Die Gefallensfalle

Es beginnt oft harmlos. Man will freundlich sein. Rücksichtsvoll. Nicht schwierig. Man möchte niemanden enttäuschen, keinen Konflikt auslösen, keine Last sein. Also sagt man Ja, obwohl man eigentlich Nein denkt. Man lächelt, obwohl man müde ist. Man passt sich an, obwohl man merkt, dass etwas nicht stimmt. Man schweigt, weil man die Stimmung nicht verderben will. Man nimmt sich zurück, weil man gelernt hat, dass Liebe, Anerkennung oder Zugehörigkeit an Bedingungen geknüpft sind.

Auf diese Weise gerät man über kurz oder lang in das, was ich «die Gefallensfalle» nenne.

Sie funktioniert nicht wie eine Mausfalle, indem man einmal reinläuft und das Fallgitter fällt, die Maus ist gefangen. Noch weniger ist es eine bewusste Entscheidung. Kaum jemand steht morgens auf und beschliesst, sich selbst zu verlieren. Es ist ein schleichender Prozess, über Jahre, manchmal über Jahrzehnte hinweg. Ein kleines Nachgeben hier, ein Verbiegen dort, ein Übergehen der eigenen Bedürfnisse, bis man irgendwann nicht mehr genau weiss, was man selbst eigentlich will. Man spürt nur noch, was andere erwarten könnten. Man liest Gesichter, Stimmungen, Zwischentöne. Man wird aufmerksam für alles, ausser für sich selbst.

Wer gefallen will, sucht nicht einfach Applaus, oft steckt dahinter eine tiefe Sehnsucht nach Sicherheit. Wenn die anderen zufrieden sind, droht kein Streit. Wenn man gebraucht wird, wird man nicht verlassen. Wenn man angenehm bleibt, wird man nicht abgelehnt. Man wird zur Meisterin der Anpassung und hält das lange für Stärke. Und Ja, es ist in der Tat eine Fähigkeit, sich einfühlen zu können, Rücksicht zu nehmen, Beziehungen zu pflegen. Problematisch wird es dort, wo diese Fähigkeit einseitig wird. Wo Rücksicht bedeutet, sich selbst aus dem Blick zu verlieren. Wo Harmonie wichtiger wird als Wahrheit. Dann wird über kurz oder lang der Preis zu hoch.

Wer es allen recht machen will, lebt irgendwann nicht mehr aus der eigenen Mitte heraus, sondern er folgt der Erwartung anderer. Dadurch wird das eigene Leben zur Reaktion. Man fragt nicht mehr: Was ist mir wichtig? Was tut mir gut? Was entspricht mir? Sondern: Was wird erwartet? Was darf ich sagen? Wie muss ich sein, damit niemand enttäuscht ist? Auf diese Weise wird das Leben immer enger. Nach aussen wirkt man vielleicht zuverlässig, liebenswürdig, unkompliziert, doch innen wächst eine Müdigkeit, die schwer zu benennen ist. Man fühlt sich leer, gereizt, traurig oder fremd im eigenen Leben. Man hat so lange funktioniert, dass man nicht mehr weiss, wo das Funktionieren endet und das eigene Wollen beginnt.

Der Ausstieg beginnt nicht mit einem grossen Befreiungsschlag. Er beginnt mit Ehrlichkeit, mit der Frage: Wo sage ich Ja, obwohl ich Nein meine? Wo stimme ich zu, obwohl ich innerlich zurückweiche? Wo übernehme ich Verantwortung, die nicht meine ist? Wo habe ich Angst, jemanden zu enttäuschen, und enttäusche dabei immer wieder mich selbst? Diese Fragen sind unbequem, denn sie zeigen, wie tief die Muster sitzen. Man erkennt, dass man nicht nur aus Freundlichkeit handelt, sondern immer wieder auch aus Angst. Angst vor Ablehnung, vor Konflikt, vor Liebesentzug, vor dem Gefühl, falsch zu sein. Doch genau diese Erkenntnis ist wichtig. Was sichtbar wird, verliert einen Teil seiner Macht.

Aus der Gefallensfalle herauszufinden heisst nicht, hart zu werden oder egoistisch, kalt oder rücksichtslos zu leben. Es heisst, die eigene Stimme wieder ernst zu nehmen. Es heisst, sich selbst in die Beziehung einzubeziehen. Auch ich bin jemand, auf den Rücksicht genommen werden darf. Auch meine Kraft ist begrenzt. Auch mein Nein hat eine Berechtigung.

Das erste Nein ist oft schwer. Es fühlt sich falsch an, obwohl es richtig ist. Es kann Schuldgefühle auslösen, Unruhe, Angst. Gerade deshalb braucht es kleine Schritte. Nicht jedes Gespräch muss sofort geführt, nicht jede Grenze sofort endgültig gezogen werden. Man kann üben, innezuhalten, bevor man antwortet. Man kann sagen: Ich muss darüber nachdenken. Ich melde mich später. Das passt für mich nicht. Heute kann ich nicht. Ich möchte das anders.

Solche Sätze wirken einfach, doch. für einen Menschen, der immer gefallen wollte, sind sie ein schwerer Anfang – und sie bringen eine kleine Vorahnung, was Freiheit bedeuten könnte. Wichtig ist dabei, die Reaktion der anderen auszuhalten. Manche werden irritiert sein, wenn man plötzlich nicht mehr wie gewohnt verfügbar ist. Manche werden enttäuscht sein. Manche werden versuchen, alte Rollen wiederherzustellen. Sätze werden fallen, wie: Früher hast du doch auch? Was ist denn plötzlich los mit dir? Früher gefielst du mir besser.

Das bedeutet nicht automatisch, dass man falsch handelt. Es bedeutet oft nur, dass ein eingespieltes Gleichgewicht sich verändert. Wer sich selbst ernst nimmt, stört manchmal die Bequemlichkeit anderer. Doch das ist kein Grund, zurückzugehen. Gute Beziehungen halten ein echtes Gegenüber aus. Sie brauchen nicht dauernde Anpassung, sondern Wahrheit, Respekt und gegenseitige Beweglichkeit. Wer nur dann gemocht wird, wenn er sich selbst verleugnet, wird nicht wirklich gesehen. Und wer nie gesehen wird, kann auch nicht wirklich geliebt werden.

Aus der Gefallensfalle herauszufinden heisst deshalb auch, einen neuen Begriff von Zugehörigkeit zu lernen. Zugehörigkeit darf nicht bedeuten, sich selbst aufzugeben. Sie darf nicht erkauft werden durch Dauerverfügbarkeit, Nettsein, Schweigen und Selbstverrat. Eine tragfähige Beziehung lässt Raum für ein Ich und ein Du. Für Nähe und Grenzen. Für Ja und Nein. Am Ende geht es nicht darum, weniger freundlich zu werden, es geht darum, wahrhaftiger freundlich zu sein. Eine wahrhaftige Freundlichkeit ist eine, die nicht aus Angst kommt, sondern aus Freiheit. Es ist eine Zuwendung, die nicht Selbstaufgabe bedeutet, sondern Begegnung, ein Ja, das wieder zählt, weil es nicht automatisch gegeben wird.

Wer aus der Gefallensfalle steigt, verliert unter Umständen Menschen, Rollen, Sicherheiten, aber er gewinnt etwas Wesentliches zurück: sich selbst. Nicht als starres, abgeschlossenes Ich, sondern als lebendigen Menschen mit Bedürfnissen, Grenzen, Wünschen, Kraft und Verletzlichkeit. Und irgendwann merkt man: Ich muss nicht allen gefallen, um da sein zu dürfen. Ich muss mich nicht verbiegen, um wertvoll zu sein. Ich darf zumutbar sein. Ich darf enttäuschen. Ich darf wählen. Ich darf mein Leben nicht nur für andere passend machen, sondern für mich bewohnbar.

Das ist keine Härte. Es ist Selbstachtung.

Ein neues Lebensmotto könnte heissen:

«Ich muss nicht alles können. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht jeden mögen. Als ich bin ich genug.»

Jeder Mensch verdient Achtung – aber nicht jeder Mensch verdient Zugang zu meinem Leben

Jeder Mensch verdient es, gut behandelt zu werden. Kein Mensch soll geringgeschätzt, beschämt, gedemütigt oder achtlos übergangen werden. Jeder Mensch trägt eine Würde in sich, die nicht davon abhängt, ob er mir sympathisch ist, ob er meine Werte teilt, ob er sich so verhält, wie ich es mir wünsche. Das ist eine wichtige Haltung, in meinen Augen eine der wichtigsten, wenn wir menschlich bleiben wollen in einer Welt, die schnell urteilt, abwertet und ausschliesst. Menschen sind nie nur das, was sie zeigen. Sie sind geprägt von Geschichten, Verletzungen, Sehnsüchten, Ängsten, von Erfahrungen, die wir oft nicht kennen. Wer vorschnell verurteilt, verengt den Blick. Wer einen Menschen nur auf sein Verhalten oder seine Rolle reduziert, sieht nicht mehr den ganzen Menschen.

Daneben gibt es eine zweite Wahrheit, die genauso wichtig ist: Nicht jeder Mensch muss in meinem Leben einen Platz haben. Zwischen der Würde eines Menschen und seinem Zugang zu mir liegt ein Raum, den ich ernst nehmen darf. Ich kann jemanden achten und trotzdem Abstand brauchen. Ich kann verstehen, warum jemand so geworden ist, wie er ist, und mich dennoch vor ihm schützen. Ich kann einem Menschen nichts Böses wünschen und dennoch sagen: So nicht. Nicht mit mir. Nicht mehr.

Das ist für viele schwer auszuhalten, weil wir oft gelernt haben, Güte mit Verfügbarkeit zu verwechseln. Wer ein guter Mensch sein will, soll verständnisvoll sein, geduldig, grosszügig, verzeihend. Das ist nicht falsch, aber es wird gefährlich, wenn daraus die Forderung entsteht, alles auszuhalten, wenn Mitgefühl bedeutet, sich selbst zu verlieren und Harmonie wichtiger wird als Wahrhaftigkeit. Dann geht man immer wieder über die eigenen Grenzen hinweg, nur damit andere sich nicht gestört fühlen.

Manchmal ist ein Nein zu einem Menschen ein Ja zu sich selbst. Und wie das so dasteht, klingt es hart, es weckt den Impuls, zu sagen «das geht doch nicht» und «ich kann doch nicht». Dieses «nein» muss nicht zwingend explizit sein, es muss niemandem ins Gesicht geschleudert oder vor die Füsse geworfen werden, es kann einfach eine innere Klärung sein. Eine Distanz. Ein Schritt zurück. Eine Entscheidung, nicht mehr alles zu erklären, nicht mehr alles zu entschuldigen, nicht mehr immer wieder an dieselbe Tür zu klopfen, hinter der man doch nicht willkommen ist.

Es gibt Beziehungen, in denen wir nicht gesehen werden, wir kommen darin nicht wirklich vor. Wir funktionieren als Rolle: als Tochter, Sohn, Schwester, Bruder, Partnerin, Freundin, Helferin, Zuhörerin. Unser eigentliches Sein interessiert nicht. Unsere Gedanken werden übergangen, unsere Gefühle relativiert, unsere Grenzen belächelt, unsere Bedürfnisse als schwierig abgetan. Da ist keine offene Gewalt, keine grosse dramatische Szene, nur eine ständige kleine Entwertung. Ein Übersehenwerden. Ein Nicht-ernst-Nehmen. Ein feiner Mangel an Wohlwollen. Kleine Spitzen, als Witz getarnt.

Und irgendwann merkt man: Ich werde kleiner in dieser Beziehung. Ich beginne, mich zu rechtfertigen, bevor ich überhaupt gesprochen habe. Ich beobachte jede Stimmung, jedes Wort, jede Reaktion. Ich verstelle mich, damit es keinen Konflikt gibt. Ich passe mich an, um nicht wieder verletzt zu werden. Ich bin nicht mehr frei. Das ist ein ernstes Zeichen, denn eine Beziehung, in der ich dauerhaft nicht atmen kann, ist kein Ort, an dem ich bleiben muss, nur weil es einmal Nähe gab, weil es Familie ist, weil es Tradition ist, weil andere es erwarten. Nähe verpflichtet zu Achtsamkeit, nicht zu Selbstaufgabe. Keine wie auch immer geartete Situation entbindet einen von Respekt, aber Loyalität darf nicht bedeuten, die eigene Würde preiszugeben.

Vor allem in Familien wird all das schwierig. Dort sind die Bande alt, tief, oft widersprüchlich. Man liebt Menschen, die einem nicht guttun. Man fühlt sich verantwortlich, obwohl man leidet. Man weiss um die Verletzlichkeit des anderen und möchte ihm nicht wehtun. Und dann sind da noch diese Glaubenssätze, sie sind einem irgendwann zugeflogen, haben sich eingegraben und sind quasi omnipräsent: „Das macht man nicht.“ „Blut ist dicker als Wasser.“ „Du bist undankbar.“ „Stell dich nicht so an.“ „So ist er halt.“ „So war sie schon immer.“

Solche Sätze können Menschen lange gefangen halten. Sie klingen nach Ordnung, schützen aber oft nur bestehende Muster. Sie verlangen Anpassung von denen, die leiden, statt Veränderung von denen, die verletzen.

Natürlich ist nicht jeder Konflikt ein Grund zum Abbruch. Menschen sind verschieden. Beziehungen bestehen nicht daraus, dass immer alles leicht ist. Manchmal müssen wir aushalten, dass andere uns nicht vollständig verstehen. Manchmal müssen wir Kompromisse eingehen, Geduld haben, milder werden. Nicht jede Enttäuschung ist Missachtung. Nicht jedes Unverständnis ist Lieblosigkeit. Nicht jede schwierige Begegnung ist schädlich.

Die entscheidende Frage ist nicht: Macht mir dieser Mensch nie Mühe? Sondern: Gibt es in dieser Beziehung grundsätzlich Respekt? Gibt es die Bereitschaft, mich zu sehen? Kann ich etwas sagen, ohne sofort beschämt, verdreht oder bestraft zu werden? Gibt es Raum für meine Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist? Kann ein Konflikt zu mehr Klarheit führen oder immer nur zu mehr Schuld? Dort, wo Beziehung möglich ist, lohnt sich ein Gespräch. Dort, wo ein Mensch anders denkt, aber zuhören kann, lohnt sich Geduld. Dort, wo Verletzungen geschehen, aber Verantwortung übernommen wird, lohnt sich ein neuer Versuch. Beziehungen brauchen Nachsicht, niemand liebt vollkommen. Niemand sieht immer klar, auch wir selbst nicht.

Aber dort, wo sich immer wieder dasselbe Muster zeigt, braucht es Grenzen. Wenn Gespräche nichts öffnen, sondern nur neue Verletzungen schaffen. Wenn jede Ehrlichkeit gegen einen verwendet wird. Wenn man nach jeder Begegnung erschöpft, beschämt, verwirrt oder innerlich leer zurückbleibt. Wenn der Preis der Beziehung darin besteht, nicht mehr man selbst sein zu dürfen, dann ist Abstand kein Versagen, sondern Selbstachtung.

Noch schwieriger wird es, wenn solche Abgrenzungen in einem Gefüge passieren. Wenn einem Menschen nah sind, deren Umfeld aber ablehnend ist. Wie dem einen gerecht werden, ohne sich selbst aufzugeben? Wie Verletzungen bei allen möglichst vermeiden, ohne einen ständigen Eiertanz vollführen zu müssen? Hier hilft eine Unterscheidung: Ich darf meine Grenze setzen, ohne anderen vorzuschreiben, welche Beziehung sie zu diesem Menschen haben sollen. Ich kann sagen: „Für dich ist diese Beziehung anders. Das respektiere ich. Für mich ist sie belastend, und ich brauche Abstand.“ Damit greife ich nicht in das Leben des anderen ein. Ich übernehme Verantwortung für mein eigenes.

Das ist kein einfacher Weg, weil Grenzen oft missverstanden werden. Wer Grenzen setzt, gilt schnell als hart, empfindlich, egoistisch oder nachtragend. Dabei ist eine Grenze nicht dasselbe wie eine Mauer. Eine Grenze sagt nicht: Du bist wertlos. Sie sagt: Bis hierher und nicht weiter. Sie schützt einen Raum, in dem Leben möglich bleibt.

Wie kommuniziert man das? So klar wie möglich. So wenig anklagend wie nötig. Und ohne sich in endlose Rechtfertigungen hineinziehen zu lassen. Nicht jeder Mensch muss meine ganze innere Geschichte verstehen, damit meine Grenze gültig ist. Ich darf sagen: „Ich merke, dass mir dieser Kontakt nicht guttut. Ich brauche Abstand.“ Oder: „Ich möchte so nicht angesprochen werden.“ Oder: „Ich bin bereit zu einem Gespräch, aber nicht, wenn meine Gefühle abgewertet werden.“ Oder auch: „Ich kann an diesem Treffen teilnehmen, aber ich werde gehen, wenn es wieder in diese Richtung geht.“

Wichtig ist, dass Grenzen nicht nur ausgesprochen, sondern gelebt werden. Eine Grenze, die folgenlos bleibt, wird irgendwann zur Bitte. Und eine Bitte kann übergangen werden. Das heisst nicht, dass man hart werden muss. Es heisst nur, dass man sich selbst ernst nimmt.

Das braucht Mut. Mut, Enttäuschung auszuhalten, Mut, nicht von allen verstanden zu werden, Mut, Schuldgefühle nicht sofort als Beweis zu nehmen, dass man falsch handelt. Schuldgefühle können auftauchen, wenn wir alte Rollen verlassen. Sie zeigen nicht immer Schuld, manchmal zeigen sie nur, wie tief wir gelernt haben, uns anzupassen.

Ein Nein kann traurig sein. Manchmal gibt man etwas auf, an das man glaubte, auf das man hoffte, von dem man sich etwas versprach: Zukunft, Verbindung, Familie. Dann ist da diese Trauer um das, was nicht möglich war, was man sich gewünscht hätte. Man trauert um eine Mutter, einen Vater, einne Sohn, Freunde, die einen hätten sehen können, es aber nicht taten. Abstand bedeutet nicht, dass nichts weh tut. Oft tut es gerade deshalb weh, weil etwas wichtig war.

Selbstachtung beginnt manchmal genau dort: Ich höre auf, mich an Orte zu stellen, an denen ich immer wieder übersehen werde. Ich höre auf, Liebe dort zu erzwingen, wo sie nicht frei gegeben wird. Ich höre auf, meinen Wert von Menschen bestätigen zu lassen, die ihn nicht sehen können oder wollen. Das heisst nicht, dass ich mich über andere erhebe. Im Gegenteil. Es heisst, dass ich die Würde aller ernst nehme, auch meine eigene.

Morgengedanken: Beziehung mit der Welt

Eigentlich ist alles in Ordnung. Es sind schöne Tage. Und doch fehlt etwas. Dieses tiefe Gefühl von Verbundenheit, von Beziehung zu dieser Welt. Ich lese Nachrichten und frage mich, was für eine Welt das ist. Es scheint alles wie immer und ich kann mir auch glauben, dass es das ist – und weiss tief drin, dass es eben doch nicht stimmt. Es war früher nicht alles besser. Aber es war vertrauter. Vielleicht ist es das. Die Veränderung der Lebensumstände und der Weltzusammenhänge. Ich möchte nicht wieder jung sein und doch fiel damals einiges leichter. Zugänge, Möglichkeiten, Erfolge waren dichter gesät. Die Welt schien ein grosser Ort voll Chancen zu sein und ich konnte sie ergreifen. Mir scheint, Türen schliessen sich immer mehr. Spielräume fallen weg, Vertrautes schwindet, Sicherheiten werden brüchig. Es hiess mal «nie mehr», nun sind wir bald mittendrin im «Wieder». Es hiess mal, die Zukunft wird mal besser werden, nun scheint das Beste hinter uns zu liegen. Es hiess mal, wir müssen diese Welt retten, nun machen wir immer noch mehr, sie zu zerstören.

Und doch: Es ist die einzige Welt, die wir haben. Vielleicht müssten wir uns das immer wieder sagen. Vielleicht würden wir sie dann doch irgendwann retten wollen? Nicht für die Welt, für uns. Sie kann ohne uns, nur umgekehrt wird es schwer. Und vielleicht ist es mit der Gesellschaft dasselbe: Wir haben nur die eine, wir sollten sie so gestalten, dass sie zu einem Zuhause wird für alle. Manchmal hilft schon ein Lächeln am Morgen im Bus. Was könnte das verändern im Tag eines anderen Menschen.

Wecke den Esel in dir!

Da sitzt du nun und schaust den mit grossen Augen an, der dir das sagte. Du bist betroffen, betrübt, willst dich erklären, rechtfertigen, verteidigen. Es bringt alles nichts. Wieso nicht einfach antworten:

«Stimmt. Ich mag Esel.»

Schlussendlich sind wir nicht auf der Welt, um so zu sein, wie der andere uns gerne haben möchte. Zudem lebt es sich ganz wunderbar mit all den persönlichen Eigenheiten und Merkwürdigkeiten. Es wird uns nur zu oft weisgemacht, wir dürften diese nicht haben, sondern müssten uns anpassen, müssten irgendeiner Norm entsprechen. Und wir glauben es schlicht zu oft. Wieso eigentlich?

„Sei der Esel, der du schon immer sein wolltest.“

So oder so ähnlich könnte das neue Lebensmotto lauten.

Habt einen schönen Tag! 💕

Gedankensplitter: Wertschätzung

Viele kennen sie, die Erzählungen der verschrobenen Schriftsteller, die sich zum Schreiben in ihr Zimmer einschliessen und nicht gestört werden wollen. Ruhe brauchen sie, Alleinsein. Hinter mehr oder weniger vorgehaltenen Händen zerreisst man sich das Maul: Ein komischer Kauz sei das, ein asozialer Mensch, ein Eigenbrötler. Aber man ist ja tolerant. Wenn er es so will, lässt man ihn, denkt sich seinen Teil.

Dem Schreibenden bleibt das kaum verborgen, ist er doch generell ein eher aufnahmefähiges Gemüt, weswegen er auch überall neue Ideen sieht und Inspirationen findet. Das ist übrigens mit ein Grund für den Wunsch der Ruhe und Abgeschiedenheit, denn ansonsten wären die Einflüsse so dominant, dass die Aufmerksamkeit nicht bei der zu beschreibenden Seite bleiben könnte. Einerseits schmerzt das Unverständnis, doch immerhin wird die Ruhe gewährt. Man kann wohl nicht alles haben im Leben, denkt sich der Schreibende, und wendet sich seinem leeren Blatt zu.

Wie schön, wenn es auch anders geht. Davon schreibt Deborah Levy in ihrem Buch «Was das Leben kostet». Ihr Leben ist gerade in seiner alten Form auseinandergebrochen, ein neues ist im Aufbau und wird nach und nach eingerichtet. Nur eines fehlt: Ein Ort zum Schreiben. Eine Freundin sieht das und hilft. Nicht nur stellt sie ihr den Raum zur Verfügung, sie sorgt auch für die nötige Ruhe:

«Solange sie Wache hielt, durfte niemand mich stören, niemand an meine Tür klopfen, um mich zum Plaudern anzustiften… Derart geschätzt und respektiert zu werden, als sei es das Normalste der Welt, war eine ganz neue Erfahrung.» Deborah Levy

In diesem Moment, es könnte die dunkelste Zeit ihres Lebens sein, wendet sich vieles zum Guten. Deborah Levy wird in diesem Raum drei Bücher schreiben und sie wird es aus der Sicht der ersten Person tun – als ob sie diese erst jetzt gefunden hätte. Was für ein Glück, einen Menschen zu finden, der einen nicht nur vordergründig toleriert, sondern im ganzen Sein und Tun wertschätzt.

«Einen Schutzengel wie Celia hat jeder Mensch verdient.» Deborah Levy

Gedankensplitter: Authentisch sein

Viele kennen ihn wohl, den Satz: «Was werden bloss die anderen denken?» Dieser Satz war keine Frage, es war ein Hinweis darauf, dass etwas Ungehöriges im Gange war, und es gab eine richterliche Instanz: Die anderen, die die Stimme der Moral verkörpern. Sätze wie dieser haben die Angewohnheit, sich in einem festzusetzen. Fortan leben sie gemütlich im eigenen Sein, breiten sich aus und melden sich zu allen möglichen Gelegenheiten wieder zu Wort. Man möchte etwas tun, und zack: «Was werden bloss die anderen denken?»

Wir versuchen uns oft, anzupassen, wollen dazugehören, geben dafür Dinge auf, von denen wir denken, dass sie nicht genehm sind. Dass wir uns damit stückweise selbst aufgeben, nehmen wir in Kauf, wollen wir doch nicht Fremde sein und bleiben in dieser Welt, sondern einen Platz in ihr haben – es ist nicht nur ein Wollen, es ist ein Brauchen. Nur: Auch dann noch wird es Situationen geben, in denen wir in Konflikt geraten mit anderen Wertvorstellungen. Auch dann noch werden wir nicht allen gefallen. Nicht zu gefallen bei allem Bestreben, gefällig zu sein, ist ungleich schmerzhafter, weil man dann alles verloren hat: Sich selbst und das, was man damit erreichen wollte.

Vielleicht darf der Satz «Was werden die anderen denken?» bleiben, man darf ihm aber antworten. Zum Beispiel mit «Lass sie reden!» Wegzukommen von der Fremdbestimmung hin zu einer authentischen Lebensweise ist sehr befreiend. Das wird nie allen gefallen, nur: Wer soll der Massstab sein? Wer einen wegen seines So-Seins ablehnt, beweist damit nur die eigene Intoleranz, sagt aber nichts über einen selbst aus. Mit Humor geht das alles noch viel besser, Epiktet machte es vor:

«Wenn dir jemand mitteilt, dir sage jemand Böses nach, dann rechtfertige dich nicht, sondern antworte: Er kannte wohl meine anderen Fehler nicht; denn sonst würde er nicht nur diese hier erwähnen.»

Habt einen schönen Tag!

Gespräche mit Max Frisch: Utopien

«Ob es die Utopie ist von einer brüderlichen Gesellschaft ohne Herrschaft von Menschen über Menschen oder die Utopie einer Ehe ohne Unterwerfungen, die Utopie einer Emanzipation beider Geschlechter; die Utopie einer Menschenliebe, die sich kein Bildnis macht vom ändern, oder die Utopie einer Seligkeit im Kierkegaard’schen Sinn, indem uns das allerschwerste gelänge, nämlich daß wir uns selbst wählen und dadurch in den Zustand der Freiheit kommen; die Utopie einer permanenten Spontaneität und Bereitschaft zu Gestaltung-Umgestaltung (nach Johann Wolfgang Goethe: Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung), alles in allem: die Utopie eines kreativen und also verwirklichten Daseins zwischen Geburt und Tod – eine Utopie ist dadurch nicht entwertet, daß wir vor ihr nicht bestehen. Sie ist es, was uns im Scheitern noch Wert gibt. Sie ist unerläßlich, der Magnet, der uns zwar nicht von diesem Boden hebt, aber unserem Wesen eine Richtung gibt in schätzungsweise 25000 Alltagen. Ohne Utopie wären wir Lebewesen ohne Transzendenz.»

(Max Frisch in seiner Dankensrede anlässlich des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1976)

Als ich ein Kind war, spielte ich gerne mit Lego. Ich hatte immer ausgefallene Ideen, was ich bauen wollte (es gab noch nicht so viele fertige Bausätze mit seitenlangen Bauanleitungen) und versuchte dann, dies umzusetzen. Mein Vater wollte mir immer helfen, mir zeigen, wie es geht, doch das machte mich wütend. Ich wollte es selbst herausfinden. Mein Vater hat mir bis ins Erwachsenenalter vorgeworfen, dass ich mir schon als Kind nicht helfen lassen wollte. Zwar stimmt das nicht ganz, da ich durchaus Hilfe annehme, wo ich etwas nicht selbst kann (oder können will), aber nicht da, wo ich der Überzeugung bin, es selbst zu schaffen.

In der Fachsprache gibt es den Begriff der Selbstermächtigung. Das bedeutet, Strategien zu entwickeln, die dem einzelnen Menschen helfen, autonom und selbstbestimmt ihr Leben zu leben und ihre Herausforderungen zu meistern. In meinen Augen ist das ein zentraler Aspekt des Menschseins. Darauf baut die Selbstachtung, das Selbstbewusstsein, und auch die Würde auf. Menschen, die nicht wissen, dass sie selbst etwas bewirken können, fühlen sich (und sind meist auch wirklich) Opfer der Umstände und damit hilflos und abhängig von anderen. Dieses Gefühl der eigenen Ohnmacht beeinträchtigt das Selbstbild und nagt an der Selbstachtung.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand sich als Opfer sehen will, es sei denn, er verspricht sich von dem Status etwas. Was ich mir aber gar nicht vorstellen kann und will, ist, dass jemand zum Opfer gemacht werden möchte. Wenn ich allerdings die aktuellen Diskussionen um Geschlechterakzeptanz, Diskriminierung und Rassismus verfolge, scheint genau das zu passieren: Es werden Täter und Opfer zementiert. Nehmen wir das Beispiel des Rassismus:

Eine aktuell populäre Sicht bei der heutigen Thematisierung von Rassismus (die ursprünglich aus den Staaten zu uns kam) ist, dass Weisse aufgrund ihrer Hautfarbe per se rassistisch seien, weil es Weisse waren, die in der Geschichte die Schwarzen unterdrückt haben. Rassismus ist so gesehen in die Gene eingebrannt, es gibt kein Entkommen.

Diese Sicht zementiert nicht nur die Fronten schwarz-weiss, sie macht Schwarze auch zu ewigen Opfern. Wenn dem Weissen der Täterstatus eingebrannt ist, ist es dem Schwarzen das Opfertum. Tun wir jemandem damit einen Gefallen oder macht diese Sicht irgendetwas besser? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Menschen, so gesehen, wird auf diese Weise die Würde abgesprochen (auf beiden Seiten). Diese Argumentation leugnet, dass Menschen frei sind, sich zu ändern – darauf gründet unter anderem ihre Würde. Avishai Margalit schreibt in seinem Buch „Politik der Würde“:

„der grundlegende Respekt vor jedem einzelnen orientiert sich an dem, was er in Zukunft tun könnte, nicht an dem, was er in der Vergangenheit getan hat. Achtung ist dem Menschen nicht dafür zu zollen, in welchem Grad er sein Leben tatsächlich zu ändern vermag, sondern allein für die Möglichkeit der Veränderung.“

Margalit fährt fort, dass ein Mensch nicht durch seine Vergangenheit determiniert (wenn auch durchaus geprägt), sondern zu jedem Zeitpunkt frei ist, sich und sein Verhalten zu ändern. Wenn dies schon für das eigene Verhalten gilt, wie viel grösser muss also die Möglichkeit einer Veränderung über Generationen sein, in denen durchaus ein Denkprozess stattfand und auch Massnahmen zur Abschaffung von Rassismus erfolgreich durchgesetzt wurden. Leider ist er noch lange nicht aus der Welt, nur denke ich, es bedürfte eines Miteinanders und keiner neuen Fronten, diesen Weg erfolgreich weiterzugehen.

Ich bin der Meinung, es ist wichtig, genau hinzuschauen, wo heute noch strukturelle Benachteiligungen existieren. Diese dürfen nicht hingenommen werden. Die davon Betroffenen sollten aber nicht nur Opfer sein, sondern selbst Akteure. Sie sollten nicht nur von den anderen Veränderungen erwarten, sondern sich auch selbst in der Möglichkeit sehen, aktiv zu werden. Als Teil eines Ganzen mit anderen Teilen. Dafür ist ein Miteinander wichtig, Fronten schaden mehr. Es muss ein Raum geschaffen werden, in welchem es möglich ist, für die eigenen Rechte und gegen Benachteiligungen einzustehen. Dann gibt es keine Täter und Opfer durch von aussen definierte Kriterien, sondern eine gemeinsame Welt mit gemeinsamen Werten und Zielen, welche von allen miteinander gestaltet wird. Eine Welt, in der jeder seinen Platz hat.

Eine Utopie? Ich mag Utopien… und ich glaube, sie könnten oft verwirklicht werden. Und ich glaube, dass die Utopie das ist, was uns immer wieder antreibt, weil wir an etwas glauben, es als machbar sehen, unseren Platz in dem Vorhaben wahrnehmen und als ausfüllbar erachten. Wir sind als Ganze Teil eines Ganzen. Diese Doppelrolle wollen wir ausfüllen, denn nur durch diese sind wir ganz Mensch. Und weniger sollte kein Mensch sein müssen.

Lebenskunst: Angst

«Es gibt mehr Dinge auf der Welt, die wir fürchten, als Dinge, die uns wirklich zerstören. Wir leiden viel öfter in unserer Vorstellung als in der Realität.» Seneca

Kennst du das auch: Du willst etwas unbedingt tun und schiebst es doch immer auf. Deutlicher wird es, wenn du mit einer Situation konfrontiert bist, die dich überfordert, weil sie etwas von dir verlangt, dem du dich nicht gewachsen fühlst, oder weil du Angst hast. In dir schreit alles «das kann ich nicht» und du suchst nach Wegen, dich der Situation zu entziehen. Tief drin weisst du, dass es kein Entkommen gibt, du musst da durch. Oder du willst es eigentlich wirklich, wenn da nur nicht all die negativen inneren Stimmen wären.

Angst ist etwas zutiefst Menschliches, Evolutionäres. Sie diente vor vielen Jahren dazu, körperlich und seelisch vor Gefahren zu schützen, was überlebenswichtig war. Heute sind die Gefahren selten so  bedrohlich, doch die Angst übernimmt noch immer diese Alarmfunktion und steht uns so oft im Weg. Wir mögen sie nicht, doch eigentlich zu Unrecht, denn Angst ist immer ein Fenster nach innen. Wenn du ihr offen begegnest und sie hinterfragst, gibt sie dir viel über dich preis. Plötzlich merkst du, was in dir oft unbewusst abläuft, du entdeckst zum Beispiel die Angst vor dem Scheitern, aber auch die Angst vor Erfolg – beides könnte dein Leben, wie es ist ändern. Willst du das? Doch bedenke:

«In Ängsten findet manches statt, was sonst nicht stattgefunden hätte.» Wilhelm Busch

Wenn du also das nächste Mal Angst hast, vor etwas wegrennen willst: Schau hin und frage dich: Was macht mir daran Angst und wieso? Oft sind die Antworten überraschend und gewinnbringend.

Wovor hast du Angst?

Gedankensplitter: Unfassbar

Wer will ich sein, wie fasse ich mich? Wie werde ich für andere als die fassbar, die ich bin? Was muss ich tun, was muss ich lassen, damit sie mich auch richtig fassen? Wie seh ich mich, was soll verblassen? Ich suche mich und kann’s kaum fassen, weil ich mich oft ganz unfassbar empfinde.

Ich will das ändern, denke auch, ich muss. Denn: Das Unfassbare ist, was keiner will. Wir wollen Sicherheit, die Sicherheit des Wissens. Wir wollen wissen, wie der Hase läuft, wir wollen wissen, was passiert. Wir wollen wissen, wer da steht, und was von uns erwartet wird. Wie muss ich sein, wie komm ich an? Ich will nicht abstossen, nicht ausgestossen sein. Ich will mich fassbar machen, damit ich von den anderen gefasst werden kann, denn jedes Fassen ist auch ein Halten, ein Halt in der sonstigen Haltlosigkeit des Seins ohne Geländer und stützende Säulen. Es ist ein Stehen im Nichts und doch nicht allein. Es ist ein Sein im All, ein All-ein-Sein mit anderen als gefasstes Ich.

Und dann überlege ich wieder, was ich tun muss, um fassbar zu sein. Was verwirrt, was passt nicht in das Bild, was fällt raus? Was muss rein, was muss sein, was ist zu viel – und was zu wenig? Was muss ich aufgeben und wo gebe ich zu viel? Wo verliere ich mich im Aufgeben, wo fass ich zu viel. Und in all dem Suchen und oft Nicht-Fnden werde ich immer fassungsloser ob meiner Unfassbarkeit, die sich darin zeigt, dass alles, was ich mal fasse, bald zu eng wird, sich falsch anfühlt, an allen Ecken zwickt und kneift. Und ich fasse nicht, dass ich nicht fassbar bin, denn wenn ich in die Welt schaue, sehe ich viele Gefasste, Fassbare. Menschen, die erfasst haben, wer sie sind und sich in diesem Sein erfassen lassen durch ihr Tun, das der Fassung entspringt. Und ich merke noch mehr, wie unfassbar ich bin. Und ich bin fassungslos.

Und dann denke ich an all das, was ich nicht mehr fassen kann, wenn ich mich für das entscheide, das mich eindeutig fassbar macht. Und ich denke an all das, was wegfällt. Und ich fühle in der Unfassbarkeit ein Stück Freiheit. Ich fliege zwischen den Welten und erfasse sie mit allen Sinnen. Ich tauche auf aus einer Welt und trage das Gefasste in die nächste. Ich bin nicht Inhalt im Gefäss, ich bin der Raum. Ich bin unfassbar frei im Sein und Tun. Und doch gefasst in dieses eine Sein und Tun als die, die tut und ist.  

Gedankensplitter: Tun

Was macht Tun zu einem sinnvollen? Muss Tun einem höheren Zweck dienlich sein oder ist die reine Freude am schlichten Tun schon Sinn stiftend genug? Kann ich im Tun meinen Sinn finden, auch wenn er nur der meine ist, ohne darüber hinaus zu gehen, oder brauche ich als soziales und in ein soziales Umfeld eingebundenes und daher meine Bestätigung als Ich kriegendes Wesen eine Verortung durch mein Tun in diesem grösseren Rahmen? Ist das, was ich nur für mich tue, gleich viel wert, wie wenn es auch andere sähen? Ist es gleich viel wert, wenn es anderen etwas brächte? Wie müsste dieser Nutzen sein, dass meinem Tun ein Mehrwert zukäme durch den Nutzen?

Was ist der Nutzen des Tuns für mich? Ist Freude schon genug? Muss es Anerkennung sein? Wie steht es mit Geld? Wiegt es mehr als Freude? Als Anerkennung? Auch wenn es durchaus eine Form der Anerkennung sein kann? Ist Geld immer Anerkennung? Nicht teilweise schlicht der Konvention abgerungen, damit aber auch dem (Über-)Leben dienend? Was wiederum ein Nutzen wäre. Für mich. Aber auch im Auge der Gesellschaft. Ist es dadurch ein Wert? Ein Mehrwert? Für mein Tun? Für mich?

Gedankensplitter: Herzen

Herzen überall. Sie hängen von Decken, an Türen, sind in Bäume geritzt und auf Beine gemalt. Sie schwirren als Symbole durch Timelines und Chats, blinken von Elektrowerbetafeln und prangen an Wänden. Sie zieren Hälse und Finger, baumeln von Ohren. Und manchmal tragen wir sie auf der Zunge. Manchmal zu selten.

Und dann blicke ich in die Welt und vermisse all die Herzen in den Menschen, die Krieg führen, Menschen töten, Kinder schänden und Tiere quälen. Ich vermisse Herzen bei Worten, die stechen, zielen, verletzen, treffen. Bis ins Herz, weil sie nicht aus einem solchen kommen. Ich vermisse Herzen im Miteinander des Tuns und Seins und sehe sie zu viel als Schein.

Und manchmal wünschte ich mir, wir könnten das einfach tauschen. Herzen in Menschen pflanzen und den ganzen Schein den Symbolen überlassen.

Vom Lesen und vom Denken und vom Schreiben

Was Lesen für mich heisst? Eintauchen in neue Welten, in andere Gedankenwelten. Es ist die Neugier auf die Ideen anderer, zu denen ich meine in Beziehung setzen kann. Es ist der Wunsch, mein eigenes Universum zu verlassen, um neue zu ergründen. Es ist der Drang, weiter zu gehen, tiefer zu tauchen, breiter zu denken.

Ein Leben ohne zu denken, wäre für mich kein Leben. Es gliche eher einem Sterben noch zu Lebzeiten. Denken hängt an der Sprache, denn ohne diese hätten die Gedanken keine Gefässe, die sie fassbar machten. Mein liebstes Gefäss ist das Schreiben. Erst da werde ich all der Gedanken wirklich gewahr, kann ich sie in eine Ordnung bringen, lerne ich, sie zu verstehen. Und in diesem Verstehen sind immer schon die nächsten Fragen eingewoben. So führt sich das Leben fort, geht seinen Weg, ich gehe ihn mit. Und denke immer wieder an das Motto, das ich mal über mein Leben stellte, ganz spontan, einfach, weil es mir gefiel:

«Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.»
Rainer Maria Rilke

Und je älter ich werde, desto bewusster wird mir, dass ich genau das wirklich tue.

Lebenskunst: Kraft tanken

«In der Ruhe liegt die Kraft.»

Wie oft hasten wir durchs Leben, wollen alles geschafft kriegen, möglichst parallel, nicht hintereinander. Wir streben nach Erfolg und verlangen von uns Leistung. Wir laden uns immer mehr auf, als ob die Tage endlos und unsere Kräfte unbeschränkt wären. Viel zu oft merken wir nicht, dass wir Grenzen überschreiten: Die anderer, weil wir in unserer Hast unkonzentriert, abgewandt, fahrlässig, gehetzt oder gereizt werden, und unsere eigenen.

Da ist diese Müdigkeit, ein Ziehen in der Brust, ab und an Kopfschmerzen, Unachtsamkeiten, Vergesslichkeiten, angespannte Nerven – es sind kleine Zeichen, die wir oft übersehen, bis sie sich nicht mehr übersehen lassen. Und oft nehmen wir uns vor, es künftig ruhiger anzugehen, nur um bald wieder im gleichen Fahrwasser zu schwimmen. Nun ist es nicht möglich, sich allem zu entziehen, aber wichtig, Prioritäten zu setzen: Was ist wirklich wichtig? Sich dafür die Zeit zu nehmen, es gut und richtig zu machen, führt oft zu einem besseren Ergebnis und zu mehr Zufriedenheit – bei allen Beteiligten. Und: Es ist ein gutes Mittel, bei sich selbst und gesund zu bleiben, statt sich in alle Winde zu verteilen.

Und ab und zu ist es gut, einfach mal nichts zu tun. In Ruhe zu sein. Kraft zu tanken. Durchzuatmen und die Dinge geschehen zu lassen. Wie schon Balu sagte:

«Probier’s mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit.»

Fällt es dir leicht, dir auch mal Ruhe zu gönnen?

Lebenskunst: Grenzen setzen

Sagst du auch oft ja zu etwas, obwohl alles in dir nein schreit? Gibst du auch oft deine Wünsche auf, um die eines anderen zu erfüllen? Wie oft steckst du zurück und wieso? Ich las mal den Spruch:

«Ein Ja zu jemand anderem kann ein Nein zu dir selbst sein.»

Wo wir uns zu sehr verbiegen, in unseren Bedürfnissen übergehen, verneinen wir uns in unserem Sein selbst. Wir nehmen unsere Grenzen nicht wahr und ernst, überfordern und benachteiligen uns. Und oft leiden wir dann. Nicht selten geben wir sogar anderen die Schuld, fühlen uns nicht wahrgenommen, werfen ihm vor, seine Bedürfnisse immer erfüllt zu kriegen. Dabei haben wir das oft selbst so gesteuert. Wieso tun wir das?

Wir sind Bindungswesen. Ohne Bindungen, ohne Beziehungen zu anderen Menschen, ohne das Gefühl, dazuzugehören und dies auch zu spüren, können wir nicht leben. Oft lernen wir schon als kleines Kind, dass wir auf eine Weise sein müssen, um in Ordnung zu sein. Unsere Grenzen werden schon von klein auf übergangen und wir lernen, dass das so läuft im Leben, und übernehmen das in unser Erwachsenenich.

Wenn wir oft genug gelitten haben, kommen wir an einen Punkt, wo wir denken:

«So nicht mehr!»

Was tun? Wichtig ist wohl einmal mehr: Hinschauen. Wo übergehe ich mich, wieso tue ich das? Das gelingt, wenn wir eine konkrete Situation anschauen, wo wir uns selbst wieder nicht ernst genommen haben, und unsere Grenzen überschritten wurden und wie das zuliessen. Was ist in der Situation passiert?

Oft sagte eine innere Stimme «nein». Der Verstand setzte ein und brachte viele vernünftig klingende Argumente, wieso doch. Im Körper regte sich was bei all dem. Meisten ignorieren wir den Körper, weisen die innere Stimme als unvernünftig in die Schranken und folgen unserem Verstand, da wir gerade in unserer westlichen Welt mehrheitlich Kopfmenschen sind, als solche erzogen und be-lehrt wurden. Und genau da liegt auch das Problem: Der Verstand speist sich oft aus äusseren Stimmen, hier werden die Forderungen aus dem Elternhaus, aus Erziehung und Bildung und auch die Erwartungen unserer Gesellschaft laut. Das Ich redet oft wenig mit, zumindest nicht aus sich selbst heraus. Erst wenn wir lernen, auf all unsere Kanäle zu achten: Körper, Intuition und Verstand, werden wir auch lernen, was wir wirklich wollen. Und wir werden lernen, darauf zu hören und es umzusetzen. Weil wir es uns wert sind.

Ignorierst du deine Grenzen oft?

Lebenskunst: Ich bin so frei

Jeder kennt wohl die Situation, dass es in einem brodelt, etwas raus will, man sich aber nicht getraut, es zu sagen. Was, wenn der andere dann enttäuscht, böse, traurig ist? Was, wenn das etwas zwischen uns verändert in einer Weise, die ich nicht will? Und so schweigen wir. Und manchmal hoffen wir dann insgeheim, der andere käme von selbst drauf, was wir wollen. Tut er das nicht, machen wir ihm das fast zum Vorwurf, sogar dann, wenn wir es selbst nicht so genau wissen.

Was ich wirklich will, kann nur ich selbst wissen. Und wenn ich es nicht weiss, weiss es sicher kein anderer.Aber: Ich kann dem auf die Schliche kommen, indem ich in mich hineinhöre: Was will ich wirklich? Oft sind dann verschiedene Stimmen in mir, alle wollen sie etwas anderes. Woher kommen sie? Wer spricht in und durch uns? Welches sind meine wirklichen Bedürfnisse und was ist nur anerzogen, angelernt, Erwartungen geschuldet?

„Das Schlimmste aber, wenn man ein Gefängnis mit unsichtbaren Mauern bewohnt, ist, dass man sich den Schranken nicht bewusst ist, die den Horizont versperren.“ Simone de Beauvoir

Wenn ich selbst nicht weiss, was ich will, oder aber wenn ich mir das, was ich will, versage aus Ängsten heraus, baue ich mir selbst ein Gefängnis, das ich von meinen Ängsten bewachen lasse. ich liefere mich diesen aus und versage mir, so zu leben, wie es mir entsprechen würde.

„Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.“ Simone de Beauvoir

Wirklich authentisch zu sein, meine eigene Natur zu erkennen und zu leben, ist der einzige Weg, der wirklich glücklich macht, weil ich mich nur dann frei und damit auch leicht fühlen kann. Mich selbst hinter Gitterstäben zu halten ist nicht nur eine Unterdrückung von mir selbst, es ist auch eine Absage an erfüllende und bereichernde Beziehungen, da es unmöglich ist, eine gleichberechtigte, freie und zu gegenseitigem Wachstum anregende Beziehung zu leben, wenn ich all das bei mir selbst einschränke oder gar negiere.

Fällt es dir leicht, zu deinen Bedürfnissen zu stehen?