„Flüchtlinge sind heutzutage jene unter uns, die das Pech hatten, mittellos in einem neuen Land anzukommen und auf die Hilfe der Flüchlingskomitees angewiesen waren.“[1]

Diese Worte stammen von Hannah Arendt, zum ersten Mal erschienen sie 1943 in der Zeitschrift The Menorah Journal im Aufsatz We Refugees(Wir Flüchtlinge). Auch wenn sie sich in diesem Aufsatz auf die Flucht der Juden aus Deutschland bezieht, hat sich an der Grundproblematik bis heute nichts geändert – das Thema ist aktuell und wird es so lange bleiben, wie irgendwo auf der Welt Krieg herrscht.

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüsst, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein.“[2]

Immer wieder hört man, Flüchtlinge überfluten unsere Länder, sie machen unsere Kultur kaputt, weil sie zu viel von ihrer mitbringen. Die Menschen hier sehen sich in ihrer Identität gefährdet, weil sie plötzlich mit Neuem konfrontiert sind. Nur: Wenn man sich mal mit der anderen Seite befasst, sieht man, dass nicht die Menschen hier es sind, deren Identität in Gefahr ist. Die Menschen, die hier herkommen, die ihre Sprache, ihre Gebräuche, ihre Gewohnheiten hinter sich lassen mussten, oft auch die Mehrheit der Familie und Freunde, sie sitzen in einem fremden Land, in dem sie von vielen nicht willkommen sind, sind fremden Bräuchen ausgeliefert und haben vieles, das Bestandteil ihrer Identität war, verloren. Vielleicht ist es vor diesem Hintergrund klar, dass sie sich ein paar Dinge bewahren wollen – und sei es nur die Religion, die denen, die glauben, Halt geben kann in einer sonst haltlosen Situation.

„Der Mensch ist ein geselliges Tier, und sein Leben fällt ihm schwer, wenn er von seinen sozialen Beziehungen abgeschnitten ist. Moralische Wertvorstellungen sind viel leichter im gesellschaftlichen Kontext aufrecht zu erhalten.“[3]

Man sperrt Flüchtlinge in Heime, am liebsten möglichst weg von den Siedlungen der Menschen hier. Es wird von Standortentwertung gesprochen durch Flüchtlingsheime, man fürchtet um Leib und Leben, fühlt sich nicht mehr sicher, wenn die Flüchtlinge hier sind. Fast könnte man meinen, es ginge um eine Horde wilder Tiere, über die gesprochen wird, aber nein, es sind Menschen.

Leiden verbindet, insofern ist es nicht verwunderlich, dass Menschen, die hierherkamen durch eine Flucht, sich aneinander halten. Da viele hier zudem Berührungsängste haben, bleibt den Neuankömmlingen (diese Bezeichnung hätte sich Hannah Arendt statt Flüchtling gewünscht)   wenig anderes übrig. Genau das ist aber problematisch. Wie sollen sich Menschen hier integrieren können, wenn man sie ausschliesst? Wie sollen sie unsere Gebräuche kennenlernen und sich einbringen lernen, wenn man sie nicht lässt? Wie sollen sie sich hier heimisch fühlen, wenn man sie wie Aussätzige behandelt?

Wir sprechen immer von Menschlichkeit und Mitgefühl, schreiben ethische Werte auf unsere Flaggen, aber: Wenn es drauf ankommt, ist sich oft jeder der Nächste. Dann zählt plötzlich der Schutz der eigenen Persönlichkeit, die man durch das Kommen (zu vieler, wie man findet) Fremder gefährdet sieht, mehr als Hilfe für oft um Leib und Leben bangende Menschen, die die grössten Strapazen auf sich nahmen, nur um wenigstens eine Chance auf Überleben zu haben. Schön wäre es, würde es nicht beim Überleben bleiben, sondern ein Leben draus. Und da sind wir gefordert.

Flüchtlinge nehmen uns nicht die Arbeit weg, sie haben ihre verloren. Sie stehlen auch unser Geld nicht. Wir haben Gesetze und Richtlinien, wie man Menschen in welchen Notlagen helfen kann – so funktioniert ein Sozialstaat, zu dem wir alle grundsätzlich ja sagen – ansonsten müsste man die gesetzlichen Grundlagen ändern, nicht den Flüchtlingen die Schuld zuweisen, denn sie haben weder die Gesetze gemacht noch können sie irgendwas hier bewegen. Insofern sind sie Gäste in einer fremden Kultur, an der sie in vielen Bereichen nicht teilhaben können.

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[1]Hannah Arendt, Wir Flüchtlinge, S. 9
[2]Hannah Arendt, Wir Flüchtlinge, S. 10
[3]Hannah Arendt, Wir Flüchtlinge, S. 26

Billag-Gebühren auf dem Prüfstand

Immer wieder schlagen unsere Fernsehgebühren Wellen. Immer werden Stimmen laut, die fordern, diese abzuschaffen. Ja, ich fände das auch nett. Zumal mein Budget nicht unendlich und das Leben teuer ist.

Ich schaue selten fern. Schon gar nicht am Fernseher. Der hängt eher so als dekoratives schwarzes Rechteck in der Stube und wird nie benutzt. Wenn ich am Computer schaue, geht die Auswahl des Programms quer durch die Sender, je nach aktuellen Vorlieben. Meist Zattoo und Netflix. Ich käme auch mit Netflix alleine aus. Wieso also Billag? Was hab ich mit dem Schweizer Fernsehen am Hut?

Ich mag vieles auf SRF. Vieles auch nicht. Manches finde ich höchst fragwürdig. Zum Beispiel die Übertragung stundenlanger Imam-Gebete. Am Sonntag Morgen. Ich möchte auch keine anderen Gebete schauen – aber das bin ich, andere sind anders. Die Mischung macht’s und SRF kriegt die gut hin. Ganz viel hat ganz viel Hand und Fuss – man denke an die Sternstunden, die Doks, die Nachrichtenformate.

Krimi und Liebesschnulz halten sich die Waage, die Informationsformate sind (ok, Arena ausgeschlossen) informativ – ja, für Leistung soll man bezahlen. Heute herrscht aber leider eine Mentalität vor: Ich will möglichst viel und ich möchte es gerne gratis. Irgendeiner verkauft sich sicher für lau. Damit erpresst man dann die, welche für ihre Leistung Geld wollen.

Und die, die so handeln, gehen dann dahin und predigen Ethik und Werte. Sie stellen sich hin und fordern eine menschlichere Welt. Wo man sich so gegenseitig schätzt. Anerkennt, was jeder leistet. Da gebe ich ihnen Recht. So soll es sein. Nur: Das hört dann wohl beim eigenen Geldbeutel auf.

Klar kann man hinterfragen, wofür die gezahlten Gelder gebraucht werden. Schlussendlich sollte das Programm einer möglichst breiten Masse entsprechen und es soll diese über das, was in unserer Welt passiert, informieren. Das passiert aktuell eigentlich sehr gut. Darum werde ich weiter zahlen. Nicht gerne, ich zahle nichts gerne. Aber:

Jeder soll kriegen, was er verdient.

Social Media boomt. Wir bewegen uns darin und definieren uns darüber. Facebook, Twitter, Instagram – drei Programme, dasselbe Muster: Wer am meisten Klicks kriegt, ist der Sieger. Social Media ist das absolute Extrem der menschlichen Leistungsgesellschaft. Und: Social Media entlarvt sie auch – wenn man hinschaut.

Es gewinnt nie der Beste. Es gewinnt auch nicht der, welcher Sinn, Wert oder Inhalt hat. Es gewinnt der, welcher am besten netzwerkt. Wie netzwerkt man gut? Indem man liefert, was gefragt ist, verkauft, was gesucht ist. Qualität ist kein Merkmal. Wirklich begnadete Künstler haben gerade mal 100 Follower, Menschen mit Schminktipps und den ewig gleichen Einrichtungsbildern eine Million.

Nun kann man sagen: Das ist im Leben auch so, das ist doch nicht der Fehler von Social Media. Ich stimme dem zu. Es legt den Mechanismus einfach gnadenlos offen. Wenn man ihn denn sehen will.

Bedenklich wird er, wenn Menschen sich über diese Klicks definieren. Sie scrollen täglich durch die Bilder ähnlicher Kategorien und prüfen deren Klicks. Sie vergleichen und sehen sich im Rückstand. Und sie bewerten sich danach. Sie sind minderwertig. Offensichtlich. Es muss so sein, sonst klickten mehr. Dieses Kriterium könnte bei nicht mal sehr tiefer Recherche und Bewertung widerlegt werden, nur geht es schon lange nicht mehr um Sachlichkeit. Es sind Emotionen, die spielen – und: an diesen Emotionen hängen Bilder, Selbstbilder.

Junge Frauen stellen immer freizügigere Bilder ins Netz, hungern sich auf Kleidergrössen im bald Minusbereich, um mithalten zu können. Menschen verbiegen sich, basteln sich ein Image zurecht, um vor einem Haufen eigentlich fremder Menschen bestehen zu können, da nur deren Bestätigung den eigenen Wert definiert.

Man kann nun sagen, das sei nichts Neues, Menschen hätten schon immer anderen gefallen wollen. Das stimmt wohl. Wollte man früher aber der Gesellschaft der Menschen gefallen, die man kannte, sind es heute Millionen da draussen, für die man kaum weniger als ein kurzer Text oder eine gezielt positionierte Summe von Bildern ist. Ab und an geht es tiefer, keine Frage, und das ist wunderbar und das wirklich Tolle an Social Media. Gefährlich wird es, wenn wir unser Sein und unseren Wert auf diesen Klicks aufbauen – oder vernichtet sehen.

Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt

Was sind Werte und wie viele gibt es?

Als ob nicht alle Worte Taschen wären, in welche bald Diess, bald Jenes, bald Mehreres auf einmal gesteckt worden ist! (Nietzsche)

Werte scheinen in aller Munde. Hört man heutigen Politikern zu, nehmen Werte einen wichtigen Platz in ihren Reden ein. Egal, ob es um die Flüchtlingsproblematik, das Bildungswesen oder Gesundheitssysteme geht – mit Werten wird die eigene Haltung gerechtfertigt und dem Volk schmackhaft gemacht, da es schliesslich die Werte des Volkes seien und man diesen verpflichtet wäre. Während wir im Alltag also ständig mit Werten konfrontiert sind und auch selber drauf bauen, erfahren sie in der Wissenschaft eine eher stiefmütterliche Behandlung.

Andreas Urs Sommer stellt im vorliegenden Buch die Frage, wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir von Werten reden. Wer bestimmt sie, was beinhalten sie, was bedeuten sie für eine Gesellschaft und für das Individuum? Er geht dabei strukturiert vor, hält sich an Aristoteles’ Kategorienlehre und stellt entsprechend Fragen:

  • Was ist ein Wert?
  • Wie ist ein Wert?
  • Worauf bezieht sich ein Wert?
  • Wo braucht man ihn?
  • Was haben und tun Werte?
  • etc.

Das Buch handelt nicht davon, welche konkreten Werte wir haben oder haben sollen, sondern versucht sich in einer systematischen Begriffsanalyse dahingehend, herauszufinden, wozu Werte gut und wichtig sind, wie sie beschaffen sind und sein müssen, um in der heutigen Gesellschaft von Nutzen zu sein.

Ein Exkurs des Buches setzt sich mit der Beziehung von Werten und Menschenrechten auseinander, ein weiterer nimmt die Tagespolitik rund um das aktuelle Flüchtlingsthema unter die Lupe. So schlägt Urs Andreas Sommer den Bogen von der theoretischen Analyse hin zur aktuellen Weltlage, wobei er das auch innerhalb der einzelnen Kapitel immer wieder anschaulich und fundiert tut.

Der Titel des Buches mag etwas sperrig klingen und Widerspruch herausfordern, beruft sich aber einfach auf die zugrundeliegende These. Die Wendung, dass es Werte nicht gäbe, besagt schlussendlich nur, dass sie nicht aus sich heraus existieren, sondern vom Menschen gemacht sind.

Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt ist ein fundiertes, analytisch tiefgehendes Buch, das den Begriff des Wertes von allen Seiten betrachtet und versucht, den Sinn und den Nutzen von Werten für den modernen Menschen in seiner Welt herauszuarbeiten. Müsste man etwas negativ anmerken, so wäre dies der oft sehr metaphorische, blumige, in Bilder abdriftende Schreibstil des Autors, der teilweise den Inhalt zu sehr überlagert und in dem Umfang den eher sachlich veranlagten Leser etwas irritieren kann.

Fazit
Ein sehr tiefgehendes, breit abgestütztes und scharfsichtiges Buch über ein Thema, das in aller Munde und trotzdem (oder deswegen?) oft vernachlässigt wird. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor:
Andreas Urs Sommer (*1972) lehrt Philosophie an der Universität Freiburg i.B. und leitet die Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Einem breiteren Publikum ist er mit Zeitungs­ und Zeitschriftenartikeln sowie insbesondere mit seinen Büchern Die Kunst, selber zu denken und Lohnt es sich, ein guter Mensch zu sein? sowie Die Kunst des Zweifelns bekannt geworden.

 

Angaben zum Buch:
SommerWerteTaschenbuch: 152 Seiten
Verlag: J. B. Metzler Verlag (10. Juni 2016)
ISBN: 978-3476026491
Preis: EUR: 19.95 ; CHF 25.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

Ein Thema ist in aller Munde: Das Burkaverbot. Stimmen werden laut, es müsste dringend umgesetzt werden, denn als Zeichen der Unterdrückung – als solches werden Burkas hingestellt – seien Burkas nicht mit unseren westlichen Werten vereinbar. Auf welche Werte beruft man sich genau? Mehrheitlich wohl auf zwei: Die Gleichstellung von Mann und Frau (im Sinne von „alle Menschen sind gleich und keiner dem anderen Untertan) und auf die Freiheit (die der Frau wird als eingeschränkt betrachtet).

Für unsere Breitengrade ist das Bild einer von Kopf bis Fuss verhüllten Frau in der Tat eher fremd und der Gedanke, sich freiwillig so zu kleiden, erscheint abwegig. Und: Was wir uns nicht vorstellen können, das kann es nicht geben, woraus folgt: Nie und nimmer tragen diese Frauen das freiwillig, die müssen quasi gezwungen werden dazu. Wer aber zwingt? Als Täter steht schnell der Mann auf dem Tapet, dieser stützt sich auf den Koran, ergo haben wir die zwei Hauptverdächtigen: Religion und Männer. Und die armen Frauen sind die Opfer im Umzug, die sich von beiden unterbuttern lassen. Mit dieser Argumentation spricht man den Frauen jegliche Kompetenz, selber zu denken ab. Es kann nicht sein, dass sie selber den Koran so auslegen und sich für diese Kleidung entscheiden. Es kann auch nicht sein, dass sie für sich in dieser Art Kleidung etwas sehen, das ihnen entspricht. Es muss Unterdrückung sein, denn sonst würden sie mit hochhackigen Schuhen und knappem Mini durch die Gegend laufen.

Ich möchte nicht verneinen, dass es Länder gibt, die sehr patriarchalisch aufgebaut sind, in denen Frauen kaum einen oder keinen Stellenwert haben. Es gibt viele Länder, in denen noch heute Buben die Krone der Schöpfung, Mädchen der vernachlässigbare Abschaum sind, den man genau so behandelt. Dies sind aber bei weitem nicht nur Länder, in denen die Burka an der Tagesordnung ist. Ich möchte aber auch nicht verneinen, dass es Männer gibt, die ihre Frauen in Burkas zwingen. Idioten, die ihre Frauen unterdrücken, gibt es auf der ganzen Welt, die brauchen dazu auch keine Burka. Sie können sich auch an einem zu kurzem Rock, an einem zu grossen Dekolleté, an zu vielen Kilos auf den Rippen oder einem schlecht geführten Haushalt stören und entsprechend reagieren. Wollen wir das auch verbieten? Bloss: Wie erkennt man es auf der Strasse?

Was bei der ganzen Diskussion um das Burkaverbot auffällt, ist, dass es nicht um die Burka an sich geht, sondern nur darum, sie auf unseren Strassen, in unseren Ländern zu verbieten. Was die Frauen dann zu Hause machen, ist egal, das kümmert wenig. Vielleicht so ein bisschen, aber nicht wirklich sehr. Geht es also bei der ganzen Diskussion wirklich um die Rechte der Frau oder aber mehr um unsere eigenen Befindlichkeiten? Ist es nicht viel mehr so, dass uns der Anblick von so viel fremder Kultur so verstört, dass wir uns mit uns selber nicht mehr wohl fühlen? Wie sollen wir darauf reagieren? Wie gehen wir damit um? Was fordert das von uns und wie reagieren wir darauf? All diesen Fragen können wir entgehen, wenn wir das Fremde einfach verbannen. Dann haben wir wieder unsere schöne kleine Welt, die wir kennen und in der wir uns wohl fühlen.

Um der Freiheit willen eine Kleidung zu verbieten, ist in etwa so, wie das Wasser aus dem Swimmingpool zu lassen, wenn man schwimmen gehen will.

Schaut man Dokumentationen über Indien, sieht man, dass neben der Schönheit der Natur, der Vielfalt der Götter und der Buntheit der Traditionen vor allem eines vorherrscht: Missstände. Armut treibt Bauern in den Selbstmord, die hinterbliebenen Familien kommen mehr schlecht als recht über die Runden, Mädchen sind unwert, werden entweder gleich abgetrieben oder aber vernachlässigt und so dem Tod anheim gegeben. Kastensysteme sind noch heute vielerorts undurchdringbar, was vor allem für die unteren Kasten ein oft mehr als bedenkliches Leben bedeutet.

Aus diesen Land stammt der Yoga, der in unseren Breitengraden einen Höhenflug erlebt, der seinesgleichen wohl sucht. Ständig öffnen neue Studios ihre Türen, Shops an prominenter Lage mit teuren Yogakleidern, glänzenden Böden und ebensolchen Bildern an den Wänden laden gewillte Yogis ein, sich stilgemäss für die Yogastunde einzudecken. Die ganz ernsthaften Yogis üben nicht nur regelmässig auf der Matte, nein, sie sind schon weiter und belächeln die noch still übenden als Mattenturner. Denn: Yoga ist mehr, Yoga ist nicht nur Sport, es ist eine Philosophie. Mit Werten, Geboten und spirituellen Ansprüchen. Die werden gerne propagiert, jedem, der sie hören will – oder auch nicht – um die Ohren gehauen.

Von Yamas und Niyamas ist die Rede, das erste der ersten ist Ahimsa: Gewaltfreiheit. Das wird besonders gerne auf die Ernährung angewendet: Veganismus ist das einzig Wahre, alles andere übt Gewalt an Tieren aus und ist damit zu verdammen. Die Art und Weise, das den Ungläubigen zu vermitteln ist oft aggressiv und abwertend, vom Gedanken des Nicht-Wertens, der im Yoga ebenfalls sehr hoch angesiedelt ist, merkt man kaum mehr was. Man kann nun mit gutem Willen sagen, dass hier ein Wertekonflikt herrscht und die Gewaltlosigkeit das Nichtwerten übertrifft an Relevanz und drum aussticht. Ob die oft aggressive Art allerdings nicht auch eine Form von Gewalt ist? Das bleibe dahingestellt. Sie gehen so ja gegen Ignoranten vor, sagen sie, der Zweck heiligt wohl quasi die Mittel.

Nun geht, wer ein guter Yogi sein will, gerne zurück zu den Wurzeln. Er reist nach Indien. Mindestens einmal im Jahr, wenn möglich, gerne auch für länger. So mancher mag sich wohl fragen, wie sich das finanziert, doch das geht keinen was an, über Geld spricht man nicht, man hat es nur – auch in der Yogaszene, sonst würden die glänzenden Angebote nicht so ziehen. Oft wird es auch anstrengend verdient, durch Retreats an entlegenen Orten, Workshops rund um die Welt. Der moderne Yogi jettet um die Welt – gibt es eine ökologische Gewalt? Die darf man wohl nicht anführen, schliesslich muss der Mensch ja von etwas leben und wir wollen nicht werten. Aber zurück:

Der moderne Yogi sitzt nun also in Indien und will sich eine Zeit lang den Ursprüngen seiner Lebenswese widmen. Durch die sozialen Medien kann die Welt daran teilhaben und wird Zeuge der enthusiastischen Ausrufe. Es ist die Rede vom „Paradies“, Indien wird als „Wundervolle Heimat“ bezeichnet und alles ist wundervoll, erhaben. Ich sah noch nie Bilder von Obdachlosen, welche die Strassen säumen nachts, hörte nie etwas über die Missstände vor Ort. Dieselben Yogis, die hier also Menschen aggressiv angehen wegen ihrer Ignoranz Tieren gegenüber, propagieren ein Land, das Menschenrechte (und vor allem auch Frauenrechte) noch heute mit Füssen tritt, als Paradies. Als Heimat des Herzens.

Es gibt diese Situation vermutlich in vielen Gruppierungen und bei Menschen verschiedener Überzeugung. Vielleicht sollte man einfach mal die eigenen Werte überdenken und sich fragen, ob man sie wirklich konsequent anwendet… oder nur situativ, wie sie grad ins Bild passen.

Migros eröffnet das Konzept der Zukunft. „Welle 7“ heisst es, ist beim Bahnhof Bern. Am Morgen kann man – wann immer man will – ein Fitnessprogamm wählen – woher auch immer. Man muss aber nicht, man ist nicht verpflichtet. Man entscheidet so aus Lust und Laune.

Danach kann man einen „Workingspace“ mieten. Wenn man ihn grad braucht. Wenn nicht, kann man es auch lassen. Auch hier: Freiheit pur. Alles ist frisch aufgebaut, mit markigen Wörtern, unverbindlichen Angeboten. Das zieht heute. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man sich nicht mehr verpflichten will. Schliesslich steigen auch die Scheidungsraten. Und wenn schon nicht hält, was man auf ewig schwört, wie will man noch in andern Bereichen hinstehen und bleiben?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der man einfach mal nimmt, was man kriegt. Und dann sagt: Aber so ganz weiss ich das eigentlich noch nicht. Darf ich mal probieren? Und oft trifft man auf solche, die Leute brauchen, die kommen. Und sie hoffen, dass die dann bleiben. Und straucheln, weil die nur mal schauen wollen. Um eventuell zu bleiben. Es ist nicht so klar. Man weiss es nicht. Aber man kann es ja. Man ist schliesslich Kunde. Egal, was das für einer ist, der das Angebot gibt. Es ist ein Angebot. Man muss es nicht nehmen.

Die Angebote spriessen. Immer mehr. Weil viele nicht mehr wissen, wie überleben, ohne ein Angebot zu liefern. Und die andern sind froh: Sie haben die Wahl. Und sie nutzen sie. Unbarmherzig. Denn: Sie können es. IN ihrem Bereich sind sie dann wieder die, die warten. Weil andere auch nutzen. Weil sie es können. Und so geht der Kreislauf weiter und malmt Menschenseelen nieder. Jeder, der kann, drückt einen anderen nieder. Schliesslich wird er ja auch niedergedrückt. Von anderen, die können. Das geht so endlos weiter. Bis einer „Stop“ sagt. Und dann hadert. Was, wenn er untergeht, weil andere drüber laufen?

Was aber, wenn keiner „stop“ sagt?

Der Tag war schön, die Sonne schien. Ich lief durch meine Stadt, ich war zu früh für eine Verabredung. Zeit also, mal wieder zu geniessen, was quasi vor der Haustür liegt, selten gesehen ist, weil man lieber im Internet ferne Destinationen googelt und dann in Bildern und Träumen schwelgt, statt das so Naheliegende zu geniessen. Ich genoss.

Bei Schlendern kam ich zum Zirkus Robinson. Der hatte seinen Zelte (es war eigentlich nur eine Bühne) inmitten der Stadt aufgebaut und die motivierten kleinen Artisten boten eine Show vom feinsten. Für all diejenigen, die den Zirkus nicht kennen sollten, sei gesagt: Ein Zirkus mit Kindern, die üben, proben, Herz und Blut einbringen und dann auftreten.

Der Zirkus führte also auf, die Das Besucherareal war eingegrenzt und hatte ein Tor, an dem man Tickets kaufen und damit dieses wunderbare Projekt unterstützen konnte. Ich lief um den Zaun rum, und sah ein Paar. Beide gut und teuer bekleidet, standen sie da. Sie guckten durch einen Spalt im Zaun. So umgingen sie den Eintritt. Sie blinzelten nicht mal schnell rein, um zu sehen, was da zu sehen wäre. Nein, sie schauten lange und intensiv.

Das ist sie wohl, unsere Welt. Das Geld geht für teure Klamotten und Status drauf, den Rest holt man sich gerne umsonst. Dass damit das stirbt, was diese Welt lebenswert macht, ist egal. Betrifft einen ja nicht.

Der Zirkus Robinson ist übrigens noch ne Weile in Zürich, führt da auf. Schaut mal rein, es geht auch bequem auf Stühlen, man muss nicht stehend durch einen Spalt linsen…Die Daten findet ihr HIER

In Orlando schiesst einer in einer Bar um sich und tötet dutzende Menschen. Die Betroffenheit ist gross, der Täter wird analysiert, es kommen mehr und mehr Details ans Licht über sein Leben, seine Absichten, seine Psyche. Spekulationen über seine Motive werden gemacht. Sympathien zum IS? Antipathien gegen Homosexuelle (die Bar war ein Treffpunkt)? Die Suche wird wohl weiter gehen.

Als ob die Tat nicht schlimm genug wäre, liest man nun auf Facebook empörte Statements. Man hätte sich mit Paris identifiziert (Je suis Charlie), mit Brüssel (eingefärbte Avatar) – keiner sei nun schwul oder zeige seinen Avatar in Regenbogenfarben. Damit sei der ganze Kampf für Akzeptanz der Homosexualität dahin und jeder nicht Stellungbeziehende sei potentiell homophob. Und schlimmer: Jeder Homosexuelle dadurch ein Opfer. Irgendwie.

Ich erinnere mich noch gut an Paris und Brüssel. In der Tat war die Anteilnahme plakativ sichtbar. Das wurde aber auch bemängelt von verschiedenen Seiten. Es sei übertrieben, zu plakativ, zu oberflächlich, wenig durchdacht. Das Fehlen solcher Signale scheint nun aber zu ignorant, gar diskriminierend zu sein.

Was mir auffällt ist: Es passiert viel auf der Welt, das Angst macht. Man versucht, damit weiterzuleben, einen Weg zu finden, das Leben weiterzuleben und doch sind da die Taten, die erschüttern. Wenn man die Möglichkeit sieht, seinen Avatar bunt zu färben, denkt man vielleicht, dass man auch ein Zeichen setzen möchte. Man möchte sich bekennen und Stellung beziehen. Nur wird es so viel, man müsste täglich irgendwo Stellung beziehen. Die Welt ist gross und es passiert überall was. Alles beschäftigt, das eine vielleicht mehr, das andere weniger; die Gründe können vielfältig sein. Ob der Grad der Betroffenheit aber wirklich an den offensichtlichen und plakativen Facebookzeichen abzulesen ist, wage ich zu bezweifeln.

Wir sind Menschen in einer Welt, die im Umbruch ist. Der Umbruch zeigt sich oft beängstigend und gewaltsam. Jeder Mensch geht anders damit um, kalt lässt es wohl kaum einen – ganz tief. Von aussen dahin zu gehen und andere abzuurteilen, weil sie zu viel, zu wenig, falsch öffentlich agieren ob des Unheils, das auf der Welt passiert, erachte ich als wenig konstruktiv. Erstens ist das plakative Zeigen wenig aussagekräftig in Bezug auf die wirkliche Tiefe des Mitgefühls, zweitens geht es den Kritisierenden wohl meist eher um eigene Befindlichkeiten oder Profilierung, denn um wirkliche Sorge um die tatsächlichen Opfer und drittens sehe ich wenig Sinn darin, sich in den sozialen Medien mit Argumenten zu bekriegen, wenn man eigentlich den realen Krieg der einen gegen die anderen anprangern sollte/wollte.

Die Welt ist im Umbruch und was passiert, macht Angst. Wir könnten alle morgen da sein, wo irgendeiner einen Anschlag verüben möchte – aus welchen Gründen auch immer. Das Leben geht weiter, die Angst müssen wir irgendwie ausblenden. Wäre es da nicht schöner, wir würden das miteinander tun, statt Kleinkriege anzuzetteln? Wäre es nicht sinnvoller, der wirklichen Opfer zu gedenken – jeder auf seine Weise –, statt sich selber zum Opfer einer als falsch definierten Trauer zu erküren? Wäre es nicht ein guter Anfang, Toleranz und Akzeptanz zu leben, statt zu be- und zu verurteilen, was den eigenen Massstäben nicht genügt? Denn: Sind die eigenen Massstäbe wirklich die absolut richtigen? Für einen selber wohl schon, doch worauf gründen sie? Und ist nicht gerade die Absolut-Setzung eigener Masstäbe eines der grossen Übel auf dieser Welt?

Ich mag den Ausdruck „Powerfrau“ nicht. Ich mag es auch nicht, wenn mir jemand sagt, ich hätte ja so viel Kraft, sei ja so stark, wie ich alles meistere, was zu meistern ist. Das verwundert? Weil man denkt, das sei ein Lob? Ist es nicht. Es ist die Ignoranz dessen, was wirklich ist.

„Powerfrau“ und „du bist ja so stark“ implizieren immer, dass man das, was man tut, einfach so tut, weil man ja so stark ist oder so viel Power hat. Aber: Ab und an kann man nicht anders. Weil man schlicht keine Wahl hat. Das Leben ist, wie es ist. Oder aber man kann seine Ideale nicht verraten. Man kann zu viel Leid schlicht nicht mitanschauen. Ohne sich selber zu zerfleischen. Weil man denkt, man könnte was tun.

Es ist nicht Power. Es ist eine Entscheidung. Und die gesehene oder gefühlte Not. Beide führen zum Tun, das oft weitergeht, wenn Kraft und Power schon lange aufgebraucht sind. Das hat wenig zu tun mit „starker Frau“ oder „Powerfrau“, es ist eine Haltung.

Pubertäre Innensichten

Doch mit siebzehn hatte ich bereits begriffen, dass man mindestens siebzig Prozent seines Lebens damit zubringt, Sachen zu machen, die man lieber nicht machen würde. Und so fand ich mich mit dem zentralen Irrsinn meines Lebens ab, dass ich fünf von sieben Wochentagen an dem Ort der Welt verbrachte, an dem ich am liebsten überhaupt nie sein wollte. Schon erstaunlich, was die Menschen sich so zumuten, dachte ich oft.

James Weinbach, 17 Jahre Alt, Schüler der Osborne Senior Highschool, setzt sich innerlich mit der Welt um ihn und seiner eigenen Stellung gegen sie auseinander. Er taxiert die Welt und seine Mitschüler mit seinem eigenen Wertesystem, welches dem der anderen gegenübersteht und ihn zu einem Einzelgänger werden lässt. Mit viel Ironie lässt er sich über die Kleider, Sitten, Lebensformen der anderen aus, legt dabei aber an andere gerade was Anstand und Freundlichkeit anbelangt, höhere Massstäbe an, als er selber erfüllt.

Die Paarungszeit war voll im Gange – nicht, dass sie je endete –, doch diese Phase lag zwischen den besessenen Sexkapaden des Spring Break und dem Dauerausstoss jugendlicher Sekrete namens Schulabschlussball, einem Ereignis, das viele für den wichtigsten Abend ihres Lebens hielten, ihr A und O, ihren Daseinszweck, für den ultimativen Initiationsritus. Die pheromongesättigte Aprilluft verwandelte die Genitalien sämtlicher Jungs in winselnde Wiesel, die sich abstrampelten, um zu den Mädchen zu gelangen, deren Eierstöcke durch Verhütungsmittel geschützt waren.

Während sich seine Mitschüler mit Sex, Partys und Drogen beschäftigen, setzt sich James in Anzug und Krawatte statt wie diese in kurzen Hosen, gedanklich mit sich und der Welt auseinander, versucht, einen Platz in dieser Welt zu finden und wird dabei aber seinen eigenen Ansprüchen nicht ganz gerecht, vor allem wenn es um die Asexualität geht, die er sich auferlegt hat, die allerdings durch seine Liebe zu Chloe in Gefahr gerät.

Mehr als einmal dachte ich: Satan, dein Name ist Pubertät.

Goebel zeichnet in seinem Roman den Mikrokosmos einer amerikanischen Highschool nach, zeigt aus der Innensicht von James Weinbach heraus die Selbstfindungsbestrebungen Pubertierender und durch dessen Analyse seines Umfelds die Abgrenzungsmechanismen, die in diesem Alter vermehrt zum Tragen kommen. Durch die unterschiedlichen Wertesysteme von James und seinen Mitschülern stellt man sich mehr und mehr die Frage, was denn nun normal, was anormal und was grundsätzlich gewünscht wäre als Leben.

In einer ironischen, klaren, einfachen Sprache führt Goebel durch den Schulalltag von James Weinbach, das Buch ist denn auch in Uhrzeiten aufgeteilt, so dass man lesend aktiv am Tag teilnimmt. Die inneren Monologe sind gelungen, allerdings zieht sich das anfänglich spritzig und witzig wirkende Buch mit der Zeit in die Länge und man wird etwas müde beim Lesen. Der halbe Umfang hätte für diese Thematik durchaus gereicht.

Fazit:
Das amerikanische Leben dargestellt am Mikrokosmos einer Highschool aus Sicht eines pubertierenden Siebzenjährigen. Witzig, ironisch, etwas zu lang geraten. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Joey Goebel
Joey Goebel wurde 1980 in Henderson, Kentucky, geboren, wo er auch heute lebt und Schreiben lehrt. Von ihm erschienen sind unter anderem Vincent, Freaks und Heartland. Goebel wird mittlerweile in 14 Sprachen übersetzt.

 

Angaben zum Buch:
GoebelOsborneGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (26. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3257068535
Preis: EUR  22.90 / CHF 31.40

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

In einem Artikel des NZZ Campus konstatiert  Theo Wehner, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie, dass im universitären Betrieb immer weniger Platz zum Denken bleibe, das Studium immer mehr ökonomisiert und dem Arbeitsprozess angepasst würde. Was im Arbeitsbereich schon eine Weile zu beobachten ist, nämlich die systematisierte Abarbeitung gestellter Aufgaben ohne Nachdenken des Einzelnen (das ist weder gefordert noch gewünscht, sondern eher sogar gefürchtet und verpönt), nimmt immer mehr auch im Unialltag Überhand .

Im Zuge von Reformen und Umstrukturierungen wurden viele Lehrgefässe, die das Denken fördern und den Diskurs unterstützen zu freiwilligen Veranstaltungen, während man die Pflichtveranstaltungen verschult und mit kreditwürdigen Aufgaben versehen hat. Ziel ist nicht mehr kreative Denkleistung sondern Erfüllung der für die Kredite notwendigen Anforderungen. Damit sei das Studium globaler integriert, die Leistungen weltweit vergleichbarer. Dass dem nicht wirklich so ist, merkt man spätestens dann, wenn man wirklich versucht, die Universität zu wechseln. Noch immer wird nicht alles von fremden Unis anerkannt, wird zuerst geprüft, nur teilweise angerechnet. Man hat also wenig gewonnen, aber viel verloren.

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass diese Massnahmen den Studenten auf die spätere Arbeitssituation vorbereiten, was im Grundsatz sicherlich nicht verkehrt ist, auf diese Weise aber völlig falsch läuft. Dass in vielen Firmen Leistungsbewertungen anhand von intern erstellten Quoten erstellt werden, sie damit also nicht mehr der Leistung des Mitarbeiters gerecht werden sondern nur noch vordefinierten Rankings entsprechen, führt nicht wirklich zu einer Motivationssteigerung bei den Mitarbeitern. Dies kümmert die von Profitstreben getriebenen Firmen wenig, der Mensch ist ersetzbar. Das war bereits Thema innerhalb dieses Blogs: Locker, cool und alles easy. Der Mensch fungiert in diesem Schachspiel als Bauernopfer. Er tut gut daran, das nicht zu hinterfragen, nicht zu viel zu denken, denn damit würde er unbequem.

Dass mit vordefinierten Notenschnitten  in den einzelnen Studiengängen bei Prüfungen gesiebt wird, ist nicht neu. Eine bestimmte Anzahl darf weiter, die Prüfung wird so korrigiert, dass dieses Ziel erfüllt wird. Dieses Vorgehen trägt sicher nicht dazu bei, das eigene Denken zu motivieren, es setzt die Studenten nur unter Druck, möglichst auswendig zu lernen, was gefordert ist, Vorgekautes wiederzukäuen. Das neue Kreditsystem hat aus den Universitäten eine Art Tauschfabrik gemacht: Auswendiglernen gegen Kredite. Das eigene Denken bleibt mehr und mehr auf der Strecke.

Wenn man nun ganz radikal denken möchte, verknüpfe man diese Gedanken mit dem Fazit, das Hannah Arendt aus der Angelegenheit Eichmann zog: Gedankenlose normale Menschen sind in der Lage, die grössten Gräueltaten zu begehen. Weil sie nicht mehr fähig sind, selber zu denken, weil sie es nicht mehr lernen, nicht mehr dürfen, nicht mehr wollen auch, um sich nicht selber zu deutlich in dieser gedankenlosen Maschinerie gefangen zu sehen. Man muss nicht gleich plakativ unken, dass aus jeder Gedankenlosigkeit ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit resultiert, ich denke aber nicht, dass dabei viel Gutes herauskommt. Wozu sind Universitäten gut, wenn nicht dazu, denken zu lernen? Was soll Bildung bewirken, wenn sie nur aus auswendig gelernten Daten und Zahlen besteht? Wie soll man noch selber Schlüsse ziehen können, wenn nur noch die schon von anderen gezogenen wiedergegeben werden dürfen und gut benotet werden? Wie fühlt sich der Mensch, wenn er nicht mehr aufgrund seiner eigenen Leistungen, auch Denkleistungen, bewertet wird, sondern anhand eines profitorientierten Rankings?