Tagesgedanken: Wozu das alles?

«Die Sinnfrage entsteht aus einer persönlichen Suche, manchmal Verzweiflung heraus. Hier ist ihr Ursprung, hier ist sie verankert.»[1]

Manchmal frage ich mich «Wozu das alles?» Das passiert in Situationen, in denen ich die Welt nicht verstehe, in denen ich müde bin, weil das Leben in Bahnen scheint, die mir nicht gefallen, wenn ich mich in etwas gefangen sehe, wo ich nicht sein will, oder aber wenn mir etwas so viel Kraft und Energie abverlangt, dass ich an meine Grenzen stosse. In dem Moment taucht sie auf und stellt sich mit grossen Fragezeichen vor mich: Die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Wobei, ich muss korrigieren: Es ist die Frage nach dem Sinn meines Lebens. Denn: Ich bin überzeugt, dass es keinen Sinn des Lebens gibt, das Leben an sich ist sinnfrei. Es ist ein Zustand (Dasein), ein Tun (leben), ein zeitlicher Prozess (von der Geburt zum Tod). Das alles ist ohne unser Zutun da, aber wir füllen es nun aus. Wir sind in der Pflicht, etwas daraus zu machen. Oft richten wir uns an einem Ziel aus. Damit haben wir eine Richtung, in die es laufen soll und tun, was dazu nötig ist. Wenn das gut gelingt, ist alles in Ordnung, wir sind zufrieden. Gelingt es aber nicht, kommen wir manchmal ins Straucheln, ins Hinterfragen. Wir fragen, woran es lag, was falsch lief. Und dann kann es passieren, dass wir zu zweifeln beginnen – an uns, am Leben. Und wenn all das zuviel Kraft kostet, ist es nicht mehr weit hin stosshaften Seufzer:

Wozu das alles?

In dieser Frage, zumal wenn sie in schwierigen Situationen ausgesprochen wird, steckt nicht nur der Wunsch nach Erkenntnis, es steckt auch ein Stück Verzweiflung ob der fehlenden Sinnhaftigkeit drin, sowie eine Verlorenheit, weil die Ausrichtung, das klare und zu erreichende Ziel fehlt, das einem Sicherheit gibt auf dem Weg durchs. Leben. Wir brauchen diesen Sinn, damit wir einen Halt im Leben finden. Nietzsche drückte das folgendermassen aus:

«Wer ein Warum hat, erträgt fast jedes Wie.»

Die Sache ist die: Um den Sinn für das eigene Leben zu finden, braucht es vor allem den Willen durch Selbstreflexion, Geduld und Mut. Ich muss bereit sein, herauszufinden, wer ich bin und was ich wirklich will im Leben. Was sind meine Werte, was meine Wünsche? Aber auch: Was sind meine Fähigkeiten und Möglichkeiten? Das alles braucht Zeit, denn das Graben geht tief und führt oft zu widersprüchlichen Antworten, die man dann wieder aussortieren muss danach, was wirklich eigene Bedürfnisse sind und was nur prägenden Stimmen anderer geschuldet ist. Mut braucht es dann, wenn man herausgefunden hat, wo die Reise hingehen soll. Es gilt, auch mal gegen den Strom zu schwimmen, wenn dies erforderlich ist – und die Konsequenzen zu tragen, wenn dies nicht allen gefällt. Es gilt, auch mal Durststrecken durchzustehen, im Glauben daran, dass man seine Ziele erreichen kann. Und es gilt, auch mal mit Niederlagen umgehen zu lernen, da trotz allem Nachdenken nicht jedes Ziel erreichbar ist.

Aber es gibt auch was: Eine momentane Antwort nach dem Wozu. Wozu gehe ich den Weg? Weil ich dieses Ziel habe, das mir entspricht. Momentan ist die Antwort deswegen, weil die Ziele sich ändern können, man sie auch mal aus den Augen verlieren kann – oder sie sich als Illusion herausstellen. Dann fängt der Prozess von Neuem an. Und vielleicht gewinnt man mit der Zeit auch eine Art Vertrauen, dass man den Sinn für das eigene Leben immer wieder neu finden kann. Es gibt nicht nur ein Wozu, es gibt viele.


[1] Christian Uhle, Wozu das alles?

*****

Dies sind eigene Gedanken, keine Rezension. Trotzdem kann ich das Buch, aus dem das Eingangszitat stammt, sehr empfehlen. Es ist in meinen Augen manchmal etwas sehr ausführlich und ausschweifend, aber durchaus eine sinnvolle und anregende Lektüre:

Christian Uhle: Wozu das alles? Eine philosophische Reise zum Sinn des Lebens

Zum Inhalt:
Christian Uhle geht in seinem Buch einer Frage nach, die die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigt: Die Frage nach dem Sinn des Lebens. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise, befragt verschiedene Philosophen und beleuchtet unterschiedliche Ansätze. Er fragt, warum wir hier sind und wohin das alles führen soll, fragt danach, was wirklich zählt im Leben und was Glück ist. Er fragt, wo man als Mensch verhaftet ist, wo das Zuhause ist – und was es bedeutet, wenn man es nicht mehr sieht. Identität und Zielsetzungen sind ein Thema sowie die Frage es guten Umgangs miteinander.

Entstanden ist ein informatives, gut lesbares, ab und zu etwas ausschweifendes und plauderhaftes Buch, das nicht nur viel Freude macht beim Lesen, sondern sicher etwas mit auf den Weg gibt – und wenn es nur die Anregung um selbst Denken ist.

Tagesgedanken: Ich erzähle mir von mir

Manchmal erzähle ich mir eine Geschichte. Ich erzähle mir von meiner Kindheit, von meiner Jugend, lasse Beziehungen Revue passieren und male mir so ein Bild von dem Menschen, der ich war und bin. Und irgendwann erzähle ich mir wieder eine Geschichte. Es ist die Geschichte meines Lebens, wie es war, und die Geschichte davon, wie ich wurde, wer ich bin. Es ist eine andere Geschichte. Und doch die gleiche. Und ich bin die gleiche – und doch ist etwas anders. Und mir schwant, dass ich wohl viele bin, nicht nur eine. Und die vielen zeigen sich auch teilweise, indem sie in mir miteinander streiten, weil jede etwas anderes denkt und will.

Manchmal fühle ich mich von all dem überfordert und frage mich, wer von all dem ich denn nun wirklich bin. Was ist die Wahrheit, was ist Wirklichkeit? Und dann merke ich, dass alles wahr ist. Ich habe nirgends gelogen, nichts erfunden – und doch irgendwie alles. Ich habe mich in diesen Erzählungen gefunden und teilweise auch erfunden, indem ich erzählte und beim Erzählen eine Auswahl traf. Im Moment des Erzählens erschien diese Auswahl richtig. Etwas verunsichernd war, zu sehen, wie viel dabei unbewusst ablief, wie ich ohne Absicht ein Bild von mir entwarf, das ich für die Realität hielt. Das zeigte mir, wie viel sich eigentlich meiner Kontrolle entzieht, wie viel bei mir abläuft, ohne dass ich es mitkriege, wie sehr ich gesteuert bin durch Muster, Denkweisen, Prägungen.

Ich merkte aber auch, dass das in Ordnung ist, dass ich in Ordnung bin. Es ist auch tröstlich, zu sehen, dass man viele Geschichten in sich trägt, die alle wahr sind, dass man ganz viel ist, nicht nur das, was vielleicht mal nicht gut läuft. Es ist hilfreich, wenn man in Situationen, in denen man einen Fehler macht, mal nicht optimal reagiert, zu wissen, dass man noch viel mehr ist als nur das. Man hat nur nicht zu jedem Zeitpunkt alles zur Hand und alles im Griff. Und vielleicht ist dieses Wissen um das eigene Sein, den eigenen Wert, das Wissen, dass dieser Wert nicht schwindet durch eine Unzulänglichkeit, das grösste Glück.

«Das Glück hängt an dem Selbst, das sich dessen erfreut und damit im reinen ist, sich nicht vollends im Griff zu haben.» (Dieter Thomä)

Vielleicht sollten wir uns mal unser Leben erzählen. Und am nächsten Tag nochmals. Und dann wieder. Und dann sehen, wie viele Leben wir lebten und was wir alles sind.

Tagesgedanken: Zusammenleben

„Seien Sie aufmerksam gegen das, was in Ihnen aufsteht, und stellen Sie es über alles, was Sie um sich bemerken. Ihr innerstes Geschehen ist Ihrer ganzen Liebe wert, an ihm müssen Sie irgendwie arbeiten und nicht zu viel Zeit und zu viel Mut damit verlieren, Ihre Stellung zu den Menschen aufzuklären.“

Diese Zeilen schreibt Rilke an einen jungen Schriftsteller. Er fordert ihn auf, sich auf sich selbst zu besinnen, bei sich zu schauen, was wichtig ist, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und sie zu erfüllen. Es ist nicht wichtig, so Rilke, was die andren über einen denken, wichtig ist, dass man mit sich im Reinen ist. Und daran muss man arbeiten, nicht am Stand unter den anderen Menschen.

Daran ist viel Wahres. Wenn ich mich selbst nicht kenne, wenn ich meine Bedürfnisse nicht wahrnehme, wenn ich nur nach aussen, kaum nach innen schaue, entfremde ich mich mit der Zeit von mir selbst. Gerade die Selbstreflexion macht uns als Menschen aber doch aus, die Fähigkeit, ein Bewusstsein zu entwickeln, mit dem wir die Welt und auch uns selbst erfassen können.

Es verwundert nicht, dass dieser Rat von Rilke kommt, hat der doch zeitlebens den grossen Teil seiner Zeit dem gewidmet, was ihm das wichtigste war, nämlich dem Schreiben. Dem ordnete er alles unter und das ohne Rücksicht darauf, was andere davon halten mochten. In dem Rat steckt aber eine Schwierigkeit: Können wir uns einfach aus der Welt nehmen? Wir sind soziale Wesen, die auf andere angewiesen sind. Wir brauchen die Gemeinschaft nur schon, um uns überhaupt selbst zu erfahren, zu dem zu werden, der wir sind, eine Identität auszubilden. Natürlich sollten wir uns nicht von den Urteilen anderer abhängig machen. Natürlich sind unsere Bedürfnisse wichtig und sollten nicht einfach übergangen werden. Dabei sollte aber immer bewusst bleiben, dass auch der andere Bedürfnisse hat. Auf meinen zu beharren, zu klagen, wenn sie nicht alle erfüllt sind, mutet eher selbstverliebt als selbstsorgend an. Vor allem, wenn der Blick nur noch auf sich gerichtet ist, damit der andere völlig ausgeblendet wird.

Es mag nicht schön sein, zurückzustecken. Manchmal tut es weh. Und vielleicht ist es wirklich unnötig, unfair, verletzend. Vielleicht aber ist es schlicht der zu machende Kompromiss, um in einem Miteinander, in dem jeder seinen Platz und seine Rechte hat, friedlich zusammenzuleben.

Lebenskunst: Befreiung von selbstgemachtem Leid

«Unser wahrer Feind ist nicht ausserhalb von uns, sondern sitzt in uns selbst.» Dalai Lama

Wie oft stehen wir uns im Leben selbst im Weg. Wir sehen die Dinge, wie wir sie sehen und bilden uns ein, sie zu erkennen, zu wissen, wie sie sind. Doch ist unser Sehen immer geprägt von unseren Gedanken, die wiederum verschiedene Herkünfte haben, allesamt dazu da die wahre Sicht zu verstellen und die Dinge im Licht unserer Prägungen zu sehen.

«Das Nichtwissen, also das Glauben, dass die Dinge, wie sie erscheinen, nämlich als unabhängig und autonom, ohne von Ursachen abzuhängen, ist die Wurzel aller irrtümlicher Vorstellungen.» Dalai Lama

Aus den Vorstellungen, wie die Dinge also seien, bilden sich dann in uns neue Gedanken, oft solche, die uns mehr behindern als fördern. Wir sehen Hindernisse auf dem Weg hin zur Erfüllung von Wünschen oder Erreichung von Zielen. Wir bilden Abneigungen aufgrund von erfahrenen Verletzungen und gefühlten Risiken, oder Abhängigkeiten und Begehren aufgrund von positiven Zuschreibungen: Ich muss etwas unbedingt haben, denn es wird mich glücklich machen. Damit fördern wir sicher kein Glück, sondern im Gegenteil eher Leid. So ist denn im Buddhismus auch die Sicht vertreten, dass es im Leben viel um Leiden geht, dass wir leiden, weil wir falschen Vorstellungen anhängen, die uns auf unserem Weg raus aus dem Rad der Wiedergeburt (Samsara) behindern und damit der inneren Harmonie im Wege stehen.

Wenn wir es schaffen, das zu erkennen, steht dem eigenen Weiterkommen nichts mehr im Weg. Dann können wir eine Weisheit entwickeln, die immer bedeutet: Erkennen, was wirklich ist, die wahre Natur allen Seins und aller Dinge zu erkennen und aus diesem Erkennen heraus zu handeln. Dies führt zu einer Befreiung und damit auch hin zum obersten Ziel: Nirvana. Wir können dies selbst fördern, indem wir uns in den sechs Vollkommenheiten üben:

«Buddha erläuterte den vollkommenen Weg auf der Grundlage der Erfahrung des erwachenden Geistes und der sechs Vollkommenheiten: Grossherzigkeit, Disziplin, Geduld, Bemühen, Konzentration und Weisheit.» Dalai Lama

Was dabei ganz wichtig ist: Geduld. Der Dalai Lama, ein weiser Mensch, sagt von sich selbst, dass er sich nun seit über 70 Jahren der Meditation widmet und noch immer nennt er seine Einsichten armselig. Daran zu verzweifeln und aufzuhören, wäre aber der falsche Weg: Geduld ist das Zauberwort und die Disziplin des weiteren Übens der Weg. Und mit dem Bewusstsein können auch wir uns auf den Weg machen. Vielleicht erreichen wir nicht das Nirvana, aber ein wenig mehr wirkliche Freiheit, Freude und die Zuversicht, dass unsere Ziele erreichbar sind – wenn wir uns nicht selbst ein Feind sind und uns im Weg stehen.

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Buchtipp:
Dalai Lama: Das kleine Buch der Harmonie: Durch Meditation zur innersten Erkenntnis
In kurzen, prägnanten Absätzen und einen längeren Text führt uns der Dalai Lama hin zur Erkenntnis der wahren Natur der Dinge und zeigt uns einen Weg auf hin zu mehr Weisheit, weniger Täuschung und damit der Befreiung.

Angaben zum Buch:
Verlag: Herder Verlag (8. März 2021)
Taschenbuch: 176 Seiten

Tagesgedanken: Gefallensfalle

Ich bin getrieben. Von Ansprüchen, Erwartungen, Wünschen, Zielen. Eigenen. Und manchmal von Fragen, auf welche die Antworten fehlen. Ich fliege von einem zum andern und verwerfe schlussendlich alles wieder, immer mit der Frage: Wozu das alles? Aber auch: Was soll ich tun? Was kann ich tun? Und vor allem: Wie mache ich es richtig? Und gut?

Ich merke, wie mir oft die Luft ausgeht. Dann bin ich einen Moment ohne Atem, merke, wie ich innerlich zusammenfalle in diesem luftleeren Raum, bis die normale Atmung wieder einsetzt. Beim ersten Mal machte es mir Angst. Nun ist es fast normal geworden. Man gewöhnt sich an vieles. Zu vieles wohl. Müsste ich es ernster nehmen? Wohl schon. Doch was wäre die Konsequenz?

Ich müsste wohl hinschauen, wieso ich denke, Ansprüchen und Erwartungen genügen zu müssen. Woher kommen die überhaupt? Ich müsste mich fragen, wieso ich denke, alles richtig machen zu müssen. Und wieso gut oft nicht gut genug ist, es besser sein muss. Und ich müsste mich fragen, woher diese innere Unruhe kommt, die mich immer wieder an- und umtreibt, oft auch wegtreibt von vielem. Und ich müsste mir fragen, ob es etwas gäbe, das Ruhe bringen könnte.

Und ja, ich käme wohl auf Antworten. Ich würde wohl merken, dass ich immer wieder hoffe, zu gefallen, dass ich immer wieder hoffe, angenommen zu sein in meiner Art. Dass ich immer wieder denke, dass dies passiert, muss ich etwas leisten – nicht nur etwas, sondern etwas richtig Gutes. Und ich würde wohl erkennen, dass ich für dieses Gefallenwollen, hinter dem eine Sehnsucht nach Liebe steckt, vieles aufgebe – oft meine eigenen Bedürfnisse. Und ich müsste mich wohl fragen, ob der Preis nicht zu hoch ist. Und ich würde wohl zum Schluss kommen, dass er das ist.

Und dann merke ich: Ich stecke tief drin, in der Gefallensfalle. Und ich weiss eigentlich tief drin, dass es ein Käfig ist, den ich mir selbst baue. Und ich weiss tief drin ebenfalls, dass es nur einen gibt, dem ich wirklich gefallen muss, für den ich es wirklich recht machen muss. Das bin ich. Und nun müsste ich mir das nur noch glauben und tief durchatmen und zur Ruhe kommen…

Ohne Liebe sind wir uns selbst zur Last. Durch die Liebe tragen wir einander. (Augustinus Aurelius)

Philosophisches: Haben oder Sein

«Die Aufgabe ist, dass der Mensch so lebt, dass der Zweck, das Ziel seines Lebens die volle Entfaltung aller seiner Kräfte ist als ein Selbstzweck und nicht als Mittel zur Erreichung anderer Zwecke.» (Erich Fromm, Marx zitierend)

Das sagte Erich Fromm in einem Interview und meinte es als Kritik an einer Welt, die Menschen immer mehr als Ressourcen sieht, und immer weniger als Personen, als Individuen. Was zählt, ist das Haben, der Profit, dabei geht das Sein, das Leben als ganzer Mensch, unter. Sinnbildlich wird das in Firmen, in denen die Personalbüros «Human Ressources» heissen: Menschliches Kapital quasi, ein Gut, auf das man für den Profit strategisch zurückgreift. Kein schönes Bild, wie ich finde. Kein Wunder, fühlen sich Menschen immer unwohler in der Arbeitswelt, brennen sie aus, werden sie krank. Für die ressourcenorientierte Gesellschaft ist das kein Problem, jeder ist ersetzbar, fällt einer aus, kommt der nächste.

Das fängt aber schon früher an: Auch in der Schule zeigt sich diese Haltung. Es geht nicht um Bildung, sondern um Wissensanhäufung unter Zwang und Leistungsdruck. «Und bist du nicht willig, dann kriegst du ne eins (in der Schweiz die schlechteste Note).» Wer es nicht aufs Gymnasium schafft, hat je länger je mehr ein Problem, die Berufsauswahl schrumpft. Es zählt nur noch, was einer (an Papieren) hat, nicht was er an wirklichen Fähigkeiten mitbringt. Eine Kindergartenlehrerin muss in Mathe gut sein, die Sozialkompetenz, der liebevolle Umgang mit Kindern sind keine ausschlaggebenden Kriterien.

Was so mehr und mehr wegfällt, ist eine wirkliche Beziehung zwischen Menschen, eine wirkliche Beziehung zur Welt. Der Mensch sieht sich als Rad im Getriebe und fühlt sich nicht gesehen. Das Interesse liegt mehrheitlich darauf, was einer hat, nicht wer er ist. Dadurch entstehen keine wirklichen Beziehungen, doch die wären wichtig für den Menschen, denn ohne sie kann er nicht als Mensch wirklich existieren, sicher kann er kein Leben führen, das ihn befriedigt, das er als gutes Leben bezeichnen würde. Es kommt zu einer immer grösseren Entfremdung – von der Welt, von anderen Menschen, oft auch von sich selbst.

Vielleicht wäre es langsam an der Zeit, umzudenken, Leben neu zu denken – weg von

«Sag mir, was du hast, und ich sage dir, wer du bist.»

Hin zu

«Sag mir, was du fühlst, denkst, tust und willst, und ich sehe, wer du bist.»

Das könnte ein Weg sein weg von profitorientierter Existenz hin zu einem sinnerfüllten Leben.

Tagesgedanken: Den anderen annehmen

Lernt man jemanden kennen und verliebt sich, bleibt es nicht aus, dass Blick verklärt ist und der andere in den hellsten Farben erscheint. Mit der Zeit kommen kleine Irritationen ans Licht, er hat Vorlieben, die man nicht teilt, Bedürfnisse, die man nicht versteht, verhält sich auf eine Weise, die abweicht vom eigenen Habitus. Werden die Irritationen und das Unverständnis grösser, kommt es oft zu Konflikten, Vorwürfe fallen, die mitunter verletzen. Was ist passiert? Hat der andere sich verändert? Habe ich mich verändert? Haben wir etwas übersehen?

Es kann sein, dass es nichts von alledem ist – oder alles. Menschen sind nie statisch, dass sie sich verändern, liegt in ihrer Natur. Den anderen auf etwas festzulegen, behindert diesen in der Entfaltung seiner wirklichen Person, in seinem Wachsen. Das hat wenig mit Liebe zu tun, es entspringt oft dem eigenen Bedürfnis nach Konstanz, nach Sicherheit – Neues verunsichert, wer wächst, wird grösser und vielleicht auch die Angst, er könnte über einen hinauswachsen. Man übersieht dabei, dass dies eine Chance wäre, gemeinsam zu wachsen, aneinander.

«Die Liebe gibt der geliebten Person die Möglichkeit, Person zu sein, und zwar auf eine einmalige, unverwechselbare Art Person zu sein. Und es sind die Augen des Liebenden, die diese Einzigartigkeit wahrnehmen, eine Einzigartigkeit, die mehr ist als die Kombination empirischer Qualitäten.» (Robert Spaemann)

Es ist wohl das schönste Geschenk, das man jemandem machen kann, wenn man ihn so annimmt, wie er ist. Um das zu können, muss ich den anderen erst sehen, hören, wahrnehmen in seinem Sein. Nur dann erkenne ich ihn in seiner Tiefe, in dem, was ihn ausmacht. Ich überlagere ihn nicht von vornherein mit Begriffen und Urteilen, sondern erkunde neugierig seine Eigenheiten – und ich nehme an, was ich sehe, nehme ihn an in seinem So-Sein.

Wenn ich merke, dass mich jemand als Ich annimmt, dass meine Bedürfnisse wahrgenommen werden, ich sein kann, wie ich wirklich bin, und werden darf, wer ich sein kann, dann habe ich sie wohl gefunden, die Liebe. Und wenn sie nicht im Aussen ist, so kann ich sie zumindest in mir selbst für mich finden – und mir selbst ein sicherer Ort zum Wachsen sein.

Leserückblick August

Schon sind wir wieder in einem neuen Monat, Zeit für einen Rückblick. Der August war für mich ein Monat voller Umbrüche, Zweifel, Abschiede, Veränderungen und Erkenntnissen. Wenn so viel zusammenkommt, ist klar, dass es kein ruhiger war, und ich hatte auch das Gefühl, dass zu viel auf der Strecke bleibt, so auch das Lesen. Dass es nun doch 11 Bücher geworden sind, erstaunt mich sehr. Das ist aber auch ein Grund dafür, alles aufzuschreiben: Meine Wahrnehmung zu prüfen. Zudem zeigt mir die Wahl der Lektüre immer auch viel über meinen Monat, darüber, was mich interessiert hat, bewegt hat. Beim Blick zurück erinnere ich mich an das Buch und die Inhalte, es kommen auch Gedankenfetzen zur Zeit des Lesens. Manchmal hing mit einem Buch auch mehr zusammen, es war Auslöser einer Einsicht, der Anfang eines neuen Weges. Auf diese Weise ist mein Leserückblick mehr als das. Es ist eine Form der Selbstbetrachtung, des Rückblicks auf einen gelebten Monat. Die Bücher sind ein Teil davon und sie stehen oft für eine Gesinnung, für Gefühle, für Interessen in dieser Zeit.

Ich habe im August mit Josef Dohmen die Wege aus der Gleichgültigkeit der heutigen Zeit gesucht, mit Stefanie Stahl mein inneres Kind gestärkt und von William B. Irvine eine Anleitung zum guten Leben erhalten. Ryan Holiday zeigte mir auf, wie Hindernisse zu Chancen werden können, und Seneca den Weg hin zu mehr Gelassenheit. Albert Kitzler sprach mir aus der Seele, dass Philosophie einem gesunden Leben dienlich ist und Donald Robertson zeigte das anhand des stoischen Weg zum Glück ebenfalls. Alan Watts pries die Unsicherheit als Quelle von Lebendigkeit und Albert Kitzler zeigte, wie man bei all dem Ruhe bewahren kann. Nach einem Abstecher nach Japan zu Kaizen, sitze ich nun hier nach einem wilden Ritt und habe den September schon mit Thich Nhat Han begonnen – es geht weiter in den Buddhismus und ins Yoga.

Hier die ausführlichere Leseliste:

Josef Dohmen: Wider die Gleichgültigkeit. Plädoyer für eine moderne LebenskunstWas ist nötig für ein gutes Leben, welche Kriterien sind wichtig, sie zu realisieren, um ein Leben als der zu leben, der man sein will? Freiheit, Wahrhaftigkeit, Selbstbejahung und einige mehr werden in die Waagschale einer neuen Lebenskunst geworfen. 4
Stefanie Stahl: Das Kind in dir muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller ProblemeWie steuern Prägungen aus der Kindheit unser Verhalten? Wie haben sich alte Glaubessätze in uns festgesetzt und bringen uns nun immer wieder in leidvolle Situationen? Diese zu erkennen und zu ersetzen hilft, ein freudvolleres Leben zu führen. 5
Stefanie Stahl: So stärken Sie ihr SelbstwertgefühlMangelndes Selbstwertgefühl kann einem selbst und dem Umfeld das Leben erschweren. Was kann ich tun, um mein Selbstwertgefühl zu stärken, um ein ausgeglicheneres und zufriedeneres Leben zu führen, in dem ich mich nicht ständig durch unangemessenes Verhalten schützen muss?5
Wiliam B. Irvine: Anleitung zum guten Leben: Wie Sie die alte Kunst des Stoizismus für Ihr Leben nutzenEin gutes Leben gelingt nur, wenn wir eine Lebensphilosophie haben, die uns dahin führt. Eine solche finden wir bei den Stoikern. Indem wir praktizierende Stoiker werden, lernen wir, uns von Leid bringenden Affekten zu lösen und eine innere Ruhe zu erlangen. 5
Ryan Holiday: Das Hindernis ist der Weg. Mit der Philosophie der Stoiker zum TriumphWie man dem eigenen Leben ein Ziel setzt und die auftretenden Hindernisse als Chancen statt als Grund zu scheitern sieht. Stoische Gedanken und anschauliche Beispiele für ein zielgerichtetes Leben, in dem man nicht zu schnell aufgibt, sondern neue Wege sucht.5
Seneca: Von der GelassenheitKleines Buch voller Weisheiten darüber, was man tun und was lassen soll, um ein gutes Leben zu führen. 5
Albert Kitzler: Denken heilt!: Philosophie für ein gesundes LebenLehren und Weisheiten der antiken Philosophen zur Bekämpfung von Seelenkrankheit und Erlangung einer gesunden Seele, die zu einem glücklichen Leben führt. 4
Donald Robertson: Stoizismus und die Kunst, Glücklich zu sein. Alte Weisheiten für moderne HerausforderungenEine Einführung in den Stoizismus, ein Blick auf einzelne Themen und den Umgang der stoischen Philosophen damit. 5
Alan Watts: Weisheit des ungesicherten LebensWie wir dadurch, dass wir alles planen und absichern wollen, immer weiter vom Lebendigen wegkommen und uns schliesslich selbst verlieren. 4
Albert Kitzler: Nur die Ruhe. Einfach gut leben mit Philosophie12 Regeln der Stoiker zu verschiedenen Lebensthemen, dargestellt in fiktiven Gesprächen einer Philosophin mit ihren Klienten. Neben den Stoikern kommen auch andere antike Philosophen aus Ost und West zur Sprache. 4
Haruki Necharo: Kaizen – die japanische Philosophie für ein erfülltes Leben: Wie Sie mit einfachen täglichen Verbesserungen langfristig Ihre Ziele erreichen.Kaizen ist eine japanische Philosophie, die ursprünglich auf Unternehmen zugeschnitten war, die aber auch gut auf die Lebenskunst anwendbar ist, was in diesem Buch versucht wird. Es ist die Philosophie der Verbesserung, des Hinschauens und verbessern des eigenen Tuns und Seins. Nicht als Selbstoptimierung, sondern aus der Akzeptanz dessen, wer wir sind und dem Wunsch nach mehr Glück. Inklusive ist ein Kapitel mit Wabi-Sabi, einer Sicht, das Leben zu betrachten. Indem der Autor es sehr anschaulich machen wollte, ist es etwas gar „einfach“ geschrieben.3

Wie war euer Lesemonat August?

Tagesgedanken: Falsche Vorstellungen

Ich bin ein Mensch, der gerne seine Strukturen, seine Gewohnheiten hat. Das hat einerseits pragmatische Gründe, denn als selbständig arbeitender Mensch fehlen die Leitplanken von aussen und es fällt mir leichter, täglich nach dem etwa gleichen Plan zu arbeiten, als jeden Tag neu zu überlegen, ob und wann und was ich denn nun tun soll. Es hat aber andererseits auch weitere Gründe: Ich mag es so, fühle mich wohl, wenn ich weiss, was mich erwartet.

Neues, plötzliche Veränderungen, mag ich hingegen gar nicht. Da ertappe ich mich schon lange Zeit vorher, mir auszumalen, wie das sein könnte. Ich erzähle mir, dass das schwer wird, schüre meine Ängste, der Situation nicht gewachsen zu sein, finde immer mehr Dinge, die zu meinem Unwohlsein führen könnten. Das führt dazu, dass es nicht erst schwierig wird, wenn das Neue dann kommt, sondern ich vergifte mit diesem Gedankenkarussell schon die Zeit vorher. Und oft habe ich dann erlebt, dass alles ganz leicht war und meine Sorgen völlig umsonst.

„Vorstellungen sind mentale Muster, die nicht auf real existierenden Objekten beruhen.“ (Patanjalis Yoga Sutras, 1.9)

Es ist wohl an der Zeit, zu lernen, dass das, was am meisten Unwohlsein mit sich bringt, nicht die neuen Situationen sind, sondern meine Vorstellungen davon. Natürlich kann es sein, dass es mal schwierig wird, natürlich gibt es Situationen, in denen ich mich unwohl fühle, doch es reicht, wenn es in der Situation selbst so ist, ich muss nicht schon die Tage vorher damit belasten, denn das ist schlicht nur ein selbstgemachtes Leiden und es liegt in meiner Hand, dies zu ändern.

Mögt ihr Veränderungen oder habt ihr es doch lieber wie gewohnt?

Tagesgedanken: Arbeit an der Liebe

Liebe ist das grösste Gut. Viele Menschen würden das so unterschreiben, wir alle suchen sie, brauchen sie, die Liebe. Umso erstaunlicher ist es doch, dass wir oft, wenn wir sie haben, den Menschen an unserer Seite wissen, den wir lieben, unsere Prioritäten ändern: Alles ist plötzlich wichtig, will getan und erlebt werden – der Geliebte muss das verstehen. Bis er es nicht mehr versteht.

«Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben.
Weisst Bescheid. Einsam bist du sehr alleine –
Und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.»

Man hört sie förmlich ticken, die Wanduhr aus Erich Kästners Gedicht «Kleines Solo». Man sieht das Paar, das sich nichts mehr zu sagen hat, jeder starrt in eine Richtung, nichts schwingt mehr dazwischen – fast ist man an ein Bild von Edward Hopper erinnert. Das Leben ist ausgehaucht, die Gefühle ausgeflogen, zurück bleibt die Ernüchterung des Alltags. Beide bleiben, weil das alles ist, was sie kennen, und sie fürchten, nachher allein zu sein. Sie merken nicht, dass sie schon so viel mehr allein sind, als sie es allein je sein könnten. Das Dasein anderer Menschen, zu denen man eigentlich eine Beziehung hätte, diese aber nicht mehr gelebt, gefühlt, gespürt wird, wird zum Verstärker der Einsamkeit.

Wie das Paar wohl dahin kam? Wie kann Liebe, die lebt, plötzlich sterben? Vermutlich wie jedes System eingeht, wenn es keine Nahrung kriegt. Liebe ist kein Selbstläufer, der, einmal angelaufen, einem Perpetuum mobile gleich in alle Ewigkeit weiterläuft. Es heisst, Liebe sei Arbeit. Vielleicht kann man es auch Sorge nennen, wie es Aristoteles bei seinem Liebesbegriff, der Philia, tat. Liebe als wechselseitige Sorge, als Wohlwollen, Gutes Tun. Wie sagte Erich Kästner:

„Es gibt nichts Gutes, ausser: Man tut es.“

Liebe ist damit ein Tun, ein gegenseitiges sich um den anderen kümmern, für den anderen da sein. Das kann man nicht einfach auf morgen verschieben, das muss als tägliche Haltung dem anderen entgegen gebracht werden.

Leider verschiebt man aber oft nicht nur unliebsame Arbeiten auf später, sondern auch die Arbeit an dem, was man eigentlich als wichtigstes im Leben sieht: Die Liebe. Man nimmt sie als selbstverständlich, sieht den Partner als sicher, und vergisst, dass jeder Mensch, um zu leben, Zuwendung, Berührung, Aufmerksamkeit braucht, dass jeder Mensch das Gefühl haben will, wichtig und geliebt zu sein. Heute. Nicht morgen. Ansonsten fängt die Wanduhr an zu ticken. Und irgendwann ist die Zeit abgelaufen.

Tagesgedanken: Schutzschild

«Der Eremit
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er lächelte mitten im Schmerz.
Er wollte nur sein, nicht scheinen.
Es sah ihm keiner ins Herz.

Es hörte ihn keiner weinen,
Er zog in die Wüste hinaus.
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er baute aus ihnen sein Haus.»[1]
(Mascha Kaleko)

Wir sind als Menschen soziale Wesen, wir sind abhängig voneinander, da wir allein nicht überlebensfähig sind – dies nicht nur im körperlichen, sondern vor allem auch im psychischen Sinn. Die Seele leidet, wenn man sich nicht akzeptiert fühlt. Die Welt scheint fern und fremd, wenn man sich in ihr nicht zu Hause fühlt. Zu Hause fühlt man sich da, wo man sich angenommen fühlt, wo man sein darf, wer man ist, wo man spürt: Ich gehöre dazu, ich bin so akzeptiert, wie ich bin.


Ich kann mir zwar wünschen, dass mich andere Menschen als die nehmen, die ich bin – selbst, wenn ich anders bin als sie. Erwarten kann ich es leider nicht, verlangen schon gar nicht. Was, wenn die Anerkennung ausbleibt? Wenn ich mich ausgestossen fühle aus der Gemeinschaft, weil ich in den Augen anderer nicht hineinpasse? Muss oder kann ich mich so sehr verbiegen, dass ich passend werde? Würden sie mich dann mögen? Wäre ich dann zufrieden? Aber: Wen würden sie dann eigentlich mögen? Wäre das noch ich?

Oder muss ich meine Koffer packen und gehen? In der Hoffnung, Menschen zu finden, die mich so verstehen und annehmen können, wie ich bin? Nur: Das werden wohl nirgends alle sein. Wie viele braucht es, um mich akzeptiert zu fühlen, und mit wie viel Ablehnung und Ausgrenzung kann ich umgehen? Kann ich an dieser auch wachsen? Indem ich mir einen Schutz aufbaue, wie der Eremit in Mascha Kalékos Gedicht sein Haus? Oder maure ich mich dann ein und werde unberührbar, damit unfähig, noch wirkliche Begegnungen zu haben, Beziehungen zu leben?

Du bist, wie du bist und du bist nicht genehm
Du bist, wer du bist, und du wirst nicht geseh’n.
Du wirst ausgemessen und sorgsam geprüft,
man schaut nur von aussen, mehr will man nicht seh’n.

Das reicht schon zu wissen, ob du wirklich passt.
Du denkst dir nichts Böses, du möchtest nur sein.
Und merkst ganz tief drin, ich gehör’ hier nicht rein.
Du fühlst dich alleine, verlassen und leer.

Du fühlst dich verloren, und möchtest weggeh’n.
Du stellst dir die Frage: «Wo soll ich nur hin?
Wo ist der Ort bloss, für mich, wie ich bin?»

Allen werde ich nie gefallen, danach zu streben hiesse, mich immer wieder selbst zu verletzen durch falsche Hoffnungen und Erwartungen und die darauffolgenden Enttäuschungen. Schlussendlich wird es auch nicht gelingen, mich auf Dauer zu verbiegen, denn das eigene Gefühl, nicht sein zu können, wer ich eigentlich bin, untergräbt die Freude an der Beziehung mit anderen, es ist ein zu grosser Preis: Ich gehöre nur dazu, weil ich bin, wie sie mich haben wollen, nicht weil ich bin, wer ich bin.

Es bleibt wohl nur eines: Ich muss mir immer wieder klar werden, wer ich bin und was ich will und brauche im Leben und von anderen Menschen. Und dann muss ich sehen, ob ich das in solcher Form kriege an dem Ort, wo ich bin, oder ob ich vielleicht am falschen Platz bin. Dann müsse ich mir einen suchen, der besser passt. Vielleicht reichen aber auch kleine Anpassungen aus, um einen Ort zu einem passenden zu machen. Vielleicht muss ich kein Haus bauen, nicht mal Mauern errichten, es reicht vielleicht ein Schutzschild, den ich hochhalten kann. Ein Schutzschild, hinter das ich in unsicheren Momenten treten kann und hinter dem das warme Gefühl aufkommt: Ich bin, wie ich bin, und das ist gut so. Und dann trete ich wieder hervor und schaue, ob das auch noch andere finden. Und wenn ich mich auf die konzentriere, statt immer jene im Blick zu haben, die mich ablehnen, stehe ich plötzlich in einer Welt, in der ich mich wohlfühlen kann.


[1] Zit. Nach «In meinen Träumen läutet es Sturm» ©1977 dtv Verlagsgesellschaft mbH&Co.KG, München

Tagesgedanken: Mitgefühl

„Was ist das Eine, das alle anderen Tugenden in sich fasst? Mitgefühl.“ (Buddha)

Mitgefühl. Ich fühle, was du fühlst. Nicht im Sinne eines Leidens, wenn du leidest, sondern im Sinne der Fähigkeit, dein Leiden von tiefstem Herzen zu verstehen. Wenn ich mit jemandem mitfühle, höre und sehe ich ihn in seinem Leid, ich nehme ihn als den wahr, der er ist, mit dem, was er fühlt. Nur schon das Gefühl, gehört, gesehen zu werden, nimmt oft einen Teil der Schwere des Leids.

Manchmal sehen wir Menschen in ihrem Sein und Tun und be- oder verurteilen sie dafür. Dies ist ein Zeichen für fehlendes Mitgefühl, was nicht heisst, dass es uns generell an Gefühlen mangelt. Fehlendes Mitgefühl ist ein Zeichen dafür, dass wir nicht bereit sind, den eigenen Standpunkt zu verlassen, um die Welt aus den Augen eines anderen zu sehen. Diese Bereitschaft aber ist nötig, wollen wir mit anderen, die nicht so sind, wie wir sie gerne hätten oder es von ihnen erwarten, zusammenleben wollen.

Nun kann ich mich natürlich auf den Standpunkt stellen, dass ich selbst richtig, die anderen also falsch sind. Ergo müssen sich die anderen ändern, oder aber ich schliesse sie aus dem Kreis derer, die sind, wie sie sein sollen, aus. Nur: Wäre ich dazu in der Lage, würde ich für einen Moment innehalten und mich fragen, wie es denen gehen muss, die ausgeschlossen werden, nur weil sie sind, wer und wie sie sind? Wie würde ich mich fühlen im gleichen Fall? Durch dieses Hineinfühlen in den anderen entsteht Mitgefühl und damit eine Verbindung zwischen Menschen.

Mitgefühl ist zentral im Buddhismus. Mitgefühl verbindet Menschen als lebende Wesen, als Gleiche unter Gleichen trotz ihrer Unterschiedlichkeit. Mitgefühl basiert auf Wertschätzung, auf dem Wunsch, dass alle Lebewesen frei von Leid sein mögen. Wenn wir uns das wünschen, werden wir uns hüten, anderen Leid zuzufügen, im Gegenteil: Wir werden alles versuchen, Leiden zu vermeiden oder ihm ein Ende zu setzen, so es in unserer Macht liegt.

Umfassendes Mitgefühl wertet nicht. Es sortiert nicht aus. Es weiss, dass jeder Mensch glücklich sein will, dass jeder Mensch frei von Leid sein will. Egal, wo er geboren wurde, welche Sprache er spricht, welche Religion er zu seiner erklärt oder welche Hautfarbe er hat. Auch der unliebsame Nachbar hat tief drin die gleichen Sehnsüchte wie wir. Ebenso der grantige Chef oder die schrullige alte Dame im Park. Keiner steht wohl am Morgen auf und denkt: „Ich will heute mal ein Ekel sein, egal, ob mich die Menschen mögen.“ Wenn wir uns dieses vor Augen halten, gelingt es vielleicht, unser Mitgefühl auch auf die auszuweiten, denen wir im ersten Moment eigentlich negativ gegenüberstehen. Das heisst nicht, dass wir fortan beste Freunde sein müssen, aber es ist der Ausdruck einer Wertschätzung des Menschen als Menschen in seinem So-Sein und damit ein Anfang für ein gelingendes Zusammenleben von Verschiedenen als Gleichwertige und Gleichwürdige. Und das wäre etwas, das ich mir für mich und für diese Welt wünschen würde.

Tagesgedanken: Wer will ich sein?

«Wir sind keine Opfer der Umstände oder unserer Gene, wir können in einem gewissen Ausmass frei wählen, wie wir uns verhalten.»[1]

Wie oft hört man von Menschen, dass ihr Leben beschwerlich ist, weil sie eine schwierige Kindheit hatten. Dann wird meist den Eltern die Schuld für die eigenen, aktuellen Probleme zugeschrieben, haben sie doch das Kind, das man mal war, geprägt und auf die Schienen gebracht, auf welchen es heute noch läuft – und das zu dessen eigener Unzufriedenheit, aus welcher die Klagen stammen. Natürlich kann man das so sehen und sich als Opfer empfinden. Nur: Das wird einen nicht nur nicht weiterbringen, es ist auch eine sehr einfache Sicht. Sind wir wirklich allem ausgeliefert, ohne einen eigenen Einfluss darauf? Haben wir tatsächlich keine Möglichkeit, selbst etwas zu bewirken, und sind somit frei jeglicher Verantwortung für unser Sein und Tun?

Studien sagen nein. Der Mensch ist bis ins hohe Alter zu Veränderungen fähig. Gene und Eltern haben nur einen kleinen Anteil an dem, was wir die eigene Identität nennen. Das Umfeld, die Gleichaltrigen im Kindesalter, später Freunde und Bekannte, sind viel prägender. Und: Auch wir selbst haben durchaus viel in der Hand, können wir doch sowohl bei der Wahl unserer Freunde (später wohl noch mehr denn als Kind) sowie durch einen bewussten Blick darauf, was wir wirklich wollen im Leben und ob wir dafür am richtigen Ort sind, durchaus eigene Weichen stellen.

Wenn es im Leben nicht rund läuft, man mit seinem Verhalten immer wieder aneckt, oder man merkt, dass man immer wieder in gleiche Fallen tappt, sagt man sich oft: 

«So bin ich halt.»

Zwar ist man damit fein raus und jeglicher Anstrengung zu Veränderung enthoben, doch ist das nicht eine gar einfache Sicht? Denn: Das mag gut passen, wenn man mit sich und dem eigenen Leben zufrieden ist, doch was, wenn nicht? Wenn man sich eigentlich wünscht, anders zu sein, zumindest in gewissen Situationen? Was, wenn man Träume und Wünsche hat, die sich aber nur erfüllen lassen, wenn man die eigene Komfortzone verlässt? Die gute Nachricht: Es ist möglich. Aber: Es ist sicher nicht einfach und geht selten von heute auf Morgen. Trotzdem gibt es Starthilfen für einen Weg hin zu einer Veränderung:

Hinhören, was man wirklich will. Danach einfach auch mal kleine Dinge anders machen als sonst, um zu sehen, wie sich Veränderungen anfühlen. Sprichwörtlich neue Wege gehen – und sei es nur der zur Arbeit. Eine weitere Möglichkeit ist, so zu tun, als ob. Der Soziologe John Goffman sagt, dass wir alle im Leben unbewusst Theater spielen, indem wir anderen auf eine bestimmte Weise gegenübertreten. Wieso das nicht bewusst tun? Wieso als schüchterner Mensch sich nicht so verhalten, als ob man selbstbewusst und mutig wäre, und einfach mal mit der Frau an der Kasse ein paar Worte wechseln? Und merken, dass es gar nicht so schwierig ist, im Gegenteil, dass es sogar Spass macht. Und plötzlich geht es wie von selbst, das vorher gespielte Verhalten geht in Fleisch und Blut über. All das ist ein Weg, ein Prozess des beständigen Hinschauens, Erkennens und Übens. So sagte schon Buddha:

„Durch Übung wächst das Wissen an, doch ohne Übung schwindet es dahin.“

Manchmal ist man aber auch mit sich selbst zufrieden, fühlt sich wohl in seiner Haut und möchte bleiben, wie man ist – nur: Andere stossen sich daran, weil man anders ist als sie. Was dann? Schmerzen mag die Ablehnung doch, aber es bleibt in dem Fall nur ein gelassenes «so what». Eine wahre Wunderwaffe für den inneren Frieden, wie ich finde. 


[1] Zitat aus Christina Berndt: Individuation. Wie wir werden, wer wir sein wollen. Der Weg zu einem erfüllten Ich, DTV Verlag, 2020.

Tagesgedanken: Leben ist heute

«Wir wissen nicht, was morgen wird.
Wir sind keine klugen Leute.
Der Spaten klirrt, und die Sense sirrt,
Wir wissen nicht, was morgen wird.
Wir ackern und pflügen das Heute.»
(Mascha Kaléko)

Vor allem in schwierigen Zeiten, in persönlichen Krisen oder wenn, wie jetzt, die Welt im Argen liegt, schaut man oft sorgenvoll in die Zukunft und fragt sich, wie das alles weitergeht. Was soll nur werden und was, vor allem, wird aus mir werden? Wie werde ich leben? Wird mein Leben gut sein? In all diesen Gedanken verlieren wir uns, malen Bilder an die Wand, die unseren (in solchen Situationen oft dunklen) Gedanken entspringen und sich verfestigen. Oft vergessen wir dabei, dass dies keine wirklichen Zukunftsaussichten sind, sondern nur eigene Vorstellungen. Ob diese real werden oder nicht? Das kann keiner sagen. 

Manchmal schweifen wir in Gedanken auch in die Vergangenheit. Wir schwelgen in dem, was mal war und hadern damit, dass es nicht mehr ist. Nur: Schöne Erinnerungen sind zwar wunderbar und auch wichtig, aber die zu intensive Auseinandersetzung damit kann gefährlich werden, wenn wir darüber die Gegenwart vergessen und diese keine Chance bekommt, selbst zu einer schönen Erinnerung zu werden. Noch schwieriger wird es , wenn wir unsere aktuelle Krise an schlechten Erfahrungen der Vergangenheit (oft gar Kindheit) festmachen. Wir beklagen uns darüber, suhlen uns in unserem Leid und sehen uns diesem ausgeliefert, weil das Leben so gelaufen ist, wie es dies tat. Wir werden weder das Schöne zurückholen können noch das vergangene Leid ungeschehen machen. Die Flucht der Gedanken in Vergangenheit oder Zukunft wird im Hier und Jetzt meist wenig bewirken.

Alles, was bleibt, ist das Heute: Es ist der einzige Tag, der gelebt werden kann. Was heute nicht im Lot ist, das kann ich heute angehen. Und was heute schön ist, das kann ich geniessen und auskosten, ich kann daraus Kraft schöpfen für mein Leben. Nicht, um später nur noch darin zu schwelgen (aber natürlich auch, um dann und wann dankbar zurückzublicken), sondern um die Kraft zu haben, dann mit dem Leben umzugehen, wenn es mal schwierig wird. Der Dalai Lama hat das schön ausgedrückt:

«Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man nichts tun kann. Der eine ist Gestern, der andere Morgen. Dies bedeutet, dass heute der richtige Tag zum Lieben, Glauben und in erster Linie zum Leben ist.»

Tagesgedanken: Begegnen statt beharren

«Das mit der Wahrheit muss verschwinden. Solange die Wahrheit in den Köpfen der Menschen ist, ist da immer der andere, den ich umbringen muss, denn er hat sie nicht, ich habe sie ja.»

Dies sagte sinngemäss Heinz von Foerster. Es klingt auf den ersten Blick witzig: Die Wahrheit muss verschwinden. Doch denkt man weiter, fängt ein leises Nicken an. Blickt man auf die Welt und wie Menschen miteinander umgehen, nimmt das Nicken zu. Jeder denkt, er hätte die Wahrheit gefunden und propagiert sie nun nicht nur als seine, sondern als absolut gültige. Jeder, der widerspricht, muss natürlich im Unrecht sein, denn zwei Wahrheiten, die sich unter Umständen sogar widersprechen, kann es nicht geben. Wo die Gewissheit herkommt, dass die eigene Wahrheit wirklich die richtige ist, dass sie der Weisheit letzter Schluss ist, das muss nicht weiter begründet werden. Das ist einfach so. 

Was ist eigentlich Wahrheit? Wie findet man sie? Wie weiss man, dass sie es ist? Diese Frage stellt man sich seit Jahrtausenden. Aesop kam zu folgendem Schluss: 

«Jede Wahrheit hat zwei Seiten. Wir sollten uns beide Seiten anschauen, bevor wir uns für eine entscheiden.»

Wahrheit wird oft als Machtmittel benutzt (Wissen ist Macht): Wenn ich weiss, wie der Hase läuft, stehe ich über dir. Nur: Woher nimmt man diese Überzeugung? Was ist überhaupt zuerst: Unsere Wahrheit oder unser Machtdenken? Kehren wir nicht oft die ganze Sache um und propagieren um der Macht Willen eine Wahrheit, die wir als die richtige hinstellen, um die eigene Position zu stärken? Statt unsere Vernunft zu nutzen, um im Diskurs mit Anderen gemeinsame Wege zu finden, setzen wir sie ein, um eigene Zwecke zu erreichen. Adorno resignierte ob dem Umstand, schrieb seine negative Dialektik und pflegte fortan eine pessimistische Weltsicht. Habermas versuchte später, neuen Wind in die Frankfurter Schule zu bringen und teilte die Vernunft in zwei Teile: Die zweckrationale und die kommunikative. Aber auch er ist noch nicht sicher, welche gewinnen wird.

Nun, wir haben es in den Händen: Indem wir uns bewusst werden, wie wir im Umgang mit anderen Menschen agieren, ob wir sie mit Argumenten totschlagen wollen oder aber ob wir mit ihnen in einem quasi kommunikativen Tanz die verschiedenen Wahrheiten umgarnen und eine gemeinsame Melodie finden. Mir ist bewusst, dass dies einfacher klingt, als es ist, sind wir doch alle sozial geprägt und haben damit die zweckrationalen Muster in uns drin, nach denen wir dann, ganz dem Leistungsstreben unserer Gesellschaft verpflichtet, agieren. Aber wir sind ihnen nicht blind ausgeliefert, wir haben es in der Hand, die Veränderung zu suchen und uns neu zu besinnen, wie wir mit anderen umgehen wollen. Hannah Arendt sagte dazu:

«Wahrheit gibt es nur zu zweien.»

Wir haben auf diese Weise nicht mehr die Wahrheit für uns gepachtet, aber wir gewinnen die Möglichkeit, neue Wahrheiten kennenzulernen. Und wir haben mehr noch die Chance, anderen Menschen wirklich zu begegnen, was nur passiert, wenn wir in einen Dialog treten, in welchem beide einander zuhören und offen bleiben, um den anderen und seine Sicht der Welt kennenzulernen. Ein würdiger Ersatz für eine eigentlich nutzlose (da nur propagierte, selten aber wirklich gesicherte) Wahrheit, die nur als Totschlagargument taugt.

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Literatur zur weiteren Lektüre: