Immer wieder schön finde ich Diskussionen, wo es drum geht, dass man die Intoleranz anderer anklagt.

Menschen mit mehr Kilos als der BMI erlaubt, finden, dass sie diskriminiert werden, dass sie verspottet werden. Um ihre Sicht zu unterstützen, schiessen sie gegen Menschen, die schlank oder gar dünn sind. Bei sich machen sie geltend, dass sie sich so wohl fühlen oder aber an einer Krankheit leiden. Das gestehen sie den Dünnen nicht zu.

Menschen, die keinen Alkohol trinken. Sie regen sich auf, dass sie sich erklären müssen oder gar als Alkoholiker abgestempelt werden. Wenn Menschen ihnen Alkohol bringen als Gastgeschenk, sehen sie das als Fettnäpfchen. Verteidigt man als Weintrinker den Weinkonsum, kriegt man Studien um die Ohren geworfen, wie viele Alkoholiker es gäbe, was Alkohol alles anrichtet und überhaupt.

Wenn Väter nach einer Scheidung klagen, dass sie ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen. Weil Männer per se diskriminiert werden bei Trennungen. Man darf nicht sagen, dass es auch andersrum geht, dass Väter sich nicht kümmern, nur immer drohen, sich aufspielen, Steine in den Weg werfen, sie nicht bereit sind, zu zahlen dafür, dass jemand zum Kind schaut, weil das ja immer nur der Frau, nie dem Kind zu Gute kommt. Besser, sie zahlte, man hätte aber alle Rechte.

Liebe Leute. Wenn ihr Toleranz wollt, lebt sie. Dicke sind Menschen wie Dünne. Alle haben Gefühle. Keiner kann riechen, ob ihr trinkt oder nicht. Egal, welche Religion oder welchen Hintergrund ihr habt. Es sind weder Männer noch Frauen schlecht.

Schlimm sind die, welche denken, dass andere ahnen müssten, was sie sich aufs Tapet geschrieben haben. Und die, die dann die verurteilen, die es nicht rochen. Schlecht sind die, welche für sich Dinge einfordern, die sie anderen nicht zugestehen. Schlecht sind all die, welche mit ungleichen Massstäben messen. Dafür muss man aber erst mal hinsehen. Was ist mein Massstab? Woran messe ich andere? Bin ich fair?

„Erkenne dich selbst“

Wurde bei vielen Philosophen als Maxime genannt. Es ist wohl immer angebracht, zuerst bei sich zu schauen, bevor man auf andere zeigt und gegen sie schiesst.

Ich zeichne. Und male. Wer das noch nicht weiss, findet auf Instagram mehr davon:

Ich auf Instagram

oder auf meinem Blog

Mein Zeichen-Blog

Ab und an kriege ich Kommentare. Das, was ich gezeichnet hätte, sei nicht ganz realitätsgetreu. Das verwundert mich immer, da mein Stil alles andere als realistisch ist. Er ist nicht abstrakt, aber niemals detailgetreu. Kürzlich konnte ich nicht schlafen und plötzlich kam mir die passende Antwort auf solche Kommentare. Sie war einfach da. Wie irgendwo tief angelegt:

Ich zeichne die Dinge, wie ich sie fühle. Für alles andere habe ich eine Kamera.

Sogar beim Fotografieren wählt man immer einen Ausschnitt. Man entscheidet sich für die eigene Sicht der Situation. Beim Zeichnen hat man noch mehr Freiheit. Mir geht es nicht um Realitätstreue. Ja, ich bin sehr konkret in dem, was ich tue, ich möchte etwas darstellen und kann mit vielen Formen der Abstraktion wenig anfangen. Abstraktion heisst oft:

Ich male einfach mal was hin.

Picasso sah das noch anders. Er fragte sich: Was muss ich weglassen, damit man immer noch sieht, was ich will. Dahinter sehe ich viel Können. Einfach mal Farben über die Leinwand zu giessen, sieht nett aus, ab und an, ist für mich aber keine Kunst, nur Dekoration. Das darf jeder sehen, wie er will und ich würde es nie verurteilen. Es ist schlicht ein anderer Weg als meiner.

Also: Wer gerne realitätsgetreue Bilder sieht, soll sich eine Kamera zulegen oder selber lernen, zu zeichnen – was ich nur empfehlen kann, es ist toll. Ich kenne die Gesetze, ich kann auch nach ihnen zeichnen. Aber: Darum geht es am Ende nicht. Mir nicht.

Ab und an üben Menschen einfach gerne Kritik. Um was gesagt zu haben. Sie fühlen sich dann wichtig. Und ganz viele Menschen lassen sich davon einschüchtern. Das ist schade. Denn: Sie sind genauso wichtig.

Sich selbst und anderen verbunden das Leben leben

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in der westlichen Welt eine neue posttraditionelle Gesellschaft entwickelt, in der Tradition und Religion samt der darauf gründenden Moral von der zunehmenden Macht des Marktes, der Wissenschaft und der Technik sowie dem Einfluss der Medien immer weiter zurückgedrängt worden sind. […] In ihr sieht sich ein jeder dazu herausgefordert, seinen eigenen persönlichen Lebensstil auszubilden. Das Problem ist jedoch, dass bisher niemand weiss, an welchen Richtlinien wir uns bei der Gestaltung unseres eigenen Lebens und der Einrichtung der Gesellschaft orientieren sollen.

Josef Dohmen zeichnet ein Bild unserer Zeit, in der sich viele Menschen relativ orientierungslos durchs Leben bewegen, dabei Begriffe wie Freiheit und Selbstverwirklichung hochhalten, diese aber weder für sich selber noch im Zusammenleben mit anderen wirklich ausbilden können. Freiheit wird als Absolutum genommen und einem liberalen Gedankengut unterstellt, welches jegliche Fesseln (vor allem von aussen) ablehnt. Zurück bleibt eine Halt- und eine Verbindungslosigkeit.

Die Tragik des Liberalismus liegt darin, dass er sich zwar für die Emanzipation des Individuums von den vorherrschenden Strukturen eingesetzt hat, es hierbei allerdings versäumt hat, eine Moral zu entwickeln, die es diesen befreiten Individuen ermöglichen würde, ihr Leben so zu gestalten, dass wir eine Gesellschaft ebenso selbständiger wie miteinander verbundener Individuen ausbilden und aufrecht erhalten könnten.

Die Lösung des Problems sieht Dohmen in der Ausbildung einer Lebenskunst. Er entwickelt den Begriff durch Verweise auf die Philosophiegeschichte und der darin enthaltenen Lebensmaximen, begonnen in der Antike und bis in die Neuzeit reichend. Dabei behandelt er Begriffe wie Glück, Selbstbejahung, den freien Geist und Willen, sowie die Wahrhaftigkeit (gegen sich und andere). Erst, wenn wir wahrhaftig uns selber sind, aus uns heraus und im Kontext mit anderen leben, ist unser Leben authentisch. Viele verwechseln Authentizität allerdings mit (prinzipieller) Auflehnung gegen aussen, mit der Maxime „alles, was ich will, nichts, was ich muss“. Daraus resultiert meist nicht nur kein authentisches Leben, sondern auch die Verunmöglichung eines Miteinanders, einer tragfähigen Gesellschaft, in der eine Moral herrscht, die weder Altruismus noch Egoismus propagiert, sondern das Individuum sich selber und der Gesellschaft gegenüber verpflichtet.

Ich plädiere für eine neue Kultur der Selbstverantwortung, eine „soziale Selbstverwirklichung““: eine kollektive Lebensform, in der sich Menschen achtsam und kreativ und ebenso bescheiden wie selbstbewusst darum bemühen, nicht auf Kosten anderer oder auf Kosten ihrer selbst, sondern gemeinsam und unter Rücksichtnahme auf andere mehr aus ihrem Leben zu machen.

Um das zu verwirklichen, muss der Mensch sich zuerst selber bejahen, wozu er sich zuerst einmal kennenlernen muss. „Erkenne dich selbst“ steht also am Anfang, gefolgt von „Wie soll ich leben?“, „Wie will ich leben?“, „Was ist ein gutes Leben?“. Dabei ist zu berücksichtigen, dass keiner alleine lebt, sondern jeder ein Teil eines Ganzen ist, dem er auch verpflichtet ist, so dass alle für sich ihr gutes Leben finden und leben können – miteinander und für sich. Dazu bedarf es der Abschaffung der Gleichgültigkeit, denn keiner ist eine Insel. Jeder lebt in seiner Zeit und muss sich in dieser bewegen und zurechtfinden.

Abschliessend behandelt Dohmen die grosse Frage, wie man glücklich werden kann und hält den Wert wirklicher Freundschaft hoch, die nicht auf gegenseitiger Berechnung, sondern auf innerer Verbundenheit beruht. Wenn dann noch die Kunst des Älterwerdens dazukommt, kann man am Schluss hoffentlich auf ein erfülltes Leben zurückblicken.

 Wenn wir wissen, warum wir gelebt haben, können wir uns eher mit dem Tod versöhnen.

Josef Dohmen greift ein grosses, umfassendes Thema auf und versteht es, dieses durch viele Rückgriffe auf die westliche Philosophie abzustützen und weiterzuentwickeln. Die Frage nach dem guten Leben beschäftigt den Menschen seit Menschengedenken. Mit dem Plädoyer für eine neue Lebenskunst bietet Dohmen einen Ansatz, der sowohl das Individuum wie auch die Gesellschaft in die Pflicht nimmt und so ein Leben ermöglichen soll, in dem Moral und Glück tragende Pfeiler sind und keiner auf Kosten anderer sein Leben verwirklicht.

Fazit:
Ein fundiertes, umfassendes, tiefgründiges Buch eines kompetenten, belesenen Autoren. Stimmig argumentiert, dabei immer leserlich und verständlich. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Josef Dohmen
Josef (Joep) Dohmen, ist Professor für Philosophische und Praktische Ethik an der Universiteit voor Humanistiek in Utrecht, Niederlande. Er studierte Philosophie in Utrecht, Berlin und Leuven (Belgien). Sein Schwerpunkt liegt auf den Themen Lebenskunst, Moralerziehung und Alter. Dohmen schrieb diverse Bücher über Montaigne, Nietzsche, Foucault und die Lebenskunst.

Angaben zum Buch:
DohmenGebundene Ausgabe: 376 Seiten
Verlag: rüffer & rub Verlag (12. November 2014)
Übersetzung: Bärbel Jänicke
ISBN-Nr.: 978-3907625729
Preis: EUR 32 / CHF 39.90

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