Eine Wutrede – jeder Impfgegener ein kleiner Diktator

Ich bin ja sehr geduldig (*not) und überaus verständnisvoll (…), ABER: Wenn wichtige OPs verschoben werden, weil sich gewisse die Freiheit nicht nehmen lassen wollen, sich ungeimpft auf Intensivbetten auszustrecken, dann geht mir schlicht die Hutschnur hoch. #hueresiech

Das schrieb ich kürzlich auf Twitter. Ich war wütend. Und traurig. Weil genau das in meinem nächsten Umfeld passiert ist. Und ich hadere mit den Menschen, mit dem Teil der Menschen, die selbstzufrieden dasitzen und finden: Ich lass mir doch meine Freiheit nicht nehmen. Wo kämen wir da hin? Ich entscheide selber und ich impfe mich nicht.

Nun bin ich durchaus ein grosser Verfechter von Freiheit, erachte sie als hohes – wenn nicht höchstes – Gut. Nur: Was bedeutet Freiheit eigentlich? Haben, die, welche da so selbstherrliche Sprüche von sich lassen, die sie dann mit wohlklingenden Argumenten untermalen, wirklich eine Ahnung davon? Es sieht nicht so aus. Im Gegenteil. Wenn man ihre Argumente hört, könnte man noch Schlimmeres vermuten: Nein, wir werden gewisse Dinge nicht einfach wegatmen. Und sie werden sich auch nicht in Luft auflösen, nur weil wir ihnen Liebe senden. Sie sind da und sie müssen bewältigt werden. Da sie alle betreffen, müssen wir das kollektiv angehen. Doch dazu sind diese Freiheitsanbeter nicht bereit. Sie vergessen dabei eines, um mit Kant zu sprechen:

„Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“

Und genau das ist das Problem. Weil einzelne auf stur schalten, sind andere mehr gefährdet. Weil einzelne sich darin gefallen, den kleinen Revoluzzer vom Sofa aus zu geben, werden mehr Leute infiziert. Weil einzelne ihre Kraft in eigene egoistische Prinzipien legen, geht die Solidarität flöten. Man ist nicht mehr bereit, für das Wohl Vieler sich selber zurückzunehmen und mitzuhelfen. Man ist nicht bereit, etwas auf sich zu nehmen, das wahrlich keine grosse Sache ist, um damit Teil einer grossen Aktion zu sein, von der ganz viele profitieren können. Und sogar überleben.

Nun ja, man könnte vielleicht eine Weile Geduld mit ihnen zeigen und die Augen zudrücken, sich sagen:

„Gut, so ein Pieks ist natürlich etwas ganz Schlimmes und Bubi hat Angst davor.“

Wenn die Konsequenz nur wäre, dass ein paar andere dafür einen Schnupfen hätten – so what. Aber: Wir sind in einer Situation, in welcher notwendige Operationen verschoben werden müssen, weil diese Ignoranten die Betten belegen. Die Herzliga schlägt Alarm, die Krebsliga schlägt Alarm, die Spitäler werden nicht müde, zu beteuern, dass sie am Limit und drüber sind. Das kümmert unseren Impfgegner nicht. Im Gegenteil. Er fährt noch ein neues Argument auf:

„Ich lasse mich von diesen diktatorischen Massnahmen nicht vereinnahmen, wir leben schliesslich in einer Demokratie.“

Und spätestens dann hat er mich völlig. Weil: Genau! Demokratie heisst, dass wir in einem Miteinander entscheiden. Jeder hat eine Stimme und die Mehrheit setzt ihre durch. Klar kamen gewisse Entscheide notwendigerweise nicht vom Plenum, aber trotz alledem stand die Mehrheit immer dahinter. Weil die Notwendigkeit offensichtlich und die Entscheide nötig waren. Der Umstand, dass keiner wirklich wissen kann und konnte, wo das alles hinführt, brachte viele Unsicherheiten und Unklarheiten mit sich. Und doch blieb unter dem Strich eine mehrheitliche Zustimmung aus einem Gefühl der Solidarität heraus bestehen. Das lässt mich hoffen. Ich unke oft, dass die Demokratie sich überlebt hat aufgrund der fehlenden Bereitschaft zum Dialog. In der Not scheint vieles noch zu funktionieren.

Doch dann… kommen ein paar Querulanten mit selbstgebastelten Ideologien und stellen sich in den Mittelpunkt. Und sie kriegen täglich die Präsenz in den landläufigen Medien, was sie befeuert und Unsicherheiten vermehrt. Sie plädieren für Freiheit und nehmen den anderen die ihre. Sie sprechen von Demokratie und sind selber die Terrorkrümel darin. Sie berufen sich auf Meinungsäusserungsfreiheit, verbieten aber nicht nur jedem anders Denkenden den Mund, sondern sprechen ihm auch die Fähigkeit, selber zu denken, ab. Nun ja, wenn man ihre Theorien anschaut, könnte man zu ihrer Verteidigung sagen, dass sie gar nicht wissen, was das ist. Zumindest nicht, was es heisst, es bis zum Ende zu tun.

Ich bin wütend. Und traurig. Und ich klage an. Ich klage die Egoisten an, die sich auf alle Rechte heutiger Gesellschaften und Staaten berufen, dann aber nicht bereit sind, selber etwas dafür zu tun. Ich klage an, dass Menschen sich so sehr in den Mittelpunkt stellen, dass sie das Leid und Leben vieler in Kauf nehmen. Ich klage an, dass wir solchen Menschen nicht von Gesetzes wegen auch Rechte nehmen können. Zum Beispiel das auf ein Spitalbett. Steht eine OP an, muss ein Ungeimpfter raus. Ich höre oft, das ginge nicht, da dann jede ungesunde Lebensweise so behandelt werden könnte. Das stimmt so nicht. Ein Ungeimpfter lebt nicht nur ungesund, er gefährdet aus einem Mangel an Solidarität andere Menschen, unser Gesundheitssystem und er tritt unsere demokratischen Werte mit Füssen. Wieso sollte er sich wünschen, dass ein System, das er selber so gegen die Wand fährt, ihn dann schützt?

Simone de Beauvoir: «Ich möchte vom Leben alles»

Am 9. Januar 1908 kam eine der bekanntesten Philosophinnen zur Welt: Simone de Beauvoir. Mit „Das andere Geschlecht“ schrieb sie ein Werk, das bis heute Gültigkeit hat, mit ihrem Lebens- und Liebeswandel erregte sie Gemüter, als lebenslange Begleiterin Sartres (der ebenso ihrer war) wurde sie bekannt, oft verkannt, manchmal verpönt.

In meinen Augen eine grossartige Frau, eine intelligente Denkerin, ein fühlender Mensch, ein hinterfragender, nicht zuletzt sich selber, noch dazu.

Ich hebe heute mein Glas für diese grossartige Frau!

Denkzeiten - Philosophie und Literatur

Das schrieb Simone de Beauvoir dem Schriftsteller Nelson Algren, einer ihrer Zufallslieben, wie Sartre und sie die Beziehungen nannten, die sie nebenher hatten. Und sie fährt fort:

«Ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein. Sehen Sie, es ist nicht leicht, alles, was ich möchte, zu bekommen. Und wenn es mir nicht gelingt, werde ich wahnsinnig zornig.»

Eine Frau, die weiss, was sie will, und die es nicht beim Träumen belassen möchte. Sie wollte es bekommen und tat alles, was dafür nötig war, auch wenn sie wusste, dass andere darunter litten (zum Beispiel auch die Zufallslieben, die im Stellenwert immer hinter Sartre standen).

„Mein Unternehmen war mein Leben selbst.“

Eine interessante Aussage, verweist sie doch auf das Leben zurück als Zentrum, nicht auf das Streben im…

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Alte weisse Frau

Ich bin ein Unmensch. Der zweitgrösste im System. Ich bin zwar eine Frau und damit eigentlich eine Unterdrückte im patriarchalischen System, aber ich bin weiss. Und damit bin ich nach dem alten weissen Mann die zweitgrösste Unterdrückerin und Rassistin. Allein meine Hautfarbe macht mich dazu. Der Rassismus ist mir durch die Geschichte und die mir gehörenden Privilegien, als weisse Frau in einem Land wie der Schweiz leben zu können, eingeschrieben. Wenn ich behaupte, nicht rassistisch zu sein, sondern im Gegenteil sogar gegen Rassismus zu schreiben, mich einzusetzen, ignoriere ich nur die Fakten, heisst es. Ich schaue nicht hin. Und ich habe mich nicht genug informiert.

Da sitze ich nun mit dem Stigma «weisse Frau» und frage mich, ob das nicht auch eine Form des Rassismus ist: Ich werde nicht als Individuum wahrgenommen und bewertet, sondern als Teil einer Gruppe schubladisiert und angeprangert. Aber auch darauf haben die selbsternannten Kämpferinnen (es sind mehrheitlich, wenn nicht fast ausschliesslich Frauen) eine Antwort: Es kann kein Rassismus sein, da ich nicht auf eine Jahrhunderte alte Geschichte der Unterdrückung zurückblicken kann. Ich war durch die Geschichte hinweg als weisser Mensch immer privilegiert. Den Feminismus, die Unterdrückung der Frau ignorieren wir nun mal, denn das ist zweitrangig. Ich bin in meinem Opferstatus – wir sind alle per se definierte Opfer – weniger wert als eine schwarze Frau. Es steht mir nicht zu, auf Missstände hinzuweisen, die ich in der Gesellschaft sehe, da diese allesamt viel weniger ins Gewicht fallen als die, mit welchen schwarze Menschen, allen voran schwarze Frauen zu kämpfen haben.

Nun möchte ich keineswegs behaupten, es gäbe keinen Rassismus und es gäbe keine Menschen, die ihn am eigenen Leib auf grausamste Weise erfahren müssen. Er existiert und jeder Fall ist einer zu viel. Auch sitzt er sicher in vielen Köpfen fest, manifestiert sich in deutlichen und weniger deutlichen Zeichen. Dass dies thematisiert werden muss, steht ausser Frage. Es steht auch ausser Frage, dass wir hinschauen müssen als Nicht-Betroffene und zuhören müssen, wenn Betroffene davon erzählen. Sie müssen eine Stimme haben und gehört werden. In meinen Augen wäre es sinnvoll, wenn wir dann gemeinsam hinstehen und etwas dagegen tun würden. Ich bin der Überzeugung, dass man mit vereinten Kräften mehr erreicht als allein, dass man mit Blick auf das Verbindende statt immer auf das Trennende weiter kommt auf dem Weg hin zu einer (sozial) gerechten Welt.

Nun gibt es im Netz auch Stimmen, die finden, ich hätte gefälligst zu schweigen zu Rassimus, da er mich nicht betreffe. Ich müsste mich – so diese Stimmen – still und voll Scham über meine Hautfarbe und Schuld wegen meiner Herkunft in die Ecke setzen und reuig die Anschuldigungen anhören. Ich müsse mich entschuldigen dafür, dass ich weiss bin und damit Teil eines unterdrückenden Systems. Das allerdings werde ich nicht tun. Ich bin in diese Welt geworfen worden wie jeder andere Mensch auch. Ich habe mir weder Herkunft noch Hautfarbe ausgesucht, habe versucht, mit allem, was ich kann, bin und will, ein guter Mensch zu sein. Ich habe mich für Gerechtigkeit eingesetzt, stehe hin, wenn ich Unrecht sehe, helfe, wenn ich kann. Es ist sicher so, dass auch mir Fehler unterlaufen sind, dass auch ich unsensibel gehandelt oder gesprochen habe. Ich bin froh, wenn man mich darauf aufmerksam macht, ich lerne gerne dazu. Ich schätze den offenen Dialog, höre gerne andere Argumente, prüfe sie, ändere meine, wenn ich mich im Irrtum sehe. Ich möchte das gleiche Recht aber auch haben.

Ich wünsche mir eine Welt von Menschen unter Menschen. Ich möchte eine Welt, in der jedes Individuum gesehen wird, wie er ist, nicht was er ist. Wir alle haben uns nicht ausgesucht, wo und womit wir auf die Welt kamen, wir haben es dann aber – mehr oder minder – in der Hand, der zu werden, der wir sein wollen. Wir sind in erster Linie nicht weiss, schwarz, schwul, Frau, Mann oder Juden, wir sind in erster Linie existierende Wesen, Menschen. Würden wir uns als das begegnen, müssten ganz viele Kämpfe wohl nicht ausgefochten werden.

Nun weiss ich auch, dass wir davon weit entfernt sind. Nur: Wir werden nie dahin kommen, wenn wir immer wieder neue Fronten aufmachen, wenn wir neue Gegensätze bilden, wenn wir uns gegen immer wieder andere abgrenzen. Das Verbindende wird uns zu Menschen unter Menschen machen, nicht das Trennende. Im Wissen, dass die Energie immer der Aufmerksamkeit folgt, sollten wir unseren Fokus darauf legen.

Sprachzeiten - Schreibwelten

Ich bin ein Unmensch. Der zweitgrösste im System. Ich bin zwar eine Frau und damit eigentlich eine Unterdrückte im patriarchalischen System, aber ich bin weiss. Und damit bin ich nach dem alten weissen Mann die zweitgrösste Unterdrückerin und Rassistin. Allein meine Hautfarbe macht mich dazu. Der Rassismus ist mir durch die Geschichte und die mir gehörenden Privilegien, als weisse Frau in einem Land wie der Schweiz leben zu können, eingeschrieben. Wenn ich behaupte, nicht rassistisch zu sein, sondern im Gegenteil sogar gegen Rassismus zu schreiben, mich einzusetzen, ignoriere ich nur die Fakten, heisst es. Ich schaue nicht hin. Und ich habe mich nicht genug informiert.

Da sitze ich nun mit dem Stigma «weisse Frau» und frage mich, ob das nicht auch eine Form des Rassismus ist: Ich werde nicht als Individuum wahrgenommen und bewertet, sondern als Teil einer Gruppe schubladisiert und angeprangert. Aber auch darauf haben die selbsternannten Kämpferinnen (es…

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Was gehört sich für ein Mädchen?

Nach langer Zeit der impliziten und auch expliziten Verweigerung habe ich mich in der letzten Zeit mehr und mehr dem Feminismus zugewandt, lange mehr am Rand mit immer stärker wachsendem Wunsch, tiefer zu tauchen. Ich merkte beim Lesen immer wieder, wie viel mich verbindet mit der Thematik, bei wie vielen Gelegenheiten ich mich erkannte, zustimmend nickte, betroffen schluckte. Was ich früher in geselliger Runde gerne belächelte und mit markigen Sprüchen bedachte, die Vehemenz, die ich teilweise dagegen führte, sie waren geschwunden und einer betretenen Erkenntnis gewichen: Das geht mich was an, das trifft mich tief drin, ich darf nicht wegschauen. Nicht bei mir und nicht da draussen.

Was ich tief drin fühle und wichtig und richtig finde, was ich nach aussen vertreten will, weil nur so ein Beitrag zu dem geleistet werden kann zu einer Sache, die notwendig ist, wollte ich bekennen. Auf die Fahnen Feminismus schreiben. Und ich zögerte. Ich wich auf Intersektionalität aus, da ich fand (und durchaus immer noch finde), dass es darum geht, Diskriminierung auf verschiedenen Ebenen zu thematisieren. Ich weitete gar zum Humanismus und zur Existenzphilosophie aus, da es ja schlussendlich Ziel sein muss, den Menschen zuerst mal als Existenz ohne Zuschreibungen zu sehen, um ihn dann als je eigenes Wesen würdevoll zu behandeln. Ich ging noch weiter und landete bei der sozialen Gerechtigkeit, damit natürlich wieder im Bereich dessen, was ich über Jahre studiert habe und worauf ich spezialisiert war.

Alles war gut, nur der Begriff Feminismus wollte mir nicht aus den Fingern fliessen. Ich hatte so viele Bedenken im Kopf: «Was werden die anderen denken?», «Man wird mich nicht mehr mögen.», «Man wird mich belächeln.», «Man wird mich abstempeln.», «Man kann mich angreifen.» Durch diese positionierung fürchtete ich, auf eine Weise sichtbar zu werden, die nicht gefällig war, die polarisierte, die auffiel. Alles, was ich von klein auf gelernt hatte, dass ich das vermeiden sollte, vor allem als Mädchen. Gut und richtig war ich, wenn keiner merkte, dass ich da war, weil ich nicht auffiel. Vor allem nicht negativ Genügt habe ich, wenn ich mustergültig still und unhörbar und unsichtbar war. Nur dann artig antwortend, wenn ich gefragt wurde. Und natürlich musste es die (von aussen so definiert) richtige Antwort war.

Zu merken, wie tief diese Muster und Vorgaben sitzen, hat mich erschüttert. Nicht, dass ich es nicht geahnt hatte, es fiel mir immer wieder auf. Und hier wieder ganz bewusst. Wie oft hatte ich im Leben gefallen wollen, wie oft Ungerechtigkeit geschluckt. Wie oft habe ich geschwiegen bei anzüglichen Bemerkungen und Abwertungen, wie oft wurde ich um eine Chance gebracht, nur weil ich eine Frau war (explizit). Und immer hatte ich gelächelt, habe ich nachgegeben, meinen zugewiesenen Platz wieder eingenommen. Wie oft habe ich klein beigegeben, bin nicht hingestanden und habe gekämpft. Um des lieben Friedens willens.

Wie lange soll ich noch so weiter machen? Ist der Preis nicht zu hoch gewesen all die Jahre? Hat mir irgendjemand diese Resignation gedankt? Mir die Wunden lecken geholfen? Wie oft hörte ich bei einem kleinen Versuch des Aufbegehrens, ich soll mich nicht so haben, ein wenig Spass verstehen, sei alles nicht so ernst gemeint. Aber he: Es war abwertend, sexistisch, verachtend. Es war unterdrückend, unfair und Grenzen überschreitend. Es war nicht richtig. Und es darf nicht immer so weiter gehen. Für niemanden. Auch nicht für mich.

Leider ist es nicht so, dass ich nun, nachdem ich das alles aufgeschrieben habe, hingehen und mir überall auf die Fahnen schreiben kann, ich sei eine Feministin. Zu tief sind meine Prägungen, meine Ängste. Aber ich schaue hin, sehe sie, gehe sie an. In Schritten. Einer davon ist, über meine Erkenntnisse zu schreiben. Das hilft mir einerseits, mir noch klarer darüber zu werden, was in mir vorgeht, und bringt andererseits die Chance mit sich, dass sich jemand auch angesprochen fühlt und vielleicht einen Teil des Weges mitgeht oder selber einen Weg für sich erkennt.

Leben zwischen Welten

Heute ist auf meiner Seite „Sprachzeiten“ eine neue Geschichte von mir erschienen. Mein eigenes Schreiben wird künftig immer dort publiziert werden, so dass „Denkzeiten“ ganz der Beschäftigung mit Literatur gewidmet ist. Hier findet ihr weiter Rezensionen, Artikel rund um die Literatur, Autorenporträts und Interviews.

Wer weiterhin meine Gedichte und Geschichten lesen möchte, den würde ich gerne auf „Sprachzeiten“ begrüssen.

Liebe Grüsse
Sandra

Sprachzeiten - Schreibwelten

Sie nennen ihn den Direktor. Aus der Welt, wo er das wirklich war, ist er schon lange gefallen. Er erinnert sich noch gut an die Blicke, als er seine Sachen im Büro packte und ging. Vorher hatte ihn der Verwaltungsrat zu sich gerufen. Vereint sassen sie alle da, rund um den Tisch, alle akkurat gescheitelt und herausgeputzt. Mit undurchdringlichem Blick schauten sie ihn an, als er eintrat. Er hatte keine Ahnung, was ihn erwartete, aber er war sicher, dass es nichts Gutes war.

Er sei nicht mehr tragbar. Es täte ihnen leid. Er müsse verstehen. Sie hätten keine Wahl. Es sei besser für alle.

Er hat nur noch einzelne Sätze im Kopf. Die, welche ihn wie Messerspitzen trafen. Er sass da und schwieg. Natürlich wusste er, dass in der Vergangenheit nicht alles optimal gelaufen war. Angefangen hatte alles, als Claudia von einem Tag auf den anderen ausgezogen ist. Wobei –…

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Was bleibt

Ich wasche die Wäsche, ich hänge sie auf,
ich putze das Bad und mach’ den Einkauf,
ich koche das Essen, ich wasch wieder ab,
und zwischendurch bin ich auch meistens auf Trab.

Ich geh’ durch die Strassen, ich habe kein Ziel.
Ich fahr mit dem Bus und ich hab’ das Gefühl,
er führe für mich wo ich nicht hin will.
Ich denke an nichts und doch viel zu viel.

Das ist, was wir Lebenden tagtäglich tun,
und irgendwann werden auch wir einmal ruh’n.
Bis dahin trag ich dich durchs Leben in mir,
Erinnerung hält dich am Leben – jetzt – hier.

©Sandra von Siebenthal

3 Inspirationen – Woche 26

Endlich Sommer und endlich wieder in Spanien. Fast ein Jahr ist vergangen seit meinem letzten Aufenthalt in meiner zweiten Heimat hier, umso grösser war erst die Sehnsucht und dann die Freude, wieder hier zu sein. Ich bin mit vielen Projekten im Kopf und Hoffnungen hierher gekommen und seit der Ankunft auch schon fleissig am Arbeiten. Das tut richtig gut! Ich merke, wie hier immer viel mehr Lebensfreude und Schaffenskraft in mir sind. Und ja, das Geniessen kommt auch nicht zu kurz, was aber leicht ist bei der Umgebung. Nur schon all die wunderbaren Farben, die Sonne und vor allem: Das Meer.

Was hat mich diese Woche inspiriert?

  • Als mich diese Woche eine Mail erreichte, ich müsse sofort sämtliche Gedichte von Erich Fried aus dem Blog nehmen, da diese rechtlich geschätzt seien, ich ansonsten eine Strafe erwarten müsse, hat mich das zuerst aus der Bahn geworfen. Erstens hatte ich gedacht, mit meinem Engagement der sonst eher stiefmütterlich behandelten Lyrik zu helfen und somit auch dem Verlag, und zweitens sah ich durch das Zitieren in einem Artikel, der oft durchaus literaturwissenschaftliche Ansätze trägt, die Rechte nicht verletzt. Nun denn – ich fügte mich, löschte auch Gedichte anderer nicht gemeinfreier Autoren und merkte, wie die Luft draussen war. Doch dann regte sich etwas und es kamen neue Ideen, solche auch, die schon lange im Kopf waren, aber noch nicht angepackt, obwohl sie mich reizten. Was soll ich sagen:

Manchmal wird aus einem vermeintlichen Übel etwas Gutes.

  • Mein Englisch war früher sehr gut, auch heute ist das Verständnis lesend und hörend gut, nur das Sprechen habe ich stark vernachlässigt und dadurch verloren geglaubt. Wenn ich in Situationen kam in der letzten Zeit, wo ich etwas sagen musste, wurde ich unsicher und durch diese Unsicherheit fiel mir alles schwer. Dann war ich kürzlich in einem Restaurant, auf dem Weg zur Toilette kam ich an einem Ehepaar mit Hund vorbei, die ich ansprach. Schon bald befand ich mich in einem angeregten Gespräch mit ihnen – auf Englisch. Es ging wunderbar. Dies vermutlich darum, weil ich nicht musste, weil ich mich gar nicht fragte, ob ich das kann, sondern einfach loslegte. Ich habe daraus dies gelernt:

Wenn ich mich nicht mit meinen eigenen Unsicherheiten lähme, kann ich mehr, als ich mir zutraue.

  • Ein Interview mit Adolf Muschg hat mich sehr inspiriert. Es ging um Grenzen und wie nur durch diese Freiheit überhaupt möglich ist – eine Sicht, die ich teile. Grenzenlose Freiheit ist nicht nur undenkbar, sondern auch nicht wirklich wünschenswert, wäre der Mensch doch eine Insel, wollte er sie irgendwie haben. Grenzen bringen auch Sinn und Kreativität. Wäre das Leben grenzenlos, wo läge der Sinn, es zu gestalten? Wären Möglichkeiten unendlich, was wollte man noch finden oder kreativ selber schaffen?

HIER das Video des Interviews.

Andenken an Anne Frank

Heute würde Annelies Marie, genannt Anne, Frank 92 Jahre alt. Schreiben wollte sie, Schriftstellerin werden, doch sie ahnte schon bald, dass dies vielleicht nicht klappen könnte:

«Mit Schreiben werde ich alles los. Mein Kummer verschwindet mein Mut lebt wieder auf. Aber, und das ist die grosse Frage, werde ich jemals etwas Grosses schreiben können, werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden?»

Sie hat nur ein Buch hinterlassen, nämlich ihr Tagebuch. In diesem hält die 13 Jahre alte Anne Frank ihr Leben, Denken und Fühlen während der 25 Monate im Versteck vor den Nationalsozialisten fest. Die Familie Frank, Vater, Mutter und zwei Mädchen und noch vier Menschen versteckten sich in dieser Zeit in insgesamt vier Zimmern in einem Hinterhaus. Vor allem zu ihrem Vater hat Anne ein enges Verhältnis. Dass das Leben auf so engem Raum nicht einfach ist, es auch zu Streit kommt, liegt auf der Hand. Einmal hält Anne Frank fest:

«Ich bin ausser mir vor Wut, aber ich darf es nicht zeigen. Ich möchte mit den Füssen stampfen, schreien […]: Lasst mich doch, gönnt mir doch Ruhe! Muss ich denn jeden Abend meine Kissen nassweinen und mit brennenden Augen und zentnerschwerem Kopf einschlafen? Lasst mich, ich möchte fort von allem, am liebsten aus der Welt. Aber es nützt nichts. Sie haben ja keine Ahnung von meiner Verzweiflung!»

Und schreibt etwas später weiter:

«Wenn du meine Briefe einmal hintereinander durchlesen würdest, würdest du merken, in welchen verschiedenen Stimmungen sie geschrieben sind. Es ist dumm, dass ich hier im Hinterhaus so abhängig bin von Stimmungen. Aber ich bin es nicht allein, wir sind es alle.»

Der letzte Eintrag stammt vom 1. August 1944, drei Tage später wird das Versteck gefunden und Anne Frank wird deportiert. Sie stirbt sieben Monate später im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Auf dass wir nie vergessen, auf dass wir achtsam bleiben, hinsehen, den anderen in seinem Anderssein annehmen und nicht verdammen. Das muss im Kleinen anfangen und sich hoffentlich auf die Welt ausdehnen.

Ebenfalls erschienen hier: Anne Frank (*12. Juni 1929)

Bücherverbrennung – 88 Jahre später

„Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ (Heinrich Heine, 1823)

Heinrich Heine hätte sich wohl nie träumen lassen, wie wahr sein Ausspruch schon ein gutes Jahrhundert später sein könnte. Und doch ist genau das passiert:

Heute jährt sich etwas wieder, das nie hätte geschehen dürfen. Man kann nun sagen, es waren nur Bücher, aber es ging ja um mehr: Die Gedanken, die in den Büchern waren, wollte man nicht mehr haben. Keiner durfte sie lesen, sie waren „systemfeindlich“. Erschreckend genug. Was ich aber auch erschreckend finde, ist, dass diese Aktion von Studenten ausging. Eine Gruppe von jungen Menschen also, die man als denkende Elite ansieht. Wo haben sie wirklich selber gedacht? Mal wirklich hingeschaut? Wie konnten sie so weit kommen? Sie waren im System. Wurden von diesem geprägt, bis sie so tief drin waren, es unbedacht hinzunehmen und zu einem Extrem zu führen. 

Wie oft haben „ganz normale, arme, ungebildete“ Menschen vor dem System fliehenden Menschen geholfen? Einfach aus einer Menschlichkeit heraus? Wir haben auf der einen Seite die geistige Elite, auf der anderen Seite den fühlenden Menschen. Nun gab es aber durchaus auch das andere: Unglaublich dumme, ungebildete Menschen, die in diesem System ihre Chance auf ein wenig Anerkennung sahen und drum blind ihre Nachbarn ans Messer lieferten. Oder aber im System integrierte Menschen, die sich besannen und halfen, wo sie konnten. 

Was ich damit sagen will? Wie oft lassen wir uns blenden von Status, Symbolen, Äusserlichkeiten? Was eigentlich zählt, ist der Mensch dahinter. Und: Ich hoffe, es kommt nie mehr so weit… Ich hoffe, wir dürfen uns immer trauen, hinzusehen, Missstände aufzudecken, gefährliches Gedankengut zu erkennen und einzudämmen. Für ein Miteinander in Frieden und Toleranz. 

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Ich freue mich sehr, dass dieser Text ins Projekt „Lesen gegen das Vergessen“ aufgenommen wurde und da von Peder W. Strux gelesen wurde:

Doris Dörrie: Die Welt auf dem Teller

„Im Kindergarten hatte ich eine Freundin, die hiess Kohlrabi. Das kann doch nicht sein, sagte meine Mutter, die heisst bestimmt nicht Kohlrabi. Doch, doch, wütend bestand ich darauf: Sie heisst Kohlrabi..“

In ihrem Buch „Die Welt auf dem Teller“ nimmt uns Doris Dörrie mit auf eine Reise durch die Welt des Essens. Sie schreibt über Brot, Erbsen und Schokolade, über Kohl, Hühnchen und Apfelsinen.

„Es tut mir wirklich leid, wenn ich Ihnen immer wieder ein Lebensmittel vermiese. Ich kann nichts dafür. Eine Information ereilt mich – und prompt bereue ich, etwas aus Ignoranz so lange gegessen zu haben.“

In kurzen, meist drei bis vier Seiten langen Geschichten erfahren wir, was Doris Dörrie isst, wenn sie in Japan ist, dass sie Kaffee liebt, Grillen dafür weniger. Wir reisen mit ihr nach Neapel, um da die perfekte Pizza zu finden, lesen, an welches Essen sie denken muss, wenn sie an die USA denkt, und welches Essen sie mit Spanien verbindet. Wir lernen, dass Tintenfische intelligent sind, wer Hermann ist und was Essen mit Toleranz zu tun hat.

Wer kennt sie nicht, die kulinarischen Kindheitserinnerungen? Bei wem wecken Nahrungsmittel nicht auch Erinnerungen an Erlebtes? Wer Doris Dörrie kennt, dem sind auch ihre Schreibübungen sicher bekannt (und eventuell ihr Buch „Leben, Schreiben, Atmen“ sowie das Handbuch dazu „Einladung zum Schreiben“). In einigen fordert sie ihre Leser auch auf, über Nahrungsmittel zu schreiben. Mit diesem Buch gibt sie uns nun Beispiele, wie solche Texte aussehen könnten. Zudem denkt man bei gewissen Nahrungsmitteln automatisch an persönliche Bezüge und Assoziationen.  

Die auf Farbe und Form reduzierten und klaren Illustrationen runden das Buch wunderbar ab. Wir haben auf unserem Leseteller ein Arrangement von kurzweiligen Lesehäppchen für den kleinen Lesehunger zwischendurch.

Fazit:
Ein kurzweiliges Buch für zwischendurch, ein anregendes Buch, um selber Papier und Bleistift zur Hand zu nehmen und eigene kulinarische Erinnerungen aufzuschreiben. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

Angaben zum Buch:
Gebundenes Buch: 208 Seiten
Verlag: Diogenes; 1. Edition (26. August 2020)
ISBN-Nr.: 978-3257070514
Preis: EUR  22 / CHF 29.90

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Corona, Gedanken und eine Utopie

Ich bin ein Mensch, der schnell zu viel hat. Zu viel Lärm, zu viele Termine, zu viel Müssen, zu viel von aussen, zu viel Einfluss, zu viel Druck. Vieles von all dem mache ich selber, vieles kommt einfach. Durch die Welt, wie sie ist. Ich suchte mir mein Leben lang Nischen und entzog mich. Das klappte mehrheitlich gut. Das Unverständnis ebenso. 
Es passt nicht in unsere Welt, gerne allein zu sein. In unserer Welt muss man präsent sein, man muss sich zeigen, man muss dabei sein, man braucht Termine, man stellt was dar. In unserer Welt repräsentiert man, fügt sich in Schubladen ein, ist nur genehm, wenn man darin Platz findet. In unserer Welt leistet man, und zwar immer das, was an Leistung gefordert ist aktuell. In unserer Welt ist man, wie man ist, weil man eben so ist und zu sein hat. Wie könnte man nur anders sein?

Und ja in unserer Welt ist man sehr tolerant, man spricht über alles und das soll so sein dürfen. Nur wenn jemand spricht, wie man das nicht möchte, dann grenzt man ihn aus. Das fällt in unserer Welt ja auch so leicht: Ein Klilck, er ist weg. Unsere Welt ist geprägt. Von genau dem. Von diesem Leben in einer pluralistischen und liberalen Gesellschaft, das man sich gross auf die Fahnen schreibt, von dem aber wenig zu spüren ist, da schlussendlich doch nur ein kleiner Teil des Pluralismus genehm und nur ein noch kleinerer Teil vom Liberalismus gedeckt ist. Über den Rest diskutieren wir bevorzugt nicht. 

Und nun sitzen wir in diesem Lockdown. Und mir ist es – um es in meiner Sprache zu sagen – vögeliwohl. Ich bin wohl der Profituer eines Umstandes, den ich mir in meinen wildesten Träumen nie gewünscht hätte. NIcht mal geträumt. Nein, schlicht nicht gewollt. Was aber wertvoll ist: Ich muss nirgends hin. Ich darf nicht. Keiner fragt mich, wieso ich nicht will. Es ist klar: Ich kann nicht. Endlich ist die Ruhe da, die mir gut tut. Endlich darf ich so leben, wie es für mich passt, ohne schräg angeschaut zu werden. Endlich bin ich kein Exot, sondern halt einfach so wie alle anderen. Etwas, das ich nicht kenne. Endlich muss ich mich nicht rechtfertigen – auf Arten und Weisen, die dann doch keiner versteht. 
Und langsam kommt die Angst auf: Es wird ein Nachher geben. Kommt dann alles doppelt und dreifach zurück? Was kommt auf mich zu? Kann ich dem bestehen? Was, wenn nicht? Was mir auffällt ist, dass sich meine schon vorher so ausgeprägten Züge nach Rückzug nicht nur gestillt, sondern verstärkt haben. Was vorher noch mal so ging, ist in der Vorstellung nun schon viel. Ich komme mehr als gut klar mit dem Rückzug (auch wenn sogar mir das Eine oder Andere durchaus fehlt), aber ich merke eine immer grössere Angst, dass ich mit einer Umkehr Mühe haben würde. 

Wird nachher mehr Verständnis da sein? Ich denke, dass eher das Gegenteil der Fall sein wird. Jeder, der Mühe hatte, wird umso mehr darauf bedacht sein, einen Zustand hinzukriegen, der all dem entgegen wirkt. Er wird kompensieren wollen. 

Noch ist es nicht so weit. Und noch behalte ich die Hoffnung, dass diese Zeit, die trotz allem nicht einfach ist und war, etwas bewirkt hat in den Köpfen. Und ich wünsche mir, dass wir mit mehr Miteinander daraus hervor gehen. Vielleicht ist das eine Utopie. Nur: Schon ganz viele Staatsphilosophien gründeten auf Utopien, die Amerikanische Verfassung war eine, um nur ein Beispiel zu nennen… und vieles konnte umgesetzt werden. Wieso nicht auch das?