie finden, aber in meinen Augen zeugt dieses Verhalten nur von Feigheit – zumal die Frauen zu Hause nichts von den Avancen ihrer Männer wussten. Ich habe nachgefragt.

Muss ich mich geschmeichelt fühlen, weil jemand mich aufgrund eigener Phantasien in seine Projektionen einbezieht? Ist ein „du bist so sexy und erotisch“ ohne mich zu kennen wirklich ein Lob? Ich finde nicht. Es ist degradierend und entwürdigend. Es ist sicher kein Kompliment.

Ich kenne die Argumente noch von früher: „Sei mal locker, ist doch nichts dabei; einfach ein wenig Spass haben.“ Ich pflegte damals zu sagen, dass ich Sex an jeder Strassenecke kriege, einen denkenden Geist leider kaum. Ich suche lieber den. Das Argument, dass man den Verstand nie über das Herz stellen könne, weise ich gerne zurück. Das Herz spricht, wo es angesprochen wird. Meines reagiert nicht auf plumpe und spätpubertäre Männerphantasien.

Wenn aber ein Mann mit Geist und Esprit kommt und mich herausfordert, dann… freue ich mich. Über das Gespräch, den Kontakt auf Augenhöhe. Und alles, was kommen könnte, kommt oder nicht. Ich bin Mensch und als solcher fähig, mich meiner Vernunft zu bedienen. Dafür bin ich dankbar und darauf bin ich stolz. Ich würde nie ein Tier deswegen herabsetzen, das dies nicht kann… tut es aber ein Mann nicht, war das seine Wahl. Im besten Falle….wenn er nicht anders kann, weil er ja Mann ist (das habe ich gehört, ich würde das nie sagen), wäre er auf einer Stufe mit meinem Hund. Den finde ich auch nicht erotisch. Aber natürlich süss. Er kriegt abends einen Knochen – aber auch nur, weil er schauen kann, wie er es tut… da wäre meist Übungsbedarf bei den werten Herren….

Jeder hat die Wahl. Hund oder Mensch. Der eine kriegt einen Knochen, der andere gute Gespräche. Das Herz spricht eine dritte Sprache – aber sicher keine anzügliche. Drum: Wer mir nichts zu sagen hat, der soll bitte schweigen. Ich bin weder sexy noch sonst irgendwie Objekt. Ich bin ein fühlender und denkender Mensch und möchte gerne in dieser Gesamtheit wahrgenommen werden.