Flüchtlinge – oder: Werte auf dem Prüfstand

Lange dachten viele von uns hier im westlichen Europa, wir wären die Generationen, die nie einen Krieg erlebt haben oder erleben würden. Zwar gab es auf der Welt durchaus Krieg, doch der war immer woanders. Er war weit weg und wir verschlossen die Augen, so gut es eben ging. Gestört in unserer heilen Welt wurden wir nur, wenn Menschen aus Kriegsgebieten plötzlich in Scharen über die Grenzen wollten, wenn Menschen, die nicht mehr bleiben konnten, wo sie waren, Zuflucht suchten.

Unsere Sicht mussten wir revidieren. Es ist Krieg. Und er ist nicht so weit weg, als dass er uns nicht betreffen müsste. Ein machtbesessener, grössenwahnsinniger und selbstherrlicher Herrscher will sich ein Denkmal setzen und sein Machtgebiet zu ihm genehmen Grössen anwachsen lassen. Dafür geht er sprichwörtlich über Leichen, überschreitet mit fadenscheinigen (wenn auch durchaus immer mit ein bisschen Wahrscheinlichkeit behafteten) Gründen ebenso sprichwörtlich die Grenzen. Die Ukraine verteidigt ihr Land, sie sagen, wenn nötig mit allem, was nötig ist, was schlussendlich das Leben sein kann. Und oft sein wird. Viele Menschen fliehen, weil ein Leben so nicht mehr lebenswert, oft nicht mal mehr lebbar ist. Häuser liegen in Trümmern, die Welt, wie sie mal war, existiert für sie nicht mehr.

„Flüchtlinge sind heutzutage jene unter uns, die das Pech hatten, mittellos in einem neuen Land anzukommen und auf die Hilfe der Flüchlingskomitees angewiesen waren.“*

Diese Worte stammen von Hannah Arendt, zum ersten Mal erschienen sie 1943 in der Zeitschrift The Menorah Journal im Aufsatz We Refugees (Wir Flüchtlinge). Auch wenn sie sich in diesem Aufsatz auf die Flucht der Juden aus Deutschland bezieht, hat sich an der Grundproblematik bis heute nichts geändert – das Thema ist aktuell und wird es so lange bleiben, wie irgendwo auf der Welt Krieg herrscht.

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüsst, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein.“*

Immer wieder hört man, Flüchtlinge überfluten unsere Länder, sie machen unsere Kultur kaputt, weil sie zu viel von ihrer mitbringen. Die Menschen hier sehen sich in ihrer Identität gefährdet, weil sie plötzlich mit Neuem konfrontiert sind. Nur: Wenn man sich mal mit der anderen Seite befasst, sieht man, dass nicht die Menschen hier es sind, deren Identität in Gefahr ist. Die Menschen, die hier herkommen, die ihre Sprache, ihre Gebräuche, ihre Gewohnheiten hinter sich lassen mussten, oft auch die Mehrheit der Familie und Freunde, sie sitzen in einem fremden Land, in dem sie von vielen nicht willkommen sind, sind fremden Bräuchen ausgeliefert und haben vieles, das Bestandteil ihrer Identität war, verloren. Vielleicht ist es vor diesem Hintergrund klar, dass sie sich ein paar Dinge bewahren wollen – und sei es nur die Religion, die denen, die glauben, Halt geben kann in einer sonst haltlosen Situation.

„Der Mensch ist ein geselliges Tier, und sein Leben fällt ihm schwer, wenn er von seinen sozialen Beziehungen abgeschnitten ist. Moralische Wertvorstellungen sind viel leichter im gesellschaftlichen Kontext aufrecht zu erhalten.“*

Man sperrt Flüchtlinge in Heime, am liebsten möglichst weg von den Siedlungen der Menschen hier. Es wird von Standortentwertung gesprochen durch Flüchtlingsheime, man fürchtet um Leib und Leben, fühlt sich nicht mehr sicher, wenn die Flüchtlinge hier sind. Fast könnte man meinen, es ginge um eine Horde wilder Tiere, über die gesprochen wird, aber nein, es sind Menschen.

Leiden verbindet, insofern ist es nicht verwunderlich, dass Menschen, die hierher kamen durch eine Flucht, sich aneinander halten. Da viele hier zudem Berührungsängste haben, bleibt den Neuankömmlingen (diese Bezeichnung hätte sich Hannah Arendt statt Flüchtling gewünscht) wenig anderes übrig. Genau das ist aber problematisch. Wie sollen sich Menschen hier integrieren können, wenn man sie ausschliesst? Wie sollen sie unsere Gebräuche kennenlernen und sich einbringen lernen, wenn man sie nicht lässt? Wie sollen sie sich hier heimisch fühlen, wenn man sie wie Aussätzige behandelt?

Wir sprechen immer von Menschlichkeit und Mitgefühl, schreiben ethische Werte auf unsere Flaggen, aber: Wenn es drauf ankommt, ist sich oft jeder der Nächste. Dann zählt plötzlich der Schutz der eigenen Persönlichkeit, die man durch das Kommen (zu vieler, wie man findet) Fremder gefährdet sieht, mehr als Hilfe für oft um Leib und Leben bangende Menschen, die die grössten Strapazen auf sich nahmen, nur um wenigstens eine Chance auf Überleben zu haben. Schön wäre es, würde es nicht beim Überleben bleiben, sondern ein Leben draus. Und da sind wir gefordert.

Flüchtlinge nehmen uns nicht die Arbeit weg, sie haben ihre verloren. Sie stehlen auch unser Geld nicht. Wir haben Gesetze und Richtlinien, wie man Menschen in welchen Notlagen helfen kann – so funktioniert ein Sozialstaat, zu dem wir alle grundsätzlich ja sagen – ansonsten müsste man die gesetzlichen Grundlagen ändern, nicht den Flüchtlingen die Schuld zuweisen, denn sie haben weder die Gesetze gemacht noch können sie irgendwas hier bewegen. Insofern sind sie Gäste in einer fremden Kultur, an der sie in vielen Bereichen nicht teilhaben können.

Es wird nun an uns sein, zu zeigen, dass Werte wie Menschlichkeit, Empathie und Solidarität nicht nur leere Worte sind. Es wird an uns sein, Gastfreundschaft zu zeigen, gemeinsam ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in welchem Menschen, die dringend Zuflucht brauchen, diese finden und fühlen: Hier darf ich sein, hier kann ich auf- und durchatmen.

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*Hannah Arendt: Wir Flüchtlinge

7 Kommentare zu „Flüchtlinge – oder: Werte auf dem Prüfstand

  1. Ein sehr gut geschriebener Artikel und es sind meine Gedanken, die sich um diese Themen bewegen. Wenn wir uns diesmal richtig verhalten, kann so eine neue Freundschaft in ganz Europa entstehen, die vielleicht so nachhaltig ist, um uns alle zu einen Doch ohne eine Ukraine wird dies nicht gelingen, denn wohin sollen Menschen, welche ihre Heimat verloren haben? Mein Traum ist, dass die Ukrainer wieder in ihr Land können, es mit unser aller Hilfe wieder aufbauen und mit etwas Wehmut Freunde in ganz Europa zurück lassen …

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  2. Sandra: „Ein machtbesessener, grössenwahnsinniger und selbstherrlicher Herrscher will sich ein Denkmal setzen und sein Machtgebiet zu ihm genehmen Grössen anwachsen lassen.“

    Das ist die einfache Variante. Wir wissen Bescheid.
    Es ist die Variante, die Zustimmung verspricht.

    Wir müssen nicht die Anstrengung unternehmen,
    genauer hinzusehen, bevor wir das Urteil fällen.

    Der Schuldige steht fest.

    Alles Ungemach wird auf den einen Bösewicht projiziert
    und wir selbst sind selbstverständlich (!) aus dem Schneider.

    Also brauchen wir unseren Beitrag…
    auch gar nicht weiter zu untersuchen.

    Das überlassen wir den Geschichtsschreibern.

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  3. In dem Weihnachts-Kultfilm „Kevin allein zu Haus“ wird dieses Verhaltensmuster als Ausgangsituation verwendet: Kevin wird so lange drangsaliert, bis ihm der Kragen platzt. Nur letzteres wird allgemein wahrgenommen. Also wird auch nur Kevin (als „verursachender Terrorist“) beschimpft und bestraft.

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  4. Ein treffender Text, der mich zu folgendem Gedanken anregte: Flüchtling kann es nur geben, wenn es Ländergrenzen gibt. Egal auf welcher Seite man steht, sieht man eine Notwendigkeit, diese Grenzen aufrecht zu erhalten. Flüchtlinge, also Menschen, die die Flucht ergreifen, nehmen soviel auf sich, dass man ihre Not erahnen kann. Ob sie vor einer Tyrannei fliehen oder vor dem Hunger, ist einerlei. Aber wären jene, die auf der anderen Seite von Tyrannei und Hunger stehen bereit, die Grenzen nicht nur zu öffnen, sondern sie fallen zu lassen? Wir müssten ein ganz schönes Stück an Bequemlichkeit und Wohlstand abgeben. Ohne diese Bereitschaft wird der Flüchtlingsstrom kaum versiegen.

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    1. Grenzen im Sinne der Idee, Gemeinschaften zu haben, die eine Grösse und Verbundenheit haben, die noch „überschaubar“ ist, erachte ich durchaus als sinnvoll. Nur müsste man wohl dahin gehen, zu überdenken, wozu die Grenzen dienen. Eine einzige Welt ist wohl kaum ein tragbares Gefäss, aber Brücken und Tore, die eine Verbundenheit dazwischen ausdrücken, die wären sinnvoll.

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