„Es wäre dumm, sich über die Welt zu ärgern. Sie kümmert sich nicht darum.“ (Marc Aurel)

Der morgendliche Blick aus dem Fenster – Wolken, grau, Regen… es macht sich schon ein bisschen die Überzeugung breit: Das wird ein übler Tag. Hat dann noch der Chef blöde Laune, beim Einkauf ist die Verkäuferin unfreundlich und der Bus fährt vor der Nase weg, ist die Sache geritzt:

Das ist ein blöder Tag.

Und dann kommst du nach Hause und setzt dich so hin und lässt den Tag Revue passieren. Und alles kommt hoch: Du ärgerst dich nochmals über die unfreundlichen Verkäuferinnen, die rücksichtslosen Buschauffeure, du haderst mit den Autofahrern, die dir den Weg absperrten, schimpfst innerlich über den Nachbarn, der ständig Streit sucht und den unsäglichen Chef mit der immer miesen Laune. Dann denkst du vielleicht zurück an den einen Lehrer, der dich auch schon das Leben schwer machte, die Eltern, die hier und da nicht waren, wie du es dir gewünscht hättest.

Und so sitzt du dann da. Zu Hause. Allein. Und ärgerst dich. All die anderen, die vermeintlich für deinen Ärger verantwortlich sind, merken davon nichts. Sie machen sich vielleicht gerade einen schönen Abend, geniessen ein Nachtessen, lassen ein Bad ein – oder ja, vielleicht treiben sie sich mit ähnlichen Gedanken rum. Nur: Was du gerade mit deinem Abend machst, dafür ist nur einer verantwortlich:

Du selber!

Du ärgerst dich über das, was war, du holst es zurück, du belastest deinen Abend damit. Alle anderen haben davon wohl keine Ahnung. Sie haben dir vielleicht für dein Empfinden einen Moment versaut, aber du gibst ihnen die Macht, den Rest des Tages noch mit zu versauen. Weil du es nicht nur zulässt, sondern weil du es aktiv heraufbeschwörst.

Du kannst oft nicht bestimmen, was dir über den Tag hinweg alles passiert. Was du aber in der Hand hast, ist, wie viel Platz du dem einräumst. Und wie lange du es für dich selber weiter trägst. Ab und an hilft es, anzuerkennen, dass es nicht optimal gelaufen ist, dass es aber vorbei ist. Wenn man es dann loslässt, gehört der Rest des Tages einer Person: Dir selber. Und du kannst diesen nun für dich geniessen. Kein anderer funkt mehr rein. Wenn du ihn nicht lässt in deinen Gedanken.

Wenn du also wieder mal zu Hause sitzt und denkst, wer dir alles den Tag vermiest, frage dich: Wer tut es aktuell wirklich? Bin ich es nicht vielleicht selber? Will ich das? Vor allem auch: Bringt es was? Ab und an kann man sich vielleicht überlegen, wie man künftig ähnliche Situationen vermeiden könnte. Aber auch da hilft Ärger wenig. In der Entspannung finden sich meist die besten Ideen.

„Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht jeden mögen.“

Das schrieb ich mal auf Twitter. Aus einer Erkenntnis heraus, sicher vermischt aus einem Frust, weil ich das so nicht gelebt hatte, aber als eigentlich wünschenswerte Lebenshaltung erkannte. Ich kann es nicht allen recht machen. Der Versuch, dies zu wollen, ist per se zum Scheitern verurteilt. Und doch: Ich hatte den Spruch, ich fand ihn gut – gelebt habe ich ihn nicht.

Ich habe Mühe, wenn ich was nicht gut (genug) kann. Ich habe Mühe, wenn ich merke, man mag mich nicht. Ich habe Mühe, wenn ich Wissensdefizite bemerke, ich fühle mich dumm – und ja, es gibt sehr viele. Ich mag Menschen eigentlich. Mag ich wen nicht, versuche ich, was Liebenswertes zu finden, da ich denke, dass dies jeder hat. Umso mehr Mühe habe ich natürlich, wenn ich denke, jemand mag mich nicht. Kann es aber verstehen. Ich finde mich selber ja auch nicht sooo toll. Aus Gründen. Sie stehen oben. Ich kann nicht alles, weiss nicht alles, habe ab und an Bedürfnisse, die andere nicht kennen, habe Eigenarten…

Und oft denke ich dann: Damit man das alles mag, muss ich mich ja anstrengen. Es recht machen. Entgegen kommen. Akzeptieren. Und oft spüre ich auch die Erwartung: He, ich will das so, das musst du akzeptieren. Was das dann mit mir macht? Das scheint kein Thema. Und das ist nicht gut.

Ja. Ein anderer kann etwas wollen. Auch entgegen meiner Bedürfnisse. Aber: Es macht was mit mir und das bringt wiederum etwas mit sich. Vielleicht auch Konsequenzen für den anderen. Nicht als Strafe für sein Wollen, sondern als Reaktion, damit ich es tragen kann. Wie oft hört man dann aber: He, nun hab dich nicht so. Es kann doch alles genau so bleiben, wie es war (für den anderen), ich mach doch nur dies und jenes – und du bist wie immer. Eine verständlich bequeme Sicht – aber sehr einseitig.

Beziehungen bestehen immer aus zwei Menschen. Jeder bringt sich rein. Jeder lebt sich aus. Und ja, jeder muss sich vielleicht auch mal einschränken. Für ein Wir. Und bei allem bleibt: Jeder trägt die Konsequenzen, für das, was passiert. Er kann sich also vorher ausrechnen, welchen Preis er für sein Ausleben zahlen will und was zu hoch ist.

Mit der Entscheidung müssen dann immer beide leben. Wenn aber nur einer lebt, wie er lustig ist, der andere sich anpasst, lebt nur einer. Der andere hat sich schon längst aufgegeben. Und DAS ist immer ein viel zu hoher Preis. Für alles. Die Entscheidung für ein Leben zu zweit sollte nie eine Entscheidung gegen das eigene Sein sein. Aber es wird wohl eine sein müssen, die den anderen miteinbezieht in die eigenen Entscheidungen. Ist man dazu nicht bereit, sieht man alles, was eingeschränkt ist, als Beeinträchtigung des freien Seins und die Bedürfnisse des anderen und die daraus resultierenden Konsequenzen als Gefängnis, ist vielleicht eine Beziehung nicht das richtige Lebensgefäss. Denn: Jeder andere Mensch bringt sich und seine eigenen Gefühle, Sichtweisen und Wahrnehmungen mit. Die sind nie richtiger oder besser – aber auch nicht das Gegenteil davon. Sie sind aber mit Garantie anders. Es gibt nur zwei Möglichkeiten hier: Man findet einen gemeinsamen Weg oder man sucht sich wieder den eigenen. Denn: Auf Dauer macht man keinen Spagat.

Und so bleibt am Schuss doch:

„Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht jeden mögen.“

Umgekehrt aber auch nicht. Und damit muss ich auch leben können. Mit allem, was ich bin und tue. Alles bringt Konsequenzen. Will ich sie tragen? Kann ich es? Wenn nicht: Was ist die Alternative? Kann ich die tragen? Besser als die anderen? Schlussendlich ist alles ein Entscheid. Sogar ein wenigstens teilweise freier. Nicht frei im Sinne davon, dass ich alle Parameter von aussen steuern kann, aber frei darin, dass ich entscheiden kann, was ich an Konsequenzen tragen will und kann für meine Entscheidungen. Und ab und an schmerzen sie alle. Nur: Selbstaufgabe schmerzt lange, denn man tötet sich damit eigentlich selber permanent bei lebendigem Leib. Das würde man keinem anderen wünschen. Wieso tun wir es so oft mit uns selber?

Aktuell schlagen die Wellen hoch: Proteste, wohin man schaut, ganze Internetstreams sind schwarz aus Solidarität. Es darf nicht sein, dass ein Mensch wegen seiner Hautfarbe diskrimiert, hier sogar getötet wird. Wie viele der Schwarzbilder wirklich durchdacht und nicht einfach aus Mitläufertum eingestellt werden, soll Thema eines anderen Beitrags sein. Meine Vermutung ist: Die Mehrzahl. Es ist grad cool in der Community, man möchte dazu gehören, man macht mit. Weiter passiert leider wenig. Vermutlich nicht mal nur bei den Mitläufern. Denn:

Wir alle haben Vorurteile. Nicht die, welche wir hier anprangern, aber andere. Wir sehen was, das uns nicht entspricht, und denken:

„Das geht ja gar nicht.“

Ein Mensch, der sich nicht wohl fühlt in Gruppen? Was ist denn das für einer? So ein Introvertierter? Das muss ein ganz schräger Vogel sein. Den lassen wir mal lieber links liegen. Einer, der einfach zu singen anfängt, obwohl er es nicht kann? Wie peinlich. Man klickt zwar gerne beim Spruch «singe, als ob dich keiner hören würde» auf den Gefällt-mir-Button, doch wenn es einer wirklich tut, schämen wir uns fremd.

Das mag nach ganz harmlosen Beispielen klingen im Vergleich zu dem Vorfall in den USA, nur: Für gewisse Menschen – die, welche solchen Vorurteilen und damit Verurteilungen und Ausschlüssen, zum Opfer fallen – sind sie lebensbestimmend. Sie sind, weil sie sind, wie sie sind, ausgeschlossen. Verlacht. Verstossen. Allein. Weil wir annehmen, das, was wir für normal halten, sei das Richtige. Das, was eben so sei. Gut sei.

Und doch gäbe es einen anderen Weg. Einen Weg, wo jeder wäre, wie er ist. Und jeder sähe, dass es auch andere Wege gibt als den eigenen. Und ab und an trifft man sich und freut sich aneinander. Schaut vielleicht sogar ein wenig neidisch auf gewisse Punkte des anderen, nimmt sich vielleicht vor, das mal auszuprobieren, im Wissen:

„Ich bin auch ok, so wie ich bin.

So lange wir das im Kleinen nicht schaffen, so lange wird es im Grossen nicht gelingen. Da können noch so viele Bildschirme schwarz bleiben.

Wir leben in einem ach so aufgeklärten Zeitalter. Denken oft, wir hätten alles erreicht und seinen fast gottähnlich. Stehen über allem. Aber wir können uns nicht mal gegenseitig leben lassen. Mein Mitgefühl gehört den Angehörigen, mein Mitgefühl gehört allen, die Vorurteilen zum Opfer fallen. Ich möchte da nicht mal werten. Persönlich trifft es immer tief. Und wir hätten es in der Hand, daran was zu ändern, wenn wir bei unseren eigenen Vorurteilen hinschauen würden. Ich. Du. Wir alle.

“ Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
(Reinhold Niebuhr)

Es gab in meinem Leben leider viele Momente, in denen ich dachte, dem, was grad passiert, einfach hilflos ausgeliefert zu sein. Ich fühlte mich ohnmächtig (es lag nicht in meiner Macht, etwas zu ändern), hilflos (ich wusste mir nicht zu helfen und fand auch im Aussen keine Hilfe) und vor allem sehr verletzlich (die Welt schaut auf mich und urteilt….).

Und ja, es ist so: Es gab viele Situationen, in denen das Gefühl nicht falsch war: Ich konnte die Dinge nicht ändern. Dabei wollte ich es so gerne. Ich studierte ganze Nächte, suchte tagsüber nach Wegen und Möglichkeiten. Am Schluss… blieb alles, wie es war. Und dieses Gefühl des Ausgeliefertseins, der Hilflosigkeit, hatte sich eingebrannt.

Wie oft greifen wir genau auf das Gefühl zurück, wenn wir vor Schwierigkeiten stehen? Denken: Ach, das bringt ja eh nichts, es gelingt ja nicht.

Es ist eine Tatsache, dass wir nicht alles im Leben in der Hand haben. Ganz viel entzieht sich unserer Kontrolle, beruht auf Zufällen oder ist von etwas abhängig, das ausserhalb unserer Macht liegt. Wenn wir uns nun über diese Dinge aufregen und uns daran aufreiben, passiert nur eines: Wir ärgern uns, ändern aber nichts am Grund für den Ärger. Die Dinge nehmen ihren Lauf.


Es gibt aber durchaus Dinge, die wir selber in der Hand haben. Da dann einfach abwartend zu sitzen und zu hoffen, dass sich alles zum Guten wendet, wäre mehr als schade. Wir könnten da selber Hand anlegen, nur: Dinge zu verändern ist nicht immer nur einfach, Gewohnheiten wiegen mitunter schwer. Sind sie doch erstens erprobt und oft auch bequem. Und doch: Es wäre schade, es nicht zu tun, da wir damit das Steuer unseres Lebens aus der Hand geben und auf etwas verzichten, das wir insgeheim (wir würden uns sonst nicht ärgern) wollen.

Nach meinem kürzlichen Text zum Thema Geduld möchte ich hier die wunderbaren Worte von Rilke nachreichen Geduld. Wer könnte sich schöner und tiefer ausdrücken, als der grosse Meister:

Man muss den Dingen
Die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann; alles ist austragen –
und dann
Gebären…
Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit …
Man muss Geduld haben,
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages in die Antwort hinein.

„Gelassenheit können nur jene erreichen, die ein unerschütterliches und klares Urteilsvermögen haben – der Rest hadert ständig mit seinen Entscheidungen schwankt hin und her zwischen Ablehnung und Akzeptanz.“ (Seneca)

Schon bei kleinen Fragen kann ich mich aufhängen: Markiere ich in Büchern nun mit Bleistift oder mit Leuchtstift? Waren andere klar gegen Markierungen oder aber verwendeten, was grad da ist, konnte ich mich Tage und Wochen mit der Frage aufhalten, was dem Buch angemessener wäre – die Frage nach meinem Nutzen aus der Markierung und welche diesem besser dienen würde, kam erst später – so weit kam ich eigentlich selten.

Ich wollte genügen. Dem landläufigen Usus folgend, wie man mit Büchern umgeht, gewissen ästhetischen Prinzipien, wie das Buch nach meinem Lese- und Arbeitsvorgang (und ja, Bücher und Lesen war und ist immer noch teilweise mein Beruf) aussehen sollte. Dies nur ein Beispiel.

Ich bin, um es gelinde auszudrücken, nicht immer sehr entscheidungsfreudig gewesen. Ich konnte sogar bei den banalsten Fragen hin und her überlegen, Argumente wälzen und zu keinem Schluss kommen. Bei den schwierigen Fragen war es umso schlimmer. Schlussendlich wollte ich die richtige Entscheidung treffen.

Ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist, zeigt sich meist sowieso erst hinterher. Oft kann man im Vorfeld noch so viele Argumente hin und her wälzen, sie sind schlussendlich selten ausschlaggebend, denn: Man weiss tief drin eigentlich sehr genau, was man will und was passt – eine innere Stimme, ein Bauchgefühl. Nur: es ist so ungesichert, worauf will man sich berufen, wenn man sich später rechtfertigen will? Die Ratio erschien mir da oft der sicherere Weg. Das kann ich, das hat Hand und Fuss, das hat Argumente, die ich dem anderen auftischen kann. Und doch fühlt es sich oft so mühsam an. Und wie oft sagte ich im Nachhinein: „Hätte ich nur auf meine innere Stimme gehört.“

Was noch dazu kommt: Würden wir drauf hören, hätten wir eine Entscheidung, die unserem Fühlen und Sein entspräche, und damit auch wieder Ruhe. Dieses andauernde Wälzen von Argumenten, dieses Hin und Her im Geist, bringt meist vor allem eines mit sich: Unruhe.

Wenn also wieder einmal eine Entscheidung ansteht: Eigentlich kenne ich meine Antwort. Wenn ich ihr nicht traue, hilft es, eine Münze zu werfen. Wenn sie fällt, weiss ich, wie ich mich fühle. Bin ich enttäuscht, ist diese Entscheidung nicht die, welche ich mir wünsche. Bin ich zufrieden, sollte ich den Weg ausprobieren.

Ich sage nicht (NIE!!), dass man den Kopf einfach ausschalten soll. Nur: Wenn es um Entscheidungen geht, die zu einem persönlich stimmigen Weg führen sollen, sollte man den Bauch nicht ignorieren. Das heisst nicht, dass der Weg immer einfach, toll, gewinnbringend und erfolgreich ist. Aber: Es war zumindest der eigene Weg. Jeder andere kann genauso misslingen. Und dann habe ich doppelt verloren. Ich habe mich, meine Bedürfnisse und Wünsche aufgegeben, um in eine Schublade zu passen – und sie schloss immer noch nicht…

Wir werden nie in jede Schublade passen, wir sollten aber immer im Auge behalten, was in unsere passt.

„Du musst dich (im Leben) wie bei einem Gastmahl benehmen. Es wird etwas herumgereicht, und du kommst an die Reihe.“ (Epiktet)

Jeder kennt sie wohl, die unliebsamen Zeitgenossen, die sich überall vordrängeln wollen, die sich bei einem Essensbuffet an dir vorbei zwängen, nur um der erste beim Fleisch zu sein. Während ich mich hier – vor allem aus Gründen des Anstands – zurückhalte, gibt es durchaus Situationen, in denen ich ungern geduldig warte, bis die Zeit reif und ich am Zug bin.

Ich war schon immer ein eher ungeduldiger Mensch. Vor allem wenn es darum ging, etwas zu lernen, hätte ich es lieber bereits gestern gekonnt, als mich erst mühsam dahin zu begeben. Auch ersehnte Ferien oder gewünschte Dinge hätte ich lieber sofort, als noch lange drauf warten zu müssen. Wenn der Entscheid, etwas zu wollen, mal gefällt war, dann gab es keinen Grund für einen Aufschub, ausser, dass die Zeit sich nicht an meine Wunschvorstellungen hielt.

Ich muss allerdings gestehen: Die Vergangenheitsform stimmt nicht immer – allerdings mit fortschreitendem Alter mehr. Denn: Wie ich es auch drehte und wendete, vieles liess sich nicht beschleunigen. Die Ferien kamen erst zu einem bestimmten Datum und um «Für Elise» auf dem Klavier zu spielen, brauchte ich erst gewisse Grundlagen.

Wir können den Lauf des Lebens nicht beschleunigen, da gewisse Dinge ihre Zeit brauchen. Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht. Was wir aber beeinflussen können, ist unsere Haltung. Die Ferien mögen wunderbar klingen, aber auch jetzt gibt es schöne Momente, die wir vielleicht verpassen, wenn wir nur immer sehnsüchtig auf die Ferien schielen. Es wäre auch toll, jetzt schon ein anspruchsvolles Lied spielen zu können, aber es gibt durchaus auch einfachere, die wunderbar sind. Und mit einem neuen Paar Hosen wird das Leben auch nicht schöner, vor allem nicht, wenn wir noch viele haben, die wir heute anziehen und damit einen schönen Tag verleben könnten.

Manchmal hilft es, auch im Leben nicht der sein zu wollen, der sich vordrängeln will, sondern im Wissen darauf, das alles seine Zeit hat und kommen wird, wenn es denn sein soll.

„Kein Mensch weiß, was in ihm schlummert und zutage kommt, wenn sein Schicksal anfängt, ihm über den Kopf zu wachsen.“ (Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach)

Nietzsche prägte einst den Spruch, dass uns das, was uns nicht umbringt, stärker mache. Ich kam im Leben oft an Punkte, wo ich dachte, dass ich nicht mehr kann, nicht mehr mag, dass ein Punkt erreicht sei, an dem es nicht weiter geht. Doch: Es gab keine Alternative. Irgendwie. Und ja, es ging weiter. Ich bin wohl nicht an allem gewachsen, ich bin bei weitem nicht für alles dankbar, und doch haben mich all die Situationen eines gelernt:

Ich kann mehr, als ich mir zutraue.

Wir wachsen an unseren Herausforderungen. Ich hätte auf so einiges in meinem Leben gerne verzichtet. Und doch hat es mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Ich bin noch immer ein Mensch mit Ecken und Kanten, mit Höhen und Tiefen, mit Fähigkeiten und Schwächen. Ich höre oft, wenn ich etwas schreibe:

So einfach ist das nicht!

Oder aber man denkt, dass ich alles, worüber ich schreibe, gross überwunden hätte und nun wie im Märchen selig bis zum Lebensende lebe. Weit gefehlt. Ich habe lange geforscht, viel gelesen, pflege eine langjährige Praxis der Einkehr und Innenschau auf unterschiedlichen Pfaden. Ich habe dadurch einiges erkennt, vieles ergründet, manches auch durchschaut. Aber die Überwindung braucht Zeit, sie braucht Praxis. Es ist ein Weg. Und dieser beginnt mit dem Erkennen. Das ist aber erst der erste Schritt.

„Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes
erkennen; denn er mißt nach eignem Maß
sich bald zu klein und leider oft zu groß.
Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur
das Leben lehret jeden, was er sei.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Wie oft stossen wir im Leben immer wieder auf gleiche Situationen und oft wissen wir nicht, wie es kommen konnte. Wieso streiten wir immer wieder – auch mit unterschiedlichen Menschen – über gleiche Themen? Wieso fühlen wir uns unverstanden? Wieso fühlen wir uns in gewissen Umgebungen unwohl und wollen gewisse Dinge einfach nicht gelingen? Ein grosser Teil liegt wohl daran, dass wir unseren eigenen Anteil daran nicht erkennen. Wir sind für unsere eigenen Muster und Eigenheiten oft betriebsblind, gehen nach altbewährten und lange eingefahrenen Mustern durchs Leben, ohne bewusst hinzusehen, was wir da tun. Teilweise können wir es nicht sehen, teilweise wollen wir auch nicht, denn: Wer gräbt schon gerne im eigenen Sumpf? Man könnte drin versinken.

Oft brauchen wir einen Spiegel von aussen, um uns wirklich zu sehen. Wir erhalten ihn durch Beziehungen. Wenn diese immer wieder an ähnlichen Stellen schwierig werden, können wir irgendwann die Augen nicht mehr davor verschliessen, was abläuft. Und: Es wird uns auch bewusst, dass es nicht einfach abläuft, sondern dass wir aktiv daran beteiligt sind. Nicht willentlich vielleicht, aber doch agierend.

Wenn wir wirklich hinschauen, wahrnehmen was passiert, erkennen, was wir dazu beitragen, dann haben wir die Chance, etwas zu ändern. Dann können wir das Steuer selber in die Hand nehmen und uns so verhalten, wie wir es wirklich wollen. Wir sind nicht nur die Marionetten unserer Prägungen und Muster aus der Vergangenheit, sondern frei(er) agierende Menschen, die aufgrund ihrer Überzeugungen und Werte handeln.


Es liegt dabei auf der Hand, dass dies nicht alles von einem Tag auf den anderen klappen wird, was sich lange eingebrannt hat, braucht auch Zeit, wieder zu verschwinden. Aber: Je früher wir damit anfangen, desto besser sind die Chancen, dass es gelingt.

„Man wirft den Menschen immer vor, daß sie ihre Mängel nicht erkennen. Noch weniger aber kennen sie ihre Stärken. Sie sind wie das Erdreich. In vielen Grundstücken sind Schätze verborgen, aber der Besitzer weiß nichts von ihnen.“ (Jonathan Swift)

Kennst du das auch, dass die Dinge nicht so laufen, wie sie sollten, oder etwas Herausforderndes ansteht und du dir dann sagst:

„Ich bin nicht gut genug.“, „Das schaffe ich nie!“, „Ich mache zu viele Fehler!“

Wie oft werfen wir uns vor, was wir nicht können? Wie oft glauben wir nicht an uns? Wie oft hadern wir mit unseren Schwächen und fürchten, nicht gut genug zu sein – für den Partner, für die Arbeitswelt, für die Schule, am schlimmsten: Für uns selber?

Wie oft aber kommt es vor, dass wir vor den Spiegel stehen und finden

„Ich bin gut.“, „Ich gefalle mir!“, „Wenn ich es will, schaffe ich es.“?

Wenn etwas gut geht, haben wir sicher schnell Freude, betrachten es aber sehr schnell auch als Normalfall, als selbstverständlich. Nur: Wir haben etwas dafür getan, dass die Dinge gut laufen. Wir haben in unsere Beziehung, in unsere Ausbildung, in unser eigenes Sein investiert, uns eingesetzt dafür, dass es eben gut läuft in dem Sinne, wie wir es uns wünschen.

Schlussendlich ist es doch so: Niemand kann alles, doch jeder hat seine Talente und Fähigkeiten. Statt also ständig auf dem rumzureiten, was (vermeintlich?) nicht geht, wäre es viel sinnvoller, sich vor Augen zu führen, was man alles kann und das dann auch zu leben. Aus dieser inneren Haltung sich selber gegenüber könnte eine Kraft wachsen, die zu einem positiveren Selbstbild führt, zu einem, das auf Vertrauen in die eigenen Kräfte, aber auch auf Vertrauen ins eigene Sein baut. Aus diesem Vertrauen wiederum kann Mut entstehen. Wenn wieder einmal etwas ansteht, könnte der erste Gedanke nicht sein „Ach, das schaffe ich sowieso nicht!“, sondern: Das probiere ich einfach mal aus! Und wenn es gelingt, ist super, wenn nicht, habe ich es versucht.

Es ist schon so: Nicht alles im Leben wird gelingen. Was gelingen kann, kann auch ebenso misslingen. Nur: Mit einem Misslingen ist noch nicht alles verloren. Es war ein Weg, der nicht zum gewünschten Ziel führte, aber es gibt noch viele weitere Wege, die zu gehen wunderbar und zielführend sein können. Und manchmal ändern sich auch die Ziele oder früher angestrebte erweisen sich als gar nicht wirklich wünschenswert. Das alles aber erfährt man erst, wenn man den Mut hatte, etwas auszuprobieren, eigene Träume zu verwirklichen, im Vertrauen darauf, dass man auch, wenn es nicht gelingt, ein guter Mensch ist und genug. Einfach nur, weil man ist, wer man ist.

Heute Morgen stand ich vor dem Spiegel, schaute mich an und dachte plötzlich: Es geht mir gut. Eigentlich geht es mir wirklich gut. Schnell kam der Gedanke auf, dass dies nicht immer so war, ich dachte an viele schwierige Zeiten in meinem Leben, Zeiten, die mich heraus- und auch ab und an überfordert haben. Im gleichen Moment kam aber auch der Gedanke auf, dass selbst da, in diesen Zeiten, vieles auch gut war. In mir ratterte auch gleich eine Liste runter, was das alles gewesen ist. War mein Leben damals also gut oder nicht?

Meist denken wir dann, dass es uns gut geht, unser Leben ein gutes ist, wenn die Dinge so sind, wie wir sie uns wünschen. Wir haben ein gutes Leben, weil ist, was ist. Das als gutes definierte Leben hängt also von Gründen ab. Als Grund wiederum gilt das, was mit unseren Hoffnungen, Erwartungen, Wünschen übereinstimmt. Nur: Was passiert, wenn es nicht so läuft, wie wir uns das wünschen? Was, wenn wir gerne dünner, reicher, klüger wären, einen Mann hätten, einen loswürden, eine Prüfung bestünden? Wäre das Leben dann gut? Und was, wenn nicht? Ist es dann nicht gut?

Es gab einige Zeiten in meinem Leben, die schwer waren. Chronische Krankheiten, der Tod meines Vaters, unglückliche Beziehungen, die Schwierigkeiten als Alleinerziehende mit verschiedenen Hindernissen, die mir deswegen in den Weg gelegt wurden. Und doch: Wenn ich zurück schaue, gab es in all diesen Phasen auch immer gute Momente, gab es in diesen Zeiten auch immer Glück und Lachen und Freude. Und auch im Nachhinein kann ich sagen: Ich hatte in meinem Leben ganz viel Glück – trotzdem. Nicht weil. Es musste dazu nichts anders sein oder besser sein als es war, es konnte alles so bleiben (natürlich wünschte ich mir das alles nicht, aber ich konnte es nicht ändern in dem Moment), und doch: Ich hatte ein gutes Leben. Weil da auch noch mehr war. Und weil ich tief drin einen Sinn sah in diesem Leben, in meinem Leben.

Ich hatte Dinge, die mich erfüllten, hatte Menschen, die mich liebten und die ich liebte. Ich hatte Hoffnungen, Ziele, Träume, denen ich mich hingeben konnte, die mir Sinn ins Leben brachten, die mein Leben nicht zu einem sinnlosen weil leeren Leben werden liessen. Einer, der die Wichtigkeit von Sinn in seiner Theorie und Therapie immer wieder betont (und es auch in seinem eigenen Leben erfahren hat), ist Viktor Frankl. Er ist der festen Überzeugung, dass jeder Mensch in der je eigenen Situation nach Sinn sucht. Findet er diesen nicht, sucht er Ablenkungen und Kompensationen, gibt sich Bedürfnissen hin, welche von der Konsumgesellschaft als notwenig hingestellt werden, dabei erst von dieser produziert wurden. Es sind keine lebenstragenden Bedürfnisse, was vor allem daran sichtbar wird, dass selbst mit jeder Erfüllung eines aktuellen materiellen Bedürfnisses oft eine innere Leere, ein (wie Viktor Frankl es nennt) Existenz-Vakuum bleibt.

Das Leben per se hat keinen Sinn in sich. Es gibt auch keinen Sinn, der jedem übergestülpt werden und damit sein Leben zu einem erfüllten machen kann. Sinn ist individuell. Sinn ist situations- und menschenabhängig. Was gemeinsam ist, ist die Ausrichtung insofern, als sie sich auf ein Ding/Tun oder aber die Liebe zu einem Menschen bezieht. So stellt sich also immer wieder die Frage: Was gibt meinem Leben Sinn? Was fesselt mich so sehr, dass ich mich und die Zeit vergesse und eintauche? Was gibt mir so viel, dass ich es tun will und in diesem Tun ganz bei mir bin, dabei aber doch selbstvergessen? Gibt es einen Menschen, für den es sich zu leben lohnt? Wem bedeutet es etwas, dass ich auf dieser Welt bin? Nur schon das ist ein Sinn, weiter zu leben.

Es mag sein, dass nun ein „ja, aber…“ auftaucht. Was bringt mir dieser Sinn wirklich? Die wirkliche Frage ist aber wohl: Was fehlt, wenn er fehlt? In meinen Augen die Grundlage für ein erfülltes Leben, da dieses Leben immer nur auf kurzzeitigen Gründen, nicht aber auf einem stabilen Fundament gründet, welches aus einem selber und nicht von aussen begründet ist. Nur wenn ich meinem Leben aus meinem Sein heraus, aus meinem So-Sein heraus, Sinn verleihe, kann ich dieses Leben auch aus mir heraus leben und damit glücklich sein. Auch wenn die Zeiten mal schwer sind. Auch wenn die Dinge nicht immer ganz so liegen, wie ich sie gerne hätte. Denn: Mein Leben hat trotzdem einen Sinn. Wie sagte schon Nietzsche:

„Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie.“

„Erinnere dich daran, dass das, was dich wie an unsichtbaren Fäden hin- und herzieht, in deinem Innern verborgen ist.“ (Marc Aurel)

Ist es dir auch schon mal passiert, dass du auf etwas reagiert und dich im Nachhinein gefragt hast: „Was hat mich da geritten?“ Dann fallen dir spontan mehrere Möglichkeiten einer besseren Reaktion ein – alles Möglichkeiten, die du nicht gewählt hast, weil du aus dem hohlen Bauch heraus, ohne innezuhalten oder nachzudenken, spontan reagiert hast.

Was also hat dich geritten? Tief in unserem Unbewussten schlummern unterdrückte Gefühle, verdrängte Erfahrungen, ignorierte Emotionen. Wir haben etwas erlebt, das schmerzhaft oder unerfreulich war, haben beschlossen, das aus unserem Bewusstsein zu verbannen, weil wir nicht mehr weiter leiden wollten. Wir haben es verdrängt. Nur: Alles, was wir verdrängen, ist nicht einfach weg. Es tobt fortan in unserem Unterbewusstsein weiter. Und es kommt just dann wieder hervor, wenn etwas passiert, das in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten hat mit dem, was wir verdrängen. So passiert es, dass wir in aktuellen Situationen nicht auf das reagieren, was wirklich ist, sondern darauf, was wir in die Situation hineinlesen aufgrund vergangener Erfahrungen.

Mögen Gefühle, Emotionen und Erfahrungen auch noch so schmerzvoll sein: Es bringt nichts, sie zu verdrängen, weil wir sie auf diese Weise nicht los werden. Im Gegenteil: Sie bringen von da, wo sie sind, nur noch viel mehr Leid und Schmerz, da sie uns immer wieder neu in Situationen bringen, in denen wir das nochmals erleben, was wir eigentlich verdrängen wollten. Erst wenn wir uns dem Ganzen stellen, wenn wir hinschauen, analysieren, akzeptieren und verarbeiten, können wir frei werden davon. Nicht immer ein einfacher Weg, schon gar nicht der des geringsten Widerstandes, aber einer, der auf mittel- und langfristige Sicht Heilung und Wachstum mit sich bringt. Nur wenn wir uns bewusst sind, was in uns vorgeht, nur wenn wir genau hinschauen, können wir auf Situationen reagieren, wie sie sind, anstatt immer wieder in alte Muster zu verfallen und von neuem zu leiden.

„Auf welche Art wird man mittelmäßig? Dadurch, dass man heute das und morgen jenes so dreht und wendet, wie die Welt es haben will, dass man der Welt nur ja nicht widerspricht und nur der allgemeinen Meinung beipflichtet.“ (Vincent van Gogh)

Ich ertappe mich oft dabei, es anderen recht machen zu wollen. Ich frage mich, was der andere wohl gerne hätte, und passe mich dann an. Ein eingefahrenes Muster, vordergründig auch sehr nobel, bei genauer Betrachtung allerdings gefährlich. Nicht nur komme ich damit ab und zu an einen Punkt, wo ich denke: „Wo bleibe eigentlich ich bei dem Ganzen? Wieso schaut keiner je auf mich mit meinen Bedürfnissen?“ Ich begebe mich mit dem Verhalten selber in ein Gefängnis, in dem ich mich über kurz oder lang nicht wohl fühle, und meist einen anderen beschuldige, der Gefängniswärter zu sein.

Indem ich versuche, es allen recht zu machen, vergesse ich eine Person: Mich selber. Nun mache ich es vordergründig aus edlen Motiven, nur hintergründig steckt auch eine Erwartung dahinter: Jemand müsste es dann auch mir recht machen. Aber:

Keiner ist auf der Welt, um so zu sein, wie ihn ein anderer gerne hätte.

Wie jeder Mensch habe ich meine Eigenheiten und Bedürfnisse. Es ist mein gutes Recht, diese anzumelden und dazu zu stehen. Das heisst nicht, dass jedes der Bedürfnisse von einem anderen erfüllt werden muss, nur ist das die einzige Chance, dass es passiert (von ein paar Zufallstreffern mal abgesehen, bei denen sich ein anderer erfolgreich im Gedankenlesen bewiesen hat). Durch die ständige Selbstaufgabe, das ständige Unterdrücken meiner Bedürfnisse, um fremde Erwartungen zu erfüllen, wächst nach und nach eine Unzufriedenheit in mir, die ich den anderen irgendwann spüren lasse. Und dann leiden wir beide. Und wer weiss: Vielleicht schätzte ich die Erwartungen des anderen komplett falsch ein? Habe ich ihn gefragt, ob er das, was ich „ihm zu liebe“ tue, auch wirklich will? Dazu kommt: Je mehr Menschen um mich sind, denen ich es recht machen möchte, desto mehr gebe ich mich auf. Und dies ab und zu für unterschiedliche und sich widersprechende Erwartungen. Ein altes Sprichwort sagt denn auch:

Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.

Alle Menschen haben Bedürfnisse und es ist wichtig, diese ernst zu nehmen. Dabei gilt es aber, die eigenen nicht zu vergessen, im Gegenteil. Bevor nicht die Frage geklärt ist, was ich selber will (und kann), werde ich nicht wirklich und von Herzen auf die Bedürfnisse des anderen eingehen können. Das mag kurzfristig funktionieren, langfristig aber Fäden ziehen. Indem ich die Bedürfnisse anderer per se über die meinen stelle, stelle ich selber eine Werte-Hierarchie auf. Dies nicht aufgrund des tatsächlichen Bedürfnisses, sondern aufgrund der Tatsache, dass ein anderer und nicht ich es hatte. Bedürfnisse mögen sich in ihrer Wichtigkeit unterscheiden, nicht aber nach Menschen. Kein Mensch ist wichtiger als der andere, weswegen keines Menschen Bedürfnisse automatisch über denen anderer steht. Und schon gar nicht stehen die Bedürfnisse aller anderen über den meinen.

Ich las kürzlich mal drei kurze Fragen, ich weiss nicht mehr wo. Aber: Vielleicht sollte man sie sich immer mal wieder stellen:

WILL ich das?
Will ICH das?
Will ich DAS?

„Beginne damit, dich selbst zu prüfen, und noch mehr, ende damit.“ (Bernhard von Clairvaux)

Menschen sind Beziehungswesen, ohne Beziehungen könnten sie nicht überleben. Das fängt bei der Geburt an, wo die Abhängigkeit von der Mutter körperlich und seelisch überlebensnotwendig ist, hört aber da noch lange nicht auf. Auch später noch sind wir auf Beziehungen, auf Menschen in unserem Umfeld angewiesen. Das Ich braucht ein Du, um als Ich zu überleben. Nur: So sehr wir andere Menschen brauchen, so oft geraten wir auch mit ihnen aneinander. So notwendig Beziehungen sind für unser Leben, so schwer sind sie oft zu leben.

Ein falsches Wort, unterschiedliche Ansichten, verschiedene Bedürfnisse, Missverständnisse – die Liste möglicher Gründe für Konflikte ist noch lange nicht erschöpft. Und wenn einer entsteht, reagieren wir, meist impulsiv, meist so, dass wir unsere Stellung verteidigen:

Du hast gesagt! Du hast getan! Weil du so warst, konnte ich nicht anders.

Wir schieben dem anderen die Schuld in die Schuhe, um selber aus der Schuld zu kommen. Lieber sind wir das Opfer im Konflikt, das nicht anders konnte, als der Täter, der alles verursacht hat. Schliesslich und endlich wissen wir, dass wir sicher nicht streiten wollten, wie kämen wir dazu? Also muss es am anderen liegen.

Nur: Stimmt das wirklich? Machen wir es uns damit nicht zu einfach? Und mittellangfristig eigentlich schwerer? Schlussendlich kamen wir gemeinsam an den Punkt, an dem wir sind. Das hat der andere nicht alleine getan. Konflikte sind immer eine Kette von Aktion und Reaktion. Die Schuldfrage löst dabei nur eine praktisch endlose Rückwärtskette aus, bei der immer der jeweils andere vorher etwas getan hat, was erst zu unserem Tun anstiess. Und während wir diese Kette in die Vergangenheit verfolgen, verstricken wir uns immer mehr in ein Ping Pong der Vorwürfe, drehen in einer Abwärtsspirale der negativen Gefühle und lassen die Situation mehr und mehr eskalieren.

Wem bringt die Schuldfrage etwas? Was genau erreichen wir, wenn wir einen Schuldigen haben? Wir könnten mit dem Finger auf ihn zeigen und wären selber reingewaschen. Stünden quasi auf dem Podest, während der andere bitte demütig Reue bekundet. Und dann? Dann würden wir so weiter leben bis zum nächsten Konflikt, der würde wieder gleich ablaufen, bis irgendwann das Gefälle zwischen Podest und Reue so gross wäre, dass es einem oder beiden verleidet, oder aber wir uns immer wieder von neuem Schmerz und Leid zufügen, ohne etwas daran verändern zu können.

Statt einen Schuldigen zu finden, wäre es vielleicht sinnvoller, wenn wir selber in uns gingen und nachschauten, was genau unser Anteil an dem Konflikt war. Haben wir nicht vielleicht doch falsch reagiert? Die Stimme zu schnell erhoben? Den Ton zu giftig gewählt? Einen Vorwurf ungerechtfertigt platziert? Verletzt reagiert aufgrund einer alten Verletzung statt aufgrund der aktuellen Situation? Zudem könnten wir auch versuchen, Verständnis für das Verhalten des anderen aufzubringen. Nicht nur wir wollen keinen Streit, der andere will ihn sicher genauso wenig. Wieso sonst wären wir in einer Beziehung (wie auch immer sie geartet ist, hier aber als positiv gefühlte gemeint)? Mit der nötigen Selbstreflexion und dem nötigen Verständnis könnte es uns gelingen, statt immer weiter in die Abwärtsspirale zu geraten, uns zu finden in einem verständnisvollen Miteinander. Wir könnten aufeinander zugehen, statt Fronten aufzubauen. Wir könnten hinschauen, was uns an den Punkt gebracht hat, um in einem nächsten Fall vielleicht früher anders reagieren zu können oder solche Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen.

Alfred Adler sagte, dass in der Liebe das Wir das Ich und Du übersteige, weil nur, wenn das Gemeinsame über dem je Einzelnen stehe, diese wirklich gelebt werde. In Konflikten geht das oft vergessen. Wir sehen nur noch uns selber, kämpfen mit Worten um einen vermeintlichen Sieg. Wir wollen den anderen schlagen mit unseren Argumenten, befinden uns sprichwörtlich in einer Kriegssituation. Wie wäre es, wenn wir stattdessen mit ihm tanzen würden? Wenn wir versuchen würden, uns zurück in den Gleichtakt zu bringen, bei dem wir uns umkreisen, miteinander drehen, statt gegeneinander zu stehen? Dann wäre das Ziel nicht die Schuldigkeit des anderen oder der eigene Sieg, dann wäre das Ziel, gemeinsam in Harmonie und innig umarmt durchs Leben zu tanzen. Im Wissen, dass so ein Tanz nur zu zweien funktioniert.

„Heute bin ich allen bedrückenden Umständen ausgewichen, besser gesagt, ich habe mich von ihnen befreit, denn der Druck kam nicht von aussen, sondern von mir und meinen Annahmen.“ (Marc Aurel)

Wenn etwas nicht gelingt wie gewünscht. suchen wir dafür Gründe – und oft auch Schuldige. Zweitere finden wir schnell:
Die Eltern sind schuld für die eigenen Schwierigkeiten mit dem Leben und wenn dieses nicht herausgekommen ist wie gewünscht. Dem Chef schieben wir die ausgebliebene Karriere in die Schuhe und dem Exfreund, der uns schlecht behandelt hat, das mangelnde Vertrauen in folgenden Beziehungen.

Nur: So lange wir uns als Opfer von Situationen oder Menschen sehen, werden wir genau das auch bleiben: Opfer. Dabei merken wir nicht, dass wir selber es sind, die uns zu diesem Opfer machen, indem wir uns all diese Geschichten erzählen. Bei den Eltern sind wir längst ausgezogen, hätten also spätestens beim Auszug die Gelegenheit gehabt, von nun an eigene Wege zu gehen. Der Chef mag vielleicht kein Sympathieträger sein, aber ist er wirklich schuld, wenn unsere Karriere nicht läuft, wie wir uns das wünschen? Könnte es nicht auch an unserer Haltung zum Chef oder aber zur eigenen Arbeit liegen, dass wir nicht weiter kommen? Könnten wir daran etwas ändern? Und wenn nicht, wäre eine Änderung des Arbeitsumfeldes oder gar der Tätigkeit möglich? Schliesslich: Der Exfreund ist Geschichte, wieso also geben wir ihm so viel Macht über unser heutiges Leben? Wieso hadern wir noch immer mit dem, was war, anstatt nach vorne zu schauen und einem neuen Menschen eine wirkliche Chance zu geben?

Es sind selten die äusseren Umstände, welche uns leiden lassen, sondern mehrheitlich ist es unsere Haltung zu diesen: Statt auf das Leben heute zu schauen und die Dinge, die passieren, anzunehmen und zu schauen, wie wir konstruktiv damit umgehen könnten, lassen wir uns in eine Gedanken- und Gefühlsspirale ziehen, aus der nur eines resultiert: Leiden. Nur wenn wir das erkennen, haben wir die Möglichkeit, diese Spirale zu durchbrechen. Dann sind wir in der Lage auf die Dinge, wie sie sind, zu reagieren im Hier und Jetzt, statt im Aussen einen Schuldigen aus der Vergangenheit zu suchen und uns in unserer Opferrolle zu suhlen. So kann es gelingen, aus Negativspiralen auszubrechen und vom Opfer zum Steuermann des eigenen Lebens zu werden.