Rezension – Thommie Bayer: Sieben Tage Sommer

Zum Inhalt
Vor dreissig Jahren haben fünf Menschen Max Torberg, einem reichen Abkömmling einer Bankdynastie das Leben gerettet. Danach trennen sich ihre Wege wieder. Max Torberg beobachtet alle fünf zwar von fern, sucht aber nie mehr den Kontakt, bis er sie eines Tages in sein Ferienhaus an der Cote d’Azur einlädt, er selbst sei verhindert, komme später. Da sitzen sie nun, bewirtet von Max dazu eingestellten Anja, die Max vom Leben im Haus berichtet, und fragen sich, wieso sie da sind. In der Tat steckt ein Plan dahinter, doch den kennt nur Max.

Gedanken zum Buch:
Wenn Menschen eine Zeit auf engem Raum zusammen sind, werden ihre je eigenen Naturelle immer sichtbarer. Die unterschiedlichen Charaktere reiben sich aneinander, beziehen sich aufeinander und entlarven sich so, weil keiner über längere Zeit eine Maske tragen kann. Die Dynamik des Miteinanders ist so offenbarend für den je Einzelnen. Max Torberg nutzt diesen Umstand, um die fünf Menschen, die er eingeladen hat, besser kennenzulernen. Dadurch lernt er auch Anja besser kennen, eine Freundin, die er extra dazu eingestellt hat, dass sie ihm berichten soll von den einzelnen Gästen und ihrem Zusammensein.

Verspricht Max zuerst, dass er noch komme, taucht er schlussendlich nie auf. Ihn erleben wir als Leser nie in Aktion, wir erfahren nur durch die Briefe, was ihn antreibt, insofern also nur ein schon von ihm geschöntes Bild, das nur preisgibt, wozu er Lust hat. Die einzige Interaktion, die er hat, ist die schriftliche mit Anja, in welcher er aber eher blass und ungreifbar bleibt.

Die Frage, die alle beschäftigt, ist auch die, welche den Leser am Lesen hält: Wozu das Ganze? Sie löst sich erst auf den letzten Seiten, und dies nicht wirklich befriedigend. War das Grund genug, so weit zu lesen? Offensichtlich ja.

Und vielleicht gibt es noch einen Grund: Indem man sich durch die Geschichte treiben lässt, quasi im seichten Fluss des Erzählens mitschwingt, stösst man immer wieder auf kleine Goldstücke in Form von wunderschönen Sätzen, die man nochmals lesen will, die man sich einprägen will, die etwas in sich tragen, das berührt.

Fazit
Leichte Lektüre, die seicht dahinplätschert, getrieben von einer Frage, an der die Geschichte hängt. Unterhaltsame Lektüre für zwischendurch.

Zum Autor
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm »Die gefährliche Frau«, »Singvogel«, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman »Eine kurze Geschichte vom Glück« und zuletzt »Das Glück meiner Mutter«.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Piper; 4. Edition (30. Juni 2022)
Sprache: ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe: ‎ 160 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3492070447

Gedankensplitter: Tun

Was macht Tun zu einem sinnvollen? Muss Tun einem höheren Zweck dienlich sein oder ist die reine Freude am schlichten Tun schon Sinn stiftend genug? Kann ich im Tun meinen Sinn finden, auch wenn er nur der meine ist, ohne darüber hinaus zu gehen, oder brauche ich als soziales und in ein soziales Umfeld eingebundenes und daher meine Bestätigung als Ich kriegendes Wesen eine Verortung durch mein Tun in diesem grösseren Rahmen? Ist das, was ich nur für mich tue, gleich viel wert, wie wenn es auch andere sähen? Ist es gleich viel wert, wenn es anderen etwas brächte? Wie müsste dieser Nutzen sein, dass meinem Tun ein Mehrwert zukäme durch den Nutzen?

Was ist der Nutzen des Tuns für mich? Ist Freude schon genug? Muss es Anerkennung sein? Wie steht es mit Geld? Wiegt es mehr als Freude? Als Anerkennung? Auch wenn es durchaus eine Form der Anerkennung sein kann? Ist Geld immer Anerkennung? Nicht teilweise schlicht der Konvention abgerungen, damit aber auch dem (Über-)Leben dienend? Was wiederum ein Nutzen wäre. Für mich. Aber auch im Auge der Gesellschaft. Ist es dadurch ein Wert? Ein Mehrwert? Für mein Tun? Für mich?

Lesemonat Februar – Ein Rückblick

Schon wieder ist ein Monat vorbei. Es war zwar der kürzeste Monat des Jahres, doch ich habe viel gelesen, einiges vielleicht nicht mit der Aufmerksamkeit, die es verdient hätte, was vor allem dem Umstand geschuldet war, dass ich mich langsam in meinen Lesewünschen wieder weiterbewegt und endlich – nach einer langen Leseflaute diesbezüglich, die mich ob ihrer Länge verunsichert und auch geschmerzt hat – wieder zur Literatur zurückgefunden habe. Schon Thommie Beyer hat einen guten Anfang gemacht, aber Eric-Emmanuel Schmitts Monsieur Ibrahim hat die Liebe zur Literatur mit einer Wucht zurückgebracht.

Wenn ich im Nachhinein zurückblicke, ist es schon erstaunlich, wie viel mir Literatur bedeutet. Als sich der Zugang für mich verschlossen hatte, fehlte ein wichtiges und grosses Stück in meinem Leben. Die Liebe zu Büchern war noch da, die Liebe zum Lesen entfaltete sich in anderen Bereichen, die mir durchaus auch wichtig sind, und doch…

Ich bin diesen Monat nach Südfrankreich gereist, um in einem Sommerhaus fünf eigentlich Fremde und doch Verbundene zu beobachten, habe mir Zuspruch geholt, mich nicht zu verbiegen, habe die Blumen des Korans gesucht und mit Rosa den kleinen Oskar begleitet. Ich habe mit den Denkern der Frankfurter Schule philosophiert und mit vier Philosophinnen nach der Freiheit gesucht. Ich habe den Wert des Nichtstuns erforscht und Hannah Arendts Menschenbild ergründet. Danach musste ich mal schnell schauen, ob ich die Welt noch retten kann, um dann in die dramatische Liebe von Ingeborg Bachmann und Max Frisch einzutauchen – die war nicht zu retten.

Der März wird ein durch und durch literarischer Monat werden hier – ich freue mich drauf. Kennt ihr Leseflauten? Wie geht ihr damit um?

Die meine komplette Liste:

Thommie Bayer: Sieben Tage SommerMax lädt fünf Menschen in sein Sommerhaus ein, wo er sie treffen will. Diese fünf Menschen haben vor vielen Jahren seinen Weg gekreuzt, einer hat ihm das Leben gerettet, die anderen vier hatten dabei geholfen, dass diese Geschichte für alle gut ausging. Anja ist damit betraut, die fünf zu bewirten und Max zu berichten, wie alles läuft. Max wird nicht auftauchen – doch: Was hat er vor?    Das Buch war leicht zu lesen, es plätscherte dahin. Am Schluss bleibt ein wenig das Gefühl, dass die Erwartungen an das Ende nicht erfüllt wurden. Aber trotzdem unterhaltsame Lektüre.4
Ichiro Kishimi, Fumitake Koga: Du musst nicht von allen gemocht werden. Vom Mut, sich nicht zu verbiegenDie Lehre Adlers in einen Dialog zwischen einem jungen Mann und einem Philosophen verpackt. Eine interessante Herangehensweise, um die Inhalte dieser Lehre, wenn sie auch ein etwas flacher Vergleich zu Sokrates ist. Adlers These, dass das Leben immer zielgerichtet gelebt wird und die Ursachen nicht in der Vergangenheit liegen, werden ebenso thematisiert wie die Bedeutung von Minderwertigkeitsgefühlen, horizontale und vertikale Beziehungen und der Wert von Mut, Selbstvertrauen und Engagement für andere, wenn es darum geht, glücklich sein zu wollen. 4
Eric-Emmanuel Schmitt: Monsieur Ibrahim und die Blumen des KoranEin Buch wie ein warmer Mantel ums Herz, eine Streicheleinheit für Gemüt und Seele. So viel Liebeswürdigkeit, so viel Tiefe, so viel Menschlichkeit. Und so viel Humor bei allem Ernst, der in den Themen liegt.5
Eric-Emmanuel Schmitt: Oskar und die Dame in RosaEine tief menschliche Geschichte über das Leben, das Lieben und das Sterben. Eine kleine, feine, Erzählung.5
Wolfgang Martynkewicz: Das Café der trunkenen Philosophen. Wie Hannah Arendt, Adorno & Co. das Denken revolutionierten.Ein hervorragendes Zeitzeugnis, ein Zeugnis der Lebens- und Denkensstränge herausragender Denker in den dunklen Zeiten der Kriege und im Exil, und ihrer Verschränkungen und gegenseitigen Befruchtungen wie Ablehnungen. Dafür, dass Arendt so prominent im Untertitel steht, ist wenig Arendt im Buch vorhanden. 4
Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten 1933-1943Mit Blick auf Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Ayn Rand und Simone Weil zeichnet Wolfram Eilenberger ein Bild der Zeit zwischen 1933 – 1943 und zeigt auf die philosophischen Wege, welche die vier Philosophinnen einschlagen, ihre Hindernisse, ihren Kampf, ihr Leben und Denken. 4
Byung-Chul Han: Vita Contemplativa. Oder von der UntätigkeitEine Antwort auf Hannah Arendts «Vita activa», in welcher das Tun dem Sein eher im Wege steht als dieses begründet, in welchem der Untätigkeit der Wert zukommt, zur Besinnung zu führen und damit zu einem Dasein als wirklichem Sein in der Welt. 4
Lea Mara Esser: Vom Schweigen des Guten. Hannah Arendts Theorie der MenschlichkeitDas Gute müsse neu gedacht werden. Dies will Lea Mara Esser zeigen anhand von HA, die sie in den Dialog mit Walter Benjamin treten lässt und wozu sie eine Unmenge an Verweisen, Zitaten, Meinungen, Analysen heranzieht. Zwar finden sich durchaus alle wichtigen Begriffe Arendts, doch wird im Buch mehr die offenbare Belesenheit und Zitierwütigkeit sichtbar als eine stringente Argumentationskette. So entsteht zumindest, was Esser als Philosophieren deklariert: Es herrschen nur Fragen vor, die Antworten bleiben aus. 3
Thomas Seibert: ExistenzphilosophieBegriff und Entwicklung (von Kierkegaard, Stirner, Nietzsche über Jaspers und Heidegger zu Sartre und in die Postmoderne) der Existenzphilosophie in einer unglaublich mühselig zu lesenden Fassung. Das war reiner Kampf durch die Seiten, keine Freude. 3
Eberhard Rathgeb: Die Entdeckung des Selbst. Wie Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard die Philosophie revolutioniertenDrei Philosophen gingen dahin und haben sich lebend und schreibend dem Selbst-Sein gewidmet. Sie haben sich selbst als Experimentierfeld genommen und daraus ihre Theorien entwickelt, wie einer wird, wer er ist und worauf es ankommt im Leben als Selbst. Sie schrieben damit gegen all die Philosophen an, die das Individuum in den Dienst der Gesellschaft und der Wirtschaft stellten, sie schrieben gegen eine Zeit an, in welcher Rationalität und Vernunft das Gefühl und das Er-Leben verdrängen wollten.4
Thomas Metzinger: Bewusstseinskultur. Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare KriseWie muss sich unsere Gesellschaft, wie müssen wir uns ändern, damit wir mit dieser sich anbahnenden globalen Krise umgehen können? Metzinger plädiert für eine Bewusstseinskultur, in welcher die Menschen gemeinsam nach einer Form des Lebens suchen, mit welcher der Krise begegnet und die eigene Selbstachtung und Würde bewahrt werden können. 4
Bettina Storks: Die Poesie der LIebe. Ingeborg Bachmann & Max FrischEine Romanbiografie über eine grosse Leidenschaft, eine Liebe, die im Sturzflug endete. Es ist die Geschichte zweier Poeten, die so unterschiedlich in ihrem Sein und Schreiben waren, dass sie nicht zusammen sein konnten, ohne sich gegenseitig immer wieder zu verletzen und nach und nach zu zerstören. 5

Rezension – Ann Patchett: Diese kostbaren Tage

Zum Inhalt
Immer beim Schreiben eines Romans überfielen Ann Patchett die Gedanken an den Tod. Die Angst, er könnte sie ereilen, bevor der Roman fertig ist, wurde gross und grösser. Als die Pandemie begann, war an einen neuen Roman nicht zu denken, der Gedanke stand schon zu sehr im Raum. Sie besann sich auf das, was sie neben den Romanen immer geschrieben hat: auf Essays. Und sie schrieb Geschichten, die des Leben schreibt, nämlich die Geschichten ihres Lebens. Sie erzählt von ihrem Aufwachsen mit drei Vätern, davon, wie sie als junge Studentin einen Truthahn für ihre Mitstudenten zubereitete und gewünscht hätte, als Kind besser aufgepasst zu haben, wenn ihre Mutter das für die Familie tat, sie erzählt von ihrem Mann und ihren Freundinnen, davon, wie es ist, nicht mehr zu shoppen für ein Jahr.

«Bücher waren für mich nicht nur Bildung und Unterhaltung, sie waren Partner für mich. Sie zeigten mir auf, welche Fähigkeiten in mir schlummerten. Sie eröffneten mir einen weiten Blick auf den Weg verschiedener Möglichkeiten und halfen mir so dabei, Entscheidungen zu treffen.»

Es ist ein Buch über Liebe und Familie, ein Buch über das Schreiben und das Leben. Es ist ein Buch über Unsicherheiten, Efolge, Freude und Trauer. Es ist ein Buch, das die schönen Seiten des Lebens zeigt und auch Verletzlichkeit offenbart. Es sind kleine Einsichten in ein gelebtes Leben, erzählt mit dem klaren Blick zurück, ohne Verklärung, mit Humor und viel Charme.

Gedanken zum Buch

«Von jedem meiner drei Väter nahm ich die Dinge, die ich benötigte, und dann verwandelte ich sie in Geschichten – mein Vater schenkte mir Kraft, von Mike erhielt ich grenzenlose Liebe und Bewunderung, von Darrell Akzeptanz. Diese Geschichten sind alle wahr, doch ebenso wahr sind Tausende weitere Geschichten.»

Wer aus seinem Leben schreibt, steht immer vor der Frage, wieviel er preisgeben will und kann. Diese Unsicherheit kam auch bei Ann Pratchett auf, als sie das Buch schrieb. Durch das Lesen dieser autobiographischen Essays kommt der Leser der Autorin näher, er blickt hinter die Kulissen, wenn auch nur so weit, wie die Autorin es zulässt. Es gilt also, die Gratwanderung zu bestehen, nicht zu viel preiszugeben, um danach nicht nackt und sich darüber schämend dazustehen, und doch so viel, dass das Bild ein ganzes und rundes wird.

«Durch diese Essays konnte ich mir zusehen, wie ich mich beim Schreiben mit denselben Themen auseinandersetzte wie in meinem Leben: was ich brauche, wen ich liebte, was ich loslassen konnte und wie viel Kraft dieses Loslassen kosten würde. Wieder und wieder stellte ich mir die Frage, worauf es in diese gefährdeten und kostbaren Leben am meisten ankommt.»

Ann Patchett hat sich sprichwörtlich dem Leben entlang geschrieben und dieses beim Schreiben auch selbst neu entdeckt. Dass dies passieren konnte, zeigt die Ehrlichkeit, mit der diese Zeilen geschrieben wurden. Es sind keine publikumswirksamen Zeilen und Geschichten, es sind persönliche Erlebnisse und Gefühle, die immer der Frage geschuldet sind: Was macht das Leben schön. Wenn man das Buch so liest, kommt man nach und nach zum Schluss: Das Leben in seiner ganzen Buntheit, mit allem, was es ausmacht, die schönen wie die schwierigen Momente, sind es, die das Leben schön machen, weil es dann genau das eigene Leben ist, man sich darin zuhause fühlt.

Fazit
Ein persönliches Buch mit Einblicken in ein gelebtes Leben, liebenswürdig, charmant, ehrlich und offen. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin und zur Übersetzerin
Ann Patchett, 1963 in Los Angeles geboren, lebt als Schriftstellerin und Kritikerin in Nashville, Tennessee. Ihr Roman »Bel Canto«, übersetzt in dreißig Sprachen, wurde mit dem PEN/Faulkner Award und dem Orange Prize ausgezeichnet und war auch in Deutschland ein großer Erfolg. »Familienangelegenheiten« stieg in den USA auf Platz 8 der New-York-Times-Bestsellerliste ein.

Ulrike Thiesmeyer wurde 1967 in Düsseldorf geboren 1967 und übersetzt seit 1998 aus dem Englischen und Französischen. Sie übertrug u. a. Werke von Ann Patchett, Kamila Shamsie, Nicholas Sparks, Joanna Trollope und Bernard Henri Lévy ins Deutsche.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Berlin Verlag; 1. Edition (27. Oktober 2022)
Sprache: ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe: ‎ 384 Seiten
Übersetzung: Ulrike Thiesmeyer
ISBN-13: ‎ 978-3827014696

Philosophie fürs Leben

„Was nutzt das ganze Philosophiestudium, wenn für Sie nichts dabei herauskommt als die Fähigkeit, halbwegs überzeugend über irgendeine abstruse Frage der Logik etc. zu reden, und wenn es Ihre Denkweise über die wichtigen Fragen des Alltags nicht verbessert […]» Ludwig Wittgenstein

Diese Frage habe ich mir auch oft gestellt, wenn ich Sätze las, die nach dreimaligem Lesen unverständlich blieben, sich nach fünfmaligem als Nichtssagend herausstellten, die aber dabei unglaublich gebildet klangen. Es kam mir oft so vor, als wollten sich da Menschen mit Gelehrtheit brillieren, indem sie sich so ausdrücken, dass keiner es versteht und alle denken, wie klug der doch sein müsse, sich so unverständlich auszudrücken, weil man davon ausging, dass er verstanden hat, was er sagte. 

Philosophie war ursprünglich als ein Weg gedacht, das Leben lebenswerter zu machen, dem Lebenden Mittel an die Hand zu geben, mit denen er sein Leben von unnötigem Leid befreien kann. Dieser Gedanke zieht sich in der Antike durch alle Philosophien und irgendwann scheinen wir ihn im Laufe der Zeit verloren zu haben. Gerade in schwierigen Zeiten finde ich es wichtig, sich wieder daran zu erinnern und die Philosophie zurück ins Leben zu holen. Denn: Was nützt alle Weisheit und alles Gebildetsein, wenn sie nicht dem Leben dient? Sonst werden wir zu blossen Gefässen für Inhalte, statt zu lebensklugen Akteuren in unserem eigenen Leben. 

Thomas Metzinger: Bewusstseinskultur

Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und planetare Krise

Zum Inhalt

«Bewusstseinskultur muss es dem Individuum wie auch ganzen Gruppen von Menschen ermöglichen, die eigene Würde zu bewahren, auch wenn die Spezies als ganze scheitern sollte.»

Wir haben die Welt an die Wand gefahren und werden das nicht so leicht abwenden können. Optimismus ist der falsche Ansatz, wir müssen umdenken und ein neues Leitbild entwickeln. Liessen wir uns bislang von einer Kultur des Neids, des Profitstrebens und der Gier treiben, gilt es, eine neue Bewusstseinskultur zu entwickeln, die auf neue Werte setzt und uns unsere Selbstachtung und die Würde zurückgibt, die wir durch unser Handeln in der Vergangenheit mehr und mehr eingebüsst haben. Es gilt, gemeinsam und mit offenem Blick nach Wegen zu suchen, wie wir als Gesellschaft weiterleben können und wollen, worauf wir bauen sollen.

Gedanken zum Buch
Die Klimakrise besteht nicht erst seit gestern. Wir wissen schon über fünfzig Jahre, dass es nicht so weiter gehen kann wie bisher – und machten doch weiter. Thomas Metzinger zeigt, wieso das so ist, er verweist dazu auf die Trägheit des menschlichen Gehirns beim Umlernen, auf die Trägheit von Systemen und Gesellschaften beim Umkehren.

«Es zählt das gemeinsame Erforschen und Experimentieren, nicht irgendeine absolute Wahrheit oder eine beruhigende aber trügerische Form moralischer Gewissheit.»

Umdenken passiert immer auf verschiedenen Ebenen. Einerseits muss es jeder für sich tun, aber als Gesellschaft sind wir auch dazu aufgerufen, gemeinsam neue Wege zu suchen, die wir gemeinsam auch gehen können. Es gilt, nicht auf festgesetzten Wahrheiten zu beharren, sondern offen zu sein für alle Möglichkeiten.  

«Wir brauchen das Beste aus allen philosophischen Menschheitstraditionen.»

Thomas Metzinger verbindet Spiritualität, Wissenschaft und Philosophie, beleuchtet unser Leben, Denken und Fühlen sowie die Lage unserer Welt aus allen Perspektiven und zeigt deutlich auf, dass wir umdenken müssen, dass wir eine neue Bewusstseinskultur entwickeln müssen, wenn wir noch eine Chance auf ein gutes Weiterleben haben wollen.

«Wir müssen auch lernen, unsere eigene Verletzlichkeit zu achten. Leidensfähigkeit, Verletzlichkeit und sogar Sterblichkeit sind etwas, das man ganz bewusst in sich selbst und anderen respektieren kann.»

Wir müssen erkennen, dass wir nicht unsterblich sind, dass wir nicht über allem stehen, sondern hinsehen, was wir tun und was wir damit bewirken. Wir müssen unsere falschen Beweggründe und Handlungsmotive erkennen und neue suchen, solche, die uns und der Welt um uns besser bekommen. Und wir müssen in Betracht ziehen, dass es vielleicht zu spät für eine wirkliche Rettung sein könnte.

«Optimismus ist keine Option mehr, Unsere Lösung muss etwas Tieferes sein, das über Optimismus und Pessimismus hinausgeht: vielleicht eine neue Form von Realismus, ausgestattet mit spiritueller Tiefe.»

Fazit
Ein Aufruf an die Menschen, gemeinsam mit Offenheit eine neue Form der Lebensgestaltung zu suchen, um der drohenden Katastrophe mit Würde zu begegnen.

Zum Autor
Thomas Metzinger lehrt Philosophie an der Universität Mainz und ist ein weltweit anerkannter Bewusstseinsforscher. Er tritt ein für eine stärkere Vernetzung von Philosophie und Hirnforschung und ist einer der meistzitierten deutschen Gegenwartsphilosophen. 2018 wurde er für die hochrangige Expertengruppe für Künstliche Intelligenz der Europäischen Kommission nominiert. 2021 erhielt er die Pufendorf-Medaille.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ Berlin Verlag; 2. Edition (6. Januar 2023)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 208 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3827014887

Rezension – Wolfgang Martynkewicz: Das Café der trunkenen Philosophen

Wie Hannah Arendt, Adorno & Co. Das Denken revolutionierten

Zum Inhalt

«Als sich die Akteure dieser Geschichte über ihre Ideen stritten, sahen sie sich einer Welt gegenüber, in der vieles fragwürdig geworden war, insbesondere der Mensch und seine Stellung in der Welt schien höchst problematisch.»

Frankfurt 1932, Maskenball bei Paul und Hannah Tillich. Geladen ist ein illustrer Kreis von zeitgenössischen Denkern der Zeit, unter anderem Max Horkheimer, Norbert Elias, Theodor Adorno, Karl Mannheim und viele mehr. Sie diskutieren über ihre Theorien über die Welt und den Menschen in ihr. Sie sehen sich in einer Geschichte, die den Menschen vor Probleme stellt, sei es durch die politische Situation, von der man zu dem Zeitpunkt noch meint, das Schlimmste überstanden zu haben, sei es durch die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft generell: Die Wissenschaft steckte in einer Krise, die Arbeitsverhältnisse nutzten mehr und mehr den Menschen aus, und auch die Wirtschaft hatte sich nach dem Börsencrash von 1929 noch nicht erholt.

«Theorien sind nicht eben nicht nur Theorien, sie leben durch ihre Akteure, durch deren ureigene Lust am Unterschied, an der Differenz, am Anderssein.»

Das Buch behandelt die Leben und das Denken einiger führenden Denker damaliger Zeit, die sich zum Diskutieren ihrer Ideen oft im Café Laumer in Frankfurt trafen. Adorno, Horkheimer, Mannheim, Elias, Hannah Arendt, Hans Jonas und einige mehr werden zueinander in Beziehung gesetzt und durch die Zeit bis 1943 begleitet. Entstanden ist ein Bild der damaligen Denkgebilde, welche vor allem auch durch die Frankfurter Schule bis heute nachhallen, sowie ein Zeugnis der Zeit.

Gedanken zum Buch

«Wir sind oft wie die wilden Tiere übereinander hergefallen, an kann sich das kaum vorstellen, in einer Rückhaltlosigkeit, die auch vor den schärfsten Angriffen auf den Anderen… nicht haltgemacht hat, aber ohne dass das der Freundschaft… den leisesten Abtrag gemacht hätte.» (Theodor Adorno)

Wolfgang Martynkewicz hat sich mit diesem Buch keine einfache Aufgabe gestellt. Es sind grosse Gedanken, die teilweise in grossem Widerspruch stehen. Es sind tiefe Gedanken, die erst für sich und dann in Verbindung mit den anderen verstanden werden müssen. Es ist ihm gelungen, dieses weite und breite Feld der Philosophie, Soziologie, Theologie und der Zeitgeschichte differenziert, kompetent und trotzdem gut lesbar aufzubereiten und in eine flüssige Geschichte zu verarbeiten. Das Buch ist sowohl in seiner wissenschaftlichen Erarbeitung wie auch in der verständlichen Darbietung überzeugend.

Das Buch ist vom Gedanken beseelt, dass Gedanken nie vom Denker und dessen Zeit und Umfeld unabhängig entstehen. Sie sind immer Kinder einer Lebens- und Weltsituation, auf die sie sich beziehen und aus der heraus sie entstehen. Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Denker und ihrer Gedanken weist aber auch darauf hin, dass Menschen trotz gleicher Zeiten und ähnlicher Orte des Lebens und Schaffens zu unterschiedlichen Schlüssen kommen können. Das mag auf den ersten Blick banal klingen, ist es aber nicht, bedenkt man die immer wieder vorherrschende Tendenz, Einheit statt Vielheit als Wunschprinzip zu sehen. Wie befruchtend aber gerade Diskurse zu unterschiedlichen Meinungen und Theorien sein können, zeigt sich bei den hier vorgestellten Geistern, zeigt sich in diesem Buch.

Wolfgang Martynkewicz hat sorgfältig recherchiert, das Buch weist einen umfassenden Zitat- und Fussnotenteil auf, sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis. Durch seinen flüssigen Erzählstil taucht man als Leser in die komplexesten Gedanken ein, lässt sich von ihnen mitreissen, denkt selbst mit, und möchte sich mit jedem Einzelnen dieser klugen Köpfe weiter auseinandersetzen. Noch lieber wäre man wohl dabei gewesen bei all den Treffen und Gesprächen. Durch dieses Buch ist es zumindest möglich, ihnen lesend beizuwohnen.

Etwas bedauerlich war für einen Fan von Hannah Arendt, dass sie so prominent auf dem Umschlag steht, im Buch selbst aber einen eher kleinen Raum einnimmt. Dies aber nur ein kleiner Kritikpunkt, der der Qualität des Buchs in keinster Weise Abbruch tut.

Fazit
Eine grossartige Einführung in das Denken der grossen Philosophen und Soziologen der 1930er Jahre sowie ein Zeitzeugnis dieser Zeit. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Wolfgang Martynkewicz, geboren 1955, ist freier Autor und Dozent für Literaturwissenschaft; zahlreiche Veröffentlichungen zur Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts und zur Geschichte der Psychoanalyse; u.a. über Jane Austen, Edgar Allan Poe, Arno Schmidt, Sabina Spielrein, C. G. Jung und Georg Groddeck. Mit seiner Abhandlung „Salon Deutschland. Kunst und Macht 1900–1945“ gelang ihm ein viel beachteteter Erfolg bei Presse und Publikum. Zuletzt erschien sein Buch „1920. Am Nullpunkt des Sinns“

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ Aufbau; 1. Edition (15. November 2022)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 459 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3351038878

Tagesgedanken: Umgang mit Kränkungen

Wie reagierst du, wenn dich jemand beleidigt? Was fühlst du, wenn du dich gekränkt fühlst? Was sind deine Reaktionsmuster auf Kränkungen? Oft neigen wir dazu, beleidigt zu reagieren, wenn und jemand ungerecht behandelt, beleidigt oder sonst kränkt. Wir nehmen dem anderen sein Verhalten übel und fühlen uns zurückgesetzt. In uns werden Sätze laut wie «mit mir nicht» und «was bildet der sich eigentlich ein?». Zorn breitet sich aus, Wut brodelt, der Gedanke, sich zu wehren, kommt auf – schliesslich kann man ja nicht alles auf sich sitzen lassen.

„Wenn du deinen Hass und deinen Zorn schürst, verbrennst du dich selbst.“ Thich Nhat Hanh

Was mache ich damit eigentlich? Dem anderen ist unter Umständen nicht mal bewusst, dass er mich gekränkt hat. Er hat seine Ziele verfolgt, etwas gesagt, das bei anderen nichts ausgelöst hätte, bei mir aber eine ganze Wellte ausgelöst hat. Indem ich nun hadere und zürne, meinen Zorn entfache, stosse ich den Stachel der Beleidigung immer tiefer in mich selbst, während der andere unter Umständen nichts davon weiss und friedlich weiterlebt.

«Sei dir dessen bewusst, dass nicht derjenige dich verletzt, der dich beschimpft oder schlägt; es ist vielmehr deine Meinung, dass diese Leute dich verletzten.» (Epiktet)

Das Unrecht ist passiert, ich kann es nicht ändern. Ich kann aber meine Haltung dazu ändern und akzeptieren, dass es passiert ist, wie so vieles anderes auch passiert. Ich kann mich darin üben, es auch wieder aus den Gedanken loszulassen, statt es ständig weiter zu tragen und damit meine Wut zu schüren.

Und: Wenn ich doch etwas daran ändern kann, sollte ich es besser sachlich und in angemessenem Stil tun, nicht im Affekt aus einer Wut heraus. Wut ist nicht nur schlecht, sie kann auch Positives bewirken, indem sie Energien freisetzt. Allerdings sollte sie nicht immer tiefer gehen, sondern erkannt und dann auch wieder losgelassen. Dadurch stellt sich die eigene Seelenruhe wieder ein, das höchste Ziel der Stoiker.

«Wer das Elend bereits erwartet, beraubt es seiner gegenwärtigen Macht.» (Seneca)

Man kann aber schon vor der effektiven Kränkung etwas tun, um im Umgang mit negativen Gefühlen gelassener zu werden: Im Buddhismus gibt es die Sicht auf das Leben, die besagt, dass Leben immer auch Leiden bedeutet. Diese Sicht vertreten auch die Stoiker. Seneca ging so weit zu sagen, dass man sich jeden Morgen, bevor man das Haus verlässt, sagen soll, dass man bestimmt drei üble Menschen treffen wird heute, aber auch 15, mit denen sich ein schöner Austausch einstellt. Diese Form von negativer Visualisierung kann helfen, den Tag gelassener anzugehen, weil man nicht mit Idealvorstellungen loszieht, sondern den Dingen gelassen ihren Lauf lässt.

«Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie du es wünschest, sondern wolle, dass alles so geschieht, wie es geschieht, und es wird dir gut gehen.» (Epiktet)

Gedankensplitter: Herzen

Herzen überall. Sie hängen von Decken, an Türen, sind in Bäume geritzt und auf Beine gemalt. Sie schwirren als Symbole durch Timelines und Chats, blinken von Elektrowerbetafeln und prangen an Wänden. Sie zieren Hälse und Finger, baumeln von Ohren. Und manchmal tragen wir sie auf der Zunge. Manchmal zu selten.

Und dann blicke ich in die Welt und vermisse all die Herzen in den Menschen, die Krieg führen, Menschen töten, Kinder schänden und Tiere quälen. Ich vermisse Herzen bei Worten, die stechen, zielen, verletzen, treffen. Bis ins Herz, weil sie nicht aus einem solchen kommen. Ich vermisse Herzen im Miteinander des Tuns und Seins und sehe sie zu viel als Schein.

Und manchmal wünschte ich mir, wir könnten das einfach tauschen. Herzen in Menschen pflanzen und den ganzen Schein den Symbolen überlassen.

Rezension – Tillie Olsen: Ich steh hier und bügle

Inhalt

«Wann bleibt da Zeit, sich zu erinnern, zu sichten, zu prüfen, abzuwägen, ein Fazit zu ziehen? Ich lege los, und es gibt eine Unterbrechung, und ich muss wieder von vorne beginnen. Oder ich verheddere mich in all dem, was ich getan oder nicht getan habe oder was hätte sein sollen und was sich nicht ändern liess.»

Vier Kurzgeschichten direkt aus dem Leben sozial Benachteiligter. Es geht um eine Mutter, die sich fragt, wo sie den Draht zu ihrer Tochter verloren hat, eine Familie, die einen Gestrandeten aufnehmen und sich vor Herausforderungen gestellt sehen, über die Schere zwischen schwarzen und weissen Menschen und um eine Ehe, auf die Probe gestellt wird. Es sind Geschichten, die real sind, die berühren, die von Seite zu Seite mehr zusammenwachsen.

Bemerkungen zum Buch
Literarisch hat Tillie Olsen die meiste Zeit geschwiegen. Sie steht damit nicht allein. Zu schwer ist es für viele (vor allem auch Frauen), die Zeit zum Schreiben zu finden, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, das Leben zu meistern. So ging es auch Tillie Olsen. Aufgewachsen in armen Verhältnissen als zweites von sechs Kindern, engagierte sie sich früh politisch. An Schulbildung war nicht zu denken, sie hangelte sich durch verschiedene Jobs, versuchte ihre Familie über Wasser zu halten, und versuchte nur, in jeder freien Minute zu schreiben – deren gab es wenige. Beim Schreiben schöpfte sie aus dem, was sie kannte: Dem Leben. Und sie schrieb, wie sie es kannte, direkt, in einem Stil, der eher an gesprochene als geschriebene Sprache erinnert.

Entstanden sind Kurzgeschichten in sehr verdichteter Sprache, die Bilder malen und wirken lassen. Es wird nicht erzählt, man erlebt beim Lesen mit. Man fühlt sich mittendrin. Man taucht ein in die Welten von Menschen, die nicht auf der Sonnenseite stehen, die kämpfen, oft mit sich, meist mit dem Leben. Es sind Zeit- und Schicksalszeugnisse, praktisch unmittelbar aufscheinende Sozialstudien.

Vier Kurzgeschichten sind in diesem Buch versammelt, ergänzt werden sie durch ein Nachwort. Von Jürgen Dormagen, welcher in kurzen Zügen ihr Leben und Schaffen nachzeichnet und die Herausforderungen von Frauen thematisiert, die zwischen den Stühlen stehen und doch auf allen sitzen sollten. Dabei geht es unter anderem um den Spagat von Mutterschaft und Beruf, um Armut, soziale Benachteiligung und gesellschaftliche Unterdrückung. Zudem verweist er auf den literarischen Wert von Tillie Olsens Geschichten.

Fazit
Ein kleines, feines, eigenwilliges, mutiges Buch, das direkt ins Leben greift und daraus erzählt.

Zur Autorin und den ÜbersetzerInnen
Tillie Olsen, 1912 als Tochter jüdischer Einwanderer aus Russland in Nebraska geboren, musste als junge vierfache Mutter ihre fortschrittlichen politischen Ansichten mit künstlerischem Ehrgeiz und Brotarbeit unter einen Hut bringen. Gleich ihre erste Story, »Ich steh hier und bügle«, erschien in den »Best American Short Stories of 1957«, kurz darauf wurde sie mit dem begehrten O.-Henry-Preis ausgezeichnet. Obwohl sie die Highschool ohne Abschluss verlassen hatte, erhielt sie für ihr Werk diverse Stipendien, Ehrentitel und Gastprofessuren der großen amerikanischen Universitäten, darunter Stanford, Harvard und Amherst College. Ihr berühmter Essay »Was fehlt« entstand aus einem Vortrag, den sie 1962 am Radcliffe Institute der Harvard University gehalten hatte. Sie starb 2007 in Oakland, Kalifornien, und gilt heute als Vorreiterin der emanzipatorischen Literatur.


Adelheid Dormagen, nach Schulbesuch in Mexiko-Stadt und Kairo mit deutschem Abitur Studium der Germanistik und Anglistik in Freiburg. Rundfunktätigkeit 1971/72. Gymnasiallehrerin von 1973 bis 2008, seit 1981 Übersetzerin von Autorinnen und Autoren wie Doris Lessing, Jane Bowles, Virginia Woolf, Nella Larsen, Michael Ondaatje und David Malouf. Deutsch-Australischer Übersetzerpreis 1997.


Jürgen Dormagen, nach dem Studium der Germanistik und der Philosophie von 1978 bis 1984 Lektor bei Klett-Cotta, von 1984 bis 2010 bei Suhrkamp/Insel. Seit 1999 Leiter von Übersetzerseminaren der Deutschen Buchakademie im Literaturhaus München und des DÜF im LCB Berlin. Übertrug u. a. Werke von Angeles Saura und Jean Stafford ins Deutsche. Jane Scatcherd-Preis 2004, Übersetzerbarke 2010.

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Aufbau; 1. Edition (11. Oktober 2022)
Sprache: ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe: ‎ 160 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3351039820
Originaltitel: ‎ Tell Me A Riddle
Übersetzung: Adelheid Dormagen und Jürgen Dormagen

Else Lasker-Schüler (11.2.1869)

Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elbertfeld geboren. Schon früh konnte sie lesen und schreiben, es scheint ihr wurde das Talent in die Wiege gelegt. 1899 veröffentlichte sie erste Gedicht mit Styx folgte 1901 ihr erster Gedichtband. 
Wie viele andere Juden war auch Else Lasker-Schüler eine Vertriebene des Nationalsozialismus. Um ihr Leben fürchtend, ging ihr Weg zuerst nach Zürich, später nach dem von ihr sehr geliebten Jerusalem. Geblieben ist sie dort allerdings nicht aus freien Stücken, ihr wurde die Rückreise verwehrt. Aus dem einst geliebten Land wurde ein schwieriger Ort: Deutsch war eine verpönte Sprache, so dass sie neben der Heimat Deutschland und all ihren Freunden da auch noch die Heimat der Sprache verlor. 

Else Lasker-Schüler starb am 16. Januar 1945 und wurde auf dem Ölberg in Jerusalem begraben. Sie hinterlässt ein umfangreiches lyrisches Werk, Erzählungen und Dramen.  Da sie in ihrer Freizeit gerne zeichnete, hat sie ihre Gedichtbände zum Teil sogar selber illustriert. Ihre künstlerische Ader zeigt sich auch in ihrem Breifwechsel mit Franz Marc, bestanden doch die Briefe mehrheitlich aus einer Kombination von Bild und Text – Zeichnungen, die in Marcs Schaffen einflossen.

Ein paar meiner Lieblingsgedichte von Else Lasker-Schüler:

Ein alter Tibetteppich
Deine Seele, die die meine liebet
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

Mein blaues Klavier
Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote.
– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatur.
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –

Mir lebend schon die Himmelstür,
Auch wider dem Verbote.

Die Liebe
Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen, Seide,
Wie pochendes Erblühen
Über uns beide.

Und ich werde heimwärts
Von deinem Atem getragen,
Durch verzauberte Märchen,
Durch verschüttete Sagen.

Und mein Dornenlächeln spielt
Mit deinen urtiefen Zügen,
Und es kommen die Erden
Sich an uns zu schmiegen.

Es rauscht durch unseren Schlaf
Ein feines Wehen, Seide
Der weltalte Traum
Segnet uns beide.

Hier eine kleine Deutung.

Vom Lesen und vom Denken und vom Schreiben

Was Lesen für mich heisst? Eintauchen in neue Welten, in andere Gedankenwelten. Es ist die Neugier auf die Ideen anderer, zu denen ich meine in Beziehung setzen kann. Es ist der Wunsch, mein eigenes Universum zu verlassen, um neue zu ergründen. Es ist der Drang, weiter zu gehen, tiefer zu tauchen, breiter zu denken.

Ein Leben ohne zu denken, wäre für mich kein Leben. Es gliche eher einem Sterben noch zu Lebzeiten. Denken hängt an der Sprache, denn ohne diese hätten die Gedanken keine Gefässe, die sie fassbar machten. Mein liebstes Gefäss ist das Schreiben. Erst da werde ich all der Gedanken wirklich gewahr, kann ich sie in eine Ordnung bringen, lerne ich, sie zu verstehen. Und in diesem Verstehen sind immer schon die nächsten Fragen eingewoben. So führt sich das Leben fort, geht seinen Weg, ich gehe ihn mit. Und denke immer wieder an das Motto, das ich mal über mein Leben stellte, ganz spontan, einfach, weil es mir gefiel:

«Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.»
Rainer Maria Rilke

Und je älter ich werde, desto bewusster wird mir, dass ich genau das wirklich tue.

Lebenskunst: Erwachsen werden

«Es gibt eine Kerze in deinem Herzen,
die bereit ist, angezündet zu werden.
Es gibt eine Lücke in deiner Seele,
die bereit ist, gefüllt zu werden. Du spürst sie, nicht wahr?»
Rumi

Ich habe als Kind oft den Satz gehört, dass alle anderen besser, ordentlicher, fleissiger, vernünftiger, normaler, anders wären, nur ich… nur ich, war, wie ich war, und das war offensichtlich nicht gut genug. Das Gefühl, so, wie ich bin, nicht angenommen zu werden, hat sich eingegraben, und ich habe nach Lösungen gesucht. Ich versuchte, alles so zu machen, wie MAN es macht, in der Hoffnung, dann in Ordnung zu sein. Es hat mässig funktioniert. Was aber funktioniert hat: Ich habe das Muster mit in mein Erwachsenenleben genommen. Der Versuch, es recht zu machen, war immer meine spontane Reaktion. Fehler dabei konnte ich schwer akzeptieren.

Wir tragen oft unsere negativen Glaubenssätze aus der Kindheit ins Erwachsenenleben, reagieren immer weiter nach alten Mustern, die mal eine (vermeintliche) Lösung darstellten, nun aber Leid bringen. Wenn wir immer wieder an denselben Punkten anstehen, wenn wir immer wieder in gleiche Muster verfallen, hilft es, genauer hinzusehen, den zugrunde liegenden Glaubenssatz ans Licht zu holen und ihn zu prüfen: Stimmt das wirklich? Bin ich nicht gut genug? Mache ich IMMER alles falsch? Mag mich NIEMAND? Wir werden wohl oft merken, dass wir uns mit Sätzen quälen, die nicht stimmen. Wenn wir es schaffen, sie zu entkräften, können wir langsam aus unseren leidvollen Mustern ausbrechen.

Was sind deine prägenden Glaubenssätze?

Eric-Emmanuel Schmitt: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

Inhalt
Ein kleiner Junge, früh von der Mutter verlassen, übernimmt die Haushaltspflichten für seinen Vater, immer mit dem Gefühl, diesem nicht zu genügen. Kaum ein liebes Wort, keine Bestätigung, nur Kälte, Desinteresse, Distanz. Täglich kauft er im kleinen Laden von Monsieur Ibrahim ein, welcher seine Situation insgeheim durchschaut und sich seiner annimmt. Die beiden sprechen über Gott und die Welt, über Recht und Unrecht, über Menschlichkeit und Liebe. Als Momo, so heisst der kleine Junge, auch noch seinen Vater verliert, adoptiert ihn Monsieur Ibrahim und nimmt ihn mit auf eine Reise, die ein unerwartetes Ziel hat.

„Dank des Eingreifens von Monsieur Ibrahim bekam die Welt der Erwachsenen Risse, sie war nicht mehr die gleiche glatte Mauer, gegen die ich stiess, durch einen Spalt hatte sich mir eine Hand entgegengestreckt.“

Rezension
In einer klaren, einfachen Sprache erzählt Eric-Emmanuel Schmitt die Geschichte des kleinen Momo. Es ist kein einfaches Leben, das sich dem Leser zeigt, es sind keine schönen Umstände, in denen Momo aufwächst, es eröffnen sich Tiefen und Schmerzhaftes, doch nie verfällt Schmitt ins Psychologisieren, nie wird der Stil emotional, nimmt ein Urteil vorweg oder schreibt ein Gefühl vor. Der Leser fühlt beim Lesen selbst mit, weil er tief in die Geschichte eintaucht.

Aus der Sicht eines Kindes werden landläufige Glaubenssätze entlarvt, Absurdes zeigt sich in seiner Deutlichkeit, menschliche Verletzungen und deren Folgen kommen ans Tageslicht. Die Geschichte geht direkt ins Herz und ruft da auf zu mehr Mit-Menschlichkeit über die Grenzen von Gesinnungen, Klassen und Religionen hinaus, ohne dabei zu moralisieren.

Ein Buch wie ein warmer Mantel ums Herz, eine Streicheleinheit für Gemüt und Seele. So viel Liebeswürdigkeit, so viel Tiefe, so viel Menschlichkeit. Und so viel Humor bei allem Ernst, der in den Themen liegt.

Fazit:
Ein wunderbares, berührendes, bewegendes Buch, da ich nur von Herzen ans Herz legen kann. Lest es. Saugt es ein. Lasst euch berühren. Tankt ein wenig Herzenswärme.

Zum Autor
Eric-Emmanuel Schmitt, geboren 1960 in Sainte-Foy-lès-Lyon, studierte Klavier in Lyon und Philosophie in Paris. Mit seinen Erzählungen wie »Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran« wurde er international berühmt und gehört heute zu den erfolgreichsten Gegenwartsautoren in Frankreich. Seine Werke wurden in 40 Sprachen übersetzt und haben sich mehr als zehn Millionen Mal verkauft. Schmitt lebt in Brüssel.

Zum Buch:
Herausgeber: Fischer; 16. Edition (1. Oktober 2004)
Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
ISBN-13: 978-3596161171
Originaltitel: Monsieur Ibrahim et les Fleurs du Coran
Übersetzung: Annette Bäcker, Paul Bäcker

Lebenskunst: Ja zu mir

Kennst du das auch, dass du in eine Runde kommst und dazu gehören willst? Du wünschst dir, dass sich die anderen mögen und du strengst dich an, möglichst alle Erwartungen (die du nicht wirklich kennst, dir aber vorstellst) zu erfüllen. Ein entspannter Abend wird das wohl nicht, denn du fühlst dich unsicher und auf dem Prüfstand. Und du präsentierst dich als vieles, kaum aber als dich. Wieso denkst du, dich verstellen zu müssen, nicht der sein zu dürfen, der du bist, um angenommen zu werden?

Bei Brené Brown las ich mal den schönen Satz

„Lass los, was du glaubst, sein zu müssen, und umarme, was du bist.“

Das Gefühl, nicht zu genügen, ist wohl eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, ein authentisches Leben zu führen. Es ist aber auch eines der Schwierigsten, wenn es darum geht, Beziehungen zu führen. Nimmt man sich nämlich nicht selbst an, wie man ist, ist man zu schnell dazu bereit, ja zu sagen statt nein. Man unterdrückt die eigenen Bedürfnisse und ist danach wütend auf sich – und ein wenig auch auf den anderen. Doch schauen wir genauer hin: Wenn ich meine Bedürfnisse ständig hintenanstelle, mich nicht traue, Wünsche zu äussern, was für eine Beziehung gestalte ich auf diese Weise selbst? Oft verhalten wir uns so, weil wir den anderen nicht verlieren wollen. Wir haben ihn gern, möchten ihn in unserem Leben behalten und versuchen, alles zu vermeiden, was das in Gefahr bringen würde.

Doch: Will ich so wirklich leben? Ist eine solche Beziehung wirklich befriedigend? Vielleicht solltest du das nächste „Ja“ überdenken, wenn es sich nicht gut anfühlt.