Lebenskunst: Glück

«Das Glück ist keine leichte Sache: es ist sehr schwer, es in uns selbst, und unmöglich, es anderswo zu finden.» Arthur Schopenhauer

Aristoteles sah sie als oberstes Ziel eines gelingenden Lebens: die Glückseligkeit. Im folgten über Jahrtausende viele Menschen, alle auf der Suche nach dem Glück, danach, was das Leben zu einem schönen macht. Es wurden Thesen aufgestellt, Definitionen verfasst, Regale mit gefüllt mit vielen Büchern – und doch scheint es nicht gefunden worden zu sein, denn es entstehen ständig neue Bücher. Fruchten die Anleitungen nicht? Oder halten sich die Menschen einfach nicht dran?

Die buddhistische Sicht auf das Glück ist eine einfache: Glück ist in uns allen angelegt, wir erlangen es nicht, indem wir den Dingen im Aussen nachrennen. Glück ist ein Zustand innerer Erfüllung, nicht die Befriedigung des unerschöpflichen Verlangens nach äusseren Dingen.

Das ist natürlich sehr ärgerlich, haben wir doch die letzten Jahre und Jahrzehnte damit verbracht, genau das zu tun: Etwas zu wollen, etwas anzustreben, etwas zu kaufen. Zwar haben wir auch gemerkt, dass es mit dem Glück dann doch nicht weit her war. Im besten Fall zeigte es sich für einen kurzen Moment, doch auch dann war es schnell wieder weg. Doch es ist nicht zu spät:

Will man sich auf die Suche nach dem Glück machen, gilt es, die Sicht von aussen nach innen zu verlagern und den eigenen Geist zu schulen. Wir müssen erkennen, wie der Geist funktioniert und vor allem, was uns gut tut und was nicht. Das klingt einfach, ist aber eine langwierige Angelegenheit.

Eine Lebensweise zu pflegen, durch die man dauerhaftes Glück erreicht, ist eine Kunst. Es erfordert ständiges Bemühen, eine unablässige Schulung des Geistes und die Entwicklung einer Reihe von menschlichen Qualitäten wie etwa Geistesruhe, Achtsamkeit und selbstlose Liebe. Darin sind sich die westliche und die östliche antike Philosophie einig. Bei den Stoikern ist das oberste Ziel im Leben, zu einer gelassenen Haltung, einer inneren Ruhe zu kommen. Ist dies erreicht, ist das Glück automatisch da. Glück ist danach also nicht etwas, das wir anstreben sollen, sondern es ist das Nebenprodukt einer eigenen Haltung, eines Seins.

Dies deckt sich sowohl mit dem yogischen Denken wie auch dem buddhistischen, es wird von der neuen wissenschaftlichen Forschung untermauert. Das Schöne daran: Man muss es nicht einfach glauben, man kann es erfahren, indem man etwas dafür tut. Wenige Minuten der Bewusstwerdung, der Meditation, des Zur-Ruhe-Kommens reichen, um nach und nach zu einer Veränderung führen hin zu einem Gefühl von mehr Ruhe, mehr Wohlbefinden – und sogar Glück.

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Buchempfehlung zu dem Thema:

Matthieu Ricard: Glück

Ricard versteht es, ein grosses Thema auf eine verständliche, tiefgründige und gut lesbare Art zu vermitteln. Er greift bei seinen Darlegungen auf ein immenses Wissen westlicher und östlicher Philosophie zurück, er zitiert die neue wissenschaftliche Forschung und legt die buddhistische Sicht dar, die sich in vielen Punkten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen deckt. Dabei bleibt er nicht in der trockenen Theorie, sondern erläutert diese mit anschaulichen persönlichen Erlebnissen.

Neben den theoretischen Erklärungen finden sich auch Anleitungen für die eigene Meditation zu Hause, so dass man sich gleich hier und jetzt auf den Weg zum eigenen Glück machen kann. Ein wahrlich wunderbares Buch, das in keinem Regal fehlen sollte!

Zum Autor: Matthieu Ricard
Matthieu Ricard arbeitete als Forscher auf dem Gebiet der Molekularbiologie, ehe er seine Berufung zum Buddhismus erkannte. Seit 25 Jahren lebt er als buddhistischer Mönch in den tibetischen Klöstern des Himalaya. Er übersetzt Werke aus dem Tibetischen und ist der offizielle Französischübersetzer des Dalai Lama.

Lebenskunst: Dinge achtsam tun

«Unser Leben ist nicht schön, weil wir perfekt sind. Unser Leben wird schön, weil wir unser Herz in alles stecken, was wir tun.» Sadhguru

Oft denken wir, wenn wir nur schöner, reicher oder erfolgreicher wären, wäre unser Leben schön. Selbstoptimierung ist ein modernes Wort für diese Sicht: Werde das perfekte Du und die Welt liegt dir zu Füssen – und wenn sie schon da liegt, wie könnte dann das Leben nicht schön sein? Nur, bei Lichte betrachtet: Nehmen wir an, ich wäre nun wunderschön. Was an meinem Leben wäre genau schöner? Kopfschmerzen hätte ich wohl immer noch dann und wann. Vielleicht würden sich ein paar mehr Männer nach mir umdrehen, aber das wäre auch nicht die Welt – die würde sich wohl genauso wenig um mich kümmern wie vorher, zumal ich nicht die einzige wäre, die wunderschön durch sie läuft. Vielleicht wäre der Blick in den Spiegel ein erfreulicherer – zumindest für eine kurze Zeit, denn die Chancen wären gross, dass mir bald etwas Neues auffiele an mir, das mir nicht gefällt – und alles ginge von vorne los.

Was aber bringt mir dann das schöne Leben? Ich denke, das kann nur aus mir selbst heraus entstehen. Nicht dadurch, was ich bin, sondern was ich tue – und vor allem: Wie ich es tue. Wenn ich beiläufig oder gar widerwillig Dinge verrichte, wird das sicher schwer mit dem schönen Leben. Tue ich Dinge, die mir Freude bereiten, aus vollem Herzen, fühlt sich das schön an. Wenn sie sogar gelingen, noch schöner – wobei das zweitrangig sein sollte, denn das Tun an sich ist schon befriedigend, weil ich in ihm aufgehe.

«Wenn ich stehe, stehe ich, wenn ich gehe, gehe ich, wenn ich sitze, sitze ich, wenn ich esse, esse ich.»

Nun können wir meist nicht nur Dinge tun, die uns Spass machen, es gibt auch alltägliche Verrichtungen und Pflichten, die auf uns warten. Thich Nhat Hanh rief immer wieder dazu auf, alles, was wir tun, bewusst zu tun. Sei es abspülen, Wäsche waschen, den Boden kehren: Tue es bewusst und sei mit deiner Aufmerksamkeit ganz dabei, was du tust.

Nehmen wir das Abwaschen: Wir nehmen einen Teller in die Hand, halten ihn unter den Wasserstrahl, fühlen, wie das Wasser über unsere Hände läuft, drehen den Teller in unseren Händen und reinigen sorgfältig seine Oberfläche vom Dreck. Wir drehen ihn weiter und trocknen ihn sorgsam ab, das Tuch in unseren Händen spürend, gewahr, wie die glänzenden Wasserflächen langsam trocken werden. Dann stellen wir ihn achtsam in den Schrank zurück, ohne das übliche Geklirr, sondern sorgsam still. Wie viel anders sich das anfühlt, als den Teller zu nehmen, innerlich genervt vom Tun schon an das nächste denkend, ihn gedankenlos hin und her zu drehen, abzutrocknen und mit Geklirr zu verräumen. Wer nun denkt, er hätte eine Geschirrspülmaschine, das werde also nichts mit dem achtsamen Tun: Das geht auch mit Zähne putzen, Betten machen, Boden wischen, etc.

Vielleicht dauert es ein wenig länger auf diese Weise, aber dieses Tun wird in dir ein Wohlgefühl auslösen. Und was wäre ein schönes Leben anderes, als ein Leben, in dem wir uns mit uns und dem, was wir tun, wohl fühlen?

Luvvie Ajaye Jones: Handbuch für Unruhestifterinnen. Feier deine Stärken – und zwar laut

Sei mutig und wild, sei du selbst

Inhalt

„Es geht vielmehr darum, ein waches Bewusstsein entwickeln. Zu wissen, dass wir genauso auf die Erde gehören wie jede und jeder andere auch.“

Als Kind der letzten Generation bin ich mit Aufforderungen aufgewachsen, bloss nicht zu laut zu sein, bloss nicht aufzufallen, mich auch ja schön artig zu benehmen. Am besten war es, wenn man mich nicht wahrnahm, ich quasi als braver Mitläufer in dieser Welt existierte, der seine Leistungen gut und richtig (nach äusserem Massstab) erfüllte und wenn eine Wirkung, dann eine positive hervorrief. Unter allem lag die latente Botschaft: Sei nicht so (wie du bist). und bei Nicht-Gelingen sofort: „Du bist nicht gut genug.“

„Denn was wir für möglich halten, hat Einfluss darauf, wie weit wir gehen.“

Leider nehmen wir solche Prägungen oft ins Erwachsenenleben, die Sätze setzen sich fest, sie werden Glaubenssätze, an denen wir unser Denken, Fühlen und Handeln ausrichten. Der Satz „Das kann ich nicht.“, die eigene Verurteilung „Ich bin nicht gut genug.“ und das harte Gericht mit uns selbst, wenn etwas misslingt, sind Zeugen davon.

„Gewöhnt euch daran, euch unbeliebt zu machen.“

Und immer versuchen wir, es anderen recht zu machen. Wir verbiegen uns, passen uns an und vergessen uns darüber nicht selten selbst. Luvvie Ajayi Jones sagt in ihrem Buch: „Stopp!“ Sie ruft auf, an sich zu glauben, sich ernst zu nehmen, sich den Wert zuzuschreiben, der einem zusteht. Sie macht Mut, sich selbst zu entdecken und auszuleben, an sich zu glauben.

„Dein Leben ist keine Zirkusvorstellung und nicht alle Menschen haben das Recht auf eine Eintrittskarte.“

Das ist nicht immer einfach, denn es wird nicht jedem gefallen, nur: Es gefällt nie allen, und wer mich so, wie ich wirklich bin, nicht mag, der ist vielleicht in meinem Leben am falschen Platz.
Ich kann nicht aufhören zu wachsen, nur weil es einem anderen Menschen mehr behagen würde. Es ist nicht meine Aufgabe, es den Menschen behaglich zu machen.“

Aus diesem Grund ist es Jones Botschaft: Sei du selbst. Sei es in deinem Sein, in deinem Sprechen und in deinem Tun. Traue dir was zu, riskiere auch mal ein Scheitern, es gehört dazu und ist kein Weltuntergang. Vertraue auf dich und feuere dich selbst immer wieder an. Und vor allem: Setze deine Grenzen. Bestimme selbst, was du willst, wen du in deinem Leben willst, und wo ein Nein die bessere Wahl ist. Das wird dich verändern und diese Veränderung wird nicht jedem gefallen, denn du wirst nicht mehr das bequeme Objekt für die Erfüllung von fremden Erwartungen sein. Sei stolz darauf!

„Anstatt es als Beleidigung aufzufassen, wenn uns Veränderung attestiert wird, sollten wir einfach sagen: „Danke fürs Bemerken, ich hab auch schwer an mir gearbeitet.““

Fazit
Ein inspirierendes Buch, das Mut machen will, das Leben in die Hand zu nehmen und die zu sein, die man ist. Empfehlenswert.

Zur Autorin
Luvvie Ajayi Jones ist Bestsellerautorin, Podcasterin und eine gefragte Rednerin an der Schnittstelle von Humor, Medien und Gerechtigkeit. Ihre hochgelobten Bücher Professional Troublemaker: The Fear-Fighter Manual and I’m Judging You: The Do-Better Manual schafften es auf Anhieb auf die New York Times Bestseller List. Als Speakerin tritt sie regelmäßig auf Bühnen rund um den Globus auf, unter anderem bei Großunternehmen wie Google, Facebook, Amazon und Twitter. Ajayi Jones ist zudem Mitegründerin der Initiative #SharetheMicNow und hat ihren eigenen Podacst: Professional Troublemaker.

Angaben zum Buch
Herausgeber : Rowohlt Taschenbuch; 1. Edition (13. September 2022)
Sprache : Deutsch
Taschenbuch : 336 Seiten
ISBN-13 : 978-3499008542
Originaltitel : Professional Troublemaker: The Fear-Fighter Manualar-Fighter Manual: Lessons From a Professional Troublemaker
Übersetzung: Viola Krauss

Lebenskunst: Mich im anderen finden

«Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiss ich, womit du dich beschäftigst, so weiss ich, was aus dir werden kann.»

Goethe greift hier in seinem Wilhelm Meister eine tiefe Wahrheit über unser Sein auf: Wir sind geprägt durch unsere Umwelt – und dies mehr, als uns wohl oft bewusst ist. Menschen brauchen andere Menschen, um eine Identität auszubilden. Erst im Umgang mit anderen erfahren wir, wer wir sind, weil wir anhand ihrer Reaktionen auf unser Verhalten merken, wie sie uns sehen. Das alles fängt gleich nach der Geburt an und hört das ganze Leben nicht mehr auf.

Schon Babys reagieren auf das Verhalten ihrer Umgebung. Wenn jemand lächelt, lächeln sie zurück. Wenn sie etwas tun und eine entsprechende Reaktion erhalten, verinnerlichen sie diese und lernen, wie sie sich künftig zu verhalten haben. Das Verinnerlichen von Verhaltensmustern, von Wertmassstäben, die Reaktionen aus dem Umfeld zugrunde liegen, bilden ein inneres Diagnoseprogramm aus. Die Gesellschaft mitsamt ihren Erwartungen und Werten tritt quasi in mich ein und wirkt nun von innen heraus, indem ich selbst mein eigenes Verhalten bewerten kann anhand der erlernten Massstäbe. Indem ich einerseits handle als Ich, andererseits dieses Handeln selbst beurteilen kann, bildet sich ein Selbst-Bewusstsein, und damit meine Identität.

George H. Mead hat sich intensiv mit dem Thema Identität und Gesellschaft befasst. Er kam zum Schluss, dass sich Identität nur dann ausbildet, wenn wir uns in andere hineinfühlen können, wenn wir in der Lage sind, fremde Perspektiven einzunehmen. Mead spricht damit an, was im Buddhismus als Mitgefühl bekannt ist: Mit-Fühlen, was der andere fühlt.

«Wir müssen an der Fähigkeit arbeiten, uns einzufühlen, uns berühren zu lassen und uns unseren eigenen Schmerzen und Schwierigkeiten oder denen anderer Menschen empathisch zuzuwenden.»[1]

In Verbindung treten durch mein empfundenes Verständnis für sein Sein und Fühlen. Damit ist Mitgefühl eine wichtige Eigenschaft im Umgang mit anderen, und es ist auch für unsere eigene Selbsterkenntnis fundamental. Nur wenn ich mich dem anderen öffne, ihn wahrnehme, mich in ihn hineinfühle, kann ich zu einem Verständnis meiner selbst kommen. Und so kommen wir uns alle etwas näher, gegenseitig und für uns selbst. 

Wer bin ich also? Ich bin die Summe meiner Erfahrungen und der daraus verinnerlichten sozialen Erwartungshaltungen, die sich in meinem Verhalten ausdrücken. Ich werde zu dem, der ich bin, durch das, was ich im Aussen erfahre und verinnerliche. Im Wissen darum ist es umso wichtiger, denke ich, das für einen passende, einem entsprechende Umfeld zu finden, denn nur damit wird es gelingen, zu dem Ich zu werden, das man sein will.   


[1] Gilbert & Choden: Achtsames Mitgefühl. Ein kraftvoller Weg, das Leben zu verwandeln

Andreas Salcher: Die grosse Erschöpfung und die Quellen der Kraft

Dem Leben mit mehr Kraft begegnen

Inhalt
Immer mehr Menschen klagen über Erschöpfung, immer mehr Menschen fallen in ein Burnout. Schaut man in die Welt, scheint der Grund dafür klar: Die immer grösseren Belastungen durch den Leistungsdruck, die Klimakatastrophe, Pandemien und Kriege – die Welt scheint nicht mehr sicher, das eigene Überleben wird immer herausfordernder. Der Umstand, dass diese äusseren Umstände viele Menschen betreffen, davon aber nicht alle erschöpft sind, deutet darauf hin, dass die Gründe tiefer liegen müssen, dass sie beim Menschen selbst gesucht werden sollten.

Andreas Salcher geht der Frage nach diesen Gründen nach und er beruft sich dabei immer wieder auf drei Menschen: Viktor Frankl, der trotz seinen grausamen Erfahrungen als Überlebender Sinn im Leben sah, Mihaly Csikszentmihalyi, der sein Leben der Erforschung des Glücks gewidmet hat, und den Benediktinermönch David Steindl-Rast, der zu Innehalten und Ruhe für die richtige Entscheidung zum Tun aufrief.

Zu lernen, mit Frustration und Ablehnung umzugehen, ist ein Schlüssel zu einem gelungenen Leben. Unsere Einstellung ist unsere grösste Freiheit, die wir uns von niemandem nehmen lassen sollten.“

In vielen, oft wie zusammengewürfelt erscheinenden Beispielen, Gedankengängen und Geschichten kreist Andreas Salcher sein Thema ein, beleuchtet es von den verschiedensten Seiten und fördert so einem Goldschürfer gleich Erkenntnisse ans Tageslicht. Er zeigt auf, wie falsche Erwartungen, zu viel Fremdbestimmung und zu wenig Selbstverantwortung regelrecht krank machen können, und nennt wirkungsvolle Werte und Haltungen, besser mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen.

„Du bist für dein Denken und Handeln, deine Sicht auf die Welt und deren Konsequenzen selbst verantwortlich.“

Der Weg zum Glück ist kein einfacher, er braucht Disziplin, den Mut, genau hinzuschauen und den Willen, etwas zu tun. Wichtig dabei ist, zu entscheiden, was wirklich selbstgewolltes und passendes Tun ist und wo wir äusseren Erwartungen und Zwängen unterliegen. Die nächste Herausforderung ist, für das eigene Tun die Verantwortung zu übernehmen, im Wissen, dass es unsere Wahlfreiheit war, die dieses Tun bewirkt hat. Und bei all dem dürfen wir nicht vergessen, dankbar zu sein für das, was uns möglich ist und für das Gute, das wir oft zu schnell übersehen.

Fazit
Andreas Salcher ist es gelungen, ein wichtiges Thema unserer Zeit aus verschiedenen Blickrichtungen zu beleuchten, es anschaulich und verständlich zu präsentieren und lebenspraktische Herangehensweisen für eine Verbesserung der eigenen Lebensqualität zu skizzieren. Ein Buch, das ich sehr empfehlen kann.

Lebenskunst: Stark werden

«Kein Baum wird kräftig und entwickelt tiefe Wurzeln, wenn er nicht häufig von starken Winden geschüttelt wird.» Seneca

Kürzlich sass ich mit einer Freundin zusammen und wir redeten über unsere jeweilige Vergangenheit. Es gab viel Schönes zu erzählen, wir lachten viel, doch auch die schwierigen Zeiten kamen zur Sprache. Wir kamen zum Schluss, dass vieles damals schwer zu tragen gewesen ist, dass es auch schmerzhaft war, wir es uns sicher anders gewünscht hätten. Aber wir würden wohl nicht heute als die hier sein, die wir sind, hätten wir all das nicht erlebt.

Die Stoiker gehen soweit zu sagen, dass der unglücklich sei, der nie eine schwierige Zeit erlebt habe, denn es sei einfach, grosse ethische Theorien zu verkünden, wenn man nie auf dem Prüfstand ist, sie auch im Leben zu praktizieren. Von dem, der nie durch Schweres gehen musste, wisse man nie, ob er wirklich ein vortrefflicher Mensch sei. Nietzsche interessierte ein anderer Punkt am Leiden:

«Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.»

Wenn ich zurückblicke, steckt da viel Wahres drin. Ich bin wohl sicher in den schwierigen Zeiten gefühlt über mich hinausgewachsen. Stand ich vor Bergen, die nicht zu bezwingen schienen, kam ich doch jedes Mal an den Punkt, ihn überwunden zu haben. Nicht dass ich auf dem Weg dahin nicht auch gehadert, geklagt hätte, nicht dass ich auch fast verzweifelt wäre – teilweise ganz. Aber ich habe es geschafft. Und das Wissen darum, wozu ich fähig bin, das Wissen darum, dass es immer weiter geht, ist eine Lebensschulung, es ist eine Stärkung des eigenen Selbst-Vertrauens.

Im Buddhismus entwickelt sich aus dem eigenen Leid das Mitgefühl mit anderen. Das eigene Erleben öffnet das Herz, indem man aus diesem heraus spürt, wie es dem anderen gehen muss, wenn er leidet. Indem wir leiden und unser Leiden nicht nur ertragen, sogar daran wachsen, lernen wir also nicht nur für uns, sondern es ist auch eine Basis für ein Miteinander. Zu wissen, dass wir alle gleich fühlen, dass wir als Menschen trotz aller Verschiedenheit auch gleich sind.

So oder so bleibt Leid schlussendlich leidvoll, nur werden wir es im Leben nie vermeiden können. Vielleicht hilft es, dann und wann hinzusehen und zu denken: Wer weiss, wozu es gut sein wird – irgendwann. Sicher hilft es, zu wissen, dass man schon oft gelitten hat im Leben, und man es tragen konnte. Und irgendwann – ging es vorbei. So wird es auch dieses Mal sein. Dann sitzen wir lachend unter Freunden als die, die wir geworden sind.

Lesemonat November – Ein Rückblick

Der November war grau zu mir – vor allem, was das Wetter anbelangte. Sonst schaue ich sehr dankbar auf einen Monat zurück, der gut tat, der von Zufriedenheit, Freude, Energie und schönen Momenten geprägt war. Zu den letzteren gehörten auch einige Lesemomente. Es war ein guter Monat, wenn auch ein paar Bücher nicht ganz dem entsprachen, was ich mir davon erhofft hatte.

Ich habe mich dem Osten zugewandt, hauptsächlich Yoga, Ayurveda und Buddhismus. Es waren Bücher, die nicht zwischen Buchdeckeln stecken bleiben wollen, sondern ins Leben greifen. Es waren Bücher, die dazu anregten, das Gelesene in der Praxis umzusetzen, Bücher, die zu mehr Bewusstsein für das eigene Sein und Tun aufriefen. Das meiste war zwar nicht neu für mich von den Gedanken her, aber manchmal helfen verschiedene Anläufe und Ansätze, Dinge besser zu verinnerlichen, so dass sie dann von innen heraus ins Leben wirken.

Hier die vollständige Leseliste:

Anna Trökes: Yoga der Verbundenheit. Die Kraft des Herzens wahrnehmen und entfaltenWenn wir von uns sprechen, sprechen wir von unserem Herzen, denn da sitzt unsere Essenz, das, was uns ausmacht. Oft haben wir diesen Zugang verloren, was sich im Leiden an uns selbst und im Umgang mit anderen Menschen zeigt. Anna Trökes zeigt Wege zurück an, hin zu einer Verbundenheit mit dem eigenen Herzen, mit sich und der Welt. Verschiedene, praktisch umsetzbare, teilweise auf einer CD angeleitete Übungen sollen dabei helfen. 5
Thich Nhat Hanh: Alles, was du tun kannst für dein GlückViele einfach zu praktizierende Übungen, die mehr Glück ins Leben bringen sollen. Glück entsteht dann, wenn der Geist im Körper präsent ist und so im Hier und Jetzt achtsam den Augenblick lebt, dann ist der Mensch lebendig und glücklich. Ein Buch, das aufruft, nach innen zu schauen, die eigenen Gefühle und Muster zu erkennen, das eigene Leid anzunehmen, und mit Liebe, Güte und Achtsamkeit anderen Lebewesen und der Welt zu begegnen. 4
Gertrud Hirschi: Yoga 7×7abgebrochen – zu oberflächlich und zu einfach, hat mich nicht angesprochen
Remo Rittiner: Im Einklang mit dem Herzenabgebrochen – zu esoterisch, der Schreibstil hat mir nicht entsprochen. Es wirkt noch zu wenig ausgegoren, er hätte wohl seinem Kopf folgen sollen und das Buch erst in einem Jahr schreiben
Marion Küstenmacher: Wo die Seele Atem holtZu oberflächlich, zu wenig Tiefgang, mit der Zeit wirkt es ein wenig beliebig
Elena Lustig: Pro Age Life. Das Yoga-Praxisbuch für gesundes ÄlterwerdenÄlter-Werden ist verbunden mit Einschränkungen, Abbau und vermehrt Krankheiten. Wir werden das nicht ganz beseitigen können, aber wir haben viel in der Hand, gesünder älter zu werden und dem Abbau etwas vorzubeugen. Mit vielen Tipps zu Ernährung, Lebenshaltung und Yogastellungen gelingt es, dem Älter-Werden auch positive Seiten abzugewinnen. Das Rad wurde nicht neu erfunden, vieles ist bekannt und auch banal, doch es ist ein informatives und schön gestaltetes Buch.4
Ryan Holiday: Mut. Das Glück ist mit dem Tapferenabgebrochen – zu viele und lange Erzählungen und Geschichten, zu wenig Substanz und Aussage. Die vereinzelten guten Sätze muss man förmlich suchen in all dem Text.2
Michael Stone: The Inner Tradition of YogaYoga wird heute häufig nur auf der Matte als Asanas praktiziert, doch ohne die zugrunde liegende Philosophie ist es kein Yoga, sondern Turnen. Michael Stone zeigt, wie elementar die philosophischen Quellen für die heutige Praxis sind, er beschreibt Yoga als einen Weg auf und neben der Matte, als Haltung von innen heraus mit dem Ziel, sich für die Verbundenheit mit sich, den Menschen und der Welt zu erfahren. 4
Eckard Wolz-Gottwald: Yoga-Weisheit leben. Philosophische Übungen für die PraxisEin Blick auf historische Hintergründe des Yoga, den Weg des Yoga an sich, die Philosophie, die hinter der Übungspraxis liegt und weitere Themen des Yoga. Jedes Thema wird mit einer Übung zur Selbstreflexion und der Hinterfragung der eigenen Praxis abgerundet. Ein inspirierendes Buch mit leider zu vielen Wiederholungen und sprachlichen Fehlern. 4
Dr. Andrea Klemmer: Die faszinierende Welt der Hormone. Wie winzige Botenstoffe unseren Körper steuern und was wir für unsere Hormonbalance tun könnenInformatives, umfassendes und verständliches Buch über unser Hormonsystem. Was sind Hormone, wo werden sie gebildet und wie wirken sie? Was passiert bei einer Störung und wie kann man eine solche vermeiden oder beheben? Diesen Fragen geht die Autorin nach. Das Buch eignet sich auch als Nachschlagewerk. Gefehlt haben veranschaulichende Bilder und Schemen.4
Anjali und R. Sriram: Yoga und Gefühle. Mit allen Sinnen lebenEin Aufruf, unsere Gefühle ernst zu nehmen und zu leben. Mit Hilfe von Atemübungen und Meditationen sollen Blockaden gelöst werden und der Zugang zu den eigenen Gefühlen geöffnet. Es gilt, sie anzunehmen und auszuleben, dies aber immer mit dem Bewusstsein, woher sie kommen und wie sie gut eingesetzt sind. Wichtig ist, dass es keine guten oder schlechten Gefühle sind, erst unser Umgang mit ihnen entscheidet, wie sie sich auswirken in unserem Leben. 4
Anna Trökes: Yoga der EnergieEin überblick über den Yogaweg, die philosophischen Schriften und Lehren, die tantrischen Hintergründe und darüber, was Yoga bewirken kann. Eine Einführung in den Yoga der Energie mit den wichtigen Übungsabfolgen, sowie die Erläuterung der verschiedenen Wirkungen auf den unterschiedlichen Ebenen des Seins bei ausgewählten Übungen. 5


Die Highlights des Monats waren die beiden Bücher von Anna Trökes. Zwar las ich in beiden nichts Neues, vieles vom Geschriebenen findet sich auch in anderen Büchern derselben Autorin, und doch finde ich es immer wieder schön, eine Autorin so aus dem Herzen, so fundiert und so verständlich schreibend zu lesen.

Was waren eure Lesehighlights des Monats? Was hat euch generell im November gefreut?

Anna Trökes: Yoga der Verbundenheit. Die Kraft des Herzens wahrnehmen und entfalten

Erfüllung auf und neben der Yogamatte

Inhalt

„Sei offen und lass dich immer wieder überraschen, was geschehen will, sobald du die Matte betrittst. Sei wahrhaftig und ehrlich mit dir – und dann tu, was du kannst, so gut du es kannst! Und das ist gut so!“

Offen bleiben, sich nicht verhärten und schon gar keinen Dogmen folgen oder selbst welche aufstellen. Yoga heisst, mit offenem Blick die eigenen Meinungen und Ansichten (auch über sich selbst) zu hinterfragen und sich zu öffnen für das, was möglich ist, für neue Sicht- und Lebeweisen. Mit Yoga können wir einen Weg zu unserem Herzen öffnen, es von innen heraus stärken und aus dieser starken Mitte heraus in die Welt treten.

Anna Trökes zeigt in ihrem Buch, wie wir dahin kommen, mehr zu uns zu finden, in uns die Kraft zu entdecken und zu fördern, die hilft, in der Welt als die, die wir sind und sein wollen, zu bestehen – als aktiver und eingebundener Teil dieser Welt. Das bedeutet immer auch, uns selbst zu hinterfragen, hinzuschauen, was wir brauchen, und das ernst zu nehmen. Es geht darum,

„…dass wir unsere eigenen Anliegen und Ziele ernst nehmen und aus diesem Grund ein echtes, im Herzen gegründetes Interesse zeigen, unserem Anliegen – wie zum Beispiel unserer Yoga-Praxis – die Priorität und genügend Zeit einzuräumen.“

Anna Trökes beschreibt in ihrem Buch, wie wir mit Hilfe von Yoga wieder Verbindung mit unserem Herzen aufnehmen können, um aus dieser Qualität heraus zu handeln. Wenn sie beschreibt, was wichtig ist für die Yogapraxis, indem sie auf die Philosophie Patanjalis, dem Autor der Yoga Sutras, verweist, klingen schon die Anweisungen für die Übungen auf der Matte so, dass man sie auch aufs Leben neben der Matte anwenden kann:

„Um mehr Stabilität und Leichtigkeit zu finden, sollen wir das aktuell für uns angemessene Mass an Anstrengung (Prayatna) finden und alle dabei auftretenden überflüssigen Anspannungen erkennen und gleich wieder loslassen (shaithilya). Ob das gelingt, zeigt uns unser Atem.“

Yoga ist mehr als die blosse Übungspraxis auf der Matte, es ist eine Philosophie, die Jahrtausende alt ist. Ziel ist es, sich zu befreien von äusseren und inneren Beschränkungen, vom Abgetrennt-Sein (Entfremdung vom eigenen Sein und von der Welt). Es weist einen Weg der Verbundenheit, die im Herzen gründen soll. Den Weg zum Ziel beschreibt Patanjali als achtstufigen Pfad, an deren Anfang ethische Grundhaltungen und der sorgsame Umgang mit sich selbst stehen. Nur wenn wir uns diese zu Herzen nehmen, können wir darauf aufbauen und uns entfalten.

Mit praktischen Übungen führt uns Anna Trökes dahin, wie wir unser eigenes Leben in die Hand nehmen und aktiv gestalten können, wie wir uns in die Welt einbringen können. Sie beschreibt Wege hin zu mehr Verbundenheit mit unserem Körper und mit anderen Menschen. Mit einfachen Übungen kann jeder selbst ausprobieren, was es heisst, mehr Entspannung zu finden und in sich Raum für Zuflucht zu schaffen in schwierigen Zeiten.

Fazit
Ein schön gestaltetes, informatives und lebenspraktisches Buch für ein entspannteres und erfüllteres Leben auf und neben der Matte. Sehr empfehlenswert!

Zur Autorin
Anna Trökes ist eine Pionierin des deutschen Yoga. Sie unterrichtet seit 1974 und ist seit fast 40 Jahren eine Institution in der Yoga-Lehrer-Ausbildung des Berufsverbandes der Yoga-Lehrenden in Deutschland (BDYoga) und lehrt europaweit Yoga-Philosophie, Pranayama, Meditation und die fortgeschrittenen Aspekte der Hatha-Yoga-Praxis. Die bekannte Autorin hat mehr als 30 Bücher veröffentlicht.

Angaben zum Buch
Herausgeber : O.W. Barth; 1. Edition (3. April 2017)
Broschiert : 304 Seiten
ISBN-13 : 978-3426292648

Lebenskunst: Eigene Grenzen erkennen

«So ist das Wichtigste im Leben, die Dinge zu unterscheiden und sich klarzumachen: Äussere Ereignisse habe ich nicht in der Hand, aber meine Entscheidungen zu den Ereignissen habe ich sehr wohl in der Hand.» Epiktet

Wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir das gerne hätten, neigen wir dazu, uns zu ärgern, mit dem Schicksal zu hadern, uns aufzuregen. Dies passiert auf allen Ebenen: Wir haben ein Grillfest geplant und das Wetter schlägt um, der Autofahrer vor uns findet den zweiten Gang nicht, auf alle Fälle lässt sein Fahrstil darauf schliessen, ein Bekannter hat uns beleidigt –  und vieles mehr. Nur: Wir haben das Wetter nicht in der Hand, der Fahrer vor uns hört unser Fluchen und Toben nicht und den Bekannten können wir nicht erziehen. Ein Sprichwort lautet:

„Was kümmert es den Mond, wenn ihn ein Hund anbellt“

 Die Antwort ist offensichtlich. Und: Wir sollten sein, wie der Mond: Was uns von aussen zufällt, sind bellende Hunde. Sie sind da, sie werden immer da sein, wir können das nicht beeinflussen. Wir können uns aufregen oder im Bewusstsein, dass all das nicht in unserer Macht liegt, versuchen, es anzunehmen und das Beste aus der Situation zu machen. Das liegt in unserer Hand: unsere Reaktion auf diese Hunde.

Wenn das von aussen Kommende von Menschen stammt, kann es auch helfen, wenn wir uns vor Augen führen, dass wir nicht wissen, wieso diese Menschen so sind und handeln, wie sie es tun. Wir alle sind Menschen mit Eigenheiten und Eigenarten, mit guten und schlechten Tagen, mit Stärken und Schwächen. Andere zu verurteilen, zeugt von Überheblichkeit. Wir spielen uns zum Richter auf, vergessen dabei unsere eigene unvollkommene Menschennatur. Mit mehr Mitmenschlichkeit und Verständnis fiele es leichter, die ungewünschten Verhaltensweisen anzunehmen. Und dann könnte all das auch nicht zum eigenen Leid werden. 

Das alles hat nichts mit Gleichgültigkeit oder gar Gefühlskälte zu tun, im Gegenteil: Es ist ein Akt der Selbstsorge, denn das Leid, das wir uns durch affektive Reaktionen zufügen, schadet nur einem: Uns selbst.  

Lebenskunst: Gewohnheiten

«Gross ist die Macht der Gewohnheit.» Cicero

Ich habe einen Apfelschäler, der gleichzeitig den Apfel in Spiralen schneidet. Man steckt den Apfel auf eine Art Gabel, kurbelt ihn nach vorne, das Kerngehäuse geht durch einen Ring und wird so entfernt, der Rest des Apfels landet in einer langen Spirale auf dem Teller. Nun spannte ich den Apfel immer ein, zitterte dann, dass der Stiel auch durch das Loch geht, dass das Kerngehäuse sauber rausgeschnitten wird, da es ansonsten statt einer Spirale ein Stückwerk von Apfel gibt. Jedes Mal schimpfte ich innerlich über die Konstruktion, verurteilte sie als mangelhaft. Bis mir kürzlich der Gedanke kam: Ich könnte den Apfel andersrum in das Gerät spannen, dann könnte das Messer nicht mehr durch den Stil abgelenkt werden. Und siehe da: Es funktionierte. Natürlich rollte ich innerlich die Augen über mich, dass ich so lange brauchte, auf diese Idee zu kommen. 

Dann kam mir der Gedanke, dass das oft im Leben so ist: Wir laufen in immer wieder ähnliche Verhaltensfallen, kämpfen mit sich gleichenden Problemen und beklagen das Schicksal, andere Menschen, Umstände, statt hinzuschauen, was eigentlich dahintersteckt. So lange wir die Ursache für ein Problem oder Verhalten nicht ergründen, und unser Verhalten nicht entsprechend ändern, werden wir immer wieder mit den gleichen Folgen zu kämpfen haben. Leider sind (schlechte) Gewohnheiten – und darum handelt es sich meist – schwer zu ändern, da sie oftmals gar nicht bewusst sein, aber: Es ist nicht unmöglich. Epikur riet dazu:

„Schlechte Gewohnheiten wollen wir wie böse Menschen, die uns lange Zeit geschadet haben, gründlich vertreiben.“

Dabei helfen vier Schritte:

  1. Das Leiden erkennen
  2. Die Ursache erkennen
  3. Erkennen, was helfen würde, die Ursache zu beseitigen
  4. Den Weg gehen

Wenn wir immer wieder ähnliche Probleme haben, können wir uns fragen: Was führt jeweils zu dem Problem? Womit rufe ich es hervor? Was sind meine Gründe dafür? Was könnte ich verändern, damit das nicht mehr passiert? Wie setze ich das konkret um?

Das wird vielleicht nicht sofort und für immer funktionieren, es ist ein Weg, teilweise ein anstrengender. Es gilt, immer bewusst hinzusehen und zu merken, wann wir Gefahr laufen, in alte Gewohnheiten zu fallen. An dem Punkt müssen wir ansetzen und unser Verhalten bewusst in die neue, wohltuendere Richtung verändern. Wenn wir also zum Beispiel zu impulsiven Reaktionen auf gefühlt verletzende Aussagen zu reagieren, hilft es, kurz innezuhalten, uns bewusst zu werden, dass die Verletzung auf unserer eigenen Interpretation basiert und nicht in der Absicht des anderen liegt (und wenn, sollten wir sowieso nicht verletzt sein, sondern uns auch an Epikur halten, einfach umgekehrt, nämlich, dem Menschen in unserem Leben keinen Platz zu geben). 

Das klingt am Anfang vielleicht etwas umständlich, wird aber mit der Zeit zu einer neuen (guten) Gewohnheit und dann automatisch zu mehr Gelassenheit und innerer Ruhe führen. 

„Zum zehnten Mal wiederholt, wird es gefallen.“ (Horaz)

Und wenn es mal nicht klappt, können wir uns an die alten Stoiker halten, die selbst nicht glaubten, dass es je einen Weisen gab, der das Ideal erreichte – nur: Versuchen sollten wir es. Frei nach Rilke:

«Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.»

Lebenskunst: Spiegelungen

«Wende den Blick auf dich selbst und schau, ob du nicht ähnliche Fehler hast.» Marc Aurel

Wenn andere uns enttäuschen, sich nicht so verhalten, wie wir das erwarten, sind wir schnell dabei, sie zu be- und verurteilen. Wir sehen sie als rücksichtslos, weil sie nicht zu Zeiten zu einer Verabredung kamen, herzlos, weil sie zu wenig Anteil an unserem Leid nehmen, chaotisch, weil sie alles überall liegen lassen. Und wir können uns ob dieser (in Tat und Wahrheit nichtigen) Dinge aufregen, zürnen, schmollen. In ganz schwierigen Fällen zerbrechen daran sogar Freundschaften. Und wir sehen uns im Recht. «So nicht», denken wir. «Nicht mit mir.» 

Nur: Geht es uns danach besser? Haben wir uns bei all dem mal gefragt, wieso der andere ist, wie er ist, tut, was er tut. Und vor allem auch: Haben wir uns mal gefragt, wieso uns das so aufregt? Worauf trifft das Verhalten bei uns, dass wir so viel negative Energie aufwenden, ihm zu begegnen? Was ist in uns, das mit diesem Verhalten in Resonanz tritt?  Vielleicht liegt der Ursprung unseres Zorns, unseres Ärgers gar nicht beim andern, sondern bei uns selbst? Vielleicht gibt es da sogar eine Seite in uns, die genau dem entspricht, was wir beim anderen kritisieren. Und wir mögen die Seite an uns selbst nicht und kritisieren uns dafür, versuchen sie zu unterdrücken. Vielleicht auch nicht immer erfolgreich. Wenn dann jemand kommt und genau das lebt, bricht die ganze Kritik, der ganze Ärger über diese Seite aus uns heraus und trifft den anderen. Könnte das nicht sein?

Tagesgedanken: Freundschaft

«Unter den Gütern, welche die Weisheit sich für dauerndes Lebensglück zu verschaffen versteht, ist der Besitz der Freundschaft bei weitem das grösste.» Epikur

Gestern hatte ich einen Tag, der ganz im Zeichen der Freundschaft stand. Am Nachmittag traf ich eine Freundin, die mir in kurzer Zeit ans Herz gewachsen ist, bei der ein gegenseitiges Vertrauen besteht, das (auch) einer verblüffenden Ähnlichkeit des Denkens, Fühlens, bisherigen Lebens geschuldet ist. Wir redeten über vieles, stiessen in die Tiefen unserer Gefühle, und fühlten uns gegenseitig immer verstanden in unserem Sein. Es fühlte sich an, wie schon Aristoteles Freundschaft definiert hat: Als sässe da eine Seele in zwei Körpern, als wäre sie mein „alter ego“, mein zweites Ich. Ich spürte eine grosse Dankbarkeit, eine solche Freundschaft erleben zu dürfen. 


Am Abend sassen wir mit Freunden bei uns auf der Terrasse und die Gespräche flossen mal humorvoll, mal ernst, gingen mal tief, berührten Schwachstellen und Freudenmomente, und wieder war es da, dieses Gefühl des Vertrauens, des Vertrautseins, die Dankbarkeit über dieses wertvolle Geschenk, das Freundschaft im Leben ist. Ich konnte Epikur nur zustimmen, wenn er sagte, dass Freundschaft das grösste Gut für dauerndes Lebensglück sei.


Freunde sind die Menschen, die da sind, wenn man sie braucht, und man das genauso sein kann für sie. Nur schon das Wissen um ihr Dasein gibt dem Leben einen Reichtum, ein Glück, erfüllen mit Dankbarkeit. Um es nochmals mit Epikur zu sagen:

«Wir brauchen die Freunde nicht, um sie zu brauchen, sondern um des Glaubens zu leben, dass wir sie brauchen dürfen.»

Was dabei vielleicht zu schnell vergessen geht: Freunde sind nicht selbstverständlich. Freundschaft – wie Liebe – bedarf der Pflege. Wie schön ist es, die Dankbarkeit, die man dem Freund verdankt, einfach mal auszusprechen – ein Geschenk für beide. Die damit geoffenbarte Verbundenheit erfüllt den Moment mit so viel Glück, dass man die ganze Welt umarmen möchte. Man fängt dann wohl mit dem Teil der Welt an, der vor einem steht und diese um so viel schöner macht: Dem Freund. 

Was bedeutet euch Freundschaft?

Lebenskunst: Nicht anhaften

Früher hatte ich immer mal wieder den Wunsch, auszuwandern. Ich bin generell oft umgezogen, zwar aus Gründen, und doch auch mit einer Neugier auf etwas Neues, die mich beflügelte. Ein Leben in einem neuen Land stellte ich mir spannend vor. Dass ich es nie machte (zweimal kurz davor war), schob ich auf meine Ängstlichkeit ich schimpfte fast ein wenig mit mir.

Mein Leben hat sich so entwickelt, dass ich oft und lange in Spanien lebe und arbeite. Ein grossartiges Land, wunderschön, das Wetter angenehm für eine Frostbeule wie mich. Schon bald dachte ich: Ich möchte immer hier sein. Das war leider nicht möglich. Über die Jahre merkte ich, dass das Sehnen nach Hause immer grösser wurde, wenn ich in Spanien war. Was ist aus meinem Traum geworden?

«Einsicht verschafft das Gute, erhält es, mehrt es und macht rechten Gebrauch davon.» Plutarch

Manchmal sind Träume ausgeträumt. Ziele, die man vor sich sah und unbedingt erreichen wollte, fühlen sich nicht mehr stimmig an. Oft rennen wir trotzdem weiter in die Richtung, ignorieren das kleine Bauchrumpeln und die unguten Gefühle. Nur: Irgendwann werden die Stimmen lauter, sie lassen sich nicht mehr zur Seite schieben. Und man fragt sich: Was mache ich da eigentlich? In diesem Fall hilft nur eines: Hinschauen. Mit sich in den Dialog treten und ergründen: Will ich das wirklich so haben? Stimmt das noch für mich?

Es ist nicht leicht, einen Traum loszulassen. Wann ist der richtige Zeitpunkt, der Kairos, wie die Griechen sagten? Loslassen ist ein schwieriges Thema, ist es doch ein Abschied von etwas, das man im Leben hatte, das wichtig und lieb war. Dabei entsteht eine Lücke. Womit werde ich sie füllen?

«Ein angenehmes und heiteres Leben kommt nicht von äusseren Dingen: Der Mensch bringt aus seinem Inneren wie aus einer Quelle Lust und Freude in sein Leben.» Plutarch

Die alten Philosophen rieten, sich nicht an äussere Dinge zu heften, sondern das Glück im Innern zu suchen. Frieden und Glück stellen sich nur ein, wenn ich in meiner Seele Ordnung schaffe – und dazu gehört auch, ab und an loszulassen, was nicht mehr ins Leben passt. Wie sagte schon Plutarch:

«Die besten Dinge sind die schwersten.»

Das Prinzip des Nicht-Anhaftens findet sich auch in der Yoga-Philosophie unter dem Sanskritnamen «Vairagya». Dahinter steckt der Gedanke, dass ein an äusseren Dingen orientiertes Leben nicht glücklich macht auf Dauer. Auch hier geht es um ein Loslassen, um die Unterscheidung, was einem glücklichen Leben dienlich und was ihm abträglich ist. So heisst es in Patanjalis Yoga-Sutras:

„Vairagya ist der Bewusstseinszustand, in dem das Verlangen nach sichtbaren und unsichtbaren Objekten aufgehört hat.“ ( I. 15)

Indem der Mensch sich nicht an den äusseren Dingen orientiert, so heisst es in 1.16 weiter, kehre er zu seinem ursprünglichen Menschsein zurück, was die höchste Form der Lösung sei. Diese Sicht wird auch im Buddhismus geteilt, sprich, in der Antike finden sich über den ganzen Erdball verteilt gleiche Ansichten und Lehren, die darauf zielen, ein gutes Leben zu führen.

Was bringt uns das für unser Leben? Was können wir daraus ziehen? Sicher die Sicht, dass alles, was wir für unser wirkliches Glück brauchen, in uns steckt. Wir müssen es nicht zuerst suchen oder finden, es ist da und will entdeckt werden. Nun gibt es auch schöne freudbringende Dinge im Aussen. Die zu geniessen ist wunderbar, dagegen sagen auch die weisen Philosophen nicht. Gefährlich wird es erst, wenn wir sie mit aller Kraft und Macht festhalten wollen, denn: Wir haben das selten in der Hand. Es hilft, sich immer wieder eines vor Augen zu halten: Das Leben ist immer ein Entstehen und Vergehen, im Grossen bei Geburt und Tod (mementum mori), im Kleinen bei Alltäglichkeiten, äusseren Dingen, Wünschen und auch Beziehungen. Das mag manchmal schmerzlich sein, doch nur so kann auch Neues entstehen.

Tagesgedanken: Zufriedenheit

«Wer nicht mit dem zufrieden ist, was er hat, wird auch nicht mit dem zufrieden sein, was er gerne hätte.» Sokrates

Ein neues Auto, neue Schuhe, ein neues Handy – wir haben immer wieder neue Wünsche, von denen wir uns Glück oder Zufriedenheit versprechen, wenn sie erst erfüllt sind. Nur: Wieso sollte das sein? Wollten wir nicht all das, was war schon haben, auch irgendwann haben? Wie lange hielt die Zufriedenheit an? Wünsche scheinen eine sich selbst und immer schneller vermehrende Spezies zu sein: Auf einen erfüllten folgen meist zwei neue noch zu erfüllende. Sie sind das sprichwörtliche Perpetuum mobile, denn das Wünschen hört nie auf – wenn wir ihm nicht Einhalt gebieten. Vor allem wird daraus keine andauernde Zufriedenheit erwachsen.

Zufriedenheit kannst du gewinnen, wenn du das immer mehr und Neues Wünschen unterbrichst und bewusst hinschaust, was du schon alles hast. Vielleicht fällt dir beim einen oder anderen auch ein, woher du es hast und wie es sich anfühlte, als du es bekommen oder gekauft hast? Daraus kann eine Zufriedenheit entstehen, die nichts Neues braucht, weil sie auf dem gründet, was da ist.

Tagesgedanken: Grenzen sprengen

„Es gibt keine Grenzen. Weder für Gedanken noch für Gefühle. Es ist die Angst, die immer Grenzen setzt.“ Ingmar Bergman

Du hast Wünsche und Träume, möchtest Ziele erreichen, und denkst sogleich: Das schaffe ich nie. Das ist alles viel zu gross für mich. Ich versuche es gar nicht erst, da die Angst, zu scheitern, so gross ist. Wie würde ich mich schämen, wenn es schief ginge? Was würden die anderen sagen? Sie würden wohl spotten über mich, mich auslachen, sich hinter meinem Rücken lustig machen über mich.

Die Angst vor dem Scheitern ist wohl eine der grössten Ängste in unserem Leben. Aus dieser Angst heraus versagen wir uns oft Dinge, die wir uns eigentlich wünschen. Wir versuchen nicht, unsere Träume zu leben, weil wir schon im Vorfeld das mögliche Scheitern durchdenken und die Scham darüber fast schon körperlich fühlen. Scham ist ein Gefühl, das mehr mit anderen als mit uns selbst zu tun hat. Vor uns selbst schämen wir uns nicht, vor den anderen aber möchten wir gut dastehen und genügen. Gelingt das nicht, schämen wir uns. So gesehen sind also die anderen und ihr Denken über uns die Grenzen, innerhalb derer wir uns bewegen.

Ist das wirklich das Leben, das du führen willst? Immer darauf bedacht, es anderen recht zu machen? Nichts zu wagen, das misslingen könnte und so den eigenen Träumen und Wünschen im Weg zu stehen? Mit angezogener Handbremse, möglichst still, möglichst unauffällig, weil alles andere die Gefahr nicht nur des Auffallens, sondern sogar des Missfallens mit sich brächte?

Vielleicht solltest du dir mal folgendes vor Augen führen: Den meisten Menschen auf diesem Planeten bist du egal, sie wissen nicht, dass du existierst. Es gibt Menschen, die mögen dich schlicht nicht, egal, was du tust. Bist du zu gut, spricht der Neid aus ihnen, machst du einen Fehler, der Spott. Und beides äussert sich verächtlich. Und es gibt Menschen, die mögen dich, weil du bist, wie du bist – mit Schwächen, Fehlern und auch mal misslingenden Projekten. Was also hindert dich, mutig deinen Weg zu gehen? Das schlimmste ist nicht, wenn etwas misslingt, das du versuchst, das schlimmste ist, wenn du es nicht mal versucht hast.