Ich habe heute mehrfach gelesen, dass nun überall über die eingeschlossenen Jungen in Thailand geschrieben werde, die Flüchtlinge, die seit Jahren täglich umkommen, seien kein Thema und stürben unbemerkt. Waren es erst nur Einzeiler, dann ganze Artikel, kamen am Schluss sogar Gedichte und zynische und sarkastische Bemerkungen. Alles vor dem Hintergrund, dass man Unmenschlichkeit und Ignoranz anprangern will.

Abgesehen davon, dass ich praktisch täglich Meldungen über Flüchtlinge und ihr sinnloses Sterben auf ihrer Reise in deine hoffnungsvollere Zukunft lese, stellt sich mir die Frage, wieso man zwei Fälle von Leid in einen Topf wirft und dann die eigene Ansicht, wie gewichtet werden müsste, zum Anlass nimmt, eine Hierarchie des Leidens herauszubilden.

Das Argument bei den Meldungen war oft, dass man durch die Berichterstattung Menschenleben gewichte. Das der thailändischen Jungen offensichtlich – so die vertretene Meinung – höher als das der Flüchtlinge. Nun finde ich aber, dass genau durch diese Argumentation Menschenleben gewichtet wird. Und das aufgrund einer Momentaufnahme. In Thailand sitzen nicht seit Jahren permanent immer wieder neue Jugendliche in einer Höhle gefangen, die man nun retten muss. Es ist ein aktuelles und akutes Unglück, ein Wettlauf gegen die Zeit. Das Drama um die Flüchtlinge ist eine über Jahre, gar Jahrzehnte dauernde Geschichte, die immer wieder thematisiert wird, werden muss (als kategorischer Imperativ gemeint).

Nun dahin zu gehen und die beiden Fälle zu vermischen, zeugt in meinen Augen nicht von Menschlichkeit, nicht von Mitgefühl. Es ist eine buchhalterische Behandlung von Menschenleben. Das gefällt mir nicht.

„Hans, es ist heiss.“

„Hans, die Blumen sind dieses Jahr besonders schön.“

„Hans, diese Hitze, ich halte das nicht aus.“

So klang es aus dem Nachbarhaus. Die laute markige Stimme einer älteren Frau, die offenbar vom Balkon ihrem Mann im Innern der Wohnung die Welt draussen erklärte, die für den Rest derer, die es zwangsläufig hörten, offenbar war. Es hatte was Berührendes, sie wuchs mir ans Herz.

Ich habe irgendwann erfahren, dass ihr Mann schon lange im Pflegheim war, sie verwirrt. Ich erinnere mich an einen Sommer, in dem ich plötzlich nichts mehr hörte. Und unsicher wurde. Ich hatte keinen Namen, nichts, aber eine gefühlte Verbindung. Sie rief manchmal vom Balkon zu mir in den Garten, wie süss mein Hund sei. Wir redeten über Blumen und den Sommer, das Wetter – Smalltalk einerseits, aber es war mehr. Ich machte mir Sorgen, als es so still war. Zum Glück klang es plötzlich wieder vom Balkon

„Hans, es ist heiss.“

Ich war beruhigt.

Vor kurzem hörte ich mitten in der Nacht ihre Stimme. Sie rief um Hilfe. Vom Balkon. Sie käme nicht runter und nicht raus und überhaupt. Es solle wer helfen. Sie rief einen Namen, offenbar jemand, der in der Umgebung wohnt. Nichts passierte. Ich hörte nur ihre Stimme. Eine Verzweiflung. Ich habe dann die Polizei gerufen, damit sie zu ihr vordringen können. An dieser Stelle ein ganz grosses Dankeschön an die Stadtpolizei Zürich – sie kamen sofort und konnten ihr helfen.

Seit einiger Zeit ruft niemand mehr nach Hans. Die alte Frau ist gestorben. Sie war schon lange verwirrt gewesen. Allein. War es eine Erlösung für sie? Das liest man von aussen gerne rein. Sie lebte in einer eigenen Welt. Schon lange. Mir fehlen die Rufe vom Balkon. Weil ein Mensch nicht mehr da ist. Das mag ich am Leben in der Stadt nicht. Man wohnt so eng, und kümmert sich nicht.

Immer, wenn ich aus der Wohnung trete, geht mein erster Blick zu ihrem Balkon hoch. Und ich höre ihr kehliges

„Hans, es ist heiss“

Ich wünschte, ich hätte sie besser gekannt. Ich wünschte, sie hätte nicht in der Nacht um Hilfe rufen müssen und keiner half. Ich wünschte so oft, die Welt wäre wärmer, mitfühlender. Und schelte mich einen Idioten, denn ich kriege zu hören, ich soll mal hart sein, realistisch. Das kriege ich in diesem Leben nicht mehr hin. Wenn ich richtig liege, gibt es kein zweites. Machen wir das eine zum besten, das es sein kann, wie Leibniz sagte, die Welt sei die beste aller Welten. Mehr liegt wohl nicht drin. Aber vielleicht halten wir mal die Augen  offen, wer so um uns lebt. Und nehmen Anteil. Keiner lebt für sich allein. Keiner sollte es müssen.

Ein Bahnhof in Zürich. Heimreisependler stehen sich die Füsse platt. Es ist heiss, alle schwitzen, alle sind müde. Alle drehen in ihrem Universum. Sie lesen Gratiszeitungen, tippen auf dem Handy, hören Musik. Und mitten drin liegt ein Mann. Einfach so am Boden. Der Kopf ist hochrot, Schweissperlen auf der Stirn. Aber das sehen die anderen nicht. Ihr Blick ist gebannt. Und wenn sie es sehen, dann nur aus den Augenwinkeln, genauer hinzuschauen, erlaubt sich keiner, denn: Würde man sehen, dass er was gesehen hätte, müsste er helfen. Und das scheint keiner zu wollen.

Ein Mann steht auf dem Perron. Auf einem anderen. Er sieht den Liegenden und all die Menschen in ihren eigenen Universen. Er läuft unter den Gleisen durch, kommt zum liegenden Mann. Noch immer liegt er alleine da. Noch immer kümmert sich niemand. Noch immer schaut keiner hin. Schauen alle bemüht weg.

Der Helfer kühlt mit dem vorhandenen Wasser das Gesicht des Liegenden, lagert ihn entsprechend, dann kommt endlich die Bahnpolizei, kurz darauf dann auch der alarmierte Notarzt.

Nun schauen alle hin. Sie verändern sogar die Position, um besser sehen zu können. Schliesslich hat man dann später was zu erzählen. Man war dabei, man war Zeuge. Man wird spannend und kann sich mit einer Situation brüsten. Beim gepflegten Weisswein in der angesagten Gartenbeiz.

So funktioniert das Leben in der heutigen Zeit: Ein Dummer findet sich immer, der rennt, der Rest knüpft sich die Federn ans Hemd.

Für all die, welche keine Federn wollen, sondern als Dumme rennen (ist auch gut für die eigene Fitness):

Sonnenstich: Erste-Hilfe auf einen Blick

  • Wenn der Betroffene noch beweglich ist: an einen kühlen, schattigen Ort bringen
  • Mit leicht erhöhtem Kopf und Oberkörper lagern
  • kalte Umschläge auf Kopf, und Nacken – notfalls auch sachte Wasser an die Stellen giessen
  • Nicht allein lassen und beruhigen
  • Wenn kein Brechreiz besteht, langsam Flüssigkeit zuführen

Das Leben ist nicht immer einfach, ab und an wirft es einem Steine in den Weg, baut ganze Berge drauf, die abzutragen man sich irgendwann nicht mehr zutraut, weil man sich so klein fühlt in deren Angesicht. Man versucht ab und an, sie zu bezwingen, doch mal wünschte man sich einen Führer, dann fehlt es an gutem Schuhwerk und wenn man fast oben wäre, reisst das Sicherungsseil und man purzelt wieder runter. Und liegt dann da. Schaut hoch. Sieht sich gescheitert. Denkt sich, was wohl die anderen denken. Erfindet eine Geschichte, dass man gar nicht hoch wollte, es eigentlich unten viel schöner sei, man überhaupt sehr froh sei, hier unten zu sein, da die Luft oben viel zu dünn wäre.

Und tief drinnen schmerzt es. Es schmerzt, nicht hochgekommen zu sein, es schmerzt, niemandem vom Schmerz erzählen zu können und es schmerzt, sich so verdammt alleine zu fühlen. Der Schmerz gräbt sich ein, tief und tiefer und man fühlt sich klein, so unendlich klein neben diesem Berg und klein, weil keiner sieht, wie klein man sich fühlt. Doch: Wie sollte es anders sein? Die anderen sehen nur das, was man zeigt und zeigen tut man nur das Strahlegesicht, welches ausdrückt, alles im Griff zu haben, weil man denkt, niemand möge einen mehr, wenn man ein anderes aufsetzen würde. Und wenn man noch gemocht würde, so sicher mitleidig, nie aus Überzeugung.

Den Schein wahren nennt man das. Wozu eigentlich? Was bringt einem dieser Schein? Eine kurzfristige Befriedigung, nicht das Gesicht verloren zu haben. Vor wem? Menschen, die einen mögen, würden einem nie vorwerfen, dass man nicht perfekt ist. Menschen, die wirklich zu einem stehen, würden einen nicht fallen lassen, nur weil man einen Berg nicht bezwang. Wem also wollen wir imponieren? Unseren Freunden? Der Welt? Können wir das überhaupt? Und ist es sinnvoll? Freunde werden wir nicht halten, wenn wir immer nur maskiert rumlaufen und für die Welt sind wir kleine Lichter (die meisten sicher – und das ist nicht mal schlecht, man stelle sich nur vor, die ganze Welt stünde auf der Matte und man hätte sie zufrieden zu stellen).

Wieso also diese Maske? Wieso nicht einfach zu sich stehen und sagen: Ja, der Berg war zu hoch, ich habe ihn nicht geschafft. Ich leide darunter, aber ich muss damit leben? Wäre nicht das wirkliche Grösse? Man zeigt sich nicht klein, weil man was nicht geschafft hat, sondern gross, weil man es erkannt hat. Zu sich steht. Hinsteht und sagt: He, ich bin nicht perfekt, ich leide, es geht nicht gut. Aber ich habe es erkannt und ich gehe es an. Und plötzlich kommen Menschen. Sie haben dasselbe erlebt, sie erkennen sich wieder. Sie stehen zu dir. Machen Mut. Geben Zuspruch. Und du siehst: Ich bin nicht allein. Ich bin nicht der Versager unter lauter Gewinnern, sondern Mensch unter Menschen. Und das tut unglaublich gut. Es braucht ein wenig Mut, aber es ist der wohl einzig richtige Weg.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Das impliziert, dass man lacht, obwohl es einem nicht gut geht. Trotzdem. Es klingt, als ob das gut ist so, gewollt.

„Niemand will dich weinen sehen, also lache, sonst stehst du alleine da. „

Diesen Rat erhielt ich als kleines Mädchen. Menschen wollen keine Probleme, die hätten sie schon selber, sie wollten Menschen, die feiern, fröhlich sind, positiv. Und wahrlich: Tauchen Probleme auf, reduzieren sich die Freunde oft. Man hört und sieht es überall.

Spass muss sein.

Muss er? Immer? Ist Ernst überholt? Antiquiert? Langweilig? Borniert? Sicher wohl abgelehnt.

Heute kann man alles durch den Kakao ziehen. Wer nicht lacht, hat den Witz nicht begriffen oder ist einfach zu steif. Humor kennt keine Grenzen und wo sie doch sind, werden sie gebrochen und die Brechenden fühlen sich als grosse Pioniere. Alle düsteren Themen werden plötzlich der Spasskultur anheim gegeben.

Szenenwechsel

Krieg, Unfrieden, Streitereien, Anonymität, Skrupellosigkeit, Unmenschlichkeit, Intoleranz. Ein paar Stichworte, die in der heutigen Gesellschaft häufig zu hören sind. Es gäbe derselben noch viele mehr. Keiner hört hin, keiner fühlt mit, jeder ist sich selbst der nächste, jeder schaut auf seinen Profit. Die Stimmen werden laut, man müsse wieder mehr für ein Miteinander einstehen, müsse wieder mehr am Leid der anderen teilnehmen, könne sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.

Kinder sterben, Alte verhungern, Kranke serbeln dahin. Nahrung fehlt, Geld fehlt, Würde fehlt. Wir sehen im Internet, TV und in Magazinen Bildern von Zerstörung, von Leid, von Tod. Wir blättern um, zappen weiter, klicken uns zur nächsten Seite. Unbeirrt,  nicht betroffen.

Wir seien abgebrüht, heisst es, wir seien abgestumpft durch die Überflutung durch Informationen. Unser Hirn müsse sich schützen, um nicht unterzugehen, es könne nur noch die wirklich wichtigen Dinge annehmen und darauf reagieren. Die Hürden werden höher gesetzt, es braucht immer noch mehr Blut, noch mehr Leid, noch mehr Gewalt, um etwas auszulösen.

Szenenwechsel

Ein Unglück passiert und man hört davon. Was nun?

Humor ist, wenn man trotzdem lacht?

Einfach mal einen Witz machen, wer nicht lacht ist selber doof? Oder war das Unglück nur ein Witz? Man war ja nicht dabei… Würde man nun in Tränen ausbrechen, stünde man schön blöd da… Augen zu und durch, als hätte man nichts gesehen. Damit wahrt man das Gesicht und sollte was sein, kümmert sich sicher ein anderer… und war es was, macht sicher bald jemand einen Witz darüber und man kann noch zünftig lachen, um zu zeigen, dass man voll up to date und mit Humor gesegnet ist.

Ich könnte nun schreiben, dass es dieser Welt gut tun würde, wenn die Menschen wieder achtsamer mit sich umgehen, dass sie sich überlegen, wem gewisse Witze wirklich etwas bringen und ob sie nicht nur einfach deplatziert, weil auf dem Leid vieler Menschen aufgebaut sind. Ich könnte mir wünschen, dass Worte bewusster gewählt und Gefühle tiefer gespürt würden, könnte hoffen, dass das Mitgefühl wieder vermehrt Einzug hielte und man auch nach all den grässlichen Bildern überall nicht aufhören könnte, zu trauern, wenn Unrecht und Leid passieren. Ob das jemand lesen wollte?

Miteinander durchs Leben gehen

Als Ferdinand eines Tages nach Hause fährt, läuft der Hund seiner Nachbarin Marceline vor seinem Auto auf die Strasse. Ferdinand bringt ihn heim, findet Marceline in einem besorgniserregenden Zustand. Marceline lebt in einem baufälligen kleinen Haus, der nächste Regen bringt das deutlich ans Tageslicht, denn das Dach ist undicht und setzt die Wohnstube unter Wasser. Kurzerhand nimmt Ferdinand Marceline mit ihren Tieren bei sich auf. Platz genug hat er ja.

„Ich kann keine Miete zahlen, das wissen Sie genau.“
„Ich habe nichts von Ihnen verlangt.“
„Warum tun Sie das?“
„Weil es normal ist.“
„Was ist normal?“
„Sich gegenseitig zu helfen.“

Die kleine Wohngemeinschaft funktioniert wunderbar, Hund, Katzen, Esel, Hühner und die beiden Menschen leben einträchtig beieinander. Ab und an kriegen sie Besuch von Ferdinands Enkeln, die frischen Wind ins Haus bringen. Und schon bald wächst die Wohngemeinschaft an, da noch mehr Menschen Hilfe brauchen können und es schliesslich normal ist, sich gegenseitig zu helfen. Die Bewohner des ehemals viel zu grossen Bauernhofs wachsen zusammen und bauen sich miteinander ein Leben auf, bei dem für alle gesorgt ist. Selbst vor neuen Herausforderungen schrecken sie nicht zurück, nehmen sie gelassen und mit Freude.

Hortense [sie ist 95, S.M.] ist ganz aufgeregt, sie will so gern im Web surfen! Einer Maus auf dem Rücken rumklicken! Ein Fässbuch-Profil anlegen! Sie liebt ihre zwei neuen Freunde, vor allem den jungen Mann findet sie witzig, interessant und gutaussehend…oh, là, là!

Barbara Constantine gelingt es, in einer einfachen Sprache eine warmherzige Geschichte von Menschen zu erzählen, die das Schicksal zusammen gewürfelt hat, die sich zusammentun und ihr Leben in die Hand nehmen. Es ist die Geschichte von älteren Menschen, von denen jeder eine traurige Geschichte hinter sich hat, die durch die Gemeinschaft wieder an eine Zukunft glauben und beherzt in diese schreiten. Es ist eine Geschichte voller Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Zuneigung.

Und dann kam Paulette lässt einen lächeln, mitfühlen, sich freuen, hoffen und enttäuscht einen in keiner Art und Weise. Es ist eine unglaublich berührende Geschichte, die durch die Leichtigkeit des Erzählens, die direkte Sprache, welche die jeweiligen Charaktere widerspiegelt und beschreibt sehr nahe geht. Lesegenuss pur. Der einzige Haken: Viel zu schnell ist das Buch gelesen und man wäre so gerne noch länger in der Welt von Ferdinand, Marceline und den anderen geblieben.

Fazit:
Ein berührender, herzlicher, menschlicher, liebenswürdiger Roman. Unbedingt lesen!

Zur Autorin
Barbara Constantine
Barbara Constantine ist 1955 in Nizza geboren. Heute pendelt sie zwischen Berry (weil sie das Landleben liebt), Biarritz (der Familie wegen) und Paris (weil auch das Stadtleben ganz nett sein kann – manchmal jedenfalls) hin und her. Sie ist Drehbuchautorin, Töpferin und Schriftstellerin. Daneben liebt sie es, Bäume zu pflanzen, Scheunen wiederherzurichten und Zeit mit ihren beiden Katzen Alcide Pétochard (ein freundlicher Chamallow) und Pétunia Trouduc (eine kleine Zicke) zu verbringen. Von Barbara Constantine erschienen sind unter anderem Drei Wünsche an den Sommer (2010), Kleiner Tom, was nun? (2012), Und dann kam Paulette (2013).

ConstantinePauletteAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Kindler Verlag (8. März 2013)
Übersetzung von: Ina Kronenberger
ISBN-Nr.: 978-3463406411
Preis: EUR  19.95 / CHF 29.90

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