„Wenn dein Haus in Flammen steht, wärme dich daran.“ (Spanisches Sprichwort)

Es gibt Situationen im Leben, denen lässt sich beim besten Willen nichts Positives abgewinnen. Klar kann man versuchen, zu denken, dass es für etwas gut sein könnte irgendwann, man dies nur noch nicht weiss (und ja, das mag sogar so sein), nur: Hier und jetzt ist es nicht schön und durch nichts schön zu reden.

Nach der ersten Trauer, Frustration, Wut über das, was ist, hilft nur eines: Das Beste daraus machen. Dann gilt es, genau hinzuschauen und zu analysieren: Was ist passiert? Welche Ausmasse nimmt das Schlamassel ein? Was kann ich doch noch tun, um den Schaden zu minimieren, noch etwas zu retten, möglichst heil weiter zu gehen. Und dann gilt es, mit neuem Mut das Leben in die Han zu nehmen.

„Ahme den Gang der Natur nach. Ihr Geheimnis ist die Geduld.“ (Ralph Waldo Emerson)

Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht, Früchte sind nicht aromatisch, wenn man sie nach zu wenig Sonnentagen erntet und aus unreifen Trauben wird kein süsser Wein. Alles in der Natur braucht seine Zeit. Zwar erheben wir uns immer gerne über die Natur, doch sind wir schlussendlich immer ein Teil davon und ihr damit auch unterworfen.

Wenn wir also wieder einmal von Ungeduld geplagt sind und dringend etwas erreichen wollen, sollten wir uns zuerst fragen, was wir ausgesät haben und ob die Zeit wirklich schon reif ist für die Ernte.

„Leicht muß man sein:
mit leichtem Herz und leichten Händen,
halten und nehmen, halten und lassen …“ (Hugo von Hofmannsthal)

Als wir Kinder waren, haben wir das Leben spielerisch erkundet. Im Spiel lernten wir uns besser kennen, lernten vieles fürs Leben und lachten dabei. Schiller hatte das im Sinn, als er sagte, dass man nur da ganz Mensch ist, wo man spielt, denn nur im Spiel lässt sich das Menschsein in seiner ganzen Form entfalten, lassen sich Dinge probieren. Im Spiel herrscht eine Leichtigkeit, die uns oft im späteren Leben abhanden gekommen ist. Drum heisst es wohl auch, dass man, wenn man erwachsen wird, in den Ernst des Lebens eintritt.

Mit Blick auf Schillers Satz bedeutet das aber auch, dass wir damit einen Teil unseres Menschseins ablegen. Wozu? Um verbissen irgendwelchen Vorgaben nachzurennen, Erwartungen zu erfüllen und Leistungen zu erbringen? Wie wäre es, einfach mal wieder das Spielerische ins Leben zu lassen, das Leben leichter zu nehmen? Es ist nicht alles so ernst, wie es aussieht und ein wenig mehr Leichtigkeit macht das Leben oft nicht nur erträglicher, sondern auch den Umgang mit schwierigen Situationen leichter. Dann würden vielleicht die verbissenen Mienen aufhellen und ein Lachen ginge durch die Welt.

„Die höchste Krone des Helden ist die Besonnenheit mitten in Stürmen der Gegenwart.“ (Jean Paul)

Auseinandersetzungen, Angriffe, unfaires Verhalten – jeder hat sie schon erlebt und darauf reagiert. Oft reagieren wir aus dem Affekt heraus, wollen gleich antworten, wenn wir angegriffen werden, wollen reagieren, wo wir uns ins Unrecht gesetzt fühlen. Und sehr oft ist genau das nicht wirklich zielführend, sondern es endet in einem unschönen Schlagabtausch in welchem meist alle, sicher aber man selber verliert.

Spontanes Verhalten ist in uns Menschen angelegt und ist durchaus sinnvoll in gewissen Situationen: Wenn ein Löwe auf uns zustürmt, ist es sicher besser, die Beine in die Hand zu nehmen und zu fliehen, anstatt noch lange zu überlegen. In Auseinandersetzungen führt die Flucht nach vorne jedoch meist ins Verderben. Besser wäre es, den ersten Ärger verziehen zu lassen, die Situation zu analysieren und eine angemessene Reaktion auszudenken. Nicht nur besteht so die Hoffnung, einen noch im Keim befindlichen Streit zu umgehen, selbst wenn das nicht gelingt, kann man sich nicht hinterher vorwerfen, unangemessen reagiert zu haben.

„Weise ist der Mensch, der Dingen nicht nachtrauert, die er nicht besitzt, sondern sich der Dinge erfreut, die er hat.“ (Epiktet)

Ein neues Auto, ein grösserer Fernseher, endlich mal Urlaub, ein paar Kilos mehr oder eine neue Beziehung – du bist überzeugt, dass du glücklich wärst, wenn du nur erst das hättest, was du dir so sehnsüchtig wünschst? Du kannst dich in Tagträumen verlieren, wie du durch die Gegend führest, die Filme endlich geniessen könntest, am Strand lägst, neue Kleider kaufen könntest und die deinem neuen Freund vorführen? Und statt all das zu geniessen, bist du frustriert, weil all das in weiter Ferne ist, du stattdessen das leben hast, das du eben hast?

Wünsche zu haben, ist nicht verkehrt, wenn sie dir aber die Laune vermiesen, ist es höchste Zeit, genauer hinzusehen: Gibt es neben all diesen unerfüllten Wünschen wirklich nichts Gutes in deinem Leben? Wie wäre es, einmal eine Liste mit all den Dingen zu machen, die gut sind, und dich dann daran zu freuen?

„Es wäre dumm, sich über die Welt zu ärgern. Sie kümmert sich nicht darum.“ (Marc Aurel)

Was gibt es nicht alles für ärgerliche Dinge auf dieser Welt: Unfreundliche Verkäuferinnen, Buschauffeure, die dich kommen sehen und trotzdem abfahren, Autofahrer, die dir die Vorfahrt nehmen, Nachbarn, die ständig Streit suchen, Chefs mit dauerhaft mieser Laune, Lehrer, die ständig Fehler sehen, aber nichts zu leben sehen. Und du sitzt zu Hause und ärgerst dich. Holst dir immer wieder ins Gedächtnis, was dir passiert ist, fühlst erneut, was du in der Situation gefühlt hast, schimpfst über all die Menschen, die dir den Tag versaut haben. Und die? Haben von allem keine Ahnung und lassen es sich gut gehen (wenn sie nicht sind wie du).

Im Moment gibt es eigentlich nur einen Menschen, der dir den Tag vermiest: Du selber mit deinen Gedanken. Bist du sicher, dass du das willst?

Und plötzlich weiss man: Das möchte ich tun. Das wäre das Leben, das ich gerne leben würde. Und in uns entsteht ein Bild in den buntesten Farben, wir malen alles aus und fühlen uns wohl damit. Manchmal ist es auch nicht ein ganzer Lebensentwurf, nur ein Projekt, das wir gerne umsetzen, ein Plan, den wir gerne verfolgen würden. Egal, was und wie gross es ist: So soll es sein!

Doch dann kommen die inneren Stimmen: „Das geht doch nicht!“, „Ich kann doch nicht!“, „Was werden bloss die anderen sagen?“, „Wie könnte ich das schaffen?“ Das eben noch so leuchtende Bild wird trüber, die eigene Freude gedämpft. Erich Fried hat diese inneren Stimmen in Bezug auf die Liebe in ein wunderbares Gedicht verpackt:

Was es ist
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Wir können diese inneren Stimmen wichtig nehmen und alles lassen, wogegen sie stänkern. Wir können uns einreden, dass unsere Pläne wirklich unsinnig, aussichtslos, lächerlich, leichtsinnig oder gar unmöglich sind. Und dann tun wir brav das, was wir schon immer taten. Der Umstand, dass wir beim Denken neuer Wege aufblühten, zeigt zwar, dass wir mit den alten nicht glücklich waren, trotzdem das wäre sicher der Weg des geringsten Widerstands. Wir bleiben dabei aber auch das, was wir waren: Unglücklich, zumindest unzufrieden.

Was ist die Alternative? Wir fassen uns ein Herz und wagen das Risiko. Das braucht Mut, keine Frage, und ich behaupte nicht, dass es einfach ist. Neue Wege sind immer unsicher, wir betreten damit Land, das wir vorher noch nicht kannten, verlassen unsere eingetretenen Pfade, die uns vertraut waren. Aber: Schon Hermann Hesse wusste:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Diese Zeile des Gedichts ist wohl vielen bekannt, aber das Gedicht geht weiter:

Der uns beschützt und der und hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen.
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ und Stufe heben, weiten.

Mut zu haben, heisst nicht, dass wir von jetzt auf gleich keine Angst mehr haben. Es heisst auch nicht, dass all die Stimmen plötzlich verstummt sind und wir nur noch optimistisch in die Welt grinsen. Es ist sogar wichtig, die inneren Stimmen anzuhören, die Risiken einzuschätzen und abzuwägen. Unter Umständen erkennen wir so Hindernisse, die wir ausräumen können.

Dass wir den Mut aufbringen, für unsere Wünsche und Ziele einzustehen, bedeutet, dass wir uns ernst nehmen. Wir stehen für uns ein und gestehen uns ein: Es ist, was es ist. Ich bin, wie ich bin. Und ich bin es mir wert, dass ich für mich meine Wege gehe.

Natürlich ist es möglich, dass wir mit einem Plan in die Irre laufen. Es ist auch gut möglich, dass ein erreichtes Ziel beim Erreichen plötzlich nicht mehr so bunt ist, wie es auf dem Weg dahin schien. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es sich lohnt, den Weg zu gehen. Entweder zeigt er uns auf, was wir schon hatten, aber nicht sahen, oder aber wir entdecken eine Abzweigung, die uns wirklich an einen Ort führt, der für uns richtig ist. Und ab und an gehen wir den Weg, kommen ans Ziel und wissen: Ich habe es geschafft. Das war mein Weg und ich bin angekommen. Was könnte es schöneres geben?

Am Anfang stehen immer die Fragen: Wer bin ich? Was will ich im Leben? Wie will ich leben? Wie will ich sein? Sie geben den Weg vor, den wir gehen wollen. Und: Wenn wir Dinge mit Leidenschaft tun, unser Herz daran hängt, dann eröffnet sich immer etwas Gutes daraus. Dieses ist nicht zwangläufig immer das, was wir uns am Anfang vorstellten, aber der Weg, den wir dahin gingen, war selbst gewählt. Die nötige Vorsicht ist geboten, die Vernunft soll immer mitgehen, aber der Mut soll die Führung übernehmen, denn er ist der Verbündete der Liebe – der Liebe zu uns selber.

Hermann Hesse schliesst sein Gedicht „Stufen“ mit der wunderbaren Zeile:

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!