Was ist ein gutes Leben?

„Wie geht es dir?“

Wie oft werden wir das gefragt, wie oft interessiert es den anderen wirklich? Und wie oft denkt er, die Antwort zu wissen, weil er sich selber etwas zusammenreimt? Was heisst das eigentlich:

„Es geht mir gut.“

Worauf gründet es? Geht es mir gut, wenn ich Geld habe? Wenn ich gesund bin? Wenn ich eine Familie habe? Wenn ich einen Job habe, der mich ausfüllt? Wenn ich Freunde habe? Wenn ich Spass habe? Brauche ich alles davon oder reicht auch ein Teil? Und wenn ja, welcher?

  • Kann es jemandem, der reich ist, schlecht gehen? Kann man dieses „gut gehen“ kaufen?
  • Kann es jemandem schlecht gehen, der geliebt wird? Oder muss er zuerst selber lieben? Reicht eine einseitige Liebe oder muss sie gegenseitig sein?
  • Ist „gut gehen“ individuell oder universell?
  • Ist es dauerhaft oder situativ?

Wer setzt den Massstab? Reden wir überhaupt vom Gleichen, wenn wir von „gut“ reden? Oder setzen wir die jeweils eigenen Massstäbe beim anderen an und befinden dann, dass es dem durchaus gut (oder eben nicht gut) gehen müsste, weil wir denken, uns ginge es dann so, wenn wir hätten, was er hat, oder wären, wo er ist (oder eben nicht)?

Ich schreibe auf dieser Plattform seit über 10 Jahren. Der Inhalt hat sich über die Jahre ein wenig verändert. Anfänglich waren es viele Rezensionen, literarische Texte, dann kamen mehr und mehr philosophische und auch lyrische dazu. Dabei blieb es nicht aus, dass vieles auch sehr persönlich klang – teilweise auch war. Wie sagte schon Goethe:

Alles Schreiben ist autobiographisch.

Das liegt natürlich auf der Hand, da es zumindest aus mir raus kam/kommt. Und darum wohl wurden viele meiner Texte ganz autobiographisch interpretiert. Nur: Es ist nicht alles, was aus mir rauskommt, aktuelles Erleben. Vieles ist erinnert, durch mein Leben spaziert und durchdacht worden. Anderes mag aus Stimmungen heraus entstanden sein oder aber durch Gedankenspielereien. Was allem eigen ist: Es ist mir ein Anliegen, ich schriebe es sonst nicht. Nur:

Geht es mir gut, wenn ich traurige Texte schreibe? Geht es mir gut, wenn ich fröhliche Texte schreibe? Bei beidem wäre wohl die Antwort ja und nein. Wie alle Menschen habe ich (m)ein Leben. In diesem Leben habe ich zu unterschiedlichen Zeiten Dinge erlebt, die Freude machten, und solche, die Kummer bereiteten. Das ganz normale Leben eben. Und immer hatte ich in gewissen Teilen etwas, das andere nicht hatten, gerne gehabt hätten, anderes wiederum nicht, das andere hatten, ich aber nicht. Indem wir uns nun gegenseitig vergleichen und schauen, wer was hat und wer nicht, wenn wir uns bewerten nach Haben und Nichthaben, ohne das aktuell empfundene Sein dahinter zu kennen, begeben wir uns einerseits in einen Wettbewerb, liefern uns andererseits dem (eigenen und dem des Anderen) Leiden aus.

Im Buddhismus heisst es, dass Leben Leiden heisst. Und ja, wir alle leiden dann und wann. Es heisst im Buddhismus weiter, dass alle Menschen glücklich sein wollen. Darin sind wir uns gleich. Ebenso im Leiden. Nun gibt es im Buddhismus auch die vier edlen Wahrheiten, die das Leid erläutern und den Weg daraus beschreiben. So weit möchte ich hier heute nicht gehen, das Thema habe ich mehrfach behandelt. Nur so viel:

Leiden ist oft hausgemacht. Durch die Bewertung unserer Umstände empfinden wir uns als Leidende oder als Glückliche. Und so kann es durchaus sein, dass jemand, der nach aussen alles hat, selber grad unglücklich ist, ein anderer, der von aussen gesehen wenig hat, glücklich ist. Morgen ist es vielleicht andersrum. Aber in dem Moment ist es so. Und ja, vielleicht könnte er dies mit buddhistischer Weisheit, stoischem Gedankentum oder etwas mehr Demut in jedem Augenblick wenden, wenn er grad im Dunkeln sitzt, statt das Licht zu geniessen.

Ich denke oft, dass jeder ein Recht auf seine dunklen Stunden hat. Ich habe Rilke kürzlich schon zitiert, ich tue es gerne nochmals, zumal er einer meiner Lieblingsdichter ist:

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden.

Ich stimme ihm insofern nicht zu, als ich in den dunklen Stunden, die ich durchaus habe (ich denke, die hat jeder, aber dies nur eine Hypothese, ich habe noch nicht jeden danach befragt), leide und nichts lieber hätte als mehr Licht. Aber: Es entstand in der Vergangenheit auch immer ganz viel Gutes und Wichtiges aus solchen Stunden. Wäre es sonst auch entstanden? Ich weiss es nicht. Ich hoffe mal, dass es auch ohne entsteht, denn ich möchte ab heute keine dunkle Stunde mehr haben. Da ich dies aber als Utopie erachte, belasse ich es dabei, den Sinn dieser Stunden darin zu sehen, dass sie mich weiter bringen. Ganz in Nietzsches Sinn:

Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie.

Viktor Frankl hat darauf eine ganze Psychologie aufgebaut. Welchen Sinn geben wir unserem Leben? Da gibt es keine Vergleiche, da gibt es kein gut oder schlecht. Sinn kann schon gar nicht von aussen aufgeladen und bewertet werden, er entsteht im Inneren.

Geht es mir gut? Oft ja, ab und an nicht. Das ganz pralle Leben halt. Es hat wenig mit äusseren Umständen zu tun, diese sind aber oft Auslöser. Es sind die eigenen Befindlichkeiten im Moment. Ich finde, sie dürfen sein (für den Moment – wenn sie andauern, würde ich doch noch genauer hinschauen). Und keiner hat sie zu bewerten. Schön ist, wenn die dunklen Seiten von lichtvollen Wesen mitgetragen, und nicht die lichtvollen Seiten von dunklen Gedanken verurteilt werden. Darauf haben wir aber wenig Einfluss. Wir können nur eines: Unser Leben leben und nach unseren Fähigkeiten dafür sorgen, dass es ein für uns gutes ist. Egal, was die anderen sagen.

Lebenssinne

„Glücklich ist also ein Leben in Übereinstimmung mit der eigenen Natur.“ Seneca

Bin ich gut, wie ich bin? Müsste ich nicht ein wenig anders sein, um wirklich gut zu sein? Taugt, was ich tue, wirklich? Wäre es nicht besser, wenn es ein wenig so wäre wie das, das ich so toll finde bei anderen?

Ich ertappe mich immer wieder bei solchen Gedanken. Es sind keine schönen, keine aufbauenden, im Gegenteil, sie werfen mich immer wieder zurück. Erst in ein tiefes Tal, dann auf mich selbst. Das ist nicht per se schlecht, es ist einfach sehr anstrengend. Ob es nötig ist?

Es wäre bestimmt einfacher, mit einem unantastbaren und gross dimensionierten Ego auf der Welt zu wandeln, immer im Glauben: „Ich bin super. So quasi der Beste.“ Leider bin ich davon weit entfernt. Und ganz oft bin ich dafür auch dankbar, denn die tiefen und düsteren Momente sind mitunter die, welche mich immer wieder auch weiter brachten. Wie sagte schon Rilke:

„Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden…“

Ohne sie hätte er vieles nicht vollbracht, das so wunderbar ist. Und ja, auch mich selber brachten sie immer wieder weiter. Hätte ich sie also missen mögen? Im Moment des Daseins ja. Im Nachhinein nie. Mittlerweile weiss ich, dass sie kommen, zu mir gehören, mich weiter bringen. Als ich.

Ich könnte sie kurz vielleicht umgehen. Indem ich im Stadium des Zweifels kopieren würde, was ich da draussen in der Welt Grosses sehe. Schliesslich und endlich hadere ich in den dunklen Stunden mit meinem (so gefühlten) Kleinsein. Das mag von aussen keiner begreifen, mir vorrechnen, was alles toll und gut und erfolgreich ist und war in meinem Leben. Und ja, da lässt sich sicherlich einiges aufzählen. Im Moment sehe ich es aber nicht. Ich bin aber durchaus dankbar für die Erwähnung, da dies mir hilft, die Relationen nicht ganz zu verlieren.

Was aber wirklich klar ist: Würde ich dahin gehen, schlicht andere zu kopieren, weil sie mir gross scheinen, ich mich klein fühle, wäre ich bloss noch eine Kopie. Was sollte das bringen? Kopieren ist toll. Wenn es ein Übungsweg hin zu etwas Eigenem ist. Schlussendlich zählt aber nur eines: „Wer bin ich, was trage ich zu dieser Welt bei, was ist mein Platz hier?“ Und genau den darf ich einnehmen. Ich muss dazu nichts Besonderes sein, es reicht, wenn ich schlicht ich bin. Denn: Es braucht uns alle irgendwie. Wären alle gleich, würde ganz viel fehlen auf dieser Welt. Man kann das ganz leicht nachvollziehen, wenn man sich ausdenken muss, wie alle sein müssten. Man kann dabei praktisch jeden beliebig einsetzen – wären alle so, würde die Welt nicht weiter funktionieren. Sie lebt von der Vielfalt. Dazu tragen wir bei.

Ich werde wieder hadern, wieder an mir verzweifeln. Aber: Ich werde auch immer wieder gestärkt daraus hervor gehen. Und zurück blicken. Und an Rilke denken. Und danke sagen. Denn: Alles hat seinen Sinn. Auch das Leiden. Und zum Thema Kopie:

Oscar Wilde sagte einst:

„Sei du selbst, denn alle anderen gibt es schon.“

Statt also eine schlechte Kopie eines anderen zu sein, könnten wir daran glauben, dass wir selber ein wertvolles Original sind. Und so leben, wie es uns entspricht. Dann stellt sich auch das Glück ein.

Ich bin verantwortlich für mein Tun

„Alles, was uns an anderen missfällt, kann uns zu besserer Selbsterkenntnis führen.“ (C.G.Jung)

Als ich jünger war – auch heute noch – gibt es Züge bei meiner Mutter, bei denen ich hoffte, nie so zu werden. In Beziehungen zu anderen Menschen kam es vor, dass mich Dinge aufregten, Verhaltensmuster förmlich auf die Palme brachten. Im Miteinander mit verschiedenen Menschen kam es bei mir zu Reaktionen, bei denen ich dachte: „Bin ich das wirklich? So will ich doch nicht sein?“ – Irgendwas hatte mich dazu verleitet, auf eine Weise zu reagieren, die ich an mir nicht kannte oder aber nicht haben wollte.

Nun wäre es ein Leichtes, hinzugehen und zu sagen: Nur weil die anderen sind, wie sie sind, werde ich wütend, bin ich verletzt, reagiere ich auf eine Weise, die ich selber nicht will. Ich könnte damit die Verantwortung für mein Tun und Fühlen abschieben. Nur: Es wäre zu kurz gegriffen und es würde mir nichts bringen. Ich würde mich weiter ärgern – wenn nicht über die Menschen, dann über andere – ich würde mich weiter gleich verhalten – wenn nicht in den Beziehungen, dann in neuen.

Alles, was ich im Aussen sehe und worauf ich reagiere, hat etwas mit mir zu tun. Es sind nicht die anderen Menschen oder Erlebnisse, die mir Probleme bereiten, es ist meine Reaktion darauf. Und: Diese Reaktion hat viel mit mir selber zu tun – sie zeigt sich nur in Beziehungen.

Alfred Adler sagte, dass all unsere Probleme eigentlich Beziehungsprobleme seien. Nur weil wir mit anderen Menschen interagieren, offenbaren sich Probleme – sie entstehen auch nur darum. Wir wollen anerkannt werden, haben Erwartungen, Ängste und Hoffnungen. Aufgrund derer agieren wir im Miteinander. Und nicht selten manövrieren wir uns dadurch in ein ausgewachsenes Problem hinein.

Nun können wir uns nicht einfach aus Beziehungen herausnehmen und alles ist gut. Wir leben als soziale Wesen in einem Miteinander. Nur oft sehen wir es nicht als Miteinander, sondern erleben ein Gegeneinander, in dem wir tunlichst die Oberhand haben oder zumindest nicht abgelehnt werden wollen. Dafür verbiegen wir uns, dafür versuchen wir, alles nur mögliche zu tun – oder aber wir verweigern uns, da wir denken, sowieso nicht zu erreichen, was wir uns erhoffen – von uns und von anderen.

Wenn wir also wieder einmal Ärger, Wut, Angst verspüren durch das Verhalten eines anderen, oder wenn wir uns auf eine Weise verhalten, die für uns so gar nicht zu uns passt, sondern nur durch den anderen ausgelöst scheint:

Das ist der Zeitpunkt in mich zu gehen und hinzusehen. Was will mir dieses Gefühl sagen? Was bezwecke ich mit dem Verhalten? Was in mir trägt zu meinen Emotionen bei?

Ich kann die anderen nicht ändern. Ich kann auch das Leben nicht ändern. Was ich ändern kann, ist meine Haltung dazu. Ich habe es grundsätzlich jeden Moment in der Hand, für mich und mein Verhalten die Verantwortung zu übernehmen, indem ich mich so verhalte, wie ich es mir für mein Leben wünsche. Es werden mich dann vielleicht nicht alle mögen, aber: Ich lebe dann mein Leben und bin nicht fremdgesteuert durch zu impulsive Reaktionen auf das Verhalten anderer.

Eigene Wege gehen

„Glaube an deine eigenen Gedanken.“ (Ralph Waldo Emerson)

Wir suchen uns oft Autoriäten im Leben, die uns dann sagen sollen, wo es lang geht. Früher hatten Religionen diese Aufgabe, heute sind es Eltern, Lehrer, Gurus, Coaches – Menschen, die sagen, dass sie wüssten, wie der Hase läuft, Menschen, die dich glauben machen, dass es dir gut geht, wenn du ihnen und ihren Anleitungen folgst.

Wir folgen gerne, denn wieso erst einen eigenen Weg trampeln, wenn uns schon jemand die Arbeit abgenommen hat und ihn uns nun zeigen kann? Wieso sollen wir uns erst selber Gedanken machen? Erstens wüssten wir nicht, ob sie richtig sind, wir würden sie also bezweifeln, zweitens steht da jemand, der siegesgewiss lächelnd den Erfolg zu garantieren scheint.

Dabei gibt es nur ein Problem: Jeder kann uns seinen Weg zeigen, nur den eigenen Weg kennt man nur selber. Er ist in einem angelegt und wartet da auf Entdeckung. Indem wir uns immer mehr nach aussen wenden, verlieren wir immer mehr das, was wir eigentlich sind und tun wollen. Wir orientieren uns an fremden Wegen, eifern Vorbildern nach, kopieren die, welche wir verehren. Dabei bleiben wir selber teilweise auf der Strecke. Niemand sagt, wir müssten den Weg alleine gehen, aber: Wenn wir einen eigenen Weg gehen wollen, dann finden wir den nur in uns selber. Andere Menschen können uns vielleicht dabei helfen, ihn zu suchen, sie können uns beim Gehen begleiten, aber nie können sie ihn uns zeigen, ihn für uns gehen, für uns entscheiden, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Das können wir nur selber tun.

Wenn wir uns also wieder einmal auf die Wegessuche machen, gilt es, die eigenen Gedanken zu erforschen. Aus ihnen können wir den Weg lesen. Danach gibt es nur noch dies: An diesen Weg glauben und ihn gehen. Zielstrebig, mit Mut, Zuversicht, Ausdauer und Vertrauen.

Glück aufbauen

Ich wollte dir ein Haus erbauen
ich riss es schliesslich ein.
Ich wollte doch so sehr vertrauen,
es sollt’ auf ewig sein.

Ich wollte mit dir Pferde stehlen,
ich ritt auf ihnen weg.
Ich kann dabei gar nicht verhehlen,
dass mich das selbst bewegt.

Ich steh mir manchmal selbst im Lichte,
und glaube nicht an dich.
Ich mach’ mir alles das zunichte,
was teuer ist für mich.

Ich habe Angst und fliehe dann,
von wo ich doch am liebsten bin.
Ich fürchte mich, dass ich nicht kann,
was eigentlich in meinem Sinn.

Ich möcht’ mit dir mein Leben teilen,
und fürchte alles, was uns trennt,
und statt dann glücklich zu verweilen,
bin ich es, der’s verbrennt.

Ich möchte dir ein Haus erbauen,
ich lass es fortan steh’n,
komm lass uns beide drauf vertrauen,
und mutig in die Zukunft seh’n.

©Sandra Matteotti

Die eigenen Muster erkennen

„Selbsterforschung führt zum inneren Licht.“ (Patanjalis Yoga Sutras, 2.44)

Wie gehe ich mit Stress um? Wie reagiere ich auf unangenehme Situationen? Wie benehme ich mich bei Auseinandersetzungen?

Oft gehen wir durchs Leben und reagieren spontan auf dieses und auf die Menschen. Alles läuft nach einem Automatismus ab, wir brauchen nicht nachzudenken. Das mag in gewissen Situationen hilfreich sein, da es einerseits Zeit spart, andererseits das Leben leichter macht. Es kann aber auch zu einer Belastung werden, nämlich dann, wenn wir uns immer wieder in ähnlich unliebsamen Situationen wiederfinden durch unsere Reaktionen und nicht wissen, wie das passieren konnte.

Es gibt nur einen Weg, das zu ändern: Wir müssen ergründen, was genau passiert, dass wir immer wieder in gleiche Verhaltensfallen tappen. Wir müssen dazu quasi Licht ins Dunkel unserer Muster und Prägungen bringen. Tun wir das nicht, bleiben wir Sklaven unserer Gewohnheiten, wir sind ihnen hilflos ausgeliefert. Erst wenn wir herausfinden, was uns in gewissen Situationen auf eine nicht sinnvolle Weise reagieren lässt, können wir daran arbeiten.

Es wird nicht ausbleiben, dass auch wenig angenehme Wahrheiten über uns ans Tageslicht kommen, weswegen der Blick ins eigene Innere auch Mut kostet. Aber: Er lohnt sich. So tief die eigenen Abgründe auch sein mögen, erst wenn wir sie erkennen, können wir daran arbeiten, sie zu überwinden. Dann kann es uns gelingen, vormals blindes Tun in bewusstes Verhalten zu verändern und damit aus der Spirale der ewig gleichen Abläufe auszubrechen.

Ich brauche keine Anerkennung

Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht jeden mögen.

Vor langer Zeit stellte ich diesen Satz als eigenes Mantra bei Twitter rein. Ich war überzeugt, dass es genau so ist. Und ich konnte es nicht leben. Wie oft suchte ich die Anerkennung. Wie oft fürchtete ich, man könnte mich nicht mögen. Wie oft versuchte ich, alles „recht“ zu machen, um ja nicht abgelehnt zu werden. Wie unfrei war ich. Gefangen in Versuchen, die Erwartungen anderer zu erfüllen – teils wirklich ihre, teils die, welche ich ihnen zuschrieb.

Alfred Adler sagte sinngemäss, dass wir nicht auf der Welt sind, damit wir die Erwartungen anderer erfüllen. Wie oft aber versuchen wir es? Und scheitern? An uns, an ihnen, am Leben? Wie oft denken wir, dass das Leben so kompliziert ist, Beziehungen schwierig sind und wir nicht genügen?

Was macht den Wert eines Menschen aus? Was er hat? Was er kann? Was er verdient? Oder vielleicht doch nur, dass er da ist? Kein Mensch ist eine Insel, kein Mensch lebt für sich allein. Um als menschliche Individuen zu leben, brauchen wir andere Menschen, wir brauchen eine Gemeinschaft. Und zu dieser wollen wir gehören, in ihr wollen wir einen Wert haben.

Heutzutage wird dieser Wert oft in Geld gemessen. Sag mir, was du hast/verdienst, ich sage dir, was du (mir/der Gesellschaft) wert bist. Wenn das Leben aber zum Tauschhandel wird, haben wir alle verloren, denn: Jeder rennt nur dem Status nach, der ihm von aussen zugeschrieben wird. Was von innen zum Leben drängt, wird oftmals ignoriert – und dies mitunter mit schwerwiegenden Folgen wie psychischen Problemen, Alkoholmissbrauch, Süchten, Drogen oder anderen Überkompensationen. Allem zugrunde liegt das menschliche Unglück. Dieses war statistisch kaum so sehr verbreitet wie heutzutage.

Es ist DEIN Leben. Nur du kannst es leben.

Alfred Adler hat eine wohltuend klingende, kaum glaubhafte und schwer umzusetzende Aussage:

Du kannst dich ändern. In jedem Moment hast du es in der Hand, ob du glücklich sein willst.

Was es dazu braucht? Das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Was wir heute unser Leben nennen, haben wir heute in der Hand. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, wir können die Zukunft kaum planen – nur hoffen – und wir können nur eines: Hier und jetzt leben. Es sind nicht die wirklichen Erfahrungen der Vergangenheit, die uns prägen, es ist die Bedeutung, die wir diesen zuschreiben. Es sind nicht die Erwartungen der anderen, die uns lenken, es ist der Wert, den wir diesen geben. Es sind nicht die Ziele, die uns leben lassen, es ist das, was wir heute tun. Und wenn es das ist, was wir gerne tun, weil es uns entspricht, dann zieht auch das Glück ins Leben ein.

Das soll kein Plädoyer dafür sein, plan- und ziellos durchs Leben zu gehen, alle vor den Kopf zu stossen und zu denken „nach mir die Sintflut“. Es ist Gedankenanstoss (immer auch an mich selber), hinzuschauen:

Lebe ich wirklich, was ich leben will, oder versuche ich nur, es allen recht zu machen?

Wer singt nicht, wenn keiner zuhört, tanzt nicht, wenn es keiner sieht? Wieso nur dann? Wieso haben wir so oft Angst, ausgelacht, nicht gemocht zu werden? Wieso machen wir uns so oft zum Sklaven fremder Erwartungen, zum Diener erhoffter Anerkennung? Keiner muss mich mögen. Aber ja, es ist schön, wenn es passiert. Aber nur dann, wenn ich so gemocht bin, wie ich bin. Als ich.

Achtsames Reden

„Im Bewusstsein des Leides, das durch unachtsame Rede und durch die Unfähigkeit, anderen zuzuhören, entsteht, gelobe ich, liebevolles Sprechen und aufmerksames, mitfühlendes Zuhören zu entwickeln, um meinen Mitmenschen Freude und Glück zu bereiten und ihre Sorgen lindern zu helfen.“ (Thich Nhat Hanh)

Ich habe mich selber schon dabei ertappt, dass ich bereits Antworten suchte, bevor mein Gegenüber fertig gesprochen hat. Natürlich kriegte ich noch mit einem Ohr mit, was er mir sagte, aber wirklich präsent war ich doch nicht mehr. Und bestimmt ist mir auch schon das eine oder andere unachtsame Wort über die Lippen, das zu harsch klang, zu impulsiv und auch verletzend. Wenn mir das im Nachhinein bewusst wird, wünschte ich, ich hätte meine Worte zuerst durch die drei Siebe des Sokrates gelassen:

Ist es wahr? Bin ich wirklich sicher, dass es so ist, wie ich sage, oder ist es nur eine Meinung oder gar Hören-Sagen?
Ist es gut? Ist das, was ich sage, gut, sind es meine Absichten?
Ist es notwendig? Muss ich das wirklich sagen oder könnte ich auch genauso gut schweigen?

So manches bliebe da wohl ungesagt und das wäre vielleicht auch besser. Worte können Waffen sein, sie können aber auch Freude bereiten. Schön wäre, wir würden mehr Worte der zweiten Sorte finden.

Was ich denke, bin ich

„Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir unsere Welt.“ (Buddha)

Wieso habe ich mich so blöd verhalten? Wieso ist mir bloss dieser Fehler unterlaufen? Was bin ich doch für ein Idiot? Keiner wird mich mögen, wenn ich mich so anstelle…. Die Reihe liesse sich beliebig erweitern und wohl kaum jemand, der nicht schon mal so von sich gedacht hat.

Den ganzen Tag schiessen Gedanken durch unseren Kopf. Die meisten davon nehmen wir nicht mal bewusst wahr, sie kommen, gehen und sind weg. Doch: Ganz weg sind sie nicht, sie haben eine Spur hinterlassen, eine, die wir nicht sehen, nicht direkt fühlen, die wir aber irgendwann wahrnehmen, weil wir uns auf eine bestimmte Weise verhalten – und teilweise nicht wissen, wieso wir das so tun.

Wenn wir uns die Zeit nehmen, mal genau hinzuschauen, wenn wir uns unserer Gedanken bewusst werden, sehen wir, was wir uns den ganzen Tag erzählen – und: Die Botschaften sind nicht immer nett, oft sind sie auch abwertend, verurteilend, destruktiv. Wenn diese negativen Selbstbewertungen unbewusst bleiben, nagen sie nur tief in uns, wir können kaum etwas dagegen oder damit anfangen. Erst wenn wir uns ihrer bewusst werden, können wir lernen, besser damit umzugehen. Aber: Es wäre falsch, uns für negative Gedanken zu verurteilen, damit täten wir das Gleiche nochmals. Stattdessen sollten wir besser versuchen, liebevolle und mitfühlende Gedanken für uns selber aufzubringen, um so Positives zu säen.

Je öfter wir uns bewusst werden, was wir tun und versuchen, uns liebevoll zu behandeln, desto mehr positive Spuren legen wir in uns an, die sich vertiefen, verfestigen, zu neuen Denkgewohnheiten werden und sich schliesslich ganz in unserem Sein niederlassen.

Sonnenuntergang

Am Tag, an dem das Licht ausgeht,
die Seele schlicht am Boden liegt.
Am Tag, der dir den Atem nimmt,
und Dunkelheit das Hell besiegt.
Am Tag, an dem das Herz sich leert,
der Magen sich zum Klumpen staut.
Am Tag, an dem du nicht mehr magst,
sich hoch am Himmel Unheil braut.
An diesem Tag weisst du genau,
du nimmst dein Hab und gehst dahin,
an diesem Tag spürst du den Tod
und nirgends scheint ein Neubeginn.

An mich selber glauben

„Vorstellungen sind mentale Muster, die nicht auf real existierenden Objekten beruhen.“ (Patanjalis Yoga Sutras, 1.9)

„Das kann ich nicht! Das schaffe ich nie!“

Ich erinnere mich an eine Motorradtour, bei der ich zum ersten Mal einen Beifahrer auf dem Motorrad hatte. Obwohl ich ein guter und sicherer Motorradfahrer bin, traute ich mir das zusätzliche Gewicht nicht zu und fand xxx Gründe, wieso das nicht gehen, wo ich Probleme haben oder anstehen könnte. Diese Gründe erzählte ich natürlich auch allen, die sie hören oder nicht hören wollten…

Kennst du das auch? Eine schwierige Aufgabe steht an, eine Prüfung, auf die du zwar geübt hast, aber trotzdem nicht an ein gutes Ergebnis glaubst – und schon sind die Gedanken da. Oder da ist da dieser nette Nachbar, den du dich trotz seines netten Lächelns nicht anzusprechen traust, zu überzeugt bist du, einen Korb zu bekommen. Nur: Wieso denkst du so?

Oft stellen wir uns vor, wie die Dinge misslingen, weil wir nicht an uns selber glauben. Wir trauen uns die Dinge nicht zu und werten uns schon im Vorfeld ab. Zudem: Wenn wir dann wirklich versagen, können wir uns immerhin darauf berufen, es ja gewusst zu haben. Zudem: Wie würde es andersrum auch aussehen, wenn wir dahin gingen und stolz verkündeten, die nächste Prüfung mit Bravour zu bestehen, Herausforderungen mit links meistern zu können? Wären wir dann nicht Aufschneider? Gehört es nicht zum guten Ton, etwas tiefzustapeln? Erhoffen wir uns dadurch nicht auch Sympathien. Unser Gegenüber wird sich hüten, uns im Negativen zu bestätigen, sondern gleich Gegensteuer geben und uns aufbauen. Uns quasi eine positive Haltung uns gegenüber zeigen.

Wozu wir in der Lage sind, zeigt sich immer erst dann, wenn eine Situation eintritt. Leider erfüllen sich Prophezeiungen oft und unsere Unkenrufe werden wahr. Wir haben zu wenig an uns geglaubt und dann auch zu wenig investiert. Es ist, als ruhten wir uns auf unserem eigens bereiteten Bett aus und wunderten uns dann, dass wir wirklich einschlafen.

Wirklich bringen tut uns das wohl alles nichts. Die durch die eigene Abwertung bekommene Zuwendung gilt nicht uns und unserem wirklichen Können, es ist eher eine der Situation geschuldete Spontanreaktion. Zudem ist Tiefstapeln nicht wirklich Bescheidenheit, sondern oft nur mangelndes Selbstwertgefühl, Angst oder gar ein Vorwand, nicht zu viel investieren zu müssen, da ein Erfolg sowieso aussichtslos erscheint – statt es einfach zu probieren (und eventuell sogar zu reüssieren…)

Wenn ich mir das nächste Mal also einrede, etwas nicht zu können oder zu schaffen, wieso schiebe ich dann nicht diese Gedanken zur Seite und tue es einfach?

(Die Fahrt mit meinem Sozius verlief übrigens problemlos, ich hätte mir viel ersparen können vorher, wenn ich einfach an mich geglaubt hätte).

Ich bin Teil von etwas Grossem

„Mitgefühl und Wohltätigkeit befreien uns aus dem Gefängnis der Selbstbezogenheit und geben uns das Gefühl, Teil von etwas Grossem zu sein.“ (Thupten Jinpa)

Wenn wir nur mit uns selber beschäftigt sind, sehen wir uns oft als Nabel der Welt – und leiden entsprechend. Denn: Sobald etwas nicht läuft, wie wir das wollen, sehen wir uns als Opfer, denken, wir wären alleine damit und nur uns träfen solche Missstände.

Wir sind nicht allein. Alle Menschen erfahren Leiden. Alle Menschen wünschen sich Glück. Im Wissen darum erfahren wir, dass wir alle in einem Boot sitzen. Aus diesem Wissen kann sich Mitgefühl entwickeln. Das Überschreiten der eigenen Grenzen, das Gefühl der Verbundenheit lassen uns besser mit dem eigenen Leid umgehen. Wir treten hinaus aus den selbst gebauten Mauern und fühlen uns plötzlich als Teil eines Ganzen, nicht mehr als Einzelwesen, dem allein alles Leid zufällt.

Wenn wir aus diesem Mitgefühl heraus auch Gutes tun, Leidenden helfen, ihr Leid zu mindern, erfahren wir unsere Selbstwirksamkeit. Aus dieser speist sich wiederum ein gutes Gefühl auch in und für uns selber.

Niemand ist eine Insel. Die gegenseitige Anteilnahme und das gegenseitige Mitgefühl helfen, als Mensch unter Menschen in einer menschlichen Welt zu leben.

Innerer Frieden

„Wie reich und mächtig wir auch sein mögen, ohne Mitgefühl erfahren wir keinen inneren Frieden.“ (Dalai Lama)

Wir leben in einer leistungsorientierten Welt, in der viele tagaus tagein damit beschäftigt sind, möglichst viel Geld und Ruhm anzuhäufen. Was dabei auffällt ist, dass es nie genug zu sein scheint. Im Gegenteil: Je mehr man vom beiden hat, desto mehr scheint der Ehrgeiz angestachelt, noch mehr zu haben.

Und so rasen ganz viele Menschen durchs Leben auf der Jagd nach mehr, in der Hoffnung, das Gefühl der Unzufriedenheit würde dadurch kleiner. Leider ist oft das Gegenteil der Fall. Innere Zufriedenheit und inneren Frieden werden wir nie durch das Erreichen äusserer Mittel erreichen. Sie stellen sich nur ein, wenn wir die Werte in uns pflegen und leben. Allen voran das Mitgefühl.

Die Wirkungen von Mitgefühl

„Mitgefühl ist unser bestmöglicher Schutz, und wie die großen Meister der Vergangenheit immer schon wussten, ist es auch die größte Quelle der Heilung.“(Sogyal Rinpoche)

Dass Mitgefühl nicht nur ein schöner Gedanke von einigen weltfremden buddhistischen Mönchen ist, erfährt sicher jeder, der sich in der Kunst des Mitgefühls übt. Auch die Forschung interessiert sich aber mehr und mehr für das Mitgefühl, und sie hat interessante Dinge herausgefunden:

  • Mitgefühl ist uns als Fähigkeit angeboren. Erst durch die Sozialisation lernen wir, zwischen den Menschen zu unterscheiden, denen wir es zuteil werden lassen, und denen, welchen nicht.
  • Wer selber Mitgefühl lebt, kann in Stresssituationen grösseren Nutzen aus der Hilfe und dem Wohlwollen anderer ziehen.
  • Soziales Engagement und Mitgefühl verzögern den Alterungsprozess
  • Mitfühlende Menschen sind insgesamt optimistischer
  • Mitgefühl ist eine sinngebende Kraft, weil wir uns als selbstwirksam erleben.
  • Mitgefühl ist ein gutes Mittel gegen Einsamkeit, welche man in unserer Gesellschaft schon fast als Volkskrankheit bezeichnen kann mit enormen Auswirkungen.
  • Mitgefühl ist eine Art der Bestätigung – der andere fühlt sich wahrgenommen und geschätzt.
    Die Liste liesse sich weiter fortsetzen, aber: Reichen die Gründe nicht schon, um noch heute damit zu beginnen, mehr Mitgefühl in unserem Leben zu praktizieren?