Tagesgedanken: Es allen recht machen

«Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.»

Dieses deutsche Sprichwort sagt aus, was einfach klingt und teilweise schwer in Praxis umzusetzen ist. Ich neige dazu, es allen recht machen zu wollen, traue mich dann nicht, meine Grenzen zu setzen, zu sagen: Bis hier und nicht weiter. Die Angst, anzustossen, ist gross, die Angst, nicht gemocht zu werden, überwiegt. Und tue ich es mal doch, passiert teilweise wirklich, was ich befürchte: Ich ernte Unverständnis, Ablehnung, fühle mich schlecht. Kann hier die Philosophie helfen? Ich meine, ich habe so viel gelesen in meinem Leben, sowohl im Osten wie im Westen habe ich wohl fast jeden philosophischen Stein umgedreht, der mir in die Hände fiel – und immer wieder viel Gutes, Wichtiges, Richtiges gelernt. Leider ist es nicht so, dass dies alles dann, einmal gelesen, auch schon im Leben realisiert ist. Aber: Es befindet sich in der hirn- und herzeigenen Werkzeugkiste, bereit, eingesetzt zu werden. 

Greifen wir mal in diese Werkzeugkiste und schauen wir zu Sokrates: Er stand ein für seine Überzeugungen. Er lebte sein Leben entgegen den landläufigen Gepflogenheiten, kümmerte sich statt um Geld und Ehre um die Ausbildung von Geist und Seele. Er wurde nicht müde, jeden, den er unterwegs traf, in ein Gespräch zu verwickeln, um ihm zu helfen, falsche Annahmen und Ziele loszulassen, sich nicht mehr um äusseren Reichtum, sondern um inneres Wachstum zu kümmern. 

«Schämst du dich nicht, für möglichste Füllung deines Geldbeutels zu sorgen und auf Ruhm und Ehre zu sinnen, aber um Einsicht, Wahrheit und möglichste Besserung deiner Seele kümmerst du dich nicht und machst dir darüber keine Sorge?»

Dass er damit nicht nur auf Zustimmung stiess, liegt auf der Hand, es kam so weit, dass er zum Tode verurteilt wurde, wenn er all das nicht unterliesse. Aber: Es war ihm ein zu grosses Anliegen, er wählte den Tod und machte bis zum letzten Atemzug weiter auf seinem Weg. 

Nun ist es in den heutigen Tagen bei den persönlichen Bedürfnissen und zu setzenden Grenzen selten eine Frage von Leben und Tod. Aber: Es kann durchaus passieren, dass wir mit dem einen oder anderen Bedürfnis oder Ansinnen nicht auf offene Ohren oder Zuneigung stossen. Es ist sicher auch nicht empfehlenswert, ohne Rücksicht auf Verluste alles durchzuzwängen, was man gerade will, aber es ist wichtig, hinzuhören, zu schauen: 

Was ist mir wichtig? Was brauche ich, um mein Leben als mir entsprechendes leben zu können?

Damit mag man nicht immer auf offene Ohren und Beifall stossen, das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass man selbst falsch liegt mit seinen Bedürfnissen und seinem Lebensentwurf. Es kann auch sein, dass man sich in einem falschen Umfeld befindet, dass dieses nicht zu einem passt, dass sich darin die falschen Menschen für eine enge Verbundenheit bewegen. Und das darf so sein. Frei nach meinem Lebensmotto:

„Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht jeden mögen.“

Und was für mich gilt, gilt auch für die anderen.

2 Kommentare zu „Tagesgedanken: Es allen recht machen

  1. Sandra: „Die Angst, anzustossen, ist gross, die Angst, nicht gemocht zu werden, überwiegt.“

    Das sind wohl Anzeichen für fehlende Selbstliebe.

    Kenne ich aus meiner Kindheit. Wo Angst ist,
    fangen wir an, uns zu verbiegen, werden wir unecht.

    Wir müssen in Kauf nehmen, nicht gemocht zu
    werden, sonst sind wir nicht frei, nicht souverän.

    🌻

    Sandra: „ich habe so viel gelesen in meinem Leben, sowohl im Osten wie im Westen habe ich wohl fast jeden philosophischen Stein umgedreht“

    Da ist ja auch nichts drunter – außer Würmern. 😃
    Die Weisheit findest du nur IN DIR, nirgends sonst.

    🌻

    Sokrates: «Schämst du dich nicht, für möglichste Füllung deines Geldbeutels zu sorgen und auf Ruhm und Ehre zu sinnen, aber um Einsicht, Wahrheit und möglichste Besserung deiner Seele kümmerst du dich nicht und machst dir darüber keine Sorge?»

    Wo er Recht hat, der Mann…
    Ein alter Zen-Spruch lautet:

    „Wenn du Zeit hast, meditiere 20 Minuten. –
    Wenn du keine Zeit hast, dann eine Stunde.“

    Das Meditieren ist eine Form, sich
    um das Wesentliche zu kümmern.

    🌺

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