Tagesgedanken: Berührbar sein

Wir werden als Menschen in eine Welt von Menschen geboren und sind dadurch ein möglicher Neuanfang in dieser und für diese Welt. Irgendwie ein schöner Gedanke. Er gründet auf der Überzeugung, dass die Welt nichts Gegebenes ist, sondern etwas Geschaffenes. Wir finden diese Welt auf die Weise vor, wie sie vor unserer Ankunft war, und können sie nun durch unser Sprechen und Handeln mitgestalten, sie also zu einer anderen machen. Hannah Arendt hat diese Gedanken in ein wunderschönes Bild gepackt:

«[So] geht das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus, so dass sowohl die Enthüllung des Neuankömmlings durch das Sprechen wie der Neuanfang, den das Handeln setzt, wie Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern, wie sie ihrerseits alle Lebensfäden, mit denen sie innerhalb des Gewebes in Berührung kommen, auf einmalige Weise affizieren.»

Wir spinnen als Menschen gemeinsam unser Weltennetz, die Welt entsteht also zwischen uns Menschen, sie bedarf, um zu entstehen, unser gegenseitiges In-Beziehung-Treten. Damit diese Beziehung wirklich entstehen kann, müssen wir vom anderen berührt werden, er muss etwas in uns zum Schwingen bringen, was ein gegenseitiges Schwingen sein muss, damit eine wirkliche Beziehung entsteht. Hartmut Rosa bezeichnet dies als Resonanz. Er ist der Überzeugung, dass für ein gelingendes Leben Weltverhältnisse und -beziehungen prägend sind. Diese Beziehungen sind körperlicher und geistiger Natur, es ist ein wirkliches Berühren auf körperlicher Ebene, das seine höchste Form in der körperlichen Liebe findet, und auch ein Berühren auf seelischer Ebene, wo die Sprache als Handlungsform einsetzt. Sprache ist dabei nicht blosses Kommunikationsmittel, sondern ein Weg, die gemeinsame Welt zu schaffen. So sagte schon Wittgenstein:

«Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.»

Ich würde das Zitat insofern abändern als ich sagen würde:

«Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt.»

Denn nur durch eine gemeinsame Sprache, die ein gegenseitiges Verstehen erst ermöglicht, kann eine gemeinsame Welt geschaffen werden. Nur wenn mich das Gesagte des anderen wirklich berührt, ich diesem gegenüber offen bin, kann etwas in mir zum Schwingen kommen. Das braucht auch Mut, da alles, was in mich eintritt, mich auch verändert. Ich werde nach einem Gespräch nicht als die Gleiche hier sitzen, die ich vorher war. Aber nur durch das Zulassen dieses gegenseitigen Veränderns ist eine wirkliche Beziehung möglich. Und nur durch das Zulassen von Beziehungen ist ein wirkliches in der Welt Sein möglich.

Ich glaube, das ist das Geheimnis des ganzen Lebens und auch sein Sinn: Berührbar zu bleiben und in Beziehung zu treten, um gemeinsam eine Welt zu schaffen, in welcher wir alle als je Einzelne und Verschiedene gemeinsam zu Hause sind, geborgen in einem Weltennetz von selbst gesponnen Fäden, die zwischen uns schwingen und klingen und die Musik des Lebens ertönen lassen.

______

Empfehlung zum Weiterlesen und -denken:
Hannah Arendt: Vita Activa
Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (Gedanken dazu HIER)

7 Kommentare zu „Tagesgedanken: Berührbar sein

  1. Sandra: „Ich würde das Zitat insofern abändern als ich sagen würde…“

    Zunächst einmal: Kompliment,
    daß du es wagst, einen Satz eines vermeintlich „großen
    Philosophen“ der eigenen Ansicht gemäß zu verändern!

    Doch damit, daß du (zweimal) den Konjunktiv
    verwendest, knickst du leider wieder ein…

    🌱

    Ludwig Wittgenstein: «Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.»

    Heißt das: Wenn du gelegentlich mal
    sprachlos bist, verschwindet „deine Welt“?

    Der Satz ist blanker Unsinn.

    Wenn man sich (seine Existenz) mit der Sprache gleichsetzt,
    handelt man wie ein Mechaniker, der die Grenze seiner Welt
    an der Grenze seines Werkzeugkoffers festmacht.

    Das wäre dann doch wohl etwas albern:
    Wir sind mehr als unsere Werkzeuge!

    Sprache ist als EIN Mittel zum Zweck
    nur ein Werkzeug zur Verständigung.
     
    Das ist Sinn und Grenze der Sprache.
     
    Wir sind auch dann, wenn wir sprachlos
    sind oder taubstumm, oder meditativ…

    Ohne die Verbal-Sprache können wir aus-
    kommen, aber nicht ohne das Bewußtsein.

    Ob Einsiedler oder Schwätzer ― beide leben in ihrer Welt.
     
    Die Sprache bedarf eines Gegenübers ― das Bewußtsein nicht.

    Gefällt mir

    1. Der Konjunktiv ist rein dem Umstand geschuldet, dass es unmöglich ist Sätze in Büchern zu ändern. Ein weiterdenken ist es aber, das habe ich getan. Und tue es immer, im Sinne eines Selberdenkens.

      Ich würde wohl eher nicht in Kategorien wie „albern“, „Unsinn“ argumentieren wollen, da mir das zu dialogfern und dogmatisch erscheint, doch das halte jeder, wie er mag.

      Gefällt mir

  2. „Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden.
    Alles, was sich aussprechen läßt, läßt sich klar aussprechen.“

    – Ludwig Josef Johann Wittgenstein

    Wo er Recht hat…
    Ohne Konjunktiv.

    Guats Nächtle! 🌙

    Gefällt mir

  3. Sandra: „…dass es unmöglich ist Sätze in Büchern zu ändern. Ein weiterdenken ist es aber, das habe ich getan. Und tue es immer“

    Wenn du weiterdenkst… veränderst du
    die Dinge; das läßt sich nicht vermeiden.

    Konjunktive machen oft
    einen krummen Rücken.

    Philosophie verlangt eine klare Sprache.

    Philosophie = Liebe zur Weisheit =
    Liebe zur Wahrheit = Liebe zur Klarheit.

    🍀

    Sandra: „Ich würde wohl eher nicht in Kategorien wie „albern“, „Unsinn“ argumentieren wollen, da mir das zu dialogfern und dogmatisch erscheint“

    Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge
    geschrieben worden sind, sind nicht falsch…, sondern unsinnig.

    Ist dieser Satz (ohne Konjunktiv) wahr
    ― oder als ungebührlich zu kritisieren?

    Falls du sagst, daß er wahr sei, sind wir so weit einig.

    Meinst du dagegen, daß er nicht deiner Vorstellung von Etikette entspricht,
    sage ich jetzt, daß es sich um ein Zitat… vom Ludwig Wittgenstein handelt.

    Kritisierst du Wittgenstein nun auch, weil er
    sich „dialogfern und dogmatisch“ benimmt?

    Oder legst du unterschiedliche Maßstäbe an?

    🍀

    Philosophieren heißt, Klarheit
    über Befindlichkeiten stellen.

    Klare Wahrnehmung und
    emotionale Befindlichkeit
    sind verschiedene Welten.

    Philosophie und mitleidiger Trost: „Ach, du armes
    Seelchen!“ (Eva Mozes Kor) gehen nicht zusammen.

    Philosophie heißt Klarheit aushalten und heißt
    ebenfalls, (dem Anderen) Klarheit zuzumuten.

    🍀

    Einen an Freude
    reichen Tag ☀️
    wünscht Nirmalo

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s