Lebenskunst: Mich im anderen finden

«Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiss ich, womit du dich beschäftigst, so weiss ich, was aus dir werden kann.»

Goethe greift hier in seinem Wilhelm Meister eine tiefe Wahrheit über unser Sein auf: Wir sind geprägt durch unsere Umwelt – und dies mehr, als uns wohl oft bewusst ist. Menschen brauchen andere Menschen, um eine Identität auszubilden. Erst im Umgang mit anderen erfahren wir, wer wir sind, weil wir anhand ihrer Reaktionen auf unser Verhalten merken, wie sie uns sehen. Das alles fängt gleich nach der Geburt an und hört das ganze Leben nicht mehr auf.

Schon Babys reagieren auf das Verhalten ihrer Umgebung. Wenn jemand lächelt, lächeln sie zurück. Wenn sie etwas tun und eine entsprechende Reaktion erhalten, verinnerlichen sie diese und lernen, wie sie sich künftig zu verhalten haben. Das Verinnerlichen von Verhaltensmustern, von Wertmassstäben, die Reaktionen aus dem Umfeld zugrunde liegen, bilden ein inneres Diagnoseprogramm aus. Die Gesellschaft mitsamt ihren Erwartungen und Werten tritt quasi in mich ein und wirkt nun von innen heraus, indem ich selbst mein eigenes Verhalten bewerten kann anhand der erlernten Massstäbe. Indem ich einerseits handle als Ich, andererseits dieses Handeln selbst beurteilen kann, bildet sich ein Selbst-Bewusstsein, und damit meine Identität.

George H. Mead hat sich intensiv mit dem Thema Identität und Gesellschaft befasst. Er kam zum Schluss, dass sich Identität nur dann ausbildet, wenn wir uns in andere hineinfühlen können, wenn wir in der Lage sind, fremde Perspektiven einzunehmen. Mead spricht damit an, was im Buddhismus als Mitgefühl bekannt ist: Mit-Fühlen, was der andere fühlt.

«Wir müssen an der Fähigkeit arbeiten, uns einzufühlen, uns berühren zu lassen und uns unseren eigenen Schmerzen und Schwierigkeiten oder denen anderer Menschen empathisch zuzuwenden.»[1]

In Verbindung treten durch mein empfundenes Verständnis für sein Sein und Fühlen. Damit ist Mitgefühl eine wichtige Eigenschaft im Umgang mit anderen, und es ist auch für unsere eigene Selbsterkenntnis fundamental. Nur wenn ich mich dem anderen öffne, ihn wahrnehme, mich in ihn hineinfühle, kann ich zu einem Verständnis meiner selbst kommen. Und so kommen wir uns alle etwas näher, gegenseitig und für uns selbst. 

Wer bin ich also? Ich bin die Summe meiner Erfahrungen und der daraus verinnerlichten sozialen Erwartungshaltungen, die sich in meinem Verhalten ausdrücken. Ich werde zu dem, der ich bin, durch das, was ich im Aussen erfahre und verinnerliche. Im Wissen darum ist es umso wichtiger, denke ich, das für einen passende, einem entsprechende Umfeld zu finden, denn nur damit wird es gelingen, zu dem Ich zu werden, das man sein will.   


[1] Gilbert & Choden: Achtsames Mitgefühl. Ein kraftvoller Weg, das Leben zu verwandeln

Lebenskunst: Stark werden

«Kein Baum wird kräftig und entwickelt tiefe Wurzeln, wenn er nicht häufig von starken Winden geschüttelt wird.» Seneca

Kürzlich sass ich mit einer Freundin zusammen und wir redeten über unsere jeweilige Vergangenheit. Es gab viel Schönes zu erzählen, wir lachten viel, doch auch die schwierigen Zeiten kamen zur Sprache. Wir kamen zum Schluss, dass vieles damals schwer zu tragen gewesen ist, dass es auch schmerzhaft war, wir es uns sicher anders gewünscht hätten. Aber wir würden wohl nicht heute als die hier sein, die wir sind, hätten wir all das nicht erlebt.

Die Stoiker gehen soweit zu sagen, dass der unglücklich sei, der nie eine schwierige Zeit erlebt habe, denn es sei einfach, grosse ethische Theorien zu verkünden, wenn man nie auf dem Prüfstand ist, sie auch im Leben zu praktizieren. Von dem, der nie durch Schweres gehen musste, wisse man nie, ob er wirklich ein vortrefflicher Mensch sei. Nietzsche interessierte ein anderer Punkt am Leiden:

«Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.»

Wenn ich zurückblicke, steckt da viel Wahres drin. Ich bin wohl sicher in den schwierigen Zeiten gefühlt über mich hinausgewachsen. Stand ich vor Bergen, die nicht zu bezwingen schienen, kam ich doch jedes Mal an den Punkt, ihn überwunden zu haben. Nicht dass ich auf dem Weg dahin nicht auch gehadert, geklagt hätte, nicht dass ich auch fast verzweifelt wäre – teilweise ganz. Aber ich habe es geschafft. Und das Wissen darum, wozu ich fähig bin, das Wissen darum, dass es immer weiter geht, ist eine Lebensschulung, es ist eine Stärkung des eigenen Selbst-Vertrauens.

Im Buddhismus entwickelt sich aus dem eigenen Leid das Mitgefühl mit anderen. Das eigene Erleben öffnet das Herz, indem man aus diesem heraus spürt, wie es dem anderen gehen muss, wenn er leidet. Indem wir leiden und unser Leiden nicht nur ertragen, sogar daran wachsen, lernen wir also nicht nur für uns, sondern es ist auch eine Basis für ein Miteinander. Zu wissen, dass wir alle gleich fühlen, dass wir als Menschen trotz aller Verschiedenheit auch gleich sind.

So oder so bleibt Leid schlussendlich leidvoll, nur werden wir es im Leben nie vermeiden können. Vielleicht hilft es, dann und wann hinzusehen und zu denken: Wer weiss, wozu es gut sein wird – irgendwann. Sicher hilft es, zu wissen, dass man schon oft gelitten hat im Leben, und man es tragen konnte. Und irgendwann – ging es vorbei. So wird es auch dieses Mal sein. Dann sitzen wir lachend unter Freunden als die, die wir geworden sind.

Lebenskunst: Eigene Grenzen erkennen

«So ist das Wichtigste im Leben, die Dinge zu unterscheiden und sich klarzumachen: Äussere Ereignisse habe ich nicht in der Hand, aber meine Entscheidungen zu den Ereignissen habe ich sehr wohl in der Hand.» Epiktet

Wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir das gerne hätten, neigen wir dazu, uns zu ärgern, mit dem Schicksal zu hadern, uns aufzuregen. Dies passiert auf allen Ebenen: Wir haben ein Grillfest geplant und das Wetter schlägt um, der Autofahrer vor uns findet den zweiten Gang nicht, auf alle Fälle lässt sein Fahrstil darauf schliessen, ein Bekannter hat uns beleidigt –  und vieles mehr. Nur: Wir haben das Wetter nicht in der Hand, der Fahrer vor uns hört unser Fluchen und Toben nicht und den Bekannten können wir nicht erziehen. Ein Sprichwort lautet:

„Was kümmert es den Mond, wenn ihn ein Hund anbellt“

 Die Antwort ist offensichtlich. Und: Wir sollten sein, wie der Mond: Was uns von aussen zufällt, sind bellende Hunde. Sie sind da, sie werden immer da sein, wir können das nicht beeinflussen. Wir können uns aufregen oder im Bewusstsein, dass all das nicht in unserer Macht liegt, versuchen, es anzunehmen und das Beste aus der Situation zu machen. Das liegt in unserer Hand: unsere Reaktion auf diese Hunde.

Wenn das von aussen Kommende von Menschen stammt, kann es auch helfen, wenn wir uns vor Augen führen, dass wir nicht wissen, wieso diese Menschen so sind und handeln, wie sie es tun. Wir alle sind Menschen mit Eigenheiten und Eigenarten, mit guten und schlechten Tagen, mit Stärken und Schwächen. Andere zu verurteilen, zeugt von Überheblichkeit. Wir spielen uns zum Richter auf, vergessen dabei unsere eigene unvollkommene Menschennatur. Mit mehr Mitmenschlichkeit und Verständnis fiele es leichter, die ungewünschten Verhaltensweisen anzunehmen. Und dann könnte all das auch nicht zum eigenen Leid werden. 

Das alles hat nichts mit Gleichgültigkeit oder gar Gefühlskälte zu tun, im Gegenteil: Es ist ein Akt der Selbstsorge, denn das Leid, das wir uns durch affektive Reaktionen zufügen, schadet nur einem: Uns selbst.  

Lebenskunst: Gewohnheiten

«Gross ist die Macht der Gewohnheit.» Cicero

Ich habe einen Apfelschäler, der gleichzeitig den Apfel in Spiralen schneidet. Man steckt den Apfel auf eine Art Gabel, kurbelt ihn nach vorne, das Kerngehäuse geht durch einen Ring und wird so entfernt, der Rest des Apfels landet in einer langen Spirale auf dem Teller. Nun spannte ich den Apfel immer ein, zitterte dann, dass der Stiel auch durch das Loch geht, dass das Kerngehäuse sauber rausgeschnitten wird, da es ansonsten statt einer Spirale ein Stückwerk von Apfel gibt. Jedes Mal schimpfte ich innerlich über die Konstruktion, verurteilte sie als mangelhaft. Bis mir kürzlich der Gedanke kam: Ich könnte den Apfel andersrum in das Gerät spannen, dann könnte das Messer nicht mehr durch den Stil abgelenkt werden. Und siehe da: Es funktionierte. Natürlich rollte ich innerlich die Augen über mich, dass ich so lange brauchte, auf diese Idee zu kommen. 

Dann kam mir der Gedanke, dass das oft im Leben so ist: Wir laufen in immer wieder ähnliche Verhaltensfallen, kämpfen mit sich gleichenden Problemen und beklagen das Schicksal, andere Menschen, Umstände, statt hinzuschauen, was eigentlich dahintersteckt. So lange wir die Ursache für ein Problem oder Verhalten nicht ergründen, und unser Verhalten nicht entsprechend ändern, werden wir immer wieder mit den gleichen Folgen zu kämpfen haben. Leider sind (schlechte) Gewohnheiten – und darum handelt es sich meist – schwer zu ändern, da sie oftmals gar nicht bewusst sein, aber: Es ist nicht unmöglich. Epikur riet dazu:

„Schlechte Gewohnheiten wollen wir wie böse Menschen, die uns lange Zeit geschadet haben, gründlich vertreiben.“

Dabei helfen vier Schritte:

  1. Das Leiden erkennen
  2. Die Ursache erkennen
  3. Erkennen, was helfen würde, die Ursache zu beseitigen
  4. Den Weg gehen

Wenn wir immer wieder ähnliche Probleme haben, können wir uns fragen: Was führt jeweils zu dem Problem? Womit rufe ich es hervor? Was sind meine Gründe dafür? Was könnte ich verändern, damit das nicht mehr passiert? Wie setze ich das konkret um?

Das wird vielleicht nicht sofort und für immer funktionieren, es ist ein Weg, teilweise ein anstrengender. Es gilt, immer bewusst hinzusehen und zu merken, wann wir Gefahr laufen, in alte Gewohnheiten zu fallen. An dem Punkt müssen wir ansetzen und unser Verhalten bewusst in die neue, wohltuendere Richtung verändern. Wenn wir also zum Beispiel zu impulsiven Reaktionen auf gefühlt verletzende Aussagen zu reagieren, hilft es, kurz innezuhalten, uns bewusst zu werden, dass die Verletzung auf unserer eigenen Interpretation basiert und nicht in der Absicht des anderen liegt (und wenn, sollten wir sowieso nicht verletzt sein, sondern uns auch an Epikur halten, einfach umgekehrt, nämlich, dem Menschen in unserem Leben keinen Platz zu geben). 

Das klingt am Anfang vielleicht etwas umständlich, wird aber mit der Zeit zu einer neuen (guten) Gewohnheit und dann automatisch zu mehr Gelassenheit und innerer Ruhe führen. 

„Zum zehnten Mal wiederholt, wird es gefallen.“ (Horaz)

Und wenn es mal nicht klappt, können wir uns an die alten Stoiker halten, die selbst nicht glaubten, dass es je einen Weisen gab, der das Ideal erreichte – nur: Versuchen sollten wir es. Frei nach Rilke:

«Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.»

Lebenskunst: Spiegelungen

«Wende den Blick auf dich selbst und schau, ob du nicht ähnliche Fehler hast.» Marc Aurel

Wenn andere uns enttäuschen, sich nicht so verhalten, wie wir das erwarten, sind wir schnell dabei, sie zu be- und verurteilen. Wir sehen sie als rücksichtslos, weil sie nicht zu Zeiten zu einer Verabredung kamen, herzlos, weil sie zu wenig Anteil an unserem Leid nehmen, chaotisch, weil sie alles überall liegen lassen. Und wir können uns ob dieser (in Tat und Wahrheit nichtigen) Dinge aufregen, zürnen, schmollen. In ganz schwierigen Fällen zerbrechen daran sogar Freundschaften. Und wir sehen uns im Recht. «So nicht», denken wir. «Nicht mit mir.» 

Nur: Geht es uns danach besser? Haben wir uns bei all dem mal gefragt, wieso der andere ist, wie er ist, tut, was er tut. Und vor allem auch: Haben wir uns mal gefragt, wieso uns das so aufregt? Worauf trifft das Verhalten bei uns, dass wir so viel negative Energie aufwenden, ihm zu begegnen? Was ist in uns, das mit diesem Verhalten in Resonanz tritt?  Vielleicht liegt der Ursprung unseres Zorns, unseres Ärgers gar nicht beim andern, sondern bei uns selbst? Vielleicht gibt es da sogar eine Seite in uns, die genau dem entspricht, was wir beim anderen kritisieren. Und wir mögen die Seite an uns selbst nicht und kritisieren uns dafür, versuchen sie zu unterdrücken. Vielleicht auch nicht immer erfolgreich. Wenn dann jemand kommt und genau das lebt, bricht die ganze Kritik, der ganze Ärger über diese Seite aus uns heraus und trifft den anderen. Könnte das nicht sein?

Tagesgedanken: Freundschaft

«Unter den Gütern, welche die Weisheit sich für dauerndes Lebensglück zu verschaffen versteht, ist der Besitz der Freundschaft bei weitem das grösste.» Epikur

Gestern hatte ich einen Tag, der ganz im Zeichen der Freundschaft stand. Am Nachmittag traf ich eine Freundin, die mir in kurzer Zeit ans Herz gewachsen ist, bei der ein gegenseitiges Vertrauen besteht, das (auch) einer verblüffenden Ähnlichkeit des Denkens, Fühlens, bisherigen Lebens geschuldet ist. Wir redeten über vieles, stiessen in die Tiefen unserer Gefühle, und fühlten uns gegenseitig immer verstanden in unserem Sein. Es fühlte sich an, wie schon Aristoteles Freundschaft definiert hat: Als sässe da eine Seele in zwei Körpern, als wäre sie mein „alter ego“, mein zweites Ich. Ich spürte eine grosse Dankbarkeit, eine solche Freundschaft erleben zu dürfen. 


Am Abend sassen wir mit Freunden bei uns auf der Terrasse und die Gespräche flossen mal humorvoll, mal ernst, gingen mal tief, berührten Schwachstellen und Freudenmomente, und wieder war es da, dieses Gefühl des Vertrauens, des Vertrautseins, die Dankbarkeit über dieses wertvolle Geschenk, das Freundschaft im Leben ist. Ich konnte Epikur nur zustimmen, wenn er sagte, dass Freundschaft das grösste Gut für dauerndes Lebensglück sei.


Freunde sind die Menschen, die da sind, wenn man sie braucht, und man das genauso sein kann für sie. Nur schon das Wissen um ihr Dasein gibt dem Leben einen Reichtum, ein Glück, erfüllen mit Dankbarkeit. Um es nochmals mit Epikur zu sagen:

«Wir brauchen die Freunde nicht, um sie zu brauchen, sondern um des Glaubens zu leben, dass wir sie brauchen dürfen.»

Was dabei vielleicht zu schnell vergessen geht: Freunde sind nicht selbstverständlich. Freundschaft – wie Liebe – bedarf der Pflege. Wie schön ist es, die Dankbarkeit, die man dem Freund verdankt, einfach mal auszusprechen – ein Geschenk für beide. Die damit geoffenbarte Verbundenheit erfüllt den Moment mit so viel Glück, dass man die ganze Welt umarmen möchte. Man fängt dann wohl mit dem Teil der Welt an, der vor einem steht und diese um so viel schöner macht: Dem Freund. 

Was bedeutet euch Freundschaft?

Lebenskunst: Nicht anhaften

Früher hatte ich immer mal wieder den Wunsch, auszuwandern. Ich bin generell oft umgezogen, zwar aus Gründen, und doch auch mit einer Neugier auf etwas Neues, die mich beflügelte. Ein Leben in einem neuen Land stellte ich mir spannend vor. Dass ich es nie machte (zweimal kurz davor war), schob ich auf meine Ängstlichkeit ich schimpfte fast ein wenig mit mir.

Mein Leben hat sich so entwickelt, dass ich oft und lange in Spanien lebe und arbeite. Ein grossartiges Land, wunderschön, das Wetter angenehm für eine Frostbeule wie mich. Schon bald dachte ich: Ich möchte immer hier sein. Das war leider nicht möglich. Über die Jahre merkte ich, dass das Sehnen nach Hause immer grösser wurde, wenn ich in Spanien war. Was ist aus meinem Traum geworden?

«Einsicht verschafft das Gute, erhält es, mehrt es und macht rechten Gebrauch davon.» Plutarch

Manchmal sind Träume ausgeträumt. Ziele, die man vor sich sah und unbedingt erreichen wollte, fühlen sich nicht mehr stimmig an. Oft rennen wir trotzdem weiter in die Richtung, ignorieren das kleine Bauchrumpeln und die unguten Gefühle. Nur: Irgendwann werden die Stimmen lauter, sie lassen sich nicht mehr zur Seite schieben. Und man fragt sich: Was mache ich da eigentlich? In diesem Fall hilft nur eines: Hinschauen. Mit sich in den Dialog treten und ergründen: Will ich das wirklich so haben? Stimmt das noch für mich?

Es ist nicht leicht, einen Traum loszulassen. Wann ist der richtige Zeitpunkt, der Kairos, wie die Griechen sagten? Loslassen ist ein schwieriges Thema, ist es doch ein Abschied von etwas, das man im Leben hatte, das wichtig und lieb war. Dabei entsteht eine Lücke. Womit werde ich sie füllen?

«Ein angenehmes und heiteres Leben kommt nicht von äusseren Dingen: Der Mensch bringt aus seinem Inneren wie aus einer Quelle Lust und Freude in sein Leben.» Plutarch

Die alten Philosophen rieten, sich nicht an äussere Dinge zu heften, sondern das Glück im Innern zu suchen. Frieden und Glück stellen sich nur ein, wenn ich in meiner Seele Ordnung schaffe – und dazu gehört auch, ab und an loszulassen, was nicht mehr ins Leben passt. Wie sagte schon Plutarch:

«Die besten Dinge sind die schwersten.»

Das Prinzip des Nicht-Anhaftens findet sich auch in der Yoga-Philosophie unter dem Sanskritnamen «Vairagya». Dahinter steckt der Gedanke, dass ein an äusseren Dingen orientiertes Leben nicht glücklich macht auf Dauer. Auch hier geht es um ein Loslassen, um die Unterscheidung, was einem glücklichen Leben dienlich und was ihm abträglich ist. So heisst es in Patanjalis Yoga-Sutras:

„Vairagya ist der Bewusstseinszustand, in dem das Verlangen nach sichtbaren und unsichtbaren Objekten aufgehört hat.“ ( I. 15)

Indem der Mensch sich nicht an den äusseren Dingen orientiert, so heisst es in 1.16 weiter, kehre er zu seinem ursprünglichen Menschsein zurück, was die höchste Form der Lösung sei. Diese Sicht wird auch im Buddhismus geteilt, sprich, in der Antike finden sich über den ganzen Erdball verteilt gleiche Ansichten und Lehren, die darauf zielen, ein gutes Leben zu führen.

Was bringt uns das für unser Leben? Was können wir daraus ziehen? Sicher die Sicht, dass alles, was wir für unser wirkliches Glück brauchen, in uns steckt. Wir müssen es nicht zuerst suchen oder finden, es ist da und will entdeckt werden. Nun gibt es auch schöne freudbringende Dinge im Aussen. Die zu geniessen ist wunderbar, dagegen sagen auch die weisen Philosophen nicht. Gefährlich wird es erst, wenn wir sie mit aller Kraft und Macht festhalten wollen, denn: Wir haben das selten in der Hand. Es hilft, sich immer wieder eines vor Augen zu halten: Das Leben ist immer ein Entstehen und Vergehen, im Grossen bei Geburt und Tod (mementum mori), im Kleinen bei Alltäglichkeiten, äusseren Dingen, Wünschen und auch Beziehungen. Das mag manchmal schmerzlich sein, doch nur so kann auch Neues entstehen.

Tagesgedanken: Zufriedenheit

«Wer nicht mit dem zufrieden ist, was er hat, wird auch nicht mit dem zufrieden sein, was er gerne hätte.» Sokrates

Ein neues Auto, neue Schuhe, ein neues Handy – wir haben immer wieder neue Wünsche, von denen wir uns Glück oder Zufriedenheit versprechen, wenn sie erst erfüllt sind. Nur: Wieso sollte das sein? Wollten wir nicht all das, was war schon haben, auch irgendwann haben? Wie lange hielt die Zufriedenheit an? Wünsche scheinen eine sich selbst und immer schneller vermehrende Spezies zu sein: Auf einen erfüllten folgen meist zwei neue noch zu erfüllende. Sie sind das sprichwörtliche Perpetuum mobile, denn das Wünschen hört nie auf – wenn wir ihm nicht Einhalt gebieten. Vor allem wird daraus keine andauernde Zufriedenheit erwachsen.

Zufriedenheit kannst du gewinnen, wenn du das immer mehr und Neues Wünschen unterbrichst und bewusst hinschaust, was du schon alles hast. Vielleicht fällt dir beim einen oder anderen auch ein, woher du es hast und wie es sich anfühlte, als du es bekommen oder gekauft hast? Daraus kann eine Zufriedenheit entstehen, die nichts Neues braucht, weil sie auf dem gründet, was da ist.

Tagesgedanken: Grenzen sprengen

„Es gibt keine Grenzen. Weder für Gedanken noch für Gefühle. Es ist die Angst, die immer Grenzen setzt.“ Ingmar Bergman

Du hast Wünsche und Träume, möchtest Ziele erreichen, und denkst sogleich: Das schaffe ich nie. Das ist alles viel zu gross für mich. Ich versuche es gar nicht erst, da die Angst, zu scheitern, so gross ist. Wie würde ich mich schämen, wenn es schief ginge? Was würden die anderen sagen? Sie würden wohl spotten über mich, mich auslachen, sich hinter meinem Rücken lustig machen über mich.

Die Angst vor dem Scheitern ist wohl eine der grössten Ängste in unserem Leben. Aus dieser Angst heraus versagen wir uns oft Dinge, die wir uns eigentlich wünschen. Wir versuchen nicht, unsere Träume zu leben, weil wir schon im Vorfeld das mögliche Scheitern durchdenken und die Scham darüber fast schon körperlich fühlen. Scham ist ein Gefühl, das mehr mit anderen als mit uns selbst zu tun hat. Vor uns selbst schämen wir uns nicht, vor den anderen aber möchten wir gut dastehen und genügen. Gelingt das nicht, schämen wir uns. So gesehen sind also die anderen und ihr Denken über uns die Grenzen, innerhalb derer wir uns bewegen.

Ist das wirklich das Leben, das du führen willst? Immer darauf bedacht, es anderen recht zu machen? Nichts zu wagen, das misslingen könnte und so den eigenen Träumen und Wünschen im Weg zu stehen? Mit angezogener Handbremse, möglichst still, möglichst unauffällig, weil alles andere die Gefahr nicht nur des Auffallens, sondern sogar des Missfallens mit sich brächte?

Vielleicht solltest du dir mal folgendes vor Augen führen: Den meisten Menschen auf diesem Planeten bist du egal, sie wissen nicht, dass du existierst. Es gibt Menschen, die mögen dich schlicht nicht, egal, was du tust. Bist du zu gut, spricht der Neid aus ihnen, machst du einen Fehler, der Spott. Und beides äussert sich verächtlich. Und es gibt Menschen, die mögen dich, weil du bist, wie du bist – mit Schwächen, Fehlern und auch mal misslingenden Projekten. Was also hindert dich, mutig deinen Weg zu gehen? Das schlimmste ist nicht, wenn etwas misslingt, das du versuchst, das schlimmste ist, wenn du es nicht mal versucht hast.

Tagesgedanken: Mensch ärgere dich nicht

«Es wäre dumm, sich über die Welt zu ärgern. Sie kümmert sich nicht darum.» Marc Aurel

An der Kasse drängelt jemand vor, das Wetter ist schlecht, die Nachbarin böse, der Winter kalt, die Sonne zu grell. Es finden sich viele Dinge, über die wir uns ärgern können und wir tun es oft. Wir schimpfen über den Autofahrer vor uns, über die Verzögerung in der Arztpraxis und die blöden Steuerformulare und merken nicht, was wir damit tun: Wir schaden uns selbst.

Der Autofahrer vor uns wird nichts von unserem Ärger mitkriegen, der Arzt kann den Notfall nicht planen und weiss nicht um meine Stimmung im Wartezimmer (natürlich kann ich mir einreden, er müsste das wissen und Rücksicht nehmen, er könnte aber auch Verständnis und Grosszügigkeit von mir annehmen). Die einzige, die also von diesem Ärger betroffen ist, bin ich selbst und mir ist er wenig dienlich, bringt er doch meine innere Ruhe ins Ungleichgewicht – und genau diese wäre das höchste Ziel für ein gutes Leben, folgt man den Stoikern.

Was können mir alte Herren, die vor Urzeiten lebten, über das heutige Leben noch sagen? Wie sollen die gewusst haben, was in mir vorgeht und womit ich mich in diesen modernen Zeiten rumschlagen? Von den tatsächlichen Problemen wussten sie nichts, sie hatten weder unsere Technologie, also keine Gefahren der Digitalisierung, noch hatten sie einen Putin. Aber auch in diesen Zeiten gab es Krieg und Krankheiten, blöde Nachbarn und nervende andere Menschen. Der Umgang mit anderen Menschen ist nicht immer einfach, Sartre meinte einst, die Hölle seien die anderen, und Marc Aurel schrieb:

«Essen, schlafen, einander bespringen und bespringen lassen, sich entleeren und so weiter, was für ein Pack sie doch sind.»

Das spricht nicht von grosser Menschenliebe, auch begann er jeden Tag damit, zu denken, wie anstrengend Menschen sind, die wir treffen. Und doch war er der Überzeugung, dass wir als Menschen dafür geschaffen sind, mit Menschen zu leben, und dass es in unserer Pflicht liegt, dafür zu sorgen, dass es allen miteinander gut geht:

«Ich bin verpflichtet, meinen Mitgeschöpfen Gutes zu tun und mit Ihnen Geduld zu haben.»

Wenn ich mich also wieder einmal über andere Menschen ärgere, sollte ich mir ins Gedächtnis rufen, dass dieser Ärger nur mir schadet, und dass ich, so schwierig der Umgang mit Menschen auch teilweise sein mag, sie brauche, da ich ohne andere Menschen nicht leben kann. Und: Für andere mag auch der Umgang mit uns nicht immer einfach sein, glaubt man Marc Aurel, ist auch der liebenswürdigste (der wir sicher zu sein glauben) Mensch schwierig im Umgang.

Tagesgedanken: Freude durch Dankbarkeit

Epiktet schrieb einst, dass es Dinge gäbe, die man in der Hand hätte, und solche, die man nicht in der Hand hätte. Wichtig sei, seine Energie und sein Handeln auf die Dinge zu konzentrieren, die man selber auch beeinflussen kann, die anderen aber gleichmütig und gelassen hinzunehmen. So weise der Spruch auch klingt, so viel Wahrheit auch drinsteckt, so schwer ist er oft umzusetzen.

Mein Leben leben bedeutet immer auch, eine Vorstellung davon haben, wie dieses Leben aussehen soll, was ich mir wünsche, welche Ziele ich mir setze. Wenn gewisse Dinge dann nicht gelingen, bringt mich das in Unruhe: Ich hadere mit dem Schicksal, werde wütend, traurig, fühle mich vielleicht auch hilflos, im schlimmsten Fall gar als Versager.

Folgen wir Epiktet weiter, so lernen wir bei ihm:

«Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinung über die Dinge.»

Unser wirkliches Leiden beginnt also erst da, wo wir zu hadern beginnen. Erst, wenn wir etwas, das nicht so ist, wie wir uns das vorstellen, beklagen, leiden wir. Das blosse Misslingen einer Sache wäre an sich kein Weltuntergang gewesen, denn es liegt in der Sache, dass alles, was gelingen kann, auch misslingen kann – und vieles dies auch wird. Wenn wir aber innerlich zu stark an den Dingen haften, wenn wir unser Glück daran festmachen und dieses nun schwinden sehen, stürzen wir uns selbst ins Unglück.

In den Upanishaden steht, dass der, welcher verzichten kann und sich an sein Innerstes hält, seine Freiheit wahre. Wir sind also nicht frei, wenn wir alles erreichen und tun können, sondern wenn wir unser Glück nicht davon abhängig machen. Es klingt alles noch immer sehr wahr und klug und doch schwer umsetzbar. Wie kommen wir dahin?

Im Wissen darum, dass ich im Leben nie alles haben werde, dass mir auch nicht alles gelingen wird, kann es meiner inneren Ruhe dienen, mir immer wieder vor Augen zu führen, was ich schon alles habe. Das müssen kleine grossen Dinge sein, gerade in den kleinen Dingen liegt oft viel Wertvolles, weil Lebensbereicherndes drin. Aktiv praktizierte Dankbarkeit ist eine grosse Quelle der Freude, eine, die nie versiegt, da sich immer etwas findet, wenn man wirklich hinsieht. Das wusste schon Seneca:

«Ich bin dankbar, nicht weil es vorteilhaft ist, sondern weil es Freude macht.»

Tagesgedanken: Selbstsorge

«Man kommt unbescholten in eine Welt, die man sich nicht ausgesucht hat, und wird oft in frühen Jahren mit Ballast bestückt, den man dann als Rucksack durchs Leben trägt. Bis man genau hinschaut, ihn bemerkt. Das tut erst mal weh, ist aber wichtig, um ihn abziehen zu können.»

Vieles in unserem Verhalten läuft unbewusst ab. Wir reagieren auf Situationen oft nicht aus der Situation heraus, sondern durch unsere Prägungen, die unser Verhalten steuern. Das führt dazu, dass wir uns in immer wieder ähnlichen Mustern verfangen, dass wir gewisse Konflikte immer wieder austragen, weil wir auf eine Art reagieren auf Situationen, die uns im Nachhinein selbst fragwürdig erscheint, die derselben nicht angemessen ist. Dadurch entsteht viel Leid, Leid, das vermeidbar wäre, wenn wir genau hinschauen würden, um herauszufinden, auf welchem Boden dieses Verhalten gedeiht.

Oft stecken Prägungen aus der Kindheit dahinter. Glaubenssätze, die sich in uns festgesetzt haben, steuern unser Selbstverständnis, welches oft mit einem mangelnden Selbstwertgefühl einhergeht. Weil wir uns dadurch verwundbar fühlen, versuchen wir, uns zu schützen, schiessen dabei aber übers Ziel hinaus. Das ist schwierig für uns selbst und für unser Umfeld. Da wir als soziale Wesen dieses Umfeld dringend brauchen und auch wollen, ist das für uns doppelt leidvoll.

Am einfachsten wäre, die anderen würden uns einfach so akzeptieren, wie wir sind und alles wäre in Ordnung – denken wir. Doch, stimmt das? Täten wir uns damit wirklich einen Gefallen? Wäre das nicht ein Verharren in einer Unmündigkeit, in welcher wir die Augen verschliessen vor der Wirklichkeit? Sokrates nannte als oberstes Gebot für ein gutes Leben:

«Erkenne dich selbst.»

Was sind meine Werte? Welche Werte sind mir wichtig, welche möchte ich durch mein Tun und Sein verkörpern? Nur wenn wir eine Ausrichtung haben im Leben, können wir uns auch auf den Weg machen. Ansonsten bedeutet Leben ein sich Treibenlassen, ohne selbst Steuermann zu sein.

Weiter rief Sokrates dazu auf, authentisch zu sein, wahrhaftig gegen sich und andere, sich und andere nicht zu betrügen. Nur wer mit sich im Reinen ist, kann auch friedlich in einer Gemeinschaft leben. Als Drittes nannte Sokrates die Neugier:

«Echtes Wissen besteht im Wissen, nicht zu wissen.»

Darin steckt der Wunsch, Neues zu lernen, weiterzugehen, offen zu sein für das, was die Welt zu bieten hat, statt sich auf vermeintlichem Wissen auszuruhen. Es steckt auch eine Haltung der Demut dahinter, nämlich die Erkenntnis, wie unendlich klein wir sind im grossen Ganzen. Wie viel Wissen da draussen ist und wie wenig davon wir wissen.

«Die Selbsterkenntnis gibt dem Menschen das meiste Gute, die Selbsttäuschung aber das meiste Übel.»

Das oberste Ziel für ein gutes Leben ist, mit anderen in Frieden und Harmonie zusammenleben zu können. Um das zu erreichen, muss man bei sich selbst anfangen. Das gute Leben fängt mit einer Selbstsorge an, die zu einer Seelenruhe führt. Aus dieser inneren Harmonie heraus kann auch eine äussere gelingen. Und dann reagieren wir nicht mehr getrieben von fremden Prägungen im Affekt, sondern gelenkt von unseren eigenen Werten und Vorstellungen.

Tagesgedanken: Gestalte deine Welt

«Nach der Beschaffenheit der Gegenstände, die du dir am häufigsten vorstellst, wird sich auch deine Gesinnung richten; denn von den Gedanken nimmt die Seele ihre Farbe an.» (Marc Aurel)

Wenn wir durch den Tag gehen, merken oft nicht, was alles in unserem Kopf los ist. Der Alltag hält so viele Ablenkungen bereit, dass wir das uns am nächsten Liegende übersehen: Unsere eigenen Gedanken. Erst wenn es mal still wird, wird es im Kopf laut: Gedanken überschlagen sich, einer folgt dem anderen, die Themen wechseln sprunghaft und in wildem Durcheinander. Wirkliche Ruhe kehrt kaum ein. Vor allem als Anfänger der Meditation wird einem das bewusst: Es gibt nichts Schwierigeres als die eigenen Gedanken zur Ruhe zu bringen.

Das ist auch gar nicht nötig, viel wichtiger ist es, hinzuschauen, was los ist im eigenen Gedankentreiben: Welche Gedanken kehren immer wieder, womit bin ich innerlich beschäftigt. Dieses Hinschauen kann zur Erkenntnis führen, was uns umtreibt, was in uns los ist, ohne dass wir uns mehrheitlich bewusst sind. Aus diesem inneren Treiben speist sich nämlich unser Verhalten. Diese Gedanken färben unsere Sicht auf die Welt, sie steuern unsere Wahrnehmung und Interpretation dessen, was ist. So sagte auch Anais Nin folgerichtig:

«Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind.»

Was könnte es also Wichtigeres geben, als immer mal wieder innezuhalten, hinzuschauen, zu erkennen, was wir denken, worauf unsere Gefühle gründen, die unser Verhalten, unser Sein ausmachen?

«Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.» (Buddha)

Durch die Bewusstwerdung derselben können wir daran arbeiten. Wir können unsere Gedanken lenken, können denen, die wir nicht in uns haben und aus uns sprechen lassen wollen, durch neue ersetzen, bessere, solche, die uns dahin führen, der zu sein, der wir sein wollen.

Tagesgedanken: Werte und Ziele

„Die Ruhe der Seele ist ein herrliches Ding und die Freude an sich selbst.“ Johann Wolfgang von Goethe

Wann hast du das letzte Mal nichts getan? Wann bist du einfach dagesessen, hast die Beine und die Seele baumeln lassen und den Tag verstreichen lassen? Oft rennen wir durchs Leben, getrieben von allem, was wir denken, dass wir es erledigen und erreichen müssen. Wir setzen uns Ziele, die wir eifrig verfolgen, nur um beim Erreichen schon das nächste ins Auge zu fassen. Das ist nicht grundsätzlich falsch, nur stellt sich die Frage, ob wir dabei nicht auch viel verpassen.

Indem wir immer mit einem Ziel im Blick durchs Leben gehen, vergessen wir oft das Geniessen des Augenblicks. Wir sehen weniger, was wir alles haben, sondern mehr, was wir wollen. Alles, was wir erreichen, fällt auf den Haufen des Habens, es wird schnell selbstverständlich und gerät aus dem Blick. Die Freude daran währt kurz, über die Zeit immer kürzer. Und vielleicht stellt sich mit der Zeit die Frage: Wozu das alles? Ist das wirklich das Leben, das ich leben will? Aber was will ich sonst?

In solchen Momenten hilft es, innezuhalten. Einfach mal durchzuatmen. Zur Ruhe zu kommen. Und sich zu besinnen: Was sind eigentlich meine Werte im Leben? Verfolge ich mit all meinen Zielen diese Werte oder setze ich die aufgrund anderer Auslöser? Bin ich so, wie ich lebe, wirklich der Mensch, der ich sein will, oder versuche ich nur, irgendwelchen Ansprüchen zu genügen? Wie würde ein Leben aussehen, das meinen Werten entspricht? Wie käme ich dahin?

Vielleicht kommst du dann zum Ergebnis, dass alles gut ist. Wunderbar. Vielleicht merkst du aber auch, dass du in deinem Streben nach immer neuen Zielen irgendwann dein eigenes wirkliches Ziel verloren hast: Ein Leben nach eigenen Werten, ein Leben nach deinen eigenen Vorstellungen. Vielleicht folgt als nächster Gedanke dann: Ich würde ja gerne, aber ich kann nicht. Du vertraust dir und deinen Fähigkeiten zu wenig, so zu leben, wie du es wirklich gerne würdest.

«Ein jeder gibt den Wert sich selbst.» Friedrich Schiller

Die gute Nachricht ist: Du musst nicht zuerst mehr Selbstvertrauen gewinnen, um zu tun, was du tun willst. Fange an, auch mit kleinen Schritten. Das Selbstvertrauen kommt durch das Tun. Mit jedem Schritt wirst du sicherer auf deinem Weg.

Wenn du also wieder einmal atemlos durch dein Leben stürmst, dich dabei auch oft müde und nicht wirklich erfüllt fühlst, hilft es, ganz bewusst innezuhalten, hinzuhören. Was tue ich da? Will ich das? Bin ich das? Was möchte ich sein? Dieses bei sich Sein, dieses sich selbst ernst Nehmen, weil man sich zuhört, ist bereits der erste Schritt. Lass ihn uns gehen.

Was sind deine Werte im Leben?

Tagesgedanken: Werde, der du bist

Wann hast du dich das letzte Mal für etwas gelobt, das du gemacht hast? Wann hast du in den Spiegel geschaut und gefunden, dass du dir gefällst, dass du total ok bist, wie du bist? Wann hast du voller Dankbarkeit auf dein Leben geschaut, auf alles, was da ist, was du hast und bist?

Wann hast du das letzte Mal mit dir gehadert? Wann hast du dich gescholten, weil du einen Fehler gemacht hast? Wann bist du das letzte Mal wütend geworden, weil du wieder einmal übergangen worden bist? Wann hast du dich das letzte Mal nicht gesagt, was du eigentlich willst, um die Harmonie zu wahren? Und wann bist du das letzte Mal wütend geworden, weil der andere deine Bedürfnisse nicht erraten hat?

Vielen fallen wohl mehr Beispiele für das zweite als für das erste Mal ein. Sie schauen in den Spiegel und sehen zuerst den Pickel auf der Nase statt der schönen Augen. Sie streben nach Perfektion, um nicht angreifbar zu sein, und vergessen dabei, dass kein Mensch perfekt ist – und es auch nicht sein muss. Sie stecken zurück, aus Angst, von anderen abgelehnt zu werden, und hadern dann innerlich, weil sie zu kurz kommen. Was passiert da?

Das alles sind Vermächtnisse der Kindheit. Glaubenssätze, die sich festgesetzt haben, prägen noch heute unser Leben: Ich bin nicht gut genug. Ich bin nichts wert. Ich komme zu kurz. Ich bin nicht liebenswert. Oft sind diese nicht mal direkt bewusst, sondern sie wirken aus dem Unbewussten und lassen uns reagieren – oft im Nachhinein unangemessen, übertrieben, sicher nicht gesund. Wenn wir also merken, dass wir immer wieder in ähnliche Muster verfallen, ähnliche Probleme im Leben haben im Umgang mit uns und anderen, hilft es, mal genauer hinzuschauen. Was löst solche Situationen aus? Was ist genau passiert? Wieso habe ich so reagiert? Wie habe ich mich in dem Moment gefühlt?

«Ich habe keine Macken, das sind Special Effects.» (Stefanie Stahl)

Wichtig ist, mich nicht für mein Verhalten, für meine Schwächen zu verurteilen. Es geht nicht um Selbstanklage, sondern im Gegenteil um Selbstakzeptanz. Das geht nur, wenn ich mich als Ganzes annehme, mit meinen Stärken und Schwächen, dass ich erkenne, dass ich mit allem völlig in Ordnung bin, dass ich ein wertvoller Mensch bin, der geliebt werden kann, so wie er ist. Ich darf Schwächen haben, ich darf Fehler machen, ich bin deswegen kein schlechter Mensch und auch kein Mängelwesen. Aber: Ich kann an meinen Schwächen arbeiten, ich kann hinschauen, was passiert und versuchen, etwas zu verändern. Das hilft nicht nur mir, weniger zu leiden unter Situationen, das bringt auch Entspannung ins Miteinander mit anderen Menschen.

Oft stecken hinter falschen Reaktionen falsche Interpretationen von Situationen oder Deutungen von Verhalten. Wenn ich mir dessen bewusst werde, kann ich daran arbeiten, an meinen versteckten Mustern zu arbeiten und diese zu verändern: Was war wirklich da und was habe ich hineingelesen? Was wäre eine angemessene Reaktion gewesen? Was kann ich tun, um bei einem nächsten Mal besser zu reagieren? Wo sind meine inneren Zwänge und Prägungen, die mich impulsiv reagieren lassen?

«Wie man wird, was man ist.»[1]

Wenn ich das erkannt habe, kann ich wachsen, dann kann ich lernen, der Wirklichkeit angemessen zu reagieren, kann aus mir und meinem wirklichen Sein und Wollen heraus leben statt in leidvollen Mechanismen zu verharren.

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Buchtipp: Stefanie Stahl: Das innere Kind muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme

Wie steuern Prägungen aus der Kindheit unser Verhalten? Wie haben sich alte Glaubessätze in uns festgesetzt und bringen uns nun immer wieder in leidvolle Situationen? Diese zu erkennen und zu ersetzen hilft, ein freudvolleres Leben zu führen.

Stefanie Stahl zeigt in ihrem Buch auf, welche Reaktionen im heutigen Leben auf was für Glaubenssätze aus der Kindheit zurückzuführen sind, und wie wir diese durch positive Sätze und ein angemesseneres Verhalten umwandeln können.

  • Angaben zum Buch:
  • Herausgeber: Kailash (16.11.2015)
  • Broschiert: 288 Seiten
  • ISBN-Nr.: 978-3424631074

Auch als Hörbuch erhältlich.


[1] Der Untertitel von Nietzsches Ecce Homo geht auf einen Satz Pindars aus den Pythischen Oden zurück.