Leben auf der Flucht

Am Nachmittag des Tages der geplanten Flucht aus Berlin, überkommt Margot auf dem Weg zur Wohnung ein komisches Gefühl. Irgendetwas stimmt nicht, dessen ist sie sich sicher. Und wirklich steht der Mann, der vorher mit schnellem Schritt an ihr vorbei ging, nun vor ihrer Haustür und wartet offensichtlich auf sie. Es gibt kein Zurück mehr, Margot muss an ihm vorbei, als ob sie alles nichts anginge und läutet bei einer Nachbarin, welche sie zum Glück reinlässt. Da erfährt sie die ganze Wahrheit.  Die Gestapo hat alle abgeholt, die Mutter, die zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause war, meldete sich freiwillig, um mit ihrem Sohn zu gehen. Zurück bleibt nur Mutters Tasche mit einer Bernsteinkette und einem kleinen Adressbüchlein mit Adressen, welche zum Zweck einer Auswanderung oder Flucht gesammelt worden waren. Und eine Botschaft: „Versuche, dein Leben zu machen.“

Margot sieht ihre einzige Chance im Untergrund. Sie entledigt sich des Judensterns, färbt die Haare Tizianrot und läuft dann ziellos durch Berlin. Plötzlich steht sie vor dem Haus ehemaliger Freunde und kann erst mal bleiben. Danach führt ihr Leben von Adresse zu Adresse, immer auf der Flucht, immer versteckt und in Angst. Der Preis für die Hilfe ist ab und an hoch, manchmal scheint es blosse Nächstenliebe oder aber verdeckte Ablehnung Hitlers. Ganz sicher ist sich Margot nicht. Während sie von den Deutschen verfolgt wird, sind es oft auch Deutsche, die ihr helfen. Schuld und Unschuld, Täter und Opfer sind Kategorien, die in diesem Buch nicht einfach im Grossen zu verteilen sind.

Eines Tages kommt Margot in eine Kontrolle und gibt zu, Jüdin zu sein. Es fühlt sich an wie eine Befreiung, denn endlich kann sie wieder zu ihrem Schicksal, ihrer Identität stehen, muss nicht lügen, alles verdecken. Die Folge ist das Ghetto in Theresienstadt, wo sie Adolf Friedländer wieder trifft. Sie geben sich gegenseitig Halt, überleben das Ghetto wohl nur deswegen, weil sie erst gegen Ende des Krieges dahinkamen. Das Kriegsende kommt mit der Befreiung, doch wie nun weiter? Hunger herrscht noch immer, Angst ebenfalls.

Die Hand meiner Mutter hatte mich geleitet. Das hatte ich mir immer gesagt, all die Jahre. Ich hatte unter ihrem Schutz gestanden, damit ich überlebte. Und ich hatte es geschafft. Jetzt musste ich den Gedanken zulassen, dass meine Mutter tot war. Ich hatte mich ihr immer nahe gefühlt – bis jetzt. „Versuche dein Leben zu machen.“ Galt das bis hierhin und nicht weiter?

Der Weg aus Theresienstadt erfolgt in Viehwaggons, das mittlerweile verheiratete Paar ist im Besitz eines Briefes aus Amerika, von Adolfs Schwester. Zusammen wandern sie in der Folge aus.

Fazit:

Ein mitreissendes Buch über die wohl dunkelste Seite unserer Geschichte. Erzählt ohne Pathos, ohne Weinerlichkeit, sondern mit einer Klarheit und Kraft, die berührt.

Margot Friedländer (mit Malin Schwerdtfeger): „Versuche, dein Leben zu machen“ Als Jüdin versteckt in Berlin, Rowohlt Taschenbuch-Verlag, Berlin 2008.

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