Tagesgedanken: Integrität

«Herr, lass mich werden, der ich bin
In jedem Augenblick.
Und gib, dass ich von Anbeginn
Mich schick in mein Geschick.»

Mit diesen Zeilen beginnt ein Gedicht von Mascha Kaléko. Sein, wer man ist, in jedem Augenblick – was heisst das eigentlich? Es heisst, dass ich in meiner Integrität nach meinen Werten lebe, dass ich in Übereinstimmung mit dem lebe, was mir wichtig ist – nur: Ist das immer so eindeutig? Wie oft passiert es, dass in mir gegenläufige Stimmen streiten, dass Werte in Konflikt kommen. Der Wunsch nach Alleinsein kollidiert mit meinem Verantwortungsgefühl, für andere da sein zu wollen. Mein Wunsch nach einem künstlerischen Leben ist nicht vereinbar mit meinem Bedürfnis nach Sicherheit und Geordnetheit des Lebens.

Schon damit umzugehen ist schwer genug, doch dann gibt es ja nicht nur mich, es gibt auch andere, eine Gesellschaft. Und die hat Erwartungen an mich. Ich soll mich so verhalten, dass ich in diese Gesellschaft passe, dass ich meine Rolle in ihr wahrnehme. Diese Erwartungen haben sich tief in mich eingebrannt und ich strebe danach, sie zu erfüllen. Ich will also einerseits ganz ich sein, andererseits aber auch Teil eines Ganzen, was von mir eine gewisse Anpassung erfordert. Kant nannte diesen Widerspruch «ungesellige Geselligkeit».

Was ist also nun der richtige Weg hin zu einem guten Leben, einem Leben, von dem ich sagen kann, dass es wirklich meines ist, ich als Ich in ihm bestehe und trotzdem Teil eines Ganzen bin? Wenn ich bedenke, dass ich allein nicht lebensfähig bin, dass ich abhängig bin von anderen, kann ich fast nicht anders, als dafür zu sorgen, dass diese anderen mit und neben mir gut leben, dass wir in einem guten Miteinander diese Welt teilen. Insofern müsste die Sorge um das Ganze immer auch mein eigener Wunsch sein, nicht nur eine auferlegte Rolle, die wir zähneknirschend erfüllen.

Das ist in der Theorie einfach gesagt, stellt sich in der Praxis wohl oft als schwierig heraus, da mir meine Abhängigkeit im Alltag nicht bewusst ist. Und genau da muss ich wohl ansetzen: beim bewussten Hinsehen auf mich, auf mein Leben, auf das, was ich brauche. Ich muss wissen, was mir wichtig ist, ich muss mich mit meinen Bedürfnissen, auch den nicht so offensichtlichen, kennen, und aus dieser Kenntnis heraus kann ich entscheiden, was es für mich heisst, ein integres Leben zu leben, ein Leben, von dem ich sagen kann: Das ist MEIN Leben. Das ist der Fall, wenn ich ich bleibe, im Wissen, dass ich nur ich sein kann, wenn andere um mich sind.

So gesehen wäre die Anpassung zur Sicherung eines für alle stimmigen Miteinanders mein Wunsch und Wert und dadurch Teil meiner selbst und nicht im Konflikt. Abzuschätzen gilt wohl nur, in welchen Situationen er der relevante Wert ist, andere zurückstehen müssen, und in welchen ich anderen den Vorzug geben kann, mal wirklich für mich zu schauen, meine ganz eigenen Bedürfnisse auszuleben.

Philosophisches: Haben oder Sein

«Die Aufgabe ist, dass der Mensch so lebt, dass der Zweck, das Ziel seines Lebens die volle Entfaltung aller seiner Kräfte ist als ein Selbstzweck und nicht als Mittel zur Erreichung anderer Zwecke.» (Erich Fromm, Marx zitierend)

Das sagte Erich Fromm in einem Interview und meinte es als Kritik an einer Welt, die Menschen immer mehr als Ressourcen sieht, und immer weniger als Personen, als Individuen. Was zählt, ist das Haben, der Profit, dabei geht das Sein, das Leben als ganzer Mensch, unter. Sinnbildlich wird das in Firmen, in denen die Personalbüros «Human Ressources» heissen: Menschliches Kapital quasi, ein Gut, auf das man für den Profit strategisch zurückgreift. Kein schönes Bild, wie ich finde. Kein Wunder, fühlen sich Menschen immer unwohler in der Arbeitswelt, brennen sie aus, werden sie krank. Für die ressourcenorientierte Gesellschaft ist das kein Problem, jeder ist ersetzbar, fällt einer aus, kommt der nächste.

Das fängt aber schon früher an: Auch in der Schule zeigt sich diese Haltung. Es geht nicht um Bildung, sondern um Wissensanhäufung unter Zwang und Leistungsdruck. «Und bist du nicht willig, dann kriegst du ne eins (in der Schweiz die schlechteste Note).» Wer es nicht aufs Gymnasium schafft, hat je länger je mehr ein Problem, die Berufsauswahl schrumpft. Es zählt nur noch, was einer (an Papieren) hat, nicht was er an wirklichen Fähigkeiten mitbringt. Eine Kindergartenlehrerin muss in Mathe gut sein, die Sozialkompetenz, der liebevolle Umgang mit Kindern sind keine ausschlaggebenden Kriterien.

Was so mehr und mehr wegfällt, ist eine wirkliche Beziehung zwischen Menschen, eine wirkliche Beziehung zur Welt. Der Mensch sieht sich als Rad im Getriebe und fühlt sich nicht gesehen. Das Interesse liegt mehrheitlich darauf, was einer hat, nicht wer er ist. Dadurch entstehen keine wirklichen Beziehungen, doch die wären wichtig für den Menschen, denn ohne sie kann er nicht als Mensch wirklich existieren, sicher kann er kein Leben führen, das ihn befriedigt, das er als gutes Leben bezeichnen würde. Es kommt zu einer immer grösseren Entfremdung – von der Welt, von anderen Menschen, oft auch von sich selbst.

Vielleicht wäre es langsam an der Zeit, umzudenken, Leben neu zu denken – weg von

«Sag mir, was du hast, und ich sage dir, wer du bist.»

Hin zu

«Sag mir, was du fühlst, denkst, tust und willst, und ich sehe, wer du bist.»

Das könnte ein Weg sein weg von profitorientierter Existenz hin zu einem sinnerfüllten Leben.

Tagesgedanken: Falsche Vorstellungen

Ich bin ein Mensch, der gerne seine Strukturen, seine Gewohnheiten hat. Das hat einerseits pragmatische Gründe, denn als selbständig arbeitender Mensch fehlen die Leitplanken von aussen und es fällt mir leichter, täglich nach dem etwa gleichen Plan zu arbeiten, als jeden Tag neu zu überlegen, ob und wann und was ich denn nun tun soll. Es hat aber andererseits auch weitere Gründe: Ich mag es so, fühle mich wohl, wenn ich weiss, was mich erwartet.

Neues, plötzliche Veränderungen, mag ich hingegen gar nicht. Da ertappe ich mich schon lange Zeit vorher, mir auszumalen, wie das sein könnte. Ich erzähle mir, dass das schwer wird, schüre meine Ängste, der Situation nicht gewachsen zu sein, finde immer mehr Dinge, die zu meinem Unwohlsein führen könnten. Das führt dazu, dass es nicht erst schwierig wird, wenn das Neue dann kommt, sondern ich vergifte mit diesem Gedankenkarussell schon die Zeit vorher. Und oft habe ich dann erlebt, dass alles ganz leicht war und meine Sorgen völlig umsonst.

„Vorstellungen sind mentale Muster, die nicht auf real existierenden Objekten beruhen.“ (Patanjalis Yoga Sutras, 1.9)

Es ist wohl an der Zeit, zu lernen, dass das, was am meisten Unwohlsein mit sich bringt, nicht die neuen Situationen sind, sondern meine Vorstellungen davon. Natürlich kann es sein, dass es mal schwierig wird, natürlich gibt es Situationen, in denen ich mich unwohl fühle, doch es reicht, wenn es in der Situation selbst so ist, ich muss nicht schon die Tage vorher damit belasten, denn das ist schlicht nur ein selbstgemachtes Leiden und es liegt in meiner Hand, dies zu ändern.

Mögt ihr Veränderungen oder habt ihr es doch lieber wie gewohnt?

Tagesgedanken: Arbeit an der Liebe

Liebe ist das grösste Gut. Viele Menschen würden das so unterschreiben, wir alle suchen sie, brauchen sie, die Liebe. Umso erstaunlicher ist es doch, dass wir oft, wenn wir sie haben, den Menschen an unserer Seite wissen, den wir lieben, unsere Prioritäten ändern: Alles ist plötzlich wichtig, will getan und erlebt werden – der Geliebte muss das verstehen. Bis er es nicht mehr versteht.

«Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben.
Weisst Bescheid. Einsam bist du sehr alleine –
Und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.»

Man hört sie förmlich ticken, die Wanduhr aus Erich Kästners Gedicht «Kleines Solo». Man sieht das Paar, das sich nichts mehr zu sagen hat, jeder starrt in eine Richtung, nichts schwingt mehr dazwischen – fast ist man an ein Bild von Edward Hopper erinnert. Das Leben ist ausgehaucht, die Gefühle ausgeflogen, zurück bleibt die Ernüchterung des Alltags. Beide bleiben, weil das alles ist, was sie kennen, und sie fürchten, nachher allein zu sein. Sie merken nicht, dass sie schon so viel mehr allein sind, als sie es allein je sein könnten. Das Dasein anderer Menschen, zu denen man eigentlich eine Beziehung hätte, diese aber nicht mehr gelebt, gefühlt, gespürt wird, wird zum Verstärker der Einsamkeit.

Wie das Paar wohl dahin kam? Wie kann Liebe, die lebt, plötzlich sterben? Vermutlich wie jedes System eingeht, wenn es keine Nahrung kriegt. Liebe ist kein Selbstläufer, der, einmal angelaufen, einem Perpetuum mobile gleich in alle Ewigkeit weiterläuft. Es heisst, Liebe sei Arbeit. Vielleicht kann man es auch Sorge nennen, wie es Aristoteles bei seinem Liebesbegriff, der Philia, tat. Liebe als wechselseitige Sorge, als Wohlwollen, Gutes Tun. Wie sagte Erich Kästner:

„Es gibt nichts Gutes, ausser: Man tut es.“

Liebe ist damit ein Tun, ein gegenseitiges sich um den anderen kümmern, für den anderen da sein. Das kann man nicht einfach auf morgen verschieben, das muss als tägliche Haltung dem anderen entgegen gebracht werden.

Leider verschiebt man aber oft nicht nur unliebsame Arbeiten auf später, sondern auch die Arbeit an dem, was man eigentlich als wichtigstes im Leben sieht: Die Liebe. Man nimmt sie als selbstverständlich, sieht den Partner als sicher, und vergisst, dass jeder Mensch, um zu leben, Zuwendung, Berührung, Aufmerksamkeit braucht, dass jeder Mensch das Gefühl haben will, wichtig und geliebt zu sein. Heute. Nicht morgen. Ansonsten fängt die Wanduhr an zu ticken. Und irgendwann ist die Zeit abgelaufen.

Tagesgedanken: Schutzschild

«Der Eremit
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er lächelte mitten im Schmerz.
Er wollte nur sein, nicht scheinen.
Es sah ihm keiner ins Herz.

Es hörte ihn keiner weinen,
Er zog in die Wüste hinaus.
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er baute aus ihnen sein Haus.»[1]
(Mascha Kaleko)

Wir sind als Menschen soziale Wesen, wir sind abhängig voneinander, da wir allein nicht überlebensfähig sind – dies nicht nur im körperlichen, sondern vor allem auch im psychischen Sinn. Die Seele leidet, wenn man sich nicht akzeptiert fühlt. Die Welt scheint fern und fremd, wenn man sich in ihr nicht zu Hause fühlt. Zu Hause fühlt man sich da, wo man sich angenommen fühlt, wo man sein darf, wer man ist, wo man spürt: Ich gehöre dazu, ich bin so akzeptiert, wie ich bin.


Ich kann mir zwar wünschen, dass mich andere Menschen als die nehmen, die ich bin – selbst, wenn ich anders bin als sie. Erwarten kann ich es leider nicht, verlangen schon gar nicht. Was, wenn die Anerkennung ausbleibt? Wenn ich mich ausgestossen fühle aus der Gemeinschaft, weil ich in den Augen anderer nicht hineinpasse? Muss oder kann ich mich so sehr verbiegen, dass ich passend werde? Würden sie mich dann mögen? Wäre ich dann zufrieden? Aber: Wen würden sie dann eigentlich mögen? Wäre das noch ich?

Oder muss ich meine Koffer packen und gehen? In der Hoffnung, Menschen zu finden, die mich so verstehen und annehmen können, wie ich bin? Nur: Das werden wohl nirgends alle sein. Wie viele braucht es, um mich akzeptiert zu fühlen, und mit wie viel Ablehnung und Ausgrenzung kann ich umgehen? Kann ich an dieser auch wachsen? Indem ich mir einen Schutz aufbaue, wie der Eremit in Mascha Kalékos Gedicht sein Haus? Oder maure ich mich dann ein und werde unberührbar, damit unfähig, noch wirkliche Begegnungen zu haben, Beziehungen zu leben?

Du bist, wie du bist und du bist nicht genehm
Du bist, wer du bist, und du wirst nicht geseh’n.
Du wirst ausgemessen und sorgsam geprüft,
man schaut nur von aussen, mehr will man nicht seh’n.

Das reicht schon zu wissen, ob du wirklich passt.
Du denkst dir nichts Böses, du möchtest nur sein.
Und merkst ganz tief drin, ich gehör’ hier nicht rein.
Du fühlst dich alleine, verlassen und leer.

Du fühlst dich verloren, und möchtest weggeh’n.
Du stellst dir die Frage: «Wo soll ich nur hin?
Wo ist der Ort bloss, für mich, wie ich bin?»

Allen werde ich nie gefallen, danach zu streben hiesse, mich immer wieder selbst zu verletzen durch falsche Hoffnungen und Erwartungen und die darauffolgenden Enttäuschungen. Schlussendlich wird es auch nicht gelingen, mich auf Dauer zu verbiegen, denn das eigene Gefühl, nicht sein zu können, wer ich eigentlich bin, untergräbt die Freude an der Beziehung mit anderen, es ist ein zu grosser Preis: Ich gehöre nur dazu, weil ich bin, wie sie mich haben wollen, nicht weil ich bin, wer ich bin.

Es bleibt wohl nur eines: Ich muss mir immer wieder klar werden, wer ich bin und was ich will und brauche im Leben und von anderen Menschen. Und dann muss ich sehen, ob ich das in solcher Form kriege an dem Ort, wo ich bin, oder ob ich vielleicht am falschen Platz bin. Dann müsse ich mir einen suchen, der besser passt. Vielleicht reichen aber auch kleine Anpassungen aus, um einen Ort zu einem passenden zu machen. Vielleicht muss ich kein Haus bauen, nicht mal Mauern errichten, es reicht vielleicht ein Schutzschild, den ich hochhalten kann. Ein Schutzschild, hinter das ich in unsicheren Momenten treten kann und hinter dem das warme Gefühl aufkommt: Ich bin, wie ich bin, und das ist gut so. Und dann trete ich wieder hervor und schaue, ob das auch noch andere finden. Und wenn ich mich auf die konzentriere, statt immer jene im Blick zu haben, die mich ablehnen, stehe ich plötzlich in einer Welt, in der ich mich wohlfühlen kann.


[1] Zit. Nach «In meinen Träumen läutet es Sturm» ©1977 dtv Verlagsgesellschaft mbH&Co.KG, München

Tagesgedanken: Mitgefühl

„Was ist das Eine, das alle anderen Tugenden in sich fasst? Mitgefühl.“ (Buddha)

Mitgefühl. Ich fühle, was du fühlst. Nicht im Sinne eines Leidens, wenn du leidest, sondern im Sinne der Fähigkeit, dein Leiden von tiefstem Herzen zu verstehen. Wenn ich mit jemandem mitfühle, höre und sehe ich ihn in seinem Leid, ich nehme ihn als den wahr, der er ist, mit dem, was er fühlt. Nur schon das Gefühl, gehört, gesehen zu werden, nimmt oft einen Teil der Schwere des Leids.

Manchmal sehen wir Menschen in ihrem Sein und Tun und be- oder verurteilen sie dafür. Dies ist ein Zeichen für fehlendes Mitgefühl, was nicht heisst, dass es uns generell an Gefühlen mangelt. Fehlendes Mitgefühl ist ein Zeichen dafür, dass wir nicht bereit sind, den eigenen Standpunkt zu verlassen, um die Welt aus den Augen eines anderen zu sehen. Diese Bereitschaft aber ist nötig, wollen wir mit anderen, die nicht so sind, wie wir sie gerne hätten oder es von ihnen erwarten, zusammenleben wollen.

Nun kann ich mich natürlich auf den Standpunkt stellen, dass ich selbst richtig, die anderen also falsch sind. Ergo müssen sich die anderen ändern, oder aber ich schliesse sie aus dem Kreis derer, die sind, wie sie sein sollen, aus. Nur: Wäre ich dazu in der Lage, würde ich für einen Moment innehalten und mich fragen, wie es denen gehen muss, die ausgeschlossen werden, nur weil sie sind, wer und wie sie sind? Wie würde ich mich fühlen im gleichen Fall? Durch dieses Hineinfühlen in den anderen entsteht Mitgefühl und damit eine Verbindung zwischen Menschen.

Mitgefühl ist zentral im Buddhismus. Mitgefühl verbindet Menschen als lebende Wesen, als Gleiche unter Gleichen trotz ihrer Unterschiedlichkeit. Mitgefühl basiert auf Wertschätzung, auf dem Wunsch, dass alle Lebewesen frei von Leid sein mögen. Wenn wir uns das wünschen, werden wir uns hüten, anderen Leid zuzufügen, im Gegenteil: Wir werden alles versuchen, Leiden zu vermeiden oder ihm ein Ende zu setzen, so es in unserer Macht liegt.

Umfassendes Mitgefühl wertet nicht. Es sortiert nicht aus. Es weiss, dass jeder Mensch glücklich sein will, dass jeder Mensch frei von Leid sein will. Egal, wo er geboren wurde, welche Sprache er spricht, welche Religion er zu seiner erklärt oder welche Hautfarbe er hat. Auch der unliebsame Nachbar hat tief drin die gleichen Sehnsüchte wie wir. Ebenso der grantige Chef oder die schrullige alte Dame im Park. Keiner steht wohl am Morgen auf und denkt: „Ich will heute mal ein Ekel sein, egal, ob mich die Menschen mögen.“ Wenn wir uns dieses vor Augen halten, gelingt es vielleicht, unser Mitgefühl auch auf die auszuweiten, denen wir im ersten Moment eigentlich negativ gegenüberstehen. Das heisst nicht, dass wir fortan beste Freunde sein müssen, aber es ist der Ausdruck einer Wertschätzung des Menschen als Menschen in seinem So-Sein und damit ein Anfang für ein gelingendes Zusammenleben von Verschiedenen als Gleichwertige und Gleichwürdige. Und das wäre etwas, das ich mir für mich und für diese Welt wünschen würde.

Tagesgedanken: Wer will ich sein?

«Wir sind keine Opfer der Umstände oder unserer Gene, wir können in einem gewissen Ausmass frei wählen, wie wir uns verhalten.»[1]

Wie oft hört man von Menschen, dass ihr Leben beschwerlich ist, weil sie eine schwierige Kindheit hatten. Dann wird meist den Eltern die Schuld für die eigenen, aktuellen Probleme zugeschrieben, haben sie doch das Kind, das man mal war, geprägt und auf die Schienen gebracht, auf welchen es heute noch läuft – und das zu dessen eigener Unzufriedenheit, aus welcher die Klagen stammen. Natürlich kann man das so sehen und sich als Opfer empfinden. Nur: Das wird einen nicht nur nicht weiterbringen, es ist auch eine sehr einfache Sicht. Sind wir wirklich allem ausgeliefert, ohne einen eigenen Einfluss darauf? Haben wir tatsächlich keine Möglichkeit, selbst etwas zu bewirken, und sind somit frei jeglicher Verantwortung für unser Sein und Tun?

Studien sagen nein. Der Mensch ist bis ins hohe Alter zu Veränderungen fähig. Gene und Eltern haben nur einen kleinen Anteil an dem, was wir die eigene Identität nennen. Das Umfeld, die Gleichaltrigen im Kindesalter, später Freunde und Bekannte, sind viel prägender. Und: Auch wir selbst haben durchaus viel in der Hand, können wir doch sowohl bei der Wahl unserer Freunde (später wohl noch mehr denn als Kind) sowie durch einen bewussten Blick darauf, was wir wirklich wollen im Leben und ob wir dafür am richtigen Ort sind, durchaus eigene Weichen stellen.

Wenn es im Leben nicht rund läuft, man mit seinem Verhalten immer wieder aneckt, oder man merkt, dass man immer wieder in gleiche Fallen tappt, sagt man sich oft: 

«So bin ich halt.»

Zwar ist man damit fein raus und jeglicher Anstrengung zu Veränderung enthoben, doch ist das nicht eine gar einfache Sicht? Denn: Das mag gut passen, wenn man mit sich und dem eigenen Leben zufrieden ist, doch was, wenn nicht? Wenn man sich eigentlich wünscht, anders zu sein, zumindest in gewissen Situationen? Was, wenn man Träume und Wünsche hat, die sich aber nur erfüllen lassen, wenn man die eigene Komfortzone verlässt? Die gute Nachricht: Es ist möglich. Aber: Es ist sicher nicht einfach und geht selten von heute auf Morgen. Trotzdem gibt es Starthilfen für einen Weg hin zu einer Veränderung:

Hinhören, was man wirklich will. Danach einfach auch mal kleine Dinge anders machen als sonst, um zu sehen, wie sich Veränderungen anfühlen. Sprichwörtlich neue Wege gehen – und sei es nur der zur Arbeit. Eine weitere Möglichkeit ist, so zu tun, als ob. Der Soziologe John Goffman sagt, dass wir alle im Leben unbewusst Theater spielen, indem wir anderen auf eine bestimmte Weise gegenübertreten. Wieso das nicht bewusst tun? Wieso als schüchterner Mensch sich nicht so verhalten, als ob man selbstbewusst und mutig wäre, und einfach mal mit der Frau an der Kasse ein paar Worte wechseln? Und merken, dass es gar nicht so schwierig ist, im Gegenteil, dass es sogar Spass macht. Und plötzlich geht es wie von selbst, das vorher gespielte Verhalten geht in Fleisch und Blut über. All das ist ein Weg, ein Prozess des beständigen Hinschauens, Erkennens und Übens. So sagte schon Buddha:

„Durch Übung wächst das Wissen an, doch ohne Übung schwindet es dahin.“

Manchmal ist man aber auch mit sich selbst zufrieden, fühlt sich wohl in seiner Haut und möchte bleiben, wie man ist – nur: Andere stossen sich daran, weil man anders ist als sie. Was dann? Schmerzen mag die Ablehnung doch, aber es bleibt in dem Fall nur ein gelassenes «so what». Eine wahre Wunderwaffe für den inneren Frieden, wie ich finde. 


[1] Zitat aus Christina Berndt: Individuation. Wie wir werden, wer wir sein wollen. Der Weg zu einem erfüllten Ich, DTV Verlag, 2020.

Tagesgedanken: Leben ist heute

«Wir wissen nicht, was morgen wird.
Wir sind keine klugen Leute.
Der Spaten klirrt, und die Sense sirrt,
Wir wissen nicht, was morgen wird.
Wir ackern und pflügen das Heute.»
(Mascha Kaléko)

Vor allem in schwierigen Zeiten, in persönlichen Krisen oder wenn, wie jetzt, die Welt im Argen liegt, schaut man oft sorgenvoll in die Zukunft und fragt sich, wie das alles weitergeht. Was soll nur werden und was, vor allem, wird aus mir werden? Wie werde ich leben? Wird mein Leben gut sein? In all diesen Gedanken verlieren wir uns, malen Bilder an die Wand, die unseren (in solchen Situationen oft dunklen) Gedanken entspringen und sich verfestigen. Oft vergessen wir dabei, dass dies keine wirklichen Zukunftsaussichten sind, sondern nur eigene Vorstellungen. Ob diese real werden oder nicht? Das kann keiner sagen. 

Manchmal schweifen wir in Gedanken auch in die Vergangenheit. Wir schwelgen in dem, was mal war und hadern damit, dass es nicht mehr ist. Nur: Schöne Erinnerungen sind zwar wunderbar und auch wichtig, aber die zu intensive Auseinandersetzung damit kann gefährlich werden, wenn wir darüber die Gegenwart vergessen und diese keine Chance bekommt, selbst zu einer schönen Erinnerung zu werden. Noch schwieriger wird es , wenn wir unsere aktuelle Krise an schlechten Erfahrungen der Vergangenheit (oft gar Kindheit) festmachen. Wir beklagen uns darüber, suhlen uns in unserem Leid und sehen uns diesem ausgeliefert, weil das Leben so gelaufen ist, wie es dies tat. Wir werden weder das Schöne zurückholen können noch das vergangene Leid ungeschehen machen. Die Flucht der Gedanken in Vergangenheit oder Zukunft wird im Hier und Jetzt meist wenig bewirken.

Alles, was bleibt, ist das Heute: Es ist der einzige Tag, der gelebt werden kann. Was heute nicht im Lot ist, das kann ich heute angehen. Und was heute schön ist, das kann ich geniessen und auskosten, ich kann daraus Kraft schöpfen für mein Leben. Nicht, um später nur noch darin zu schwelgen (aber natürlich auch, um dann und wann dankbar zurückzublicken), sondern um die Kraft zu haben, dann mit dem Leben umzugehen, wenn es mal schwierig wird. Der Dalai Lama hat das schön ausgedrückt:

«Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man nichts tun kann. Der eine ist Gestern, der andere Morgen. Dies bedeutet, dass heute der richtige Tag zum Lieben, Glauben und in erster Linie zum Leben ist.»

Tagesgedanken: Selbstliebe

Fragt man Menschen, was sie sich wünschen im Leben, ist wohl die Liebe das, was am meisten genannt wird. Sie ist der Inbegriff dessen, was das Leben lebenswert macht, wonach wir uns sehnen, um uns wohl und gut zu fühlen. Fehlt die Liebe, fehlt nicht nur sie, sondern auch oft die Freude an allem anderen, weil wir uns innerlich leer fühlen.

Jemandem sagen zu können „Ich liebe dich!“ ist ein grosses Geschenk. Das Wissen um diesen anderen Menschen, den man aus tiefem Herzen annimmt, den man in seinem Leben weiss, dem man vertraut, auch sich anvertraut, gibt dem eigenen Leben einen Boden, gibt ihm eine Tiefe, gibt ihm Freude und erfüllt dieses mit Sinn.

Was erstaunlich ist: So wichtig und wertvoll dies ist, für den, der es sagt, wie für den, der es empfängt, so selten sagen wir uns selbst: „Ich liebe mich!“ Wir kämen uns komisch vor, fürchteten, selbstverliebt zu erscheinen. Aber: Wir sagen es uns nicht nur nicht, wir fühlen es nicht mal. Im Gegenteil: Oft schimpfen wir mit uns, wenn etwas nicht gelingt, wie wir das wollen, sehen uns als grösstes Mängelwesen unter der Sonne. Sagen nach einem Missgeschick nach aussen zwar lachend, was für Schussel wir doch sind, während wir uns innerlich zermartern, wieso uns das passieren musste. Wir verstricken uns zu häufig in negative Gedanken uns selbst gegenüber, dass für Liebe wenig Platz bleibt – und gerade dann würden wir sie brauchen, denn:

Wo Liebe wächst, gedeiht Leben – wo Hass aufkommt, droht Untergang. (Mahatma Gandhi)

Hass mag ein grosses Wort sein, aber nur schon Ablehnung reicht. Indem wir uns mit negativen Gedanken und Gefühlen zu uns selbst äussern, machen wir uns immer kleiner. Wir denken zu oft, perfekt sein zu müssen und vergessen dabei, dass Perfektionismus der Totengräber des Selbstvertrauens ist. Perfektionismus entsteht nicht aus der Motivation nach Leistung, sondern aus der Angst vor Ablehnung. Wir fürchten, nicht zu genügen und streben danach, alles möglichst gut, nein: perfekt, zu machen. Und legen damit eigentlich den Grundstein des Misslingens.

Es ist doch so: Was gelingen kann, kann auch misslingen. Und manchmal ist sogar Misslungenes ein Gewinn – je nachdem, welche Perspektive wir einnehmen und was die Konsequenzen sind (die man vorher gar nicht abschätzen konnte, ist das Leben doch kontingent). Was ist also zu tun?

Indem ich die Möglichkeit des Misslingens akzeptiere, habe ich mehr Mut, Dinge zu probieren. Und je mehr ich probiere, desto öfter erlebe ich das Gelingen, desto mehr erfahre ich mich als tätigen, nach meinen Wünschen und Zielen lebenden Menschen. Auf diese Weise entfalte ich mich mehr und mehr als mich selbst. Es ist wichtig, dabei immer wieder darauf zu vertrauen, dass ich auch mit einem Misslingen umgehen könnte – Selbstvertrauen heisst das Zauberwort. Die gute Nachricht: Man kann es lernen. In kleinen Schritten, indem bei jedem gelungenen Versuch ein wenig dazu kommt, ebenso bei jedem misslungenen, den man überlebt und sogar gut überstanden hat.

Bevor ich also das nächste Mal sage: „Das kann ich eh nicht, ich bin nicht gut genug“, denke ich besser an all die Male zurück, an denen was gelang oder sich als nicht so schlimm herausstellte beim Misslingen. Und dann denke ich: „Ich will es versuchen, weil es mir wichtig ist. Und ich glaube daran, dass es gut kommt, egal wie.“ Frei nach Buddha:

„Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.“

Und dann gehe ich ans Werk, traue es mir zu. Und ich erfahre, dass ich in der Lage bin, Dinge anzugehen, dass ich etwas bewirken kann. Und vielleicht sage ich dann bald ganz leise zu mir selbst: „Ich liebe mich – weil ich bin, wie ich bin, und weil ich mir vertraue, so dass ich auch so sein darf.“ Vielleicht gelingt es nicht immer, es ist ein Weg, der immer und immer wieder gegangen werden will – aber der Weg lohnt sich.

Tagesgedanken: Es allen recht machen

«Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.»

Dieses deutsche Sprichwort sagt aus, was einfach klingt und teilweise schwer in Praxis umzusetzen ist. Ich neige dazu, es allen recht machen zu wollen, traue mich dann nicht, meine Grenzen zu setzen, zu sagen: Bis hier und nicht weiter. Die Angst, anzustossen, ist gross, die Angst, nicht gemocht zu werden, überwiegt. Und tue ich es mal doch, passiert teilweise wirklich, was ich befürchte: Ich ernte Unverständnis, Ablehnung, fühle mich schlecht. Kann hier die Philosophie helfen? Ich meine, ich habe so viel gelesen in meinem Leben, sowohl im Osten wie im Westen habe ich wohl fast jeden philosophischen Stein umgedreht, der mir in die Hände fiel – und immer wieder viel Gutes, Wichtiges, Richtiges gelernt. Leider ist es nicht so, dass dies alles dann, einmal gelesen, auch schon im Leben realisiert ist. Aber: Es befindet sich in der hirn- und herzeigenen Werkzeugkiste, bereit, eingesetzt zu werden. 

Greifen wir mal in diese Werkzeugkiste und schauen wir zu Sokrates: Er stand ein für seine Überzeugungen. Er lebte sein Leben entgegen den landläufigen Gepflogenheiten, kümmerte sich statt um Geld und Ehre um die Ausbildung von Geist und Seele. Er wurde nicht müde, jeden, den er unterwegs traf, in ein Gespräch zu verwickeln, um ihm zu helfen, falsche Annahmen und Ziele loszulassen, sich nicht mehr um äusseren Reichtum, sondern um inneres Wachstum zu kümmern. 

«Schämst du dich nicht, für möglichste Füllung deines Geldbeutels zu sorgen und auf Ruhm und Ehre zu sinnen, aber um Einsicht, Wahrheit und möglichste Besserung deiner Seele kümmerst du dich nicht und machst dir darüber keine Sorge?»

Dass er damit nicht nur auf Zustimmung stiess, liegt auf der Hand, es kam so weit, dass er zum Tode verurteilt wurde, wenn er all das nicht unterliesse. Aber: Es war ihm ein zu grosses Anliegen, er wählte den Tod und machte bis zum letzten Atemzug weiter auf seinem Weg. 

Nun ist es in den heutigen Tagen bei den persönlichen Bedürfnissen und zu setzenden Grenzen selten eine Frage von Leben und Tod. Aber: Es kann durchaus passieren, dass wir mit dem einen oder anderen Bedürfnis oder Ansinnen nicht auf offene Ohren oder Zuneigung stossen. Es ist sicher auch nicht empfehlenswert, ohne Rücksicht auf Verluste alles durchzuzwängen, was man gerade will, aber es ist wichtig, hinzuhören, zu schauen: 

Was ist mir wichtig? Was brauche ich, um mein Leben als mir entsprechendes leben zu können?

Damit mag man nicht immer auf offene Ohren und Beifall stossen, das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass man selbst falsch liegt mit seinen Bedürfnissen und seinem Lebensentwurf. Es kann auch sein, dass man sich in einem falschen Umfeld befindet, dass dieses nicht zu einem passt, dass sich darin die falschen Menschen für eine enge Verbundenheit bewegen. Und das darf so sein. Frei nach meinem Lebensmotto:

„Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht jeden mögen.“

Und was für mich gilt, gilt auch für die anderen.

Tagesgedanken: Heimat

Was ist Heimat? Manchmal denke ich, Heimat erkennt man erst wirklich, wenn man keine (mehr) hat, erst aus der Ferne denkt man zurück an diesen Ort – oder sind es Menschen? Oder die Wohnung, das Haus? Ein Land? Während manche freiwillig losziehen, um die Welt zu erkunden, ihr Fernsein von der Heimat freiwillig und begrenzt ist, gibt es andere, die nicht anders können: Diese Menschen werden vertrieben, sie werden gezwungen, die Heimat zu verlassen, um in der Fremde das weitere Dasein zu bestreiten. 

Manche von ihnen haben Glück und sie landen an einem Ort, wo sie sich heimisch fühlen. Hannah Arendt ging es mit Amerika so, sie und Heinrich Blücher fanden sich schnell zurecht in diesem Land, sie integrierten sich und bauten ein neues Umfeld auf. Und doch sagte Hannah Arendt noch 1964 (gut dreissig Jahre nachdem sie Deutschland verlassen hatte):

»Genaugenommen war und bin ich, wohin ich auch kam, immer das Mädchen aus der Fremde gewesen, von dem ein Gedicht Schillers spricht – in Deutschland nur ein bißchen weniger fremd als in Amerika. Und hier wie da, am wenigsten noch im geliebten Italien, hat mich die Angst begleitet, ich könnte zuletzt mir selber verlorengehen«

Andere traf das Schicksal härter: Auch Mascha Kaleko war eine Heimatlose. Schon als Kind einige Male umgezogen, floh sie vor den Nazis nach Amerika, doch heimisch fühlte sie sich nie. Immerhin hatte sie ihren geliebten Mann, der ihr das gemeinsame Leben lang das Zuhause war:

«Zur Heimat erkor ich mir die Liebe…»

Der Verlust dieser Heimat ereilte sie mit seinem Tod.

Manche haben nicht mal diese Heimat: Else Lasker-Schüler suchte die Liebe ihr Leben lang vergeblich. Sie war als Vertriebene der Nazis weder an einem Ort noch bei einem Menschen zuhause. Selbst die imaginierte Herzensheimat Jerusalem stellte sich am Ende als Illusion heraus, so dass sie tief im Herzen halt- und heimatlos blieb:

«Meine Sehnsucht will nicht enden.»

War Ingeborg Bachmann glücklicher? Sie musste nie fliehen und scheint doch nie da gewesen zu sein, wo sie sich zuhause fühlte. Eine Suchende im Leben, im Schreiben, im Lieben, ohne je wirklich dauerhaft zu finden – vielleicht nicht einmal sich selbst ganz – und dann versiegten auch die poetischen Worte:

«Meine Gedichte sind mir abhanden gekommen.
Ich suche sie in allen Zimmerwinkeln.»

Was ist also Heimat? Wohl ein Gefühl ganz tief drin: Da gehöre ich hin. Vielleicht muss man sich das manchmal auch selbst erschaffen, wenn es nicht einfach gegeben ist? So oder so: Glücklich der, welcher es erleben darf.

Tagesgedanken: Verzeihen

«Wir sollten immer verzeihen, dem Reuigen um seinetwillen, dem Reulosen um unseretwillen.» (Marie Ebner-Eschenbach)

Wer ist nicht schon einmal verletzt worden und spürte diesen tiefen Stachel, der sich tief eingräbt. Noch einige Zeit später denkt man oft daran zurück, spürt wieder den Stich, fühlt den leisen Groll aufsteigen, dass jemand eine solche Macht hatte, einem das anzutun. Es sind teilweise nicht nur Gefühle und Gedanken, der Schmerz ist praktisch körperlich fühlbar – und er wirkt nach.

Oft entwickeln wir eine Haltung des «nie mehr»: Wir wollen eine solche Verletzung nie mehr erleben und verhalten uns in Zukunft dementsprechend. Dies passiert oft sogar unbewusst, indem wir Interpretationsmuster von Verhalten verinnerlicht haben, die aus der vergangenen Verletzung resultieren, welche verhindern sollen, dass eine solche Verletzung nochmals passiert. Dies ist sicherlich menschlich nachvollziehbar, birgt aber die Gefahr, dass wir nicht mehr im Moment sind, nicht mehr auf den wirklichen Menschen vor uns reagieren, sondern eigentlich noch immer auf den, welcher uns vor langer Zeit verletzt hat. Damit nehmen wir uns selbst und unserem Gegenüber die Möglichkeit einer wirklichen Begegnung. Wir bleiben verstrickt in alte Gefühle und daraus entwickelte Verhaltensmuster, welche zu einer Mauer geworden sind für eine wirkliche direkte Erfahrung.

Wir werden das vergangene Unrecht nicht ungeschehen machen können. So sehr wir auch damit hadern und teilweise lange unsere Wunden lecken: Es ist passiert und es ist tief gegangen. Trotzdem haben wir es in der Hand, wie wir damit umgehen. Wie viel Macht wollen wir dem Menschen, der uns so verletzt hat, über unser künftiges Leben geben? Indem wir immer und immer wieder damit hadern, andere Menschen ausbaden lassen, was uns passiert ist, und uns selbst damit die Möglichkeit einer offenen Begegnung nehmen, wirkt dieser Mensch noch immer weiter in unserem Leben – und wir lassen es zu.

Es gibt wohl nur ein Heilmittel dagegen: Verzeihen. Verzeihen heisst nicht vergessen. Verzeihen heisst, Frieden zu schliessen mit dem, was war. Gewisse Verletzungen wurden unabsichtlich begangen oder doch später bereut. Es fällt wohl leichter, diesen Menschen zu verzeihen, weil wir davon ausgehen, dass solches einerseits jedem passieren kann, und andererseits die Hoffnung besteht, dass es nie mehr passieren wird. Andere Verletzungen hingegen passierten in voller Absicht und aus Überzeugung. Da fällt es wohl schwerer. Wir können höchstens versuchen, zu verstehen, was in dem Menschen vorging, als er uns verletzte. Und wir können für uns Frieden finden, indem wir ihm nicht weiter Schuld zuschieben für sein Tun, sondern es hinter uns lassen. Nicht für ihn, er lebt mit seinem Sein und seinem Tun weiter, aber für uns – weil wir dies nicht weiter in unserem Leben haben wollen.  

Verzeihen heisst nicht, dass wir den Menschen, der uns etwas angetan hat, wieder in unser Leben lassen müssen. Vielleicht ist es besser, Abstand zu wahren. Verzeihen heisst, für sich selbst wieder zur Ruhe zu kommen, die bitteren Stachel aus den Wunden zu ziehen, diese heilen zu lassen, und damit die Möglichkeit zu schaffen, offen auf andere Menschen zuzugehen, ohne sie mit Mustern von alten Verletzungen von vornherein auf Abstand zu halten.

Tagesgedanken: Haben und Sein

Früher sprach man von der Dritten Welt. Darin steckt eine Hierarchie von Welten, von den Siegerländern und den Verlierern, von denen, die etwas haben, und denen, die nichts oder zu wenig haben. Es steckt eine Arroganz in dieser Zuschreibung, die dem Missstand der Armut zu einem Versagen in westlichen Massstäben erklärt. Diese Massstäbe greifen auch innerhalb unserer Gesellschaften: Die Schere zwischen arm und reich ist nicht nur eine finanzielle, es ist auch eine soziale, eine der Zugehörigkeit. Klasse ist nicht einfach eine Hierarchie, sondern auch ein Indikator dafür, wo man hingehört, welche Möglichkeiten man hat und mit welchen Diskriminierungen man konfrontiert ist. Das Haben entscheidet über das Sein.

Weltlauf

Hat man viel, so wird man bald
Noch viel mehr dazu bekommen.
Wer nur wenig hat, dem wird
Auch das wenige genommen.

Wenn du aber gar nichts hast,
Ach, so lasse dich begraben –
Denn ein Recht zum Leben, Lump,
Haben nur die etwas haben.

(Heinrich Heine)

Das Bild, man könne alles schaffen, wenn man sich nur anstrenge, ist noch in vielen Köpfen. Dieses Bild sorgt dafür, dass die, welche arm sind, oft mit Verachtung gestraft werden: Sie haben sich nicht genug angestrengt, sie sind selbst schuld an ihrem Schicksal. Das ist nicht nur eine stark vereinfachte Sicht auf die Welt, es ist auch eine ungerechte. Gründe für Armut können vielfältig sein. Krankheiten können eine Ursache sein, aber auch Alter, Herkunft, Geschlecht, familiäre Situation spielen eine grosse Rolle. Gerade aus diesem Grund wäre es dringend nötig, unsere sozialen Systeme zu überdenken und sie so anzupassen, dass kein Mensch aus dem sozialen Leben ausgeschlossen ist, weil er aus finanziellen Gründen nicht mehr daran teilhaben kann. Auch Bildung und Gesundheitsvorsorge hängen stark an der sozialen Klasse. Zu beiden sollte ein gleichberechtigter Zugang für alle geschaffen werden. 

Noch immer sind es mehrheitlich Frauen, die unter all dem leiden. Sie leisten mehr unentgeltliche Haushalts- und Betreuungsarbeit, sie werden schlechter entlöhnt (aus diversen Gründen, die im Detail klar zu definieren sind), sie erhalten weniger Rente (mehrheitlich aus den vorher genannten Gründen). Das geht alle an, nicht nur die Betroffenen. 

„Ich denke nicht, dass wir Zustände der Ungleichheit und Ungerechtigkeit ändern, wenn sie immer nur von denen kritisiert werden dürfen, die darunter am meisten zu leiden haben. Unrecht muss von allen, von jede rund jedem, kritisiert werden, ganz gleich, ob es einen selbst oder die eigene Familie bevorteilt oder nicht.“ (Carolin Emcke)

Eigentlich geht es nicht um Mann oder Frau, es geht darum, dass wir in einem System leben, das nicht gerecht ist. Nur wirkt sich dieses System aktuell mehrheitlich auf Frauen aus, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte unterdrückt und ausgebeutet wurden und heute noch werden. Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der keiner unterdrückt oder ausgebeutet wird, egal, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, Herkunft, Religion oder andere zum Ausschluss qualifizierende Eigenschaft er hat.

Tagesgedanken: Scheinkämpfe

Ich bin müde. So viele Missstände in der Welt, es gäbe viel zu tun. Und immer höre ich: Ach, das ändert sich nie. Ach, deine Gedanken sind doch Utopien. Gerechtigkeit? Abschaffung von Armut? Träum weiter. Und ja, ich wünsche mir, dass aus den Träumen Realität wird. Für alle. Und höre die Stimme: «Bist du eine Philosophin…»

Ich bin müde. Bei Diskussionen um den Feminismus höre ich oft, den brauche es nicht, Männer seien auch Arme, alle Fragen beträfen nicht nur Frauen. Das ist wohl wahr und ich bin überzeugt, dass die feministischen Ziele allen dienen würde. Ich solle es Humanismus nennen, wenn es alle beträfe. Aber das würde die jahrzehntelange Unterdrückung von Frauen ausblenden, die es anzugehen gilt. Es würde ausblenden, dass Frauen mehrheitlich betroffen sind bei Ungleichheiten. Das Ziel des Feminismus ist es, diese zu beseitigen, damit alle in einer Welt leben können, in welcher sie als die, welche sie sind, gleiche Chancen, Möglichkeiten und Rechte haben, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, Sexualität, etc. 

Das Argument, dass im Begriff «Feminismus» die Frau drinstecke, kommt oft gleich hinterher als Erklärung, wieso dieser nicht taugt. Und oft kommt er von denselben, welche die gendergerechte Sprache belächeln, finden, bei der männlichen Form sei die Frau mitgedacht, das müsse reichen. Wieso ist es dann ein Unding, beim Feminismus den Mann mitzudenken?

Ich verstehe das alles nicht. Ich verstehe nicht, wieso man gegen Begriffe kämpft, wieso man Unterdrückung schönreden will. Ich verstehe nicht, wieso man so viel Energie in Scheinkämpfe legen, wieso man sich für Träume rechtfertigen muss. Und manchmal denke ich: Ach, lass es doch sein, Sandra, vielleicht haben sie alle recht und du bist schlicht eine idealistische, verblendete Philosophin, die sich in überflüssigen Gebieten bewegt. Und dann schaue ich auf die Welt und denke: Nein!

Vielleicht hatte Rilke recht, als er sagte:

„Du musst das Leben nicht verstehen, 
dann wird es werden wie ein Fest.“

Tagesgedanken: Freiheit gibt es nur zu zweit

Während der Coronazeit hörte man immer wieder Stimmen, die über ihre verlorene Freiheit klagten aufgrund der verordneten Massnahmen. Es wurde sogar geunkt, man lebe nicht mehr in einer Demokratie, sondern in einer Diktatur. So verfehlt beide Ansichten in meinen Augen auch sind, so zeigen sie doch zwei Dinge: Den Wert, den wir Freiheit zuschreiben, und das falsche Verständnis, das wir oft davon haben. Freiheit wird oft verstanden als „Freiheit von..“ – die Liste hier ist lang und willkürlich, denn sie beinhaltet alles, was wir individuell nicht wollen. Freiheit so gesehen bezieht sich auf den Menschen als Einzelnen. Doch sind wir wirklich frei auf diese Weise, sind wir nicht nur alleine? 

Von Simone de Beauvoir gibt es das schöne Zitat:

„Moralisch und frei sein zu wollen, sind ein und dieselbe Entscheidung.“

Freiheit so verstanden verweist auf den Umstand, dass wir nicht allein auf dieser Welt sind, sondern immer eingebettet in ein soziales Umfeld – das wir auch brauchen, um zu überleben. Freiheit kann also nicht vom Einzelnen aus gedacht werden, sondern ergibt sich aus dem Miteinander der Verschiedenen. Freiheit büssen wir nicht ein, wenn wir uns auch mal zurücknehmen müssen für das Wohl aller, wir büssen sie ein, wenn in einer Beziehung/Gesellschaft Unterdrückung und diskriminierende Machtverhältnisse vorherrschen. Wir büssen sie dann ein, wenn nur einige sprechen und viele schweigen müssen. Genau da könnten wir nach Gloria Steinem ansetzen:

„Einer der einfachsten Wege hin zu wirklicher Veränderung ist, wenn die weniger Mächtigen so viel sprechen, wie sie zuhören, und die Mächtigeren so viel zuhören, wie sie sprechen.“

Lasst uns im Gespräch bleiben.