5 Inspirationen – Woche 17

Diese Woche durften hier die Terrassen der Restaurants wieder öffnen. Das Wetter spielte mit und es war, wann immer ich vorbeifuhr, alles voll, Lebensfreude sprudelte regelrecht von den Tischen. Das unbeschwerte Miteinander ist wohl für viele das, was wirklich fehlt. Ich bin dankbar, konnte ich das diese Woche dreimal im privaten Rahmen geniessen. Der persönliche Austausch, das Hinaustreten aus dem eigenen Denk-Universum und das Erleben von Freundschaften, von Austausch, von Miteinander ist auch für einen eher introvertierten Menschen wie mich immer wieder wertvoll.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Im Zusammenhang mit einem der drei oben genannten Treffen erreichte mich dieses Zitat von Viktor Frankl, den ich schon lange thematisch studiere und als gedanklich wertvoll erachte:

„Wir sind nicht verantwortlich für die Zeit, in der wir leben, aber wir sind verantwortlich dafür, wieweit wir diese Zeitströmungen mitprägen oder ihnen auch gegenhalten.“

Wir können die Zeiten nicht ändern, in denen wir leben, wir können auch gewisse Einflüsse von aussen nicht ändern, aber wir können doch bestimmen, wofür wir in unserem eigenen Leben verantwortlich sein wollen. Wir können Grenzen setzen für uns persönlich (nicht für die ganze Welt und missionarisch), müssen aber dann bereit sein, den Preis zu zahlen. Ich wünsche mir manchmal ein beherzteres «Nein» zu Dingen, die mir wirklich widersprechen. Aber: Das liegt dann allein in meiner Macht. Ich muss ja nicht jeden Trend mitmachen, muss nicht jeder Mode entsprechen, muss auch nicht mit dem Mainstream schwimmen – aber es wird etwas mit sich bringen.

  • Ich hörte einen Podcast. Ich habe überhaupt keine Lehre draus gezogen. Wobei. Das stimmt nicht, wohl ganz viele. Aber hauptsächlich war ich unterhalten, habe laut gelacht, war begeistert, die Zeit flog förmlich beim Hören. Das allein ist schon so wertvoll. Ich kann ihn nur ans Herz legen: Der Podcast vom Spiegel mit Joachim Meyerhoff. Hinsetzen, reinhören, geniessen. Danach ist alle schlechte Laune verflogen – und ja… so ein paar Gedanken zu sich selber macht man sich durchaus auch. 
  • Ich schaute am Wochenende die Regenprognosen an: Nur Regen… über Tage. Grau in Grau. Und ich fand das keine wirklich erbauliche Aussicht. Am Montag war der Tag dann doch etas sonnig, der Regen blieb aus, am Dienstag ebenso. Am Mittwoch hiess es, er käme, kam aber nicht, am Donnerstag war er dann da… die weiteren Prognosen verheissen immer noch nichts Gutes. Was mich daran inspiriert? Oft wird alles nicht so schlimm, wie es scheint, und: Ich mag das leise Prasseln am Fenster irgendwie auch. Sicher nicht über Tage, aber so im Moment ist es durchaus schön.
  • Vor ungefähr vier Jahren gab es einen grossen Bruch in meinem Leben – alles, was mal war, brach weg…Vor etwa drei Jahren trat ich in ein ziemlich neues Leben ein. Ich hatte wunderbares Neues gefunden, manche Dinge mit viel Schmerz und Tränen verloren, einiges suchte ich. Und ich musste mich in diesem Neuen einrichten und ich war unsicher. Und wenn ich heute zurück blicke, sehe ich ganz viel Schönes, sehe eine Veränderung auch bei mir selber, sehe, dass ich an all den Herausforderungen gewachsen bin. Ich habe seit Jahren, Jahrzehnten schon ein Lebensmotto, das ich einer Gedichtzeile von Rainer Maria Rilke entnahm:

«Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen…»

Ich nehme aus allem etwas mit, auch aus dem Schweren. Und ich wachse daran. Und nur so geht es weiter.

  • Ich sitze ganz oft am Donnerstag da und denke an meinen Vorsatz, jeden Freitag fünf Dinge zu haben, die mich in der Woche inspirierten. Anfangs hatte ich alle beisammen, das nahm dann ab, in letzter Zeit habe ich am Donnerstag wenig bis nichts. Und jedes Mal denke ich, es dieses Mal nicht zu schaffen. Und dann setze ich mich doch hin und überlege. Ich lasse die Woche Revue passieren und eines nach dem anderen stellt sich ein. Und ich habe gemerkt, dass mir auch dieser Prozess wirklich gut tut, weil ich mir nochmals bewusst vor Augen führe, was ich alles Wunderbares hatte diese Woche. Es wäre sonst einfach verpufft. So freute ich mich nochmals drüber. Vielleicht sollten wir das öfters tun: Wenn wir denken, dass die Zeit sinn- und nutzlos verstrichen ist, einfach mal zurückschauen. Hinschauen. Und merken, dass da ganz viele Dinge waren, die schön waren, bereichernd, sinnstiftend. (Und wer weiss… vielleicht gibt es irgendwann einen Freitag, an welchem nichts mehr kommt… aber das dürfte dann nach so vielen bereichernden Wochen auch mal sein. Irgendwie)

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Corona, Gedanken und eine Utopie

Ich bin ein Mensch, der schnell zu viel hat. Zu viel Lärm, zu viele Termine, zu viel Müssen, zu viel von aussen, zu viel Einfluss, zu viel Druck. Vieles von all dem mache ich selber, vieles kommt einfach. Durch die Welt, wie sie ist. Ich suchte mir mein Leben lang Nischen und entzog mich. Das klappte mehrheitlich gut. Das Unverständnis ebenso. 
Es passt nicht in unsere Welt, gerne allein zu sein. In unserer Welt muss man präsent sein, man muss sich zeigen, man muss dabei sein, man braucht Termine, man stellt was dar. In unserer Welt repräsentiert man, fügt sich in Schubladen ein, ist nur genehm, wenn man darin Platz findet. In unserer Welt leistet man, und zwar immer das, was an Leistung gefordert ist aktuell. In unserer Welt ist man, wie man ist, weil man eben so ist und zu sein hat. Wie könnte man nur anders sein?

Und ja in unserer Welt ist man sehr tolerant, man spricht über alles und das soll so sein dürfen. Nur wenn jemand spricht, wie man das nicht möchte, dann grenzt man ihn aus. Das fällt in unserer Welt ja auch so leicht: Ein Klilck, er ist weg. Unsere Welt ist geprägt. Von genau dem. Von diesem Leben in einer pluralistischen und liberalen Gesellschaft, das man sich gross auf die Fahnen schreibt, von dem aber wenig zu spüren ist, da schlussendlich doch nur ein kleiner Teil des Pluralismus genehm und nur ein noch kleinerer Teil vom Liberalismus gedeckt ist. Über den Rest diskutieren wir bevorzugt nicht. 

Und nun sitzen wir in diesem Lockdown. Und mir ist es – um es in meiner Sprache zu sagen – vögeliwohl. Ich bin wohl der Profituer eines Umstandes, den ich mir in meinen wildesten Träumen nie gewünscht hätte. NIcht mal geträumt. Nein, schlicht nicht gewollt. Was aber wertvoll ist: Ich muss nirgends hin. Ich darf nicht. Keiner fragt mich, wieso ich nicht will. Es ist klar: Ich kann nicht. Endlich ist die Ruhe da, die mir gut tut. Endlich darf ich so leben, wie es für mich passt, ohne schräg angeschaut zu werden. Endlich bin ich kein Exot, sondern halt einfach so wie alle anderen. Etwas, das ich nicht kenne. Endlich muss ich mich nicht rechtfertigen – auf Arten und Weisen, die dann doch keiner versteht. 
Und langsam kommt die Angst auf: Es wird ein Nachher geben. Kommt dann alles doppelt und dreifach zurück? Was kommt auf mich zu? Kann ich dem bestehen? Was, wenn nicht? Was mir auffällt ist, dass sich meine schon vorher so ausgeprägten Züge nach Rückzug nicht nur gestillt, sondern verstärkt haben. Was vorher noch mal so ging, ist in der Vorstellung nun schon viel. Ich komme mehr als gut klar mit dem Rückzug (auch wenn sogar mir das Eine oder Andere durchaus fehlt), aber ich merke eine immer grössere Angst, dass ich mit einer Umkehr Mühe haben würde. 

Wird nachher mehr Verständnis da sein? Ich denke, dass eher das Gegenteil der Fall sein wird. Jeder, der Mühe hatte, wird umso mehr darauf bedacht sein, einen Zustand hinzukriegen, der all dem entgegen wirkt. Er wird kompensieren wollen. 

Noch ist es nicht so weit. Und noch behalte ich die Hoffnung, dass diese Zeit, die trotz allem nicht einfach ist und war, etwas bewirkt hat in den Köpfen. Und ich wünsche mir, dass wir mit mehr Miteinander daraus hervor gehen. Vielleicht ist das eine Utopie. Nur: Schon ganz viele Staatsphilosophien gründeten auf Utopien, die Amerikanische Verfassung war eine, um nur ein Beispiel zu nennen… und vieles konnte umgesetzt werden. Wieso nicht auch das?

5 Inspirationen – Woche 12

Diese Woche hat der Frühling leise an die Tür geklopft. Nun hoffe ich, dass er bleibt, dass die Tage hier schön werden. Ich habe diese Woche viel gelesen, recherchiert, Pläne geschmiedet, war aber auch oft einfach sehr müde – die Erschöpfung begleitet mich nun doch schon eine Weile und es wäre schön, wenn ich sie mit dem Winter ablegen könnte.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ich hörte den Podcast „Doppepunkt“ von Radio 1, Roger Schawinski im Gespräch mit Martin Suter. Die Themen waren vielfältig, sie reichten vom Menschen Martin Suter über dessen Lebensstationen in anderen Ländern, sein Schreiben sowie auch seinen Lebensstil und weitere Gedanken zum Leben. Ein Punkt, den ich (neben anderen) für mich mitnehme, ist Martin Suters Abneigung gegen den Spruch (und die Haltung dahinter) „Geiz ist geil“. Wieso? „Wenn ich etwas für weniger kaufen kann, als es kosten müsste, kommt irgendwo jemand zu kurz.“

Wie wahr. Und meist sind das die schwächsten Glieder in der Kette der Gesellschaft. Bewusstes Einkaufen wäre ein erster Schritt hin zu einer bewussteren Konsumkultur, welche so viel hinter sich trägt. Und jeder kann ihn für sich tun.

  • Diese Woche bin ich über das Zitat von Robert Musil gestolpert:

„Was bleibt von der Kunst? Wir als Veränderte bleiben.“

  • Ich bin der Überzeugung, dass es für jede Lebenslage ein passendes Gedicht gibt. Aus diesem Grund habe ich vor einigen Jahren eine lyrische Hausapotheke begonnen, in welche ich Gedichte stellte, die zu einzelnen Lebenslagen passen. Ich denke aber, das gibt es auch bei Romanen. Bücher verändern uns. Wir haben nach einem Buch etwas dazu gelernt, das wir vorher noch nicht wussten. Robert Musil hat das in seinem Zitat schön ausgedrückt.
  • Manchmal merke ich schlagartig, dass schon wieder Donnerstag ist, was bedeutet, dass der Freitag vor der Tür steht und mit ihm meine fünf Inspirationen der Woche stehen müssten. Und dann sitze ich da und frage mich. Und ja, es gab so viel, das inspiriert hat: Der Blick eines Menschen, ein kurzes Gespräch mit der Frau an der Kasse beim Einkauf, ein Buchstabe, ein Graffiti unterwegs, eine Blume, die mich erfreute, die Sonne, die unter- oder wieder aufging. Oft ist es schlicht der ganz normale Alltag, der mich inspiriert. Man muss nur hinschauen.
  • Ich suchte ein Lied von Etta James, weil ich es irgendwo gehört hatte und ihre Lieder früher so geliebt habe. Dabei stiess ich auf diese Playllist auf Spotify: A Sunday Kind of Love Radio Einfach mal wieder da sitzen, zuhören, mitschwingen…. Musik war mir im Leben immer wichtig. In letzter Zeit wurde es weniger… ich hoffe, das kommt wieder mehr.
  • Eine Mücke flog mir um den Kopf. Rundherum und immer wieder, sass kurz ab, kitzelte, flog weiter. Ich habe ihr natürlich was zu Essen und zu Trinken offeriert und mit ihr angestossen – oder so… aber für mich war es ein Zeichen für den nahenden Frühling. Und nur schon der Gedanke an mehr Sonne, Wärme, Farben hat mich froh gemacht. Und im Hintergrund singt Nat King Cole „Unforgettable“ im Andenken an die kleine Mücke… so schliesst sich der Kreis der heutigen Inspirationen.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

5 Inspirationen – Woche 11

Noch immer ist es ungewiss, wie alles weiter geht, noch immer scheint die Welt in einem Ausnahmezustand, der irgendwie doch langsam auch so etwas wie normal wird… und noch immer hört man Stimmen, die sich das alte Normal wieder wünschen. Und mir stellt sich ein wenig die Frage, was genau eigentlich „normal“ bedeutet. Nicht immer das, was man sich als Einzelner oder Gesellschaft eigentlich wünscht? Die Frage ist dann: Wie einheitlich ist das? Ich habe keine Ahnung, ich frage nur, bin dabei sehr dankbar, dass ich auch jetzt tun kann, was ich tue. Und ja, mir kommt aktuell mein Naturell als Leseratte und zurückgezogener Schreibtischarbeiter wohl entgegen.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Der Podcast „Eins zu Eins. Der Talk“ mit Brigitte Riebe hat mich diese Woche begeistert. Besprochen werden Themen wie die Kriegs- und Nachkriegszeit, das Schreiben unter Pseudonymen, und Bücher, die zum passenden Leser finden.
  • Einmal mehr hat mich dir Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Autobiografie „Mein Leben“ sehr beeindruckt. Die Lebensgeschichte zeigt die Gräuel unserer Vergangenheit und der Verbrechen an den Juden auf, seine Liebe zur Kultur und zur Literatur dringt aus jeder Szene, jedem Buchstaben. Ich kann sowohl das Buch wie auch den Film sehr empfehlen, was oft nicht so ist, enttäuscht doch die Verfilmung eines geliebten Buches häufig. Was Marcel Reich-Ranicki selber zu der Verfilmung dachte, findet man HIER
  • Der Film „Mut zum Leben“ hat mich sehr berührt, bewegt, zum Nachdenken gebracht. Überlebende des Holocaust kamen zu Wort, Menschen, die in Auschwitz waren und die wohl schlimmsten Gräuel erleben mussten, die man sich vorstellen kann, denen man alles nahm: Familie, Freunde, Hab und Gut. Menschen, denen man die Menschenwürde wegnehmen wollte, die sie aber doch bewahrten, sogar im Kleinsten. Menschen, die überlebten und sich nicht als Opfer der Geschichte sahen (die sie durchaus waren), sondern hin standen und sich nicht kleinkriegen liessen. Die sagten, dass dieses Überleben ein Leben sein soll, das sie in den Händen haben und welche die Chance nutzen wollten. Ich wünsche uns allen ein wenig von diesem Mut. Der Film liess mich mit ganz viel Dankbarkeit für das, was ich habe, zurück.
  • Ich las im Netz von einem eigentlich gebildeten, durchaus intelligenten Menschen den Begriff „Coronanazis“. Ich habe mich in meinem ganzen Studium, sehr intensiv während meiner Dissertation mit der Zeit des Nationalsozialismus, mit dem Holocaust, mit dem Regime der Nazis beschäftigt und damit, was diese Zeit den Opfern antat. Corona mag eine Herausforderung sein, das teilweise hilflose Versuchen, damit umzugehen auf politischer Ebene mag unbefriedigend sein, Verbote und Gebote mögen einschneidend und teilweise zumindest im finanziellen, sicher aber auch im psychischen Bereich mögen ans Lebendige gehen. Und doch würde ich mir wünschen, wenn wir die Relationen bewahren würden, wenn wir den Sprachgebracht prüfen und sehen würden, wo wir wirklich stehen mit all dem. Ich schaue im Moment gerade den Vierteiler „Holocaust“. Die fiktive (aber durchaus realistische) Geschichte der Familie Weiss. Ich würde jedem, der die heutige Politik mit damals vergleichen will, diese ans Herz legen. Wer es noch realistischer mag, soll Claude Lanzmanns Dokumentation „Shoah“ empfohlen… Es gibt zudem sehr viele Bücher von Zeugnissen Überlebenden. Bei Interesse gebe ich gerne Tipps.
  • Friedrich Hölderlin schrieb einst:
    „Glaube und Liebe und Hoffnung sollen nie aus meinem Herzen weichen. Dann gehe ich, wohin es soll, und werde gewiß am Ende sagen: „Ich habe gelebt.“ Und wenn es kein Stolz und keine Täuschung ist, so darf ich wohl sagen, daß ich in jenen Stunden nach und nach, durch die Prüfungen meines Lebens, fester und sicherer geworden bin.“
    Das wünsche ich uns allen. Hölderlin würde übrigens am 20. März 2021 251 Jahre alt. Vielleicht ein schöner Anlass, ein wenig in seinen Gedichten zu stöbern. Sein Porträt erscheint dann auf meinem Blog,

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Emanzipation? Es ist noch ein weiter Weg!

Diese Woche schaute ich eine Sendung im Fernsehen, in welcher es um Schönheitsoperationen im Intimbereich von Frauen ging. Ich sah mich mit Gedanken konfrontiert, die ich selber noch nie gehabt hatte. Und ich fragte mich:

Wieso stellt man sich hin, verbiegt sich mit Spiegel, um dann etwas an sich zu finden, das zu optimieren wäre.

Die Aussage, man täte das für sich selber, konnte ich irgendwie nicht gelten lassen, denn: So ich für mich (und ich bin ja nicht ganz unbeweglich) seh das selten und denke: Nein, das geht gar nicht, da muss ich was tun. Das denke ich nicht mal bei meinem Gesicht und das sehe ich täglich… es entspricht nun nicht den gängigen Modelidealen von landläufigen Sendungen, dazu hat es schon zu viel gesehen und durchstanden – sei es nur an Jahren.

Und dann fielen mir in den Sozialen Medien immer wieder Fotos von – in meinen Augen – wirklich schönen Frauen auf, welche so weichgezeichnet waren, dass alles leicht verschwommen, aber sicher kein Fältchen mehr zu sehen war. Das war wohl der Anspruch. Und ich ertappte mich dabei zu denken:

Wie schade. Das ganze Leben aus dem Gesicht gewischt.

Wieso? Und ja, ich kenne mich zu gut aus bei Fotoprogrammen, um es nicht zu sehen

Wir stehen hin und wollen für die Emanzipation kämpfen, schaffen es aber nicht mal selber, zu uns zu stehen und uns so, wie wir sind, als schön und wertvoll zu erachten. Wir müssen uns selber zuerst optimieren, dass es passt.
Wir haben einen weiten Weg vor uns. Und er wird bei uns selber anfangen müssen. Jetzt. Denn:

Wenn nicht jetzt, wann dann??

5 Inspirationen – Woche 5

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert? Fast hätte ich es verpasst, ich wusste zwar irgendwie immer mal wieder, dass Freitag ist, aber ich war in diversen Gedanken und Aufgaben gefangen… bis es gerade eben ausploppte… die Inspirationen. Ich sammle sie zum Glück durch die Woche, hier sind sie:

  • Der Artikel „Wieso du darüber schreiben solltest, was du liest“ hat mich diese Woche dazu angeregt, selber eine Liste meiner Bücher, die ich 2021 lese, zu machen. Ich schreibe zwar schon über die einzelnen Bücher und mache das auch gerne, da es mich dazu anregt, das Buch nochmals für mich vor Augen zu führen, aber ich finde die Idee, alle Bücher mal aufgelistet zu sehen, um meine Lesereise zu sehen, schön. Hier findet ihr die Seite, wo ich das fortan tun werde: Bücher 2021
  • Der Podcast „Gin and Talk“ mit Doris Dörrie hat mich diese Woche inspiriert. Wer mich ein wenig kennt, weiss wohl mittlerweile, dass ich diese Frau generell sehr spannend, inspirierend und toll finde in ihrer frischen, humorvollen, mitreissenden Art. Ein Stelle aus dem Podcast hat mich speziell angesprochen: Doris Dörrie braucht immer wieder Momente, in denen sie einfach da liegt und nichts tut. Ohne diese gehe es auch nicht mit dem Schreiben, mit der Inspiration. Und oft denke sie dann, sie sei faul. Dass sie das nicht ist, darauf deuten doch 26 Bücher und 33 Filme, die sie bis heute auf die Beine gestellt hat. Mir zeigt das, dass ich mir durchaus auch mal ruhige Momente gönnen darf. ich fühle mich oft wie unter Strom, denke immer noch zu wenig gemacht zu haben. Nicht umsonst heisst es wohl „In der Ruhe liegt die Kraft“.
  • Noch ein weiterer Podcast hat mich diese Woche inspiriert: Ildiko von Kürthis „Frauenstimmen“ mit Maria Furtwängler. Es ging um Themen wie den eigenen Umgang mit Erwartungen anderer, um die Tendenz, den Schwerpunkt auf Schwächen zu legen, die man ausmerzen will, statt die eigenen (und die anderer Menschen) Stärken zu fördern sowie auch um Maria Furtwänglers Engagement für den Feminismus, für eine Welt, in der Menschen gleichberechtigt miteinander leben können. Für diese Belange setzt sich ihre Malisa Stiftung ein https://malisastiftung.org/Für mich nahm ich zwei Dinge mit: Dass gerade wir Frauen, die ian vielen Belangen das Privileg haben, uns für eine gleichberechtigtes Leben für uns selber einzusetzen, in der Pflicht sind, solidarisch zu sein und denen eine Stimme zu geben, die das nicht können. Das zweite war Maria Furtwänglers Erzählung, wie sie früher immer als kühle Blonde betitelt wurde, was sie immer bestreiten wollte, bis sie merkte, dass sie anderen nicht die Sicht nehmen kann, die sie von einem haben wollen. Jeder Versuch dazu ist verlorene Energie.
  • Das Buch von Anselm Grün: Das kleine Buch vom guten Leben
    Eigentlich hängt ganz viel von uns selber ab: Worauf richten wir unser Augenmerk? Wie verhalten wir uns zu dem, was passiert? Wir können nicht alles ändern, aber wir können entscheiden, wie wir dazu stehen. Das fällt nicht immer leicht, oft sind wir zu geprägt, sitzen unbewussten Mustern auf. Aber es gibt kleine Mittel, es gibt Werte, die wir uns auf die Fahne schreiben können. Und vielleicht wird das Leben etwas bunter: Was ist gut aktuell? Gibt es etwas, wofür ich dankbar sein kann? Was macht mir Freude? Kann ich mehr davon in mein Leben bringen? Bin ich grosszügig? Liebe ich? Das Buch ist ein Kleinod – ich kann es nur empfehlen.
  • Eine Dokumentation im Schweizer Fernsehen. Die gesellschaftliche Schere zwischen arm und reich. Und ja, sie stimmte nachdenklich. Die Schweiz ist ein reiches Land im internationalen Vergleich. Und doch gibt es Familien, die am Ende des Monats für Tage kein Geld mehr haben. Trotz drei Jobs. Ich habe vor einiger Zeit das „Handbuch Armut Schweiz“ der Caritas lektoriert und kannte viele Studien und Zahlen. Auch die gefährdeten Gruppen, zu der ich durchaus gehöre. Ich hörte heute einen Podcast mit Ferdinand Schirach, der sich um Recht und Gerechtigkeit drehte. Und – es ist nicht neu – das ist nicht dasselbe. Nach unserem Recht sollte für alle gesorgt sein. In Tat und Wahrheit fallen Menschen durch die Maschen – aus verschiedenen Gründen. Was wäre gerecht? Mir kam ein privates Netz in den Sinn. Aus Dankbarkeit etwas zurückgeben. Im Wissen, es verdient zu haben als Mensch, etwas annehmen dürfen.
    Ich möchte den Staat nicht abschaffen, er ist gut und wichtig und er muss das Allgemeine regeln, alles andere wäre nicht machbar. Er differenziert schon so gut es geht. Bietet ein mögliches Höchstmass an Sicherheit. Den Rest müssten wohl Menschen machen. Eine Utopie? Vielleicht.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Von orangen Füssen und Käse

Orange erinnert mich an Käsefüsse. Nicht ein klein wenig riechende Füsse, sondern so richtig nach überreifem Käse, der so leicht vor sich hinmodert, stinkende. Verglichen mit einem Ton, wären sie der laute, anhaltende Schrei, welcher die Umgebung bis in die Tiefen erschüttert, wie durch Lautsprecher verstärkt, dröhnen sie und lassen alles erschauern.

Orange Käsefüsse sind keine drahtigen, knochigen Füsse, sondern richtig weichmütige, solche, in die man den Finger bohren kann und es bleibt noch lange eine Kuhle. Nur dass keiner einen Finger in solche stinkenden Füsse stecken möchte, aber das ist egal, würde es einer tun, wäre es genau so.

Ich mag keine Füsse. Ich finde Füsse eklig. Sie müssen nicht mal stinken, um eklig zu sein, es reicht schon, dass es Füsse sind. Füsse sind das am weitesten vom Kopf entfernten. Vielleicht bin ich zu stark Kopfmensch und die Füsse sind mir durch ihre Distanz zu fremd. Als Menschen neigen wir ja dazu, das uns Fremde zu verurteilen, zumindest verdächtig zu finden. Was so weit weg von uns ist, kann und ja nicht geheuer sein. Da kommt der Geruch solcher orangen Stinkefüsse gerade recht, bestätigt er doch die vorgefertigte Meinung von ekligen Füssen.

Komisch ist, dass ich Käse mag. Ich mag vor allem den rezenten Käse, den, der ein bisschen stinkt. Kinder sind da mehr geradeheraus und finden nicht, dass er ein bisschen stinkt, sondern dass er bestialisch stinkt und man ihn nicht unter der Nase durchbrächte, ohne einen üblen Brechreiz zu provozieren. Das verstehe ich nicht. Sie finden dann, der stinke wie Käsefüsse, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, finde ich Käsefüsse doch übelst, den Käse aber eine Delikatesse.
Es ist eine verkehrte Welt!

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Für die abc.etüden, Woche 05/21 – dieses Mal Extraetüden: 5 Begriffe in maximal 500 Wörtern. Die Wortspende für die Textwoche 05.21 kommt von Ludwig Zeidler und Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7

Verwendete Worte für die Extraetüden: orange, weichmütig, backen, Lautsprechererschüttern.

Der Originalpost: Schreibeinladung für die Textwoche 05/21

Warum ich schreibe

Ich will in Worte fassen, was in mir ist, will erzählen, was mich interessiert, beschäftigt, zum Nachdenken anregt. Ich möchte mit-teilen, was ich sehe, höre, lese, weil ich denke, dass dieses Teilen und Mitteilen eine Verbindung schafft aus meinem Innern in Aussen, eine Verbindung, die über Grenzen hinweg möglich ist. Ich möchte rauslassen, was in mir ist und manchmal gehe ich es schreibend auch erst suchen und finde es so.

Durch das Schreiben lerne ich. Ich lerne etwas über mich und die Welt, ich lerne, wie es ist, sich etwas zu verschreiben und vor allem lerne ich auch immer wieder, im Hier und Jetzt und mit einer Sache befasst zu sein. 

Ich geniesse den Moment des Schreibens durch das Fliessen, das sich einstellt. In mir und aus mir heraus. Es ist, als ob eine direkte Leitung von tief in mir drin in meine Finger besteht. Doch wo fängt sie an? Im Kopf? Meist ist es kein bewusstes Denken mehr, das fand vielleicht vorher statt. Dinge setzten sich über die Zeit fest, formten sich zu Ideen, wurden meine Gedanken und fliessen dann irgendwann aus den Fingern. Es entsteht etwas Neues aus mir heraus und ich sitze da und freue mich während des Schreibens an diesem Entstehen.

Natürlich gibt es auch zielgerichteteres Schreiben, zum Beispiel bei Artikeln und Büchern, bei denen ich durchaus strukturierter vorgehe. Aber das ist wohl nur vordergründig und im Groben so. Wenn die Struktur mal steht, funktioniert das Schreiben wieder gleich. Lange passiert nichts, die Speicher füllen sich durch ganz viel Aufgenommenes, fast schon Aufgesogenes, Gesammeltes, Versammeltes, schon Vorhandenes, noch neu Hinzukommendes. Und aus diesem Speicher fliesst es plötzlich wieder – meist in einem Guss.

Diese Freude, diese Leidenschaft, die darin steckt und dabei immer wieder ans Tageslicht kommt, möchte ich nicht missen.

Ich sehe überall Geschichten. Ich beobachte Menschen, laufe durch Einkaufsläden, sitze in Cafés und sie liegen vor mir und warten nur darauf, aufgeschrieben zu werden. Vielleicht liegen sie aber auch in mir und werden durch das, was um mich ist, geweckt? Ich weiss es nicht.

Wenn ich aus Impulsen heraus einfach schreibe, fliessen die Buchstaben aus mir heraus. Das fühlt sich für mich stimmig und richtig und wichtig an. Sobald ich anfange, die ganze Sache zu vergeistigen, planen will, mir selber Vorgaben machen möchte, stockt der Fluss und die Tinte trocknet vor dem leeren Papier ein.

Wenn ich nicht schreibe, bin ich nicht ich. Dann fehlt mir der Boden, auf dem ich stehen kann. Indem ich mit dem Schreiben neue Welten schaffe, stehe ich fester und sicherer in meiner. Vielleicht, weil sie mir durch das Schreiben immer wieder erfahrbarer, klarer und präsenter erscheint.

5 Inspirationen – Woche 2

Während ich das hier schreibe, schneit es draussen ohne Unterlass, Romanshorn versinkt im Schnee. Während ich Winter eigentlich nicht so gerne mag, freut sich mein kleiner Hund so sehr über diesen Schnee, dass ich gar nicht anders kann, als mich auch zu freuen. Am liebsten aber sitze ich drin und lese, ab und an einen Blick über die Schneelandschaft streifen lassend.

Was ist mir diese Woche begegnet, hat mich diese Woche inspiriert?

  • Ein Podcast, der mich sehr beeindruckte, war der Podcast Hotel Matze mit Martin Suter. Martin Suter, bekannter Schweizer Autor von Büchern wie „Lila, Lila“, „Die dunkle Seite des Mondes“ und vielen mehr spricht mit Matze Hielscher übers Schreiben, über die Gründe hinter seinem Schreiben, über seinen Werdegang und vieles mehr. Beim Hören sieht man das schelmische Grinsen des Autors förmlich vor sich, das Interview war eine wahre Freude und ich habe auch den einen oder anderen Gedanken für mich mitgenommen.
  • Man könnte meinen, es sei unpassend bei diesem Wetter ein Buch mit dem Titel „Das Buch eines Sommers“ (Bas Kast, hier die Rezension) zu lesen – aber: Weit gefehlt. Das Buch regt zum Nachdenken an, lädt zur Einkehr ein. Wann könnte man das besser als im Winter, wenn das Wetter draussen ungastlich ist und man zu Hause im Warmen mit einer Tasse Tee auf dem Sofa sitzt?
  • Bei Austin Kleon las ich mal das Zitat: „First fake it, than make it“ (aus dem Buch „Alles nur geklaut“). An dieses Zitat erinnerte mich der Artikel, den ich kürzlich las: How to get inspiration from others without copying their creation
  • Eigentlich wäre ich aktuell noch im warmen Spanien, mir fehlen Sonne, Licht und Farben und auch das südländische Gefühl lässt sich in der winterlichen Schweiz nicht wirklich einstellen. So holte ich mir ein wenig Süden ins Wohnzimmer mit dem Fado – zwar nicht aus Spanien, aber Portugal ist ja nicht weit weg. Zudem: Mir gefällt die Mischung aus Melancholie und Lebensfreude, das so tief spürbare Gefühl in den Liedern. Was bedeutet euch Musik? Mir war sie immer sehr wichtig. Sie fängt mich auf in meinen Gefühlen.
  • Etwas, das mich immer wieder inspiriert und anregt, sind Notizbücher. Ich kann nicht genug von ihnen haben – und: Es gibt auch so viele wunderschöne. Was ich an Notizbüchern schön finde, ist die Möglichkeit, eigene Welten zu erdenken und sie niederzuschreiben. Oder zu zeichnen, was ich auch oft tue. Auch unterwegs habe ich immer ein Notizbuch dabei. So gibt es nie Momente der Langeweile. Ich zeichne, schreibe, lasse meine Gedanken ziehen, notiere, was mich anspringt. Ich kann das nur empfehlen. Ich hatte ganze Regale vollgeschriebener und bemalter Notizbücher. Bei meinem letzten Umzug habe ich mich von den meisten getrennt, nur ein paar wenige kamen mit. Es werden schon wieder mehr in den Regalen, ein Ende ist nicht in Sicht.

Ich hoffe, es war was für euch dabei, das euch angesprochen hat. Wenn ihr etwas habt, das euch diese Woche angesprochen, bewegt, inspiriert hat – ich würde mich freuen, wenn ihr davon berichten würdet. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und einen guten Start in die neue Woche!

Corona- oder: Danke Spanien!

Geplant war, am 1. März nach Spanien zu fliegen. Für einen guten Monat. Corona war schon ein Thema. In der Schweiz schlugen ab und an die Wellen hoch, man konnte das noch nicht so einschätzen. War es nur eine Grippe? Doch mehr? Auch die Experten widersprachen sich. Mit der Haltung, dass Angst nie der beste Ratgeber und das Leben immer risikoreich sei, dachte ich: Mein Gott… habt euch nicht so.

Wir waren also in Spanien, hier kriegten wir von Corona wenig mit, hörten nur von zu Hause, wir sollten froh sein, hier zu sein, dort herrschte fast Histerie… wir waren es auch. Zwar waren wir bald nach der Ankunft ziemlich krank, dies vor allem in meinem Fall auf eine nie dagewesene Weise…. Und ich bin wirklich hart im Nehmen. 5 Tage ohne Schlaf, ganze Nächte durchgehustet, oft ohne Luft, da ich nicht mehr einatmen konnte. Dann zum Arzt, danach dank Coritison und Tipps zum Inhalieren, jede Nacht Schlaf in Interwallen – dazwischen sass ich inhalierend am Tisch, machte mir ein freudvolles Programm, so dass die Nächte fast schon schön wurden. Man richtet es sich ja gut ein.

Ich habe in 5 Tagen mit Coritison 3 kg zugenommen, nach dem Absetzen 6 ab… und ich war vorher schon ein Minus. Ich habe also Mittel und Wege angewendet, wie ich früher in solchen Situationen zunahm. Keine Chance. Es blieb so – immerhin konnte ich einen Punkt halten. Und die Kraft kam zurück- Die teilweise Atemlosigkeit blieb. Zum Glück bin ich in dem Bereich ausgebildet. Ich kann bewusst gegensteuern, Atem lenken. Dafür war ich mehr als einmal dankbar, als die Lunge sich anfühlte, als würde sie zusammenklappen.

Im Nachhinein hatten wir hier in Spanien die härtesten Massnahmen weltweit. Nachdem wir am 1. März hier ankamen, zuerst ein wenig kränkelten, diesem aber (zum Glück) trotzten und doch noch das und jenes genossen, hiess es am 14. März: Ab heute bleiben alle zu Hause. Es darf noch einer pro Haushalt einkaufen (das war ich, mein Lieblingsmitbewohner gehörte der Risikogruppe an), ansonsten gibt es keinen Ausgang. Es sei denn, man hat einen Hund… 200 Meter vom Haus entfernt… einer… darf raus. Wir gingen zusammen – schlicht, weil da, wo wir sind, kein anderer ist. Und hier im Haus sind wir auch zusammen. Er war sonst insgesamt 70 Tage im Haus / auf dem Grundstück. Und ich ausser den (nicht sehr erfreulichen, da totalüberwacht, teilweise an Kreuzungen von der Polizei angehaltenen, um nach dem Ziel zu fragen) Einkäufen auch.

Da sitzt man dann. Eher nah. Ich bin der Künstlermensch. Der, welcher die Einsamkeit sucht. Für mich war es fast perfekt. Aber ja… zu Hause habe ich in meinem Künstlersein nicht nur gegen Störungen gekämpft, sondern auch ab und an Inspirationen gesucht. Ging nicht mehr. Aber ich musste auch nichts mehr. Er war eher der soziale… ging nicht mehr. Aber zum Glück ist er so sehr eigenständig. Das kannte ich bislang von Nicht-Künstlern nicht… von ihm ja aber schon, wir kennen uns nicht erst seit gestern.

Es war gut. Es war schön. Es war ein Geschenk. Es war Zeit. Es war Ruhe. Es war ein Miteinander, in dem jeder ganz viel Zeit für sich hatte, im Wissen, nicht allein zu sein. Es war ein Getragen-Sein. Durch eine Zeit, in der man von überall her hörte, wie schwer sie ist. Und ab und an ertappte ich mich, das Schwere zu suchen. Und wenn ich es fand, war das auch nicht immer gut, denn, dann hiess es: HE, du bist in Spanien. Das ist Urlaub. Das ist Paradies.

Das Wetter war schlecht, raus durften wir nicht. Wer raus ging, wurde kontrolliert. Strände zu. Sonne weg, keine Freunde, keine Menschen, nur Du. Und mit viel Glück einer daneben, mit dem du das aushältst. In einer Wohnung eingeschlossen 24/7. Das Glück hatte ich. Und dafür bin ich verdammt dankbar.

Ich bin aber für mehr dankbar. Ich bin stark und kräftig, ich habe den Virus wohl überstanden, konnte so hier die Stellung halten. Ich hatte die best- und liebstmögliche Begleitung. Ich hatte meine Mama zu Hause, die ich seit Dezember nicht mehr gesehen hatte, durch die ausgefallene Rückkehr war ein Treffen unmöglich. Sie seit 2 Jahren Witwe, allein, Risikogruppe. Ich bin dankbar für ein funktionierendes Miteinander im Ort, wo sie lebt, in Diemtigen. Eine langjährige Beziehung griff und hielt, Nachbarschaftshilfe funktionierte mehr als nur schön. Ein Geschenk. Ich lebte lange in Zürich, das hätte man da wohl vergebens gesucht mehrheitlich. Menschlichkeit fängt im Kleinen an.

Mama und ich telefonieren täglich. In der Schweiz ist es nun lockerer geworden, ich hätte aufhören können, sie täglich anzurufen. Sie hat ihr Leben wieder. Aber ich weiss, sie freut sich über meine Anrufe. Wir haben eine neue Mutter-Tochter-Freundin-Beziehung entwickelt. Und die ist mir/uns wertvoll. Wir können die sogar nun benennen. DAS ist ein Geschenk. Ich rufe weiter an. Täglich. Sehen schaffen wir nicht. Sie ist zum Glück eingebettet (ich hätte sie sonst lieber näher, aber das Netz ist Gold wert und es ist ihr, war meiner Eltern, auch ein wenig mein Zuhause). Wir sind uns nah. Nah gekommen in einer Zeit des «social distancing».

Es ist wohl alles, was man draus macht.

Ich fliege morgen in die Schweiz. Ich wollte schreiben «nach Hause». Es fühlt sich nicht so an. Nur ein wenig. Mein Zuhause fliegt mit mir. Das wurde mir durch die Zeit noch deutlicher (ich wusste es auch vorher schon!). Wo immer er ist, will auch ich sein. Gäbe es ihn nicht, wäre Spanien meine Heimat. Und ich möchte mich bedanken. Spanien war gut zu mir, zu uns. Es waren harte Massnahmen, es war eine entbehrungsreiche Zeit im Vergleich zum üblichen Leben, aber: Es ist ein wunderbares Land, die Menschen hier hielten zusammen. Das Land wurde extrem gebeutelt, wir haben hier 30% Arbeitslosigkeit nun, Menschen, die vorher schon arm waren, haben gar nichts mehr. Die Regierung hat eingelenkt, will einen Sozialplan über Corona hinaus schaffen. Quasi ein bedingungsloses Einkommen für Armutsbetroffene. Da könnten sich dann andere Länder auch wieder eine Scheibe abschneiden.

Ich hörte aktuell nach Ankündigung meiner Rückkehr von Nichtschweizern, für wie unbedarft sie die Schweiz erleben… Ich lese aber auch von Schweizern Shitstürme, weil sich die Schweizer so benehmen, als ob nie was gewesen sei… ich bin gespannt, wie es auf mich wirkt.

So schwer es war, nicht zurück zu können, so bleibt doch eine Wehmut, den Weg nun morgen in Angriff zu nehmen. Es war nicht nur eine leichte Zeit, es war eine – vor allem für die Umstände – wunderbare Zeit. Das verdanke ich dem Mann neben und mit mir, dem Hund mit uns (er soll nicht unerwähnt bleiben, er war tagtäglich eine Freude, ein Geschenk), und vor allem dem Land.

Danke Spanien! DU warst gut zu uns.

Vorurteile

Aktuell schlagen die Wellen hoch: Proteste, wohin man schaut, ganze Internetstreams sind schwarz aus Solidarität. Es darf nicht sein, dass ein Mensch wegen seiner Hautfarbe diskrimiert, hier sogar getötet wird. Wie viele der Schwarzbilder wirklich durchdacht und nicht einfach aus Mitläufertum eingestellt werden, soll Thema eines anderen Beitrags sein. Meine Vermutung ist: Die Mehrzahl. Es ist grad cool in der Community, man möchte dazu gehören, man macht mit. Weiter passiert leider wenig. Vermutlich nicht mal nur bei den Mitläufern. Denn:

Wir alle haben Vorurteile. Nicht die, welche wir hier anprangern, aber andere. Wir sehen was, das uns nicht entspricht, und denken:

„Das geht ja gar nicht.“

Ein Mensch, der sich nicht wohl fühlt in Gruppen? Was ist denn das für einer? So ein Introvertierter? Das muss ein ganz schräger Vogel sein. Den lassen wir mal lieber links liegen. Einer, der einfach zu singen anfängt, obwohl er es nicht kann? Wie peinlich. Man klickt zwar gerne beim Spruch «singe, als ob dich keiner hören würde» auf den Gefällt-mir-Button, doch wenn es einer wirklich tut, schämen wir uns fremd.

Das mag nach ganz harmlosen Beispielen klingen im Vergleich zu dem Vorfall in den USA, nur: Für gewisse Menschen – die, welche solchen Vorurteilen und damit Verurteilungen und Ausschlüssen, zum Opfer fallen – sind sie lebensbestimmend. Sie sind, weil sie sind, wie sie sind, ausgeschlossen. Verlacht. Verstossen. Allein. Weil wir annehmen, das, was wir für normal halten, sei das Richtige. Das, was eben so sei. Gut sei.

Und doch gäbe es einen anderen Weg. Einen Weg, wo jeder wäre, wie er ist. Und jeder sähe, dass es auch andere Wege gibt als den eigenen. Und ab und an trifft man sich und freut sich aneinander. Schaut vielleicht sogar ein wenig neidisch auf gewisse Punkte des anderen, nimmt sich vielleicht vor, das mal auszuprobieren, im Wissen:

„Ich bin auch ok, so wie ich bin.

So lange wir das im Kleinen nicht schaffen, so lange wird es im Grossen nicht gelingen. Da können noch so viele Bildschirme schwarz bleiben.

Wir leben in einem ach so aufgeklärten Zeitalter. Denken oft, wir hätten alles erreicht und seinen fast gottähnlich. Stehen über allem. Aber wir können uns nicht mal gegenseitig leben lassen. Mein Mitgefühl gehört den Angehörigen, mein Mitgefühl gehört allen, die Vorurteilen zum Opfer fallen. Ich möchte da nicht mal werten. Persönlich trifft es immer tief. Und wir hätten es in der Hand, daran was zu ändern, wenn wir bei unseren eigenen Vorurteilen hinschauen würden. Ich. Du. Wir alle.

Schubladendenken

„Gelassenheit können nur jene erreichen, die ein unerschütterliches und klares Urteilsvermögen haben – der Rest hadert ständig mit seinen Entscheidungen schwankt hin und her zwischen Ablehnung und Akzeptanz.“ (Seneca)

Schon bei kleinen Fragen kann ich mich aufhängen: Markiere ich in Büchern nun mit Bleistift oder mit Leuchtstift? Waren andere klar gegen Markierungen oder aber verwendeten, was grad da ist, konnte ich mich Tage und Wochen mit der Frage aufhalten, was dem Buch angemessener wäre – die Frage nach meinem Nutzen aus der Markierung und welche diesem besser dienen würde, kam erst später – so weit kam ich eigentlich selten.

Ich wollte genügen. Dem landläufigen Usus folgend, wie man mit Büchern umgeht, gewissen ästhetischen Prinzipien, wie das Buch nach meinem Lese- und Arbeitsvorgang (und ja, Bücher und Lesen war und ist immer noch teilweise mein Beruf) aussehen sollte. Dies nur ein Beispiel.

Ich bin, um es gelinde auszudrücken, nicht immer sehr entscheidungsfreudig gewesen. Ich konnte sogar bei den banalsten Fragen hin und her überlegen, Argumente wälzen und zu keinem Schluss kommen. Bei den schwierigen Fragen war es umso schlimmer. Schlussendlich wollte ich die richtige Entscheidung treffen.

Ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist, zeigt sich meist sowieso erst hinterher. Oft kann man im Vorfeld noch so viele Argumente hin und her wälzen, sie sind schlussendlich selten ausschlaggebend, denn: Man weiss tief drin eigentlich sehr genau, was man will und was passt – eine innere Stimme, ein Bauchgefühl. Nur: es ist so ungesichert, worauf will man sich berufen, wenn man sich später rechtfertigen will? Die Ratio erschien mir da oft der sicherere Weg. Das kann ich, das hat Hand und Fuss, das hat Argumente, die ich dem anderen auftischen kann. Und doch fühlt es sich oft so mühsam an. Und wie oft sagte ich im Nachhinein: „Hätte ich nur auf meine innere Stimme gehört.“

Was noch dazu kommt: Würden wir drauf hören, hätten wir eine Entscheidung, die unserem Fühlen und Sein entspräche, und damit auch wieder Ruhe. Dieses andauernde Wälzen von Argumenten, dieses Hin und Her im Geist, bringt meist vor allem eines mit sich: Unruhe.

Wenn also wieder einmal eine Entscheidung ansteht: Eigentlich kenne ich meine Antwort. Wenn ich ihr nicht traue, hilft es, eine Münze zu werfen. Wenn sie fällt, weiss ich, wie ich mich fühle. Bin ich enttäuscht, ist diese Entscheidung nicht die, welche ich mir wünsche. Bin ich zufrieden, sollte ich den Weg ausprobieren.

Ich sage nicht (NIE!!), dass man den Kopf einfach ausschalten soll. Nur: Wenn es um Entscheidungen geht, die zu einem persönlich stimmigen Weg führen sollen, sollte man den Bauch nicht ignorieren. Das heisst nicht, dass der Weg immer einfach, toll, gewinnbringend und erfolgreich ist. Aber: Es war zumindest der eigene Weg. Jeder andere kann genauso misslingen. Und dann habe ich doppelt verloren. Ich habe mich, meine Bedürfnisse und Wünsche aufgegeben, um in eine Schublade zu passen – und sie schloss immer noch nicht…

Wir werden nie in jede Schublade passen, wir sollten aber immer im Auge behalten, was in unsere passt.

Die Welt nach Corona – oder: Es bleibt, wie es war

„Wenn ich auf Twitter so lese, wer wen Corona zum Tod vorwerfen würde und dabei lächeln… die Welt wird auch nach Corona keine friedlichere sein… die Menschen haben NICHTS begriffen“

Das schrieb ich heute auf Twitter. Und nein, es fiel mir nicht leicht, nur: Es ist meine persönliche (leider) und fachliche (ebenfalls leider) Meinung. Ja, es gibt in der heutigen Zeit viel sich zeigende Solidarität. Wenn man aber genau hinschaut, kommt sie meist von Menschen, die vorher schon auf einem sehr mitmenschlichen und solidarischen Weg unterwegs waren. Vielleicht noch mehr im Versteckten, vielleicht auch wenig gelebt, nur gedacht – aber vorhanden. Es ist wunderbar zu sehen, wie plötzlich Menschen sich um Nachbarn kümmern, wie im Netz Angebote entstehen von Künstlern (sicher auch anderen, das ist die Szene, die ich am besten kenne), die Kurse, Tutorials und Ideen gratis bereit stellen, damit aus dem Leben geworfene und mit neuen Situationen konfrontierte Menschen ein Angebot haben, damit umzugehen. WUNDERBAR!

Es gibt aber auch andere. Die nun ihr Angebot (das wohl vorher nicht so optimal lief) inflationär bewerben und mit Prozenten locken. Ich sage nicht, dass das nicht legitim ist, es ist immer noch ein gangbarer und sauberer Weg – schlussendlich müssen wir alle überleben. Aber es gibt auch die noch anderen. Die, welche sehen, was alles zu holen wäre durch die Krise. Mieterlässe, Zuschüsse, Unterstützung – und die Möglichkeit, da wo sie selber Geld zahlen müssten, einzusparen. Und selbst wenn sie selber keine Einbussen haben, setzen sie andere auf Mindestlohn oder entlassen ganz, schnorren bei den anderen um Erlässe, Zinsen und Unterstützung. Ohne Not, einfach, weil es geht.

Wir können gut applaudieren, weil Krankenschwestern gute Dienste leisten. Im Moment sind wir uns auch sicher, dass Coiffeure einen guten Dienst leisten. NUR: Wenn das alles vorbei ist: Wollen wir dann höhere Prämien zahlen, damit Krankenschwestern einen besseren Lohn erhalten? (Und nein, ich bin nicht so naiv, dass ich denke, dass die höheren Prämien denen zugute käme, nur: Selbst wenn es so wäre, würden wir es nicht zahlen wollen – und viele auch nicht können).

Ich lese auf Twitter immer mal wieder: Ach, wenn die und der durch Corona sterben würde, wäre das ein gelöstes Problem. Und ich denke bei mir: Ich mag nicht mit jedem auf einer Welle schwimmen, das tue ich wohl langfristig und auf die ganze Welle betrachtet mit quasi keinem, nur: Ich würde KEINEM den Tod wünschen. Nicht mal im Spass! Und so lange das so ist und sogar auf so viel Zustimmung und Applaus stösst, sehe ich keine Änderung in Sicht. Es bleibt der oben, der oben sein kann, dazu sind ihm alle Mittel recht. Auch der Tod derer, die nicht in seinem Sinne handeln. Frei nach Macchiavelli: Der Zweck heiligt alle Mittel.

Nun kann man sagen: Das sind nur Worte, das ist nur Spiel und Spass – nur: Am Anfang war das Wort – oder: Die latente Wahrheit der Sprache: Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Jeder Witz gründet auf einer Wahrheit – gäbe es die nicht, würde man den Witz gar nicht verstehen.